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Rivana Farini

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Beschreibung

Kaum ein Thema wird in Deutschland gerade so kontrovers diskutiert wie ein Böllerverbot zum Jahreswechsel. Dabei hat sich die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen längst für eine Änderung des Sprengstoffgesetzes ausgesprochen. Der Großteil der Bevölkerung wünscht sich einen friedlichen Jahreswechsel ohne Tote, Verletzte, Wohnungsbrände, Tierleid und Umweltverschmutzung. Doch die Bundesregierung behauptet hartnäckig, ein Böllerverbot sei „nicht verhältnismäßig“. Was bedeutet der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit in unserem Rechtssystem überhaupt? Welche Güter müssen gegeneinander abgewogen werden? Was für Gesetze und Regeln gelten in Bezug auf Feuerwerk und welche Rechte haben die Tiere in unserem Land? Diese Fragen und noch viele weitere werden in diesem Buch beantwortet. Sehr eindrücklich, aber ohne ihren Humor zu verlieren, schildert die Autorin die negativen Folgen von Feuerwerk vor der Kulisse unseres Rechtssystems. Ein schweres Thema wurde hier leicht verpackt und gut verständlich aufgearbeitet.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Rivana Farini

Durchgeknallt

Mythen, Fakten und Denkanstöße rund um Silvester

Für unsere Tiere

Inhaltsverzeichnis

Der Mann aus dem Wald

Mythos Tradition

Das Sprengstoffgesetz

Das Tierschutzgesetz

Das Bundesnaturschutzgesetz

Tonnenweise Müll

Dicke Luft

Taube Ohren

Kleine Anfrage mit großer Wirkung

Nicht zu gebrauchen

Ein totes Pferd

Der Mann aus dem Wald

Wir kennen es nicht anders, aber der Jahreswechsel wurde bei uns nicht immer am 31. Dezember gefeiert. Die Germanen läuteten mit dem Julfest am Tag der Wintersonnenwende das Ende des alten und den Beginn eines neuen Jahres ein. Die Römer starteten am 1. März, bis Julius Caesar erstmalig im Jahre 46 vor Christus den 1. Januar als Jahresbeginn festlegte. Die frühen Christen feierten entweder an Weihnachten oder am 6. Januar den Jahreswechsel. Erst mit der Einführung des gregorianischen Kalenders durch Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 wurde der letzte Tag des Jahres verbindlich auf den 31. Dezember festgelegt. (vgl. ARD alpha, „Seit wann beginnt das neue Jahr am 1. Januar?“, 15.12.2025)

Der Namensgeber für diesen Tag war ebenfalls ein Papst: Silvester I., Bischof von Rom. Er starb am 31. Dezember 335 und wurde später heiliggesprochen. Einer Legende nach soll Silvester I. den damaligen Kaiser Konstantin durch Handauflegen und nur mit Gottes Hilfe von seiner Lepra-Erkrankung geheilt haben. Daraufhin soll dieser sich zum Christentum bekehrt und der Verfolgung von Christen im Römischen Reich ein Ende gesetzt haben.

Das Edikt von Mailand, mit dem das Christentum zur offiziellen Religion wurde, ist jedoch in Wahrheit schon 313 unterzeichnet worden. Dennoch haben sich in Silvesters Pontifikat von Januar 314 bis Dezember 335 große Veränderungen vollzogen. So wurden unter anderem die ersten großen Kirchen Roms geplant und gebaut.

Der Name Silvester stammt vom lateinischen Wort „silva“, das bedeutet „Wald“. Silvester kann man also mit „Mann aus dem Wald“ übersetzen, und tatsächlich soll Silvester I. als Einsiedler im Forst von Soratte nahe Rom gelebt haben, bevor er Papst wurde.

Wir feiern also Silvester.

Wörtlich genommen sagen wir damit, dass wir einen Papst und seinen Todestag feiern. Hier fängt es bereits an, absurd zu werden, denn das machen wir ja überhaupt nicht. Aber es kommt noch besser: Der Heilige Silvester ist kein Geringerer als der Schutzpatron der Haustiere! Ich finde gar keine Worte, die ausreichend mit Hohn getränkt wären, um die Absurdität – ja eigentlich schon Perversität – dieser Tatsache angemessen zu Papier zu bringen.

Ausgerechnet am Ehrentag ihres Schutzpatrons müssen also Millionen von Tieren Todesangst erleiden. Wegen einer Tradition, die – wie wir gleich noch sehen werden – streng genommen gar keine ist.

Eine schöne Tradition zu Ehren von Silvester findet dagegen jedes Jahr im Ort Mayen-Hausen in der Eifel statt. Dort soll einer Sage nach auf einem Ritt von Rom nach Trier das Pferd des Papstes ein Eisen verloren haben. Das Pferd wurde neu beschlagen und als man das alte Eisen fand, bekam es in der Kirche einen Ehrenplatz. Seitdem gibt es jedes Jahr am 31. Dezember einen Silvesterritt, bei dem der Pfarrer – ebenfalls hoch zu Ross – die anwesenden Pferde segnet. Das ist doch mal eine tierfreundliche und dem Schutzheiligen entsprechende Tradition! Aber ob man dort in Hausen wohl auch so konsequent ist, den gesegneten Pferden zuliebe auf Silvesterfeuerwerke zu verzichten? Ich werde nachfragen.

Wir feiern also Silvester, indem wir am Ehrentag dieses Heiligen unzählige Tiere leiden lassen. Dabei müssten wir doch eigentlich das genaue Gegenteil machen. Silvester ist der Schutzpatron der Tiere. Genauso wie Nikolaus der Schutzpatron der Kinder ist. Am Nikolaustag werden deswegen unsere Kinder mit Geschenken überhäuft. Niemand würde auf die Idee kommen, sie stattdessen durchs Dorf zu jagen oder zu Tode zu erschrecken. Warum tun wir also am Silvestertag nicht unseren Tieren mit kleinen Gaben etwas Gutes, um ihren Schutzheiligen zu ehren? Als Dankeschön dafür, dass sie unsere treuen Begleiter sind und unser Dasein bereichern? Wer kein Tier sein Eigen nennen kann, bringt einfach Nachbars Katze ein neues Spielzeug oder dem Hund von gegenüber einen Kauknochen. Man könnte auch dem Tierheim etwas spenden oder beim nächsten Pferdestall einen Sack Möhren vor die Stalltür stellen. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

Das wäre doch mal ein schöner Brauch zum Jahresende.

Mythos Tradition

Der Begriff „Tradition“ stammt vom lateinischen „tradere“, was „hinübergeben“ bedeutet. Handlungsmuster, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen oder Bräuche werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Etwas gilt als Tradition, wenn es über mindestens drei Generationen hinweg weitergegeben wird und so eine Verbindung zur Vergangenheit entsteht. Traditionen sollen das Gemeinschaftsgefühl und die Identität einer Gruppe stärken.

Ein Brauch ist eine regelmäßig wiederkehrende, ritualisierte Handlung innerhalb einer Gemeinschaft, die Tradition und kulturelle Identität ausdrückt, wie z. B. das Aufstellen des Maibaums oder die Schultüte zum Schulstart. Bräuche haben eine symbolische Bedeutung und dienen dem Zusammenhalt sowie der Bewahrung von Werten einer Gruppe. Bräuche sind Ausdruck von Tradition.

Es gibt viele uralte Bräuche und Rituale, die traditionell zum Jahreswechsel gehören. So haben schon die Germanen Feuerzeremonien veranstaltet und Lärm gemacht, um böse Geister und Dämonen zu vertreiben. Dazu muss man sich aber auch vor Augen halten, dass es damals im Winter wirklich dunkel war. Es muss so finster gewesen sein, dass sich das heutzutage niemand mehr vorstellen kann. Die Winter waren lang, kalt und lebensbedrohlich. Das Feuer war entsprechend wichtig, weil es Wärme und Licht spendete.

Feuerwerk kannten die alten Germanen jedoch nicht. Der Ursprung des Feuerwerks liegt tatsächlich im Dunkeln. Das ist so, weil man sich nicht ganz einig darin ist, wer denn eigentlich das Schwarzpulver erfunden hat. Ein Chinese, ein englischer Alchimist oder ein Franziskanermönch? Fest steht, dass man in China schon um das Jahr 1000 explodierende Bambusstäbe zum Neujahrsfest verwendet hat, um böse Geister zu vertreiben.

Erst Ende des 14. Jahrhunderts gelangte das Feuerwerk in den deutschsprachigen Raum und wurde Bestandteil verschiedener Feste. Ab dem 15. Jahrhundert ist es jedoch ein Privileg des Adels geworden und diente vor allem der Selbstdarstellung, der Machtdemonstration und der höfischen Unterhaltung. Mit dem Aufstieg des Bürgertums im 18. Jahrhundert wurde Feuerwerk dann zum Statussymbol und immer mehr reiche Bürgerinnen und Bürger luden zu sogenannten Lustfeuerwerken ein. Auf Jahrmärkten bedienten sich Schausteller der Licht- und Knalleffekte oder präsentierten komplette Feuerwerkstheaterstücke. Der erste bekannte Nachweis für die Verwendung von Kleinfeuerwerk durch die Allgemeinheit zum Jahreswechsel ist laut dem Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk auf das Jahr 1802 datiert. (vgl. Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, „Wie war das eigentlich? Die Anfänge des Sprengstoffgesetzes“)

Doch auch wenn es bereits in den zwanziger Jahren zahlreiche Pyrotechnikhersteller in Deutschland gegeben hat, wurden Feuerwerkskörper für die breite Bevölkerung erst nach dem Wirtschaftswunder erschwinglich. „Da hat sich dann auch richtiggehend eine Industrie gebildet, die dann Feuerwerk auf breiter Ebene ermöglicht hat“, so der Kulturwissenschaftler Manuel Trummer. (vgl. Deutschlandfunk Kultur, „Spektakel am Hofe“)

Wenn man also berücksichtigt, dass der Verkauf von Feuerwerkskörpern erst acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges so richtig losging, können wir die Entstehung der privaten Nutzung von Feuerwerkskörpern frühestens auf Mitte der fünfziger Jahre datieren. Als Tradition gilt etwas, was über mindestens drei Generationen hinweg weitergegeben wurde. Ein Generationswechsel findet im Mittel ungefähr alle 25 bis 35 Jahre statt – eben immer dann, wenn man selber Kinder bekommt, an die man etwas weitergeben kann.

Der Brauch, dass jeder zum Jahreswechsel Raketen kaufen und in den Himmel schießen kann, ist aber gerade mal so alt wie das Toast Hawaii. Streng genommen kann man etwas so Junges nicht als Tradition bezeichnen.

Außerdem sollen durch Traditionen die Werte einer Gemeinschaft weitergegeben werden, damit sie für die nächsten Generationen erhalten bleiben. Obendrein sollen sie das Gemeinschaftsgefühl und die Identität einer Gruppe stärken. Da frage ich mich allen Ernstes, was das, was alljährlich bei uns in der Silvesternacht geschieht, mit Tradition im eigentlichen Sinne zu tun haben soll. Was wollen wir an die nächsten Generationen weitergeben? Was möchten wir ihnen hinterlassen? Dass es in Ordnung ist, andere mit Raketen zu beschießen, Tiere zu quälen, Tote billigend in Kauf zu nehmen und giftigen Müll in der Landschaft zu verstreuen?

Traditionen sind außerdem niemals in Stein gemeißelt, sie sind wandlungsfähig, weil die Dinge sich nun mal ändern können und auch die Werte in einer Gemeinschaft sich entwickeln. Wenn es gut läuft, sind wir heute immer schlauer als gestern. Das nennt man „mit der Zeit gehen“. So wissen wir jetzt zum Beispiel, dass Blei hochgiftig ist, und daraufhin wurde das Bleigießen verboten. War gar nicht so schwierig, auf unschädliche Alternativen umzusteigen.

Zusammenfassend würde ich sagen: Die Feuerwerkskunst ist wirklich eine uralte Tradition. Doch Kunst ist etwas, was von Künstlern erschaffen wird. Mit dem, was geschieht, wenn man Laien Sprengstoff in die Hand gibt, schadet die Branche sich nur selber. Das Abbrennen von Pyrotechnik sollte schleunigst wieder dahin zurückkehren, wo es eigentlich hingehört: in die Hände von ausgebildeten Profis, die dieses gefährliche Handwerk gelernt haben.

Das Sprengstoffgesetz

So manch einer mag beim Anblick einer schönen, bunten Rakete am Himmel vergessen, worum es sich hier eigentlich handelt: nämlich um Sprengstoff.

Klingt gefährlich, nicht wahr?

Das ist es auch. Nicht ohne Grund ist der Umgang mit Pyrotechnik im Sprengstoffgesetz geregelt. Das alleine spräche schon für sich – und dann kommen noch die alljährlichen Toten und Verletzten dazu, die das eindeutig belegen. Und nein: die gehen nicht nur auf das Konto von illegalen Böllern. Im Gegenteil. So findet man auf der Internetseite der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) folgenden Text:

„Zum Jahreswechsel 2024/25 lag die Gesamtzahl der Augenverletzungen mit 905 Verletzten über dem Niveau des Vorjahres. Wir haben rund 300 Betroffene mehr als in den Jahren vor der Pandemie dokumentiert. Wie in den letzten Jahren sehen wir: In ca. 60 % der Fälle trifft es unbeteiligte Zuschauer und Passanten und in bis zu 40 % Kinder und Jugendliche, die bei schweren Verletzungen lebenslang mit funktionellen und kosmetischen Folgen zu kämpfen haben. Besonders häufig sind Kinder unter 12 Jahren betroffen.“ (A. Gabel-Pfisterer, H. Agostini, D. Böhringer)

Diese Verletzungen sind überwiegend auf die ganz normalen handelsüblichen Feuerwerkskörper zurückzuführen. Und wir reden hier lediglich von den Augenverletzungen. Insgesamt gibt es laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) in der Neujahrsnacht dreimal mehr Schwerverletzte als an allen anderen Tagen im Jahr. Im Durchschnitt wurden beispielsweise 2023 in deutschen Krankenhäusern täglich 26,5 Patienten stationär mit Verletzungen aufgenommen, die der Klassifikation zugeordnet werden, die auch typische Feuerwerksunfälle beinhaltet. Am Neujahrstag waren es jedoch 100 Patienten. Hinzu kommen laut einer Untersuchung des Deutschen Ärzteblatts noch ungefähr 8000 Menschen, die an Silvester Schäden des Innenohrs durch Feuerwerkskörper erleiden. (vgl. Tagesschau, „Welche Folgen hat das Böllern wirklich?“, 30.12.2024)

Weil der Umgang mit Pyrotechnik ganz offensichtlich schlimme Folgen haben kann, verbietet das Sprengstoffgesetz ihn für Laien ganzjährig. Mit einer kleinen Ausnahme: Am 31. Dezember und am 1. Januar darf geböllert werden. Vasili Franko von den Grünen in Berlin sagte dazu im November 2024 auf dem „Thementag Feuerwerk“ im Kulturforum: