Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Wir wollten uns verabschieden, Chef.« David Burgmüller, der geniale Koch, der dafür gesorgt hatte, dass die Kayser-Klinik im Münchener Südwesten nicht mehr nur wegen ihrer ausgezeichneten medizinischen Versorgung berühmt war, sondern auch wegen ihrer Küche, grinste breit, als er das sagte. Leon Laurin, Leiter der Klinik, und er, waren längst per Du – und Lucie, Davids Frau, Kollegin und stärkste Stütze in der Küche, war es auch. Sie hatten gegen manche Widerstände kämpfen müssen, und das hatten sie gemeinsam getan – und schließlich gewonnen. Nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern auch die Angestellten schwärmten geradezu von dem Essen, das David und Lucie Tag für Tag und mit nie nachlassender Kreativität für sie kochten. Sie taten es mit Liebe und Leidenschaft, und das schmeckte man. Es war nicht so, dass nie etwas danebenging, dazu experimentierte die gesamte Küchenbrigade viel zu gern, aber alle lernten aus ihren Niederlagen, und sie machten keinen Fehler zweimal. Sie baten immer um Rückmeldung, und die bekamen sie auch, von allen Seiten. Seit einiger Zeit hatte es gelegentlich Reibungen in der Küche gegeben, erzeugt von René Hartmann, einem neuen Koch, der zwar sehr begabt war, aber sich nicht gut unterordnen konnte. David hatte sich trotzdem für seine Anstellung ausgesprochen, mit der Begründung, man dürfe eine so große Begabung nicht ungenutzt lassen. Noch stand nicht fest, ob er sich richtig entschieden hatte. Immer mal wieder sorgte René für Ärger, doch vor allem David setzte darauf, dass der junge Mann lernfähig war. Lucie war da schon weniger hoffnungsvoll, aber sie behielt ihre Vorbehalte für sich. »Ich wünsche euch beiden einen erholsamen Aufenthalt in Thailand«, erwiderte Leon. »Wenn ich auch nach wie vor nicht verstehe, wieso ihr nur eine Woche bleiben wollt. Es ist ein langer Flug, es wird dauern, bis ihr euch davon erholt habt.« David winkte ab. »Wir wollen kochen, Leon, das weißt du doch. Wir sind nicht an Urlaub am Strand interessiert.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
»Wir wollten uns verabschieden, Chef.«
David Burgmüller, der geniale Koch, der dafür gesorgt hatte, dass die Kayser-Klinik im Münchener Südwesten nicht mehr nur wegen ihrer ausgezeichneten medizinischen Versorgung berühmt war, sondern auch wegen ihrer Küche, grinste breit, als er das sagte. Leon Laurin, Leiter der Klinik, und er, waren längst per Du – und Lucie, Davids Frau, Kollegin und stärkste Stütze in der Küche, war es auch. Sie hatten gegen manche Widerstände kämpfen müssen, und das hatten sie gemeinsam getan – und schließlich gewonnen.
Nicht nur die Patientinnen und Patienten, sondern auch die Angestellten schwärmten geradezu von dem Essen, das David und Lucie Tag für Tag und mit nie nachlassender Kreativität für sie kochten. Sie taten es mit Liebe und Leidenschaft, und das schmeckte man. Es war nicht so, dass nie etwas danebenging, dazu experimentierte die gesamte Küchenbrigade viel zu gern, aber alle lernten aus ihren Niederlagen, und sie machten keinen Fehler zweimal. Sie baten immer um Rückmeldung, und die bekamen sie auch, von allen Seiten.
Seit einiger Zeit hatte es gelegentlich Reibungen in der Küche gegeben, erzeugt von René Hartmann, einem neuen Koch, der zwar sehr begabt war, aber sich nicht gut unterordnen konnte. David hatte sich trotzdem für seine Anstellung ausgesprochen, mit der Begründung, man dürfe eine so große Begabung nicht ungenutzt lassen. Noch stand nicht fest, ob er sich richtig entschieden hatte. Immer mal wieder sorgte René für Ärger, doch vor allem David setzte darauf, dass der junge Mann lernfähig war. Lucie war da schon weniger hoffnungsvoll, aber sie behielt ihre Vorbehalte für sich.
»Ich wünsche euch beiden einen erholsamen Aufenthalt in Thailand«, erwiderte Leon. »Wenn ich auch nach wie vor nicht verstehe, wieso ihr nur eine Woche bleiben wollt. Es ist ein langer Flug, es wird dauern, bis ihr euch davon erholt habt.«
David winkte ab. »Wir wollen kochen, Leon, das weißt du doch. Wir sind nicht an Urlaub am Strand interessiert. Wenn wir uns zwei Mal ausgeschlafen haben, sind wir erholt und stürzen uns in Thailands Küchen. Du weißt, ich habe meinen alten Freund Tuan in Bangkok, mit dem wir uns treffen. Er hat mir versprochen, mir ein paar Geheimnisse der thailändischen Küche zu verraten, soweit ich sie noch nicht kenne.« Wieder grinste er vergnügt.
Er war erst sechsunddreißig Jahre alt, hatte früher einmal ein Sternerestaurant geführt, sich dann aber aus dem ‚Sterne-Zirkus‘ zurückgezogen. Leons Angebot, in der Kayser-Klinik eine Küche aufzubauen und damit Neuland zu betreten, hatte er angenommen, obwohl er zunächst skeptisch gewesen war.
Aber die Aufgabe, eine Klinikküche zu entwickeln, die nichts mit der üblichen lieblosen Krankenhauskost zu tun hatte, sondern sich eher an gehobener Kochkunst orientierte, hatte ihn gereizt, und er hatte sich der Herausforderung gestellt.
In Lucie, die damals noch Herrndorf hieß, hatte er eine ebenso begeisterte Mitstreiterin gefunden. Sie war mehr als zehn Jahre jünger als er und auf ganz anderen Wegen zum Kochen gekommen, dennoch hatten die beiden sich gesucht und gefunden – und schon bald waren sie ein Liebespaar geworden. Wenig später hatten sie geheiratet.
»Ich freu mich so auf diese Woche!«, sagte Lucie mit leuchtenden Augen. »Und auf das, was daraus folgt. Wir werden die Küche hier noch mal ein ganzes Stück nach vorn bringen, Leon.«
Er freute sich über ihre Begeisterung, hielt es aber doch für angebracht, eine vorsichtige Mahnung anzubringen. »Aber ihr vergesst mir nicht, dass ihr hier für Patienten kochen müsst, oder? Für die meisten sind scharfe Gewürze nichts, und …«
Beide hoben die Hände, um ihn am Weiterreden zu hindern, und beide brachen in Gelächter aus. »Wofür hältst du uns denn?«, rief David. »Willst du uns beleidigen? Wir sind Profis, Leon, wir werden hier nicht plötzlich anfangen, empfindliche Mägen zu reizen. Wir lassen uns anregen und machen dann aus den Anregungen eigene Gerichte.«
»Entschuldigt bitte, aber plötzlich hatte ich die Vorstellung, dass ihr so begeistert von scharfen thailändischen Gerichten zurückkommt, dass ihr der Versuchung nicht widerstehen könnt, wenigstens auszuprobieren, wie weit ihr hier gehen könnt.«
»Wir sollten gekränkt sein, David, meinst du nicht?«, fragte Lucie, aber ihre lachenden Augen verrieten, dass sie weit davon entfernt war, Leons Worte als Kränkung aufzufassen.
»Nein, solltet ihr nicht. Ich hoffe nur, euer Team kommt ohne euch zurecht. Ich muss gestehen, dass ich in den letzten Tagen hier und da gehört habe, wie die verschiedensten Befürchtungen geäußert wurden. Fast alle Angestellten waren ja schon hier, als ihr angefangen habt, und sie erinnern sich lebhaft an ‚den Fraß‘ – das ist ein Zitat – der uns vorher immer geliefert worden ist. Wobei man sagen muss, dass das Essen am Anfang viel besser war, aber mit der Zeit tatsächlich immer schlechter geworden ist.«
»Das war unser Glück«, lächelte David. »Denn wärt ihr zufrieden gewesen, hätten wir keine Chance bekommen, es besser zu machen.«
»Also«, sagte Lucie, Leons Worte aufgreifend, »ich glaube schon, dass alles auch ohne uns gut klappen wird. Der Speiseplan für die Zeit unserer Abwesenheit steht, es sind lauter Menüs, die wir schon lange auf dem Plan haben und die die anderen auch ohne uns zubereiten können. Vielleicht wird mal ein Fischfilet trocken oder das Gemüse ist nicht so gewürzt wie sonst, aber dass es völlig schiefgeht, halte ich für ausgeschlossen.«
David stimmte ihr lebhaft zu. »Ich auch, Leon, da musst du dir wirklich keine Sorgen machen. Die Bestellungen sind auch schon alle raus, also, ich wüsste nicht, was da nicht laufen sollte.«
»Ihr wisst doch, wie es heißt: ‚Was passieren kann, passiert‘.«
»Man kann sich so etwas auch einreden. Oder willst du uns etwa den Urlaub vermiesen?«
»Ich habe nur Spaß gemacht«, versicherte Leon. Ernster fügte er die Frage an: »Läuft es mit dem neuen Koch gut?«
»Noch nicht ganz«, musste David zugeben.
»René ist einfach ein Angeber«, stellte Lucie trocken fest. »Er hat tolle Ideen, das kann ich nicht bestreiten, aber eigentlich ist er ein Einzelspieler. Was Teamarbeit ist, muss er noch lernen.«
»Aber ihr denkt, er lernt es?«
»Ich hoffe es«, antwortete David mit fester Stimme. »Er ist ein großes Talent, es wäre schade, wenn das nicht zur Entfaltung käme.«
»Leider«, seufzte Lucie, »sieht er auch noch gut aus, die Frauen himmeln ihn an. Das fördert seinen Größenwahn. Dabei wäre es gerade Bescheidenheit, die er lernen müsste.«
»Hoffentlich gibt es mit ihm keinen Ärger während eurer Abwesenheit.«
»Er ist noch in der Probezeit, und er wollte ja unbedingt hier arbeiten, also gehe ich mal davon aus, dass er sich entsprechend verhält«, erwiderte David. »Er ist ja auch noch jung.«
»Älter als ich!«, stellte die fünfundzwanzigjährige Lucie mit Nachdruck fest. »Zwei Jahre.«
»Na ja«, murmelte David, »wenn ich an mich denke … ich war, glaube ich, mit siebenundzwanzig auch noch nicht so vernünftig wie heute.«
Lucie kicherte. »Vernünftig bist du immer noch nicht.«
Leon hatte seinen Spaß an den beiden, wie meistens, weil sie sich immer ein bisschen kabbelten, aber auf eine sehr liebevolle Art.
»Bevor ich es vergesse: Du musst ja wissen, an wen du dich wenden musst, wenn es wider Erwarten doch Probleme geben sollte während unserer Abwesenheit: Das gesamte Küchenteam hat sich für Kurt Kleibowitz entschieden, unseren Saucier. Er ist der Älteste, er hat die größte Erfahrung, und alle vertrauen ihm. Das ist zwar nicht das übliche Vorgehen, aber das Team selbst hat es so vorgeschlagen. Also wende dich bitte bei jeglichen Fragen zur Küche an ihn, er ist der Verantwortliche, und er hat die Aufgabe ziemlich stolz übernommen.«
»Gut, dann weiß ich Bescheid«, sagte Leon. »Wann fliegt ihr denn eigentlich?«
Lucie warf einen Blick auf die Uhr. »In sechs Stunden«, sagte sie. »Und wir sind mit dem Packen noch nicht fertig, wir müssen jetzt wirklich los, David.«
»Ach, das bisschen Zeug, das wir für eine Woche brauchen, ist doch in einer Viertelstunde verstaut«, erwiderte David sorglos, folgte seiner schönen jungen Frau dann aber doch zur Tür, nachdem er Leons Hand so fest gedrückt hatte, dass dieser einen leisen Schmerzenslaut von sich gab. Und dann waren die beiden weg.
Moni Hillenberg kam herein. »Ihr Termin, Chef«, sagte sie. »Ihnen bleiben noch fünf Minuten.«
»Welcher Termin denn?«
Sie zog leicht die Stirn in Falten. »Der Finanzplan fürs kommende Jahr«, sagte sie. »Die Damen und Herren werden gleich hier sein.«
Leon stöhnte. »Vergessen oder verdrängt, suchen Sie sich etwas aus«, murmelte er. »Der Finanzplan! Also, der hat mir jetzt gerade noch gefehlt.«
Sie zog sich mit einem mitleidigen Lächeln zurück. Genau fünf Minuten später trafen die angekündigten ‚Damen und Herren‘ von der Finanzbuchhaltung ein.
*
Luisa Gehring betrat das Sprechzimmer ihres Gynäkologen Walter Gierke. Sie war eine sehr hübsche Blondine mit strahlenden blauen Augen, die immer guter Dinge zu sein schien. Seit ihrer ersten Periode war sie bei Walter Gierke, sie hatte Vertrauen zu ihm. Noch immer sprach er sie mit ihrem Vornamen an, sie war ja bei ihrem ersten Besuch erst dreizehn gewesen. Als er dann irgendwann plötzlich ‚Frau Gehring‘ zu ihr gesagt hatte, war ihr das so seltsam vorgekommen, dass sie ihn gebeten hatte, bei ‚Luisa‘ zu bleiben, und diesen Vorschlag hatte er angenommen, zugleich aber darauf bestanden, sie ab sofort zu siezen. »Das gehört sich so, Luisa!« Das hatte sie akzeptiert und war sich sehr erwachsen vorgekommen.
Zu ihrem Kummer war er schon siebenundsechzig Jahre alt und hatte ihr schon beim letzten Mal gesagt, er werde bald aufhören. Sie mochte nicht daran denken, dass sie sich einen neuen Gynäkologen würde suchen müssen – oder auch eine Gynäkologin. Sie war so an Dr. Gierke gewöhnt! Sie hatte ihn sogar richtig gern. So gern, dass sie ihm manchmal auch ihr Herz ausschüttete. Er hörte immer aufmerksam zu, und meistens wusste er Rat. Sie sah ihn eher als guten Freund an, weniger als Arzt.
»Luisa!«, sagte er verwundert. »Ihr letzter Besuch ist doch höchstens ein Vierteljahr her. Haben Sie ein Problem?«
»Keine Ahnung, jedenfalls glaube ich, dass ich schwanger bin, Herr Doktor!«
Er betrachtete sie nachdenklich. Sie hatte ihm erzählt, dass sie nicht mehr mit ihrem Freund zusammen war. Er hatte ihre Worte noch im Ohr. »Er ist einfach so ein Angeber, immer tut er so, als wäre er der Größte. Und im Grunde genommen interessiert er sich nur für sich. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich irgendwann mal in ihn verliebt war. Wahrscheinlich, weil er gut aussieht. Aber für seinen Charakter muss ich blind gewesen sein.«
Sie hatte noch einiges mehr gesagt, sie war bei ihm eigentlich immer sehr mitteilsam. Im Stillen hatte er von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt, als sie ihm von diesem Freund erzählt hatte. Nun, sein Gefühl war offenbar richtig gewesen, obwohl er den jungen Mann nicht kennengelernt hatte. Aber Luisas Berichte waren ja immer sehr offenherzig, er hatte seine Schlüsse daraus ziehen können.
»Ich untersuche Sie erst einmal«, sagte er. »Aber Sie beide haben doch verhütet, oder?«
»Ja, immer.« Sie machte eine kleine Pause. »Also, fast jedenfalls. Mit Präservativen, weil ich ja die Pille nicht so gut vertrage und das Pessar auch nicht. Aber er hat oft gesagt, so ein Ding hemmt ihn, es ist nicht so schön wie ohne und dass ich mich nicht so anstellen soll …«
»Luisa!« Walter Gierke war ehrlich entsetzt. »Haben Sie mir nicht selbst erzählt, dass Sie nicht einmal sicher sind, ob er nicht auch mit anderen Frauen schläft? Sie wissen, doch welche Gefahren …«
Sie ließ ihn nicht ausreden. »Ja, das weiß ich«, sagte sie kleinlaut, »aber er hat mich ein paarmal weichgeklopft. Zweimal oder vielleicht waren es auch drei. Ich habe nachgegeben, weil ich dachte, es sind meine unfruchtbaren Tage, aber das war wohl ein Irrtum. Dabei muss es passiert sein.«
Er untersuchte sie und wusste bald zweifelsfrei, dass ihre Diagnose richtig war.
»Sie sind etwa in der zehnten Woche«, sagte er, als sie sich wieder angezogen hatte.
»Ich hab’s gemerkt, irgendwie«, sagte sie.
»Was haben Sie jetzt vor?«, fragte er.
Sie sah ihn verwundert an. »Was ich vorhabe? Na, ich kriege das Kind und ziehe es groß. Hoffentlich schlägt es mehr nach mir und nicht nach seinem Vater. Aber bezahlen wird er müssen, meine Eltern sind froh, dass ich keine Unterstützung mehr von ihnen brauche, sie haben es ja selbst nicht so dicke.«
»Wie werden sie es aufnehmen, was denken Sie?«
»Die freuen sich«, erklärte Luisa unbekümmert. »Genau wie ich. Meine Eltern haben sich schon gefreut, als ich ihnen gesagt habe, dass ich wieder solo bin, die konnten meinen Freund nicht leiden. Sie haben ihn zwar nur einmal gesehen, eher zufällig, aber das hat ihnen gereicht. Nicht, dass sie das so gesagt hätten, aber ich hab’s gemerkt. Mit Leuten, die sich selbst für was Besonderes halten, kann vor allem mein Papa nicht gut umgehen.«
»Ihr Leben wird sich ziemlich verändern, und auf keinen Fall wird es leichter werden als Alleinerziehende. Sie müssen ja auch Geld verdienen, aber wenn Sie sich innerlich gut darauf einstellen, wird Ihnen das helfen.«
»Sie kennen mich doch, Herr Doktor, ich lass mich nicht so schnell unterkriegen. Und wenn ich mit meiner Chefin rede, hilft die mir auch. Die will mich auf keinen Fall verlieren.«
Luisa war Altenpflegerin, sie arbeitete in der ambulanten Pflege, fuhr also zu den ihr anvertrauten alten Menschen nach Hause. Walter Gierke war sicher, dass sie in ihrem Beruf alles gab.
»Zum Glück lassen Sie sich nicht so schnell unterkriegen«, sagte er. »Ein Problem allerdings gibt es: Ich werde Sie nicht bis zum Ende Ihrer Schwangerschaft begleiten können. Ich hatte Ihnen ja schon gesagt …«
Weiter kam er nicht, denn Luisa unterbrach ihn. War sie vorher völlig gelassen geblieben in einer Situation, in der viele andere Frauen verzweifelt reagiert hätten – schwanger von einem Mann, mit dem sie nicht mehr zusammen waren – so änderte sich das jetzt schlagartig. »Nein!«, rief sie mit Panik in der Stimme. »Das können Sie mir nicht antun, Herr Dr. Gierke, ich brauche Sie doch, gerade jetzt!«
