Leuchtturmherzen - Silvia Konnerth - E-Book
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Leuchtturmherzen E-Book

Silvia Konnerth

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Beschreibung

Liebe ist wie ein Leuchtturm – sie leuchtet auch im stärksten Sturm!

Marie Freitag ist Brautberaterin mit Leib und Seele. Ihr mobiler Brautladen ist weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus bekannt, findet sie doch für jede Frau das passende Kleid zum Glück. Nur für sich selbst hat sie mit der Liebe abgeschlossen, seit ihr Verlobter Simon bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Einsam wie ein Leuchtturm will sie fortan sein, denn nur so kann sie ihr Herz vor weiterem Leid schützen.
Doch als Marie bei einer Anprobe ausgerechnet auf Hannes, den besten Freund Simons, trifft, reißen alte Wunden auf, die sie gar nicht gebrauchen kann. Zunächst geht Marie Hannes erfolgreich aus dem Weg, aber der lässt einfach nicht locker – und konfrontiert sie dabei nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit einer neuen Chance …

Weitere Sehnsuchtsromane von Silvia Konnerth:
Heideblütenküsse
Heidesommerträume
Heidelandliebe

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Seitenzahl: 443

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Buch

Marie Freitag ist Brautberaterin mit Leib und Seele. Ihr mobiler Brautladen ist weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins hinaus bekannt, findet sie doch für jede Frau das passende Kleid zum Glück. Nur für sich selbst hat sie mit der Liebe abgeschlossen, seit ihr Verlobter Simon bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Einsam wie ein Leuchtturm will sie fortan sein, denn nur so kann sie ihr Herz vor weiterem Leid schützen.

Doch als Marie bei einer Anprobe ausgerechnet auf Hannes, den besten Freund Simons, trifft, reißen alte Wunden auf, die sie gar nicht gebrauchen kann. Zunächst geht Marie Hannes erfolgreich aus dem Weg, aber der lässt einfach nicht locker – und konfrontiert sie dabei nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit einer neuen Chance …

Autorin

Silvia Konnerth, geboren 1980, stammt ursprünglich aus dem Rheinland. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie am nördlichen Rand der Lüneburger Heide, wo sie romantisch-frische Wohlfühlromane schreibt über Frauen, die sich dem Leben stellen, über Freundschaften und Familienbande. Und natürlich über die Liebe, ohne die es all dies nicht gäbe.

Weitere Informationen unter: www.silviakonnerth.dewww.instagram.com/silviakonnerthautorin

Von Silvia Konnerth bereits erschienen HeideblütenküsseHeidesommerträumeHeidelandliebe

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Silvia Konnerth

Leuchtturmherzen

Roman

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Originalausgabe 2023 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright © 2023 by Silvia Konnerth

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb.

Redaktion: Angela Kuepper

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com (Drobot Dean, eyewave, ThomBal) und Shutterstock.com (Johannes Kornelius, Tania Zbrodko, Tspider)

DN · Herstellung: sam

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-28840-2V001

www.blanvalet.de

Für LenaIch bin unglaublich stolz auf dich und darauf,deine Patentante zu sein.

Prolog

Dröhnender Schiffsmotor. Rauschendes schwarzes Wasser unterm Kiel des knapp acht Meter langen Vorderkajütenbootes. Die nächtliche Schlei. Bis aufs Minimum runtergedimmte Schiffsbeleuchtung. Neben mir erahne ich Simons Silhouette. Obwohl er schweigt, weiß ich, dass er da ist – genauer gesagt, rieche ich es. Bier. Ziemlich viel davon.

»Geht’s?«, will ich wissen und reibe mir unwillkürlich das stoppelige Kinn. Der Fahrtwind ist trotz des Verdecks eisig. Gleich sind wir da. An meinem Steg, bei unserer Werft. In unserem kleinen Imperium, dessen Durchbruch wir gerade feiern. Wir – damit meine ich vor allem Simon, der völlig aus dem Häuschen ist und unseren Großauftrag für acht weitere Boote dieser Bauart fünf Mal laut vorgelesen hat. Danach hat er mich überredet, mit der Fortuna rauszufahren, aber ich bin nach nicht einmal zwei Seemeilen umgekehrt. Nachtfahrten sind kein Problem für mich, aber die Kälte und die Müdigkeit, mit der ich trotz aller Euphorie zu kämpfen habe, mahnen mich zur Vorsicht.

»Alles im Griff auf dem sink …« Simon hält inne, gluckst wie ein Mädchen und knufft mich in die Seite. »Besser nicht, wa?«, nuschelt er dann mit schwerer Zunge. »Besser nicht.«

Ich muss grinsen, klopfe ihm auf die Schulter. »Voll wie eine Haubitze bist du, mein Freund.«

»Ja«, kichert Simon. »Aber ich finde es auch ein bisschen unfair, dass ich allein für die Stimmung zuständig bin.«

»Einer muss ja auf dich aufpassen, während du dich volllaufen lässt.«

»Bist ein guter Freund, Hannes. Ein seeehr guter Freund.« Er tätschelt meinen Kopf wie den eines Hundes. »Du weißt schon, dass wir jetzt richtig durchstarten, oder?«

»Allerdings.«

»Aber auf Hochzeitsreise kann ich schon noch fahren, ne? Marie macht mich ’nen Kopf kürzer, wenn sie den Schnorchelkurs auf den Malediven verpasst.«

Ich lache. »Kann es sein, dass es hier vielmehr um dich geht? Du bist doch derjenige, der auf Fische, Korallen und das restliche Meergetier abfährt. Marie erträgt den langen Flug doch nur deinetwegen.«

»Schon möglich.« Simon klingt nachdenklich.

Alarmiert sehe ich zu ihm herüber. Auf einmal nervt mich die verdammte Dunkelheit, denn ich kann nicht erkennen, ob sein Tonfall zu seinem Gesichtsausdruck passt. Zweifelt er etwa an seinen Hochzeitsplänen mit Marie?

»Ist bei euch alles in Ordnung?« Natürlich ist es das. Andernfalls wüsste ich davon.

»Klar.« Er räuspert sich wie einer, der ziemlich mies im Lügen ist. »Es ist nur … Ich bin ein bisschen nervös.«

»Sicher bist du das. Immerhin heiratest du die Frau deiner Träume.« Ich wäre kein Stück nervös. Aber das behalte ich für mich. Jeder geht mit Vorfreude anders um.

»Hm.«

»Was heißt ›hm‹?«, will ich beunruhigt wissen.

Simon schweigt, kurz darauf ploppt der Verschluss einer weiteren Bierflasche auf.

Diesmal packe ich seine Schulter, weil ich das Gefühl habe, ihn wachrütteln zu müssen. Als Trauzeuge ist das meine Pflicht.

»Komm schon, stell dich nicht so an. Ich kann ja verstehen, dass du ein bisschen Muffensausen vor dem großen Tag hast. Aber es läuft doch alles planmäßig, Maries Liste ist bis auf ein paar Kleinigkeiten abgehakt. Also entspann dich.«

»Darum geht’s nich’.«

»Worum dann?«

»Sie is’ so perfekt, oder? Marie. Sie weiß immer genau, was sie will. Und was ich will. Ich nich’. Ich bin nicht perfekt, mein ich. Ich weiß nämlich nicht, ob ich das kann, dieses … ›Für immer‹. Vielleicht bin ich … zu jung.«

»Zu jung für was?« Jetzt rüttle ich an seiner Schulter. »Wohl eher zu besoffen.«

»Betrunkene und Kinder sagen die Wahrheit«, lallt Simon und wehrt meine Hand ab. »Sie ist zu gut für mich. Viel zu gut.«

Ich gebe mir Mühe, geduldig zu sein, es fällt mir allerdings schwer. Verdammt schwer. An seiner Stelle würde ich keine Sekunde zögern, aber Marie ist nun mal für Simon gemacht, nicht für mich.

Er trinkt und rülpst. »Kannst du ’n Geheimnis für dich behalten?«

Ich weiß schon, warum ich nach einem Glas Bier aufgehört habe, doch statt ihn zu maßregeln, nicke ich. Als er nicht antwortet, wird mir klar, dass er meine zustimmende Geste nicht gesehen hat. Zudem fürchte ich, dass mir nicht gefallen wird, was er mir anvertrauen will.

»Manchmal würd ich gern abhauen.«

Ich stöhne, reibe mir die Stirn und hoffe inständig, er hat den Unsinn morgen früh wieder vergessen. »Das wirst du nicht tun«, erwidere ich schärfer als beabsichtigt.

»Nee. Klar.«

»Also …«, setze ich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen will.

»Meinst du, ich soll mit Marie reden?«

»Du solltest vor allem erst mal ’ne ordentliche Mütze voll Schlaf nehmen, ehe du überhaupt darüber nachdenkst, mit jemandem außer mir zu reden. Du verzapfst nämlich gerade ziemlichen Blödsinn, und das weißt du auch.«

»Du würdest nicht zweifeln, oder?«

»Nein.«

»Danke. Bist ein guter Freund. Hab ich ja schon gesagt.« Simon gähnt.

»Wir reden später darüber, wenn du einen klaren Kopf hast, okay?«, schlage ich vor.

»Am besten, ich mach mich kurz lang.«

Ich nicke, erleichtert, dass das Kalte-Füße-Thema erst mal vom Tisch ist. »Morgen sieht die Welt ganz anders aus«, murmele ich und blicke geradeaus, nehme im Augenwinkel die Lichter der Häuser am Ufer wahr. Dann lenke ich leicht nach steuerbord, visiere den Steg an. Etwas plätschert im Wasser. Die Robbe vielleicht, die sich in die Schlei verirrt hat und vor Kurzem hier gesichtet wurde. Ich lächle vor mich hin. Es ist unsere letzte Fahrt auf der Fortuna, morgen wird ihr Eigner sie abholen. Die Restauration des alten Bootes hat Zeit und Nerven gekostet, aber am Ende fühlt es sich gut an. Ich gähne. Auch ich brauche dringend eine Pause. »Hast du eigentlich den Termin beim Herrenausstatter morgen Nachmittag auf dem Zettel?«

Nichts.

»Ich kann dich abholen, wenn du willst, und Pizza mitbringen. Und nein, ich koche nicht selbst.«

Normalerweise weist mich Simon in seiner unvergleichlichen Art darauf hin, dass man Pizza backt. Doch er sagt nichts.

»Simon?«

Bloß der Motor, bloß das gurgelnde Wasser als Antwort.

Zuerst will ich Simon fragen, um wie viel Uhr ich ihn abholen soll. Doch dann steigt ein ungutes Gefühl in mir auf. Es fühlt sich an wie der dröhnende Schiffsmotor, bloß nicht unter, sondern in mir. Ich drossele das Tempo, bis das Motorengeräusch nur noch ein leises Schnurren ist.

»Alter, das ist nicht witzig«, sage ich gereizt, und als keine Antwort folgt, stoppe ich. »Simon!« Verdammt, warum haben wir die Beleuchtung so weit gedimmt, dass sie eigentlich komplett überflüssig ist? Ich beuge mich vor in die Kajüte, drehe in Erwartung, einen schlafenden Simon vorzufinden die Innenbeleuchtung hoch. Bis zum Anschlag. Schließe geblendet die Augen und weiß trotzdem, dass er nicht da ist. Mein Herz stolpert, fängt sich und beginnt zu rasen. Ich lache panisch auf.

Die Bank am Heck fällt mir ein, also fahre ich herum. Aber auch dort ist niemand. Ohne nachzudenken, klettere ich zum Bug.

Die Fortuna schaukelt unter meinen hektischen Bewegungen. Auch vorne kein Simon. Das darf doch nicht wahr sein!

»Hör auf mit dem Scheiß, Simon. Es reicht! Du kannst dir einen neuen Trauzeugen suchen, wenn du nicht sofort aus deinem Versteck kommst!«

Insgeheim weiß ich, dass ich meinen besten Freund niemals im Stich lassen würde. Und ich weiß auch, dass es auf diesem Boot keinen Platz gibt, an dem er sich verstecken könnte. Ich lausche auf meinen Puls, der das Blut durch meinen Körper jagt, zusammen mit dem Adrenalin. So schnell, so laut, so natürlich. Ich muss handeln. Mit zittrigen Händen hangele ich mich zurück ans Steuerrad, wäre beinahe vom feuchten Holz abgerutscht. Aus der Kajüte hole ich die Taschenlampe, mit der ich die Fortuna und das Wasser ableuchte. Ich wende, fahre ein Stück zurück. An welcher Stelle habe ich das verdammte Robben-Plätschern gehört?

»Simon!«, brülle ich und schlage mir das Knie an der Holzsitzbank auf. Den scharfen Schmerz werde ich erst viel später spüren.

»Simon!«

Der Versuch, im scheißdunklen Wasser etwas zu sehen.

Doch da ist nichts.

Bloß Stille.

Kapitel 1

Vier Jahre und drei Monate später

Die Abendsonne glitzerte auf der Wasseroberfläche der Schlei, und der Maiwind streichelte Maries Nacken, während sie vom Lagerraum für die Brautkleider ihres mobilen Brautladens zu ihrer Wohnung in der Kappelner Innenstadt radelte. Sie hätte den malerischen Uferweg nehmen können, zog jedoch die parallel dazu verlaufende Straße vor. Die unmittelbare Nähe zum Wasser behagte ihr nicht, es in sicherer Entfernung zu wissen, schon eher. Dankbar, dass es aufgehört hatte zu regnen, drosselte sie das Tempo und näherte sich der vierspurigen Klappbrücke, welche die beiden Teile Kappelns miteinander verband und sich in wenigen Minuten öffnen würde. Segler und Motorboote warteten bereits auf ihre Weiterfahrt, dümpelten geduldig im Auf und Ab des Wellengangs.

Im März erwachte die Kleinstadt, erste Touristen reisten an, und um Christi Himmelfahrt startete die Saison mit den Heringstagen durch, einem über die Grenzen Nordfrieslands hinaus bekannten Stadtfest. Heute, in der Mitte des Wonnemonats, lockte der Frühling die Menschen aus ihren Häusern, Hotels und Ferienwohnungen. Auch um kurz vor acht herrschte noch reges Treiben in den Boutiquen und Restaurants nahe der Brücke. Wieder einmal bewunderte Marie die Technik und die schlauen Köpfe, die sich diese Konstruktion ausgedacht hatten, und kam sich unbedeutend vor. Die kleine Marie Freitag, die bloß Brautkleider verkaufte. Das war keine Wissenschaft. Hatte nichts mit Mathematik, Statik oder Architektur zu tun. Aber dafür hatte Marie ohnehin nie etwas übrig gehabt. Sie wollte mit Menschen arbeiten, nicht mit Zahlen und Fakten. Bei ihr ging es um Liebe und Glück. Und um Magie.

Es war erst vier Jahre und drei Monate her, als Marie den Glauben an all das verloren hatte. Nachdem ihr Verlobter Simon gestorben war, hatte ihr Geschäftskonzept für sie keinen Sinn mehr ergeben und geradezu an Betrug gegrenzt. Bis dass der Tod uns scheidet – einfach lächerlich. Während der ersten Wochen, die sie fast ausschließlich in ihrem sicheren Kokon unter der Bettdecke verbracht hatte, war sie im Kopf immer wieder jenen Tag durchgegangen, an dem sie selbst ihr Brautkleid gekauft hatte. Es stand für den Traum von ewiger Liebe. Sie wollte, dass Simon weinte, wenn er sie darin sah. Jahre später würde sie es vom Dachboden ihres Hauses holen und sich an jenen wunderbaren Moment erinnern, in dem sie Ja zueinander gesagt hatten. Diese Aufregung, die Vorfreude, die naive Gewissheit: Das Beste kommt erst noch. Ihr Leben hatte in bunten Farben geleuchtet, ehe jemand einen Eimer voll schwarzer Tinte darüber gegossen hatte und sie keine Braut mehr gewesen war, sondern ein einziger Klumpen lähmender Schmerz.

Auch heute fühlte sie sich manchmal kraft- und leblos, doch es war nichts im Vergleich zu der Zeit direkt nach Simons Tod. In dieses finstere Tal wollte Marie nie mehr zurückkehren.

Sie erinnerte sich nicht mehr an das Datum, wann es passiert war, vielleicht eineinhalb Jahre später. Unspektakulärer und klischeehafter hätte der Auslöser nicht sein können. Möglicherweise wusste Marie deshalb noch genau, dass sie im Wohnzimmer ihrer Mutter saß und mit ihr gemeinsam eine dieser Brautkleidsendungen ansah, die sie eigentlich gar nicht mehr ertrug. Aber Mama war dermaßen bemüht, ihr neue Hobbys zu suchen, sie mit Ratgebern zu überschütten und ihr Selbsthilfegruppen vorzuschlagen, dass Fernsehen die einfachste Lösung schien, ihr entgegenzukommen. Und auf einmal fühlte sich Marie heller. Der Wunsch, diese Brautkleid-Magie auch wieder zu empfinden und an die Liebe zu glauben, war endlich zurückgekehrt. Nicht für sie selbst, sondern für die Bräute, die sich ihr anvertrauten. Schließlich hatte sie aus gutem Grund vor fünf Jahren den Entschluss gefasst, sich als Brautberaterin selbstständig zu machen. Und was ihr eben noch undenkbar erschienen war, nämlich nach ihrem Verlust ihr Geschäft jemals fortzuführen, formte sich in den folgenden Wochen vom bloßen Wunsch zum festen Vorhaben: Brautzauber – Maries mobiler Brautladen würde irgendwann weitergehen. Immerhin war dieses Projekt auch ein Teil von Simon, denn er hatte erheblich mit dazu beigetragen.

In diesem Moment klingelte Maries Handy. Dankbar für den kurzen Zwischenstopp zog sie das Telefon aus der Gesäßtasche und stellte verwundert fest, dass ihre Mutter dran war. Per Videoanruf, was höchst ungewöhnlich war.

»Hallo«, begrüßte sie Mamas Stirn und die Schlafzimmerlampe ihrer Eltern. Aus unerklärlichen Gründen schaffte ihre Mutter es nie, ihr Gesicht mit der Kamera einzufangen, und wenn, dann nur im ungünstigsten Winkel, den man sich vorstellen konnte. Von unten. »Ich kann dich nicht sehen.«

»Ich lerne das wohl nie.« Bett, Mamas Schulter, Tante Agnetha …

»Hallo, Tante Agnetha«, schickte Marie an ihre Großtante gerichtet hinterher.

»Gib mir mal das Telefon.« Kurz darauf erschien Agnetha auf dem Bildschirm, die roten Lippen zur missbilligenden Grimasse verzogen. »Du musst deine Mutter unbedingt von diesem Fummel abhalten«, wies sie Marie an und wechselte geschickt die Kameraeinstellung, sodass Mama im Vollbildmodus gezeigt wurde. Sie posierte in einem dunkelblauen Spitzen-Etuikleid vor dem Spiegel. »Sie sieht aus wie eine Presswurst!«

Schöner wäre gewesen, Mama hätte selbst erkannt, dass das hautenge Kleid ihre weiblichen Rundungen etwas zu deutlich hervorhob. Diese Chance war nun wohl dahin. Offensichtlich hatte Tante Agnetha ihr ohnehin schon rudimentäres Feingefühl zu Hause vergessen. Marie beschloss, die unsachliche Kritik auszublenden und sich auf ihre Mutter zu konzentrieren. »Wie findest du dich denn selbst?«, fragte sie also.

Mama strich über ihren Bauch, die Hüften, zog den Ausschnitt zurecht. »Bis jetzt fand ich’s eigentlich ganz gut«, erwiderte sie, klang jedoch keineswegs überzeugt.

Marie räusperte sich, schaltete vom Tochter- in den Beraterinnenmodus um. »Wenn ich das richtig sehe, hast du da eine recht grobe Spitze mit U-Boot-Ausschnitt. Das Kleid geht dir bis ans Knie. Reicht dir das von der Länge?«

»Presswurst«, murmelte Tante Agnetha, wechselte erneut die Perspektive und steckte sich einen Schokoladenkeks in den Mund. »Da gibt’s nichts schönzureden.«

»Tante Agnetha!« Marie liebte ihre Großtante, die eigentlich Agnes hieß, jedoch vehement darauf bestand, wie ihr großes Idol aus der Popgruppe ABBA gerufen zu werden. Leider merkte die alte Dame nie, wann sie es übertrieb. »Du hast mich nach meiner Meinung gefragt. Also hör mir bitte zu.«

»Ich habe dich darum gebeten, deiner Mutter diesen Stofffetzen auszureden. Nicht mehr und nicht weniger.«

Marie atmete durch, seufzte und nickte einer Frau mit Kinderwagen zu, die ihr skeptische Blicke zuwarf. »Für welchen Anlass soll das Kleid denn sein?«, fragte sie schließlich.

»Wir gehen doch heute Abend auf die Lesung von dieser Gisela Meierhof. Die Schriftstellerin, deren Romandebüt neulich verfilmt wurde. Stand groß in der Zeitung, hast du das nicht gelesen? Erinnerst du dich nicht, dass unsere Straße eine Woche lang für Autos gesperrt war?« Warum klang Mama jetzt so vorwurfsvoll? Es war schließlich nicht Maries Schuld, dass sich ihre Großtante mal wieder im Ton vergriff.

»Können wir mal beim Thema bleiben?«, ging Tante Agnetha nun dazwischen. »Du bist doch der Profi, Marie. Jetzt sag schon deine Meinung.«

Aus Respekt ihrer Großtante gegenüber und vor allem, um die Gefühle ihrer Mutter zu schützen, kämpfte Marie um Beherrschung. Inmitten der Passanten und mit dem Geschrei der Möwen im Hintergrund stellte sie sich vor, in einer Kundenberatung zu sein. Erfahrungsgemäß waren die Begleiterinnen oft schwieriger zu überzeugen als die Bräute, und Tante Agnetha war ein besonders harter Brocken. Aber es stimmte schon, das Kleid war nicht für ihre Mutter gemacht. Allerdings bedurfte es ein wenig mehr Mühe, ihr gegenüber möglichst neutral zu bleiben. »Was ist denn mit dem Hosenanzug, den wir neulich zusammen gekauft haben?«, fragte sie. »Den hast du noch gar nicht getragen.«

»Dir gefällt das Kleid also nicht«, schlussfolgerte Mama. »Du findest auch, ich sehe wie eine Presswurst aus, oder?«

Marie zögerte. Sei neutral. Verpack die Wahrheit in hübsches Papier mit Schleife und … »Ein bisschen vielleicht«, räumte sie ein und schob eilig hinterher: »Aber es liegt nicht an dir, sondern am Kleid.«

»Ein Glück«, entfuhr es Tante Agnetha. Sie klang erleichtert, während Mama geknickt mit den Schultern zuckte. »Andersfalls hätte ich dir geraten, entweder deinen Geschmack oder deine Berufswahl zu überdenken. Wobei … an deiner Argumentation könntest du noch feilen. ›Es liegt nicht an dir, sondern an mir.‹ Das sagt man auch zu Männern, bei denen man sich nicht traut, mit der Wahrheit rauszurücken. Himmel, Marie.«

Marie hatte genug. »Wann beginnt die Lesung? Ich könnte in zwanzig Minuten bei dir sein und deinen Kleiderschrank mit dir durchforsten, Mama. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich übrigens ein Spitzenoberteil in Puderrosa im Lager. Es würde wunderbar zum Hosenanzug passen.«

Ihre Mutter seufzte resigniert und verzog die Lippen zu einem aufgesetzten Lächeln. »Lieb gemeint, wir müssen jedoch schon in einer halben Stunde los. Ihr könnt euch voneinander verabschieden, ich ziehe mich im Bad um.«

»Tut mir leid, Mama. Aber ich möchte dir auch nichts vormachen und riskieren, dass du dich nachher unwohl fühlst.«

»Oder dich lächerlich machst«, fügte Tante Agnetha hinzu, doch Mama war bereits aus dem Bild verschwunden.

»Weißt du«, schickte sie aus dem Off hinterher. »Ich liebe dich wirklich, Tante Agnetha. Aber manchmal wünschte ich wirklich, wir hätten ein bisschen Distanz zueinander.«

»Warum ziehst du nicht weg, wenn ich dich so störe?«, entgegnete Tante Agnetha spitz, anstatt endlich zurückzurudern.

»Vielleicht mache ich das ja«, schnappte Mama, dann warf sie die Badezimmertür hinter sich zu.

Marie befeuchtete ihre Lippen, und als ihre Großtante erneut auf dem Display erschien, konnte sie sich die Frage, die ihr auf der Zunge lag, nicht länger verkneifen. »Warum bist du so gemein?« Sie nahm den Fahrradhelm ab und flocht sich die brünetten Locken zum losen Zopf.

»Ich bin hier, um meine Meinung zu sagen, oder? Also bin ich eben ehrlich. Ich lüge niemanden an, schon gar nicht diejenigen, die ich liebe«, verteidigte sich Tante Agnetha. Wahrscheinlich wollte sie es nicht, doch die Art, wie sie sich nun mit dem Zeigefinger einen Kekskrümel aus dem Mundwinkel rieb, zeigte, dass ihr der eigene Fauxpas nicht entgangen war. Aber sie konnte offenbar nicht aus ihrer Haut. »Das habe ich mir abgewöhnt«, fuhr sie hoheitsvoll fort. »Wer weiß, wie lange ich noch auf dieser Erde weile. Ich werde meine Zeit also sicher nicht mit Schönreden oder Dingen vergeuden, die mir nicht gefallen.«

»Du sollst ja sagen, was du denkst. Aber … na ja, du könntest es netter verpacken.«

»Mir fiel nun mal kein anderes Wort für Presswurst ein«, schnappte Tante Agnetha. Sie brummte, um ihrer Unzufriedenheit noch mehr Ausdruck zu verleihen. »Du guckst wie deine Großmutter, wenn sie mich mit Blicken töten wollte, weil ich ihre Lieblingspralinen aufgegessen hatte.«

»Das will ich gar nicht. Ich bitte dich nur um etwas mehr Feingefühl. Du weißt doch, wie leicht Mama in Sachen Klamotten zu verunsichern ist.« Marie war bewusst, dass sich ihre Mutter regelmäßig durch sämtliche Diäten quälte, mit dem Erfolg, dass der berühmte Jo-Jo-Effekt jedes Mal erbarmungslos zuschlug. »Und dass du sie noch dazu aufgefordert hast wegzuziehen, war wirklich nicht nett. Du willst das doch gar nicht, oder?«

Tante Agnetha funkelte Marie an, die wusste, dass hinter der harten Schale ein weicher Kern schlummerte. Sie hoffte, zu ihm durchzudringen, und tatsächlich, ihre Großtante schnaubte.

»Du schaffst es immer wieder, mich weichzuklopfen, obwohl ich das gar nicht will, Marie Freitag.«

»Vermutlich, weil ich recht habe«, erwiderte Marie schulterzuckend. »Und weil wir alle uns so wahnsinnig liebhaben.«

»Da du es ansprichst«, begann die Tante. »Wo steckt eigentlich dein Bruder? Ich habe ihn ewig nicht gesehen. Bei ihm scheint es mit der Liebe zur Familie aktuell nicht sehr weit her zu sein.«

Für wenige Sekunden schloss Marie die Augen. Natürlich könnte sie ihrer Großtante verraten, dass Ludwig in prekäre Liebesangelegenheiten verwickelt war und dass derzeit eine andere Frau seine volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine, die seine Zuwendung nicht verdiente. »Ich lege jetzt auf, okay? Die Leute gucken mich schon komisch an«, wich sie stattdessen aus. »Habt einen schönen Abend, drück Mama von mir und sag ein paar nette Dinge über ihren Hosenanzug, ja? Sie sieht wirklich toll darin aus.«

»Du musst es ja wissen«, entgegnete Agnetha schnippisch. In etwas milderem Tonfall fügte sie hinzu: »Du bist schließlich der Profi, mein Mädchen.« Sie schenkte Marie ein letztes Lächeln und beendete die Videoübertragung.

Marie wagte es aufzuatmen, und beobachtete eine Möwe, die sich im Sturzflug kreischend auf ein Stück Brötchen stürzte, das ein etwa zweijähriger Junge ihr hinwarf. Der Vater des Kindes lachte, als es begeistert in die Hände klatschte. Der wusste wohl nicht, wie schädlich Brot für Möwen, Enten und Co. war. Oder war das Amüsement seines Sohnes etwa wichtiger als die Gesundheit der Tiere? Kurz dachte sie darüber nach, ihn auf seinen Fehler hinzuweisen, aber sie beließ es bei einem tadelnden Kopfschütteln, als der Mann zu ihr herübersah. Schließlich setzte sie den Helm wieder auf und schwang sich aufs Fahrrad. Nur noch fünf Minuten trennten sie von ihrem Zuhause.

Doch bereits auf Höhe der Pippilotta, einem traditionsreichen Segelschiff, sah Marie den querstehenden LKW, der ihr die Zufahrt zur Kreuzung versperrte, an der die Straße nach rechts über die Brücke und nach links landeinwärts führen würde – und geradeaus zu ihrer Wohnung.

»Mist«, fluchte sie, als ein Polizeiauto mit Blaulicht neben dem Fahrzeug zum Stehen kam. Vor Juttas Fischpavillon hatte sich eine Traube von Motorradfahrern gebildet. Sollte das heißen, sie würde erstmals seit der Zeit, in der sie nun in Kappeln wohnte, den zweispurigen Radweg unter der Brücke nehmen müssen? Nicht mehr als eineinhalb Meter vom Wasser entfernt? Einen Weg, bei dem sie knietief in der Förde stehen würde, gäbe es die schützende Mauer nicht? Marie mochte die Nähe zur Schlei nicht und schon gar nicht die Tatsache, dass der Weg unterhalb des Wasserpegels verlief. Früher hatte ihr das nichts ausgemacht, aber seit Simons Tod hatte sie ein gespaltenes Verhältnis zum Wasser entwickelt.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Fahrrad nach rechts zu lenken. Sicherheitshalber nahm sie die Gegenspur und beschleunigte. Rechts fahren wurde doch total überbewertet. Geradezu lächerlich schnell trat sie in die Pedale, die Erinnerung an die Zeit nach jener Nacht im Nacken. Gleich hätte sie es geschafft. Nur noch wenige Meter, und sie würde das Ende der Unterführung erreichen. Bald war sie zu Hause, wo sie den anstrengenden Tag ausklingen lassen konnte und …

»Hey!«

Gerade noch rechtzeitig schaffte sie es, der Skaterin auszuweichen, die in einem Affentempo von links die Treppe heruntergebraust kam und in ihre Richtung abbog.

»’tschuldigung!«, rief Marie und machte einen Schlenker. Ihr steckte zwar der Schrecken in den Gliedern, weil sie mit dem plötzlichen Gegenverkehr nicht gerechnet hatte, aber die Erleichterung darüber, dass sie endlich das Fischerdenkmal und somit wieder das Tageslicht erreicht hatte, überwog.

An der Hafenmauer vor der Stelle, an der der Raddampfer Schlei Princess lag, tummelten sich wie jeden Tag eine Menge Angler, manche in Grüppchen, andere allein. Vor der Bäckerei und der Fährschänke saßen Gäste; sie aßen, tranken und lachten. Die Menschen hier wirkten frei, und Marie beneidete sie ein wenig darum. Es ging ihr ja gut, sie war stolz auf das, was sie sich aufgebaut hatte. Aber manchmal spürte sie eben immer noch diesen Schatten auf ihrer Seele. Er wurde dunkler, wann immer sie mitbekam, wie unbekümmert der eine oder andere mit der Nähe zum Wasser umging. Eine Familie stand mit ihren beiden Kindern an der Kaimauer, und Marie war versucht, anzuhalten und sie über die Gefahren aufzuklären. Wie schnell war eines der Kinder unbemerkt hineingefallen? Sie widerstand dem Impuls. Diese Fremden konnten nichts dafür, dass ihr Seelenverwandter nur wenige Kilometer von hier ertrunken war, ausgerechnet an dem Ort, an dem er sich am wohlsten gefühlt hatte.

Sie selbst mied seither das Wasser, auch wenn es hier an der Schlei schwer war, sich davon fernzuhalten. Sie konnte eben nicht mit und nicht ohne.

Am Gastliegerhafen dümpelte eine Handvoll Motorboote gemächlich auf den Wogen. Von dort aus bog Marie nach links in eine enge, steile und mit Kopfsteinpflaster gedeckte Gasse ab. Wie Perlen einer Kette reihten sich hübsche Häuser mit Eingangstreppen und Steinmauern aneinander. Teilweise neu verputzt und angestrichen, fügten sie sich in das beschauliche maritime Bild ein. Obwohl es mitunter trubelig zuging, weil die Straße direkt in die Innenstadt führte, genoss Marie die Anonymität, die sie in den umliegenden Dörfern sicher nicht hätte. Viele Passanten waren Touristen, die sie nicht kannten und nichts von ihr wollten, außer hin und wieder nach dem Weg zu fragen. Vor einem orange gestrichenen Haus stieg sie ab und trug ihr Fahrrad die fünf Steinstufen hinauf. Oben angekommen, stellte sie es vor der Haustür ab und betrat den mit Blumenornamentfliesen bestückten Flur, in dem es wie üblich nach eingelegten Heringen und Räucheraal duftete. Im Erdgeschoss befand sich der Laden ihres Vermieters, dem die alteingesessene Fischräucherei gehörte. Marie wohnte im Obergeschoss, wo sie vom Verkaufstrubel kaum etwas mitbekam – und der Fischgeruch störte sie auch nicht. Sie stellte ohnehin keine besonderen Ansprüche an ihre Wohnung, da sie nie wusste, wie lange sie bleiben würde. Seitdem sie allein lebte, war sie bereits dreimal umgezogen. Von daher war sie froh, eine nette, bezahlbare Unterkunft in zentraler Lage gefunden zu haben, die sie sich nach ihren Vorstellungen eingerichtet hatte.

Dort angekommen, atmete Marie auf. Endlich Feierabend. Drei Brautberatungen hatte sie heute gehabt. Das bedeutete, sie hatte dreimal eine Kleiderauswahl aussuchen, insgesamt hundertachtundsechzig Kilometer fahren und sich auf drei verschiedene Bräute mitsamt ihren Freundinnen, Müttern, Schwiegermüttern, Trauzeuginnen und Großmüttern einstellen müssen. Sie liebte es, ihre Kundinnen dort zu beraten, wo sie sich am wohlsten fühlten, aber anstrengend war das allemal. Schon nachdem sie ihre Sneakers abgestreift und ihre Windjacke an die Garderobe in dem schlauchförmigen Flur gehängt hatte, spürte sie, wie die Anspannung allmählich nachließ. Sie löste das Zopfgummi und gähnte. Dann nickte sie Simon zu, der sie vom Kaminsims aus angrinste. Fast so, wie es der echte Simon getan hatte, wenn sie mal wieder zu spät aus der Physiopraxis heimgekehrt war – damals, in ihrem alten Leben, als sie noch als Physiotherapeutin gearbeitet hatte. Und ehe Simon sich in ein stummes, statisches und niemals alterndes Abbild seiner selbst verwandelt hatte. Immerhin nickte sie ihm mittlerweile nur zu, in den ersten Wochen hatte sie ihm noch von ihrem Tag erzählt, geweint, ihn gebeten zurückzukommen. Er hatte einfach nicht aufgehört zu grinsen. Die Aufnahme war am Tag ihrer Verlobung entstanden. Sie waren so glücklich gewesen.

Im Hintergrund war der Leuchtturm der Lotseninsel zu sehen, die Sonne hatte sich in Simons Haar verfangen, hatte lange Zeit wie ein Heiligenschein auf sie gewirkt. Es war einer der letzten warmen Tage im Spätsommer gewesen, sie waren mit dem Boot nach Schleimünde gefahren, das Hannes für einen Freund restauriert hatte. Erst auf den zweiten Blick sah man einen T-Shirt-Ärmel am Bildrand, der nicht zu Simon gehörte. Marie hatte das Foto an dieser Stelle geknickt, weil der andere Mann kein Teil ihres Lebens mehr war. Hannes hatte sich nach der Beerdigung einfach aus dem Staub gemacht. Er hatte sie allein mit ihrem Kummer gelassen. Dabei hätte sie ihn so gebraucht.

In der Küche, die gerade Platz für eine Küchenzeile, einen kleinen Klapptisch sowie einen Mülleimer bot, bereitete sie sich rasch eine Scheibe Vollkornbrot mit Butter und Lachs zu. Nebenbei goss sie Milch in ein Glas und vertilgte ihr Abendessen im Stehen. Eine schlechte Angewohnheit war das – zum Essen sollte man sich Zeit nehmen, Marie wusste das. Aber allein am Tisch zu sitzen deprimierte sie. Wenn Ludwig zu Besuch war, lümmelten sie auf der Couch; den Esstisch, an dem sechs Personen Platz fänden, hatte sie nur für Familienbesuche in den Gang vor der Küchentür gestellt.

Nach Simons Tod hatte sie ihr Leben entrümpelt, ihre Habseligkeiten auf ein Minimum reduziert, genau wie ihre Freunde und Vertrauten. So konnte sie Verluste möglichst gering halten, denn was nicht da war, konnte auch nicht kaputtgehen oder wegkommen.

Nach dem Essen checkte sie ein letztes Mal für heute ihre E-Mails, beantwortete eine Terminanfrage und verbuchte die verkauften Kleider. Sie parkte den Laptop im Regal hinter der Wendeltreppe, die hinauf ins Schlafzimmer führte, und ließ sich anschließend erschöpft auf das Sofa fallen, die Füße auf der Armlehne abgelegt. Im Mobiltelefon suchte sie die ABBA-Playlist heraus, kurz darauf erklangen die ersten Töne. Marie schloss die Augen. In Gedanken glitt sie in ihre unbeschwerte Kindheit zurück und befand sich in Tante Agnethas Wohnung, umhüllt von Musik und dem Duft von selbst gebackenen schwedischen Zimtschnecken. Ihre Großtante liebte Schweden, ohne je dort gewesen zu sein. Vor anderen würde es Marie nie zugeben, aber auch sie mochte ABBA. Zumindest fand sie dabei Entspannung. Und in dunklen Momenten das Licht.

Kapitel 2

Marie zuckte zusammen, als das Lied vom schrillen Klingelton ihres Mobiltelefons unterbrochen wurde. Als sie sah, dass der Anrufer der Vermieter ihrer Lagerräume war, richtete sie sich hastig auf.

»Marie Freitag?«

»Karlsen hier. Gut, dass ich Sie erreiche«, sagte er und klang besorgniserregend angespannt.

»Ist was mit meinen Kleidern?«

Herr Karlsen räusperte sich, woraufhin Marie alarmiert aufstand und im Zimmer auf und ab ging. Mit angehaltenem Atem lauschte sie den Worten ihres Vermieters.

»Sie erinnern sich bestimmt an das schlechte Wetter letzte Woche.«

Marie nickte, obwohl ihr Gesprächspartner das nicht sehen konnte. Schlechtes Wetter war die Untertreibung des Jahrhunderts. Einen solchen Sturm mit Gewitter und Hagel hatte es lange nicht gegeben. Die Dellen auf dem Dach ihres Brautmobils sprachen Bände. Etliche Bäume waren abgeknickt oder hatten zumindest eine beträchtliche Anzahl an Ästen verloren.

Schlechtes Wetter. Sicher, der alte Mann hatte bestimmt schon gefährlichere Wetterlagen erlebt.

»Wir haben eine undichte Stelle in einer der Dachluken entdeckt. Leider hatte das Wasser eine Menge Zeit, ins Gemäuer zu ziehen, wovon auch Ihr Lagerbereich betroffen sein wird. Kurz und gut: Wir müssen das Dach erneuern und die Wände trocknen, das kann schon einige Zeit dauern. Ihre Kleider müssen also auf unbestimmte Zeit raus.«

Marie erstarrte. »Auf unbestimmte Zeit?« Sie hatte den leicht muffigen Geruch zwar wahrgenommen, ihn jedoch auf schlechtes Lüften zurückgeführt. Ein Wasserschaden war ihr natürlich nicht in den Sinn gekommen. Hilflos lachte sie auf. »Aber wo soll ich denn so schnell hin mit hundertzwanzig Brautkleidern? Soll ich die vielleicht in meiner kleinen Wohnung bunkern?«

»Tut mir ja leid, ming Deern. Wat mutt, dat mutt.«

In ihre Wohnung passten die voluminösen Kleider niemals. Und falls doch, wäre für sie selbst kein Platz mehr. »Nein«, antwortete Marie bestimmt. Es musste eine andere Lösung geben. Aber welche? »Ich habe gar keine Feuchtigkeit bemerkt. Ist es wirklich nötig, dass in meinem Mietabteil auch …«

»Glauben Sie im Ernst, ich würde Sie sonst bitten, das ganze Zeug wegzuschaffen? Ich gebe ja zu, es kommt etwas plötzlich.«

Das ganze Zeug waren Brautkleider im Wert von Tausenden von Euro. Das ganze Zeug war Maries Existenzgrundlage. Von daher hatte Herr Karlsen wohl recht, sie sollte die Halle räumen. »Oh Mann«, stöhnte sie und rieb sich die Stirn. »Sie haben nicht zufällig alternative Lagerräume für mich in petto?«

»Kann mich ja mal umhören. Der Dachdecker kommt übrigens übermorgen.«

»Was, so bald schon?« Sie schnappte nach Luft.

»Wir sind ja froh, dass so kurzfristig einer Zeit hat. Gerade jetzt haben die doch Aufträge bis zum Gehtnichtmehr.«

Erfreulich für den Dachdecker, katastrophal für Marie. Eilig überschlug sie ihre Möglichkeiten. Die Vorstellung von all den Kleiderständern in ihrer Wohnung, voll behangen mit ausladenden Prinzessinnenkleidern, A-Linien, Fit and Flare, mit Vintage-Modellen … Marie wurde ganz schlecht. So ein Chaos!

Option zwei wäre das Haus ihrer Mutter, aber auch da gab es nur ihr ehemaliges Kinderzimmer, das noch kleiner war als ihr jetziges Wohnzimmer. Die Werkstatt ihres zukünftigen Stiefvaters Jo war zu staubig, kam also nicht infrage. Und Ludwigs Zimmer unter dem Dach war zu einer Art Gewächshaus umfunktioniert worden, in dem Jo seine Jungpflanzen zog.

Zu Ludwigs Wohnung gehörte ein geräumiges Kellerabteil. Wenn er für einige Zeit auf sein Sport- und Fernsehzimmer verzichten und Marie nur einen Teil der Kleider bei sich einlagern würde …

»Sie räumen also morgen die Halle aus?«, hakte Herr Karlsen nach und schob ein »Nicht, dass an die feinen Kleider noch was kommt« hinterher.

»Ja«, stimmte Marie seufzend zu. »Das wollen wir nicht. Ich kümmere mich also darum, dass der Lagerraum bis abends leer ist. Das reicht doch, oder?«

»Ich könnte Ihnen meinen Schwiegersohn mit dem Traktor vorbeischicken. Wenn es nicht regnet, können Sie die Kleider in den Anhänger verfrachten und …«

Vor Maries geistigem Auge erschien ein Anhänger, mit dem der Karlsen-Sohn Heu und Stroh und letzten Herbst die Kartoffeln transportiert hatte – da hinein sollten also ihre Kleider? Spitzenbesetzte Stoffe? Seidenröcke? Sie schluckte. »Sehr lieb, aber ich schaffe das schon.«

»Gut.« Der alte Mann klang erleichtert. »Einen schönen Abend also, Frau Freitag.«

»Ihnen auch«, sagte Marie erschöpft. »Danke für den Anruf.«

Nachdem sich der Vermieter verabschiedet hatte, legte Marie auf. Sie räusperte sich mehrfach, bekam den Kloß im Hals jedoch nicht geschluckt. Wenn sie das Sofa unter die Wendeltreppe bis ans Regal schieben, den Couchtisch auf der Sitzfläche parken und das zweite Regal neben den Kamin verfrachten würde, hätte sie zumindest etwas Raum gewonnen. Den Esstisch könnte sie hochkant an die Wand lehnen und als Kleiderablageplatz benutzen. Und wenn sie ihre eigenen Klamotten bei Mama oder Ludwig unterbringen konnte, wäre vielleicht im Schlafzimmer auch noch Platz …

Mit Schrecken fiel ihr ein, dass sie morgen einen Beratungstermin hatte, nicht irgendeinen, sondern bei Jessica Willermann. Marie und sie waren zusammen zur Schule gegangen. Jessie – sie hatte stets darauf bestanden, so genannt zu werden – hatte zu den Coolen gehört, während Marie einfach nur Marie und damit weder toll noch idiotisch, sondern stinknormal gewesen war. Und in Jessicas Welt galten normale Mädchen als unsichtbare Geister. Erst später hatte sie offensichtlich ihren Aggregatzustand verändert, und Jessica hatte aus ihr nicht nachvollziehbaren Gründen angefangen, sie zu piesacken. Dass sie Gefallen an Maries Freund gefunden, ihn ihr ausgespannt und kurz darauf wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hatte, war nur der Anfang gewesen.

Warum hatte sie den Termin überhaupt angenommen? Im Grunde war Mama an allem schuld. Begeistert von dem Gedanken, dass zwei alte Schulfreundinnen auf diese Weise wieder zusammenfanden, hatte sie Marie weichgeklopft. Außerdem waren die beiden Mütter seit dem ersten gemeinsamen Elternabend befreundet, weshalb sie deren Wunsch unmöglich abschlagen konnte. Mama hatte ja keine Ahnung.

Marie versuchte, den Auftrag als Chance zu sehen, mit dem Erlebten abzuschließen. Immerhin waren Jessie und sie jetzt erwachsen, es sollte also möglich sein, sich genau so zu begegnen, um hinterher wieder getrennte Wege zu gehen.

Sie prüfte ihre Kalender-App. Der Termin war für sechzehn Uhr angesetzt. Ohne helfende Hände würde das ganz schön knapp werden.

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich blau verfärbt und leuchtete in verschiedenen Nuancen, von Himmel- über Tinten- bis Marineblau. So schön die Natur sich gerade darstellte, in der Nacht fühlte sich Marie genauso unbehaglich wie am Wasser. Und jetzt stand sie zusätzlich unter Druck, vor allem mit der Gewissheit, dass sie heute Abend auf sich allein gestellt war und nicht mehr viel schaffen würde. Hatte sie die Anonymität der Stadt nicht eben noch gelobt? In diesem Moment wurde ihr klar, dass ein paar Kontakte nicht schaden würden. Andere außer Ludwig, dessen Nummer sie nun wählte.

»Hey, Schwesterherz, ich bin im Auto. Und rate, wer neben mir sitzt.«

Marie musste nicht lange überlegen, im Hintergrund sang Tante Agnetha Waterloo. Was ABBA anging, kannte sie kein Pardon, auch nicht vor Ludwig, der damit rein gar nichts anfangen konnte.

»Hey, mach das Radio wieder an«, unterbrach Tante Agnetha ihren Gesang.

»Und ich bin auch da«, meldete sich ihre Mutter. »Ludwig war so freundlich, mir meine Tupperschalen zurückzubringen, die er über Wochen bei sich gebunkert hat.«

»Und zum Dank fahre ich die beiden zu dieser Lesung«, sagte Ludwig. »Ich finde mich ausgesprochen nett.«

»Klingt, als hättet ihr irre viel Spaß«, stellte Marie in ironischem Unterton fest, doch beim Gedanken an das, was vor ihr lag, wurde sie sofort wieder ernst. »Darf ich dich trotzdem etwas fragen?«

»Das Lied ist noch nicht zu Ende«, sagte Tante Agnetha. »Danach kannst du dein Anliegen vortragen.«

»Was ist los?«, wollte Ludwig wissen, ohne Agnethas Einwand zu beachten. »Du klingst so aufgewühlt.«

»Kennst du zufällig jemanden, der genügend Platz hat, um spontan meine Brautkleider zu beherbergen?«

»Wie jetzt?«

»In der Lagerhalle gibt es einen Wasserschaden, ich brauche dringend kurzfristig verfügbaren Lagerraum.«

»Peter Pettersen vermietet doch seine Scheune für Feierlichkeiten«, warf Tante Agnetha ein. »Wieso sollte man da nicht auch die paar Kleider hinhängen können?«

»Glaubst du wirklich, eine Scheune, durch die der Wind pfeift und die bloß mit einem rostigen Vorhängeschloss versperrt wird, ist der richtige Ort für Kleider im Wert von Tausenden von Euro?«, warf Mama ein.

»Soll Marie die Dinger etwa in ihrer Wohnung unterbringen, die gerade mal so groß ist wie ein Schuhkarton?« Ihre Großtante schnalzte.

Marie merkte, wie sich das Band um ihr Innerstes immer fester zog. Sie ballte die freie Hand zur Faust und mahnte sich zur Besonnenheit. Es war ein langer Tag gewesen. Sie hatte sich lediglich etwas zu Essen machen, ein Buch lesen und dabei Musik hören wollen. Jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die Beratung bei Jessica würde absagen müssen. Und wie chaotisch es spätestens morgen Abend in ihrer Wohnung aussehen würde, wollte sie sich gar nicht erst vorstellen. »Es wird schon passen.« Sie gab sich Mühe, zuversichtlich zu klingen. »Hilfst du mir beim Transport, Ludwig? Ich weiß, es ist kurzfristig, aber …«

»Ich habe ein paar Termine, aber ich werde versuchen, sie zu verschieben.«

»Er hat ›Termine‹«, mischte sich Tante Agnetha erneut ein, wobei die Gänsefüßchen herauszuhören waren, in die sie das Wort »Termine« setzte. »Hat mir eben erzählt, dass er mit seiner Chefin zu Mittag isst. Und wir alle wissen ja, wo das endet.«

Oh, sie wusste also von Ludwigs Affäre. In Gedanken schlug sich Marie die Hand vor die Stirn. Klar wusste sie davon. Jemandem, der wie Tante Agnetha seine Nase überall hineinsteckte, entging nun mal nichts.

»Weißt du eigentlich, dass ich dich manchmal für deine verdammte Schamlosigkeit auf den Mond schicken könnte, allerliebste Tante Agnetha?«, zischte Ludwig verärgert. Wenn es um Corinna ging, mit der er seit über einem Jahr eine Affäre hatte, verstand er überhaupt keinen Spaß. Marie hatte sich schon öfter gefragt, ob er vielleicht mehr in dieser Sache sah, obwohl seine Chefin keinen Hehl aus ihren Absichten machte. Sie wollte Abwechslung und Sex, ihre Ehe allerdings nicht dafür aufgeben – oder an ihr arbeiten. Jeder so, wie er meinte. Dass sie sich auf Ludwigs Kosten vergnügte, ging Marie jedoch eindeutig gegen den Strich. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass ihr Bruder irgendwann doch eine Frau finden würde, für die es sich lohnte, alles zu geben – und die für ihn genauso empfand.

»Bevor wir ein neues Raumfahrtprogramm mit Tante Agnetha an Bord in die Wege leiten, würde ich gern noch mal auf meine Bitte zurückkommen«, versuchte Marie, die Wogen zu glätten. »Ruf mich einfach an, sobald du einen Überblick über deine Termine hast. Ich sehe derweil zu, dass ich so viele Kleider wie möglich rüberschaffe.«

»Du kannst dein altes Kinderzimmer als Kleiderkammer benutzen«, schlug Mama vor. »Es ist nicht besonders groß, aber ein paar Kleider bringen wir darin schon unter, wenn ich das Laufband und den Stepper in die Werkstatt stelle. Die Dinger sind ohnehin die reinste Quälerei.«

Marie lächelte, gleichzeitig machte es sie traurig, dass ihre Mutter so geknickt klang.

»Ich würde mein Bücherzimmer zur Verfügung stellen«, brachte sich Tante Agnetha ein, diesmal mit einem konstruktiven Angebot, das sogar ehrlich gemeint schien. »Wir wollen schließlich nicht, dass die guten Fummel kaputtgehen oder unsere Marie keinen Platz mehr zum Leben hat. Außerdem könnte ich ja hin und wieder mal eins anprobieren. Das stelle ich mir sehr vergnüglich vor. Kleider in Größe zweiundvierzig zu mir, ja?«

Ludwig stöhnte resigniert, Marie schloss die Augen. Seine Sehnsucht, die Tante für ein Weilchen los zu sein, konnte sie nur zu gut nachvollziehen. Man musste ja nicht gleich so weit gehen und sie auf den Mond schießen.

Sie rieb sich die Stirn. »Ich komme auf dein Angebot zurück, falls …« Besser, sie würde niemals darauf zurückkommen müssen. Ihre Großtante würde es fertigbringen, wirklich das eine oder andere Kleid anzuziehen und bei guter Feierlaune womöglich eines ihrer Likörchen darüber zu vergießen.

»Ich versuche, einen zweiten Lieferwagen zu organisieren, und bin morgen so früh wie möglich bei dir«, kam Ludwig auf das Wesentliche zurück.

»Dann wäre das ja geklärt. Tschüss, Marie, ABBA wartet«, beendete Tante Agnetha das Gespräch. »Wo schaltet man denn das Radio ein, Ludwig? Hier?«

»Toll, ich freu mich«, waren Ludwigs letzte Worte, ehe die Leitung unterbrochen wurde.

Marie atmete tief durch. Für heute Abend nahm sie sich vor, die Möbel zu rücken und die Zeitung sowie das Internet nach einer vorübergehenden Lagermöglichkeit zu durchforsten. Ihre Mutter würde bestimmt auch Augen und Ohren offen halten, sie kannte eine Menge Leute, da sie immer noch in dem Haus lebte, in dem sie aufgewachsen war.

Erneut startete sie die ABBA-Playlist. Ein bisschen Motivation konnte nicht schaden. Solange niemand in der Nähe war, konnte sie ihren Erinnerungen an alte Zeiten getrost nachhängen. Und solange Simon darin keine Rolle spielte, war alles gut.

Nach einer kurzen Nacht, Träumen von Brautkleidern und noch vor dem ersten Kaffee schwang sich Marie müde, aber voller Tatendrang auf ihr Fahrrad, um zur Lagerhalle zu radeln.

Es schien ein guter Tag zu werden. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Am Badezimmerfenster stehend, hatte Marie ihr dabei zugesehen, wie sie zuerst rosarote und dann goldene Streifen ans Firmament gemalt hatte, bis alle Töne miteinander verschwommen waren. Ganz so, als ob jemand zu viel Wasser mit einem Pinsel auf ein Aquarell getupft hätte. Im Gegensatz zu den Farben des endenden Tages empfand sie diese als beruhigend. Unwillkürlich dachte sie an die unzähligen Sonnenaufgänge, in die sie zusammen mit Simon gesegelt war. Mal mit ihm alleine, mal im Dreierteam mit Hannes – selten mit einer seiner Freundinnen. Sie waren die Schlei rauf und runter gesegelt und nur einmal gekentert, als Simon zu spät einem kreuzenden Motorboot ausgewichen war. Gemeinsam hatten sie – Simon, Hannes und Marie – es geschafft, die Jolle wieder auf Kurs zu bringen. Und anschließend gelacht, bis ihnen die Bäuche wehgetan hatten. Sie dachte gern an jene Tage zurück, und mittlerweile fühlte sich nicht mehr jede Erinnerung wie ein Messerstich in ihrem Herzen an. Dieses Jahr hätten Simon und sie ihren zehnten Jahrestag gefeiert. Nun waren weder er noch Hannes da, um mit ihr anzustoßen. Dabei waren Marie und Hannes doch Freunde gewesen. Oder? Jetzt wusste sie nicht einmal, wo er steckte. Aber sie wollte es ja auch gar nicht wissen.

Obwohl Marie es eilig hatte, stoppte sie auf Höhe des Museumshafens und betrachtete erneut den Himmel. Sie hatte ihn bereits in allen Nuancen gesehen und gelernt, dankbar zu sein. Dankbar dafür, jeden Morgen aufzuwachen. Es hatte sie viele Tränen, Wutausbrüche und Verzweiflung gekostet, um Kraft für alles zu schöpfen, was sie in Zukunft erwarten würde. Für sie ging die Sonne wieder auf. Das war etwas, an dem sich Marie festhielt. Tag für Tag.

Mit einem Seufzer setzte sie ihren Weg fort, die Kreuzung war Gott sei Dank geräumt. Sie ärgerte sich über ihre Furcht, wäre sie doch zu gern ein Weilchen neben dem Motorboot hergeradelt, das in Richtung Schleswig steuerte.

Sie lauschte den Möwen. Ein Hauch von Meer lag in der Luft, frisch und leicht salzig; kein Wunder, die Ostsee befand sich nur wenige Kilometer weiter nordöstlich.

Ihre Wohnung hatte sie noch am Abend für den großen Umzug vorbereitet, hatte Möbel zusammengeschoben und gestapelt, sodass kaum etwas an ihr Zuhause erinnerte. Sie fragte sich, wie sie sich ohne ihre Ordnung fühlen würde, aber letztlich war es müßig, darüber nachzudenken. Sie hatte ja keine Wahl.

Innerhalb von Minuten erreichte sie ihr Ziel, stellte das Fahrrad ab und öffnete die Stahltür zu ihrer Schatzkammer. Jedes Mal, wenn sie in ihr Paradies aus Weiß, Blush, Nude und Rosé eintauchte, füllte sich ihr Herz mit Wärme und Stolz auf das, was sie sich aufgebaut hatte. Heute allerdings wünschte sie sich, weniger Modelle eingekauft zu haben.

Den Umzug hatte sie noch am Abend zuvor genau geplant. Pläne gaben Struktur und Sicherheit. Sicherheit war, was sie brauchte, besonders heute. Zuerst aber würde sie sich auf ihren Beratungstermin vorbereiten. Dafür öffnete sie in ihrem Smartphone die Fotos, die Jessica ihr geschickt hatte. Vierunddreißig Stück. Bilder von Prinzessinnenkleidern, eines pompöser als das andere. Dazu Aufnahmen, auf denen sie selbst zu sehen war. Von vorne, von hinten, von der Seite. Auf jedem Foto grinste sie verkrampft in die Kamera. Sie hat sich überhaupt nicht verändert, dachte Marie. Selbstdarstellerisch wie eh und je. Sie räusperte sich. Mit dieser Grundeinstellung konnte sie auf keinen Fall in die Beratung gehen. Sie musste sachlich bleiben und sich eingestehen, dass Jessie zu den Frauen gehörte, die alles tragen konnten. Auch ein Sissi-Kleid mit zwölf Lagen Tüll. Mit dem weitesten Reifrock. Mit Spitze. Rüschen. Glitzer. Schleier. Diadem. Das volle Programm eben. Verdammt.

Sie musste ihre Gefühle abschalten. Früher war sie neidisch auf Jessicas Markenklamotten und ihre toughe Art gewesen. Das war doch Schnee von gestern. Es gab nichts mehr, weswegen sie missgünstig sein brauchte.

Genau deshalb würde Marie ab jetzt einen professionellen Blick auf die Braut werfen statt den der nie gesehenen Klassenkameradin. Im Prinzip lag Jessie mit ihren Vorstellungen richtig, solange sie auf ein bisschen Prunk verzichtete. Weniger war in ihrem Fall mehr. Ihr würde eine ausgestellte A-Linie stehen, mit langgezogener Corsage, die ihren Oberkörper strecken und die Taille betonen würde, fand Maries geschultes Auge.

Sie starrte die Kleider auf den Ständern an. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Zuerst hatte sie ihrer Mutter einen Gefallen tun wollen. Aber jetzt ließ sie der alberne Wunsch nicht mehr los, sich vor Jessica zu beweisen. Und in ihrem Gesicht zu lesen, dass sie, Marie Freitag, es zu etwas gebracht hatte.

Kapitel 3

Trotz der bevorstehenden Lagerräumung nahm sich Marie noch mehr Zeit als sonst für die Kleiderauswahl, weil diese besondere Kundin besondere Aufmerksamkeit und vor allem Vorbereitung bedurfte – komme, was wolle. Ihr war klar, dass ihre Intuition und das Fachwissen allein nicht reichten. Ein bisschen Verkäuferglück gehörte auch dazu, heute mehr denn je. Dennoch wollte sie nichts dem Zufall überlassen.

Sie suchte zwei Prinzessinnenkleider aus dem Sortiment; eines in Rosé, mit Herzausschnitt, kurzer Corsage, Glitzergürtel, breiter Taille, Schnürung, Spitzensaum am Rock und Glitzertüll. Mehr ging nicht, zumindest nicht von Maries Seite aus.

Das zweite Modell wählte sie etwas schlichter in Cremeweiß. Am Halssaum des schräg gerafften Satinoberteils glitzerten unzählige Silberperlen, während der Rock in schnörkellosem Softtüll gehalten war.

Vorschlag Nummer drei war das komplette Gegenteil: ein Spitzenoberteil mit Carmenausschnitt und Ärmelchen, dazu ein weich fallender Chiffonrock. Sie mochte das Kleid sehr, es bestach durch seine zeitlose, ruhige Schlichtheit.

Nummer vier war eine klassische A-Linie, die nicht weniger funkelte als das erste Modell. Wegen des Schnittes konnte man es zwar unaufdringlicher finden, jedoch nicht minder stilvoll.

Maries letzter Vorschlag ähnelte dem Vorgänger, wirkte durch die tiefer gezogene Corsage prinzessinnenhaft und gleichzeitig sexy. Wenn es nach ihr ginge, war das Jessicas Kleid. Aber nicht immer folgten die Bräute ihrem Rat, sondern ihrem eigenen Herzen. Und genau so sollte es letzten Endes sein.

Sie suchte eine Auswahl an Schleiern und Kopfschmuck zusammen und beschloss, vor dem Termin beim Blumenladen vorbeizufahren, um einen frischen Brautstrauß zu besorgen, den sie ihren Kundinnen am Ende der Beratung für das perfekte Brautgefühl reichte.

Nachdem sie die Modelle in die rosafarbenen Taschen mit dem Schriftzug Brautzauber verfrachtet und an einen Kleiderständer gehängt hatte, fühlte sie sich erleichtert und bereit, den nächsten Punkt auf ihrer To-do-Liste anzugehen.

Sie sah sich um. Ihr System, die Brautkleider nach Form und Größe zu sortieren, hatte sich bewährt. Um sich halbwegs in diesem Dschungel zurechtzufinden, wollte sie es in ihrer Wohnung genauso fortführen. Vor der Halle schloss sie den VW-Crafter auf, der ebenfalls mit dem goldenen Schriftzug ihres Geschäfts beklebt war, und begann schließlich damit, den Laderaum zu füllen. Wenn Ludwig nicht bald dazukäme, würde sie allein einige Touren fahren und leider auch sehr viele Treppenstufen erklimmen müssen, ehe sie alle Kleider in ihre Wohnung gebracht hätte. Sie verriegelte den Lagerraum sorgfältig und setzte sich hinters Lenkrad.

Wenige Minuten später parkte sie vor ihrem Wohnhaus, wobei sie sich mit dem Ausladen beeilen musste, da sie die komplette Straße blockierte. Also nahm sie übermütig drei Kleider auf einmal von der Stange, tastete sich mit den Füßen die Außentreppe hinauf und betrat den Hausflur.

»Was wird denn das?«, vernahm sie die schneidende Stimme von Frau Drexler, die alle zwei Tage nach dem Rechten sah und sauber machte.

Da Marie sich aufgrund der Stoffmassen in ihren Armen quasi im Blindflug befand, stoppte sie. Womöglich stand die resolute Raumpflegerin direkt vor ihr, vermutlich mit in die Hüften gestemmten Händen und anklagendem Blick. Inzwischen kannte man sich.

»Guten Morgen«, grüßte Marie freundlich und in der Gewissheit, dass ihre Kraft nicht unendlich reichen würde. »Mein Lagerraum hat durch den Sturm neulich einen Wasserschaden erlitten, weswegen meine Kleider kurzfristig umziehen müssen.«

»Hierher? Ich weiß ja nicht, ob das Ihrem Vermieter gefällt.«

Und ich wüsste nicht, was Sie das angeht, dachte Marie und ärgerte sich über das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Warum hatte sie überhaupt die Wahrheit gesagt? »Es ist ja bloß für ein paar Tage. Wenn Sie mich jetzt bitte vorbeilassen würden …«

»Bitte, ich will niemandem im Weg stehen«, sagte sie eingeschnappt. Dann fügte sie hinzu: »Wie wollen Sie eigentlich oben aufschließen, so vollgepackt?«

Mist. Daran hatte Marie nicht gedacht.

Frau Drexler seufzte und drückte mit diesem Geräusch mehr aus, als sie je mit Worten hätte sagen können. »Ihr Glück, dass ich noch da bin. Eigentlich habe ich ja gar keine Zeit. Aber ich will mal nicht so sein.«

Marie verdrehte die Augen, zog es jedoch vor zu schweigen.

»Wo ist denn der Schlüssel?«, fragte Frau Drexler.

Der Schlüssel. Oh nein! »In meiner Hosentasche«, antwortete Marie notgedrungen. Allmählich wurden ihre Arme schwer, und die Aussicht auf Frau Drexlers Finger in ihrer Tasche ließ ihr Energielevel noch weiter sinken.

Schon drängte sich die selbst ernannte Retterin an ihr und dem Kleiderberg vorbei, schob ohne Scheu eine Hand in Maries Hosentasche und grub darin nach dem Schlüssel. Sie verströmte den Geruch von Kaffee und kaltem Zigarettenqualm. Gott sei Dank wurde sie schnell fündig und trabte Sekunden später die knarzende Treppe hinauf. Marie folgte ihr schnellstmöglich, doch es war schwieriger als gedacht, sich Stufe für Stufe aufwärts zu schieben. Die Trittflächen schienen noch schmaler zu sein als sonst. Sie hörte, wie Frau Drexler die Wohnungstür aufschloss.

»Bitte sehr«, sagte sie, als ob sie damit den Ehrenpreis für Retter in Not verdient hätte.

»Danke«, ächzte Marie und beschloss, lieber öfter zu laufen, dafür weniger Gewicht zu tragen und vor allem den Blick nach vorn freizuhalten.

»Sie haben ja gar keine Möbel«, sagte Frau Drexler. Erschrocken erkannte Marie, dass die Frau ohne Einladung ihre Wohnung betreten hatte. »Wie ungemütlich.«

Sie legte einen Zahn zu und hängte ihre Fracht über den Esstisch. Uff!

»Das ist aber ein netter junger Mann auf dem Foto.« Der ungebetene Gast interessierte sich sichtlich für das Foto auf dem Kaminsims. Und für Simon. Marie musste sie unbedingt loswerden.

»Ich komme dann jetzt alleine klar. Danke für Ihre Hilfe.«

»Ist das Ihr Freund? Hab ihn hier noch gar nicht gesehen. Kommt wohl immer abends her, was?« Frau Drexler lachte über ihren eigenen Witz, der gar nicht witzig war.

»Ich muss dann auch weiter«, versuchte Marie einen zweiten höflichen Wink mit dem Zaunpfahl.

»Und das da sind wohl Ihre Eltern.« Sie zeigte auf die Fotocollage, die an der Wand neben dem Kamin hing.