4,99 €
Sein Gesicht glimmert mysteriös im Schein der Öllampen. Sein üppiger Goldschmuck glitzert. Seine mit Kohlestift umrandeten Augen verleihen ihm ein unheimliches, verruchtes Aussehen. Er ist unberechenbar und zu allem fähig. Sein Name ist Dysmas. Leyla ist ihm mit Leib und Seele verfallen, auch wenn die Angst um sein Leben ihr beinahe den Verstand raubt, bleibt sie im Schatten des Todes treu an seiner Seite. Dysmas ist ein gesuchter Verbrecher, ein Aufständischer, voller Hass gegen die römische Besatzung. Das Schicksal eines Rebellen erwartet ihn. Wird er Leyla mitnehmen in die Ewigkeit?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2020
Für Yeshua
Die Autorin:
Heavy Felsi, geboren 1972, ist gebürtige Österreicherin, ist verheiratet, hat zwei Kinder und einen Hund, lebt heute mitihrer Familie in Wien, nachdem sie einige Jahre in Neuseeland gelebt hat.
2016 hat Felsi ihre Autobiografie „Angeeckt, Von den Wiener Punks in die Goth Clubs von São Paulo“ veröffentlicht. Verlag: Tredition.
Felsi schildert in ihrem Buch u.a. ihre Erlebnisse mit der Punk-Band „No Longer Music“, mit der sie in den Untergrundlokalen von São Paulo als Schauspielerin in der Show mitgewirkt hat.
www.angeeckt.at
Heavy Felsi
Dysmas
Rebell für dieEwigkeit
© 2020: Heavy Felsi
Lektorat, Korrektorat: Rafaela Khodai-Esfahani
Cover Art: Luna Neko.Art
Cover Design: Roland Kreutzer
Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN:
Paperback:
978-3-347-06212-2
ebook:
978-3-347-07357-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig.Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
1. Amber und Opium
Die prächtige, orientalische Bergstadt Jerusalem lag friedlich in der Abenddämmerung.
Seit ein paar Monaten lebte Leyla am Rande der Stadtmauer im Westen der Stadt, in einem schönen Haus in der Nähe ihres Bruders Ahasveros.
Im Untergeschoss des Hauses befand sich ein kleiner Geschäftsraum, mit runden Deckengewölben, terrakottafarbenen Wänden und einer schmalen, verzierten Holztür, die meistens offenstand.
Die warmen, leuchtenden Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch das enge Fenster und ließen das orientalische Geschäft in geheimnisvollem Glanz erstrahlen.
Unzählige, farbige Keramikfläschchen standen liebevoll aufgereiht auf Holzregalen.
Leyla war fasziniert von der Vielfalt der orientalischen Düfte. Mit Leidenschaft stellte sie ausgefallene, exquisite Duftöle her, die sie dann verkaufte.
Besonders liebte Leyla die süßen, würzigen Essenzen. Sie war ganz angetan von den einzigartigen Aromen aus Jerusalems Rosengärten.
Leyla war persischer Abstammung.Vor einigen Jahren war ihre Familie nach Persien heimgekehrt. Nur Leyla und ihr zehn Jahre älterer Bruder Ahasveros waren in Jerusalem geblieben.
Leyla hatte sich dafür entschieden, bei ihrem Bruder zu bleiben, weil sie hoffte, dass er ihr die Freiheiten geben würde, die ihr Vater ihr verwehrte.
Doch dann stellte sich heraus, dass Ahasveros sie, dem Willen ihres Vaters entsprechend, spätestens mit neunzehn Jahren verheiraten wollte.
Leyla sah viel jünger aus, als sie tatsächlich war. Doch seit sie vor wenigen Tagen ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert hatte, fühlte sie sich ständig bedrückt und unglücklich.
Ihr Leben würde sich schon bald drastisch verändern, und davor hatte Leyla große Angst. Gedankenverloren blickte sie durch das Fenster, auf die enge, kurvenreiche Gasse, die zu ihrem Haus führte.
Grüne Efeublätter schlängelten sich romantischverspielt an den Hauswänden nach oben. In großen Blumentöpfen blühten üppige Rosensträucher. Das kleine Viertel, in dem Leyla wohnte, wirkte malerisch und verträumt.
Doch der idyllische, harmlose Schein trog.
Jerusalem war eine gefährliche und unsichere Stadt.
Die reiche Metropole im Orient war voller Gewalt und Verbrechen, und litt unter der Herrschaft der brutalen, römischen Besatzung, und eines grausamen, korrupten Statthalters.
Darüber hinaus galt die Gegend als gefährliches Pflaster, voller Räuberbanden, Aufrührer und Rebellen, gegen die römische Machtherrschaft.
Ahasveros machte sich große Sorgen um die Sicherheit seiner bildschönen Schwester.
Er wollte nicht länger untätig bleiben und darauf warten, dass Leyla möglicherweise etwas Schlimmes zustoßen könnte. Deswegen wollte er sie so schnell wie möglich verheiraten.
Doch Leyla hatte alle seine Warnungen und Sorgen in den Wind geschlagen, und mit eisernem Willen darauf bestanden, nur aus Liebe zu heiraten, und zwar erst dann, wenn sie den Mann ihrer Träume gefunden hatte.
Ahasveros allerdings hatte nicht viel Verständnis für diese romantischen Lebensvorstellungen seiner Schwester.
Mittlerweile war es spät geworden. Leyla würde das Geschäft gleich schließen.
Missmutig dachte sie an die Heiratspläne ihres Bruders und starrte grüblerisch aus dem Fenster, verzweifelt bemüht, einen Ausweg zu finden, um einer erzwungenen Ehe zu entkommen.
Während Leyla ganz in Gedanken versunken auf die Straße hinaussah, erblickte sie plötzlich einen großen, unbekannten Mann, der im Schein der untergehenden Sonne mit schnellen Schritten auf ihr Geschäft zusteuerte.
Der Holzboden ächzte unter seinen Füßen, als er wenige Augenblickespäter über die Türschwelle trat.
Er trug eine schwarze Tunika. Der Brustausschnitt des edlen Gewandes wurde locker mit feinen, gefädelten Schnüren zusammengehalten und enthüllte einen muskulösen Oberkörper.
Er trug schwarze Ledersandalen, die bis zu seinen Knien geschnürt waren, einen dunkelroten, teuer aussehenden Überwurf, und einen mit Silberschnallen verzierten, schwarzen Gürtel, der locker um sein edles Gewand geschlungen war. Goldene Ohrringe steckten in seinen Ohren, um seinen Hals hingen mehrere goldene Ketten mit Amuletten. Seine Arme und Hände waren mit zahllosen goldenen Armreifen und Ringen geschmückt. Seine mit schwarzem Kohlestift umrandeten Augen verliehen ihm ein unheimliches, verruchtes Aussehen.
Die langen Haare des Mannes waren pechschwarz und fielen in zerzausten Strähnen über seine Schultern. Ein rauer Bartansatz breitete sich über seine Wangen aus, und auf seinem breiten, markanten Kinn befand sich eine unübersehbar tiefe Narbe.
Seine Gesichtszüge waren rau, und sein kühler Blick wanderte unruhig im Geschäft umher.
„Ich brauche eine Flasche Zedernholz- und Teebaumöl“, sagte er mit tiefer Stimme.
Teebaumöl und Zedernholzöl waren Öle, die man bekanntermaßen zur Wundheilung benötigte.
„Ich habe hier eine Flasche mit beiden Ölen, vermengt mit ein paar Tropfen Calendula- und Lavendelöl“, erwiderte Leyla.
„Außerdem enthält dieses Öl zur schnelleren Heilung bei Verletzungen auch noch kostbare Myrrhe und einige Tropfen Lavendelöl.“ Sie hielt ihm eines der kunstvoll verzierten Ölfläschchen hin.
„Woher hast du dieses Öl?“, fragte er interessiert, währed er das Keramikfläschchen öffnete und einige Tropfen auf seinen Arm träufelte. Er verrieb das Öl auf seiner Haut und roch daran. Noch bevor Leyla antworten konnte, fragte er weiter: „Hast du diese edle Mixtur selbst angefertigt?“
„Ja, das habe ich“, antwortete Leyla, während sie versuchte, ihn einzuschätzen.
Sein Auftreten war so majestätisch und selbstbewusst.
Bestimmt bekam er immer das, was er wollte. Leyla fühlte sich eigenartig zu ihm hingezogen.
„Könnte ich diese Mixtur dreimal haben?“, riss er sie aus ihren Gedanken.
Sein Parfum war unwiderstehlich.
Der schwere Duft der seltenen Opiumöle aus fernen Ländern, vermengt mit orientalischem Sandelholz und teurem Amber, schwebte um Leyla herum, und nahm ihre Sinne gefangen.
Und wieder stellte er die nächste Frage, bevor sie die erste beantwortet hatte: „Bist du jeden Tag hier?“
„Ja, ich werde morgen auch hier sein“, antwortete sie nun schnell und merkte, wie ihr Blick unwillkürlich an seinem hängenblieb, und sich kaum wieder lösen wollte.
„Dann hole ich die Öle morgen ab. Bis später“, erwiderte er nun knapp, drehte sich um, und verschwand so plötzlich, wie er gekommen war, durch die Tür hinaus.
Leyla starrte ihm aufgewühlt nach.
Ihr Herz hämmerte. Hattesie sich etwa gerade verliebt?
Sie merkte, wie ihr mit einem Mal leicht übel wurde, und griff nach einem Becher Wasser. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl, und nahm erst einmal einige Schlucke.
Ganz bestimmt war er kein untergeordneter, ergebener Stadtbürger. Er zählte sicher zu den Rebellen. Seinem Aussehen nach zu urteilen, war er kein Römer. Für einen Juden hatte er viel zu lange Haare, und für einen Diener oder Sklaven war er ganz offensichtlich zu reich.
Vielleicht stammte er aus Persien oder Griechenland, überlegte sie. Er sprach sehr gutes Hebräisch, aber seine Muttersprache war Hebräisch ganz bestimmt nicht. Am ehesten hatte er einen griechischen Akzent.
Inzwischen war es dunkel geworden.
Unzählige Sterne waren aufgeglommen.
Fast jede Nacht erstrahlte der Himmel über Jerusalem in einer geheimnisvollen Eleganz und unbeschreiblichen, fast schon märchenhaften Schönheit.
Leyla blickte sehnsüchtig nach oben. Wie schön wäre es, zu den Sternen zu fliegen, um einen von ihnen zu entführen, und ihn dann in seiner ganzen Schönheit und Pracht aus der Nähe bewundern zu können.
♥♥♥♥♥
Am nächsten Tag arbeitete Leyla daran, verschiedene Duftmischungen fertigzustellen. Einige teure Öle waren verkauft worden, und sie war den ganzen Tag über sehr damit beschäftigt gewesen, für Nachschub zu sorgen.
Leyla hatte versucht, nicht an den schönen Fremden zu denken, sondern sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren.
Vielleicht würde er ja gar nicht wieder kommen. Sie würde ihn vergessen, und dann wäre alles so, als hätte ihre Begegnung nie stattgefunden.
Mittlerweile war ein neuer Abend hereingebrochen.
Gedankenverloren stellte Leyla einige Öllampen auf den kleinen, runden Holztisch im Geschäft. Da sprang plötzlich die Tür auf, und mit einem Poltern stürzte der mutmaßliche Rebell herein.
Mit seinem kräftigen Ellbogen stieß er die Tür hinter sich zu.
Leyla stockte bei seinem Anblick der Atem.
Er sah furchtbar mitgenommen aus.
Sein Haar war zerzaust, sein Hemd eingerissen, sein Überwurf schlammig, und das Allerschlimmste: Er hatte ein fadenscheiniges Stück Stoff um seinen rechten Unterarm gewickelt. Der dünne Stoff war so blutdurchtränkt, dass bereits kleine Tröpfchen auf den Boden fielen.
Das raue Gesicht des Fremden war übersät mit offenen Schrammen und Kratzern.
„Schnell, sperr die Tür zu!“, rief er. „Verriegele das Fenster!“
Leyla reagierte, bevor sie wusste, was sie tat. Sie stürzte zur Tür, und im nächsten Moment hatte sie sowohl Tür als auch Fenster verriegelt und außerdem die Rollläden zugezogen. Dann zündete sie rasch die Dochte der Öllampen auf dem Tisch an, um den Raum zu erhellen.
„Kannst du nähen?“, fragte der Fremde, während er sich sichtbar erschöpft auf einen der Stühle neben dem Tisch fallen ließ. Noch bevor sie seine Frage beantwortet hatte, riss er den Stofffetzen von seinem muskulösen Unterarm und lies ihn auf den inzwischen blutverschmierten Boden fallen. Dann richtete er den Blick aus seinen dunklen, schwarz umrandeten Augen leicht gehetzt auf Leyla.
Sie war blass geworden. Unter dem improvisierten Verband hatte sich eine klaffende Wunde verborgen, in der nacktes Fleisch, Muskeln und Sehnen schimmerten.
„Schnell, hol Nadel und Faden!“, befahl er,
„Beeil dich, oder willst du mich verbluten lassen?“
Leyla versuchte einen klaren Kopf zu behalten, und fing an, nervös nach Nadel und Faden zu suchen.
Als erstes fielen ihr die drei gestern von ihm bestellten Ölfläschchen in die Hände, und dazu eine teure Salbe. Endlich hatte sie auch das Nähzeug entdeckt.
Rasch fädelte sie das Garn ein und kniete sich auf den Boden vor ihm.
Während sein blutiger Arm bewegungslos auf der Tischplatte lag, stach sie die spitze Nadel mit zittrigen Fingern in die Haut des Verwundeten.
Leyla war so aufgewühlt, dass sie furchtbar ungeschickt an seiner Wunde hantierte. Er aber schien Schmerzen gewöhnt zu sein, denn er zuckte nicht einmal.
„Gut machst du das!“, munterte er Leyla auf, die sich sichtlich Mühe gab, beim Anblick der Wunde nicht in Ohnmacht zu fallen.
„Stich etwas tiefer, und zieh den Faden fester zusammen“, gab er ihr kurz darauf Anweisungen, während sie das desinfizierende Öl auf die Wunde goss. Mit aller Kraft versuchte sie, durchzuhalten, und die größte Wunde, die sie jemals gesehen hatte, sauber zuzunähen.
Sein dunkles Blut quoll aus den verletzten Adern auf ihre Hände, sammelte sich als Pfütze am Tisch und tropfte auf ihre hellblaue Tunika.
Die Zeit schien stillzustehen. Aber irgendwann war die Wunde geschlossen.
Leyla strich vorsichtig etwas von der wertvollen Heilsalbe auf die lange Naht. Weil sie nicht genügend Verbandsmaterial besaß, riss sie schnell ein großes Stück von dem Seidenumhang ab, den sie über ihrer Tunika trug, und verband die Wunde geschickt.
Danach nahm sie ein sauberes Tuch, reinigte damit sein schönes Gesicht und desinfizierte die Verletzungen vorsichtig mit Myrrheöl, bis seine vernarbte, raue Haut glänzte.
Plötzlich wirkte er so unwiderstehlich anziehend auf sie, dass sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
„Danke, Baby. Gut gemacht“, lobte er sie, als Leyla ihre Arbeit beendet hatte. Mittlerweile war sie selbst fast ebenso blutverschmiert wie er.
Sie setzte sich neben ihn, nur einen Atemzug entfernt, und strich sich mit blutverschmierten Fingern eine ihrer langen, schwarzen Locken aus dem Gesicht.
Das Aroma von schwerem, orientalischem Opiumöl stieg ihr erneut in die Nase. Der Geruch seines Parfums war so unwiderstehlich erotisch, dass Leyla große Mühe hatte, einen klaren Kopf zu bewahren.
Sein Blick war auf sie gerichtet. Der schwarze Kohlestift um seine Augen, der ihm das so rebellische Aussehen verlieh, ließ ihn bei Kerzenschein fast schon bedrohlich wirken.
Verführerisch schön und geheimnisvoll kam er Leyla vor, und ungeheuer attraktiv.
Das schon allein deshalb, weil sie ihn einfach ganz und gar nicht einschätzen konnte.
„Er scheint so unberechenbarund zu allem fähig zu sein, ohne sich im Geringsten um festgelegte Regeln zu kümmern“, ging es ihr durch den Kopf.
„Wie heißt du?“, fragte er nun und richtete den Blick interessiert an sie.
„Ich heiße Leyla“, antwortete sie, und sah ihn mit ihren schönen, großen Augen aufmerksam an.
„Sie ist atemberaubend schön“, dachte er. Und auch innerlich schien sie rein und unverdorben zu sein.
Mit einem Mal erwachte eine wilde, stürmische Leidenschaft in ihm.
Plötzlich wußte er, dass er sie wollte.
„Leyla“, wiederholte er, mit dem Hauch eines Lächelns in seinem rauen, vernarbten Gesicht. „Die schönste aller Nächte. Baby, was machst du hier so allein?“
Jetzt hatte er Leyla verunsichert.
Die Bedeutung ihres Namens, „Die schönste aller Nächte“, kannten in Jerusalem nur wenige.
Sie starrte ihn irritiert an. Was sie hier machte, war ihre Sache, nicht seine.
„Wie heißt du?“, erwiderte sie deshalb, ohne seine Frage zu beantworten.
Sein Gesicht glomm mysteriös im Schein der Öllampen, sein üppiger Goldschmuck glitzerte. Er schien fast schon amüsiert.
„Ich bin Dysmas“, sagte er mit tiefer, fester Stimme.
„Dein Name bedeutet „Sonnenuntergang.““ Leyla konnte ihren Blick kaum von ihm abwenden. Doch das schien ihm nichts auszumachen. Ganz offensichtlich war er sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst.
„Der schwarzblaue Sonnenuntergang, der langsam, aber unaufhaltsam, mit der schönen, dunklen Nacht verschmilzt“,
erwiderte er während er sie mit seinem Blick fixierte.
Dieser Mann machte sie nervös, ob sie es sich eingestehen wollte oder nicht.
„Woher kommst du? Aus Persien oder Syrien?“, fragte er weiter und sah sie an, als wüsste er die Antwort ohnehin schon.
„Na, Baby, verrätst du es mir?“
„Was glaubst du denn, woher ich komme?“, drehte sie seine Frage um.
Er musterte sie erneut mit routinierter Kennermiene.
„Du hast ein auffälliges Feuer in deinen dunklen Augen, lange Wimpern, sinnliche Lippen und einen dunklen Teint. Dein schwarzes Haar glänzt wie Seide, außerdem trägst du viel schwarzes Make-Up.
Du bist stolz und kämpferisch. Ich würde sagen, du bist eine Perserin.“
Leyla spürte, wie ihr leicht schwindelig wurde. Noch nie hatte ein Mann sie so akkurat beschrieben, wie sie sich selbst sah. Mit einem Mal fühlte sie sich seltsam verletzlich in seiner Gegenwart.
Rasch stand sie auf. Auf keinen Fall wollte sie sich ihre Gefühle anmerken lassen.
Er blieb am Tisch sitzen. Und doch wirkte er lauernd, wie ein Raubtier, bereit, in den nächsten Sekunden über seine Beute herzufallen.
Unschlüssig stand sie vor ihm, an ihren Händen und Armen klebte sein dunkles Blut. Und trotzdem sah sie so rein und unschuldig aus, dass ihr Anblick sein kaltes Herz wärmte.
„Komm her, Baby“, forderte er sie mit rauer Stimme auf. Und im nächsten Moment packte er sie auch schon am Arm und zog sie mit einem schnellen Ruck zu sich.
Noch bevor sie reagieren konnte, lag sie in seinen muskulösen Armen.
Mit seinem unverletzten Arm drückte er sie an seinen stählernen Oberkörper. Er war sehr kräftig, das stand außer Zweifel.
Mit einem Mal war sein schönes, vernarbtes Gesichtdirekt über ihrem.
Seine dunklen, schwarz umrandeten Augen fixierten sie erneut.
Leyla war unfähig, sich zu wehren, er nahm ihre Sinne gefangen.
„Der einzige, dem du dich unterwerfen wirst, bin ich“, flüsterte er jetzt.
Leyla wusste, dass er recht hatte.
Seiner Erotik zu widerstehen schien ein Ding des Unmöglichen zu sein.
Und jetzt spürte sie seine betörenden, warmen Lippen auf ihrem Mund.
Sein verführerischer Opiumduft stieg erneut in ihre Nase und wirkte wie ein Betäubungsmittel auf Leyla. Sie schloss die Augen.
Ihr reizvoller Körper stärkte sein ungezügeltes, wildes Verlangen danach, sie zu erobern.
Leylas Herz schlug immer schneller. Ihre Lippen öffneten sich leicht, sodass er mit seiner harten Zunge hemmungslos und fordernd in ihren Mund vorstieß.
Während er sie fester an sich drückte, begann sie, seine Küsse zu erwidern.
Er küsste sie heftiger und heftiger.
Leyla verlor beinahe den Verstand.
Dieser Mann konnte küssen!
Sie sog den frischen Geschmack von Pfefferminzöl aus seinem Mund, spürte, wie er sich in ihrem eigenen Mund ausbreitete, vom Gaumen bis zur Zunge.
Im nächsten Moment waren seine harten Küsse völlig mit ihren weichen Lippen verschmolzen. Leyla schlang ihre Arme um seinen Nacken, während er seine Finger aus ihrem Haar löste und mit seiner Hand über ihre formigen Hüften glitt.
Leyla stöhnte leise und drückte sich an ihn.
Er hatte er es geschafft, die wilde Passion, die bis dahin tief verborgen, in ihr geschlummert hatte, mit nur einem einzigen, intensiven Kuss zu entfesseln und in ihr das unbändige, reine Verlangen zu wecken ihn für immer mit Leib und Seele zu lieben.
Ihr warmes, reines Herz hatte sich soeben mit dem Herzen eines Rebellen vereint.
Dysmas hatte diese Gefühlswandlung bewusst herbeigeführt, als er in ihr einen Funken des starken Feuers der Liebe entdeckt, und sogleich so kräftig entfacht hatte, sodass sie nie wieder aufhören würde, ihn zu begehren.
Leyla hatte ihn vom ersten Moment an magisch angezogen.
Ihre samtweiche Haut roch verführerisch nach seltenen Rosenölen. Ihr Atem schmeckte nach frischem Limettenöl.
Ganz offensichtlich teilte sie seine Vorliebe für die Magie, die teure, seltene Duftöle und Essenzen in sich bergen.
Ihre tiefbraunen, großen Augen glänzten. Der verführerisch geformte Mund, die langen, wilden Locken, diehellbraune, makellos weiche Haut, die auffallend langen Beine und die perfekt geformte Brust, Leyla war eine Schönheit, wie aus einem Gemälde der gehobenen Kunst entsprungen.
Er spürte genau, dass sie sich gerade in ihn verliebt hatte.
Vorsichtig löste erseine Lippen von ihren und strich zufrieden mit den Fingern durch ihr schönes Haar, während sie sich aufgewühlt in seine Arme schmiegte.
Im nächsten Moment zog er sich abrupt und unerwartet zurück, schob sie behutsam von sich, und stand schnell auf.
„Nicht jetzt, Baby“, flüsterte er heiser und sichtlich beherrscht.
Sie schauderte leicht.
„Ich muss jetzt gehen. Aber ich werde bald zurück sein. Ich zahle dir fünfhundert Denar für das Öl und die Verarztung.“
Er zog einen Geldbeutel unter seinem Umhang hervor,legte ihn auf den Tisch und stand auf, während er sie immer noch mit seinem Blick gefangen hielt.
„Sperrst du mir die Tür auf, Baby?“, fragte er.
Leylas Gefühle waren so stark, so überwältigend, dass sie sich zusammenreißen musste, um zu tun, was er von ihr verlangte, nämlich die Tür aufzusperren.
Sie wollte ihn nicht gehen lassen, sie wollte ihn für immer und ewig, in jeder Sekunde ihres Lebens, spüren und bei ihm sein. Ohne es bemerkt zu haben, war sie bereits süchtig nach ihm.
Süchtig nach seiner Berührung, seinem Lächeln, seinen Augen, seinem Mund und nach seinem überwältigenden, betörenden Parfum.
Sie war fasziniert von seiner geheimnisvollen Ausstrahlung, seiner hemmungslosen, dominanten Art, sie zu berühren, und seinem majestätischen, selbstbewussten Auftreten.
Er sah unübersehbar verrucht aus, seine schönen Augen waren hart und kalt, und doch hatte sie einen kleinen, fast unscheinbaren Funken Wärme darin entdeckt.
Und Dysmas wusste, was er wollte.
Es würde keinen Sinn machen, zu versuchen, ihn zu überreden, noch zu bleiben. Denn er war wild und unzähmbar.
Nur wenn sie das akzeptieren konnte, würde er vielleicht zu ihr zurückkommen.
Langsam schritt sie auf die kleine Holztür zu und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Dysmas war gut zwanzig Zentimeter größer als sie. Während er dicht hinter ihr stand, spürte sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken.
Plötzlich legte sich sein starker, unverletzter Arm noch einmal um ihren Oberkörper, mit Leichtigkeit drehte er sie zu sich, und ehe sie sich besann, spürte sie wieder seine warmen Lippen auf ihrem Mund.
Er gab ihr einen letzten, leidenschaftlichen Kuss, strich über ihren Rücken, und zog sie noch einmal fest an sich.
Wieder stieg Leyla der unwiderstehliche, schwere, männliche Duft von erlesenem Amberund Opiumölen in die Nase und drohte erneut sie zu betäuben.
Sie schaffte es nicht, sich zu bewegen. Stattdessen spürte sie, wie ihr seltsam heiß wurde.
Er war wie eine gefährliche Giftschlange. Sein tödliches Gift hatte er ihr schon längst tief in die Venen gespritzt.
Langsam lockerte er nun seinen Griff, blickte sie mit seinen dunklen, schönen Augen an und flüsterte:
„Keine Angst, Baby, du gehörst jetzt mir. Ich werde dich beschützen.“
Damit drehte er den Schlüssel im Schloss so weit, dass die Tür aufsprang, trat hindurch und verschwand hinaus in die Dunkelheit, so schnell, wie er gekommen war.
Die Tür hatte er dabei von außen zugedrückt, Leyla verriegelte sie nun von innen, und wandte ihre Aufmerksamkeit dem blutverschmierten Boden zu, dem rostrot eingefärbten Verband, und dem dicken Geldbeutel auf dem Tisch.
Die Nacht war pechschwarz. Der Himmel hing bedrohlich tief über Jerusalem. Bestimmt würde es gleich regnen.
Langsam holte Leyla Wasser und Seife und begann, den Fußboden zu reinigen. Sie wischte das Blut auf und entsorgte den Verband. Erst als der Verkaufsraum wieder blitzte und glänzte, war sie zufrieden.
Den schweren Geldbeutel verbarg sie schnell in einem kleinen Hohlraum unter dem Holzfußboden in ihrem Schlafzimmer.
Auf keinen Fall durfte ihr Bruder Ahasveros eine Spur von ihrem geheimnisvollen Liebhaber entdecken.
Sie hatte die Geldmünzen nicht einmal nachgezählt. Dysmas kannte sich mit den Preisen von seltenen Ölen bestimmt gut aus. Dennoch hatte er ihr um einiges mehr bezahlt, als diese teuren Essenzen ohnehin schon wert waren.
♥♥♥♥♥
Nachdenklich begab sich Leyla in ihr kleines Badezimmer, füllte aus einer Kanne frisches Wasser in eine Keramikschüssel und wusch sich Hände, Arme und Gesicht.
Ihre enganliegende Tunika war voller Blutflecken.
Rasch zog sie sich aus und warf das Gewand weg. In ihrer Hektik hatte sie zuvor außerdem den Umhang zerrissen und zu einem Verband umfunktioniert. Ihr Lieblingskleidungsstück war damit unweigerlich ruiniert.
In ihrem Mund schmeckte sie immer noch den herben Pfefferminzgeschmack von Dysmas' Lippen.
Auch das betörende Aroma seiner würzigen Öle hing immer noch in ihrem Haar.
Sogar ihre Haut schien sein maskulines Parfum gierig aufgesogen zu haben.
Leyla trank eine Tasse Kräutertee. „Ich werde ein heißes Bad nehmen“, beschloss sie.
Sie erhitzte den Wasserkessel über dem Feuer, mischte hochwertiges Jasminöl mit ein paar Tropfen Rosenöl und Zitronenöl, goss das Wasser zusammen mit den Ölen in die Badewanne, zündete ein paar zusätzliche Kerzen an, und ließ den honigartigen, süßintensiven, blumigen Duft des Öls auf sich wirken.
Jasmin war der Seelentröster-König unter den Ölen. Leyla atmete tief durch und ließ sich ins Wasser gleiten.
Sofort fühlte sie sich besser. Sie liebte den Duft ätherischer Öle und hatte schonfrüh gelernt, die ausgefallensten Mischungen selbst herzustellen.
Das warme, ölige Wasser erfrischte ihre Haut, das leuchtende, flackernde Licht der Kerzen wärmte Leylas Geist und besänftigte ihre aufgewühlte Seele.
Sie wusch ihr Gesicht und ihre Haare, und dachte dabei ununterbrochen an Dysmas.
Er liebte den Duft der seltenen, wertvollen Öle genauso wie sie - wobei er ganz klar die maskulinen, herben Düfte bevorzugte.
Allein schon durch seinen unwiderstehlich, erotischen Geruch hatte er Leyla verzaubert.
Sie war schwach geworden und hatte sich soeben mit Leib und Seele in einen Rebellen verliebt.
Einen Mann, den ihr Bruder Ahasveros nie akzeptieren würde. Leyla wurde ganz übel bei dem Gedanken daran, in absehbarer Zukunft in eine arrangierte Ehe treten zumüssen.
Schon einmal hatte Ahasveros einen reichen Mann für sie ausgesucht und eine Verlobung in die Wege geleitet.
Leyla hatte diesen Mann von Anfang an nicht gemocht, und ihren Bruder angefleht, die Verlobung wieder aufzulösen.
Widerwillig hatte Ahasveros ihrem Wunsch entsprochen, aber Leyla wusste genau, dass er beim nächsten Mal hart bleiben würde.
Jerusalem war eine von den Römern belagerte Stadt, und der Gedanke daran, dass seine bildschöne Schwester eines Tages in die Hände eines Römers fallen könnte, brachte Ahasveros fast um den Verstand. Deswegen war er fest entschlossen, sobald wie möglich einen geeigneten Ehemann für Leyla zu finden.
Für Perserinnen aus wohlhabenden Familien war es ganz normal, vermögende Männer zu heiraten, um einen gehobenen Lebensstandard zu sichern.
Aber Leyla konnte die Vorstellung davon, jemanden zu heiraten, den sie überhaupt nicht liebte, nicht ertragen. Und das Vermögen eines solchen Mannes interessierte sie ebenfalls nicht.
Vorallem aber hatte Leyla panische Angst vor der vorprogrammierten Vergewaltigung in der Hochzeitsnacht. In tiefster Verzweiflung hatte sie sich deshalb einen schrecklichen Fluchtweg überlegt.
Sobald Ahasveros ihr erneut einen von ihm ausgesuchten Ehemann vorschlagen würde, würde sie heimlich in die Bergwüste Juda flüchten, und sich dann von einem steilen Felsabhang in den sicheren Tod stürzen.
Dieses tragische Vorhaben erschien Leyla der einzige Ausweg, um einem quälenden Leben als unfreiwillige Ehefrau zu entkommen.
Sie würde sich niemals von einem Mann erniedrigen und entwürdigen lassen.
Wenn sie nicht selbst wählen konnte, wen sie heiraten würde, dann würde sie sich lieber umbringen.
Der Gedanke daran, freiwillig und vorallem stolz zu sterben, beruhigte sie, während ihr die Vorstellung davon, an der Seite eines Mannes zu leben, den sie nicht liebte, erschreckend und beängstigend schien.
Leylas Gedanken wanderten zurück zu Dysmas. Sie sehnte sich nach ihm, wie sie sich noch nie nach einem Mann gesehnt hatte. Noch nie hatte sie einen Mann so geliebt.
Sie fühlte sich ganz krank und angeschlagen vor Liebe. Wo war er hingegangen, der mysteriöse Fremde mit den schwarz umrandeten, schönen Augen, dem markanten Gesicht, den wilden, ungezähmten Haaren und dem vielen Goldschmuck?
Verträumt stieg sie aus der Badewanne, zog ein seidenes Unterkleid an, aß ein knuspriges Brot mit Honig, und kuschelte sich dann in ihr gemütliches Bett. Langsam sank sie in einen unruhigen Schlaf.
Draußen fielen schwere Regentropfen auf die Erde.
Das frische Wasser schenkte den durstigen Blumen, Bäumen und Gräsern Jerusalems neues Leben, und auch in Leylas Herz waren die geheimnisvollen, feurigen Samen der Liebe und Leidenschaft zum Leben erweckt worden.
♥♥♥♥♥
Am nächsten Morgen begab sie sich, noch immer etwas mitgenommen von der letzten Nacht, wieder ins Geschäft. Sie trug eine neue hellrote Seidentunika.
Ihr Haar duftete frisch gewaschen, und ihre Augen waren wie immer mit schwarzem Kohl umrandet.
„Umwerfend schön“, ist die Bezeichnung, die bei ihrem Anblick wohl vielen Männern durch den Kopf gehen würde.
Sie hatte gerade die Eingangstür aufgesperrt, da erblickte sie ihre beste Freundin Marie, die in der engen Gasse auf sie zukam.
Leyla lief ihrer Freundin entgegen und fiel ihr erfreut um den Hals.
„Marie, ich bin so froh, dass du da bist! Komm schnell rein!“, Leyla zog ihre Freundin ins Geschäft, und Marie setzte sich auf einen der gepolsterten, bequemen Stühle. Gespannt ließ sie ihren Blick im Raum umherschweifen.
„Was ist das?“, fragte sie dann plötzlich, und zeigte auf einige rote, eingetrocknete Blutstropfen unter dem Tisch.
„Ach, die habe ich ganz übersehen“, erwiderte Leyla. Gleich griff sie nach einem feuchten Tuch und entfernte die letzten sichtbaren Spuren des geheimnisvollen Fremden.
Doch die unsichtbaren Spuren der Liebe, die er in ihrem Herzen hinterlassen hatte, würde sie niemals wieder entfernen können.
„Was ist hier passiert?“, fragte Marie.
Leyla servierte der Freundin ein frisches Joghurtgetränk und setzte sich zu ihr an den runden Tisch.
„Ein sehr schöner Mann war bei mir im Geschäft.
Gestern, bei Sonnenuntergang. Das ist auch die Bedeutung seines Namens. Er heißt nämlich „Dysmas“. Ganz bestimmt ist er einer von den gefährlichen Rebellen.
Er hatte eine tiefe, klaffende Wunde an seinem rechten Unterarm. Und er sah so mitgenommen aus, als hätte er einen schweren Kampf hinter sich. Er wollte, dass ich seine Wunde vernähe.“
„Hast du das geschafft? Oder ist dir übel geworden?“, fragte Marie interessiert.
„Ich habe mit zittrigen, ungeschickten Händen gearbeitet. Ich war so nervös.“
Leyla wurde ganz blass bei dem Gedanken an die große, blutende Wunde, mit den freigelegten Muskeln unter den obersten Hautschichten.
Marie sah sie aufmunternd an, und Leyla erzählte weiter.
„Er hat mir dabei geholfen, ihn zu verarzten. Er gab mir genaue Anweisungen, wie ich seine verletzte Haut zusammennähen soll.“
„Dann ist er ein Mann, der besonderen Einfluss auf dich ausübt“, stellte Marie staunend fest, „Man muss nur bedenken, dass dir schon beim Anblick einer kleinen, harmlosen Wunde übel wird.“
„Marie, er ist anders als alle Männer die ich kenne“, geriet Leyla plötzlich ins Schwärmen.
„Seine Lippen tropfen von flüssiger Myrrhe, betörend ist der Duft seiner Öle. Seine Haare sind wie Rispen, rabenschwarz. Seine Augen sind so dunkel wie die Nacht. Sein stählerner Körper ist mit Saphiren geschmückt. Seine Gestalt gleicht einer mächtigen Zeder.“
♥♥♥♥♥
Die Tage verstrichen, und Leyla sah Dysmas nicht wieder. Tagsüber dachte sie ständig an ihn, nachts, wenn sie schlief, träumte sie von ihm.
In ihren Träumen lag er neben ihr, oder er spazierte mit ihr durch den kleinen, romantischen Rosengarten hinter dem Haus.
Wie er wohl dachte und fühlte? Sie hätte so gerne mehr über ihn gewusst.
Aber Leyla kannte ihn schließlich kaum. Sie wusste nur, dass sie sich unsterblich in ihn verliebt hatte.
Sie sehnte sich nach seiner Umarmung, dem unwiderstehlichen Duft seines Parfums, nach seinen Augen, seinen schwarzen Haaren und nach seinen Küssen.
Leyla zwang sich, weiterhin ein halbwegs normales Leben zu führen, aber immer wieder drifteten ihre Gedanken ab, und sie verfiel in eine romantische Träumerei.
Sie träumte von Dysmas.
Während sie daran arbeitete, verschiedene Parfums herzustellen, wenn sie duftende Wurzeln oder Blätter zermahlte und in einem grobmaschigen Leinensäckchen in Öl einweichte, wenn sie Kunden bediente, nie war sie so richtig bei der Sache.
Der schöne Rebell hatte ihr das Herz gestohlen und dann gebrochen.
Leyla spürte:
Mit einem gebrochenen Herzen war nichts mehr so wie zuvor.
Alles war plötzlich grau und dunkel, die Sehnsucht nach Dysmas überschattete Leylas ganzes Dasein, und ließ es fast schon bedeutungslos wirken.
Die Sonne schien mit jedem Tag heller zu strahlen.
Leylas Rosengarten stand in voller Blütenpracht, aber Leyla wurde immer mehr von einer dunklen, alles verschlingenden Traurigkeit beherrscht.
Je mehr einzelne Tage zu Wochen wurden, desto betrübter wurde Leyla bei dem Gedanken daran, Dysmas vielleicht nie wieder zu sehen.
Gleichzeitig hatte sie panische Angst vor einem neuerlichen Versuch Ahasveros', sie endlich zu verheiraten.
Wenn sie zum Markt ging, dachte sie besonders oft an Dysmas. Sie hoffte, ihn auf der Straße wiederzusehen. Aber er blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Da war auch niemand, den sie nach ihm hätte fragen können.
Leyla vermisste ihn furchtbar. Aber sie musste stark sein, musste weiterleben, musste versuchen, ihn zu vergessen.
Mehr als ein Monat war vergangen, seit sie Dysmas zum letzten Mal gesehen hatte.
Völlig in Gedanken versunken schlenderte Leyla eines Vormittags unaufmerksam durch die kleinen, romantischen Gässchen im Herzen Jerusalems, als sie plötzlich, viel zu spät, vor sich einen heftigen Tumult wahrnahm.
Leyla befand sich mit einem Mal mitten in einem Durcheinander aus lärmenden, aufgewühlten Menschen.
Sie sah noch, wie jemand zu Boden fiel, und dann schmetterte plötzlich mit voller Wucht ein schwerer, spitzer Stein gegen ihr rechtes Schienbein.
Im nächsten Moment nahm sie nichts mehr wahr außer einem stechenden Schmerz.
Sie sank zu Boden.
Blut strömte in dunklen Bächen an ihrem Bein herab und färbte ihr langes, hellblaues Seidengewand in Sekundenschnelle rot.
Leyla versuchte aufzustehen.
Sie stützte sich mit beiden Händen auf dem sandigen Erdboden ab.
Aber die Schmerzen in ihrem Bein waren so stark, das ihr schwindelig wurde.
Alles drehte sich um sie herum. Kraftlos sank sie erneut auf der mittlerweile blutigen, staubigen Straße nieder.
Hilflos lag sie auf dem Bauch. Sie suchte nach etwas, an dem sie sich festhalten konnte, und fand nichts als einen Sack Obst, der neben ihr zu Boden gefallen war. Verzweifelt stützte sie sich mit den Armen darauf.
Und plötzlich stand er vor ihr. Der Mann, den sie liebte. Dysmas.
Leyla nahm sein Gesicht nur verschwommen wahr.
Seine muskulösen Umrisse zerliefen vor ihr. Leyla blinzelte und sah trotzdem nicht klar.
Sie spürte, wie immer mehr heißes Blut aus der Wunde an ihrem Bein floss und ihre Stärke sie rasend schnell verließ.
Er beugte sich über sie.
Leyla stiegen Tränen in die Augen. Die Schmerzen hämmerten durch ihren ganzen Körper.
„Bleib ruhig, Baby“, hörte sie nun seine vertraute Stimme, wie von weit weg.
Er sprach zum ersten Mal persisch zu ihr.
Vorsichtig drehte er sie auf den Rücken und riss ein Stück Stoff von seinem Überwurf ab. Er wickelte Leylas blutendes Bein fest darin ein.
Dann hob er sie vorsichtig hoch. Er presste ihren Kopf an seine starke Schulter. Sie wollte sich bei ihm festhalten, sich an ihn klammern, aber jegliche Kraft hatte sie verlassen. Ihr war so furchtbar schwindelig.
Und da war er wieder, seinschwerer orientalischer Duft, den sie so liebte.
„Halte durch, Baby!“, hörte sie seine vertraute Stimme jetzt, er klang gehetzt.
Leyla spürte, dass er in schnellem Tempo dahineilte. Jede Erschütterung schmerzte. Leyla wimmerte leise vor sich hin.
Ihr Beinfühlte sich plötzlich so taub an.
Sie spürte seine starke, warme Hand auf ihrer Schläfe. Er drückte sie an seine gestählte Brust, während sie endgültig in seinen Armen zusammensackte.
Die dunkle Nacht brach vor ihren Augen herein.
Leyla hatte das Bewusstsein verloren.
♥♥♥♥♥
