Dünenküsse - Silvia Konnerth - E-Book

Dünenküsse E-Book

Silvia Konnerth

0,0
7,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Man muss nicht nach dem Glück suchen – man muss einfach nur ans Meer …

Antonia liebt ihr Zuhause, die Insel Nordsand, und den alten Bauernhof am Deich, den sie bewirtschaftet. Noch hat die alleinerziehende Zweiunddreißigjährige jedem Sturm trotzen können, doch jetzt bleiben die Feriengäste aus, und das Geld ist knapp. Als ihr epilepsiekranker Sohn Max teure Therapiemaßnahmen benötigt, weiß Antonia nicht mehr weiter. Ihr einziger Ausweg scheint Nick Miller zu sein, Max’ leiblicher Vater. Doch der weiß nicht, dass er einen Sohn hat, und das sollte eigentlich so bleiben. Als Nick unverhofft auf Nordsand auftaucht, bringt er einiges durcheinander – auch Antonias Beziehung zu ihrem Freund Tristan …

Weitere nordische Sehnsuchtsromane von Silvia Konnerth:
Leuchtturmherzen

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

Antonia liebt ihr Zuhause, die Insel Nordsand, und den alten Bauernhof am Deich, den sie bewirtschaftet. Noch hat die alleinerziehende Zweiunddreißigjährige jedem Sturm trotzen können, doch jetzt bleiben die Feriengäste aus, und das Geld ist knapp. Als ihr epilepsiekranker Sohn Max teure Therapiemaßnahmen benötigt, weiß Antonia nicht mehr weiter. Ihr einziger Ausweg scheint Nick Miller zu sein, Max’ leiblicher Vater. Doch der weiß nicht, dass er einen Sohn hat, und das sollte eigentlich so bleiben. Als Nick unverhofft auf Nordsand auftaucht, bringt er einiges durcheinander – auch Antonias Beziehung zu ihrem Freund Tristan …

Autorin

Silvia Konnerth, geboren 1980, stammt ursprünglich aus dem Rheinland. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie am nördlichen Rand der Lüneburger Heide, wo sie romantisch-frische Wohlfühlromane schreibt über Frauen, die sich dem Leben stellen, über Freundschaften und Familienbande. Und natürlich über die Liebe, ohne die es all dies nicht gäbe.

Weitere Informationen unter: www.silviakonnerth.de

Von Silvia Konnerth bereits erschienen HeideblütenküsseHeidesommerträumeHeidelandliebeLeuchtturmherzen

Silvia Konnerth

Dünenküsse

Roman

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe 2025 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

www.blanvalet.de

Copyright © 2025 by Silvia Konnerth

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign; unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (paul; snapshotfreddy; olenap; Drobot Dean; missisya; Nordreisender) und Thanamat Somwan / Shutterstock.com

Innengestaltung unter Verwendung der Bilder von: © Adobe Stock (Matthias)

DK · Herstellung: DiMo · ChS

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-31974-8V002

Prolog

Mai 2008

Die Brandung umspült unsere Füße. Ende Mai ist die Nordsee immer noch verdammt kalt. Der alte Pelle Westermann erreicht mit seinem Krabbenkutter soeben die ersten Priggen, die die Fahrrinne zum Hafen von Nordsand begrenzen.

Neben mir schluchzt Antonia, vom Weinen ist ihre Wimperntusche verschmiert. In der Tasche ihrer Fleecejacke steckt der Abschiedsbrief, den Niklas ihr in die Hand gedrückt hat, bevor er an Bord der Fähre gegangen ist. Der Brief, in dem er ihr mitteilt, dass für ihn eine Fernbeziehung keinen Sinn ergebe, er Toni dennoch im Herzen behalten werde. Idiot.

Ich habe die beiden gefunden, Antonia und den Brief, hier, an unserem Lieblingsplatz in den Dünen.

»Willst du ihn lesen?«, fragt sie mit kratziger Stimme.

Ich will nicht, mir reichen schon die wenigen Details, die sie mir erzählt hat. Dennoch taste ich in der Brusttasche meines Parkas nach meiner Brille, die ich eigentlich tragen sollte und mit der ich mich fühle wie ein altbackener Professor. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als sie aufzusetzen und zu lesen. Ich komme zu dem Schluss, dass Niklas nicht bloß ein Idiot ist, sondern ein dämliches Arschloch. Nicht nur, dass er nach München gehen will, um eine große Gesangskarriere zu starten (keine Ahnung, wer ihm für seine Schnulzen überhaupt einen Plattenvertrag angeboten hat), sondern er tourt zuvor zum Ballermann und dann nach Ibiza, um von allem wegzukommen. Als wäre es hier so furchtbar für ihn gewesen.

»Er kommt bestimmt wieder«, wage ich einen kläglichen Versuch, sie aufzumuntern. Wir wissen beide, der kommt nicht zurück. Jeder auf der Insel weiß das.

»Warst schon immer ein mieser Lügner, Tristan Johannsen.« Sie lächelt zuerst, dann weint sie erneut. »Kannst du nicht einfach etwas Schlaues sagen, und alles wird gut? So wie immer?«

Ich denke nach. Ausnahmesituationen haben wir schon einige zusammen überstanden, Toni und ich. Seit dem Kindergarten sind wir beste Freunde, genauer gesagt seit jenem Tag, an dem sie Hanno Feddersen gegen das Schienbein getreten hat, weil er sich wegen meines Sprachfehlers über mich lustig machte. Ich erinnere mich deswegen so gut daran, weil sich seitdem keiner der Jungen mehr getraut hat, mich zu hänseln.

Während der Grundschulzeit hat Antonia mich zu meinen Logopädieterminen aufs Festland begleitet, hat die Atem- und Sprechübungen mit mir gemacht und mir unermüdlich versichert, dass ich das Stottern in den Griff bekommen werde. Und wenn nicht, würde sie eben jeden verhauen, der mich deswegen ärgern würde. Als ihre Mutter gestorben ist, wir waren damals neun, haben meine Eltern sie für ein paar Monate bei uns aufgenommen, weil ihr Vater sich nicht einmal um sich selbst kümmern konnte. Ich habe meinen Gameboy und das Bett mit ihr geteilt. Wir waren wie Geschwister.

»Etwas Schlaues«, setze ich schließlich zu etwas Schlauem an und bemühe mich wirklich. »Keine Ahnung.«

»Macht nichts. Was soll man dazu auch sagen.« Sie seufzt, schiebt ihre Hand in meine. Ich bin immer überrascht, wie zart sich diese Hand anfühlt, obwohl Antonia sich nicht zu schade ist, Pfähle in die Erde zu schlagen und den Kuhstall auszumisten. Ich mustere sie verstohlen von der Seite. Im ersten Moment sieht sie, bis auf das vom Heulen verquollene Gesicht, die zerlaufene Wimperntusche und die hängenden Schultern, aus wie immer. Die blonden Locken zum Zopf gebunden, die Haut von der Frühlingssonne leicht gebräunt. Erste Sommersprossen sprenkeln ihre Nase. Okay, da ist seit neuestem diese Falte auf ihrer Stirn, die sie auf Fremde zornig wirken lassen könnte. Aber ich weiß, dass viel mehr dahintersteckt, denn um ehrlich zu sein, befürchte ich, dass Liebeskummer und Trennungsschmerz nicht unsere einzigen Probleme sind.

»Ist sonst noch was?«, will ich wissen und stecke die Brille zurück in die Brusttasche. »Ich meine, klar. Niklas ist weg, voll scheiße und so …«

Sie verzieht die Lippen, als hätte sie sich mit dem Hammer auf den Daumen gehauen.

»Super, oder? – ich bin wieder Single. Du weißt ja, wie schwierig es ist, auf der Insel Leute kennenzulernen. Ich meine Leute, die man nicht schon Tausende Male gesehen hat. Ganz davon abgesehen werde ich vermutlich nie wieder jemanden lieben können.«

Ich plustere die Wangen auf und beschließe, mich nicht auf diese Diskussion einzulassen, die ich nur verlieren kann. »Außer dem?«

»Reicht das nicht?« Sie zieht ihre Hand zurück. »Niklas und ich, das war … Wir hatten Träume.«

»Gemeinsame?«

»Wird das jetzt ein Verhör? Ich glaube nicht, dass ich mich dir gegenüber rechtfertigen muss.«

»Ich will ja nur, dass du nicht vergisst, wie oft er davon gesprochen hat, die Insel zu verlassen und Abenteuer zu erleben, während für dich klar ist, dass du nach dem Studium euren Hof weiterführen wirst. Du kämpfst so hart dafür. Ohne dich hätte dein Vater den Milchviehbetrieb doch längst aufgegeben. Überleg mal, was du allein ohne das Studium erreicht hast.«

»Dinge ändern sich.«

»Tatsächlich?«

»Vielleicht will ich ja auch nach München. Und vorher zum Ballermann. Soll sehr lustig dort sein.«

»Und warum stehen wir dann hier? Wieso heulst du dir die Augen aus dem Kopf, statt deine Sachen zu packen und Niklas zu folgen?« Ich sende ein stummes Stoßgebet zum Himmel, dass ich sie mit meiner unbedachten Äußerung nicht auf dumme Ideen bringe, auch wenn da oben niemand ist, an den ich glaube.

Sie gibt ein missmutiges Brummen von sich. »Manchmal nervst du, das weißt du schon, oder?«

Ich nicke. Mir ist klar, dass ich vorerst keine weiteren Details aus ihr herausbekommen werde.

»Du hast halt keine Ahnung, wie das ist, wenn jemand geht, den man liebt«, fügt sie bitter hinzu und wendet sich ab. Dennoch entgeht mir nicht, dass sie die Hand flüchtig auf ihren Bauch legt.

Ich öffne den Mund, um etwas zu erwidern, aber jeder Laut bleibt mir in der Kehle stecken. Stimmt, davon habe ich keine Ahnung.

Jeder allein mit seinen Gedanken, starren wir aufs Meer. Möwen kreischen über unseren Köpfen. Der alte Westermann und sein Kutter sind längst verschwunden. Vermutlich vertäut er die Aurora 2 gerade am Poller.

Algen und Seetang verfangen sich zwischen meinen Zehen – fädig und glitschig. Es riecht nach feuchtem Sand, nach der Gischt und nach Schlick. Der Duft von zu Hause.

»Ich werd wohl nicht studieren«, verkündet Toni unvermittelt.

»Was?«

»Das mit dem Hof kriege ich auch so hin. Meine Mutter hatte auch nicht studiert, als sie den Hof ihrer Eltern übernahm. Und ich weiß inzwischen schon ziemlich viel.«

»Moment«, sage ich und schüttle den Kopf. »Eben noch wolltest du möglicherweise die Insel verlassen, um ein Leben als Partyqueen zu feiern und nach – wie heißt die Stadt noch gleich? – München zu ziehen, und jetzt …«

»Wie gesagt, Dinge ändern sich.« Sie funkelt mich an, aber das kurze Blinzeln verrät sie.

»Ja, schon klar. Mensch, Toni, du hast dich mega auf dieses Studium gefreut. Und dass wir zusammen nach Hamburg gehen, haben wir uns so gewünscht. Willst du das echt hinschmeißen, oder sagst du mir endlich, ob hinter deinen neuen Umzugsplänen nur ein gebrochenes Herz oder noch etwas anderes steckt?«

»Nein.« Sie senkt den Blick und fügt leise hinzu: »Ich kann nicht.«

Erneut möchte ich etwas loswerden, schlucke die Worte jedoch herunter. Eigentlich meine ich ohnehin, alles zu wissen. Genau wie vorhin hat sie in letzter Zeit immer wieder unbewusst die Hand auf ihren Bauch gelegt. Beim Abschied an der Fähre vor einer Stunde hat sie zuerst gewunken und dann über ihren Bauch gestreichelt, als wollte sie jemanden dort drin beruhigen. Ich habe zwei große Schwestern, die schon eigene Familien haben. Und zu meinem Vater in die Praxis kommen immer wieder schwangere Frauen. Ich kenne diese Geste. Außerdem hat sie beim Abschiedsessen gestern die gebratenen Zwiebeln zu ihrer Ofenkartoffel zuerst an den Tellerrand geschoben und sie schließlich mir angedreht. Toni teilt sonst alles – Bratzwiebeln jedoch nur im allergrößten Notfall. Mir kam es so vor, als hätte sie allein der Geruch angeekelt, weshalb ich mich beeilt habe, sie aus dem Weg zu schaffen. All das würde ich ihr so gern sagen, aber ich behalte es für mich, in der Hoffnung, dass sich Toni mir bald anvertrauen wird. Ich gebe ihr Zeit. Vielleicht werden wir alle Zeit brauchen.

»Tut mir leid.« Sie zupft am Ärmel meines Sweatshirts. »Du versuchst ja nur zu helfen. Aber das geht gerade nicht. Leider.« Sie seufzt noch einmal. »Gibt’s ein Mittel gegen das Stechen im Herzen? Kannst du nicht mal deinen Vater fragen?«

Ich ziehe eine Tüte Karamellbonbons aus meiner Jackentasche. »Sind eigentlich verschreibungspflichtig, aber ich schätze, es ist okay, wenn ich dir ein paar abgebe.«

Mit dem Handrücken wischt sie sich über die Augen, danach zieht sich ein schwarzer Streifen Wimperntusche bis zu ihrer Schläfe. Sie steckt sich ein Bonbon in den Mund. Es klackert gegen ihre Zähne.

»Nicht zerbeißen«, rate ich ihr. »Sonst wirken sie nicht.«

»Danke, Herr Doktor.«

»Ich bin nur der Sohn des Doktors.«

»Wirst du das auch noch sagen, wenn du promoviert hast?«

»Ich promovier vielleicht nicht.«

Endlich erkenne ich den Hauch eines wenn auch traurigen Lächelns auf ihren Lippen. »Spinner.« Sie umarmt mich, ich halte sie und flüstere: »Alles wird gut.« Überzeugt bin ich nicht allzu sehr, hoffe jedoch, überzeugend zu klingen.

Ich mag zwar keine Ahnung davon haben, wie es ist, wenn jemand geht, den man liebt. Aber wie es sich anfühlt, jemanden zu lieben, den man nicht haben kann – das weiß ich umso besser.

Kapitel 1

Juni 2024

In der Küche des alten Reetdachhauses, das zum familieneigenen Gehöft gehörte und in dem schon ihre Mutter Elsa aufgewachsen war, duftete es nach frisch aufgebrühtem Morgenkaffee. Antonia wusch zwei Salatgurken für das Mittagessen und hobelte sie in Scheiben, lupfte mit einem Handtuch den Deckel vom Kochtopf, stach mit der Gabel in eine Kartoffel, drehte das Gas ab und schüttete das dampfende Wasser ins Spülbecken. Sie trocknete die Hände an der vom vielen Waschen ausgeblichenen Schürze ab, die sie hin und wieder trug. Die Erinnerungen an Mama waren zwar verblasst wie die Farben des geblümten Stoffes, doch sie wusste noch genau, wie gern sie die Schürze zum Verkleiden genommen hatte. Manchmal zog sie sie in der Küche über, obwohl sie sich darin alt vorkam. Aber dann fühlte es sich fast so an, als würde Elsa Petermann, deren Tod bereits vierundzwanzig Jahre zurücklag, jeden Moment in der Küche auftauchen. Antonia nippte am überzuckerten Kaffee, in den sie versehentlich drei Würfelzucker statt nur einen gegeben hatte, während sie gedanklich die Rechnung des Installateurs durchgegangen war, der letzte Woche eine undichte Wasserleitung ausgetauscht hatte. Sie füllte heißes Wasser nach, probierte erneut und entsorgte die wässrig-süße Plörre im Ausguss, ehe sie drei Frühstückseier in die erhitzte Pfanne schlug und die Gurkenscheiben mit Kräuteressig, Salz, Pfeffer und etwas Zucker würzte. Bis zum Mittagessen würde der Salat perfekt durchgezogen sein. Zwar würde Max bei der Aussicht auf Gurkensalat alles andere als begeistert sein. Aber so war das nun mal im Sommer – es kam auf den Tisch, was der Garten hergab.

»Max, Frühstück ist gleich fertig«, rief Antonia und öffnete einen der drei Oberschränke der modernen Landhausküche, um auf Zehenspitzen zwei Gläser herauszunehmen. Sie musste sich bis ans obere Fach strecken. Da niemand abgewaschen hatte, war das untere Fach seit Tagen leer. Sie selbst hatte Himbeerkonfitüre für den Hofladen einkochen müssen, ehe die Früchte am Strauch faulten. Außerdem hatte sie einen aus den Angeln gefallenen Fensterladen notdürftig repariert, morsche Pfosten des Weidezauns ausgetauscht, die Buchhaltung erledigt und den Hühnerstall einer Komplettreinigung unterzogen, während ihr Vater mit einem grippalen Infekt das Bett hütete und Max sich genauso eifrig an den Arbeiten im Haushalt beteiligte wie wohl die meisten Teenager – nämlich gar nicht.

»Max!« Eilig bestrich sie zwei Scheiben Bauernbrot mit Schafsfrischkäse aus der inseleigenen Käserei. »Max?« Sie ging zur Holztreppe, auf der immer noch der Korb mit frischer Wäsche stand und die zu den Schlafräumen ins Obergeschoss führte, und versuchte, die aufkeimende Panik zu unterdrücken, die sie überkam, wenn Max sich nicht gleich rührte. Dabei hatte sie ihm hoch und heilig versprochen, zu »chillen«. Ihre sportliche Konstitution zugrunde gelegt, wäre sie innerhalb von zehn Sekunden bei ihm – nur für den Fall der Fälle. »Max, kommst du essen?« Endlich öffnete sich Max’ Zimmertür. Sie knarrte, vermutlich hatte sich das Holz durch die Frühsommerhitze der letzten Tage mal wieder verzogen. »Warum riecht das hier so verbrannt?«, fragte er.

»Die Eier!« Antonia hastete zurück zum Herd, über dem grauer Rauch aufstieg. »Mist!« Sie schob die Kräutertöpfe beiseite, riss das Fenster auf und entsorgte die angebrannten Überreste im Müll, während Max in die Küche geschlendert kam und mit einem verdrießlichen Nicken auf die Glasschale wies.

»Schon wieder Salat? Und was gibt’s dazu?« Er linste in den Kochtopf, und Antonia musste ein weiteres Mal feststellen, dass ihr Sohn kein kleiner Junge mehr war, sondern ein junger Mann, der sie um einen Kopf überragte, sich neuerdings den dunklen Flaum auf der Oberlippe rasierte und nun einen seiner resignierten Seufzer ausstieß. »Können wir nicht Pizza oder so was essen? Es sind doch Ferien.«

»Ich wüsste nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. So gern ich das mit dir ausdiskutieren würde – ich habe keine Ferien.« Antonia überreichte ihm das Holzbrett mit einer Stulle darauf. »Bring das bitte zu Opa nach oben, damit er wenigstens eine Kleinigkeit isst. Und frag ihn, ob er noch Tee braucht.«

»Hättest du mir das nicht vorher sagen können? Du hast nach mir gerufen, damit ich zum Frühstück komme.«

»Und jetzt bitte ich dich, deinen kranken Großvater zu versorgen, nachdem ich dein Frühstück vorbereitet, nebenbei das Mittagessen gekocht habe und den Tisch decken werde. Mehr als ein fairer Deal, würde ich sagen.«

Max verzog den Mund zu einer unzufriedenen Grimasse. »Kartoffeln aus der Mikrowelle sind immer so trocken. Können wir nicht mal wieder frisch essen?«

»Kein Problem.« Antonia schnitt mehrere Stücke von der Gurke ab und legte sie neben Paps’ Stulle. »Während ich koche, musst du nur mal eben Rechnungen schreiben und bezahlen, das Heu reinholen, den Schafstall reparieren und dich um die Urlaubsgäste kümmern, Johannisbeergelee einkochen …«

Max verdrehte die Augen. »Schon gut, hab’s kapiert.« Abermals seufzte er, als befände sich der Opa nicht im fünfzehn Stufen entfernten Obergeschoss, sondern auf der Insel Amrum, die er um diese Zeit nur in einem mehrstündigen Fußmarsch durchs Wattenmeer erreichen würde. Dann setzte er sich, das Brett auf dem Handteller balancierend, in Bewegung.

»Und beeil dich, ich ziehe in der Zeit einen neuen Kaffee.« Den würde sie sich gönnen. So.

Während der Kaffeevollautomat zischte, sank Antonia auf die Holzbank am Esstisch, ihren Lieblingsplatz in der offenen Wohnküche. Sie betrachtete den Blumenstrauß, den sie gestern im Garten zusammengestellt hatte. Die Margeriten dufteten leicht süßlich, das gelbe Mädchenauge ließ eine Blüte hängen. Manchmal vergaß sie vor lauter Arbeit, die Schönheit ihres Zuhauses zu genießen und dankbar für das zu sein, was sie hatte. Für die neue Küche zum Beispiel, die Paps und sie sich letzten Winter geleistet hatten, weil die alten Schränke, die teilweise noch ihren Großeltern gehört hatten, ausgedient hatten. Bei der Planung hatte sie versucht, den Mix aus modern und Landhaus beizubehalten, und sie fand, dass die Glasdunstabzugshaube perfekt zu den Sprossentüren der Oberschränke passte. Sie fragte sich, ob ihrer Mutter die neuen Möbel gefallen hätten.

Als Max den Kopf zur Tür hereinsteckte, atmete sie tief durch und straffte die Schultern. Er grinste und fuhr sich mit der Hand durch die schwarzen Locken, die ihm in die Stirn fielen – und die er von seinem Vater geerbt hatte. Sie liebte ihn so sehr, diesen Jungen, vor allem in den kostbaren Momenten, in denen er vergaß, dass er fünfzehn war und das Leben aus Prinzip doof fand – bis auf Abhängen, Fußball und Ferien natürlich.

»Lieben Gruß von Opa. Ihm wird vom Hagebuttentee übel, und er will ein Glas Wein zum Abendessen.«

Max und sein Opa hatten schon immer eine besondere Beziehung zueinander gehabt, was Antonia sehr zu schätzen wusste. Denn es war nicht einfach gewesen damals.

»Wie schön, ihm scheint’s also besser zu gehen.« Sie zwinkerte Max zu und bedeutete ihm mit einer Geste, sich an den Esstisch zu setzen, über dessen Holzplatte sich diverse Riefen, Kratzer und Filzstiftstreifen zogen – er hatte bereits in dieser Küche gestanden, als Antonia noch ein Kind gewesen war. Bevor Max Platz nahm und eine Scheibe Brot auf das Frühstücksbrett lud, schaltete er das Radio ein. Der Moderator kündigte einen Wetterumschwung für den Norden an. Es war zwar immer noch warm, aber es hingen bereits erste dicke Wolken wie Blumenkohlröschen am Himmel. Außerdem war der Wind spürbar aufgefrischt. Eine kurze Filmsequenz von fliegenden Drachen und Kinderlachen am Strand flackerte auf Antonias imaginärer Kinoleinwand auf, bunt und fröhlich und eigentlich gar nicht so lange her.

Sie hoffte, dass sich das Wetter wenigstens zwei Tage halten würde, denn Regen konnte sie gerade gar nicht gebrauchen. Sollte das Heu zu feucht zu Ballen gepresst werden, könnte es schimmeln oder sogar gären. Dadurch wäre nicht nur das Winterfutter für ihre Schafe und für den Verkauf ruiniert, sondern es bestand außerdem die Gefahr, dass die Ballen von innen zu heiß wurden und in Brand gerieten. Sollte die Ernte verregnet sein, müsste sie auf jeden Fall mit Schäden rechnen. Bei der hiesigen Wetterlage waren sich die Insulaner ausnahmsweise uneinig. Der Wind drehte zu oft.

»Opa sagt, wir müssen heute das Heu einfahren. Er meint, der Wetterumschwung kommt schneller als vorhergesagt. Der Wind wäre schuld.«

»Apropos Wind. Weißt du noch – wir beide und dein Drachen?«, sagte sie gedankenverloren. »Du wolltest unbedingt den mit dem Adler haben und …« Max’ Gähnen gab ihr eindeutig zu verstehen, dass er keinen gesteigerten Wert darauf legte, in Kindheitserinnerungen zu schwelgen. »Das Wetter – ich weiß«, wechselte sie also das Thema, holte sich die gefüllte Kaffeetasse und gab ein einziges Stück Zucker hinein. Vorsichtig rührte sie, der Löffel klackerte gegen das Porzellan. »Es ist eigentlich noch zu früh für das Heu. Ich würde gern bis morgen warten.«

»Kumuluswolken, Mama. Wenn die sich abends oder morgens bilden, ist die Regenwahrscheinlichkeit ziemlich hoch.«

Nachdenklich schob sie einen Löffel voll Milchschaum zwischen die Lippen. Es war nicht so, dass sie darüber nicht nachgedacht hatte, im Gegenteil. Vermutlich stiegen bereits Rauchwolken aus ihren Ohren, weil sie sich das Hirn darüber zermarterte, ob die Wolken eine ernst zu nehmende Gefahr darstellten oder nicht. »Damit hat Opa wohl recht«, räumte sie ein.

»Nicht er hat das gesagt, sondern ich.« Max zuckte die Achseln und wischte sich die Haarsträhne nun mit der Hand aus der Stirn. Er und seine Haare waren so eine Sache. »Na ja, und Herr Deppendiel, mein Erdkundelehrer«, fuhr er fort. »Aber ich hab’s mir gemerkt. Immerhin.«

»Und du kannst dieses Wissen abrufen, obwohl Ferien sind. Ich bin stolz auf dich.« Sie schickte einen Kuss in seine Richtung, den er mit seinem Boah-bist-du-peinlich-Blick quittierte, einer Mischung aus bösem Blick und Augenverdrehen. »Du könntest ja nach dem Frühstück mit zur Wiese kommen – vielleicht bist du anderer Meinung«, schlug Antonia vor, während Max sich eine Stulle mit Butter schmierte.

»Ich treff mich mit Karl«, sagte Max, ehe er beherzt in sein Brot biss. »Wir wollen ein bisschen kicken, bevor es regnet. Am Strand.« Karl war zwar ein Jahr jünger als Max, aber knapp einen halben Kopf größer und deutlich muskulöser. Seit Max’ erstem epileptischem Anfall vor zwei Jahren verband die Jungen eine besonders innige Freundschaft. Antonia mochte Karl. Seinen Eltern gehörte das Strandcafé Dittmann, und seine Mutter Svenja war nicht nur ihre engste Freundin, sondern auch eine langjährige Geschäftspartnerin. Das Strandcafé richtete das Frühstück für die Feriengäste des Dünenhofes aus. Nachdem sie den Milchviehbetrieb vor sieben Jahren aufgegeben hatten, waren die Vermietungen eine wichtige Einnahmequelle, zumal der Umbau des alten Kuhstalls in ein Wohnhaus eine große Investition gewesen war. Zum Glück war ihr Vater Tischler, und sie hatten unglaubliche Unterstützung von Nachbarn und Freunden erfahren, weshalb die Baustelle zwar lange da gewesen, aber vieles in Eigenregie erledigt worden war. Viele Jahre waren sie regelmäßig ausgebucht gewesen. Allerdings war das Angebot an Pensionen und Zimmervermietungen inzwischen groß, und vermutlich hatte Antonia seit Längerem zu wenig Zeit in Werbung und Vermarktung gesteckt. Das würde sie ändern.

»Und Berenike kommt vielleicht auch.« Max erhob sich und füllte eine Glaskaraffe mit Leitungswasser.

»Berenike?«, hakte Antonia betont beiläufig nach. Gechillter als sie konnte sich wohl kaum jemand anhören. Ihre Enttäuschung über Max’ Abfuhr war nicht mehr wichtig. »Das Mädchen, das vorgestern mit seinen Eltern eingecheckt hat?« Von der Insel kam Berenike jedenfalls nicht – auf Nordsand kannte jeder jeden. Jede Muschel, jede Möwe. Und der außergewöhnliche Name war ihr im Gedächtnis geblieben.

»Jup. Ist das ein Problem?« Er pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

»Ich bin nur überrascht, weil … nun ja. Berenike ist ein Mädchen. Ich dachte, Mädchen sind nervig und dumm.« Und ganz nebenbei hatte sie erwartet, dass er eher auf den natürlichen Typ stehen würde statt auf ein Mädchen mit wasserstoffblonden Extensions und künstlichen Wimpern.

»Haha, sehr witzig.« Max verdrehte die Augen. Früher hätte sie ihn gewarnt, dass seine Augen irgendwann so bleiben würden, wenn er sie nur oft genug rollte. Heute zog das nicht mehr. Schade. Es hatte gut funktioniert.

War Max etwa verliebt? Sie musterte ihn. Wirkte er der Welt entrückt? Glücklicher? Rasierte er sich, seitdem diese Berenike aufgetaucht war, oder hatte Antonia zuvor bloß nicht richtig hingesehen?

Immer mit der Ruhe, sagte sie sich schließlich. Bisher hatte er am anderen Geschlecht keinerlei Interesse gezeigt. Ohnehin hatten sich die beiden gerade erst kennengelernt. Er war also maximal verknallt. Aber was machte das für einen Unterschied? Er war ein Teenager und würde früher oder später seine Erfahrungen mit Mädchen sammeln. Und das war auch okay so.

Eine Stimme aus dem Radio stoppte ihren Gedankenfluss.

»Our love slipped through our fingers like sand, now I’m all alone with my pain …«, hauchte der Sänger mit samtiger Stimme.

Unsere Liebe glitt wie Sand durch unsere Finger, jetzt bin ich ganz allein mit meinem Schmerz …

»Geht’s dir gut, Mama? Du siehst aus, als hättest du ’nen Geist gesehen.« Max kräuselte verdutzt die Stirn. Er ahnte ja nicht, wie nah er der Wahrheit mit seiner Vermutung kam.

Auch zehn Jahre nach seinem ersten Nummer-eins-Hit fand sie Nick Millers Lieder schnulzig und blöd, und sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, ihn im Radio zu hören.

Antonia erhob sich zu plötzlich. Sie ertrug die Musik nicht. »Besser, wir machen das aus.«

»So schlimm ist das Lied doch gar nicht. Und der Typ ist echt fame, auch wenn seine Musik klingt wie aus dem letzten Jahrtausend.«

»Also findest du ihn gut?«

»Man kommt halt nicht dran vorbei.«

Wie wahr. Genau so war es ihr als Teenager auch ergangen. An Niklas Frerich kam offenbar niemand vorbei. Was Max wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass ausgerechnet der König der Herzschmerzlieder sein leiblicher Vater war? Würde Niklas eine Rolle in seinem und damit auch in ihrem Leben spielen? Sie hatte lange mit sich gerungen damals, ob sie Niklas die Wahrheit sagen sollte. Doch dann hatte sie sich entschieden, zu schweigen. Sie hatte nicht gewollt, dass er aus Mitleid zu ihr zurückkäme und sie seiner Karriere im Wege stünde. Und sie hatte kein zweites Mal von ihm enttäuscht werden wollen, indem er sie und, viel schlimmer, Max im Stich ließe. Dennoch traf sie die Tatsache, dass sie ihr gesamtes Umfeld und insbesondere Max belog, in Momenten wie diesem hart. Es fühlte sich an, als würde sie in einer Nussschale aufs offene Meer gezogen werden, und die Gewissheit, es nicht zurück zu schaffen, machte sie verrückt. Gab es einen Weg ans sichere Ufer, oder würde sie lediglich alte Wunden aufreißen und neue Verletzungen schaffen, wenn sie mit der Wahrheit herausrückte, um ihr Gewissen zu beruhigen? Zum Glück hatte Max selten nach seinem Vater gefragt, gebohrt hatte er nur ein einziges Mal. Jetzt war er ein Teenager, der vieles infrage stellte. Vielleicht auch das. Vielleicht sollte sie von sich aus das Gespräch suchen. Ihre Schläfen pochten. Es war nicht so, dass sie nicht darüber nachgedacht hätte. Doch der richtige Moment war nie gekommen. Und ja – sie war auch zu feige gewesen.

Sie lockerte die Schultern, kehrte zurück ins Hier und Jetzt. »Wie wär’s, wenn wir heute Abend Pizza machen?«, steuerte sie das Gespräch ins seichte Gewässer und legte ein Lächeln auf. »Wenn wir das Heu heute nicht einholen, hätten wir Zeit dafür. Ich muss nur noch einen Moment darüber nachdenken. Und vielleicht mit Opa sprechen. Du könntest Karl mitbringen. Und Berenike. Tristan kommt heute Abend sowieso vorbei.«

»Ist seine Mascha wieder weg?«, wollte Max wissen. Mascha war Tristans Freundin, die seit über einem Jahr jedes zweite Wochenende auf die Insel kam. Ein paarmal hatte Tristan sie in Berlin besucht, aber den überwiegenden Teil ihrer gemeinsamen Zeit verbrachten sie auf Nordsand. Antonia verstand nur zu gut, warum diese Insel jeden in ihren Bann zog, aber sie wusste auch, dass die Reise nach Berlin eine Tortur für Tristan war. Ein Grund mehr für Mascha, ihm das zu ersparen.

»Seine Mascha kommt wie immer am Wochenende her«, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß gar nicht, warum Opa und du das immer so betonen.«

»So random halt.« Max leerte sein Wasserglas, ohne es abzusetzen. »Fernbeziehungen sind doch voll bescheuert.«

»Und wie wollen du und Berenike das dann machen, wenn sie abgereist ist?«

»Wieso Berenike und ich? Boah, Mama, deine Vibes nerven. Sie kommt einfach nur mit uns zum Strand, weil ihre Eltern voll öde sind, okay?«

Sie hob zustimmend den Daumen.

»Urlaub mit Eltern ist halt öde. Deshalb.«

»Total.«

»Sie wollte auch gar nicht mitkommen, aber die haben sie quasi gezwungen.«

»Ist so was nicht verboten?«, fragte Antonia gespielt entsetzt.

»Bloß, weil sie zweimal ’ne Party geschmissen hat, während ihre Eltern übers Wochenende weg waren. Die brauchen sich echt nicht so anzustellen.«

»Echt. Unmöglich, die Eltern.«

Max blinzelte. »Du machst dich über mich lustig, oder?«

»Nur ein bisschen, mein Schatz. So läuft das eben, wenn man jemanden so lieb hat wie ich dich.« Antonia tätschelte seine Schulter, woraufhin er enerviert brummte oder knurrte oder etwas dazwischen. »Es ist unser Job als Eltern, voll öde zu sein und euch zu ärgern, das weißt du doch. Und euch zu unsäglichen Sachen zu zwingen. Urlaub mit den Eltern zum Beispiel. Oder den Tisch abzuräumen. Uh!« Sie schüttelte sich gespielt angewidert, aber Max schien ihren Sinn für Humor nicht zu teilen.

Mit einem Stöhnen sackte er auf seinem Stuhl zusammen. »Kann ich das nicht heute Abend machen? Oder stattdessen was anderes? Ich hasse Tischabräumen.«

»Na klar, mein Liebling«, sagte sie zuckersüß. »Wieso gehst du nicht schon mal Richtung Strand und machst dir einen schönen Tag? Nimm dir Geld fürs Eis aus meinem Portemonnaie und kümmere dich um nichts. Ich schaff das schon allein.«

»Echt jetzt?«

Antonia seufzte und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Süß, wie naiv diese Teenager manchmal waren.

»Sag doch einfach, was du willst, Mama. Dann verstehe ich das auch richtig.« Er erhob sich, woraufhin Antonia ihn umarmte, was, von außen betrachtet, vermutlich seltsam aussah. Sie kam sich winzig vor, während sie die Arme um den hageren Riesen schlang. Aus der Nähe fühlte es sich jedoch einfach nur gut und richtig an, dieses wunderbare Kind zu halten.

»Es wäre doch langweilig, wenn ich dich überhaupt nicht nerven würde, oder?«

Antonia hatte sich entschieden. Fast. Zu siebzig Prozent. Fünfundsiebzig. Die Wolkendecke war nach dem Frühstück aufgerissen und entblößte lückenhaftes Blau am Himmel. Offensichtlich spielte der Wind ihr in die Karten. Aus Erfahrung wusste sie zwar, dass Paps Schrägstrich Max Schrägstrich Herr Deppendiel recht hatten: Eine derartige Wolkenformation am Morgen verhieß in absehbarer Zeit Regen. Heute jedoch schien das anders zu sein. Diesmal hatte das Regenradar recht, und das Heu konnte einen Tag länger liegen bleiben.

Antonia saß in ihrem Büro, das kaum größer war als die Führerkabine eines Fischkutters, und trommelte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte ihres Schreibtisches. Der Duft der Strauchrosen, die das Grundstück umrahmten, drang durch das gekippte Fenster. Wie gern wäre sie draußen, aber sie musste unbedingt die Kontoauszüge des vergangenen Monats überprüfen. Das Ergebnis war ernüchternd. Sie brauchten das Heu.

Das lautstarke Zuknallen einer Tür weckte Antonias Aufmerksamkeit. Kurz darauf schlenderte Max, den Fußball unter den Arm geklemmt, vom Innenhof auf die von Essig- und Kartoffelrosen gesäumte Straße in Richtung Strand. Jedes Mal, wenn er allein unterwegs war, überkam sie dieses mulmige Gefühl im Bauch. Was, wenn er plötzlich einen Anfall bekäme? Sie biss sich auf die Lippe. Seitdem er die Epilepsie-Diagnose erhalten hatte, waren sie von Arzt zu Arzt gezogen, bis sie einen Spezialisten gefunden hatten, der Max mit Medikamenten eingestellt hatte. Inzwischen waren die Anfälle weniger geworden – dennoch kannten sie noch immer nicht alle Auslöser, bis auf Schlafmangel und zu viel Aufregung. Ihr war nicht klar gewesen, dass Hormonveränderungen ein Grund für das plötzliche Auftreten der Krankheit im jugendlichen Alter sein konnten. Und dass sie genauso plötzlich verschwinden konnte, wie sie gekommen war. Aber vielleicht auch nicht – denn Epilepsie war nicht immer berechenbar, und das machte ihr Angst. Daher vollzog sie täglich diesen Spagat zwischen ihrer Sorge, Max könnte etwas zustoßen, und der Tatsache, dass sie ihn nicht festbinden konnte. Er musste fliegen wie sein Drachen, und vielleicht würde er auch abstürzen. Sie konnte ihn nicht vor allem beschützen, doch die Gewissheit, dass die Insulaner eine große Gemeinschaft waren und jeder ein Auge auf Max hatte, beruhigte sie ein wenig. Trotz allem gab sie nicht auf, nach Lösungen zu suchen. Vor einigen Monaten war sie im Internet auf einen Artikel gestoßen, in dem es um Assistenzhunde ging. Ein Epilepsiewarnhund würde Anfälle noch vor Max erkennen und ihn rechtzeitig warnen. Aber so ein Hund war teuer, vor allem, wenn man ein bereits ausgebildetes Tier auswählte. In den sauren Apfel würden sie wohl beißen müssen, denn Antonia hatte keine Ahnung, woher sie die Kapazitäten nehmen sollte, sich um einen Welpen und dessen Aufzucht zu kümmern. Um sich so einen Hund leisten zu können, sammelte sie seitdem jeden Cent, den sie nicht zum Leben brauchte, in ihrem Sparschwein, das sie wie früher in einer Kiste unter dem Bett versteckte. Und sie hatte außerdem eine Stiftung gefunden, die sie mit eintausend Euro unterstützen würde. Vielleicht würde sie eine Online-Spendenaktion ins Leben rufen, doch sie konnte sich kaum vorstellen, dass wildfremde Leute ihr Geld ausgerechnet für Max ausgeben würden. Außerdem schämte sie sich, ihre Geldnot öffentlich zu machen. Vielleicht war das falscher Stolz, und sie sollte einfach eine Kampagne starten.

Zurück zum Tagesgeschäft, mahnte sie sich. Einem Impuls folgend, nahm sie ihr Mobiltelefon zur Hand und wählte Magnus Gustavsens Nummer, dem der Buchenhof auf der anderen Seite des Inselflusses, der Bäke, gehörte. Er besaß nicht nur viel mehr Land als alle übrigen Landwirte auf Nordsand, sondern auch diverse Maschinen wie eine Heuballenpresse. Schon ihre Mütter waren beste Freundinnen gewesen, und so waren auch Antonia und Magnus mehr als Geschäftspartner. Sie konnten einander zu jeder Uhrzeit erreichen, wenn Not am Mann war.

»Jo!«, meldete Magnus sich nach nur wenigen Sekunden. Im Hintergrund kreischte eine Horde Kinder.

»Moin, hier ist Antonia.« Sie stutzte. »Die Zwillinge haben doch erst im August Geburtstag, was ist denn da los bei euch?«

»Wir sind gestern spontan zu den Schwiegereltern nach Flensburg gefahren. Ich mache die Kinderbetreuung, während Stina mit ihren Eltern … Tjorben, hör auf, deiner Schwester die Haare auszureißen. Es hat so lange gedauert, bis sie gewachsen sind! Stina ist mit ihren Eltern zur Bank. Vollmachten und so.«

»Aber Alma hat angefangen.«

»Ist mir egal, lasst es einfach. – Die rauben mir den letzten Nerv. Mann, wie gern würd ich jetzt 'ne Runde Holz hacken oder einfach nur in Ruhe aufm Trecker sitzen und pflügen.« In gedämpftem Ton versicherte Magnus ihr: »Ich liebe die Kinder ja, aber ich ziehe den Hut vor Stina, dass sie das tagtäglich von früh bis spät aushält.« Er räusperte sich. »Und bei dir so? Gehorcht das Wetter der Vorhersage, oder macht’s mal wieder, was es will?«

»Kumuluswolken«, sagte Antonia, als würde dies alles erklären. Und tatsächlich, für jemanden, der in und mit der Nordsee groß geworden war, reichte diese Information. »Aber sie scheinen sich aufzulösen.« Sie zeichnete unförmige Wolken auf den Notizblock, während sie Magnus und den Kindern amüsiert lauschte.

»Alma, Finger weg von deinem Bruder! Edding geht nicht ab von der Haut. Woher hast du überhaupt den verdammten Stift? – Wie sieht’s denn aus mit dem Heu? Ist es trocken?«

Überrascht darüber, dass er sich wieder ihr zuwandte, schluckte sie. »Nein, leider.«

»Du musst dich also zwischen Pest und Cholera entscheiden. Marek ist auf dem Hof, er versteht dich zwar kaum, aber er ist fleißig und schnell. Tjorben! Leg! Die! Schere! Weg!«

»Soll ich später noch mal anrufen? Oder warte.« Antonia atmete tief durch und schloss die Augen. Pest – Cholera. Schlechtes Heu – Regenwahrscheinlichkeit von fünfundzwanzig Prozent. Fünfundzwanzig! Es war ja bekannt, dass die veröffentlichten Prognosen immer einen Hauch schlechter waren als die tatsächlichen, das hatte sie gerade neulich noch in einem Agrarmagazin gelesen. »Kannst du Marek morgen ganz früh vorbeischicken?«

»Papaaaa! Tjorben hat mir die Haare abgeschnitten!«

»Oh Gott, der Pony ist ab. Stina flippt aus, wenn sie Almas Frisur sieht. Oder das, was davon übrig ist.« Täuschte Antonia sich, oder schwang ein Hauch von Panik in Magnus’ Stimme mit? Stina war wie eine Löwin, sobald es um ihre Kinder ging – auch wenn es diesmal nur die Haare waren. »Ich schick dir Marek und die Presse bei Sonnenaufgang rüber. Und jetzt wünsch mir Glück – für was auch immer. Ich kann’s gebrauchen.« Magnus beendete das Gespräch, noch bevor sich Antonia verabschieden konnte.

Mit einer Mischung aus Angst vor einem Fehler und Erleichterung schloss sie die Augen. Seit Paps’ Bandscheibenvorfall versuchte sie, ihren Vater so wenig wie möglich zu belasten, und sie billigte sich durchaus Fehler zu. Aber eben nur kleine.

Kapitel 2

Das Klopfen an der Tür ließ Antonia herumfahren.

»Paps«, brachte sie überrascht hervor und legte den Kugelschreiber beiseite. »Wie siehst du denn aus?«

Statt seinen Pyjama trug er Arbeitshose und T-Shirt, dazu sein Käppi.

»Bin so weit wieder fit. Das Heu muss rein, es wird regnen.« Er hustete.

Antonia erhob sich aus ihrem Bürostuhl und musterte das unrasierte Kinn und den Kissenabdruck auf seiner geröteten Wange. Fit – alles klar. »Du gehörst ins Bett, Paps, nicht aufs Feld. Mach dir keine Sorgen, ich kriege das schon hin.« Sie winkelte den Unterarm an und tätschelte ihren Bizeps. »Außerdem findet sich doch immer jemand, der hilft.«

»Na, dann kümmere ich mich eben um den Hühnerstall.« Er hustete abermals.

Antonia berührte sanft seinen Arm. »Schon erledigt. Bitte, geh zurück ins Bett und ruh dich aus. Oder auf die Couch. Wir backen nachher vielleicht Pizza, Max bringt Karl und seine Freundin mit. Tristan kommt sowieso, der freut sich bestimmt auch über einen geselligen Abend. Er kann dich noch mal abhören. Es kommt mir so vor, als würde dein Husten gar nicht besser werden.«

»Und mir kommt es so vor, als würde ich jeglichen Ballast auf dich abwälzen. Das ist nicht richtig.«

»Du bist nun mal krank. Außerdem ist auch später noch genug Arbeit übrig, versprochen.« Sie lächelte und drückte seine Hand.

»Ich kann zwar seit dem Bandscheibenvorfall keine körperliche Arbeit mehr leisten und bin durch den Infekt etwas angeschlagen, aber du tust gerade so, als wäre ich steinalt und senil.«

Antonia schluckte. Gab sie ihm wirklich das Gefühl, nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein? Das wollte sie nicht. Ihr war schon klar, dass er mit seinen fünfundfünfzig Jahren kein Tattergreis war. Verstand er denn nicht, dass sie nur um seine Gesundheit besorgt war?

»Mein Kopf funktioniert einwandfrei. Du kannst dich nicht um alles kümmern, Antonia. Und ein bisschen vertrauen solltest du mir schon. Deine Mutter ist auch gut damit gefahren.«

Warum sagte er das so vorwurfsvoll? Fand ihr Vater etwa, sie würde ihre Arbeit nicht gut machen? Dieser Gedanke verletzte sie, dabei hatte sie es nur lieb gemeint. Offenbar verstand er nicht, dass sie sich schon von klein auf gewünscht hatte, eines Tages den Hof zu übernehmen. Er konnte doch froh sein, dass sie ihre Arbeit liebte und wusste, was sie tat. Schließlich hatte sie von ihrer Mutter gelernt, wie Verantwortung funktionierte. Sie spürte heiße Wut in sich aufsteigen wie Lava, die sich ihren Weg nach oben bahnte. Anders als der Vulkan hatte Antonia jedoch eine Wahl, deshalb sagte sie sich, dass ihr Vater es nur gut meinte und sie es womöglich wirklich mit ihrer Fürsorge übertrieben hatte.

»Na gut«, lenkte sie nach einer kurzen Pause ein, auch wenn sie es unfair fand, dass er die Mutter ins Spiel gebracht hatte. Sie war nun schon so lange tot, doch an Tagen wie diesem fehlte sie ihr immer noch – ihm ging es gewiss genauso. Und er konnte ja nicht ahnen, dass sie Mama im Geiste heute bereits mehrfach begegnet war.

»Ich möchte dir nicht das Gefühl geben, dass ich dich nicht ernst nehme. Schließlich sind wir ein Team. Und ich hätte wohl mit dir sprechen sollen, aber ich habe Magnus’ Heuballenpresse für morgen geordert.«

»Morgen? Das ist zu spät.« Er rieb sich den Bart.

»Das Heu ist noch feucht«, rechtfertigte Antonia ihre Entscheidung, doch Paps wollte ihren Einwand nicht hören.

»Es war warm und windig, also wird es nachgetrocknet sein. Ich muss dir nicht sagen, was passiert, wenn es uns die Ernte verregnet.«

Antonia holte tief Luft. Musste er nicht. Musste er wirklich nicht. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich habe mehrere Proben genommen. Wenn wir das Heu jetzt pressen, ist es erst recht verloren. Die Wolken haben sich verzogen, der Wetterdienst hat seine Vorhersage angepasst. Ich bin bereit, das Risiko einzugehen. Und ich würde mich freuen, wenn auch du mir vertraust, Paps. Gleiches Recht für alle.« Sie nahm wahr, dass ihre Stimme beim letzten Satz leicht bebte, so wichtig war ihr das soeben Gesagte. Sie hoffte, ihr Vater würde das verstehen.

»Du willst also warten«, schlussfolgerte er und spitzte nachdenklich die Lippen. Sie schwiegen, der Lüfter des Laptops surrte. Schließlich nickte Paps. »Also gut. Du hast entschieden, also machen wir es so. Ich will mir nicht nachsagen lassen, dass ich dir meine Meinung aufdränge.« Er schnaubte, und die Fältchen um seine Augen entspannten sich endlich. »Die Starrköpfigkeit hast du von deiner Mutter«, schob er mit einem Kopfschütteln hinterher.

Vergeblich versuchte Antonia, ihr zufriedenes Grinsen zu unterdrücken. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie den Vater so schnell umstimmen könnte – und dass er ihr offenbar doch etwas zutraute.

Er lächelte und kräuselte die Stirn, als wäre ihm noch etwas Wichtiges eingefallen. »Hast du eigentlich vorhin wirklich gemeint, unser Max hätte eine Freundin? Sapperlot.«

Dankbar für den Themenwechsel nickte Antonia nachdrücklich. »Es ist rein platonisch, behauptet er.«

»Rein platonisch – wie bei dir und Tristan also.« Er schnaubte abermals, diesmal abfällig.

Antonia seufzte. Paps wurde nicht müde, zu wiederholen, wie gern er Tristan als Schwiegersohn hätte. Dass ohnehin jeder sie für ein Paar hielt, so vertraut, wie sie miteinander umgingen. Und dass sie endlich zu ihren Gefühlen stehen sollten. Er verstand einfach nicht, dass es perfekt war. Er musste ja nicht wissen, dass sie sich Tristan schon mal als festen Freund vorgestellt hatte, damals, nach Max’ Geburt. Als sie unter Schlafmangel gelitten und sich einsam und hässlich gefühlt und er ihr das Gefühl gegeben hatte, der schönste und tollste Mensch unter der Sonne zu sein. Zum Glück war das nur eine Phase gewesen, sie hätte ihre Freundschaft niemals aufs Spiel setzen wollen.

»Freunde, Paps. Wir sind sehr gute Freunde. Das weißt du doch.«

Er verzog den Mund zu einer unzufriedenen Grimasse. »Und seine Mascha, kommt die auch?«

»Mascha ist nun mal Tristans Freundin. Und sie kommt wie immer am Wochenende.«

»Sie ist also heute Abend nicht dabei. Wie schade.«

Jetzt lachte Antonia, und der ganze Ballast von Max’ Gesundheit, Geld und Heu fiel für einen Moment von ihr ab. »Du bist unmöglich, Paps. Und außerdem ein echt mieser Lügner.«

»Ich mag die nicht.«

»Du mochtest bisher keine seiner Freundinnen. Gut, dass uns das nichts angeht. Solange Tristan glücklich ist, sind wir es auch, oder?«

Er verdrehte die Augen, wie es Max vorhin getan hatte. Ihre beiden Männer waren sich in vielem so ähnlich.

»Dieses neumodische Zeug werde ich wohl nie verstehen. Fernbeziehung – so ein Unsinn. Entweder, man entscheidet sich füreinander, oder eben nicht.«

»So, wie du es für Mama getan hast? Hättest du dir damals nicht gewünscht, dass sie zu dir nach Frankreich gezogen wäre?« Sie stockte. »Ist dir eigentlich klar, dass wir nie darüber gesprochen haben? Ich weiß nur, dass ihr euch in Paris kennengelernt habt, weil Mama die Reise im Kreuzworträtsel gewonnen hat.«

»Deine Mutter liebte Kreuzworträtsel.« Ein trauriges und dennoch weiches Lächeln legte sich auf seine Lippen, wie immer, wenn er von seiner verstorbenen Frau sprach. »Als Elsa und ich uns 1987 in Paris trafen, war mir sofort klar, dass dieses Mädchen etwas Besonderes ist. Aber du kennst deine Mutter, sie wusste genau, was sie wollte. Und das war Nordsand. Ich habe das auch verstanden, ich meine, sieh dich um. Das hier ist der Inbegriff von Freiheit und Zuhause.«

»Hast du denn nie versucht, sie von deiner Heimat zu überzeugen? Ich meine, Südfrankreich – Sonne, Gebirge, Lavendel … und Meer gibt’s da ja auch.«

»In der Liebe muss man eben Kompromisse eingehen. Manchmal ist einen Teil zu haben mehr wert als das Ganze. Und mir war klar, dass ich Elsa nur halten konnte, wenn ich zu ihr zog. Ich habe es nie bereut.«

»Und jetzt?«, fragte Antonia. »Hast du mal daran gedacht zurückzugehen?«

Er zuckte die Achseln, betrachtete sie aus warmherzigen braunen Augen. »Habe ich. Aber niemals ernsthaft. Ich vermisse meine Heimat hin und wieder, aber die Urlaube dort reichen mir. Mein Leben ist hier. So viele Jahre habe ich gebraucht, um mir dieses Moin anzugewöhnen – ich würde doch immer als Tourist durchgehen.« Er lachte und rieb sich den Bart. »Du und ich, wir mögen hin und wieder anderer Ansicht sein. Aber wir sind ein gutes Team, und ich hoffe, das bleibt so.«

Antonia schluckte. Sie war gefühlige Reden ihres Vaters gewohnt, aber diese hier grenzte nahezu an eine Liebeserklärung an die Insel. Und auch an sie.

»Tristan ist anders als ich«, kehrte Paps zum eigentlichen Thema zurück.

»Und wenn er nun zu Mascha nach Berlin zieht – fändest du das gut? Immerhin würde er sich ihr gegenüber kompromissbereit zeigen. Wäre doch sehr lieb von ihm.«

»Papperlapapp. Er gehört nach Nordsand – genau wie du.«

»Am besten, du besprichst das heute Abend direkt mit ihm. So unter Männern.« Sie zwinkerte ihm zu. Es war sinnlos, zu diskutieren. »Bist du eigentlich sicher, dass ich meine angebliche Starrköpfigkeit von Mama geerbt habe?«

Er hob stolz das Kinn und wackelte mit dem Zeigefinger, dem die halbe Fingerkuppe fehlte. »Ich sage nur 27. Juni 2025.«

»2025? Verstehe ich nicht. Was soll da sein?«

»Das ist ein Samstag und exakt das Datum, auf das ich getippt habe.«

Antonia verstand beim besten Willen nicht, worauf er hinauswollte.

»Für eure Hochzeit. Am besten, du trägst es dir schon mal in deinen Kalender ein.« Paps’ graublaue Augen funkelten. »Du siehst, noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, selbst wenn die Sterne aktuell nicht so gut für mich stehen.«

»Jetzt spinnst du wirklich, Paps.«

»Der alte Fridjof wettet ebenfalls. Genau wie Fischbuden-Oke.«

Er meinte das ernst, oder? Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.

»In Anettes Friseursalon liegt eine Liste. Hinterm Tresen.«

Das wurde ja immer besser.

»Anette verwaltet die Einsätze. Einer muss ja objektiv bleiben. Na ja, ich fühle mich auf einmal so schwach.« Demonstrativ gähnte Paps und hustete. »Bin wohl doch noch nicht gesund.« Er wandte sich zum Gehen.

»Moment mal. Wer ist denn sonst noch dabei?«, wollte Antonia wissen. »Bei der Wette, meine ich.«

»Alle natürlich.« Theatralisch legte Paps den Handrücken an die Stirn. Er war nicht nur ein mieser Lügner, sondern auch ein schlechter Schauspieler. Hoffentlich nahm er ihren Blick so wahr, wie er gemeint war: fassungslos. »Oh weh, mein Kopf. Muss mich wirklich hinlegen. Lass mich wissen, falls ich dir irgendwie helfen kann – Werkzeuge anreichen oder so. Ansonsten sehen wir uns spätestens zum Abendessen, ja? Und vergiss den Wein nicht.« Hust.

Antonia musterte ihn mit hochgezogener Braue. Eben noch war er der beste Vater der Welt, jetzt könnte sie ihn auf den Mond schießen. Dieses Eltern-Kind-Ding hörte wohl nie auf. »Wenn es so schlimm ist, sollte ich Tristan besser jetzt schon herbestellen. Vielleicht brauchst du ein paar Vitaminspritzen.« Für die unsägliche Wette hatte er einen kleinen Piks verdient. Oder? Oh Mann, sie wusste ja, dass Paps sie nur glücklich sehen wollte. Und dass er und die anderen sich einen Spaß erlaubten – auf ihre Kosten. Sie wollte die Wette ja auch lustig finden, aber sie führte ihr eben vor Augen, wie schwer es war, auf einer Insel dem Mann fürs Leben zu begegnen. Das tat schon weh. Denn auch, wenn sie gut allein zurechtkam, wünschte sie sich insgeheim jemanden an ihrer Seite. Für alle Lebenslagen.

»Wie hoch ist eigentlich dein Wetteinsatz?«, rief sie ihrem Vater nach. Sie sprang auf und holte ihn an der Treppe ein, wo er sich soeben nach dem Wäschekorb bückte.

»Fünfunddreißig Euro. Ich bin mir meiner Sache ziemlich sicher.«

Kopfschüttelnd sah Antonia ihm nach, bis er die letzte Stufe erreicht hatte. Sie müsste sich schon sehr täuschen, wenn sie ihn nicht hatte seufzen hören.

Drei Stunden, zig bezahlte Rechnungen und beantwortete E-Mails, die Bestellung der Gästefrühstücke bei Svenja im Strandcafé, Bettenmachen in den Gästezimmern und zwei Kaffee später verließ Antonia mit einem unangenehmen Pochen hinter den Schläfen das Haus. Sie nahm den Vordereingang, um einen Blick in den Briefkasten zu werfen, und wurde empfangen von frischer Nordseeluft, gepaart mit dem Duft von brusthohen Strauchrosen. Im Vorbeigehen zupfte sie einige verwelkte Petunienblüten aus den Hängeampeln neben der Haustür. So schön wie dieses Jahr hatten sie lange nicht geblüht. Bald erreichte sie den Briefkasten neben der Pforte – er war leer. Also schob sie die Pforte auf, von der schon wieder Farbe abgeblättert war, und warf einen Blick zurück zum Haus. Eine lieb gewonnene Marotte. Und wie jedes Mal musste sie lächeln. So erschöpft sie oftmals war, ihr Zuhause war jede Mühe wert. Erst letzten Sommer hatten sie die Fassade gestrichen. Das strahlende Weiß bot einen wunderbaren Kontrast zum kräftigen Rot der Rosen. Sie liebte den Friesengiebel, an dessen Fenster sie als Kind gesessen und auf Tristan gewartet hatte. Durch die L-Form wirkte das Haus klein, aber das war es nicht. Es war gerade richtig.

Jetzt brauchte sie wirklich eine Pause, und wo ließe sich diese besser verbringen als bei ihren Schafen? Sie trat auf den Schotterweg, der gerade breit genug für einen Traktor war, und schlenderte zur Hofeinfahrt, vorbei an der alten Holztür, die neben dem Eingang des kleinen Hofladens lehnte und mit einer handbeschriebenen Tafel Passanten dazu einlud, einzutreten. Die Tür war ein Überbleibsel vom ehemaligen Kuhstall, die Antonia und Max gemeinsam aufbereitet und bunt angestrichen hatten. Sie hatten das in seiner krakeligen Jungenschrift versehene »Hofladen«-Schild an die Vorderseite genagelt. Manchmal, wenn sich Antonia unbeobachtet fühlte, betrachtete sie es nicht nur, sondern berührte es mit den Fingerspitzen. Das versetzte sie zurück in Paps’ Werkstatt, in der es nach Sägespänen und Farbe geduftet hatte. Und nach Gummibärchen.

Sie ließ den Hofladen und Paps’ Werkstatt links liegen und bog ab in Richtung Rosenbogen, durch den sie in ihren geliebten Bauerngarten gelangte. Ohne den Schutz des Hauses nahm sie wahr, dass der Wind spürbar aufgefrischt hatte. Er raschelte durch die Gräser der nahe gelegenen Salzwiesen. Die vollen Blütenrispen der Fliederbäume wankten und bogen sich wie Schirme über den Storchschnabel und die Pfingstrosen. Der Feldahorn trug bereits ein dichtes Blattkleid, ein Trupp Sperlinge hüpfte und tschilpte im Geäst.

Antonia liebte den Garten zu jeder Jahreszeit – sogar die scheinbare Trostlosigkeit des Winters bot allerhand farbenfrohe Akzente. Wer genau hinsah, erkannte hinter dem unbestellten Gemüsebeet den rosarot blühenden Winterschneeball und die Zaubernuss mit ihren filigranen gelben Blüten. Schon im Spätwinter streckten dann die Schneeglöckchen ihre Köpfchen der Sonne entgegen, gefolgt von Winterlingen und Krokussen, später von Tulpen und Narzissen. Im Sommer entfaltete der Garten schließlich seinen ganzen Zauber. Das Gemüsebeet war inzwischen viel mehr als ein solches: Neben Salat, Radieschen, Kartoffeln, Karotten, Bohnen, Zucchini, Kohlrabi und Co. baute Antonia Rhabarber und Erdbeeren an. Begrenzt wurde das Beet an einer Längsseite von einer Hecke aus Himbeeren, Brombeeren und Blaubeeren. An den beiden alten Apfelbäumen, dem Kirsch- und dem Pflaumenbaum durften sich die Gäste nach Herzenslust bedienen. In den übrigen Rabatten blühten unzählige Sommerstauden.

Der Herbst brachte schließlich leuchtendes Laub, Herbstastern und Chrysanthemen in den Garten. Er war ein Ort der Ruhe und der Erholung, den auch die Urlaubsgäste schätzten.

Antonia zog rasch eine Karotte aus dem Gemüsebeet, die Erde klopfte sie am Bein ihrer Jeans ab, die vom Reinigen des Hühnerstalls ohnehin schmutzig war. Am Holzgatter angekommen, wurde sie vom Gegacker der Hühner empfangen, die am Fuße der Weide ihren Stall und einen abgetrennten Teil des Gartens bewohnten. Sie pfiff sie einmal herbei und schlenderte über die Wiese, deren sattes Grün sich bis zum Inselfluss erstreckte, auf dessen gegenüberliegender Uferseite sich, umrahmt von alten Buchen, Magnus Gustavsens Hof und der Leuchtturm befanden. Von hier aus hatte man außerdem eine direkte Aussicht auf die Dünen – neben dem Garten ein weiterer von Antonias Lieblingsplätzen auf der Insel. Sie ließ den Blick über ihre Schafe schweifen, denen der Wind gar nichts auszumachen schien. Die friedlichen Tiere mit dem goldbraun schimmernden Wollvlies zupften genüsslich das frische Gras. Mit ihren braunen Köpfen und Beinen sahen sie anders aus als die Schafe auf den Postkarten. Eines der Tiere löste sich aus der Gruppe, es war Gloria, mit der Antonia ihre Zucht vor sechs Jahren begonnen hatte. Glorias Einzug auf dem Petermannhof hatte sich eher zufällig ergeben, als eine ehemalige Kommilitonin ein Mutterschaf durch einen Wolfsriss verloren hatte. Das verwaiste Lamm war übrig geblieben. Antonia hatte das hilflose Wesen mit nach Nordsand genommen und es mit der Flasche aufgepäppelt. Zu dem Zeitpunkt hatte sie nicht geahnt, dass dies der Startschuss für ihre eigene Zucht sein würde. Nicht nur, dass diese einen Nebenerwerb für den Hof darstellte, sondern sie tat gleichzeitig etwas für den Erhalt der seltenen Coburger Fuchsschafe.

»Hallo, Gloria.« Sie tätschelte Glorias Kopf, die sie mit einem vernehmlichen Mööh! begrüßte, ehe sie Antonia mit der Nase anstupste. Ein Ritual, welches beinhaltete, dass Antonia die Karotte aus der Tasche zog und sie dem Schaf hinhielt. Es trottete anschließend zu seiner Schwester Beyoncé, die ihm einen Tritt mit dem Hinterbein verpasste. Zu schade, dass Antonia nicht jeden ihrer Schützlinge behalten durfte. Aber letztlich verdiente sie mit der Zucht auch Geld.

Und mit dem Heu. Da sie schon mal in der Nähe war, steuerte sie die angrenzende Wiese an und kletterte über den Zaun, auf dessen anderer Seite sie zwei Hände voll Heu vom Boden aufklaubte. Sie fühlte, nahm weitere Proben, roch daran. Es war noch klamm. Sie hatte sich nicht getäuscht und alles richtig gemacht.

Es war dunkel geworden, zwei leere Weinflaschen standen auf dem Tisch, vom Abendessen waren lediglich die Krümel auf den Holzbrettern übrig. Max, Karl und Berenike saßen abseits im Gras, die Displays ihrer Mobiltelefone leuchteten wie Glühwürmchen. Das Rauschen des Meeres wurde nur vom Kichern und Getuschel der Jugendlichen übertönt. Berenike hatte bereits den ganzen Abend über auffallend dicht bei Max gesessen.

Ehrlicherweise musste Antonia gestehen, dass sie Berenike mochte, weshalb sie sich vorgenommen hatte, zukünftig nicht mehr vom Äußeren aufs Innere zu schließen. Das Mädchen zeigte sich freundlich und offen, hatte beim Belegen der Pizza und beim Einräumen der Spülmaschine geholfen. Und es hatte eindeutig eine Schwäche für Max, wenn Antonia die scheinbar zufälligen Berührungen und das auffallend helle Lachen, wann immer er einen seiner Sprüche losließ, richtig deutete.

So ganz schien Berenike ihren Sohn auch nicht kalt zu lassen. Er hatte sich ungewohnt ehrgeizig beim Tischabräumen gezeigt. »Bleib ruhig sitzen. Wir erledigen das«, hatte er gönnerhaft angeboten. Und nach dem Essen hatte er ihr sein Vanilleeis überlassen. Von wegen platonisch. Gefallen wollte er Berenike zumindest schon.

Es war schön zu sehen, wie die drei Kinder, die keine Kinder mehr waren, miteinander umgingen. So unbeschwert, die Herzen erfüllt von Freundschaft.

Dennoch würde Antonia bald notgedrungen die Spaßbremse ziehen müssen, denn Max brauchte seinen Schlaf. Sie hasste den Gedanken, dass sie ihn um eine bestimmte Uhrzeit ins Bett schicken musste; immerhin war Max kein Kleinkind, sondern ein Teenager, den die Fürsorge seiner Mutter nervte. Und peinlich war es auch. Was aber sollte sie anderes tun? Schlafmangel erhöhte die Wahrscheinlichkeit für einen Anfall, und die Gefahr war ihr einfach zu groß. Sie seufzte. Hoffentlich würden diese blöden Anfälle spätestens mit dem Ende der Pubertät einfach wieder verschwinden. Max war fünfzehn und wollte frei sein wie alle Jugendlichen in seinem Alter. Und sie wollte ihm das verdammt noch mal gönnen.

»Hey«, sagte Tristan und reichte ihr ein Glas Rotwein. Das warme Licht der Kerzen spiegelte sich darin und warf einen Schatten auf sein Gesicht. »Alles okay?«, fragte er. »Ich habe dich seufzen hören.«

Sie winkte ab. »Nichts, worüber wir uns jetzt den Kopf zerbrechen sollten. Wie geht’s Paps? Hat er sich untersuchen lassen?«

»Die Bronchien sind frei. Ich würde sagen, übermorgen kann er allmählich loslegen, wenn er sich fit fühlt. Beim Heueinfahren morgen sollte er allerdings noch nicht mit anpacken.«