Dumme Herde, böse Hirten - Peter Rohregger - E-Book

Dumme Herde, böse Hirten E-Book

Peter Rohregger

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Beschreibung

Zu welchen Tollheiten der Kniefall vor Gott die Menschen befähigt, wird in diesem Buch an bemerkenswerten Beispielen aus der Geschichte und Gegenwart kritisch und zugleich unterhaltsam verdeutlicht. Von religiösen Kulten mit erotischen Exzessen bis zu den Blutorgien der Frommen, von den hysterischen Massen in Mekka bis zu Hitlers "göttlicher" Sendung, von den Tücken des Korans bis zur "Teufelssekte" der Freimaurer - und noch weit über diese Themen hinaus reichen die vom Autor ohne Scheu beschriebenen Merkwürdigkeiten des Glaubens. "Der Tiroler Autor und Historiker Peter Rohregger packt mit seinem neuen Werk ein thematisch heißes Eisen an, das durch religiös motivierte Konflikte in aller Welt nichts an Aktualität eingebüßt hat." (Rofan-Kurier) "Starker Tobak" (Salzburger Woche)

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Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2015

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»Und Sie, weiser Marham? Welcher Religion gehören Sie an?« »Der Religion, bei der die Vernunft Gott ist und die Freiheit als Prophet verehrt wird.«

(Nagib Machfus, Die Reise des Ibn Fattuma)

Zu welchen Tollheiten der Kniefall vor Gott die Menschen befähigt, wird in diesem Buch an bemerkenswerten Beispielen aus der Geschichte und Gegenwart kritisch und zugleich unterhaltsam verdeutlicht. Von religiösen Kulten mit erotischen Exzessen bis zu den Blutorgien der Frommen, von den hysterischen Massen in Mekka bis zu Hitlers »göttlicher« Sendung, von den Tücken des Korans bis zur »Teufelssekte« der Freimaurer – und noch weit über diese Themen hinaus reichen die vom Autor ohne Scheu beschriebenen Merkwürdigkeiten des Glaubens.

INHALT

Prolog

Wo bleibt der Mensch?

I. DER PREIS DES GLAUBENS

Ein hungriger Gott

Millionen blutige Gaben

Abstinenz der Vernunft

Die hässliche Krone der Schöpfung

Der Ekel vor den Ungläubigen

Bildungstod in Pakistan

Gedankenfesseln und Koran

Bücklinge und »Dialog«

Sturm über Indien

Schlachtfest im Aztekenland

Aberglaube und Islam

Noch mehr Götterspeise

Die Hauptstadt des Wahnsinns

Das Mannesopfer für Gott

Die Hölle voll Frauen

»Beschnittene« Mädchen

Das Werkzeug der Wollust

II. HEILIGE REINHEIT, TABU UND BEGIERDE

Geschwisterehe und Töchtersex

Im Dschungel der göttlichen Triebe

Animalische Provokationen

Satanische Verwirrungen

Ein Hexenbrand

Erregte Massen in Mekka

Djinn, Dämonen und Hexenjagd heute

Tödlicher Schmutz

Der gottgefällige Untertan

Traditions-Diktaturen

Saubere, heilige Erde

Das Übel des weiblichen Blutes

III. GROSSE WÜRDE UND KLEINER GEIST

Die »Teufelssekte« der Freimaurer

Paranoider Verschwörungsglaube

Päpstliche Selbstherrlichkeit

Höher als Gott

Sündige Neugier

Das sechste Gebot

»Rotes« Verderben und jüdisches Gift

Hitlers göttliche Sendung

Bolschewistische Dämonen

IV. ALPENTALIBAN

Das »Erbe« der Väter

Zu sündhaften Anreizungen Anlaß geben

Die Impfschikanen der grausamen Bayern

Ein Volk, ein Glaube

Das 1848er Gesindel

Ein liberales Schmutzblatt

In Treue fest

Ein Gulden für den Papst

Pfarrhof-Marionetten mit Bildungsängsten

Die schlechte Presse

Der Fremdenverkehr als Waffe

Schwarz-Rot-Gold und der Sonnwendrummel

V. RELIGION UND GEWALT

Mordtage in Konstantinopel

Die Türken als biblische Plage

Der unfreundliche Sultan

Trau’ keinem Christen

Blutrausch der Frommen

Zur Hölle mit der Toleranz

Die Qual der Freiheit

Religionshass im Schatten der Pyramiden

Die See der Angst

Kriegsverbrecher Jahwe

Das Preußenpack katholisch machen

Die »Bluthochzeit« von Paris

Ketzer in der Wesermarsch

Orgien als Gottesdienst

Anmerkungen

Bibliographie

Zum Autor

PROLOG

(Vorwort zur dritten Auflage)

Natürlich hat DAS etwas mit dem Islam zu tun! Nach jeder Gewalttat, die zum angeblichen Wohlgefallen Allahs geschieht, ruft ein Riesenchor von nichtmuslimischen »Islamverstehern«, die von den radikal-autoritären Machtansprüchen und Grundlagen der vom Kaufmannsgehilfen Mohammed gestifteten Religion allerdings nichts verstehen oder diese fahrlässig ignorieren: »DAS hat mit dem Islam nichts zu tun!« Selbstverständlich hat die Aggression gegen westliche Werte und die Brutalität gegenüber jenen Menschen, die diese Werte offensiv vertreten und gegenüber religiöser Intoleranz verteidigen, etwas mit dem Islam zu tun, solange jedes Wort im Koran sowohl für die buchstabengläubige Masse der Muslime als auch für deren radikalen Glaubensbrüder absolut sakrosankt ist. Die Rechtsanwältin und Autorin türkisch-kurdischer Herkunft Seyran Ates (eine mutige Muslimin, die mit Entschiedenheit für einen aufgeklärten Islam eintritt) ärgert sich immer wieder über die neunmalklugen, überheblichen Wichtigtuer in der deutschen Politik, in den Medien und im Kulturbetrieb, die den Satz – »DAS hat mit dem Islam nichts zu tun« – so leichtfertig und fahrlässig hinausposaunen. Von der Regierungsspitze abwärts sind es die gleichen herablassenden Ignoranten der realen Fakten, die jene skeptischen Bürger in Dresden (PEGIDA) und anderswo, die durch das allmähliche Abgleiten Deutschlands und Europas in eine von der Religion und orientalischen Denk- und Sittengewohnheiten geformte Gesellschaftsordnung nichts Gutes für die abendländische Zukunft erahnen, »wie kleine, ungezogene Rotzlöffel« (Stern) behandeln.

Die Artikel 56 und 64 des Grundgesetzes fordern von der jeweiligen Regierungsriege (inklusive Bundespräsident und Bundeskanzler bzw. Kanzlerin), das deutsche Volk vor Schaden zu bewahren und seinen Nutzen zu mehren. Hätten die verantwortlichen Politiker die im Grundgesetz verankerten Pflichten bisher nur ansatzweise ernst genommen, wäre jene massive Veränderung der Gesellschaftsstruktur, die ein Aufeinanderprallen der Kulturen in den zunehmend größer werdenden Problemzonen der deutschen Großstädte zu einem unabänderlichen Bestand teil der nahen Zukunft werden lässt, zu vermeiden gewesen.

Dass hier schon lange etwas aus dem Ruder läuft und der Islam sich mit seinen rückwärtsgewandten und rigiden Geboten und Verboten im bisher weitgehend säkularisierten Deutschland und Europa wie der Kuckuck im fremden Nest breit macht, das hat die Mehrheit der Bürger – im Unterschied zu den volksfernen und besserwisserischen Politikern und »Meinungsbildnern« – schon deutlich erkannt. Durch eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung im November 2014 zeigte sich, dass 57 % der nichtmuslimischen deutschen Mehrheitsbevölkerung der Meinung ist, der Islam sei »sehr« oder »eher« bedrohlich. 61 % sind der Ansicht, der Islam passe nicht in die westliche Welt.

Nach der Eroberung Innsbrucks durch die gegen die bayerische Herrschaft rebellierende Tiroler Bauernmeute im Jahr 1809 wurden nicht wenige Bürger der Stadt von den kreuzfrommen Eroberern gezwungen, das katholische Glaubens-Bekenntnis aufzusagen, um unzweifelhaft festzustellen, ob man einen Christen oder einen dieser gotteslästerlichen »Hebräer« (Juden) vor sich hatte. Schon ein geringes sprachliches Stolpern während dieser Aufgabe konnte die schlimmste körperliche Züchtigung zur Folge haben. Etwas mehr als zweihundert Jahre der menschlichen Bestialität und Dummheit später, am 21. September 2013, mussten die im Westgate-Shoppingcenter in Nairobi in die Fänge der Al-Schabab-Terroristen geratenen Frauen und Männer den Islamisten ihre Zugehörigkeit zur »einzig wahren« Religion beweisen, indem sie Fragen der mörderischen »Gotteskrieger« zum Koran und zu Mohammeds Mutter korrekt zu beantworten hatten. Ungenaue und zögerliche Antworten wiesen das jeweilige Opfer als »Ungläubige(n)« aus und zogen die sofortige Exekution nach sich.

Wir wissen von den Gewaltexzessen der islamistischen Terrorbande Boko Haram in Nigeria (dessen Begründer Mohamed Yusuf angeblich die Kugelform der Erde bestritt), dennoch ist im westlichen Bewusstsein aber noch kaum verankert, dass die stärkste Zunahme der Christenverfolgung sich derzeit in Afrika vollzieht, insbesondere in den Ländern südlich der Sahara.

Wenige Wochen vor der Tragödie in der kenianischen Metropole, diesem millionsten blutigen Hinweis auf die zerstörerische Kraft des fanatisierten Glaubens, hielt Salman Rushdie in einem Stern-Interview allen religiösen Fantastereien entgegen: »Ich halte Gott nun mal für eine lächerliche Idee«. In diesen klaren Worten des britischen Schriftstellers indischer Herkunft, dessen gedankliche Freisinnigkeit schon vor einem Vierteljahrhundert durch die Todes-Fatwa des iranischen Großajatollah Ruholla Chomeini unfreiwillig geadelt wurde, ist das inhaltliche Leitmotiv von »Dumme Herde, böse Hirten« ideal gebündelt.

An der Religionsfront ist es seit der Erstauflage im Jahr 2009 ja nicht ruhiger geworden – ganz im Gegenteil: Die Begleitakustik des nun wieder winterlich gewordenen »Arabischen Frühlings« war von Beginn an dissonant, da fast jede oppositionelle Aktivität der Demonstranten und jeder Schuss der Rebellen und »Freiheitskämpfer« in Tunesien, Libyen, Ägypten, Jemen und schließlich Syrien durch lautstarke »Allahu akbar (Gott ist groß)«-Rufe begleitet wurde (und wird). Als man im Westen den »demokratischen« Umbruch in Arabien schon voreilig begeistert feierte, befürchteten realistisch analysierende Beobachter, dass diese forschen und unduldsamen »Allahu akbar«-Rufe aus den meist bärtigen Gesichtern eher auf religiös motivierte Zukunftsvisionen hindeuten, als auf den Wunsch nach einer demokratisch geformten Zivilgesellschaft.

Dass die christlichen Kopten in Ägypten (ca. 10 Prozent der Bevölkerung) schon seit der Islamisierung des Landes am Nil durch die muslimische Mehrheitsbevölkerung gedemütigt, geschunden und geknechtet werden, wurde schon in der Erstauflage dieses Buches thematisiert. Die Verfolgung dieser alten Religionsgemeinschaft hat zeitgleich mit dem »Arabischen Frühling« eine neue negative Dimension und Qualität angenommen.

Christliche Syrer werden nicht von Assads Truppen, sondern von den unterschiedlichsten Rebellengruppen gejagt und malträtiert. Die schlimmsten sunnitischen Mörderbanden erhalten ihre pekunären »Betriebsmittel« auch von Saudi-Arabien – jenem Wüstenkönigreich, das der törichte Weltpolizist USA zu seinem Freund und Verbündeten zählt und bis vor kurzem Deutschlands wichtigster Waffenkunde war (allein im Jahr 2012 erlaubte die deutsche Politik Waffenexporte im Wert von 1,2 Milliarden Euro in dieses geistig und gesellschaftspolitisch noch im Mittelalter verankerten Landes). Für Saudi-Arabien, dessen gottuntertänige Justiz den einheimischen Blogger Raif Badawi zu eintausend Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilte, weil er Muslime, Christen, Juden und Atheisten als gleichwertig bezeichnete, sind eine solche Milliarde nur »Peanuts«. Immerhin hat diese von westlichen Politikern und Wirtschaftsbossen immer noch hofierte Religionsdiktatur (»zuerst kommt das Fressen, dann die Moral«) in den letzten Jahren an die 150 Milliarden Euro für die weltweite islamische Propaganda ausgegeben. Die Finanzierung großer Moscheen mitten in Europa und dubioser »Dialogzentren« (wie etwa in Wien) gehört auch in diesen monetären Zusammenhang.

Die Angriffe auf Christen nehmen weltweit zu. Noch nie waren die Anhänger dieser 2000 Jahre alten Religion so von Verfolgung bedroht wie jetzt. Das international tätige Hilfswerk »Open Door« nennt die Zahl von 100 Millionen Christen, die weltweit wegen ihrer Religionszugehörigkeit benachteiligt und bedroht sind. Bis zum Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 lebten 1,2 Millionen Christen weitgehend unbehelligt im Irak. Ab diesem Zeitpunkt nahm die Gewalttätigkeit gegen Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft massivst zu, und heute finden sich an Euphrat und Tigris keine 500 000 Christen mehr.

In Nordkorea kann bereits der Besitz einer Bibel den Tod bedeuten. In Pakistan, in Nigeria und anderswo werden Christen während des Gottesdienstes mitsamt ihren Gebetshäusern und Kirchen in die Luft gesprengt. Am 22. September 2013 befanden sich 600 Gläubige auf einem Kirchenareal der nordwestpakistanischen Stadt Peschawar, als ein Selbstmordattentäter 70 Menschen mit in den Tod riss und 130 dieser pakistanischen Christen durch dessen Bombe zum Teil schwerst verletzt wurden.

Nach den Worten eines Diplomaten ist Pakistan die am schnellsten wachsende Atommacht der Erde mit den meisten Terroristen pro Quadratmeile. In diesem in den religiösen Fanatismus abgleitenden Analphabetenstaat (»der gefährlichste Staat der Welt«, so Kurt Seinitz in der Kronen-Zeitung) gilt seit 1986 das »Blasphemie-Gesetz«, das vorrangig gegen die Christen des Landes (rund 1,7 Prozent der an die 177 Millionen zählenden Bevölkerung Pakistans) gerichtet ist. Schon der Verdacht, etwas Abfälliges gegen den Propheten Mohammed gesagt zu haben, kann genügen, von einem Gericht zum Tod verurteilt zu werden. Die geringste Kritik am inquisitorischen »Blasphemie-Gesetz« wird von den religiösen Eiferern als »Gotteslästerung« geahndet. Die zwei prominentesten Gegner dieses Gesetzes, Salman Taseer (erfolgreicher Geschäftsmann und Gouverneur der ostpakistanischen Provinz Punjab) und Shahbaz Bhatti (Minderheitenminister), mussten ihre Kritik und menschengerechte politische Orientierung sehr rasch mit dem Leben bezahlen. Beide wurden im Jahr 2011 erschossen – Taseer von seinem frommen Leibwächter, der dessen »blasphemisches« Verhalten gegenüber dem Islam rächen wollte, und wie der Gouverneur starb auch Bhatti auf offener Straße, exekutiert durch islamistische Terroristen. Mumtaz Hussain Quadri, der Mörder des Gouverneurs, gilt bei einem nicht unerheblichen Teil der muslimischen Bevölkerungsmehrheit als bewunderungswürdiger »Volksheld«. Zehntausende Pakistani demonstrierten für seine Freilassung aus dem Gefängnis. Auch jene Männer, die den Minderheitenminister Bhatti ermordeten, können sich einer landesweiten Zustimmung zu ihrer »reinigenden« Tat ziemlich sicher sein.

Wehe, wenn von westlichen »Ungläubigen« der Nimbus des Propheten nur ein kleines bisschen angekratzt wird, dann rappelt es im Karton: Nachdem im Herbst 2012 ein billig gemachtes Filmchen aus den USA den Propheten Mohammed als wenig zimperlichen Kriegsherren (der er nach seinem Kaufmannsberuf ja tatsächlich war) und Freund sehr junger Weiblichkeit zeigte, flutete ein Tsunami der Entrüstung und des zerstörerischen Zorns durch die islamische Welt. Hunderttausende wütende Moslems zogen durch die Straßen und forderten blutige Revanche. Gleichzeitig brüllten viele dieser einfältigen Rüpel in die Mikrofone der nebenher hechelnden Kamerateams, dass sie »tausendmal bereit sind, für Allah und den Propheten zu sterben«. Die hassverzehrten, dummen Fratzen, die den Charakter dieses Mobs signalisieren (ein Bild, das uns medial auch weiterhin sehr oft begleiten wird), ließen den Fernsehmoderator Claus Kleber im ZDF heute-journal vom 12. September 2012 resignierend sagen: »Sie und ich, wir werden es nicht mehr erleben, dass in diese Köpfe die Aufklärung eindringt«.

Nicht nur die pakistanisch-österreichische Konvertitin Sabatina, die sich unter Lebensgefahr aus den Zwängen ihrer muslimischen Herkunft befreite, wundert sich, dass zwischen Hamburg und Wien zigtausende Menschen zu Lichterketten gegen Ausländerhass mobilisiert werden können, während der Hass und die Repressalien gegen Christen den Leuten kaum ein Wimpernzucken entlockt.

Der Leserbrief eines Kölners an den Stern bringt die unredliche Geisteshaltung zu vieler Muslime exakt auf den Punkt: »Mit dem Islam ist es genauso, wie einst meine (stockprotestantische) Oma über die katholische Kirche sagte: Wo sie in der Minderheit sind, schreien sie nach Toleranz und Gleichberechtigung – wo sie aber in der Mehrheit sind, wollen sie davon nichts mehr hören.«

»Machen wir uns nichts vor«, schreibt der Publizist Wolfram Weiler, »der kulturelle Dschihad droht nicht nur in Kairo, er droht auch uns … Es geht ihm nicht um den Dialog, sondern um die Stigmatisierung westlicher Werte. Sein Ziel ist es, den vorpolitischen Raum systematisch mit Denk-, Rede- und Kulturverboten zu belegen, bis irgendwann das Gute-Nacht-Gebet unserer Kinder als üble Provokation interpretiert werden kann … Wir gewöhnen uns an einen asymmetrischen ›Dialog der Kulturen‹, der darin besteht, dass wir zusehends schweigen, zurück-und hinnehmen, wo die anderen fordern und austeilen.« (Focus 7/2011)

Im Frühjahr 2013 verzichtete der Präsident des deutschen Bundesverfassungsschutzes auf die von Politikern und Amtsträgern üblicherweise angewandte Vernebelungsrhetorik und erklärte unumwunden, dass der fundamentalistische Islam in Deutschland rasant anwachse. Für eine Studie mit dem Titel »Lebenswelten junger Muslime in Deutschland« wurden 706 junge Muslime befragt und 692 Fernsehbeiträge aus Nachrichtensendungen analysiert. Das Ergebnis dieser Studie ist ernüchternd, denn sie zeigt, dass ein Viertel der Muslime zwischen 14 und 32 Jahren nicht bereit ist, sich zu integrieren. Die Studie kommt ohne Weichzeichnung durch die »Political Correctness« zu folgendem Resümee: »Die Mitglieder der Gruppe integrationsunwilliger junger Muslime sind meist streng religiös, mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz«. Inzwischen wird dieser Satz durch die Begeisterung vieler junger Muslime in Deutschland (auch in Österreich und im sonstigen Europa) für den »Islamischen Staat« (IS) auf üble Art bestätigt.

Was hat sich in der kurzen Zeitspanne seit der Erstauflage dieses Buches sonst noch getan? Tausend Sachen, unter anderem die zunehmende und nun auch für Ignoranten erkennbare Reifung des tief religiösen türkischen Präsidenten zum orientalischen Potentaten, der allein weiß, was gut und richtig ist für seine Untertanen. Paare, die unverheiratet zusammenleben? Pfui Teufel! Studierende beider Geschlechter, die im Studentenheim unter einem Dach leben? Der Untergang des Morgenlandes! Die säkulare Demokratie? Lassen wir den Möchtegern-»Sultan« und »Kalifen«-Anwärter Erdogan selbst antworten (aus einem Interview, als er noch Bürgermeister von Istanbul war): »Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir an der Macht sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten«. Dem »Sultan« gefällt es, wenn etwa in Deutschland die Moscheen und Minarette wie Pilze aus dem Boden wachsen. Der bosnische Stadtplaner Said Jamakovic warnt: »Moscheen zu bauen, ist eine Art, das Terrain zu markieren«.

In einem Online-Artikel der Zeitung Die Welt am 29. Juli 2014 wurde darauf hingewiesen, dass es außer dem massenmordenden IS derzeit niemanden gibt, der so medienwirksam den Westen zum Feindbild erhebt wie Erdogan – der seine politische Karriere ja als europafeindlicher und Amerika hassender Radikal-Muslim gestartet hatte. Kann es also verwundern, dass sich die Türkei heute als »zutiefst anti-westliches Land« (Die Welt) darstellt.

Was haben die ausländischen Dschihadisten, die im Namen Allahs ihren Gefangenen gerne auch die Köpfe absäbeln, für Syrien bisher geleistet? Sie konnten durch ihre Anwesenheit immerhin dazu beitragen, dass in einigen Apotheken des gebeutelten Landes nun auch »Miswak« aus Pakistan angeboten wird. Mit diesen faserigen Holzstäbchen reinigte sich seinerzeit angeblich auch der Prophet Mohammed seine Zähne. Es lohnt sich allemal, »Miswak« als Toiletteartikel zu verwenden, denn dessen Gebrauch erhöht den Wert des auf die Reinigung nächstfolgenden Gebets um das 70-Fache. Von diesem theologischen Phänomen erfuhr der Spiegel-Autor Christoph Reuter während seiner Syrien-Recherchen (Spiegel 28/2013).

Ja, es gibt auch die intoleranten und bösen Eiferer anderer Glaubensgemeinschaften. Dieses Übel ist in »Dumme Herde, böse Hirten« ausführlich dokumentiert. 155 000 Christen leben im »Heiligen Land«, und die Anfeindungen und Pöbeleien gegen diese religiöse Minderheit durch jüdische Extremisten haben in kurzer Zeit schon ein unerträgliches Ausmaß erreicht.

Jede Wette – bei der Frage nach der friedlichsten Religion wird zu 99 Prozent der Buddhismus genannt. Doch das US-Magazin Time zählt einen buddhistischen Mönch zu den derzeit gefährlichsten Terroristen der Welt. Nachdem das Militärregime in Myanmar (Burma) seine Zügel etwas lockerte, witterte die Bestie der Religion auch hier neue Morgenluft und es begann eine mörderische Hatz des buddhistischen Mob gegen die im »Land der goldenen Pagoden« lebende Minderheit der muslimischen Rohingya (hier läuft die böse Sache einmal seitenverkehrt). Um die angebliche »Weltverschwörung des Islam« zu behindern, wurden im Sommer 2013 ganze Dörfer niedergebrannt. Der Glaubensfuror machte auch vor den Kleinsten nicht halt: Kaltblütig schlachteten die buddhistischen Teufel 32 Kinder in einer Koranschule ab. Die Verfolgung und Unterdrückung der Rohingya (»kalar«/»Schwarze«, wie sie abfällig genannt werden) dauert aktuell an. Die Religion ist – wie so oft – das ideale Vehikel, um rassistische und nationalistische Unduldsamkeiten in die Köpfe der Menschen zu rücken. Nach UNO-Angaben gehören die Rohingya zu den derzeit am meisten verfolgten Völkern der Welt.

Auch im buddhistischen (kommunistischen) Laos verhält sich die weitgehend bildungsferne Mehrheit der Bevölkerung gegenüber Bürgern anderer Religionszugehörigkeit alles andere als friedfertig und tolerant.

Vor solchen Szenarien ist der verschwenderische und zwischenzeitlich in der Versenkung verschwundene ehemalige Limburger »Protzbischof« Tebartz-van Elst ein fast schon verzeihliches Element innerhalb der globalen Religionseskapaden. Nach der seriösen Schätzung des Kirchenexperten Carsten Frerk summiert sich das Gesamtvermögen allein der katholischen Kirche in Deutschland auf 170 Milliarden Euro. Vor dem Limburger Bischofsstuhl könnte man mit Heinrich Heine sagen: »Es sind in Deutschland die Theologen, die dem lieben Gott ein Ende machen.«

Die grausame Seite des Christentums liegt – »gottlob« – doch schon eine tröstlich lange Zeitspanne zurück. Beim Islam wird es noch dauern, bis er (vielleicht?) zur »Aufklärung« vorrückt. Jetzt befindet er sich erst einmal dort, wo das Christentum vor vier Jahrhunderten war, als sich die Katholiken und Protestanten wegen einiger theologischer Unterschiedlichkeiten zerfleischten.

Gewaltakte aus religiösen Motiven fanden im deutschsprachigen Teil Mitteleuropas vereinzelt noch im 19. Jahrhundert statt. So erschoss der Bauernbursch Josef Puches am 12. Dezember 1871 den Bürgermeister des steierischen Stainz, Franz Hangi, weil er diesem liberalen Mann vorwarf, ein »Religionsräuber« und »Freidenker« zu sein.

Die zwei größten Glaubensrichtungen innerhalb der muslimischen Welt – Sunniten und Schiiten – sind sich gegenseitig spinnefeind und tragen ihre religiösen Meinungsverschiedenheiten tagtäglich gerne auch mit Sprengstoff und Waffengewalt aus. Martin Staudinger nennt im Wochenmagazin Profil (42/2012) die Zahl von 30 000 Todesopfern in den letzten Jahren als Folge der unüberwindlichen theologischen Differenzen innerhalb des Islam. Die vorgenannte Opferbilanz wurde seitdem weit nach oben korrigiert. Etwa 20 Prozent der Pakistaner sind Schiiten. Fanatisierte Sunniten machen diesen das Lebensrecht streitig und so bringen die einen Muslime die anderen um. So auch am Freitag, den 30. Januar 2015, als in der südpakistanischen Stadt Shikarpur ein junger Selbstmordattentäter während des Freitagsgebets in einer schiitischen Moschee einen Sprengsatz zündete. Durch die verheerende Explosion wurde das schiitisch-muslimische Gotteshaus völlig zerstört und dabei sind mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 50 Moscheebesucher sind bei diesem Attentat in der Provinz Sindh verletzt worden.

Im Irak lodert der Religionsstreit zwischen Sunniten und Schiiten – auch durch das mörderische Mitmischen des »Islamischen Staates« – schon derart hoch, dass eigentlich schon von einem »Religionskrieg« gesprochen werden kann, der möglicherweise die ganze Region entlang konfessioneller Linien auseinanderreissen wird. Aus Glaubensgründen, denen natürlich auch machtpolitische Interessen zur Seite stehen, wird mit größtem Eifer gebombt, erschossen, erstochen und geköpft – natürlich im Namen und zur höheren Ehre des »allerbarmenden Gottes«.

Und sonst? Die Bauwut im heiligen Mekka macht auch vor historisch bemerkenswerten Baulichkeiten nicht halt, diese müssen immer weiteren Luxushotels und Einkaufstempeln weichen, damit das Geld der Millionen Pilger noch intensiver abgesaugt werden kann. Der eigentliche spirituelle Herrscher dieses geographischen Zentrums des Islam ist »Mammon«, der neue Gott des Geldes und des Kapitals. Schon in vorislamischer Zeit, als die Kaaba (al-Ka’ba), das »Haus Allahs«, noch von zahlreichen »heidnischen« Göttern als Vormieter bewohnt wurde, verstanden es die Bürger von Mekka vorzüglich, den religiösen Mythos der Kaaba in klingende Münze zu verwandeln. Auch zu den alten (und erst durch Mohammed vertriebenen) Göttern pilgerten die Gläubigen in Scharen.

Was kümmert uns Mekka und der arabische Geschäftssinn? Es ist das Erstaunen über die religiöse Heuchelei, das zu dieser Thematik führt. Der Baufuror in dieser Stadt hat auch das uralte Haus von Chadidscha, der ersten Frau Mohammeds, nicht verschont. Es wurde niedergerissen, und an seiner Stelle finden die Mekkapilger und Stadtbesucher nun einen Block neuer Toilettenhäuschen. Das Geburtshaus des Propheten wurde schon vorher zerstört. Soviel zum arabischen Respekt vor historischer Erinnerung. Doch wehe, wenn ein »Ungläubiger« (Kafir) den sakrosankten Koran nur ein bisschen (wenn auch unabsichtlich) beschädigen und damit »entweihen« würde. Dann finden sich in der großen Masse der brüllenden Protestierer auch jene rachebereiten jungen Heißsporne, die als »Märtyrer« rasch ins muslimische Paradies gelangen wollen, weil dort, wie der Stern in seiner Ausgabe 14/2012 einen jungen Religionsrambo zitiert, die versprochenen Jungfrauen möglicherweise »mit so Bikini rumlaufen« und aussehen »wie die von Baywatch«.

Toleranz! Wenn sich dieser Wortbegriff in allen Religionen durchsetzen könnte, wäre den radikalen, unduldsamen Glaubensformen das Fundament entzogen. Es würde genügen, sich an den Worten des »Alten Fritz« (Preußenkönig Friedrich II.) zu orientieren:

»Die Religionen müssen alle tolerieret werden und muß der Fiskal nur das Auge darauf haben, daß keine der anderen Abbruch tue; denn hier muß ein jeder nach seiner Fasson selig werden. Falscher Glaubenseifer ist ein Tyrann.«

WO BLEIBT DER MENSCH?

(Vorwort zur zweiten Auflage)

Vier entführte und als fliegende Bomben missbrauchte Flugzeuge steuerten mein Denken nach einem lange getrennten Weg erstmals wieder zur Religion zurück. Der religiös motivierte Angriff auf Amerika am 11. September 2001 durch arabische Terroristen war für den Impuls mitverantwortlich, die Bandbreite meines historischen Interesses mit der – bisher eher ignorierten – Religionsthematik zu erweitern. Erst durch dieses folgenreiche Ereignis wurde mir deutlich bewusst, wie sehr sich unser aller Leben immer noch (oder schon wieder) in der Geiselhaft trügerischer Glaubensfantastereien befindet.

Wenige Wochen bevor zwei der gekaperten Flugzeuge das World-Trade-Center zerstörten, konnte ich von der Dachterrasse des Nordturms aus den überwältigenden Panorama-Blick auf die Weltmetropole New York genießen. Durch dieses Erlebnis etwas sensibilisiert, ließ mich die Tragödie vom 11. September »schlagartig« erkennen, dass die destruktive Kraft des Glaubens auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Jahrtausende alten Bedrohlichkeit eingebüßt hat. Ich rieb mir die Augen, wie Millionen andere religionsferne Menschen auch und bemerkte nun klar und deutlich, dass unser altes Europa nur eine kleine säkularisierte Insel ist, an deren brüchiger werdenden Dämmen die rauen Gewässer der Religion anbranden. Wer hinsieht, erkennt, dass die Flut steigt.

Jährlich verlieren um ein Vielfaches mehr Menschen durch Religionshass und Glaubensstreit ihr Leben, als durch sämtliche Verkehrsunfälle auf den europäischen Straßen. Doch freundliche Stimmen beschwören die Notwendigkeit des Glaubens als zivilisatorische Kraft. Ohne die ordnende Disziplin der Religion wäre der Mensch gewissenlos und anarchisch. Grob fahrlässig wird übersehen, dass es die Gegenden mit starker Religionsdurchdringung sind, in denen der Gewaltverzicht und der Konsens nicht zu den vorrangigen Idealen gehören. Auch die Geschichte zeigt, dass in Zeiten der stärksten Glaubensinbrunst die Hemmschwelle zu Mord und Totschlag am ehesten überschritten wird. Als nach den Anschlägen in den Vereinigten Staaten im Internet die Telefonnummern der saudischen Attentäter veröffentlicht wurden, brach das Fernsprechnetz des arabischen Wüstenstaates zusammen, weil unzählige Menschen gleichzeitig die Familien der für den Islam gefallenen »Märtyrer« zu ihren Heldensöhnen beglückwünschen wollten.

Einen Wert der Religionen für das allgemeine Menschheitsglück erkenne ich nicht. An göttliche Ideen gekettete Gesellschaften hinken der fortschrittlichen Entwicklung meist weit hinterher. Auch das intellektuelle Potential leidet. Wie der syrischstämmige Exil-Schriftsteller Rafik Schami gegenüber dem Stern erwähnte, werden in der arabischen Welt, die mehr als 200 Millionen Menschen zählt, weniger Bücher produziert als etwa im Bundesland Hessen.

Um meinem Urteilsvermögen mehr Kompetenz zu verleihen, näherte ich mich den Religionen durch einen tiefen, neugierigen und langen Blick in die Geschichte. Durch diese interessante Zeitreise wurde mir erstmals so richtig bewusst, wie stark die meisten historischen Prozesse und das menschliche Zusammenleben insgesamt – direkt oder indirekt – von der Religion und vom Glauben beeinflusst wurden (und immer noch werden). Was mit einem leeren Blatt Papier, der Durchsicht des eigenen Bücherbestandes und einem ersten Besuch in der reichlich ausgestatteten Bibliothek einer Theologischen Fakultät begann und sich mit unzähligen Stunden in Archiven und Universitätsbibliotheken fortsetzte, liegt mit diesem Buch nun als Ergebnis vor. Die Ausbeute meiner Geschichtsexkursionen war wesentlich größer, als in einigen hundert Seiten Platz finden könnte, deshalb musste ich – schweren Herzens – eine kürzende Auswahl treffen. Erstaunt war ich darüber, bei den Theologen sehr viel religionskritisches Material zu finden. Die Textrecherche in den Zeitungen und Zeitschriften des 19. Jahrhunderts war besonders in der Bibliothek des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum angenehm und ergiebig.

»Ich finde den Ansatz, den Sie gewählt haben, interessant und bewundere den Mut, der hierfür nötig ist. Dem Grundsatz der Meinungsfreiheit entsprechend, habe ich Ihr Werk gerne vorgestellt.« Von diesem Stellung nehmenden Text, den ich vom Chefredakteur und Herausgeber einer Tiroler Zeitschrift als Reaktion auf »Dumme Herde, böse Hirten« erhielt, gefällt mir der Satzteil »Dem Grundsatz der Meinungsfreiheit entsprechend« am besten. Dieser »Grundsatz«, um dessen Durchsetzung sich engagierte Menschen Jahrhunderte lang unter oft schweren Opfern bemühten, ist innerhalb der westlichen Zivilisation durch die Religion neuerlich in Gefahr. Die »Meinungsfreiheit« wird als störendes Element beiseite geschoben, insbesondere wenn es gilt, jene Religion zu hofieren, deren Inhalte und Zielvorgaben kaum mit dem abendländischen Wertekanon kompatibel sind.

In den Köpfen zu vieler deutschsprachiger Zeitungsmacher und Meinungsbildner hat sich schon jener Bazillus eingenistet, der den vorauseilenden Gehorsam gegenüber einer Religion fördert, die eine andere, eine intolerante und rückschrittliche Gesellschaftsform inmitten der »Ungläubigen« etablieren will. Die »Meinungsfreiheit« gilt in diesem Zusammenhang oft nur mehr als lästiges Übel. Ich will korrekt sein, es geht hier nicht nur um den Islam. In so mancher Redaktionsstube gilt die Religion, diese alte Menschheitsfantasie, allgemein als »sakrosankt«, als nicht kritisierbar – man glaubt kaum, dass wir uns schon seit einiger Zeit im 21. Jahrhundert bewegen.

In großen überregionalen Zeitungen – wie Frankfurter Allgemeine, Die Zeit, Die Welt, Süddeutsche Zeitung u. a. – konnte für die zu Jahresbeginn 2009 erschienene erste Auflage meines religionskritischen Buches unproblematisch geworben werden. Doch es gibt eben auch die anderen Blätter, deren Redakteure sich vielleicht vor der Meinung jener fürchten, die immer so rasch beleidigt sind, wenn ihr Glaubenskonstrukt von einem Hauch Kritik angeweht wird. Die »Meinungsfreiheit« ist jedenfalls ein sehr gefährdetes und kostbares Gut.

Die Anzeigenverwaltung der auflagenstarken deutschen Gewerkschaftszeitschrift ver.di Publik freute sich über den Auftrag und bedankte sich dafür. Nur wenige Tage später legte die Redaktion dieser Zeitschrift ihr Veto ein: »… möchten von einer Veröffentlichung Ihrer Anzeige Abstand nehmen«. Wohlgemerkt: Es sollte kein Pornomagazin in dieser Mitgliederzeitschrift beworben werden, sondern »nur« mein Buch »Dumme Herde, böse Hirten«. Auch die Nürnberger Nachrichten teilten mit: »… dass wir von einer Veröffentlichung aus grundsätzlichen Erwägungen Abstand nehmen«.

Die »charmante Gina« wirbt mit »zärtlichen Streicheleinheiten auch an Feiertagen«, und die »phantasievolle Anja« bietet eine »einfühlsame Warmölmassage der besonderen Art«. Die Werbeanzeigen dieser zwei Damen des horizontalen Gewerbes befinden sich zwischen zahlreichen ähnlichen ihrer Berufskolleginnen in den Seiten der kreuzbraven Ober-österreichischen Nachrichten. Dagegen ist absolut nichts zu sagen. Interessant ist nur, dass die Werbung für mein Buch den ethisch-moralischen Kriterien dieser Tageszeitung offenbar nicht entspricht (Werbeüberschrift: »Tatort Religion«). Jedenfalls wurde die Anzeigeneinschaltung abgelehnt. Zur gleichen Zeit sollte der ultrakonservative Pfarrer von Windischgarsten, Gerhard Maria Wagner, als neuer Linzer Weihbischof eingesetzt werden. Der Spiegel wusste in seiner Ausgabe vom 9. Februar 2009 über einen Höflichkeitsaustausch zwischen dem fundamentalistischen Bischofsanwärter und der weltlichen Publizistik zu berichten: »Eben war der Chefredakteur der Oberösterreichischen Nachrichten da [bei Pfarrer Wagner], zum Antrittsbesuch, und versicherte, dass sein Blatt es gut mit ihm meine.« Nach Angaben des Spiegel beschrieb Pfarrer Wagner den Tsunami von 2005 in Südostasien als eine Art Gottesgericht über jene Mitteleuropäer, die vor Weihnachten flüchten. Dieser selbstgerechte katholische Gottesmann schaffte es auch im Jänner 2010, die Medien auf sich aufmerksam zu machen, als er das verheerende Erdbeben in Haiti mit dem gotteslästerlichen »Voodoo-Glauben« der dortigen Bevölkerung zu erklären versuchte.

Bei Österreichs auflagenstärkster Tageszeitung, der Kronen-Zeitung, musste erst die dortige Rechtsabteilung den Werbetext für mein Buch prüfen. Diese hatte juristisch nichts einzuwenden, es blieb allerdings der Vorbehalt, dass vor einer geplanten Anzeigenschaltung erst der Herausgeber informiert und mit diesem abgeklärt werden muss, »ob Veröffentlichungen dieser Art auch gewünscht sind«. Irgendwie erwärmte mich der Gedanke, dass ein alter Zeitungszar, dessen Macht und Stimme keinen unerheblichen Einfluss auf die österreichische Innenpolitik hatte, sich mit meiner Thematik beschäftigen sollte.

Der Mensch und seine Religion – das ist eine Geschichte der Tragödien, aber auch der Skurrilitäten. Noch in der Epoche der »Aufklärung« konnte jemand in Europa zum Tode verurteilt werden, wenn er während einer vorbeiziehenden Prozession vor den »heiligen Sakramenten« den Hut nicht zog. Der neunzehnjährige Chevalier Jean Francois de La Barre, ein Anhänger Voltaires, wurde 1766 gefoltert und geköpft, weil er seinen Hut vor einer Prozession nicht abnahm und ein spöttisches Lied über seine Lippen kam. Dreißig Jahre später predigte der Karmeliter F. Damascenus in München: »Liebe Christen, morgen ist Prozession. Ihr werdet da an vielen Fenstern Freimaurer und Freidenker sehen, Unchristen, die unsrer spotten. Waffnet euch mit dem Eifer des Herrn, greifet nach Steinen und werfet sie nach ihnen.«

Im Jahr 1911, als sich Europa für den bald kommenden großen Krieg rüstete, musste sich ein reichsdeutscher protestantischer Fabriksdirektor in Tirol vor Gericht verantworten, weil er sich »zum Ärgernis für andere unanständig betragen habe«, da er »bedeckten Hauptes« an einer katholischen Erntesegen-Prozession vorüber ging. Ein Zeitgenosse dieses »Verbrechers« machte seinem Unmut über das gängige Zusammenspiel zwischen Klerus und Justiz in den Spalten einer liberalen Zeitung Luft: »Die Römlinge kümmert es nicht, dass nur sie es sind, die durch ihr herausforderndes Verhalten Ärgernis erregen, nicht aber der harmlos Vorübergehende, welcher aus irgend einem Grunde seinen Hut nicht abnehmen will. Unersättlich in ihrer Herrschsucht und Unduldsamkeit und übermütig gemacht durch den Rückhalt, den ihnen die Gerichte gewähren, benützen diese schwarzen Herren ihr heiligstes Symbol als eine Art Geßlerhut, um damit jeden, sogar den Andersgläubigen in den Staub zu zwingen.« Dieses Zusammenspiel, um »religiöse Gefühle und Gewohnheiten« zu schützen, hat in den letzten Jahren besonders in Deutschland fröhliche Urständ gefeiert – zugunsten jener orientalischen Glaubensidee, die weltliches und religiöses Handeln noch immer nicht trennen will.

Neue Zeiten beginnen nur selten mit dem ganz großen Knall. Die Zerbröselung des einst so mächtigen Römischen Reiches war ein Prozess, der sich über Generationen hinzog. Mal hier, mal da wurden den – auf der Suche nach dem besseren Leben – in das Reich einsickernden »Barbaren« Konzessionen gemacht. Ansiedlungen wurden erlaubt, und die geburtenfreudigen Fremden, deren immer mehr in das Römische Kaiserreich zogen, durften bald auch herausragende Positionen im Staat und beim Militär besetzen. Die Aushöhlung des über Jahrhunderte so stolzen imperialen Gesellschaftssystems nahm der einzelne Römer durch den unspektakulären Veränderungstakt kaum gewahr. Doch eines Tages hatten die Anderen das Sagen, und die eigenen Götter waren auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet.

Die Glaubensdämonen – die nun wieder Aufwind verspüren – aus Europa zu vertreiben, war ein mühsames Unterfangen und Rückschläge blieben auch im 20. Jahrhundert nicht aus. Noch 1946 wurden in Polen Juden erschlagen und gesteinigt. Am 4. Juli jenes Jahres, knapp 14 Monate nach der Kapitulation des Nazi-Regimes, fiel in der 220 000 Einwohner zählenden Stadt Kielce (südlich von Warschau) und in anderen Orten der Umgebung ein Mob aus mehreren tausend Menschen – junge und alte, Männer und Frauen – über die jüdischen Mitbürger her und tobte stundenlang seine Mordlust aus. Babys wurden mit dem Schädel voran an die Hausmauern geschleudert. 42 polnische Juden fanden während diesem Pogrom den Tod. Ein polnisch-christlicher Lausebengel, der für drei Tage von zu Hause fortlief, erklärte bei seiner Rückkehr, Juden hätten ihn entführt und in einen Keller gesperrt. Für die streng katholischen Polen, die noch an die uralte Legende vom jüdischen Ritualmord glaubten, war diese Kinderlüge (die dazu diente, der Strafe des Vaters zu entgehen) Grund genug, mit der Judenhatz zu beginnen. Jahrhunderte lang glaubten die Europäer, dass die Juden Christenblut brauchen, um es aus religiös-rituellen Gründen in das ungesäuerte Passahbrot zu verbacken und mit dem vorgeschriebenen Wein zu vermischen. Die Fäuste von jüdischen Neugeborenen konnten angeblich erst durch das Bestreichen mit Christenblut geöffnet werden. Wenn irgendwo ein Kind verschwand oder tot aufgefunden wurde, gerieten sofort die Juden in Verdacht, sich von dessen Blut bedient und es anschließend getötet zu haben. Auch die Polen besaßen eine solide Tradition im Juden abschlachten. Allein in den zwei Jahren 1945 und 1946 wurden zwischen 1500 und 2000 Juden, von denen die meisten gerade erst die deutschen Vernichtungslager überlebt hatten, auf brutalste Art zu Tode gebracht. Tausende wurden verprügelt, beraubt und gedemütigt.

»Eines hat Hitler richtig gemacht, er hat die Juden liquidiert!« Nach den Recherchen des polnisch-amerikanischen Historikers Jan T. Gross gab es während und nach dem Krieg buchstäblich keinen Polen, dem dieser Spruch nicht geläufig war. Das Pogrom in Kielce und die Judenhatz in vielen Teilen Polens zeigte, dass viel zu viele Polen die Ermordung der Juden als etwas »Normales« empfanden. »Die Polen saugten den Judenhass mit der Muttermilch ein«, stichelte der frühere israelische Ministerpräsident Jitzchak Schamir (Jan T. Gross: Angst. Antisemitismus nach Ausschwitz in Polen, S. 20).

Nur Teodor Kubina, der Bischof von Tschenstochau, verurteilte die antisemitischen Ausschreitungen in Kielce und wurde dafür von den anderen Bischöfen scharf kritisiert.

Das im Jahr 2013 gesendete dreiteilige ZDF-Filmepos »Unsere Mütter, unsere Väter« enthält auch einige Szenen, in denen der polnische Antisemitismus am Beispiel einer Partisanentruppe der Heimatarmee (Armia Krajowa) gezeigt wird. Diese vorsichtige Erinnerung an ein dunkles und unbewältigtes Kapitel der jüngeren polnischen Geschichte durch deutsche Filmemacher ist bei den polnischen Nachbarn äußerst schlecht angekommen.

In früheren Jahrhunderten waren die Religionsverantwortlichen nicht nur mit der Eliminierung der Glaubensgegner beschäftigt, sondern auch mit sehr tiefschürfenden dogmatischen Fragen: Was passiert, wenn eine geweihte Hostie von einer Maus zernagt wird oder in eine Kloake fällt? Hört der Leib Christi auf, in der Hostie zu sein und kehrt die Substanz des Brotes zurück? Landet Christus nach dem Empfang der Kommunion im Magen der Menschen, oder wird er, sobald die Zähne die Hostie zerreiben, zum Himmel entführt?

Oder: Wie erhalten jene Personen, die von Menschenfressern, Fischen, Raubtieren oder Geiern verspeist wurden, ihren Körper zur »Auferstehung« am Jüngsten Tag zurück? Hier war es allgemeiner Konsens, dass die Allmacht Gottes schon ausreichen würde, um die Einzelteile wiederzufinden und sie in der richtigen Anordnung zusammenzukleben.

Mussten Eva und Adam im Paradies ein stilles Örtchen aufsuchen oder nicht? Einige meinten, körperliche Ausscheidungen wären der Würde des Paradieses kaum angemessen gewesen. Eva und Adam aßen so gut wie nichts, deshalb war auch kein Toilettenbesuch nötig. Andere Denker der Kirche wiederum »wussten«, dass Gott die Ausscheidungen der beiden dezent entsorgte, damit die Reinheit des einzigartigen Gartens erhalten blieb. – Theologische Überlegungen mit ähnlicher Qualität finden in einigen Religionen heute noch statt. Vor wenigen Jahren mussten in Israel auf Geheiß des Rabbinats zweieinhalb Millionen Liter Milch weggeschüttet werden, weil diese nicht rechtzeitig vor Beginn des Sabbats ans Ziel gekommen sind und die Lastwagen mit dem leicht verderblichen Ladegut – wegen des göttlichen Gebots der Sabbatruhe – nicht mehr weiterfahren durften.

In Bagdad kursiert als Gerücht die Warnung, dass die Restaurants keinen Salat mehr servieren dürfen, der zugleich Tomaten und Gurken enthält. Das verlangen die religiösen Eiferer, denn Tomaten seien weiblich und Gurken männlich. Das Mischen der beiden ist haram, also verboten.

Sobald ein einzelnes Schaf isoliert wird und es alleine ist, läuft das Tier aufgeregt und laut blökend durch den Stall, sein Herz schlägt um ein Fünftel schneller als in der Gruppe und der Körper produziert vermehrt die Stresshormone Adrenalin und Kortisol. Durch sein evolutionäres Erbe drängt auch der Mensch zur Gemeinschaft und sucht den Schutz in der Schar. Die vermeintliche Geborgenheit innerhalb der Herde (mit einem wachhabenden und richtungsweisenden Hirten) hat den Religionsgemeinschaften einen guten Teil ihrer Legitimität verliehen.

Die Frage eines Zweiflers, der den Wohlfühlversprechen der frommen Hüter nicht traute, bleibt immer noch ohne Antwort: »Ihr kümmert Euch um Gott, wo bleibt der Mensch?« Diese Frage bietet sich als begleitender Leitgedanke beim Lesen dieses Buches an.

Peter Rohregger

I. DER PREIS DES GLAUBENS

EIN HUNGRIGER GOTT

Das Kind lacht, ist glücklich und spielt übermütig mit seinem Hund. Anders als seine liebevollen Eltern weiß es nicht, dass dies der letzte Nachmittag seines erst fünf Jahre währenden Lebens ist. Am Ende des von der nordafrikanischen Sonne durchfluteten Tages wird es über den glühenden Arm der großen Bronzestatue des Kronos in eine Flammengrube gerollt und verbrannt. Vielleicht hat es Glück und ein Priester mit etwas theologischer Milde leitet die Zeremonie, dann wird es vor dem Stoß ins Feuer erwürgt.

An diesem Abend sind es an die zweihundert Erstgeborene der karthagischen Oberschicht, die zum Lobe der Gottheit und vor einer vieltausendköpfigen ergriffenen Menge sterben müssen. Die erwählten Kinder werden von ihren Müttern gestreichelt und geherzt, denn sie sollen lächelnd aus diesem Leben treten, nur dann wird das Opfer von den göttlichen Kräften wohlwollend gewürdigt.

Wie schon bei früheren Bedrohungen von außen werden einige der Kleinen nicht verbrannt, sondern lebendig in den Stadtwall eingemauert. Die allseits geachteten Priester wissen, dass sowohl das Verbrennen als auch das Einmauern unschuldiger, noch nicht geschlechtsreifer Kinder seit Jahrhunderten das wirksamste Ritual ist, um für das bedrohte Staatswesen den Beistand des mächtigsten Gottes zu sichern.

Die Mutter beobachtet ihr herumtollendes, jauchzendes und in seinem kurzen Leben so brave Kind. Ihre aufgewühlten Gedanken geraten gefährlich in die Nähe zur Blasphemie, zum Zweifel an der Notwendigkeit der von ihr für das Gemeinwohl verlangten Opfergabe. Stolz soll sie sein und freudig das Opfer geben. So will es ihr Mann, der angesehenste Schiffseigner Karthagos, wenn auch mit deutlichem Zittern in seiner ansonsten so kräftigen Stimme. Die Nachbarn und Freunde gratulieren. Das Kind wird die Nähe der Götter finden. Kein anderes Schicksal ist in seinem Wert mit diesem vergleichbar. Die Ehre, die Auszeichnung, für die bedrohte Stadt und dem Staat das Liebste zu geben, ist nicht jedem gegönnt. Doch alle wissen, dass die Gabe an den Moloch nur Wirkung zeigt, wenn das Wertvollste, der eigene Nachwuchs, geopfert wird.1 Die Gottheit ist wählerisch und anspruchsvoll, doch sie ist unbestreitbar der wichtigste Kampf- und Bundesgenosse im energischen Abwehrkampf gegen die verfluchten Römer. Das fleischige Mahl stärkt Saturn, das war eine sichere Glaubensgewissheit schon der Ahnen im alten Phönizien. Wie wir aus der Geschichte wissen (»ceterum censeo …«), halfen den Karthagern die vielen Kinderopfer am Ende nichts. Nach dem »Dritten Punischen Krieg« (149–146 v. Ch.) war die Stadt vollständig zerstört und das Staatsgebiet wurde zur römischen Provinz »Africa«.

Zwei Jahrtausende später, Ende August 1914, nach Veröffentlichung der ersten Verlustlisten, zirkulierte in der deutschen Presse folgender Aufruf: »Wir wissen jetzt, dass unser Heer trotz des langen Friedens das Kämpfen und Siegen nicht verlernt hat. Darum richten wir die Bitte an alle, denen der Kampf um die heiligsten Güter schon schmerzlichsten Verlust gebracht hat und noch bringen wird: Legt keine Trauer an um eure gefallenen Helden! Wie ein schwerer finsterer Druck würde es sich auf die Stimmung im Lande legen, wenn immer mehr Gestalten in Trauergewändern in der Öffentlichkeit erscheinen würden. – Das darf nicht sein. – Die hochgemute zuversichtliche Stimmung muss gewahrt bleiben! Wohl wissen wir, dass wir ein Opfer fordern, vor allem von den deutschen Frauen, die ihrer Trauer nach alter Sitte auch durch licht-oder farblose Gewandung Ausdruck geben möchten. Aber es handelt sich hier jetzt um keinen gewöhnlichen Todesfall infolge von Krankheit oder Alter, es handelt sich um den Tod von Lieben, die mit Freuden gestorben sind, für ihr Volk und für ihr Land. Solch ein Tod soll nicht nur Trauer wecken, sondern auch Stolz! Darum denkt nicht an euer persönliches Leid, sondern an das, wofür die Toten ehrenvoll gefallen sind!«2 Es war natürlich eine große Ehre und Freude, mit offenem Bauch oder abgerissenem Fuß im Schlamm des Schlachtfeldes für Gott, Kaiser und Vaterland sein Leben zu lassen. Der Zynismus der »Meinungs- macher« sowie der geistlichen und weltlichen Führungskräfte und die spiegelbildlich notwendige Dummheit der Masse über springt eben Zeit und Raum.

Zu Kriegsbeginn fabulierte der steirische Heimatdichter Peter Rosegger in der Grazer »Tagespost«: »Der Krieg bringt Elend und Not, aber er hat uns auch herrliche Güter gebracht, […] vor allem die allgemeine Opferfreudigkeit, mit der der Einzelne sich dem Ganzen hingibt. Weltgeschichte wird nicht mit dem Munde gemacht. […] Unsere Zeit ist groß. Warum nennen wir sie so? Weil sie große Menschen macht. Selbstlose, reine, fromme, heldenhafte Menschen.«3

Wie unzählige patriotische Dichter, die selbst nie eine reale Front des Ersten Weltkrieges zu sehen bekamen, begeisterte sich auch der Tiroler Priester und Religionsprofessor Anton Müller (»Bruder Willram«) für das Opfer des Heldentodes: »Wie sie zwischen Leichengarben – noch im Tode lächelnd starben, fest den Rosenkranz umschlungen; wie die Alten so die Jungen!«4

Zu denken, »dass man der Gottheit durch Unmenschlichkeit schmeicheln und ihre Gerechtigkeit mit Grausamkeit befriedigen könne« (Charron)5, ist eine die Epochen überdauernde kriminelle Verwirrung der Sinne mit tagesaktueller geopolitischer Brisanz – heute vor allem dokumentiert durch die unverändert akute geistige Verblendung innerhalb des Islams. Wie im alten Karthago sollen auch moslemische Mütter stolz darauf sein, wenn ihre Kinder einer höheren göttlichen Sache geopfert werden. So lautet der Text eines im palästinensischen al-Aqsa Radiosenders ausgestrahlten Liedes: »Rühmt den Namen Allahs […] zieht die Gürtel an und beladet sie mit TNT! Oh, Märtyrer Mutter, sei glücklich und wonnetrunken.«6

Die Geschichte des Homo sapiens ist angefüllt mit Beispielen, wie menschenverachtend Priester und Religionsführer die ihnen anvertrauten und untergebenen zweibeinigen Schafe für einen angeblich höheren und »göttlichen« Zweck zur Schlachtbank führten und immer noch führen. Der im Glauben seiner schiitischen Anhänger nun bei Allah wohnende Ayatollah Khomeini und seine noch immer aktive Mullah-Bande sind ein Paradebeispiel für die kaltschnäuzige Manipulation naiver Religiosität für ein weltliches Ziel. Im Krieg zwischen den islamischen Nachbarstaaten Irak und Iran in den achtziger Jahren wurden tausende religiös indoktrinierte Jugendliche, fast noch Kinder, in Saddams Minenfelder in den sicheren Tod geschickt, um das Risiko für die regulären persischen Truppen geringer zu machen. In feierlicher Zeremonie wurden den jungen »Märtyrern« in Japan hergestellte Plastikschlüssel um den Hals gehängt, mit dem tollkühnen Hinweis, damit sei die Pforte des Paradieses zu öffnen. Den Gipfel der amoralischen Geschmacklosigkeit bildete ein theatralisches Schmierenstück, das zusätzlich zum Gang über die irakischen Minen motivieren sollte. Ein erwachsener Soldat wurde in einen phosphoreszierenden Anzug gesteckt, um den jugendlichen Eiferern kurz vor ihrer Himmelsreise anfeuernd zu suggerieren, der Iman Muhammad al-Mahdi (Mehdi) galoppiere auf einem Schimmel die Front entlang.

Für die Schiiten ist der im Jahr 873 (christlicher Zeitrechnung) noch im Kindesalter in die kleine und einige Jahrzehnte später in die große »Abwesenheit« (Verborgenheit) entrückte (verschwundene) zwölfte Iman (al-Mahdi) eine mystische und zugleich auch reale Hoffnungsfigur. Allen Ernstes glaubt die überwiegende Mehrheit der Schiiten an die Wiederkehr des im Nichts verborgenen Iman. Nach dessen Rückkehr (gemeinsam mit Jesus) unter die Recht gläubigen kommt das neue goldene Zeitalter. In der iranischen Verfassung wird dieses Gespenst seit 1979 als das eigentliche Staatsoberhaupt der Republik genannt. Von den jungen »Märtyrern« in den Minenfeldern lagen regelmäßig sehr bald nur mehr Fetzen von verbranntem Fleisch und Knochenteile herum. Um die »Ästhetik« dieser national-religiösen Mission zu verbessern, hüllten sich die Kinder schließlich vor dem Betreten der Minenfelder in Decken ein und rollten auf dem Boden, damit ihre Körperteile nach der Detonation der Minen nicht auseinander fielen und man sie kompakter zu den Gräbern tragen konnte.7

Nicht nur in Karthago, sondern überall wo göttliche Hilfe erwartet wurde und diese Unterstützung ausblieb, fanden die selten in Verlegenheit geratenen Priester die Schuld für die fehlende göttliche Huld im mangelnden Glaubenseifer und in der fehlenden Gottesfurcht. Gerne wurde (und wird) auch die Unsittlichkeit des gemeinen Mannes (und der gemeinen Frau) für das Zurückziehen der schützenden göttlichen Hand verantwortlich gemacht. Immer dann, wenn das Schlachtenglück der österreichisch-ungarischen Truppen zwischen 1914 und 1918 zu versiegen schien, wurde von den Tiroler Kanzeln mit Donnerstimme verkündet, dass die Ursachen für die nun spürbar geringere göttliche Waffenhilfe in der scheinbar brüchiger werdenden Glaubensstärke der bisher (in der absoluten Mehrheit) brav bigotten Bergbewohner und in der von den entsetzten Geistlichen verstärkt georteten Unmoral zu finden sind. Das alttestamentarische Beispiel der Bewohner von Sodom und Gomorrha wurde als Menetekel an die Wand gemalt, deren lasterhaften Lebenswandel der verärgerte Gott mit der totalen Vernichtung bestrafte.

MILLIONEN BLUTIGE GABEN

Das Opfern gehört zu den Fundamenten der Religion. Der Priesterstand und die kultischen Handlungen formten sich aus dem Urbedürfnis der Menschen, den Göttern zu danken für die Nahrung und für den Schutz vor Krankheiten und Gefahren. Um bei den oft launischen und meist grausamen Göttern gute Stimmung zu machen, sich anzubiedern, gut Freund zu sein, war man bereit, das Liebste und Wertvollste zu opfern: die eigenen Kinder, Mitmenschen aus der Gemeinschaft, das beste Vieh, einen Teil der Ernte, Sklaven und Gefangene, sogar das eigene Leben. Das Bedürfnis zu opfern ist leider wieder sehr aktuell, wenn islamische Wirrköpfe sich und andere in die Luft bomben, um Allah zu schmeicheln. Religionswissenschaftler bezeichnen das Opfern als den eigentlichen Ursprung der Religion.

Ramses III. opferte den ägyptischen Göttern fünfzehn Tonnen Honig.8 Ein teures, jedoch harmloses Opfer im Vergleich zu den wilden Kultpraktiken gegenüber der phrygischen Kybele und der syrischen Atargatis. In religiöser Verzückung und unter rauschhaftem Geschrei entmannten sich junge Männer zu Ehren der Göttinnen. Die Jünger der Atargatis warfen ihre abgetrennten Glieder wahllos in Häuser, um von deren Bewohnern Schmuck und Gaben zu fordern. Die Novizen der Kybele beschenkten das Kultbild ihrer Göttin mit dem bluttriefenden eigenen Stück Männerfleisch. In den antiken morgenländischen Kulturen besaßen Genitalien einen hohen religiösen Symbolcharakter.9

Elagabal, der aus dem Orient stammende Wüstling und römische Priesterkaiser (204–222), ließ in religiöser Zeremonie täglich das Blut von hunderten Stieren und Schafen auf dem Palatin vergießen, um den skeptischen Römern seine Gottesnähe zu demonstrieren. Im Geheimen wurden auch hübsche Knaben kultisch getötet, damit der religiöse Wahn ausreichend Befriedigung fand.

Gerne weihten die Römer ihre gefangenen Christen dem Staatsgott Saturn. In der Arena wurden die eifrigen Glaubensaktivisten der neuen Religion zum Gaudium der pöbelnden Zuseher von Bären, Leoparden und anderen Tieren zerrissen und teilweise verspeist. Durch diesen beeindruckenden Vorgang erfuhr das Christenfleisch im Glauben der Leute eine mystische Wandlung und weckte den Appetit der fiebernden Masse. Man eiferte darum, etwas vom Eingeweide der zwischenzeitlich verletzten oder getöteten Tiere zu erhaschen, solange das darin befindliche Menschenfleisch noch annähernd »frisch« war, um von diesem zu naschen.10 Dies alles geschah nach dem zeitlosen Motto: »Näher mein Gott zu Dir«.

Unzählige Religionskapriolen später, am Beginn des 19. Jahrhunderts, beobachtete ein englischer Sklavenjäger namens Richard Drake ein ausnehmend makaberes Opferritual bei den Aschantis, im heutigen Ghana: »Frühmorgens wurden wir von den Kriegstrommeln geweckt, die ein Menschenopfer bei den Aschantis verkündeten. Man erklärte uns, dass 500 Menschen, Jungfrauen und Jünglinge bald geopfert würden. Die Opfer wurden in einer langen Prozession nahe an unsere Hütten herangeführt. Einem dieser Opfer war ein Messer durch die Wangen gestochen worden. Man hatte ihm beide Ohren abgeschnitten und ein Messer durch seine Arme gestoßen. Eine lange Lanze war unter seinen Schulterblättern quer durch seine Sehnen gesteckt worden. An dieser führte man ihn wie ein Rind. Danach kam ein junges Mädchen, völlig nackt, dem man beide Brüste abgeschnitten hatte. Ihre Lenden und ihr Bauch waren voll Peitschenstriemen. Einem anderen Mädchen hatte man die Brüste mit einem Messer durchstochen. Man führte es an einem Strick, den man durch seine Nasenlöcher gezogen hatte. Die schreckliche Vielfalt der Torturen nahm kein Ende.«11

Schöne Jungfrauen, die den Fetischen geweiht waren, wurden im westafrikanischen Dahomey jahrelang liebevollst versorgt und mit den erlesensten Speisen verwöhnt. Wenn der Zeitpunkt der Opferung günstig schien, pfählte man die jungen Frauen durch die Vagina und bot sie, in reichlich Fett gehüllt, den Göttern zur Speise an.12

Die Geschmacksrichtung des jüdischen und später in Doppelfunktion auch christlichen Gottes war einem fortwährenden Wandel unterworfen. In frühester Zeit, als YHWH sich beiderseits des Jordans noch mit konkurrierenden Göttern herumärgern musste, war er Menschenopfern gegenüber nicht abgeneigt. Zu bestimmten Anlässen genügte ihm offenbar auch ein Tierbraten. Als der rechtschaffene Gelegenheitsskipper Noah seine Arche endlich auf dem armenischen Ararat-Hochland aufs Trockene setzte, »baute er dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den lieblichen Geruch.« (Geschichte der Sintflut im 1. Buch Mose). Zwischen zeitlich Vegetarier, wurde der HERR im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit doch wieder rückfällig und erfreute sich am penetranten Geruch brennenden Ketzer- und Hexenfleisches. Heute ist der alte jüdische Gott in seiner christlichen Mutation bescheidener geworden: ein wenig Geld, einige Kerzen und Gebete, viel mehr fordert er derzeit (zumindest im weitgehend säkularen Europa) von seinen Anhängern nicht ein. Dramatisch verändern sich seine Forderungen allerdings, sobald er unter dem Alias-Namen »Allah« auftritt. Von seinen Glaubenssklaven, auch Muslime oder Moslems genannt, fordert er nicht nur die totale Unterwerfung und eine Unmenge täglicher Bücklinge, er will auch, dass seine gehorsamen Diener keine größeren Vertraulichkeiten mit Christen oder anderen künftigen Höllenbewohnern pflegen.

Zudem verlangt Allah als Opfergabe Jahr für Jahr das langsame Massen sterben einer in die Millionen gehenden Zahl von wehrlosen Tieren.

Mit dem Buch »Saison in Mekka. Geschichte einer Pilgerfahrt« verarbeitete der amerikanische Universitätsprofessor marokkanischer Herkunft Abdellah Hammoudi seine Mekkareise literarisch. Sein Verständnis für das von jedem Mekka-Pilger »im Namen des Allbarmherzigen Gottes« verlangte Tieropfer ist durch sein eigenes Erleben sehr brüchig geworden: »Den Geruch von Blut und Tierschweiß werde ich nie vergessen. […] Es war auf der Rückfahrt von Arafat nach Mina, in jenem überfüllten Bus, der uns in Mekka zugewiesen worden war. […] Langsam begann ich die Schafe zu riechen. Dann sah ich die ersten Ställe. Der Geruch wurde immer stärker, je länger die endlosen Reihen der Vieh hallen vor den Bergen, deren scharfe Reliefs zu erahnen waren, an uns vorüberzogen. Unweit der Straße verbrachten die Tiere dort ihre letzte Nacht, verharrten reglos unter schwacher Beleuchtung. Man blickte über runde, weißliche Formen in engen Reihen, die sich in der Ferne verloren. Einige Schafe hoben den Kopf, als wir vorbeifuhren, und blickten uns mit jenem Ausdruck ängstlicher Ergebenheit an, den Haustiere annehmen, wenn Menschen zu ihnen kommen. […] Die Blicke zusammengepferchter Tiere waren mir nur allzu vertraut. Ich hatte die Ausreißversuche und Paniken sowie die fragenden Mienen der Tiere in den Schlachthäusern vor Augen, die man packte, um ihnen die Kehlen durchzuschneiden. Ich hörte das herzzerreißende Blöken wieder, das Flehen, das mit dem Dampf und dem Geruch heißen Bluts zum Himmel aufstieg. Dieselben Szenen würden sich also morgen wiederholen, am Tag des Opfers; Millionen Lebewesen warteten darauf, getötet zu werden. Die Ställe in Mina sahen aus wie ein riesiges Tierkonzentrationslager: zwei, drei, vier Millionen Köpfe oder noch mehr. Eine riesige Anzahl von Pilgern bereitete sich darauf vor, ihre Opferpflicht durch eine Opfergabe zu erfüllen. […] Jede Opferung [setzt] einem Leben ein Ende, das ebenso einzigartig ist wie jedes menschliche Leben: Es ist ein Gewaltakt, kurz gesagt, ein Mord.«13

Gleichzeitig mit dem Messerschnitt quer über die Halsunterseite des unbetäubten Tieres spricht der Schlachter üblicherweise die Formel: »Im Namen Gottes. Gott ist groß. Herr Gott, in deinem Namen durch dich und für dich. Nimm es von mir an, wie du es von deinem Freund Abraham angenommen hast.«14 Der religiöse Ursprung des wichtigsten islamischen Opferfestes »Id al-Adha« findet sich im Gehorsam Abrahams gegenüber Gott.

Als die in Istanbul geborene deutsche Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek nach dreißig Jahren erstmals während des Opfer festes (türkisch: kurban bayrami) wieder in ihrer alten Heimatstadt war, wurde sie von der rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Rustizität, die zwischenzeitlich in Istanbul vor sich gegangen war, überrascht und unangenehm berührt. Das ostanatolische Dorf mit seinen archaischen Traditionen hat das Bild der Weltstadt sichtbar verändert. Necla Kelek: »Atatürks Republik hat eine westlich orientierte bürgerliche Schicht und ein Industrieproletariat entstehen lassen – die verarmende Landbevölkerung hat sie nicht erreicht. Dort sind die alten Stammesbräuche Gesetz geblieben. Die Bauern haben ihre Sitten und Gebräuche vom Land mit in die Stadt gebracht, und seitdem wuchert der Traditionalismus wie Gras zwischen den Gehwegplatten. Viele Frauen tragen Kopftuch, in den Teestuben sitzen bärtige Männer, ein gehäkeltes Käppi auf dem Haupt, die Gebets kette in der Hand; sie schauen den Frauen nach. In der Nähe der vielen wie Pilze aus dem Boden schießenden Moscheen sieht man junge Männer im Schalvar, weiten Pluderhosen und langen Hemden, der traditionellen Kleidung aus den islamischen Koranschulen, die jeden Fremden mit misstrauischen Blicken beäugen, als hätten sie über die Ordnung der Welt zu wachen.«15

Durch das Opferfest wird die Metropole am Bosporus wieder von Europa entfernt. Selbst die auflagenstarke türkische Tageszeitung Hürriyet bilanzierte über das »blutige Drama« des Opferfestes im Jahr 2005 resigniert: »Es gab offizielle Schlachthäuser, aber für viele Bürger schien der Weg dahin offensichtlich zu weit, sie wollten es eigenhändig bei sich zu Hause, im Garten oder auf der Straße erledigen. Sie gingen in Parks, auf die Straße, auf den Balkon, sogar auf Kinderspielplätze. Sie banden die Tiere an Bäume und an Laternenpfähle, auf Spielplätzen an die Kinderschaukeln und an die Basketballkörbe und hinterließen überall blutige Spuren. Innereien, Pansen, abgeschlagene Köpfe ließ man zurück. Ganz Istanbul war ein Blutbad.«16

Meist ist es ein Schaf, das der jeweilige Familienpatriarch zur Opferung kauft. Doch der Wert und die Größe des Opfers ist natürlich auch eine Sache des Prestiges. Der zunehmend bessere ökonomische Hintergrund vieler Türken führt zu einem Wettbewerb zwischen den Familien und Nachbarn. Wer es sich nun leisten kann, besorgt ein Rind. Den barbarischen Ablauf einer solchen »Opferung« beobachtete Necla Kelek mit kaum verhohlener Abscheu: »Am Abend vor dem Fest zogen die Männer los, um das Tier vom Viehtransporter abzuholen. Es war ein großes braunes Rind mit riesigen Augen, das, von allen bestaunt, an einem Baum gebunden auf den Tod wartete. Überall im Viertel, in Gärten, Balkonen, auf Terrassen blökten, muhten und meckerten Tiere. Als am nächsten Morgen der Muezzin von der nahen Moschee zum Gebet rief, waren bereits alle auf den Beinen, und nach dem Gebet trafen sich die Männer, um vor dem Haus mit Schaufeln ein großes Loch auszuheben. Ihre erwartungsvolle Unruhe übertrug sich auf das Rind, das immer aufgeregter an seinem Strick zerrte, bis einer der Männer ihm die Hinterläufe so fest zusammenband, dass es sich nicht mehr rühren konnte. […] Ich stand am Fenster im ersten Stock und sah zu. Als die Grube fertig war, brachten die Männer das Tier zu Fall, einer von ihnen sprang hinzu und durchtrennte die Halsschlagader. Das Tier zappelte und zuckte, bis zwei Männer auf seinen Körper stiegen und so lange mit den Knien wippten, bis das Blut aus dem Rind in einem dicken Schwall in die ausgehobene Kuhle floss und einen roten See entstehen ließ. Nach einer Ewigkeit erst, so schien es mir, hörte der Körper zu zucken auf. Dann begannen die Männer mit Messern und Beilen den riesigen Kopf vom Körper zu trennen und legten das Haupt in den Rinnstein der Straße. […] Vor jedem der Häuser spielte sich die gleiche brutale Inszenierung ab, durch die Straßen strömte Blut, begleitet vom Geruch des Todes.«17

Auf die Frage nach dem »Warum« dieses grausigen Spektakels fand die Sozialwissenschaftlerin erst Verständnislosigkeit, dann erhielt sie die Begründung: »Wir können es uns leisten, und es ist unsere Pflicht vor Gott.«18

Den Qualen vermeidenden raschen Messerschnitt durch den Hals des unbetäubten Rindes gibt es nicht. Der deutsche Veterinär Martin von Wenzlawowicz bemerkte in einem Spiegel-Interview dazu: »Beim Rind gibt es zusätzliche Arterien, die in der Nähe der Wirbel verlaufen, mit Messern kann man die nicht durchtrennen. Da müssen sie schon den Kopf des Rindes abschneiden. Das ist aber nicht die normale Praxis beim Schächten. So dauert es also grundsätzlich länger, bis die Tiere so wenig Sauerstoff im Gehirn haben, dass sie nichts mehr spüren.«19

ABSTINENZ DER VERNUNFT

Der Luxus des kritisch-rationalen und vernunftgesteuerten Denkens wurde in Europa gegen den erbitterten Widerstand der Kirche und Religion erst vor nicht allzu langer Zeit mühsamst errungen. Die Wegbereiter der für den Fortschritt Europas so weichenstellenden Entwicklung waren die »Aufklärer« des 18. Jahrhunderts. Sie befreiten das Denken aus den klerikalen Fesseln und lenkten den vom zukunftsfeindlichen religiösen Ballast erleichterten Geist hin zur modernen Wissenschaft, Forschung und Ökonomie – und nicht zuletzt auch in späterer Folge zur Demokratie. Den Wahlspruch der Aufklärung formulierte der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724–1804): »Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!«

Die modrige Melange aus der Furcht vor Gott und der gleichzeitig drakonischen Bevormundung der christlichen Europäer durch eine Vielzahl verrückter kirchlicher Gebote und Verbote, die von der »durch Gott eingesetzten« und dem Klerus weitgehend hörigen Obrigkeit sanktioniert wurden, hielt die Menschen in einer würdelosen Unmündigkeit. Sich aus diesem Geisteskäfig endlich zu befreien, war die dringliche Aufforderung des klugen Ostpreußen Kant: »Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. […] Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.«20

Ada, die altkluge und gern nihilistisch philosophierende Gymnasiastin in Juli Zeh’s Roman »Spieltrieb«, vergleicht den gottgläubigen Menschen mit dem treuesten Freund der Zweibeiner, dem Hund: »Die Beziehung von Hunden zu Menschen spiegelt exakt das Verhältnis der Menschen zu Gott. Für einen Hund ist der Mensch die Instanz, die über Leben und Tod, Futter und Verhungern, Freude und Leid gebietet. Der Mensch straft und belohnt, er spricht eine Sprache, die außerhalb des intellektuellen Radius seiner Jünger liegt, und verständigt sich deshalb in Zeichen und Wundern. Seine Beweggründe sind dem Hund nicht einsichtig. Ob der Hund einem gütigen Gebieter oder einer rachsüchtigen Gottheit dient – ein Leben ohne den Menschen ist ein Leben im Nichts und deshalb nicht vorstellbar. Auch unseren höchsten Herrn hätten wir Menschen guten Gewissens ein Herrchen taufen können. Religion ist nichts anderes als die Lehre davon, wie man frei von Erkenntnis gehorcht.«

Nicht nur den Koran und die »Hadith« (gesammelte Aussprüche des Propheten) als einzigen Fundus für die Fragestellungen des Lebens und der Spiritualität zu verwenden, sondern unser kostbarstes Gut, den Verstand, eigen verantwortlich zu aktivieren, dies wäre von den streng schriftgläubigen Moslems am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Wohle aller zu fordern. Auch die Abwesenheit der Vernunft, als Ergebnis einer strikten Bibelgläubigkeit der evangelikal-fundamentalistischen Christen und der streng orthodoxen Juden, wäre durch eine radikale »Entgöttlichung« der alten Sagentexte dringend zu korrigieren. Dringend deshalb, da die zunehmende geistige Verflachung der US-Gesellschaft durch einen immer gierigeren, eindimensionalen Religionskonsum in unheilvoller Verquickung mit dem militärischen Gewaltpotential der Supermacht nichts Gutes für die Zukunft verspricht. Jene Mehrheit der Europäer, die im freien Denken und in der säkular gestalteten Politik- und Rechtsform die höchsten gesellschaftlichen Güter sieht und bereit ist, diese auch zu verteidigen, muss dem diese freiheitlichen Fundamente untergrabenden Islam und dem rasanten Anschwellen der amerikanischen Bigotterie eine sehr wachsame Aufmerksamkeit schenken.

Sich endlich von den »Vormündern« zu emanzipieren, seien es geistliche Autoritäten, göttliche Gesetzbücher oder das stupide Ritual und der richtungsgebende Meinungsstrom einer unkritischen Masse, das wünschte sich Immanuel Kant von den Menschen seiner Zeit. Er wusste, dass dies ein weiter und beschwerlicher Weg sein würde: »Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen.«21

In der heutigen Zeit würde das Gedankengebäude dieses großen deutschen Philosophen mit der in unseren Gesellschaften bisher leider praktizierten »Toleranz« kollidieren, die archaische und vernunftfeindliche Absonderlichkeiten, wie eben das Schächten, in unser Wertesystem eindringen lässt.