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In der Schwarzwaldgemeinde Dustergrund kommt es zu einem Kapitaldelikt. Die Tote ist die Pfarrhaushälterin. Kriminalhauptkommissar Merker und seiner Sonderkommission fehlt jede Spur in dem kleinen Ort, in dem es nur ehrenwerte Menschen zu geben scheint. Doch der Mord oder Totschlag, was immer es war, ist nur der Anfang. Herzen bluten. ...nur wer ein Herz hat, kann so recht fühlen und sagen, und zwar von Herzen, dass er nichts taugt. (Wilhelm Busch)
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der Autor veröffentlichte bisher „Tango Tenebrista. Ein Schmöker zum dramatischen Helldunkel von Tango Argentino, Sex & Crime“; den Roman „Tango up & down“; „Tödliches Tangotreiben. Die wahre Geschichte der ‘Freiburger Vampirmorde‘“; „Neapel leben und sterben. Prosa und Posse“; „Böse Blicke. Kriminalkurzroman und zwei Nachkriegsgeschichten“ sowie „Janes Affenkind. Eine tierische Geschichte“.
Dustergrund
Anhang: Die Gedichte der Elfriede Müller
Die im Buch genannten Schwarzwaldgemeinden Dustergrund und Wiesengrund sind auf keiner Landkarte verzeichnet. Auch die Personen sind frei erfunden.
„Trauerfeier für unbedacht Verstorbene“
(Ankündigung auf dem Freiburger Hauptfriedhof, Juli 2018)
1.
Ob der Grund für die Kapitalverbrechen in der Schwarzwaldgemeinde Dustergrund schon im Jahr 2012 oder erst 2013 gelegt wurde, ist eine müßige Frage. Eine gültige Antwort kann es nicht geben.
Auf jeden Fall veröffentlichte der in Dustergrund lebende pensionierte Lehrer Alois Müller im Jahr 2012 die während ihrer Studienzeit geschriebene Gedichte seiner Ehefrau Elfriede als Privatdruck* und verschenkte diesen stolz an Einwohner des Ortes. Es war gut gemeint von ihm. Er wollte seine Frau freudig überraschen und sie so von ihrem Herzproblem ablenken. Er bewirkte das Gegenteil, wie sich herausstellte.
Elfriede nahm es anfangs mit gemischten Gefühlen hin: Einerseits schmeichelte es sie, ihre Gedichte hübsch gedruckt in den Händen zu halten. Andererseits war es ihr als Erzieherin, wenn auch damals wegen ihrer Gesundheitsprobleme schon länger krank geschrieben, etwas peinlich, dass ihre einstigen intellektuellen Fingerübungen als Buch erschienen. So bedeutend waren dann ihre Reimereien wirklich nicht.
Doch da brach das Unheil los. Die meisten Bewohner der Gemeinde Dustergrund bezeichneten die Gedichte als Schund, Schweinereien, Schwachsinn. Der alte Pfarrer sprach gar zu Vertrauten von nihilistischer Freigeisterei. Zwar hatte kaum jemand das Bändchen gelesen. Wer las schon Gedichte? Die meisten Dustergründer kannten die Reime nur vom Hörensagen. Aber was da gesagt und gehört wurde! Mit gerümpfter Nase, mit hochgezogenen Augenbrauen wurde der guten Elfriede deutlich angedeutet, dass man so etwas in Dustergrund nicht wolle. In einer Universitätsstadt wie Freiburg, wo Elfriede Müller in einer alternativen Kita arbeitete, möge so etwas ja möglicherweise geduldet werden. Sie hätte ja dort bleiben können. Aber hier in Dustergrund brauchte man so etwas ja wirklich nicht. Hinter ihrem Rücken fielen noch giftigere Worte.
* Die Gedichtsammlung ist im Anhang abgedruckt.
Die gute Absicht des Alois Müller erwies sich als Schuss, der nach hinten losging. Er sah mit Schrecken, dass sich die Gemütslage seiner Frau verschlimmerte, statt sich zu verbessern. Die Reaktion der honetten Mitbewohner in Dustergrund untergrub zusätzlich den Lebensmut Elfriedes, vertiefte ihre Depression. Dabei hatte ihr Ehemann es doch nur gut gemeint. Als er ihr eine positive Besprechung der Gedichte in einem Freiburger Wochenblatt vorlegen konnte, schaute sie Alois nur seufzend an. In Dustergrund wusste man damals eh schon, dass die Medien lügen. Warum war denn die Elfriede nicht in Freiburg geblieben, wenn man dort so ein Gelump gut hieß?
Doch dann jubelte Alois Müller. Es hatte sich für Elfriede ein Spenderherz gefunden. Da fingen die Probleme aber erst richtig an.
2.
Nicht das gewöhnliche Sterben war es, das eben gewohnheitsmäßig eintritt durch Alter, Krankheit oder Unfall. Nein, es war das Verbrechen, das den scheinbaren Frieden in Dustergrund aufbrach. Dabei war das Leben hier schon längst brüchig geworden. Aber das war offenbar keinem bewusst oder man wollte einfach nichts davon wissen. Vermutlich war es den guten Gemeindemitgliedern gar nicht in den Sinn gekommen, darüber groß nachzudenken. Man hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Und keiner und keine trauerte der eigenen Sündenlast wegen.
Das alles konnte der Freiburger Kriminalhauptkommissar Heinz Merker nicht wissen, als er an jenem 20. April 2014 zum ersten Mal von der Ortspolizei nach Dustergrund gerufen wurde. Er hatte geflucht, dass er sich am Ostersonntag um eine Tote kümmern musste. Nahe dem Friedhof der Gemeinde fand man nach einer stürmischen Nacht, der kleine Orkan hatte bis in den Vormittag angehalten, eine Leiche. Und das war erst der Anfang. Aber das konnte wirklich niemand ahnen.
Zunächst hatte es nach einem Unfall ausgesehen. Das mutmaßte die Polizistin Petra Schließer von der Polizeistation im Nachbarort Wiesengrund zuerst. Die Tote lag auf einem Weg am Ortsrand mit eingeschlagenem Schädel da; neben ihr befand sich ein offenbar vom Sturm herabgeschleuderter starker Baumast. Doch dann fiel Schließer an der toten Frau etwas auf – und sie alarmierte die Kriminalpolizei.
Merker war alles andere als erfreut gewesen, an seinem freien Sonntag Dienst tun zu müssen. Auch die Leute von der Spurensicherung und der Gerichtsmediziner waren missgelaunt. Zwar hatte das stürmische Regenwetter der Nacht sich beruhigt, es nieselte nur noch, aber die Umstände waren alles andere als angenehm. Und aus kriminaltechnischen Gründen ungünstig. Fluchend stellte Merker fest, dass er keine Gummistiefel im Kofferraum seines Wagens hatte. Vorsichtig vermied er Pfützen; doch als er am Tatort ankam, hatte er schon nasse Füße. Die junge Polizistin empfing ihn mit bedauerndem Blick, entschuldigte sich für das Sauwetter und berichtete:
„Die Tote ist die 61-jährige Pfarrhaushälterin Margarete Buschmeier. Ich habe erst gedacht, dass es ein Unfall war. Der Ast dort sei ihr auf den Kopf gefallen. Aber als ich mich über sie beugte, sah ich in der Herzgegend Blut. Es stammt möglicherweise von Stichwunden. Zumindest ist der Mantel in der Herzgegend beschädigt.“
Auf den fragenden Blick des Hauptkommissars sagte Schließer schnell, dass sie natürlich nichts angerührt habe. Aber die Spurensicherung werde kein Glück haben, denn der Regen habe sicherlich eventuelle Spuren verwischt.
„Kannten Sie die Tote?“, fragte Merker mürrisch. Er hatte wahrlich keinerlei Lust, bei diesem Wetter am Ostersonntag im Dreck herumzustapfen.
„Ich weiß, wer sie ist, kannte sie aber persönlich nicht näher. Ich stamme nicht direkt von hier, bin aber aus der Gegend. Seit zwei Jahren leite ich im Nachbarort Wiesengrund die Polizeistation. Was heißt leite? Wir sind derzeit unterbesetzt, nur zu zweit. Ich mit meinem Kollegen Hans Baum.“
„Und wo steckt der?“
„Der macht über die Osterferien mit Frau und Kind Urlaub auf Mallorca.“
„Zurück zur Toten? Was wissen Sie von ihr?“
„Wie ich schon sagte: Sie führte den Haushalt des hiesigen Pfarrers. Sie ist, sie war ledig. Jeder hier kennt, kannte sie. So weit ich weiß, eine große Tratschtante. Manche bezeichneten sie als ein frustriertes Lästermaul. Sie soll engelsgleich im Kirchenchor gesungen haben, aber eine böse Zunge haben. So hörte ich es allenthalben. Wer weiß...“
„Also nicht unbedingt beliebt“, unterbrach sie Merker.
„Nein, das kann man wohl nicht sagen. Die meisten hier hätten sie wohl am liebsten unter der Erde gesehen.“
„Liebe Kollegin, wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen. Nun, Doktor Mühle, was können Sie auf den ersten Blick sagen?“, sagte der Hauptkommissar und wandte sich an den Gerichtsmediziner, der sich über die Tote gebeugt hatte.
„Lieber Merker, die Frau ist tot. Woran sie gestorben ist, das kann ich erst nach der Obduktion sagen. Vermutete Tatzeit: So vor vier bis fünf Stunden. Also zwischen 7 und 10 Uhr heute Vormittag. Möglicherweise war der vermutliche Astschlag auf den Kopf tödlich. Aber es liegen auch Stichwunden in der Herzgegend vor.“
„Und die Reihenfolge?“
„Wie ich schon sagte, Merker, darüber weiß ich erst nach der Obduktion mehr. Kann ich die Tote jetzt mitnehmen?“
„Ja, Doktor Mühle, nehmen Sie die Leiche mit. Und geben...“
„Geben Sie mir möglichst bald Bescheid. Tu ich. Einen schönen Ostersonntag noch, uns allen. Und hoffentlich kein Ostermontag mit einer neuen Leiche“, sagte der Gerichtsmediziner.
3.
Die Spurensicherung konnte keine Spuren sichern. Außer dem Ast, der anscheinend zu der Kopfwunde geführt hatte, war keine mögliche Tatwaffe in der Nähe der Leiche gefunden worden. Eventuelle Spuren hatte das Unwetter verwischt. Schließer machten den Hauptkommissar darauf aufmerksam, dass es 200 Meter weiter einen Feuerwehrweiher gebe.
„Wenn ich hier jemand erstoche hätte, hätte ich die Tatwaffe vielleicht dort entsorgt“, meinte sie.
„Möglich. Und dieser Regenschirm neben der Leiche? Ist das der des Opfers?“
„Na, sie wird bei diesem Regenwetter doch nicht ohne Schirm aus dem Haus gegangen sein.“
„Da haben Sie Recht“, sagte Merker. „Der Pfarrer wird ihn dann wohl identifizieren können. Was den Weiher betrifft: Jetzt warten wir erst einmal den Obduktionsbericht ab. Dann wissen wir vielleicht, nach was für einer Tatwaffe wir suchen müssen. Sie sagten, das Opfer sei Haushälterin des Pfarrers gewesen. Haben Sie schon mit ihm gesprochen?“
„Nein, ich wollte nicht bei der Messe stören. Er läuft uns ja auch nicht weg, dachte ich.“
„Na, jetzt ist der Gottesdienst ja wohl zu Ende. Kommen Sie mit, wir wollen ihn aufsuchen. Haben Sie sonst mit jemand von hier gesprochen? Wer hat die Leiche denn gefunden?“, fragt er, während sie zum nahen Pfarrhaus schritten.
„Ein Tourist. Er wohnt in der Pension Erika. Sein Name ist...“
„Um den kümmern wir uns anschließend. Und sonst?“
„Ich bin bei der Toten geblieben, um zu verhindern, dass sich eventuell jemand ihr nähert. Aber der Tourist hat seinen Fund sicherlich in der Pension erwähnt. Jetzt weiß es vermutlich jeder im Ort.“
Auf jeden Fall schien es Pfarrer Franz Obermeister schon erfahren zu haben, denn er öffnete mit bekümmertem Gesicht den beiden die Tür des Pfarrhauses.
„Guten Tag, Herr Pfarrer. Darf ich ihnen Kriminalhauptkommissar Merker vorstellen.“
„Guten Tag, Frau Schließer. Guten Tag, Herr Merker. Kommen Sie herein, ich habe die Polizei schon erwartet.“
Er führte die beiden in sein Arbeitszimmer.
„Setzen Sie sich doch bitte. Vorhin kam ein Gemeindemitglied vorbei und teilte mir die traurige Nachricht mit. Ich kann es gar nicht fassen. Und das noch zum Osterfest! Die arme Frau Buschmeier. Erst wollte ich zu Ihnen eilen, aber dann dachte ich, dass ich dort nur stören würde. Und...“
„...draußen regnet es“, unterbrach ihn Merker. „Wann haben Sie die Tote zuletzt gesehen?“
„Heute morgen, beim Frühstück. Kurz nach 7 Uhr. Ich ging danach nochmals meine Predigt durch, hier im Büro. Nachher, also ich wunderte mich schon, dass sie nicht wieder da war. Vor dem Gottesdienst und während der Messe sah ich sie nicht. Sonst ist sie immer da gewesen. Hat selbst am Sonntag vor dem Gottesdienst herumgewirtschaftet. Sie war nie zu stoppen.“
„Ist das da ihr Regenschirm? Ich meine der von Frau Buschmeier?“
„Ja, denke schon. So einen hatte sie.“
„Seit wann kennen Sie die Tote?“
„Nun, Herr...Herr Hauptkommissar, ich habe vor knapp einem Jahr nach dem Tod meines Vorgängers die Pfarrgemeinde übernommen – und Frau Buschmeier als Haushälterin mit. Sie war nun einmal da...“
„Das klingt nicht gerade so, als ob sie begeistert gewesen wären.“
„Nun, wie ich schon sagte: Meine Haushälterin ist...war überaus eifrig, immer tätig. Manchmal für mein Gefühl vielleicht zu eifrig.“
„Mit dem Mundwerk?“, warf Schließer ein.
„Nun ja, sie hat...hatte ein Plappermäulchen. Manchmal glaubte sie wohl, dass sie als langgediente Mitarbeiterin im Pfarrhaus mehr von der Seelsorge versteht als der junge Pfarrer, der da...“
„Meine Kollegin“, unterbrach ihn Merker, „meine Kollegin meinte, dass Ihre Haushälterin in der Gemeinde als Lästermaul verschrieen gewesen sei.“
„Nun ja, das ist etwas hart formuliert.“
„Ich weiß, man soll nichts Schlechtes über Tote sagen. Aber die Frau kam gewaltsam ums Leben.“
„Ich dachte, es sei in Unfall gewesen. Ein Ast...“
„Ja, danach sah es zunächst aus, aber...“
„Jemand hat sie umgebracht?“
„Die genauen Umstände sind noch zu klären. Die Obduktion steht noch aus. Aber, ja, einiges deutet auf ein Verbrechen hin.“
„Das ist ja entsetzlich, Herr Hauptkommissar.“
„Hatte sie nach Ihrem Wissen spezielle Feinde?“
„Spezielle?“
„...Feinde.“
„Spezielle - nicht dass ich wüsste. Wie gesagt, sie war allgemein nicht gerade beliebt. Sie verurteilte zu schnell, wenn Sie verstehen, was ich sagen will.“
„Wenn ich Sie richtig verstehe, war die Frau eine arge Nervensäge.“
„Nun, so hart...“
„Hat sie auch an Ihren Nerven gesägt?“
Der Pfarrer wand sich stotternd:
„Ich bin Priester...ich...“
„Wo waren Sie zwischen dem Frühstück und dem Beginn des Gottesdienstes, also so zwischen 7und 10 Uhr, Herr Pfarrer?“
„Ah, ich verstehe. Ein Alibi. Ich war hier. Nach dem Weggang von Frau Buschmeier zunächst allein. Später kam der Küster.“
Merker schaute den Pfarrer still an. Schließer wollte nicht nur schweigend dabei gewesen sein und fragte:
„Herr Pfarrer, ist Ihnen denn in der letzten Zeit etwas Besonderes bei Ihrer Haushälterin aufgefallen? Hatte sie irgendwelche Namen genannt? Irgendwelche Probleme erwähnt? War unter den Leuten hier im Ort vielleicht nicht doch der eine oder die andere, mit denen es besonders schwierig war.“
Obermeister wiegte lange den Kopf hin und her, grübelte vor sich hin und meinte dann:
„Nein, da fällt mir jetzt niemand besonders ein.“
Die beiden Polizeibeamten verabschiedeten ich „für zunächst“, wie sie sagten und brachen auf.
