Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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© 2010 E-Book-Ausgabe (EPUB)
© 2007 Verlag Bertelsmann Stiftung, GüterslohVerantwortlich: Dr. Jens U. Prager, Clemens WielandLektorat: Heike Her rbergHerstellung: Christiane RaffelUmschlaggestaltung: Nadine HumannUmschlagabbildung: Veit Mette, BielefeldSatz und Druck: Hans Kock Buch- und Offsetdruck GmbH, Bielefeld
ISBN : 978-3-86793-182-3
www.bertelsmann-stiftung.de/verlag
Vorwort
»Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.«
Molière
Das deutsche Berufsbildungssystem galt lange Zeit international als vorbildlich und hat maßgeblich zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes beigetragen. Um seiner Vorbildrolle auch in Zukunft gerecht zu werden, sind jedoch Reformen unabwendbar: Nicht nur die schwierige Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt, auch das Ausufern von Übergangssystemen und Warteschleifen sowie die Klagen der Unternehmen über Kompetenzmängel von Schulabgängern und Auszubildenden sind alarmierende Signale für Veränderungsdruck und Handlungsbedarf.
Die derzeitige Situation hat gravierende negative ökonomische Konsequenzen und führt zudem dazu, dass einer wachsenden Zahl junger Männer und Frauen der Weg in die Berufswelt versperrt bleibt - und damit der Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe und Integration. Die Folgen einer solchen Entwicklung sind nicht nur für jeden einzelnen betroffenen jungen Menschen verheerend, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes.
Erst bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, wie tief die Veränderung des Umfeldes greift, auf das berufliche Bildung in Zeiten der Globalisierung und Individualisierung eingehen muss: Ging es noch in der Generation unserer Eltern darum, einen Identität stiftenden Beruf für das Leben zu erlernen, so sind heute Flexibilität und »Employability« zu Kernanforderungen beruflicher Perspektiven geworden; galten früher Handwerker und Fachleute als Leitbilder einer beruflichen Bildung, so werden es zunehmend innovative, breit vernetzte Selbst-Unternehmer, die ihre Kompetenzen je nach Marktlage in unterschiedlichen Kombinationen auf dem Arbeitsmarkt anbieten. Solche Veränderungen erfordern Anpassungsprozesse, die weit über das partielle Nachjustieren des Systems hinausgehen.
Die Bertelsmann Stiftung versteht sich als Förderin des gesellschaftlichen Wandels und beschäftigt sich seit Jahren mit Fragen der (Aus-)Bildung und der Arbeitsmarktchancen Jugendlicher in einer sich verändernden Welt. Die vorliegende Publikation soll einen Überblick über die aktuelle Situation sowie die zentralen Herausforderungen und Perspektiven der Berufsbildung in Deutschland geben.
Die Beiträge des ersten Teils spiegeln die aktuellen Herausforderungen des Systems der beruflichen Bildung unter Berücksichtigung von Jugendarbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel und sich verändernden Qualifikationsanforderungen. Der zweite Teil lenkt den Blick über die Grenzen hinweg in die europäischen Nachbarländer, die ebenfalls duale Traditionen in der beruflichen Bildung verfolgen. Im Sinne des »Lernens von den anderen« können solche Erfahrungen dazu dienen, den Wissenstransfer und grenzüberschreitende Lernprozesse zu fördern. Die Einschätzungen aus institutioneller Perspektive stehen im Vordergrund des dritten Teils: Hier skizzieren Vertreterinnen und Vertreter von Gewerkschaften und Kammern ihre konkreten Vorstellungen von Veränderungsbedarf in der beruflichen Bildung und leiten über zu perspektivischen Betrachtungen der Reformspielräume des deutschen Systems im abschließenden Teil.
Die Beiträge dieses Bandes zeigen deutlich: Die aktuellen Diskussionen um die Zukunft der beruflichen Bildung werden nicht zuletzt deshalb so kontrovers geführt, weil sie eine Vielzahl von gesellschaftlichen Grundsatzfragen berühren, zu denen es sehr unterschiedliche, zum Teil konträre Positionen gibt. Gerade in Veränderungsprozessen ist es jedoch wichtig, über Partikularinteressen hinweg das gemeinsame Ziel einer zukunftsfähigen Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Diese Publikation soll helfen, die Debatte um die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung zu versachlichen. Sie soll einen Beitrag zur Klärung von Positionen und zur gemeinsamen Zieldefinition leisten. Den beteiligten Autorinnen und Autoren sowie unseren Kollegen möchten wir für ihre Mitwirkung und ihr großes Engagement an dieser Stelle ausdrücklich danken.
Dr. Johannes MeierMitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung
Dr. Stefan EmpterLeiter Themenfeld Wirtschaft und Soziales
Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Vorwort
Berufliche Bildung vor neuen Herausforderungen
Teil I: - Ausgangslage
Berufsbildung: Teil des Bildungssystems - nicht nur des Arbeitsmarktes
Der spezifisch deutsche Berufsbildungspfad
Einbußen in der Leistungsfähigkeit des deutschen Ausbildungssystems
Der versäumte Strukturwandel: Hypothek für die Zukunft
Literatur
Entwicklungstrends in der Arbeit - Veränderung der Qualifikationsanforderungen
Trends in der Arbeitswelt
Bis zur Rente erhalten: Leistungs- und Beschäftigungsfähigkeit
Neuen Qualifikationsbedarf frühzeitig erkennen
Herausforderungen für Aus- und Weiterbildung
Literatur
Teil II: - Entwicklungswege im Vergleich: Ein Streifzug durch Europa
Berufsbildung in Europa - Herausforderungen und Strategien
Europäische Strategien
Die wichtigsten Herausforderungen
Ansätze europäischer Berufsbildungspolitik
Schlussfolgerungen und Prioritäten
Literatur
Das Berufsbildungswesen der Schweiz
Die Funktionsfähigkeit der Berufsbildung
Lehrstellenknappheit und -überschuss
Kostenfaktor schulische Leistungsfähigkeit
Diskriminierungen
Übergangsprobleme und Angebote für lernschwache Jugendliche
Schlussfolgerungen
Literatur
Lehrlingsausbildung in Österreich: Trends - Probleme - Perspektiven
Ausbildungsstruktur: duale und schulische Berufsbildung
Demographischer Rückgang und steigende Ausbildungsinklusion
Strukturwandel in Beschäftigung und Ausbildung
Auswirkungen am Lehrstellenmarkt
Lehrabsolventen im Beschäftigungssystem
Perspektiven
Literatur
Teil III: - Berufliche Bildung der Zukunft: Szenarien für Deutschland
Für mehr qualifizierte Berufsausbildung: Strukturelle Finanzierungsmängel überwinden
Handlungsbedarf
Instrumente zur Sicherung des Bedarfs an qualifizierten Fachkräften
Nicht im Selbstlauf: Sicherung des Fachkräftebedarfs
Literatur
Zur Zukunft deutscher Berufsausbildung im europäischen Bildungsraum
Berufsbildungssystem unter Druck
Die Kehrseite des »Erfolgsmodells«
Kriterien einer zukunftsfähigen beruflichen Bildung
Europäische Weichenstellungen
Entscheidungsfragen
Szenario: Reformpotenzial eines nationalen Qualifikationsrahmens
Literatur
Berufsbildung in der Wissensgesellschaft - Anknüpfungspunkte für Reformen
Hintergründe
Normative Position
Grundlegende Gestaltungsempfehlungen
Anknüpfende Konkretisierungen
Zusammenfassung und Ausblick
Literatur
Flexibilisierung der Berufsausbildung
Die Herausforderungen an das duale System
Auswahlmodell »Dual mit Wahl«
Die Vorteile des Modells
Teil IV: - Perspektiven
Reformbedarf und Reformfähigkeit der beruflichen Bildung
Qualifikationschancen für alle
Reformen an der Basis
Berufsbildung beginnt in der Schule
Kooperative Lösungen für strukturelle Probleme
Höchstqualifikationen durch Berufsbildung
Globalisierung verlangt international ausgerichtete Berufsbildung
Deutsche Berufsbildung: international anschluss- und wettbewerbsfähig
Literatur
Zwischen Innovation und Qualifizierungsmarkt: Szenarien im Vergleich
Szenarien der Qualifizierung aus europäischer Sicht
Eine europäische Entwicklungsperspektive
Fazit
Literatur
Ausblick: Wie geht es weiter?
Strukturelle Entwicklungen und langfristige Trends
Erfolgsmodell duales System
Herausforderung demographischer Wandel
Europäische Initiativen
Für eine strukturelle Innovation
Die Autorinnen und Autoren
Berufliche Bildung vor neuen Herausforderungen
Björn Hekman, Jens U. Prager, Clemens Wieland
Die Strukturschwäche des deutschen Berufsbildungssystems hat mittlerweile zu einer bedrohlichen Schieflage geführt. Mit Bezug auf den Berufsbildungsbericht (BMBF 2006: 6) können aktuell mindestens drei Handlungsfelder identifiziert werden, denen sich das System zukünftig stellen muss:
• die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Berufsbildung
• die Erschließung neuer Potenziale zur Sicherstellung der Ausbildungschancen Jugendlicher
• die Gestaltung der internationalen Anerkennungsfähigkeit beruflicher Qualifikationen im Kontext der Globalisierung
Bedrohliche Schieflage
Neben diesen zentralen Herausforderungen muss zudem die Frage gewissenhaft beantwortet werden, welchen Einfluss der Übergang in das postindustrielle Zeitalter auf die Gesellschaft nimmt und wie ein zukunftsgerichtetes Berufsbildungssystem diese Neuorientierung aufgreift. Lager- und parteiübergreifend hat sich ein entsprechendes Bewusstsein entwickelt, und die Handlungsnotwendigkeit ist nunmehr unstrittig. Wie es diese Not allerdings zu wenden gilt, darüber lässt sich offenkundig streiten: Versucht man, eine gemeinsame Linie zu orten, so scheint der gemeinsame Nenner umso kleiner zu werden, je mehr Meinungen man miteinbezieht.
Die Palette der Reformvorschläge reicht von der Forderung einer Ausbildungsplatzabgabe über die Reduzierung der Berufsbilder, von einer Modularisierung und Teilzertifizierung von Ausbildungsbausteinen über die Senkung oder zumindest das Einfrieren der Lehrlingsvergütungen, der Verbesserung der Zusammenarbeit von Betrieben und Berufsschulen bis hin zu Grundsatzschritten wie der Hinwendung zu einem stärker verschulten System oder der Erhöhung der Durchlässigkeit zur tertiären Bildung. So vielfältig wie die
Palette der Reformvorschläge
Reformvorschläge sind auch die Akteure, die an der Gestaltung des hoch fragmentierten Systems der beruflichen Bildung in Deutschland beteiligt sind und ihre Interessen zu wahren versuchen.
Reform des Berufsbildungsgesetzes
Unter der nicht mehr zu leugnenden Last der Probleme wurde Anfang 2005 das Berufsbildungsgesetz umfassend reformiert. Auch wenn vielen Fachkundigen die Gesetzesänderungen nicht weit genug gingen, liefert das Berufsbildungsgesetz (BBiG) nunmehr die Voraussetzung dafür, notwendige Reformschritte umzusetzen. Als mühselig erweist sich allerdings ihre zügige Verwirklichung in der Praxis.
Zentrale Herausforderungen
Ein Signal, diesen Missstand zu beheben, sendete die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, nicht zuletzt anlässlich der Debatte zum Thema »Neue Dynamik für Ausbildung« im Deutschen Bundestag am 20. Oktober 2006. Auch in dem von der Ministerin initiierten und mit Fachleuten aus Theorie und Praxis zusammengesetzten Innovationskreis für berufliche Bildung wird der Handlungsbedarf artikuliert. Die Senkung der Ausbildungshemmnisse und die Abschaffung der Warteschleifen stellen dabei zentrale Herausforderungen für die Zukunft dar.
Fundamentale Krise
Augenscheinlich ist das System in eine fundamentale Krise geraten, deren Ursachen kaum monokausal zu erklären sind. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass die Krisensymptome und Reformbedarfe in all ihrer Komplexität ein Spiegelbild der vielfältigen Herausforderungen sind, denen sich das Berufsbildungssystem zu stellen hat, um für das 21. Jahrhundert gerüstet zu sein.
Maßstäbe für Zukunftsfähigkeit
An welchen Maßstäben wird sich ein zukunftsfähiges System der beruflichen Bildung (und der Bildung im Allgemeinen) messen lassen müssen? Im Grunde genommen hat es zwei grundsätzliche Bedingungen zu erfüllen: Es muss der ökonomischen Zielsetzung genügen, im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu sein mit allen damit verbunden Konsequenzen, und es muss der gesellschaftspolitischen und sozialen Zielsetzung genügen, einem möglichst großen Teil der Bevölkerung - insbesondere auch jungen Menschen im unteren Drittel des Leistungsspektrums - die Teilhabe am Erwerbsleben zu ermöglichen.
Interdependenz der Zielsetzungen
Dabei ist die hohe Interdependenz der Zielsetzungen zu beachten. Wird die soziale Perspektive außer Acht gelassen, zieht das ökonomische Konsequenzen nach sich - gemeint sind hier etwa die gesellschaftlichen Folgekosten einer hohen Zahl von Warteschleifenkandidaten. Werden umgekehrt die ökonomischen Anforderungen ignoriert, sind soziale Konsequenzen die Folge - zum Beispiel eine weiter nachlassende Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen, die durch vermeintliche kurzfristige Kosteneinsparungen begründet wird. Diese nicht immer kongruent verlaufenden Zielsetzungen sollen nachstehend erläutert werden.
Erste Zielsetzung: die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sichern
Die Wirtschaftswelt befindet sich in einer Epoche fundamentaler - sektoraler und auch struktureller - Umbrüche. Reformen der dualen beruflichen Bildung werden sich in erster Linie daran messen lassen müssen, inwieweit sie dazu angetan sind, diesen Wandel angemessen zu flankieren, ohne dabei die Mittel-Zweck-Relation zwischen Mensch und System aus den Augen zu verlieren.
Wirtschaft im Umbruch
Die Entstehung des deutschen Berufsbildungssystems mit seiner heutigen Organisationsstruktur - also der Spaltung in öffentlich-rechtliche Berufsschule und betriebliche Ausbildung, die über einen zivilrechtlichen Vertrag geregelt wird - ist eng mit der fortschreitenden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbunden. Die Entwicklung zu einer Dienstleistungsgesellschaft erfordert nun viele neue Berufsbilder, die durch das Ausbildungsstellenangebot aber noch nicht hinreichend abgedeckt sind.
Berufliche Bildung im Wandel
Zudem sind von dem gesamtwirtschaftlichen Strukturwandel mittlerweile fast alle Fertigungsberufe betroffen, die erhebliche Beschäftigungsrückgänge verzeichnen. Diese Entwicklung erfasst vor allem die klassischen Elektro-, Metall- und Bauberufe, in denen noch knapp 50 Prozent der Jugendlichen ausgebildet werden, aber nur jeder vierte dann tatsächlich arbeitet. Auch im gewerblich-technischen Bereich wandeln sich die Anforderungen ganz erheblich. Im Ergebnis kommt es zu einer ständig wachsenden Zahl neuer Berufsbilder, die den Ausbildungsmarkt für die Angebots- wie auch für die Nachfrageseite zunehmend unübersichtlicher und kaum transparent werden lässt.
In diesem Zusammenhang spielt auch die lange Tradition deutscher Berufsbilder eine Rolle. Der früher eher reibungslos verlaufende Übergang von Ausbildung in Beschäftigung ist nicht zuletzt dem Berufsprinzip zuzuschreiben. Dies ist auch der Grund dafür, dass Facharbeiter1 und Fachangestellte als Markenzeichen des deutschen Produktions- und Arbeitsmodells angesehen werden.
Traditionen
Neue Organisationsprinzipien
Unabhängig davon entwickeln sich durch eine zunehmend vernetzte Weltwirtschaft neue betriebliche Organisationsprinzipien, mit denen das traditionell geprägte deutsche Facharbeitersystem vor ganz neue Herausforderungen gestellt wird. Schlagworte wie »neues Kostenmanagement« oder »global sourcing« beschreiben eine Entwicklung, in der herkömmliche Arbeitsorganisationen zugunsten flexiblerer und offener Marktmechanismen aufgebrochen werden. Durch den dynamischen Wandel der Qualifikationsanforderungen kommt es zu einer Rückständigkeit der Berufsbilder, und angesichts der sich verändernden Flexibilitätsanforderungen der modernen Produktion und Dienstleistungsarbeit muss diskutiert werden, inwiefern eine berufsbezogene Arbeitsorganisation noch als adäquat angesehen werden kann.
Ausbildungsqualität
Bei der Ausbildungsqualität wird immer wieder die fehlende Abstimmung der Berufsschulen mit den Betrieben und - daraus resultierend - die unzureichende Praxisorientierung des schulischen Unterrichts bemängelt. Das duale Prinzip, also die Verzahnung von Theorie und Praxis, aber auch die Verbindung von Systematik und Kasuistik bedarf einer koordinierten, organisatorisch einheitlichen Form. Mit Blick auf den Zusammenhang zwischen Kosten und Qualität zeigen internationale Rentabilitätsvergleiche (beispielsweise für die Schweiz), dass deutsche Unternehmen im Durchschnitt rentabler ausbilden könnten.
Es wäre verhängnisvoll, wenn der stete Ruf der Politik, die Unternehmen mögen doch mehr Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen, die duale Ausbildung auf einen sozialen Akt reduzierte. Zukunftsfähig wird das System nur dann werden, wenn es gelingt, die Ausbildungsbereitschaft in erster Linie über ökonomische Anreizsysteme und Kalküle zu aktivieren. Hierzu gehört sicherlich auch, das ökonomische Bewusstsein auf Unternehmerseite zu verändern, sodass Ausbildung nicht als Kostenfaktor, sondern als Investition verstanden wird.
Flexibilität und Spezialisierung
Den Strukturwandel zu flankieren bedeutet auch, das System kompatibel für den Weg in die Wissensgesellschaft und für lebenslanges Lernen zu machen. In Zukunft wird es mehr auf Lernkompetenz und kurzfristige Anpassungsfähigkeit der Einzelnen ankommen. Jugendliche werden flexibler denn je sein müssen, um auf dem engen Beschäftigungsmarkt eine Chance zu erhalten. So wurde bereits in den 90er Jahren vorrangig nur noch in betriebsrelevanten Basisberufen ausgebildet, um ein entsprechend breit einsetzbares Potenzial an Nachwuchskräften zu sichern. Für die berufliche Spezialisierung der Jugendlichen sorgten erhöhte praxisnahe und arbeitsintegrierte Ausbildungsanteile sowie eine gezielte Weiterbildung im Sinne einer fachlichen Spezialisierung ausgewählter Absolventen nach Abschluss der eigentlichen Ausbildung.
Durchlässigkeit
Bemängelt wird auch häufig die zu starke institutionelle Trennung zwischen den Einrichtungen der akademischen Bildung (Universitäten und Fachhochschulen) und der beruflichen Aus- und Weiterbildung hierzulande. Besonders auffällig sind die schier unüberwindbaren Zugangsbarrieren für Absolventen beruflicher Bildungsgänge, nach abgeschlossener Ausbildung ein Studium aufzunehmen. Dabei könnte eine Öffnung und Flexibilisierung des Bildungssystems auf vertikaler wie auf horizontaler Ebene große Chancen bergen. Die Wirtschaft könnte auf diesem Weg hoch qualifizierte Kräfte gewinnen, die auf Basis einer Kombination von Facharbeiterausbildung und Studium ein breites Spektrum an theoretischem und praktischem Wissen in ihre Arbeit einbringen würden.
Herausforderung Europa
Schließlich gilt es, die europäische Herausforderung anzunehmen. Fakt ist, dass es in Europa auch zukünftig unterschiedliche Berufsbildungssysteme geben wird, gleichzeitig aber die Mobilität der Arbeitnehmer steigt - diese Dynamik gilt es zu unterstützen. Die Entwicklungen in Richtung eines europäischen Qualifikationsrahmens und eines Leistungspunktesystems sind daher so notwendig wie irreversibel. Es kann nicht darum gehen, sich gegen diese Entwicklungen zu stellen, sondern nur darum, sie konstruktiv zu begleiten und dabei die Interessen dualer Ausbildungstraditionen angemessen zu vertreten. Der vielfach zitierten Gefahr einer »Atomisierung« des dualen Systems, verbunden mit einer Erosion beruflicher Identität, kann wirkungsvoll begegnet werden, wenn man sich rechtzeitig und nachdrücklich auf die eigenen Interessen besinnt.
Zweite Zielsetzung: gesellschaftliche Teilhabe und Integration fördern
Lage auf dem Ausbildungsmarkt
Neben der ökonomischen Argumentationslinie ist die der gesellschaftlichen Teilhabe von nicht geringerer Bedeutung. Als die Bundesagentur für Arbeit (BA) Mitte Oktober 2006 gemeinsam mit den Arbeitgeberverbänden und den zuständigen Ministerien die aktuellen Zahlen zur Ausbildungssituation vorlegte, zeichnete sich kein überraschendes Bild ab: Noch immer ist keine wirkliche Lösung des Problems in Sicht, allen ausbildungssuchenden Jugendlichen einen Ausbildungsplatz anbieten zu können.
So stehen bislang rund 49.500 Bewerber ohne Ausbildungsplatz da. Das sind 9.000 junge Menschen mehr als im Vorjahr. Die Bundesagentur für Arbeit führt diese Lehrstellenlücke zum Teil auf die Zunahme der Bewerber in diesem Jahr zurück, die sich unter anderem auch aus sogenannten Altbewerbern früherer Schuljahrgänge zusammensetzen und aus solchen Jugendlichen, die seit »Hartz IV« das erste Mal die Berufsberatung aufgesucht haben. Insgesamt haben sich im Zeitraum 2005/2006 bei der Bundesagentur für Arbeit 763.100 Bewerber gemeldet, von denen bislang 94 Prozent offiziell als versorgt gelten (BA 2006).
Lehrstellenlücke und Warteschleifen
Die in den Medien Ende 2006 oft zitierte »Lehrstellenlücke« belief sich auf rund 34.000 - also 6.000 zusätzlich fehlende Ausbildungsplätze im Vergleich zu 2005. Interessant bei all den Zahlen ist vor allem, dass auf den ersten Blick zwar etwa 714.000 Bewerber (94 Prozent) durch die BA als versorgt gelten konnten, sich jedoch beim genaueren Betrachten hinter den Daten eine besorgniserregende Entwicklung verbirgt: Von den insgesamt 763.000 Jugendlichen waren immer noch 390.000 ohne Ausbildungsvertrag. Anders ausgedrückt: Jeder zweite Lehrstellenbewerber wurde 2006 nicht in eine duale Ausbildung vermittelt. Fast die Hälfte der registrierten Bewerber konnte lediglich in Alternativen bzw. Übergangsmaßnahmen eingegliedert werden, die keineswegs mit einer dualen Ausbildung gleichzusetzen sind. Kritische Stimmen warnen seit Jahren davor, solche kostenintensiven und sinnlosen »Warteschleifen« als wirkliche Alternative zum latenten Lehrstellenmangel zu betrachten.
Übergangssysteme
Aber auch die Ursachen für dieses ausufernde Übergangssystem sind vielschichtig. Der Schule gelingt es offenkundig weder hinsichtlich der Schlüsselqualifikationen noch der elementaren Inhalte, eine hinreichende Zahl junger Menschen so zu qualifizieren, dass sie den Anforderungen der Arbeitswelt gewachsen sind. Parallel dazu steigen die qualitativen Anforderungen und sinken die quantitativen Bedarfe der Betriebe an Auszubildenden. Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wird (notdürftig) überbrückt von einer unüberschaubar großen Zahl öffentlicher und privater Akteure mit Programmen und Maßnahmen an der Schwelle zwischen Schule und Ausbildung, die sich in ihrer Wirkungsweise, Effektivität und Effizienz teils drastisch unterscheiden. Die Tragweite dieser Entwicklungen wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass mittlerweile 40 Prozent der Neuzugänge in berufliche Bildung in diesem Übergangssystem landen: Im Jahr 2006 mündeten erstmals mehr Jugendliche in Warteschleifen als in Ausbildung ein.
»Wartesaal der Armut«
Ohne näher auf die großen statistischen Erfassungs- und Abgrenzungsschwierigkeiten einzugehen, die sich aufgrund der unterschiedlichen Ausbildungs- und Übergangsstatistiken bei Kammern, Bundesagentur für Arbeit, Statistischem Bundesamt und Bundesinstitut für Berufsbildung ergeben, lässt sich sagen, dass einer stetig wachsenden Zahl junger Menschen keine wirkliche berufliche Perspektive geboten werden kann - sie befinden sich im »Wartesaal der Armut« mit wenig Chancen auf ein Erwerbseinkommen, das den Lebensunterhalt sichert.
Keine Lösung: demographischer Wandel
Es wäre auch verfehlt, sich von dem demographischen Wandel eine Lösung dieser Probleme zu erhoffen: In Zeiten steigender Ausbildungsanforderungen wird gerade die große Zahl junger Menschen im unteren Qualifikationsbereich nur zu einem geringen Teil von der Arbeitsnachfrage absorbiert werden. Laut einer aktuellen Studie der Unicef rechnen »mehr als 30 Prozent der Jugendlichen damit, keine anspruchsvolle Arbeitsstelle zu finden« (Unicef 2007: 1). Hier liegt Deutschland im Vergleich auf Platz 20 von 25 Industriestaaten. Die Konsequenzen dieser Entwicklung reichen weit über den ökonomischen Bereich hinaus. Die Angst vor den viel beschworenen »französischen Verhältnissen« oder die Debatte um Unterschichten und Prekariat seien hier nur als Stichworte genannt.
Fundament für sozialen Zusammenhalt
Wir müssen uns die fundamentale Bedeutung von Erwerbstätigkeit und Beruflichkeit für den sozialen Zusammenhalt und den sozialen Frieden vergegenwärtigen: Versteht man die Berufsausbildung und damit das duale Bildungssystem als Instrument zur Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz und Mündigkeit eines Individuums, so muss konstatiert werden, dass eine immer größer werdende Gruppe von diesem Prozess ausgeschlossen bleibt. Es ist fatal, wenn junge Menschen das Gefühl haben, nicht gebraucht zu werden, und oft nicht einmal eine erste Chance erhalten.
Reformbedarf aus unterschiedlichen Perspektiven
Wie kann nun mit diesen Herausforderungen umgegangen werden? Die diskutierten Möglichkeiten und Auswege sind vielfältig. Mit der vorliegenden Publikation soll ein erster Überblick über den Ist-Zustand in Deutschland und einzelnen Nachbarländern gegeben werden. Zudem beleuchten relevante Akteure verschiedene Varianten von Soll-Zuständen. Im ersten Teil wird zunächst die Ausgangssituation reflektiert. Anschließend wird der Blick geweitet und auf Ausgestaltung und Perspektiven dualer, beruflicher Bildung in ausgewählten europäischen Nachbarstaaten gelenkt. Danach folgen Positionen und Reformperspektiven aus Sicht der Interessenverbände. Zum Abschluss geben Fachleute aus Wissenschaft und Politik Einschätzungen über die Reformfähigkeit und Reformoptionen des Systems.
Aufbau der Publikation
»Bildungs-Schisma«
Im ersten Beitrag stellt Martin Baethge den Zusammenhang zwischen dem Bereich der beruflichen Bildung und dem gesamten Bildungssystem in Deutschland dar. Er vermittelt zunächst einen Einblick in die historischen Hintergründe der strikten Trennung von Allgemein- und Berufsbildung (dem »Bildungs-Schisma«). Baethge erörtert die Grenzen des dualen Systems hinsichtlich seines nicht bewältigten Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungs- bzw. Wissensgesellschaft sowie seiner mangelnden Bildungsmobilität. Vor dem Hintergrund sich verändernder Qualifikationsanforderungen werden vor allem die Chancen für eine verbesserte Leistungsfähigkeit und Stabilisierung des dualen Systems in einer Flexibilisierung und Öffnung des gesamten Bildungssystems sowie einer Revision bestehender Berufsbilder gesehen.
»FreQueNz«-Erfahrungen
Eine steigende Wissensintensität in allen Berufsbereichen zieht veränderte Anforderungen nach sich, denen sich Erwerbstätige zur Erhaltung ihrer Beschäftigungsfähigkeit stetig anpassen müssen. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsnetz zur Früherkennung von Qualifikationserfordernissen »FreQueNz« befassen sich Hans-Jörg Bullinger, Susanne Liane Buck und Hartmut Buck vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation mit den Herausforderungen und Folgen flexibilisierter Arbeitsformen und Organisationsprinzipien im Zuge des zunehmenden globalen Wettbewerbs. Sie beleuchten Chancen und Risiken neuer Qualifikationsanforderungen für Arbeitnehmer. Der Einzug neuer Technologien, verbunden mit der Verdrängung traditioneller Tätigkeiten in fast allen Branchen, ruft neue Qualifikationsbedarfe hervor, die rechtzeitig erkannt werden müssen. Die Autorin und die Autoren erläutern Schlüsselbegriffe wie »Employability« und »Workability« oder »Work-Life-Balance« und ihre Bedeutung im Kontext der Notwendigkeit eines lebenslangen, eigenverantwortlichen Kompetenzerwerbs.
Die europäische Perspektive
Der Beitrag von Manfred Tessaring erläutert vor dem Hintergrund der Lissabon-Strategie Funktion, Rolle und Möglichkeiten der beruflichen Bildung auf europäischer Ebene. Grundvoraussetzung eines wettbewerbsfähigen Europas ist für Tessaring eine zukunftsfähige, integrative und flexible Berufsausbildung, die auch verstärkt benachteiligte Gruppen wie Frauen und Migranten in ihre Ausbildungsprogramme einbindet. Im Beitrag werden u. a. europäische Strategien zur Verbesserung der Bildungsmobilität vorgestellt, wie die Einführung des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) und des Kreditpunktesystems (ECVET). Sie sollen in der beruflichen Bildung und Ausbildung eine erhöhte Transparenz und Vergleichbarkeit erworbener Qualifikationen erzeugen und Beschäftigungschancen junger Menschen verbessern.
Berufliche Bildung in der Schweiz
Eine Bestandsaufnahme des schweizerischen Berufsbildungssystems nimmt Stefan C. Wolter vor, wobei er Bildungsmöglichkeiten, Integrationsfähigkeit, Lehrabbruchsquoten, Arbeitsmarktchancen und Mobilität als Kriterien für die Wirksamkeit der beruflichen Bildung ansieht. Der Beitrag analysiert die Funktionsfähigkeit des Schweizer Systems und kommt zu einem durchaus positiven Bild, das durch einen steigenden Anteil von Schulabgängern, die eine berufliche Ausbildung durchlaufen, belegt werden kann. Wolter thematisiert aber auch die Diskriminierung von ausländischen Jugendlichen aus sozial niedrigen Schichten oder leistungsschwachen Schülern bei der Vergabe von Lehrstellen und plädiert für geeignete, spezifische Maßnahmen, die bereits im schulischen Bereich ansetzen müssen, um die Möglichkeiten auch dieser Gruppen zu verbessern.
Berufliche Bildung in Österreich
Arthur Schneeberger beschäftigt sich mit Besonderheiten und Strukturen der österreichischen Berufsausbildung. Er untersucht insbesondere die Auswirkungen des Strukturwandels und der demographischen Entwicklung auf Ausbildung und Beschäftigung und stellt im Zuge eines wachsenden, heterogenen Dienstleistungssektors gestiegene Anforderungen an Auszubildende fest. Anhand konkreter Zahlen und Daten gibt Schneeberger u.a. Einblicke in die österreichische Ausbildungs- und Arbeitsmarktlage sowie in die Entwicklung der Lehrlingszahlen im zeitlichen Verlauf. Auch dieser Beitrag beleuchtet Möglichkeiten und Grenzen des Berufsbildungssystems und erläutert Programme und Maßnahmen zur Bekämpfung des Lehrstellenmangels.
Plädoyer für Finanzierungsreform
Nach diesem Ausflug zu den europäischen Nachbarn lenkt der dritte Teil des Bandes den Blick auf verbandspolitische Einschätzungen in Deutschland. Beim Blick auf das duale Ausbildungssystem hierzulande ist oft von einer strukturellen Krise die Rede, die sich in Form schwindender Ausbildungskapazitäten und eines wachsenden Anteils des sogenannten Übergangssystems niederschlägt. Hermann Nehls plädiert in seinem Beitrag aus gewerkschaftlicher Perspektive für eine Finanzierungsreform der beruflichen Ausbildung und erörtert Chancen und Möglichkeiten tariflicher Regelungen und einer gesetzlichen Umlagefinanzierung, um die berufliche Ausbildung zukunftsfähig zu machen. Die duale Ausbildung in Deutschland befindet sich aus seiner Sicht mitten in einem Erosionsprozess, der durch einen Mangel an betrieblichen Ausbildungsplätzen und durch Qualitätsdefizite innerhalb der Ausbildung gekennzeichnet ist. In dem Beitrag werden vier Entwicklungsszenarien dualer Ausbildungssysteme skizziert, die die Schwachstellen der dualen Ausbildung offenlegen und gleichzeitig Instrumente zur Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs - dem wichtigsten Ziel der beruflichen Ausbildung - vorschlagen.
Der »Creditdschungel«
Auch Eva Kuda diskutiert in ihrem Beitrag aus gewerkschaftlicher Sicht verschiedene Positionen und Ansätze zur Verbesserung des dualen Systems und stellt Kriterien zur Zukunftsfähigkeit der dualen Ausbildung auf. Lebenslanges Lernen muss beispielsweise in einem europäischen Kontext gesehen werden, jedoch hinterfragt die Autorin kritisch die Vereinbarkeit europäischer Instrumente zur Schaffung von mehr Bildungsmobilität und -flexibilität mit dem dualen System in Deutschland. Kuda warnt hier vor einem »Creditdschungel«, der ein niedriges berufliches Kompetenzniveau zur Folge hätte, und sieht die Chancen eher in einem nationalen Qualifikationsrahmen, der auf einem Bündnis aller Interessenvertreter auf nationaler Ebene fußt. Institutionelle Veränderungen sollen im gesamten Bildungssystem - so auch an den Hochschulen - mit dem Ziel vorgenommen werden, die berufliche Handlungsfähigkeit zu stärken.
Bildungsträger als Bildungsdienstleister
Friedrich Hubert Esser vom Deutschen Handwerkskammertag (DHKT) setzt hingegen auf eine Aus- und Fortbildungsstruktur in Deutschland, die auf der Basis eines modularisierten Berufslaufbahnkonzeptes an Flexibilität gewinnt und sich leichter veränderten Marktbedingungen - auch auf europäischer Ebene - anpassen kann und dennoch das handwerkliche Berufsbildungskonzept aufrechterhält. Aufbauend auf einem Konzept von Grund-, Kern- und Spezialmodulen in der beruflichen Ausbildung, sollen hier Ausbildungsmöglichkeiten auch außerhalb des dualen Systems anschlussfähig gemacht und Übergänge durch Teilqualifikationen oder Wiedereinstiege in die duale Ausbildung erleichtert werden. Möglichkeiten des Weiterlernens und des Erwerbs von neuen Schlüsselqualifikationen - etwa IT- und interkulturelle Kompetenzen - spielen bei diesem Ansatz ebenfalls eine zentrale Rolle. Esser sieht aus unternehmerischer Perspektive die Möglichkeit, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zu fördern, indem Bildungsträger sich zu Bildungsdienstleistern vernetzen und somit die Planung und Organisation der beruflichen Ausbildung vereinfachen.
»Dual mit Wahl«
Sybille von Obernitz und Christoph Obladen stellen ein vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) entwickeltes Reformmodell vor, das die Vorteile der dualen Ausbildung mit flexiblen Wahlmöglichkeiten verbinden soll. Das »Dual mit Wahl«-Modell sieht eine Zweiteilung der Berufsausbildung in eine zunächst ein- bis zweijährige Phase der Vermittlung von gemeinsamen Kernkompetenzen bzw. grundlegenden Qualifikationen einer Berufsgruppe oder Branche vor, der sich dann in einem zweiten Abschnitt eine Phase der Vermittlung berufsspezifischer Kompetenzen anschließt. Konkret würde dieses Konzept eine Teilmodularisierung in der zweiten Phase der beruflichen Ausbildung beinhalten, in der die Jugendlichen aus betrieblichen Ausbildungselementen wählen können. Leistungsstarke Jugendliche können im Sinne des lebenslangen Lernprozesses bereits neben ihrer eigentlichen Ausbildung Zusatzqualifikationen in Form von branchen- oder betriebsspezifischen Bausteinen eigenständig auswählen und absolvieren.
Reformspielräume
Im letzten Teil der Publikation geht es um grundsätzliche Reformspielräume im deutschen System. Manfred Kremer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) sieht in der gegenwärtigen Struktur des dualen Systems ebenfalls erheblichen Reformbedarf und plädiert für flexiblere und durchlässige Aus- und Weiterbildungsstrukturen, damit mehr Menschen als bisher über berufliches Lernen hohe und höchste Qualifikationen erreichen können. Dazu ist seiner Meinung nach u. a. die Schaffung von Schnittstellen zwischen dem beruflichen und allgemeinen Bildungsbereich erforderlich, gleichzeitig müssen Wege berufsbegleitender Weiterbildung in Form dualer Studiengänge für qualifizierte Berufstätige geebnet werden. Kremers Beitrag argumentiert im Sinne einer europaweiten Bildungsmobilität und Transparenz in der beruflichen Bildung - ähnlich wie im hochschulischen Bereich mit der Umsetzung des Bologna-Prozesses - und wertet beispielsweise die Einführung eines EQR und ECVET optimistisch, da diese Maßnahmen die Chance für eine angemessene europäische Bewertung der betrieblichen beruflichen Bildung beinhalten würden.
Qualifizierungsszenarien
Erkenntnisse aus der aktuellen Berufsbildungsforschung unter Berücksichtung einer europäischen Dimension bündelt Felix Rauner vom Institut Technik und Bildung (ITB) in seinem Beitrag, der ein klares Plädoyer für den Fortbestand des dualen Ausbildungssystems beinhaltet. Rauner kritisiert die Stigmatisierung beruflicher Bildung und die Tendenz zur Verwissenschaftlichung von Bildung und Ausbildung, den sogenannten »academic drift« beispielsweise in asiatischen Ländern, und betont die hohe Anpassungsfähigkeit der europäischen Lehrlingsausbildung an die Bedingungen der modernen Wirtschaft. Unterschiedliche Systeme beruflicher Bildung werden in ihrer Tradition und heutigen Ausprägung in die Betrachtung einbezogen und die Bedeutung der Berufsausbildung im Hinblick auf den Beschäftigungssektor analysiert. Rauner entwickelt zwei Qualifizierungsszenarien: das »Berufsbildungsszenario« und das »Employability-Szenario«. Szenario 1 rückt das Bildungsziel »Berufsfähigkeit« in den Mittelpunkt, das zweite Szenario bündelt vier verschiedene Qualifikationsziele.
Initiativen der Bundesregierung
Der Beitrag von Kornelia Haugg zieht eine Bilanz der aktuellen Situation auf dem deutschen Ausbildungsmarkt und erläutert u. a. Programme und Initiativen der Bundesregierung, die den Übergang von der Schule in die Ausbildung auch von benachteiligten Jugendlichen fördern und unterstützen sollen. Des Weiteren werden aktuelle Herausforderungen an das duale System und Auswirkungen des strukturellen und demographischen Wandels sowie der Globalisierung auf die Ausbildungssituation beschrieben. Die Vertreterin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung schlägt Eckpunkte einer auf strukturelle Innovation gerichtete Berufsausbildung vor, die beispielsweise bestehende Korrelationen zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg reduzieren soll.
Umgang mit der Vielfalt
Wie ist nun mit dieser Vielfalt umzugehen? Man wünscht sich vielleicht einen neutralen Beobachter, der aus der Vogelperspektive die verschiedenen Ansätze bewertet und die Vielfalt der Interessen und Herausforderungen im Sinne einer bestmöglichen, zukunftsfähigen Lösung unter einen Hut zu bringen vermag. Doch der Weg dorthin ist steinig, denn - auch dies zeigen die Beiträge - bis zu einem Konsens sind noch zahlreiche Hindernisse auszuräumen. Gleichwohl wird nur gemeinsam eine Lösungsfindung möglich sein, bei der als Maxime gelten muss, dass der künftig zu erwartende gesellschaftliche Nutzen jedem Partikularinteresse übergeordnet ist.
Dieser Beitrag wurde unter Mitarbeit von Ines Pedal erstellt.
Literatur
BA - Bundesagentur für Arbeit. Presse-Info 070 und 071 vom 11.10.2006. (Online unter www.arbeitsagentur.de/nn_124664/zentraler-Content/A01-Allgemein-Info/A011-Presse/Presse/2006/Presse-06-070.html.)
BMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung. Berufsbildungsbericht. Berlin 2006.
Unicef - United Nations Children’s Fund. Bericht zur Situation der Kinder in Industrieländern. Köln 2007.
Teil I:
Ausgangslage
Berufsbildung: Teil des Bildungssystems - nicht nur des Arbeitsmarktes
Martin Baethge
Der spezifisch deutsche Berufsbildungspfad
Solides System
Das deutsche Berufsbildungssystem galt lange Zeit international - und gilt vielen hierzulande auch jetzt noch - als das beste der Welt. Als Inbegriff für das Berufsbildungssystem unterhalb der Hochschulebene steht hier bis heute die duale Ausbildung aus betrieblicher und schulischer Unterweisung, auch wenn dieses Spezifikum der deutschsprachigen Länder nie die Gesamtheit der beruflichen Bildung ausmachte; schon früh entwickelte sich neben ihm ein vollzeitschulisches Berufsbildungssystem besonders im Bereich von (personenbezogenen) Dienstleistungsberufen.
Institutionelle Trennung
Ihren internationalen Ruf verdankt die duale Berufsausbildung vor allem zwei Argumenten: dass sie mehr Jugendlichen eines Altersjahrgangs als irgendein anderes Bildungssystem in der Welt einen qualifizierten Berufsabschluss vermittelte und dass sie der Wirtschaft dauerhaft ein großes Reservoir an Fachkräften verschaffte, das als Rückgrat und Erfolgsgarant der deutschen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb angesehen wurde - und wird.
Beide Begründungen - ein relativ hohes berufliches Qualifikationsniveau der (lange Zeit vor allem männlichen) Erwerbsbevölkerung und die Gewährleistung eines Fachkräftepotenzials - wurzeln in einer ökonomischen und arbeitsmarktpolitischen Betrachtung der beruflichen Bildung, die auch die Institutionalisierung der Berufsbildung prägt und die zentrale Normierung der Berufsbildungspolitik hierzulande abgibt.
Die dominant arbeits- und wirtschaftsbezogene Institutionalisierung der Berufsbildung basiert auf einem deutschen Sonderweg in der Organisation der Ausbildung im Vergleich mit Ländern, die die Berufsbildung schulisch organisieren. In ihr verfestigt sich zugleich die institutionelle Trennung von der Allgemeinbildung, die 200 Jahre lang das Nebeneinander von beruflicher und allgemeiner Bildung bestimmt - vor allem der höheren in Gymnasien und Universitäten - und Übergänge von der einen in die andere schwer gemacht hat.
Die historischen Wurzeln der institutionellen Trennung
Historische Entwicklung
Die institutionelle Trennung von Berufs- und Allgemeinbildung kann man als das deutsche Bildungsschisma bezeichnen, das historisch in den vor- und frühindustriellen Wurzeln beider Bildungspfade begründet liegt (vgl. Blankertz 1982; Greinert 2003; Stratmann und Pätzold 1985). Die neuhumanistische Reform der höheren Allgemeinbildung in Gymnasien und Universitäten am Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog sich abseits der entstehenden Industrie und bürgerlichen Gewerbe. Sie klammerte deren Qualifikationsinteressen aus dem Kanon der staatlich zu fördernden und zu verantwortenden Allgemeinbildung sogar bewusst aus (vgl. Humboldt 1920). Diese blieben im Wesentlichen der Selbstorganisation der Gewerbe überlassen, deren stärkster Pfeiler die handwerkliche Lehre war, die die Industrie am Beginn des 20. Jahrhunderts adaptierte und für ihre spezifischen Bedürfnisse modifizierte.
Das Ergebnis des zweigleisigen Institutionalisierungsprozesses von (mittlerer) Berufsausbildung und (höherer) Allgemeinbildung in den letzten beiden Jahrhunderten war - zugespitzt formuliert - eine »praxisferne« Allgemeinbildung und eine »bildungsferne« Berufsausbildungspraxis. Politisch oblag erstere der staatlichen Schul- und Wissenschaftsadministration, die zweite schwerpunktmäßig der staatlichen Gewerbe- und Wirtschaftsförderung unter starker Beteiligung der Selbstverwaltung der Wirtschaft (vgl. Baethge 2003; Friedeburg 1987).
Starke Segmentierung
Es wird sich zeigen, dass die starke Segmentierung des deutschen Bildungssystems in Allgemein- und Berufsbildung heute zur Achillesferse des gesamten Systems geworden ist und seine komparativen Vorteile sich immer mehr verflüchtigen. Dass ein so stark segmentiertes Bildungssystem überhaupt ökonomisch und sozial funktional und hochgradig kompetitiv sein kann, wie es das deutsche System über fast zwei Jahrhunderte war, ist keineswegs selbstverständlich. Es hängt zum einen mit der Wissensbasis der frühen industriellen Produktion, zum anderen mit dem spezifischen Entwicklungspfad der Industrialisierung in Deutschland zusammen.
Wenig Akademiker in Betrieben
Die frühe Industrialisierung fußte nur sehr begrenzt auf wissenschaftlichem Wissen; die Universitäten des 19. und auch der längsten Zeit des 20. Jahrhunderts waren fast ausschließlich darauf ausgerichtet, den Beamtennachwuchs des Staates und der akademischen Berufe außerhalb der Industrie auszubilden (Ärzte, Juristen, Pastoren usw.). Selbst als die Wissenschaft in der Industrie in Form von Forschung und Entwicklung Einzug hielt, blieb der Anteil von Hochschulabsolventen an den Belegschaften der Betriebe sehr niedrig und überstieg bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts selten ein bis zwei Prozent (vgl. Riese 1967).
Berufsbildungssystem: Ausdruck des Produktions- und Sozialmodells im 20. Jahrhundert
Zentrale Rolle des Facharbeiters
Die strategisch zentrale Qualifikationsgruppe blieben die Facharbeiter und -angestellten der mittleren Ebene. Auf ihren Qualifikationen konnte sich der spezifische deutsche Entwicklungspfad der Industrialisierung, der »diversifizierten Qualitätsproduktion« (Abelshauser 2004) realisieren. Gemeint ist damit eine Produktionsweise vor allem in den deutschen Leitbranchen der elektrotechnischen und chemischen Industrie sowie des Maschinen- und des Fahrzeugbaus: Sie setzten mehrheitlich nicht auf tayloristische Massenproduktion und Billigprodukte, sondern realisierten ihre Wertschöpfung bereits früh über eine relativ qualifikationsintensive Produktion auf den exportorientierten Hochpreissegmenten des Weltmarkts. Hier spielt der Facharbeiter eine entscheidende Rolle und bildet gleichsam das Rückgrat der Produktion.
Da zugleich in Deutschland im Gegensatz zu anderen westlichen Mitbewerbern am Weltmarkt die Industrie bis in die 1970er Jahre der wirtschaftliche Leitsektor blieb, konnte auch seine Berufsbildungsverfassung ihre Dominanz im Ausbildungssystem bewahren. Beide großen Akteursgruppen des kooperativen deutschen Produktionsmodells, Arbeitgeber und Gewerkschaften, wissen sich bis heute auf die duale Berufsausbildung vereidigt.
Sozial verankerte Bildungsimmobilität
Dem Produktionsmodell entsprach eine Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft, in der die mittleren Fachkräftegruppen ein hohes Gewicht hatten. Die Formen der Ausbildung, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg deren kollektiven Aufstieg und relativen Wohlstand mitermöglicht hatten, würden auch für die Zukunftsgestaltung ihrer Kinder eine gute Basis abgeben: Von einer solchen intergenerationellen Weitergabe einer zur Bildungsaspiration verfestigten positiven Ausbildungserfahrung mag - neben materiellen Barrieren - die bis heute beobachtbare Distanz gerade der Facharbeitergruppen gegenüber der höheren Allgemein- und Hochschulbildung erklärbar sein, die den Anteil von Kindern aus der Arbeiterschicht und - noch mehr - aus sozial schwachen Gruppen an den Studierenden niedrig hält. Dies wiederum half ungewollt die Bildungsprivilegien der bürgerlichen Mittelschichten, um die diese auch in und nach der starken Expansion der Gymnasialund Hochschulbildung vehement kämpften (vgl. Friedeburg 1987), zu stabilisieren und das deutsche Bildungsschisma aufrechtzuerhalten.
Einbußen in der Leistungsfähigkeit des deutschen Ausbildungssystems
Folgenreicher Strukturwandel
Prozess des Wandels
Die Feststellung, dass die Berufsausbildungsverfassung und mit ihr auch das stark segmentierte deutsche Bildungssystem historisch eng mit dem spezifischen Industrialisierungspfad Deutschlands verbunden sind, beinhaltet nicht die Behauptung, dass der Zusammenhang von ökonomischen Entwicklungsmustern und Bildungsstrukturen zwangsläufig ist. Sie lässt aber erwarten, dass die ökonomische und soziale Funktionalität und Leistungsfähigkeit des (Berufs-)Bildungssystems ins Wanken geraten, wenn sich die Bestandsvoraussetzungen von Ausbildungsverfassung und Industrialisierungspfad grundlegend verändern.
Dies ist keine Frage temporärer Marktungleichgewichte und Krisen, die beide - Ausbildung und Industrialisierungspfad - im letzten Jahrhundert immer begleitet haben.