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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Svenja Mahler kann sich nicht damit abfinden, dass ihre Figur nicht dem herrschenden Schönheitsideal entspricht, zumal sie sich in ihren sehr gut aussehenden Nachbarn Noah Krondorfer verliebt hat, der gelegentlich als Model arbeitet. Dass Noah das nur tut, um seine Familie zu unterstützen, ahnt sie nicht. Leon Laurin jedenfalls, dem sie sich anvertraut, erklärt ihr, dass eine Magenverkleinerung in ihrem Fall nicht infrage kommt. Dann verletzt sich Noah bei einem Unglück im Studio schwer …
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2020
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»Hier, Mama«, sagte Noah Krondorfer und schob ihr ein paar Geldscheine über den Küchentisch. »Ich kann nicht lange bleiben, ich habe die ganze Woche zu tun.«
Cordula Krondorfer sah die Geldscheine an, rührte sich aber nicht. »Mir ist nicht wohl dabei«, sagte sie, »dass du diesen Job machst. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich das Geld nicht nehmen.«
Er griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand. »Es ist ja nichts Unanständiges!«
»Aber es wird unanständig bezahlt.«
Noah musste lachen. »Da ist was dran, aber für uns ist das doch gut, oder? Ich habe jedenfalls bisher noch von keinem anderen Job gehört, bei dem ich als Anfänger so viel verdienen würde, dass ich dir noch etwas davon abgeben könnte. Und solange Benny und Till noch zu Hause sind …«
Cordula stimmte in sein Lachen nicht ein, sie nickte bedrückt. »Ich weiß«, sagte sie leise. »Und ich weiß auch, wie sehr beide darunter leiden, dass wir jetzt auf staatliche Unterstützung angewiesen sind.«
»Dank Papa.« Noahs Stimme klang hart.
Sein Vater hatte die Familie ein Jahr zuvor verlassen, ohne Ankündigung. Seither war er verschwunden, sie vermuteten ihn irgendwo in Südamerika, aber sicher sein konnten sie nicht. Er bezahlte jedenfalls keinen Cent, denn sein Vermögen brauchte er für sich und seine Geliebte, von deren Existenz seine Frau und seine Söhne erst erfahren hatten, als ›wohlmeinende Freunde‹ zu berichten wussten, dass Wolf Krondorfer doch schon seit über einem Jahr eine Affäre mit einer blutjungen Blondine gehabt habe … Und damit nicht genug: Er hatte außerdem Schulden gemacht, für die jetzt seine Noch-Ehefrau aufkommen musste.
Er hatte einen dreizeiligen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem stand, es tue ihm leid, aber das Leben sei zu kurz, er wolle ab jetzt jede Sekunde davon genießen.
Bis zu seinem Verschwinden hatten die Krondorfers ein angenehmes Leben in einem geräumigen Haus geführt, Geld war nie ein Problem gewesen. Jetzt war es eins, denn die Familie hatte offenbar schon längere Zeit auf Pump gelebt und was an Geld vorhanden gewesen war, hatte Wolf Krondorfer auf Konten im Ausland transferiert und seine Spuren gut verwischt. Zunächst hatten seine Frau und seine Söhne nicht glauben wollen, dass ihr Mann und Vater offenbar schon lange ein Doppelleben geführt und sie, seine Familie, nicht nur belogen, sondern auch um viel Geld betrogen hatte. Doch mit der Zeit waren zunächst bedeutungslos scheinende Begebenheiten zu Puzzleteilen geworden, die sich nach und nach zu einem vollständigen Bild zusammengesetzt hatten. Sein Abgang jedenfalls war kein spontaner gewesen, sondern Wolf Krondorfer hatte ihn sorgfältig geplant.
Für Cordula, die gerade erst angefangen hatte zu überlegen, ob sie nun, da ihre beiden jüngeren Söhne bald erwachsen sein würden, wieder in ihren Beruf als Physiotherapeutin einsteigen sollte, bedeutete das: Sie konnte nicht mehr in Ruhe abwägen, was sie tun wollte, sondern sie musste handeln – und zwar schnell. Das Haus hatten sie gemietet, sie konnte die Miete nicht mehr zahlen. Eine neue, günstige Wohnung musste gefunden werden, so schnell wie möglich – und nun auf einmal brauchte sie dringend einen Job, fand aber keinen, denn sie war zu lange nicht berufstätig gewesen. Die Anforderungen hatten sich verändert, sie war über fünfzig und wirkte, kurz nach dem Verschwinden ihres Mannes, deutlich älter, dazu verhärmt und verbittert. Diese Ausstrahlung sorgte dafür, dass selbst wohlmeinende mögliche Arbeitgeber ihr eine Absage erteilten.
Seitdem bezog sie staatliche Unterstützung, und diese Tatsache war eine ständige Demütigung für sie, wie Noah sehr wohl wusste. Und er wusste auch, dass sie vor allem dank des Geldes, das er ihr immer wieder zusteckte, überhaupt über die Runden kam. Sie war es nicht gewöhnt, beim Einkaufen auf jeden Cent zu achten, das lernte sie gerade erst. Von den Schulden ihres Mannes, die sie auch noch tilgen sollte, war da noch gar nicht die Rede.
Immerhin, fand er, fing sie sich allmählich wieder. Mittlerweile war sie deutlich kämpferischer, sie achtete auch wieder auf ihr Äußeres und bewarb sich, nachdem sie zwischendurch den Mut verloren hatte, wieder von sich aus auf jede Stelle, die ihr auch nur halbwegs passend erschien. Außerdem hatte sie einen Physiotherapeuten gefunden, der bereit war, sie ›neu anzulernen‹, wie sie selbst es ausdrückte. So frischte sie ihr altes Wissen auf und hatte zumindest ein paar Stunden in der Woche feste Termine.
»Ja, dank Papa«, stimmte sie ihrem Ältesten zu. »Aber ich kann mein Leben nicht damit verbringen, mich zu fragen, wie es möglich war, dass wir fast ein Vierteljahrhundert wie eine intakte Familie funktioniert habe und wieso ich nichts gemerkt habe. Oder ob ich deinen Vater von Anfang an falsch eingeschätzt habe, weil er es verstanden hat, mir Sand in die Augen zu streuen.«
»Das sollst du auch nicht, es bringt ja nichts.«
»Nein«, sagte sie traurig, »es bringt nichts. Weißt du, es ist so: Wir waren sehr verliebt ineinander, er war jahrelang ein liebevoller Ehemann und Vater – das steht fest. Aber irgendwann muss etwas passiert sein, das ich nicht mitbekommen habe. Er hat ja offenbar das Gefühl gehabt, das wahre Leben zu verpassen. Aber das ist seine Geschichte, nicht meine. Ich will darüber einfach nicht mehr nachdenken. Er ist weg, ich sehe zu, wie ich ohne ihn zurechtkomme und ich versuche, euch zu vermitteln, dass es nicht hilft, euren Vater rundum zu verdammen. Ich bin wütend auf ihn, das werde ich auch bleiben, aber ich kreise nicht mehr ständig um diese ›Warum-Fragen‹, weil die mich nicht weiterbringen.«
»Ich tue das schon noch«, gestand Noah.
»Ich weiß. Ich gehe jetzt einmal in der Woche zu einer sehr netten Therapeutin, die mir einiges erklärt hat. Zum Beispiel, dass es Zeit wird, mich in erster Linie um mich zu kümmern, weniger um meinen Immer-noch-Ehemann. Der ist weg, und ich will ihn nicht wiederhaben. Das ist zum Beispiel neu.«
»Du würdest ihn wegschicken, wenn er plötzlich wieder vor der Tür stünde?«, fragte Noah ungläubig.
Sie lachte. Tatsächlich, seine Mutter lachte, und es klang nicht verbittert, sondern es war ein richtiges, freies Lachen. »Ganz bestimmt würde ich das! Und übrigens läuft das Scheidungsverfahren. Außerdem habe ich ihn auf Unterhalt verklagt.«
Noah staunte.
»Das ist toll, Mama«, sagte er.
Ihr Blick richtete sich wieder auf die Geldscheine, die zwischen ihnen auf dem Tisch lagen. »Nur das da«, sagte sie, als sie darauf zeigte, »das ist nicht toll.«
Er atmete tief durch. »Ich finde es gar nicht mehr so schlimm wie am Anfang«, sagte er. »Aber wenn du eine bessere Idee hast?«
Ihr Gesicht war wieder ernst. Er sah die Fältchen um ihre Augen, die beiden scharfen Linien, die sich neuerdings von ihren Mundwinkeln zur Nase zogen, die ersten grauen Haare, die sich in ihre sonst dunkle Mähne mischte. Er hatte sein gutes Aussehen von ihr geerbt, und er war dankbar dafür: für die dunklen Haare, die sehr blauen Augen, das edle Profil, die hohen Wangenknochen, den Mund mit der etwas zu vollen Oberlippe. Seine Mutter hatte eine harte Zeit hinter sich, aber jetzt war sie dabei, sich wieder aufzurappeln, dafür bewunderte er sie.
»Nein«, sagte sie in seine Gedanken hinein, »wenn ich ehrlich bin, die habe ich nicht. Aber ich wünsche mir, dass du sofort damit aufhörst, wenn ich einen Job finde und wir dein Geld nicht mehr brauchen.«
»Das verspreche ich dir«, sagte er. Dann sprang er auf. Zu spät kommen durfte er auf keinen Fall.
Er küsste seine Mutter zum Abschied und eilte im Laufschritt aus dem Haus.
*
Svenja Mahler war froh, als die Stunde beendet war, dabei kam sie mit der achten Klasse besonders gut klar. Ihre Kolleginnen und Kollegen beklagten sich ohne Ausnahme über die Teenager, die mit glasigen Augen vor ihnen saßen, ohne zu hören, was sie sagten, aber diese Probleme hatte Svenja nicht. Sie unterrichtete Kunst und Musik, und irgendwie gelang es ihr, auch in Teenagerköpfe vorzudringen und sie für den Unterrichtsstoff zu interessieren, auch wenn es sich dabei weder um das andere Geschlecht, die eigene Schönheit beziehungsweise Unvollkommenheit oder nervige Eltern und Geschwister handelte. Das waren, ihrer Erfahrung nach, die Dinge, für die Teenager sich am meisten interessierten. Bei Mädchen kamen noch Pferde dazu, bei politisch Interessierten die bedrohte Umwelt und der Tierschutz, aber das waren Ausnahmen. Meistens ging es um Mädchen und Jungs, wer wie aussah, wer wie wo mit wem gesehen worden war und dann, mit weitem Abstand, welches völlig unsinnige Verbot die Eltern gerade wieder ausgesprochen hatten und was die lästige kleine Schwester oder der überhebliche große Bruder gerade wieder Gemeines gesagt oder getan hatte.
Aber in Svenjas Unterricht spielte das keine große Rolle. Sie hatte ihren eigenen Weg gefunden, das Interesse der Jugendlichen zu wecken: Heute hatte sie Musik unterrichtet. Sie hatten einen aktuellen Hit musikalisch untersucht und erstaunliche Dinge herausgefunden. Svenja hatte ihre Gitarre dabeigehabt – ein sicheres Mittel, sich Aufmerksamkeit zu sichern. Es hatte auch heute wieder funktioniert. Dennoch: Sie war froh, es hinter sich zu haben. Dabei machte ihr der Unterricht gerade in diesem Kurs wirklich Spaß!
Aber nicht mehr, seit Laura Düringer neu dazugekommen war. Laura, die schlank war wie ein Model, schön noch dazu, und die ungefähr so aussah wie Svenja in ihren Träumen. Denn Laura hatte auch braune Locken und braune Kulleraugen wie sie selbst – nur war sie eben gertenschlank, sehr groß, und sie erinnerte Svenja unablässig daran, welche Figur sie selbst sich wünschte.
Svenja seufzte, als sie das Lehrerzimmer betrat. Ja, sie wäre auch gerne schlank gewesen. Stattdessen war es so, dass sie ein Stück Kuchen nur ansehen musste, und schon wog sie ein Kilo mehr. Ständig kämpfte sie mit ihrem Gewicht, und dabei aß sie doch so gern! Sie hatte Freundinnen, die konnten essen, so viel sie wollten: Sie nahmen nicht zu. Das war einfach ungerecht!
»Svenja, da bist du ja.« Ihr Kollege Hans Springmann schob sich etwas zu dicht an sie heran, während er leise fragte: »Gehen wir nachher noch einen Kaffee trinken?«
»Tut mir leid, Hans, keine Zeit.«
Er sah so enttäuscht aus, dass sie beinahe gelacht hätte. Hans war Mitte vierzig, verheiratet, drei Kinder. Sie nahm an, dass er sich in seiner Ehe langweilte. Eine gleichaltrige Kollegin hatte sie bereits vor ihm gewarnt. »Du bist genau sein Typ, nimm dich bloß vor ihm in Acht, er versucht es garantiert.«
Sie hatte recht gehabt. Einmal war sie mit Hans einen Kaffee trinken gegangen und hatte es sofort bereut, als sie begriff, worauf er offenbar hinauswollte. Außerdem gehörte er zu jenen Typen, die ständig über sich selbst reden mussten, darauf konnte sie gut verzichten.
Sie ging zu ihrem Fach, schloss es auf und holte einen Apfel heraus. Der Geruch von würzigem Schinken stieg ihr in die Nase, ihr Magen schrie auf. Der Kollege Wallinger, natürlich. Jeden Tag aß er Wurst und Schinken, leckeren Käse – und nie hatte er etwas Gesundes, Geruchloses dabei … Sie wandte sich ab und eilte zum Fenster. Es war kalt, aber sie brauchte frische Luft. Leider musste sie für die nächste Stunde nach der großen Pause noch etwas nachsehen. Kunst in der Fünften – die Kinder waren unproblematisch, aber lebhaft, sie wollten beschäftigt werden.
Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Hans sich schon wieder anpirschte, und so fing sie hastig ein Gespräch mit Liliane Wiesenthal an, einer eleganten, sehr schlanken sechzigjährigen Mathematik- und Physiklehrerin. Sie gehörte auch zu denen, die essen konnten, was sie wollten, ohne zuzunehmen.
Hans drehte ab. Liliane grinste Svenja an. »Du musst nicht so tun, als interessiertest du dich für meinen Unterricht«, sagte sie leise. »Ich helfe dir auch so, Hans abzuwimmeln.«
Svenja wurde rot, aber sie widersprach Liliane nicht, denn sie wollte sie nicht anlügen. »Danke«, sagte sie. »Ich … ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll, damit er es endlich begreift. Er denkt offenbar, weil ich einmal mit ihm einen Kaffee trinken gegangen bin, hat er gute Chancen bei mir.«
»Sag ihm einfach, wie es ist«, riet Liliane. »Dann guckt er dich vier Wochen lang nicht mehr an, und danach tut er so, als wäre nichts gewesen. Kann sogar sein, dass du dich dann richtig gut mit ihm verstehst. Bisher war es meistens so. Wir Frauen im Kollegium schließen immer schon Wetten ab, meistens liegen wir richtig. Auch bei denen, die sich tatsächlich auf eine Affäre mit ihm einlassen.«
»Das gab es schon?«
Liliane lachte leise. »Mehr als einmal, du würdest dich wundern. Aber im Moment ist keine der Damen mehr bei uns. Sie haben sich in der Regel versetzen lassen, nur Hans ist immer noch da.«
»Weiß seine Frau, was er treibt?«
»Ich kenne sie nicht, ich kann’s dir nicht sagen. Ich hoffe, sie hat ein eigenes Leben, in dem sie sich gut eingerichtet hat, denn mit einem Mann wie Hans alt zu werden, stelle ich mir nicht angenehm vor. Dabei ist er eigentlich ganz nett – ich meine, wenn er nicht im Balz-Modus ist. Dann kann man sogar gute Gespräche mit ihm führen. Ich bin zum Glück so alt, dass ich für ihn nicht in Frage komme, deshalb weiß ich, dass er eigentlich ein kluger Kerl ist. Nur leider … Na ja, du weißt schon.«
»Dass er klug ist, ist mir bislang nicht aufgefallen«, murmelte Svenja. »Hat er etwa auch schon mal was mit einer Schülerin angefangen?«
Liliane lächelte wieder, ein unergründliches Lächeln dieses Mal. »Nein, die interessieren ihn nicht, die meisten sind ihm zu knochig. Er mag ›richtige Frauen‹, so habe ich ihn einmal sagen hören.«
»Solche wie mich«, sagte Svenja niedergeschlagen.
Liliane sah sie erstaunt an.
»Wieso sagst du das in diesem Tonfall? Das klingt ja so, als fändest du dich so, wie du bist, nicht in Ordnung.«
