Du hast das Leben vor dir - Romain Gary - E-Book

Du hast das Leben vor dir E-Book

Romain Gary

4,9

Beschreibung

Berührend, unterhaltsam und provokant erzählt Du hast das Leben vor dir die Geschichte von Momo, einem Araberjungen ohne Eltern, und Madame Rosa, einer jüdischen Ex-Prostituierten in Paris. In dem aufregenden wie erdrückenden Lebens­kampf in Belleville haben die beiden eigentlich keine Chance – aber Momo und Madame Rosa wissen sie zu nutzen. Für den Roman, längst ein französischer Klassiker, der nun in neuer Übersetzung vorliegt, erhielt Émile Ajar 1975 den Prix Goncourt. Was die Jury nicht wusste: Hinter dem Pseudonym verbarg sich Romain Gary, der damit – gegen die Regeln – zum zweiten Mal ausgezeichnet wurde.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der Araberjunge Momo wächst im Pariser Stadtviertel Belleville gemeinsam mit anderen Ziehkindern bei Madame Rosa auf, einer alten Prostituierten, die als Jüdin in Auschwitz war. Unwissend, wie alt er ist, wer seine Eltern sind, macht er sich auf ihre Äußerungen und die anderen Härten des Lebens seinen Reim. Mit großen Augen streunt er durch die Straßen, lässt sich von reichen Frauen ansprechen. Mit Monsieur Hamil, dem Teppichhändler, der alles gesehen hat, tauscht er sich über die Liebe aus, und die angeschlagene Madame Rosa, die einen Aufzug verdient hätte, schiebt er die Stufen des sechsstöckigen Hauses hinauf, in dem Huren, Transvestiten, Weiße, Schwarze und Araber zusammenleben. Als ihr Tod naht, erfüllt er ihr einen letzten Wunsch.

Du hast das Leben vor dir löste 1975 in der französischen Literaturwelt einen nie da gewesenen Skandal aus. Romain Gary hatte seinen Roman über die Beziehung zwischen dem Araberjungen und der jüdischen Ex-Prostituierten unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht und erhielt dafür – regelwidrig – zum zweiten Mal den Prix Goncourt. In über 30 Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt, wurde es Garys erfolgreichstes Buch. Die Neuübersetzung von Christoph Roeber holt die Erzählstimme des heranwachsenden Momo ins Heute.

Romain Gary

(Émile Ajar)

Du hast dasLeben vor dir

Roman

Aus dem Französischenvon Christoph Roeber

Die Übersetzung wurde von Pro Helvetia gefördert.

Verlag und Übersetzer bedanken sich dafür.

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

Die Originalausgabe ist 1975 unter dem Pseudonym und Titel Emile Ajar, La vie devant soi bei Mercure de France erschienen.

© 1975 Mercure de France, Paris

© 2017 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)

www.rotpunktverlag.ch

www.editionblau.ch

Umschlagbild: Philip Dunn / Alamy Stock Foto

Lektorat: Daniela Koch

eISBN 978-3-85869-766-0

1. Auflage 2017

Inhalt

Du hast das Leben vor dir

Sie sagten:

»Du bist verrückt geworden an Ihm, den du liebst.«

Ich sagte:

»Der Reiz des Lebens ist nur für die Verrückten.«

Yâfi’î, Raoudh al rayâhîn

Als Allererstes kann ich Ihnen sagen, dass wir immer sechs Treppen rauf mussten, und zwar zu Fuß, und für Madame Rosa mit ihren ganzen Kilos und nur zwei Beinen fing da der Alltag mit Kummer und Sorgen schon an. Und wenn sie nicht grad über was andres klagte, erinnerte sie uns daran, denn sie war Jüdin. Außerdem stands um ihre Gesundheit nicht sonderlich gut und ich kann Ihnen gleich von Beginn weg sagen, sie war eine Frau, die einen Aufzug verdient gehabt hätte.

Ich war wahrscheinlich so drei, als ich Madame Rosa das erste Mal gesehn hab. An alles vorher kann man sich ja nicht erinnern und man lebt im Unwissen. Ich hab aufgehört mit Unwissen, als ich drei oder vier war, und manchmal fehlts mir.

Es gab noch viele andre Juden, Araber und Schwarze in Belleville, aber Madame Rosa musste die sechs Treppen immer allein raufkraxeln. Sie meinte, sie stirbt bestimmt eines Tages im Treppenhaus, und siehe da, schon haben alle Kinder losgeheult, denn genau das macht man ja, wenn jemand stirbt. Wir waren manchmal zu sechst oder siebt, manchmal sogar noch mehr.

Am Anfang hatte ich keine Ahnung, dass Madame Rosa sich nur deshalb um mich kümmert, weil sie am Monatsende Geld für mich kriegte. Als ich es erfahren hab, war ich schon sechs oder sieben und es hat mich ziemlich getroffen, dass ich bezahlt wurde. Ich dachte, Madame Rosa liebt mich einfach so und dass wir uns was bedeuten. Ich hab die ganze Nacht durchgeheult deswegen, das war mein erster großer Kummer.

Madame Rosa hat gesehn, dass ich traurig war, und erklärte mir, dass Familie nichts zu bedeuten hat und dass es sogar Leute gibt, die ihren Hund an einen Baum ketten, wenn sie in Urlaub fahren, und dass dadurch jedes Jahr dreitausend Hunde umkommen, wegen zu wenig Liebe. Sie setzte mich auf ihre Knie und hat mir geschworen, ich bin ihr das Liebste auf der Welt, aber ich musste sofort an das Geld vom Monatsende denken und bin heulend weggerannt.

Ich bin runter ins Café von Monsieur Driss und hab mich zu Monsieur Hamil gesetzt, den Teppichhändler, der in ganz Frankreich umhergezogen ist und alles gesehn hat. Monsieur Hamil hat schöne Augen, die allen um ihn herum guttun. Er war schon sehr alt, als ich ihn kennenlernte, und seitdem hat er auch nichts andres gemacht, als noch älter zu werden.

»Monsieur Hamil, sagen Sie, warum lächeln Sie immer?«

»Auf diese Weise, mein kleiner Momo, danke ich Gott jeden Tag für mein gutes Gedächtnis.«

Ich heiße Mohammed, aber alle nennen mich Momo, das macht jünger.

»Vor sechzig Jahren, als ich noch jung war, da habe ich eine junge Frau getroffen, die mich geliebt hat, und ich habe sie auch geliebt. Acht Monate ging das, dann ist sie umgezogen und ich erinnere mich immer noch daran, sechzig Jahre später. Ich habe ihr immer gesagt: Ich werde dich nicht vergessen. Die Jahre vergingen, ich habe sie nicht vergessen. Manchmal hatte ich Angst, denn ich hatte ja mein halbes Leben noch vor mir, und wie konnte ich mir dieses Versprechen geben, ich, ein einfacher Mann, wo doch Gott den Radiergummi in der Hand hält? Aber jetzt bin ich unbesorgt. Ich werde Djamila nicht vergessen. Mir bleibt nur noch wenig Zeit, ich werde vorher sterben.«

Ich dachte an Madame Rosa, druckste ein bisschen herum und fragte dann:

»Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?«

Er hat nicht geantwortet. Er nahm einen Schluck von seinem Pfefferminztee, der gut für die Gesundheit ist. Monsieur Hamil hatte seit einiger Zeit immer seine graue Djellaba an, damit er nicht in Jacke erwischt wurde, wenn man ihn rief. Er schaute mich an und schwieg. Wahrscheinlich dachte er, dass ich für Minderjährige verboten bin und manche Sachen noch nicht wissen durfte. Da war ich wahrscheinlich um die sieben oder acht, aber das kann ich Ihnen nicht so genau sagen, denn ich hab kein Datum mitbekommen, aber das erfahren Sie dann noch, wenn wir uns besser kennen, falls Sie finden, dass es sich lohnt.

»Monsieur Hamil, warum sagen Sie nichts?«

»Du bist noch jung, und wenn man jung ist, gibt es Dinge, die man besser nicht weiß.«

»Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?«

»Ja«, sagte er und senkte den Kopf, als würde er sich schämen.

Da musste ich weinen.

Lange Zeit wusste ich gar nicht, dass ich Araber war, weil mich niemand beleidigte. Erst in der Schule hat man es mir beigebracht. Aber ich hab mich nie geprügelt, es tut immer weh, wenn man jemand schlägt.

Madame Rosa kam aus Polen, als Jüdin, aber sie hat ein paar Jahre lang in Marokko und Algerien rangeschafft und konnte genauso viel Arabisch wie Sie und ich. Aus demselben Grund konnte sie auch Jüdisch und wir haben uns oft auf Jüdisch unterhalten. Die meisten andern im Haus waren Schwarze. Es gibt drei Wohnungen mit Schwarzen in der Rue Bisson und drei andre, wo sie in Stämmen leben, so wie in Afrika. Es gibt vor allem die Soninke, das sind die mit den meisten, und die Tukulor, die sind auch nicht übel. In der Rue Bisson gibts noch ganz viele andre Stämme, aber ich hab jetzt nicht die Zeit, die Ihnen alle aufzuzählen. Der Rest aus der Straße und vom Boulevard de Belleville ist vor allem jüdisch und arabisch. Das geht so weiter bis zur Goutte d’Or und danach kommen dann die französischen Viertel.

Am Anfang wusste ich gar nicht, dass ich keine Mutter habe, ich wusste nicht mal, dass man eine braucht. Madame Rosa sprach nicht viel darüber, damit ich mir gar nicht erst was ausmale. Keine Ahnung, wieso es mich überhaupt gibt und was da genau passiert ist. Ein Kumpel von mir, der Mahoute, der ist ein bisschen älter und hat mal erzählt, dass das an der Hygiene liegt. Er ist in Kasbah in Algerien geboren und kam erst danach nach Frankreich. Hygiene gabs damals in Kasbah noch nicht und ihn gibts, weil es eben keine Bidets und kein Trinkwasser und nichts gab. Der Mahoute hat das alles erst viel später erfahren, als sein Vater sich rausreden wollte und geschworen hat, dass da keine böse Absicht im Spiel war, bei keinem der Beteiligten. Der Mahoute hat mir erzählt, dass Frauen, die ranschaffen, für die Hygiene jetzt so eine Pille haben, aber er ist eben zu früh auf die Welt gekommen.

Es gab bei uns eine ganze Menge Mütter, die kamen ein-, zweimal die Woche, aber immer für die andern. Wir waren bei Madame Rosa fast alles Hurenkinder, und wenn die Mütter für ein paar Monate zum Ranschaffen in die Provinz gegangen sind, dann kamen sie vorher und hinterher nach ihren Kindern schauen. So hab ich zum ersten Mal Ärger mit meiner Mutter bekommen. Alle schienen eine zu haben, nur ich nicht. Ich kriegte Magenkrämpfe und Koliken, damit sie kommt. Auf der Straßenseite gegenüber gabs einen Jungen mit einem Ball, der hat erzählt, dass seine Mama immer kommt, wenn er Bauchschmerzen kriegt. Ich hab auch Bauchschmerzen gekriegt, aber das hat nichts gebracht, und dann Koliken, aber das war auch nichts. Ich hab sogar quer durch die Wohnung gekackt, für mehr Aufmerksamkeit. Nichts. Meine Mutter kam nicht, aber dafür hat mich Madame Rosa zum ersten Mal einen Araberarsch genannt, denn sie war ja keine Französin. Ich hab sie angeschrien, dass ich meine Mutter sehn will, und noch wochenlang hab ich überall hingekackt, aus Rache. Am Ende meinte Madame Rosa dann, wenn ich so weitermache, dann ists halt das Jugendamt, und da hab ich es mit der Angst gekriegt, denn das Jugendamt, das ist das Erste, was sie uns Kindern beibringen. Aus Prinzip hab ich noch weiter überall hingekackt, aber so konnte es natürlich nicht weitergehn. Wir waren damals tagsüber sieben Hurenkinder bei Madame Rosa und plötzlich haben alle um die Wette gekackt, denn Kinder machen ja alles nach, und da war dann so viel Kacke überall, dass meine gar nicht mehr aufgefallen ist.

Madame Rosa war sowieso schon alt und erschöpft, und sie hat uns das übelgenommen, weil sie bereits als Jüdin verfolgt wurde. Mit ihren fünfundneunzig Kilo, aber nur zwei Beinen, musste sie die sechs Etagen mehrmals am Tag raufkraxeln und wenn ihr hier oben dann die Kacke in die Nase stieg, hat sie sich samt Tüten in den Sessel fallen lassen und losgeweint, da muss man sie verstehn. Frankreich hat fünfzig Millionen Einwohner und sie sagte, wenn das alle so gemacht hätten, dann hätten es sogar die Deutschen hier nicht ausgehalten und hätten sich ruckzuck wieder verzogen. Madame Rosa hatte mit Deutschland im Krieg damals bestens Bekanntschaft gemacht, aber sie ist zurückgekommen. Sie kam in die Wohnung und wenn ihr die Kacke in die Nase stieg, dann donnerte sie los: »Auschwitz! Wie in Auschwitz!«, denn sie wurde ins Auschwitz für Juden verschleppt. Aber rassistisch gesehn war sie immer sehr korrekt. Zum Beispiel gabs bei uns einen kleinen Moses, den hat sie dreckigen Kameltreiber genannt, mich aber nie. Das war mir damals nicht klar, trotz ihrem Gewicht, Madame Rosa hatte Feingefühl. Ich habs dann sein lassen, das brachte nichts und meine Mutter würde eh nicht kommen, aber Magenkrämpfe und Koliken hatte ich noch lange und selbst heute hab ich manchmal noch Bauchschmerzen. Später hab ich versucht, anders auf mich aufmerksam zu machen. Ich hab angefangen zu klauen, eine Tomate oder Melone, gleich runter von der Auslage. Ich hab immer gewartet, bis jemand hinguckt und das mitkriegt. Wenn dann der Besitzer rauskam und mir eine verpasste, brüllte ich los, aber immerhin interessierte sich jemand für mich.

Einmal stand ich vor einem Lebensmittelladen und hab ein Ei von der Auslage eingesteckt. Die Besitzerin war eine Frau und hats gesehn. Ich hab lieber in Läden geklaut, wo eine Frau war, weil das Einzige, wo ich sicher sein konnte, war, dass meine Mutter eine Frau war, anders gehts nämlich nicht. Jedenfalls hab ich das Ei genommen und in meine Tasche gesteckt. Sie kam raus und ich hab auf meine Ohrfeige gewartet, aber nichts da, sie kauerte sich neben mich und hat mir den Kopf gestreichelt. Sie sagte sogar:

»Na, du bist ja goldig!«

Ich dachte erst, die will ihr Ei auf die weiche Tour wiederhaben, und ich habs behalten, ganz tief vergraben in meiner Tasche. Sie musste mir einfach eine verpassen, das macht eine Mutter ja, wenn sie einem Aufmerksamkeit schenkt. Aber sie ist wieder aufgestanden, zur Auslage hin und hat mir noch ein zweites Ei gegeben. Und einen Kuss obendrauf. In dem Moment hatte ich einen Anflug von Hoffnung, den kann ich Ihnen gar nicht beschreiben, denn das geht nicht. Ich stand noch den ganzen Vormittag vor dem Laden und hab gewartet. Ich weiß gar nicht, worauf ich da gewartet hab. Manchmal lächelte die Frau zu mir raus und ich stand da mit meinem Ei in der Hand. Ich war sechs oder so, und ich dachte, es ist fürs Leben, dabei wars ja nur ein Ei. Ich bin nach Hause und hatte den ganzen Tag Bauchschmerzen. Madame Rosa war bei der Polizei, für eine Aussage, um die Madame Lola sie gebeten hatte. Madame Lola war eine Transvestitin aus dem vierten Stock, die im Bois de Boulogne arbeitete und früher im Senegal, bevor sie hierher kam, einmal Boxchampion war. Sie hatte einen Kunden im Bois niedergeschlagen, der sich als Sadist mit ihr natürlich die Falsche rausgesucht hatte, aber das konnte er ja nicht wissen. Madame Rosa hat ausgesagt, dass sie an dem Abend mit Madame Lola im Kino war und danach haben sie zusammen Fernsehn geguckt. Ich erzähle Ihnen später noch genauer von Madame Lola, das war wirklich eine wie keine. Dafür mochte ich sie.

Kinder sind ja alle hochansteckend. Kaum hats einer, habens alle. Wir waren damals sieben bei Madame Rosa, zwei davon nur tagsüber, die hat der wohlbekannte Monsieur Moussa von der Müllabfuhr beim Müllabholen morgens um sechs abgeliefert, seine Frau gabs nicht mehr, die war an irgendwas gestorben. Er nahm sie am Nachmittag wieder mit und kümmerte sich um sie. Dann war da noch Moses, der jünger war als ich, Banania, der sich die ganze Zeit kaputtlachte, weil er mit guter Laune auf die Welt gekommen ist, Michel, der vietnamesische Eltern hatte, aber den wollte Madame Rosa nicht einen Tag länger behalten, weil sie für ihn seit über einem Jahr kein Geld gesehn hatte. Diese Jüdin war eine anständige Frau, aber sie hatte ihre Grenzen. Oft ging das so, dass die Frauen, die anderswo ranschaffen mussten, wo es gut bezahlt war oder viel Nachfrage gab, ihre Kinder Madame Rosa anvertrauten und sich dann nie wieder blicken ließen. Sie sind los und das wars dann. Das sind diese ganzen Geschichten von Kindern, die sich nicht rechtzeitig haben wegmachen lassen und unnötig waren. Madame Rosa brachte sie manchmal in Familien unter, die sich einsam fühlten und irgendwie bedürftig waren, aber das war schwierig, denn es gibt Gesetze. Wenn einer Frau nur noch das Ranschaffen bleibt, hat sie kein Recht auf das Kind, das ist wegen der Prostitution. Dann kriegt sie Angst, dass das auffliegt, also versteckt sie ihr Kleines, damit es nicht jemand andrem gegeben wird. Sie gibts jemand, den sie kennt und wo sie sich auf die Verschwiegenheit verlassen kann. Ich kann Ihnen gar nicht von den ganzen Hurenkindern erzählen, die ich bei Madame Rosa hab ein und aus gehn sehn, aber es gab nur wenige wie mich, die ein für alle Mal dort blieben. Nach mir waren am längsten Moses, Banania und dieser Vietnamese da, den letzten Endes ein Restaurant in der Rue Monsieur le Prince aufnahm und den ich heute gar nicht mehr wiedererkennen würde, so lang ist das her.

Als ich da plötzlich so heftig meine Mutter sehn wollte, hat Madame Rosa mich Wichtigtuer genannt und dass alle Araber so sind, man reicht ihnen den kleinen Finger und sie schnappen gleich nach der ganzen Hand. Madame Rosa war eigentlich gar nicht so, sie sagte das nur wegen den Vorurteilen, ich wusste genau, dass ich ihr Liebling war. Wenn ich losgeschrien hab, haben alle andern auch losgeschrien und da stand Madame Rosa dann mit sieben Rackern, die alle um die Wette schrien und ihre Mütter wollten, eine richtige Massenhysterie. Sie raufte sich ihre nicht vorhandenen Haare und wegen der ganzen Undankbarkeit kamen ihr die Tränen. Sie hat ihr Gesicht in den Händen vergraben und weitergeweint, aber das Alter kennt kein Erbarmen. Es ist sogar Putz aus der Wand gebrochen, aber nicht weil Madame Rosa weinte, sondern einfach weil das Material Mist war.

Madame Rosa hatte graue Haare, die schon ausfielen, die hielten einfach nicht mehr. Sie hatte total Schiss, ganz kahl zu werden, das ist schrecklich für eine Frau, die nicht mehr viel andres hat. Ihr Hintern und ihre Brüste waren größer als bei irgendwem sonst und wenn sie sich im Spiegel anguckte, lächelte sie sich groß und breit an, als würde sie sich selber gefallen wolln. Sonntags machte sie sich fein von Kopf bis Fuß, setzte ihre fuchsrote Perücke auf, ging zum Square Beaulieu und saß dann dort stundenlang in aller Eleganz herum. Sie schminkte sich mehrmals am Tag, aber tja, was wolln Sie da machen. Mit der Perücke und der Schminke sah man es weniger und sie kaufte immer Blumen für die Wohnung, damit es wenigstens schön ist um sie herum.

Wenn sie sich beruhigt hatte, schleifte sie mich zum Lokus und nannte mich Rädelsführer und sagte, die Rädelsführer werden immer mit Gefängnis bestraft. Sie hat mir erklärt, dass meine Mutter alles sieht, was ich tue, und dass ich ein sauberes und ehrliches Leben führen muss, ohne Jugendstrafen, wenn ich sie eines Tages wiederfinden will. Das Lokus war wirklich winzig und bei ihren Maßen passte Madame Rosa gar nicht ganz rein, und es war schon eigenartig, wie breit ein so einsamer Mensch für sich allein sein konnte. Ich glaube ja, sie fühlte sich da drin noch einsamer als sonst.

Als einmal für einen von uns das Geld am Monatsende immer seltener kam, hat Madame Rosa den Schuldigen nicht rausgeworfen. Es war Banania, sein Vater war unbekannt, also konnte man ihm nichts vorwerfen. Seine Mutter dagegen hat höchstens alle sechs Monate mal ein bisschen Geld geschickt. Madame Rosa hat Banania zusammengeschissen, aber ihm war das schnuppe, denn er war erst drei und hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Ich glaube, Madame Rosa hätte dem Jugendamt vielleicht Banania übergeben, aber nicht sein Lächeln, und weil es das eine nicht ohne das andre gab, musste sie beides behalten. Meine Aufgabe war, Banania die afrikanischen Wohngemeinschaften in der Rue Bisson zu zeigen, damit er ein bisschen Schwarz sieht, da lag Madame Rosa viel dran.

»Er muss ein bisschen Schwarz sehn, sonst findet er später nie Anschluss.«

Also hab ich mir Banania geschnappt und nach nebenan gebracht. Die haben ihn sehr gut aufgenommen, denn von den Leuten dort sind die Familien noch in Afrika und ein Kind erinnert ja immer an ein andres. Madame Rosa hatte keine Ahnung, ob Banania, der eigentlich Touré hieß, Malier oder Senegalese oder Guineer oder was ganz andres war, denn seine Mutter schaffte in der Rue Saint-Denis ran, bevor sie in ein Etablissement nach Abidjan ist, und so was kann man eben nie wissen in dem Beruf. Mit Moses wars auch sehr unregelmäßig, aber da konnte Madame Rosa nichts machen, denn das Jugendamt konnten sie sich nicht antun unter Juden. Für mich kamen die dreihundert Francs immer pünktlich am Monatsanfang, ich war unangreifbar. Moses hatte eine Mutter, glaub ich, aber die schämte sich, denn ihre Eltern wussten von nichts, sie war aus gutem Haus und außerdem war Moses blond, blaue Augen und ohne die berühmte Nase, das waren gradezu Schuldbekenntnisse, man musste ihn bloß anschauen.

Für meine dreihundert Francs im Monat, bar auf die Hand, hatte Madame Rosa wirklich Respekt. Ich ging auf die zehn zu und hatte sogar Frühreife, denn die Araber kriegen ja immer als Erste einen Steifen. Ich wusste also, dass ich für Madame Rosa was Festes war und dass sie zweimal überlegen würde, ehe sie das beste Pferd im Stall verjagt. Genau das war ja damals nach der Kackerei passiert, als ich sechs war. Und falls Sie jetzt denken, ich bringe hier die Jahre völlig durcheinander: Stimmt nicht, aber ich erklärs Ihnen, wenn ich zu dem Teil der Geschichte komme, wo ich aus heiterem Himmel ein paar Jahre gekriegt hab.

»Hör mal, Momo, du bist der Älteste, du musst mit gutem Beispiel vorangehn. Also mach hier nicht dieses Chaos mit deiner Mama. Ihr habt Glück, dass ihr eure Mamas nicht kennt, denn in eurem Alter, da ist man noch ganz empfindsam. Wir reden hier nämlich von Huren, wie du sie dir schlimmer nicht vorstellen kannst, da denkst du manchmal, du träumst. Weißt du denn, was das ist, eine Hure?«

»Die schaffen mit ihrem Arsch ran.«

»Also ich frage mich, wo du so schauerliches Zeug herhast, aber du hast natürlich nicht ganz unrecht.«

»Und Sie, Madame Rosa? Haben Sie auch mit ihrem Arsch rangeschafft, als Sie jung und schön waren?«

Sie lächelte, denn es freute sie zu hören, dass sie einst jung und schön war.

»Du bist du ein guter Kleiner, Momo, aber jetzt sei still. Hilf mir. Ich bin alt und krank. Seit ich aus Auschwitz raus bin, hab ich nur Scherereien.«

Sie war so traurig, dass gar nicht mehr zu sehn war, wie hässlich sie war. Ich hab ihr den Arm um den Hals gelegt und sie an mich gedrückt. Auf der Straße hieß es immer, sie ist eine herzlose Frau, und es stimmte, denn um ihr Herz kümmerte sich halt niemand. Sie hatte fünfundsechzig Jahre lang ohne Herz durchgehalten und in manchen Momenten musste man ihr einfach verzeihen.

Sie weinte so sehr, dass ich schiffen musste.

»Verzeihen Sie, Madame Rosa, aber ich muss mal schiffen.«

Danach meinte ich zu ihr:

»Okay, Madame Rosa, ich hab verstanden, das mit meiner Mutter wird wohl nichts, aber können wir dann nicht wenigstens einen Hund haben?«

»Wie bitte? Du glaubst, hier ist noch Platz für einen Hund? Und wie krieg ich den satt? Wer bezahlt für den am Monatsende?«

Aber als ich einen kleinen grauen Pudel im Hundezwinger auf der Rue Calefeutre klaute und mit nach Hause brachte, da hat sie nichts gesagt. Ich bin rein in den Zwinger, hab gefragt, ob ich den mal streicheln darf, und als ich den Ich-weiß-wie-Blick aufgesetzt hab, hat die Besitzerin ihn mir gegeben. Ich hab ihn genommen und ein bisschen gestreichelt, und dann bin ich abgehauen, schneller als der Wind. Wenn ich was kann, dann ist es rennen. Ohne gehts nicht im Leben.

Mit dem Hund hab ich mir wirklich keinen Gefallen getan. Ich hatte ihn bald ins Herz geschlossen und liebte ihn mehr, als die Polizei erlaubt. Die andern auch alle, außer vielleicht Banania, dem war er völlig schnuppe, denn der war auch ohne Grund glücklich, wobei ich noch nie einen Schwarzen gesehn hab, der glücklich war und Grund dazu hatte. Ich hatte den Hund immer auf dem Arm, aber ich fand und fand keinen Namen. Jedes Mal, wenn ich an Tarzan oder Zorro dachte, spürte ich, dass da noch irgendwo ein Name war, den noch niemand hatte und der auf ihn wartete. Ich hab mich am Ende für Super entschieden, aber unter Vorbehalt, damit ich mich immer noch umentscheiden konnte, wenn mir was Schöneres einfiel. Ich fühlte so viel in mir und das hab ich alles Super gegeben. Ich weiß nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte, es war wirklich dringend, sonst wär ich am Ende wahrscheinlich im Knast gelandet. Wenn ich ihn ausführte, fühlte ich mich richtig wie jemand, weil ich ja das Einzige war, was er hatte auf der Welt. Ich hab ihn so sehr geliebt, dass ich ihn sogar abgegeben hab. Ich war schon neun oder so, also in einem Alter, in dem man ja eigentlich schon denken kann, außer wenn man überglücklich ist. Man muss auch dazusagen, ohne dass ich jetzt jemand beleidigen will, aber bei Madame Rosa wars traurig, sogar wenn man dran gewöhnt ist. Als es mit Super dann von den Gefühlen her immer größer wurde, wollte ich, dass er ein richtiges Leben hat, so wie ich das für mich selber auch gemacht hätte, wenn es möglich gewesen wär. Sie müssen bedenken, er war ja nicht irgendwer, er war immerhin ein Pudel. Und da kam eine Dame, die meinte, »Oh, was für ein schönes Hündchen«, und fragte, ob das meiner ist und ob ich ihn verkaufen will. Ich hatte so olle Sachen an, ich seh nicht aus wie ein Vorzeigefranzose und sie hat genau gesehn, dass der Hund nicht meine Liga war.

Ich hab ihn für fünfhundert Francs hergegeben und das war natürlich ein Supergeschäft. Ich wollte fünfhundert Francs von der Dame, um zu sehn, dass sie sichs leisten kann. Ich hatte Schwein, sie hatte sogar ein Auto mit Chauffeur und steckte Super gleich da rein, nicht dass meine Eltern lospoltern. Tja, und da, ich sags Ihnen, denn Sie werdens mir nicht glauben. Ich hab die fünfhundert Francs genommen und weg damit in den Gully! Dann hab ich mich auf den Gehsteig gesetzt und geheult wie ein Schlosshund, die Fäuste in den Augen, aber ich war glücklich. Bei Madame Rosa gabs keine Sicherheit, alles hing am seidenen Faden, sie so alt und krank, ohne Geld, das Jugendamt im Nacken, so will ja kein Hund länger leben.

Als ich ihr dann zu Hause erzählte, dass ich Super für fünfhundert Francs verhökert und die dann in den Gully geschmissen hab, da hats Madame Rosa mit der Angst gekriegt, sie schaute mich an, ist schnell zur Tür und hat doppelt abgeschlossen. Von da an hat sie zum Schlafen immer abgesperrt, ich könnte ihr ja eines Tages nochmal die Kehle durchsäbeln. Die andern Kinder haben einen Wahnsinnsradau gemacht, als sie es mitgekriegt haben, sie mochten Super zwar nicht wirklich, aber halt zum Spielen.

Wir waren damals ein ganzer Haufen, sieben oder acht. Es gab Salima, die von ihrer Mutter in letzter Minute gerettet worden war, die Nachbarn hatten sie verpfiffen, weil sie auf den Strich ging, und da war das Jugendamt aufgekreuzt, wegen Verdorbenheit. Sie hat ihren Kunden unterbrochen und konnte Salima, die in der Küche war, grad noch übers Fenster im Erdgeschoss rausbringen und hat sie die ganze Nacht im Mülleimer versteckt. Am Morgen ist sie zu Madame Rosa gekommen mit ihrer Kleinen, die ganz hysterisch war und nach Müll stank. Auch Antoine war grade neu da, der einzige richtige Franzose, und wir haben ihn alle von oben bis unten studiert, damit wir sehn, wie so einer so ist. Aber er war erst zwei, deswegen war nicht viel zu sehn. Und an die andern kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, das änderte sich ja ständig mit den Müttern, die ihre Kinder wieder zu sich nahmen. Madame Rosa sagte immer, wenn Frauen ranschaffen gehn, dann bekommen sie nicht genug moralische Unterstützung, denn die meisten Zuhälter machen ihren Job nicht mehr richtig. Sie brauchen ihre Kinder als Lebenssinn. Sie kamen immer dann, wenn sie einen Moment Zeit hatten oder krank waren und aufs Land gefahren sind und ihre Knirpse dafür mitnehmen wollten. Ich hab nie verstanden, warum die offiziellen Huren ihre Kinder nicht großziehn dürfen, die andern Frauen machens doch auch! Madame Rosa meinte, das liegt an der großen Bedeutung, die in Frankreich der Arsch hat, was eben in andern Ländern nicht der Fall ist, hier aber nimmt das Ausmaße an, wie man sichs nicht vorstellen kann, wenn man es nicht gesehn hat. Madame Rosa meinte, der Arsch ist neben Ludwig XIV. das Wichtigste, was sie hier in Frankreich haben, und deswegen werden die Prostituierten – wie sie ja offiziell heißen – verfolgt, denn die anständigen Frauen wolln das für sich allein. Ich hab bei uns Mütter weinen sehn, die verpfiffen wurden, und schon daran konnte man ablesen, dass sie zu diesem Beruf ein Kind hatten, die sind vor Angst beinah gestorben. Madame Rosa hat sie dann beruhigt und ihnen erklärt, dass sie da jemand kennt bei der Polizei, der selbst ein Hurenkind war und sie beschützt, und dass ein Jude ihr falsche Papiere gemacht hat, aber das merkt niemand, so echt sind die. Ich hab diesen Juden nie gesehn, Madame Rosa hielt den geheim. Sie haben sich kennengelernt, als sie zusammen in ihrem jüdischen Lager in Deutschland waren, wo sie aus Versehn nicht vernichtet wurden, und da haben sie sich geschworen, dass sie niemand mehr kriegt. Der Jude saß irgendwo in einem französischen Viertel und hat wie verrückt falsche Papiere gemacht. Dank ihm hatte Madame Rosa Dokumente, die bewiesen, dass sie jemand andres ist, wie alle andern auch. Sie meinte, so haben sogar nicht mal die Israelis was gegen sie in der Hand. Aber klar, sie war deswegen nie komplett unbesorgt, denn dafür muss man tot sein. Im Leben ist immer Panik.

Also, ich wollte sagen, als ich Super weggegeben hab, damit er eine sichere Zukunft hat, die es bei uns nicht gab, maulten die Kinder stundenlang rum, nur Banania nicht, der war wie immer ganz froh. Ich sags Ihnen, der war irgendwie nicht von dieser Welt, der war vier und immer noch froh.

Am nächsten Tag hat mich Madame Rosa als Allererstes zu Doktor Katz geschleppt, sie wollte nachsehn, ob ich nicht gestört war. Madame Rosa wollte, dass er mir Blut abnimmt und untersucht, ob ich als Araber nicht syphilitisch war, aber Doktor Katz ist so dermaßen aus der Haut gefahren, dass sogar sein Bart zitterte, ah, das hab ich nämlich vergessen zu erzählen, Doktor Katz hatte einen Bart. Er hat Madame Rosa ordentlich was an den Kopf geschrien und dass das alles Gerüchte aus Orléans sind. Ein Gerücht aus Orléans, das ist, wenn die jüdische Weltverschwörung weiße Mädchen aus Frankreich nach Marokko verschleppen und zur Prostitution zwingen will, und alle Welt regt sich drüber auf. Die machen immer erst großes Trara und dann ist gar nichts.

Madame Rosa war noch ganz aufgewühlt.

»Wie ist das denn genau passiert?«

»Er hat fünfhundert Francs kassiert und sie in den Gully geschmissen.«

»Ist das sein erster Anfall?«

Madame Rosa hat mich angeschaut und sagte nichts, ich war schön traurig. Ich mochte das noch nie, Leuten wehtun, ich bin Philosoph. Hinter Doktor Katz stand ein Segelschiff auf dem Kamin, mit ganz weißen Segeln, und weil ich so unglücklich war, wollte ich damit wegsegeln, ganz weit weg, ganz weit weg von mir, und ich hab es in die Lüfte steigen lassen, ich stieg an Bord und überquerte die Ozeane mit sicherer Hand. Ich glaube, da, an Bord vom Segelschiff von Doktor Katz, war ich zum ersten Mal weit weg. Bis dahin kann ich nicht wirklich sagen, dass ich ein Kind war. Auch jetzt noch kann ich ins Segelschiff bei Doktor Katz einsteigen, wenn ich will, und ganz allein ganz weit wegfahren. Ich hab das noch nie jemand erzählt und immer so getan, als wär ich da.

»Doktor, ich bitte Sie, untersuchen Sie den mal gründlich. Sie haben gesagt, ich darf mich nicht aufregen, wegen dem Herz, aber er hat verkauft, was ihm am liebsten war auf der Welt, und fünfhundert Francs in den Gully gejubelt. Nicht mal in Auschwitz haben sie so was gemacht.«

Doktor Katz war wohlbekannt bei allen Juden und Arabern rund um die Rue Bisson für seine christliche Nächstenliebe und er machte alle möglichen Leute gesund, von früh bis abends und sogar noch danach. Ich hab ihn sehr gut in Erinnerung, bei ihm war der einzige Ort, wo von mir die Rede war und wo man mich untersucht hat, als wär ich was Wichtiges. Ich bin oft allein hingegangen, nicht weil ich krank war, sondern einfach, um eine Weile im Wartezimmer zu sitzen. Er wusste sehr wohl, dass ich eigentlich ohne Grund da war und einen Platz besetzte, obwohl doch so viel Elend in der Welt ist, aber er hat mich immer ganz freundlich angelächelt und wurde nie sauer. Wenn ich ihn so ansah, dachte ich oft, wenn ich einen Vater hätte, ich hätte mir Doktor Katz ausgesucht.

»Er hat den Hund abgöttisch geliebt, hat ihn immer auf dem Arm gehabt, selbst beim Schlafen hatte er ihn bei sich, und was macht er dann auf einmal? Verhökert ihn und schmeißt das Geld weg. Dieser Junge ist nicht wie die andern, Doktor. Ich hab Angst, jemand in seiner Familie ist mal aus heiterem Himmel wahnsinnig geworden.«

»Ich kann Ihnen versichern, dass nichts passieren wird, überhaupt gar nichts, Madame Rosa.«

Da musste ich weinen. Ich wusste genau, dass nichts passieren würde, aber das hatte ich noch nie so offen zu hören bekommen.

»Es gibt doch gar keinen Grund zu weinen, mein lieber Mohammed. Aber weine ruhig, wenn dir das guttut. Weint er viel?«

»Nie«, sagte Madame Rosa, »der weint nie, und ich leide trotzdem, weiß Gott.«

»Naja, Sie sehn ja, es geht schon besser«, sagte der Doktor. »Er weint, er entwickelt sich normal. Gut, dass Sie ihn hergebracht haben, Madame Rosa, ich werde Ihnen ein paar Beruhigungsmittel verschreiben. Sie machen sich eben Sorgen.«

»Wenn man sich um Kinder kümmert, muss man sich viele Sorgen machen, Doktor, sonst werdens Ganoven.«

Auf der Straße sind wir dann Hand in Hand gegangen, Madame Rosa mochte es, wenn sie in Begleitung gesehn wurde. Sie brauchte immer ganz lange zum Anziehn, denn sie war einmal eine Frau, und ein bisschen ist ihr das noch geblieben. Sie schminkte sich sehr, aber das bringt natürlich nichts, sich in ihrem Alter verstecken zu wolln. Sie sieht aus wie eine alte Judenkröte mit Brille und Asthma. Wenn sie mit den Einkäufen die Treppen hoch will, hält sie alle Nase lang an und sie meint, eines Tages kippt sie bestimmt auf halber Strecke tot um. Als wärs so wichtig, dafür alle sechs Etagen zu schaffen.

Zu Hause haben wir Monsieur N’Da Amédée getroffen, den Zuhälter, oder, wie man die auch nennt, Schutzengel. Wenn Sie die Ecke hier kennen, dann wissen Sie, die ist immer voll mit Eingeborenen, die alle aus Afrika zu uns kommen, wie das Wort ja schon sagt. Sie wohnen in Unterkünften, die man auch Drecksloch nennt, ohne das Nötigste, also ohne Hygiene oder Zentralheizung von der Stadt Paris, das alles kommt nicht bis dorthin. Es gibt schwarze Wohngemeinschaften mit hundertzwanzig Leuten, acht in einem Zimmer, und nur ein einziges Klo unten, also erleichtern sie sich überall, denn solche Sachen können ja schlecht warten. Vor meiner Zeit gabs Elendsviertel, aber Frankreich hat die abgerissen, damit man sie nicht sieht. Madame Rosa hat mal von einer Art Wohngemeinschaft in Aubervilliers erzählt, wo man Senegalesen mit Kohleöfen erstickt hat, man steckte sie in ein Zimmer, Fenster zu, und am nächsten Tag waren sie allesamt übern Jordan. Erstickt durch die schlechten Einflüsse, die aus dem Ofen kamen, während sie den Schlaf des Gerechten geschlafen haben. Ich hab denen von nebenan oft einen Besuch abgestattet und wurde immer ordentlich aufgenommen. Meistens warens Muslime wie ich, aber das ist ja kein Grund. Ich denke eher, es hat ihnen Spaß gemacht mit einem Kind wie mir, neun Jahre und noch ohne jeden Gedanken. Die Alten haben immer irgendwelche Gedanken. Zum Beispiel stimmt es ja nicht, dass die Schwarzen alle genau gleich aussehn.