E-Book 21-25 - Viola Maybach - E-Book

E-Book 21-25 E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. E-Book 1: Gerettet: zwei Leben und eine große Liebe E-Book 2: Das habe ich nicht gewollt! E-Book 3: Ein böser Wunsch wird wahr E-Book 4: Seine letzte Chance E-Book 5: Der Mann aus Amerika

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Seitenzahl: 573

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Gerettet: zwei Leben und eine große Liebe

Das habe ich nicht gewollt!

Ein böser Wunsch wird wahr

Seine letzte Chance

Der Mann aus Amerika

Der neue Dr. Laurin – Box 5 –E-Book 21-25

Viola Maybach

Gerettet: zwei Leben und eine große Liebe

Es war der schönste Sieg in der Karriere des Professors

Roman von Maybach, Viola

Es war ohne Zweifel die langweiligste Party, auf der er jemals gewesen war. Wieso hatte er sich eigentlich überreden lassen, die Einladung anzunehmen, fragte sich Stefan Schellhorn, je weiter die Uhr vorrückte. Er kannte den Typen, der sie veranstaltete, nicht einmal näher! Sie waren einmal zusammen ein Bier trinken gegangen, hatten sich nett unterhalten, aber das wars eigentlich auch schon gewesen. Dann hatte Anton – so hieß der Typ – ihn überraschend zu seiner Geburtstagsparty eingeladen, und Stefan hatte zugesagt, in der Annahme, einen lustigen Abend vor sich zu haben.

Großer Irrtum!

»Wetten, dass ich weiß, was du gerade denkst?«, fragte eine leise Stimme.

Er zuckte zusammen und war kurz davor, sich die Augen zu reiben, als er sich umdrehte und neben sich eine atemberaubende Blondine entdeckte. Wo kam die auf einmal her? Sie musste gerade erst eingetroffen sein, eine Frau wie sie hätte er bei seiner Ankunft bestimmt nicht übersehen. Sie war nicht viel kleiner als er, hatte sehr blaue Augen und einen verführerischen Mund. Auch sonst sah sie ausgesprochen verführerisch auf. Er konnte direkt spüren, wie seine Lebensgeister wiedererwachten.

»Dann lass mal hören, was ich denke. Du bist dir deiner Sache ja offenbar sehr sicher.«

Ihre Antwort kam prompt, ohne das geringste Zögern. »Du fragst dich, was du auf dieser todlangweiligen Party zu suchen hast. Und du versuchst dich zu erinnern, wieso du die Einladung überhaupt angenommen hast, wo du Anton doch eigentlich kaum kennst.«

Er sah sie voll ehrlicher Bewunderung an. »Also gut, ich habe gelangweilt ausgesehen, nehme ich an, deshalb war der erste Teil nicht so schwer. Aber woher weißt du, dass ich Anton kaum kenne?«

»Weil du sonst nicht gekommen wärst und weil ich ihn, anders als du, sogar sehr gut kenne.« Ihre Augen funkelten übermütig. »Und weil ich dich bislang noch nie auf einer Party bei ihm gesehen habe. Es kommen nur Leute, die ihn entweder kaum oder im Gegenteil sehr gut kennen. Die erste Sorte hat sich einfach verschätzt, die zweite Sorte ist unbeirrbar mit Anton befreundet.«

»Eins zu null für dich.« Er beugte sich ein wenig zu ihr und senkte die Stimme, als er sie fragte: »Sind Antons Partys immer so langweilig?«

Sie seufzte. »Du willst die Wahrheit wissen? Ja, sind sie. Er ist ein toller Typ, aber leider ein miserabler Gastgeber. Er kauft den falschen Wein und zu wenig Bier, er bestellt das falsche Essen, er sucht Musik aus, nach der niemand tanzen kann, und er lädt fast immer Leute ein, die nichts miteinander oder mit seinen guten Freunden anfangen können.«

»Du hast gesagt, du kennst ihn sehr gut. Dann könntest du ihm doch hilfreich unter die Arme greifen, wenn er wieder mal eine Party plant.«

Sie winkte ab. »Habe ich schon versucht, aber dann reagiert er so beleidigt, dass ich es lieber lasse. Außerdem hat er ja nur einmal im Jahr Geburtstag, das halten wir schon aus.«

»Wie gut kennst du ihn?«, fragte Stefan vorsichtig. Er fand sie hinreißend, aber bevor er sich richtig ins Zeug legte …

»Er ist mein Bruder«, antwortete sie mit breitem Lächeln.

»Das hättest du mir sagen müssen, bevor ich dir gestanden habe, dass ich seine Party langweilig finde.«

»Wieso? Wir sind uns doch in unserem Urteil völlig einig! Du musst keine Angst haben, ich verrate dich nicht.«

»Schwöre!«

Sie versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen, aber ihre Augen funkelten noch immer, und um ihren Mund zuckte es, als sie ihre rechte Hand hob. »Ich schwöre!«

Stefan wagte sich weiter vor. »Bist du allein hier?«

»Allein? Wie kommst du denn auf die Idee?«

Er hatte es geahnt. Eine Frau wie sie war natürlich nie allein. Selbst wenn sie sich gerade von einem Freund getrennt haben sollte, stand der nächste natürlich schon bereit in den …

»Ich stehe doch mit dir hier und amüsiere mich zum ersten Mal auf dieser Party ganz großartig – also bin ich nicht allein!«

»Du nimmst mich nicht ernst!«, beschwerte sich Stefan.

»Ich würde dich ja ernst nehmen, wenn du einfach geradeheraus fragen würdest, was du wissen willst. Du willst wissen, ob ich einen Freund habe oder verheiratet bin oder so, stimmt’s?«

»Du wirst mir unheimlich. Kannst du hellsehen?«

»Nein, kann ich nicht, aber du bist, entschuldige vielmals, ziemlich leicht zu durchschauen. Also, warum fragst du nicht direkt?«

»Hast du einen Freund oder bist du verheiratet oder so?«

Ihr Lachen platzte aus ihr heraus, sie legte dabei den Kopf in den Nacken. Ein paar Leute wandten sich ihnen zu, Stefan sah ihre neidischen Gesichter. Natürlich, sie hatten Spaß, während um sie herum offenbar nur ernsthafte Gespräche geführt wurden. Jedenfalls lachte sonst niemand.

Sie beruhigte sich wieder und schlang ihm ganz locker einen Arm um die Hüfte, als wären sie schon lange die besten Freunde. Sacht schob sie ihn Richtung Küche. »Ich bin Olivia«, sagte sie. »Und bevor du jetzt Bemerkungen über meinen Namen machst: Meine Eltern haben sich im Theater kennengelernt, in einer Aufführung von Shakespeares ›Was ihr wollt‹. Ich kam ziemlich genau neun Monate nach dieser Aufführung auf die Welt und wurde im Andenken daran so genannt wie die Gräfin im Stück.«

»Olivia ist ein sehr schöner Name. Welcher Shakespeare-Held gab deinem Bruder den Namen?«

Sie lachte. »Kein Shakespeare-Held, sondern mein Opa. Andernfalls wäre der nämlich sehr beleidigt gewesen. Und jetzt will ich was trinken.«

Er blieb stehen. Ihre Hand lag noch immer auf seiner Hüfte, ihm war warm geworden. Oder besser heiß. Olivias Nähe berauschte ihn. Ob sie das ahnte?

»Aber doch nicht den sauren Wein, den dein Bruder gekauft hat«, raunte er ihr ins Ohr.

»Da hast du auch wieder Recht, aber ich kann jetzt noch nicht gehen, das würde er mir nie verzeihen. Es gibt aber noch diesen wunderbaren spanischen Rotwein …«

»Davon hatte er nur drei Flaschen, die sind längst weg.«

»Nichts da«, sagte Olivia. »Anton hat immer eiserne Reserven, ich weiß, wo die sich befinden. Warte hier, ich bin gleich wieder da.«

Sie verschwand, kehrte aber gleich darauf mit einer Flasche vom guten Roten zurück, die sie sich so geschickt unter den Arm geklemmt hatte, dass sie kaum zu sehen war. Vergnügt zwinkerte sie Stefan zu. »Lass uns ein ruhiges Plätzchen in dieser Wohnung suchen«, schlug sie vor.

»Gibt es das? Und ist es da dunkler als hier? Ich meine, wie kann man überhaupt sein Wohnzimmer mit Neonröhren beleuchten?«

»Anton hat es eben gern hell«, sagte sie. »Wie gesagt, er ist ein toller Typ, aber er hat ein paar Eigenheiten …«

Sie führte Stefan in ein Zimmer, das nur von einer Straßenlaterne erhellt wurde. In diesem Zimmer stand ein Sofa, auf dem sie sich niederließen. Olivia hatte die Flasche vorausschauend bereits geöffnet, holte zwei frische Weingläser aus ihrer geräumigen Handtasche und schenkte ein.

Sie stießen miteinander an und sahen sich dabei ein paar Sekunden zu lange in die Augen – zu lange deshalb, weil Stefan schon wieder spürte, wie ihm heiß wurde. Danach stellten sie die Gläser vor sich auf den Fußboden, und er legte Olivia einen Arm um die Schultern. Ganz selbstverständlich rückte sie noch ein Stückchen näher an ihn heran.

»Erzähl mal, was du so machst«, bat sie. »Womit verdienst du dein Geld?«

»Ich habe Sport und Geschichte studiert und unterrichte an einem Gymnasium. In meiner Freizeit trainiere ich außerdem ein gemischtes Fußballteam, das wir gerade erst zusammengestellt haben, darin sind Jugendliche aus verschiedenen Schulen.«

»Gemischt? Du meinst, wo Mädchen und Jungen zusammenspielen?«

»Ja. Die Jungs waren zuerst skeptisch, jetzt sind sie begeistert bei der Sache, nicht nur aus sportlichen Gründen, natürlich, sondern auch aus … na ja, aus zwischenmenschlichen Gründen. Da sind schon ein paar zarte Bande geknüpft worden, wenn ich das richtig sehe.« Er grinste in die Dunkelheit. »Demnächst gibt es den ersten Wettkampf zweier gemischter Teams.«

»Das ist toll«, sagte Olivia. »Ich wünschte, das hätte es schon gegeben, als ich noch zur Schule gegangen bin.«

»Hast du mal Fußball gespielt?«

»Ich hätte gern, aber das war ja lange als unweiblich verschrien, und es gab auch nicht genug andere Mädchen, die sich dafür interessiert hätten. Meine Mutter war jedenfalls ganz dagegen, und so wurde mein Wunsch schon im Ansatz erstickt. Aber schön, dass das heute anders ist.«

»Ja, das finde ich auch. Und die Mädchen machen den Jungs richtig die Hölle heiß.«

Olivia kicherte. »Sportlich und gefühlsmäßig?«

»So kann man es sagen, ja.«

»Es gibt also auch Liebesgeschichten in deinem Fußballteam.«

»Oh ja, besonders eine …« Stefan lächelte, als er an Emma und Kevin dachte. »Vielleicht hast du ja mal Lust, dir ein Training anzusehen. Oder das Spiel gegen das Team aus Reutlingen.«

»Das Spiel, das du gerade angesprochen hast?«

»Ja, das findet in zwei Wochen statt. Wir träumen davon, dass sich irgendwann mehr Schulen beteiligen. Die Mädchen und Jungs müssen sich ja ab und zu mit anderen messen, um beurteilen zu können, wo sie stehen.«

»Wann genau ist das? Damit ich mir nichts anderes vornehme, meine ich.«

Stefan freute sich über diesen Satz, denn der bedeutete schließlich, dass sie ihn wiedersehen wollte. Er nannte ihr den Termin. »Und was machst du?«

»Ich bin Hochzeitsplanerin.«

Unwillkürlich richtete er sich auf und sah sie ungläubig an. »Das ist nicht dein Ernst!«

Sie zog die Augenbrauen in die Höhe. »Und wieso nicht?« Eine leichte Schärfe in ihrer Stimme warnte ihn, jetzt nichts Falsches zu sagen.

»Ich habe noch nie eine Hochzeitsplanerin getroffen und dachte deshalb, das ist ein Beruf, den es nur in Filmen gibt«, erwiderte er daher vorsichtig.

»Hast du eine Ahnung!« Olivia entspannte sich wieder. »Der Begriff ist auch nicht ganz richtig, ich plane auch andere große Feiern, nicht nur innerhalb von Familien, sondern auch Firmenfeste und so, aber tatsächlich sind es meistens Hochzeiten, mit denen wir beauftragt werden – auch silberne und goldene, übrigens. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel die Leute heutzutage für ihre Hochzeit ausgeben, damit nur ja alles perfekt ist! Für mich ist das natürlich gut, aber ich frage mich oft, warum sich manche Menschen für einen einzigen Tag im Leben richtig hoch verschulden. Ich kenne Paare, die zahlen noch drei Jahre später die Kosten für ihre Hochzeit ab.«

»Ich dachte immer, die werden von den Brauteltern übernommen.«

»Wenn die genug Geld haben, ist das häufig auch so, aber wenn in beiden Familien nicht viel Geld da ist, es aber trotzdem eine unvergessliche Hochzeit an einem einmalig schönen Ort sein soll …« Olivia zuckte mit den Schultern. »Ich habe ein tolles Team, wir tun alles, um die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen, aber manchmal bremse ich sie auch, wenn ich merke, dass sie jedes Maß verlieren. Letztlich bleibt es ein Tag im Leben. Ein einziger Tag.«

»Du würdest dich dafür also nicht verschulden.«

»Niemals. Aber ich würde, wenn ich heirate, auch keine riesige Hochzeit wollen. Familie und enge Freunde, das schon, aber keine große Hochzeitsgesellschaft. Je mehr solcher Mega-Partys ich ausrichte, desto weniger wünsche ich mir das für mich.« Olivia lächelte. »Aber das steht ja auch überhaupt nicht zur Debatte, ich habe nicht vor, in absehbarer Zeit zu heiraten.«

»Warum nicht?«, fragte Stefan.

»Da müsste ja erst einmal ein Mann her, der infrage käme, meinst du nicht?«

»Doch, unbedingt«, erwiderte Stefan.

Ihm war ein wenig schwindelig. Das ging alles viel zu schnell, er war eigentlich nicht der Typ, der sich mehr oder weniger kopflos in ein Abenteuer stürzte, aber er sprach trotzdem weiter. »Ich will ja dem Gang der Dinge nicht vorgreifen, aber ich hätte da so eine Idee …«

Er wartete ihre Reaktion nicht ab, sondern küsste sie. Zuerst hielt sie ganz still, als könne sie nicht glauben, was gerade passierte, dann jedoch erwiderte sie seinen Kuss auf eine Art und Weise, die ihm vor allem eines sagte: Sie fand seine Idee, er könnte möglicherweise der Mann sein, der irgendwann in der Zukunft für eine Hochzeit infrage käme, nicht ganz abwegig.

*

Leon Laurin rieb sich am Montagabend müde die Augen, als er sich seinen Mantel und seine Tasche schnappte, um die Kayser-Klinik zu verlassen. Er hatte morgens seine gynäkologische Sprechstunde gehabt und den ganzen Nachmittag im OP gestanden. Natürlich war er als Gynäkologe und Chirurg doppelt belastet, aber er hatte es so haben wollen. Es waren die beiden Fachrichtungen der Medizin, die ihn von Anfang an am meisten interessiert hatten und denen er bis jetzt treu geblieben war. Er wollte nicht auf eine verzichten, um sich ganz auf die andere zu konzentrieren.

Noch war er den Ansprüchen gewachsen. Aber vielleicht würde sich das ändern, wenn er älter wurde. Schließlich leitete er auch noch die Klinik! Aber er hatte ein gutes Team, das ihn so weit wie möglich entlastete. Und letzten Endes war es natürlich so, dass ihn jeder Teil seiner Arbeit mit großer Zufriedenheit erfüllte.

Nur nicht unbedingt an Tagen die diesem. Die Operation war schwierig gewesen, es hatte Komplikationen gegeben. Letzten Endes war alles gut gegangen, aber solche Eingriffe kosteten viel Kraft. Jetzt freute er sich darauf, nach Hause zu kommen, mit seiner Frau und den Kindern zu Abend zu essen und allmählich zu spüren, wie die Last des Tages von ihm abfiel. Meistens gelang das.

Er war schon fast am Ausgang, als ihm sein Schwiegervater einfiel, Professor Dr. Joachim Kayser, der diese Klinik gegründet hatte. Seit Joachim im Ruhestand war, leitete Leon sie. Er hatte etliche Neuerungen eingeführt, unter anderem hatte er die Klinik durch einen Neubau erweitert. Sein Umgangston war kollegialer als der seines Schwiegervaters, der noch so etwas wie ein Halbgott in Weiß gewesen war. Aber diese Zeiten waren nach Leons Überzeugung vorüber, er wollte ein Team haben, das in jeder Hinsicht gut zusammenarbeitete und in dem es auch möglich sein musste, dass Schwestern und Pfleger Kritik an den Ärzten übten. Bislang gab ihm der Erfolg Recht.

Früher hatte die Klinik ‚Professor-Kayser-Klinik‹ geheißen. Den ›Professor‹ hatte Leon aus dem Namen gestrichen, ansonsten hatte er ihn beibehalten. Er sah keinen Sinn darin, ihn zu ändern, es war ein eingeführter Name, an den sich die Leute gewöhnt hatten, und ›Kayser-Klinik‹ klang gut, ›Laurin-Klinik‹ hingegen nicht, jedenfalls nicht in seinen Ohren. Und so eitel war er nicht, dass er seinen Namen unbedingt an der Fassade seines Arbeitsplatzes lesen musste.

Vor ein paar Wochen war Joachim Kayser zu ihm gekommen und hatte ihm gesagt, er brauche wieder eine Aufgabe. Von sich aus hatte er angeboten, die Patientenakten der Klinik zu digitalisieren – ein Angebot, das Leon ohne zu zögern angenommen hatte. Seitdem also saß sein Schwiegervater an einigen Tagen in der Woche im Untergeschoss in einem winzigen Büro, wo er sich sehr wohlzufühlen schien. Jedenfalls hatte er sich mit Feuereifer in die Arbeit gestürzt und kam allem Anschein nach auch gut voran. »Wenn ich irgendwann fertig bin, habt ihr ein hochmodernes Archiv, um das euch jedes andere Krankenhaus dieses Landes beneidet«, hatte er kürzlich verkündet, und Leon nahm an, dass diese Vorhersage nicht zu hoch gegriffen war.

Er machte nun, trotz seiner Müdigkeit und der Sehnsucht nach seinem Zuhause, am Eingang der Klinik kehrt und fuhr ins Untergeschoss, um sich zu vergewissern, dass sein Schwiegervater nicht wieder die Zeit vergaß, wie es jetzt schon einige Male vorgekommen war. Und tatsächlich, als er kurz an die Tür des kleinen Büros klopfte und gleich darauf eintrat, saß Joachim Kayser noch vor seinem Computer und tippte Daten ein.

»Joachim!«, sagte Leon streng. »Ich will nicht wieder Ärger mit Teresa bekommen, weil du zu lange in der Klinik bist. Weißt du, wie spät es ist?«

Joachim Kayser tippte noch ein paar Sekunden lang weiter, bevor er sich seinem Schwiegersohn zuwandte. »Hallo, Leon«, sagte er. »Wie spät ist es denn?«

»Fast sieben. Du solltest längst zu Hause sein.«

Erschrocken blickte Joachim auf seine Uhr und erhob sich dann eilig. »Das stimmt allerdings, ich glaube, wir haben heute Abend etwas vor, aber im Augenblick erinnere ich mich nicht mehr, was das war.«

»Hat Teresa dich nicht angerufen, um dich zu erinnern?«, fragte Leon.

»Es hat ein paar Mal geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen«, gestand sein Schwiegervater.

»Dann ruf sie jetzt an und frag sie«, schlug Leon vor, aber davon wollte Joachim nichts wissen.

»Ich bin ja in zehn Minuten zu Hause«, sagte er. Er fuhr seinen Computer herunter, machte sich noch schnell eine Notiz, löschte das Licht und folgte Leon, der auf dem Flur auf ihn wartete. »Danke jedenfalls, dass du noch vorbeigekommen bist.«

Als sie sich entfernten, fing das Telefon in Joachims Büro wieder an zu klingeln.

»Ich schätze, du kriegst Ärger, wenn du nach Hause kommst«, sagte Leon.

Joachim antwortete nicht, er beschleunigte nur seine Schritte.

Ihr Abschied vor der Klinik fiel knapp aus, dann stürzte Joachim zu seinem Auto.

»Grüß Teresa von mir!«, rief Leon ihm nach, eine Antwort bekam er nicht mehr.

Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zu seinem Wagen, rief aber, bevor er losfuhr, noch einmal zuhause an, um sein baldiges Kommen anzukündigen. Schließlich wusste er, dass auch er ungeduldig erwartet wurde.

Und auch Teresa rief er noch an, Joachims zweite Ehefrau, mit der dieser sehr glücklich war. »Er ist auf dem Weg, Teresa«, sagte er. »Schimpf nicht zu sehr mit ihm, er leistet wirklich wertvolle Arbeit.«

Sie stieß ein leises Schnauben aus, lachte dann aber. »Danke für deinen Anruf, Leon!«

Sehr zufrieden mit sich fuhr er nach Hause.

*

»Was hat Papa denn gesagt, wann er kommt?«, fragte Kevin Laurin ungeduldig, während er in der Küche mal in diesen, mal in jenen Topf blickte und voller Verlangen betrachtete, was sich darin befand.

»Er ist auf dem Weg«, antwortete seine elfjährig Schwester Kyra, die Jüngste der Familie. »Er musste noch mit Opa schimpfen, weil der schon wieder zu lange in der Klinik geblieben ist. Wieso macht er das eigentlich, Mami? Bisher wollte er das doch nie, und jetzt auf einmal ist er dauernd dort.«

»Ich nehme an, weil Teresa wieder ein Geschäft eröffnet, und euer Opa Angst davor hat, dass er dann allein zuhause sitzt und nichts zu tun hat«, antwortete Antonia, während sie ihren Blick über den Esstisch schweifen ließ. Nein, es fehlte nichts mehr, nur noch das Essen, das Simon Daume, der ihnen den Haushalt führte, wie üblich perfekt vorbereitet hatte.

In diesem Augenblick kamen die Zwillinge Kaja und Konstantin von oben, die beiden Ältesten.

»Wer hat nichts zu tun?«, fragte Kaja.

»Wir reden über Opa und Teresa«, erklärte Kyra. »Papa hat Opa wieder dabei erwischt, dass er die Zeit vergessen hat.«

»Kommt er deshalb so spät? Wegen Opa?«

Kyra nickte und rannte zur Tür. »Ich glaube, da ist er!« Gleich darauf hörten sie sie rufen: »Endlich, Papa, wir sind schon alle so hungrig!«

»Tut mir leid, Mäuschen.«

Zehn Minuten später saß die ganze Familie am Tisch. Alle langten mit gutem Appetit zu. Es gab zuerst eine Suppe, danach Spaghetti mit pikanter Sauce – ein Essen ohne Fleisch, wie es einmal in der Woche üblich war bei den Laurins, seit Kyra beschlossen hatte, Vegetarierin zu werden. Die anderen wollten ihr nicht folgen, ihr aber immerhin zur Seite stehen, und so gab es mindestens einen Tag in der Woche, an dem Simon vegetarisch kochte, manchmal auch zwei. Selbst Kevin und Konstantin, die gerne Fleisch aßen, machte das nichts aus. ‚Bei Simon schmeckt einfach alles«, hatte Kevin festgestellt.

Kyra schielte an den anderen Tagen noch immer gelegentlich neidisch auf die Teller ihrer Geschwister, aber sie blieb bei ihrer Entscheidung, und je mehr Zeit verstrich, desto leichter fiel ihr die Umstellung.

»Wer von euch kommt denn jetzt zu unserem Fußballspiel?«, fragte Kevin, als der erste Hunger gestillt war.

»Ich«, sagte Kyra, »ich komme mit Peter.«

»Ich komme auch«, sagte Konstantin. »Und ich will Glanzleistungen sehen, dass du es nur weißt.«

»Ich kann nicht«, sagte Kaja. »Tut mir leid, Kevin, aber da kommt jemand von der Universität, um einen Vortag zu halten, der wichtig sein könnte.«

Antonia und Leon wechselten einen Blick, aber sie mussten gar nichts mehr sagen. »Dass ihr nicht könnt, weiß ich ja schon«, sagte Kevin zu seinen Eltern. »Eure Patienten sind auch wichtiger als ein Fußballspiel, das sehe ich ein. Aber schade ist es trotzdem. Ich hätte euch nämlich gern …« Er stockte, nagte an seiner Lippe, starrte auf seinen leeren Teller und hob dann endlich den Blick, als er seinen Satz doch noch beendete. »Ich hätte euch nämlich gern meine Freundin Emma vorgestellt.«

Es herrschte sekundenlang verblüfftes Schweigen am Tisch, nur Konstantin, der von Emmas Existenz schon gewusst hatte, lächelte in sich hinein.

Kyra war die Erste, die sich von ihrer Überraschung erholte. »Du hast eine Freundin?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete Kevin. »Schon eine ganze Weile, aber ich habe sie nicht erwähnt, weil ich erst mal sehen wollte, wie es so läuft mit ihr.«

Antonia konnte sich ein Lachen nicht verkneifen: Das war wieder einmal typisch Kevin! Er ließ sich nicht einmal von einem Mädchen, das ihm offenbar sehr wichtig war, aus der Ruhe bringen, sondern beurteilte erst einmal die Lage, bevor er mit seiner Familie darüber sprach.

»Und sie guckt dir beim Fußballspielen zu?«, fragte Leon.

»Quatsch!«, sagte Kevin. »Sie spielt besser als ich. Ich habe doch nur ihretwegen in diesem gemischten Schulteam angefangen zu spielen. Sie schießt Tore. Ich bin Verteidiger. Wenn ich nicht gut verteidige, wird sie richtig sauer, also strenge ich mich ziemlich an. Sie hat rote Haare. Und sie heißt Emma Hallhuber, und ich dachte, ich könnte sie demnächst vielleicht mal mitbringen, damit ihr sie kennenlernt.«

Diese für Kevin ziemlich lange Rede klang am Ende doch ein wenig atemlos. Ganz so gelassen, dachte Antonia, war er also doch nicht, darüber war sie froh. Kevins Ausgeglichenheit war ihr manchmal ein wenig unheimlich, aber jetzt wirkte er doch wie ein ganz normaler, aufgeregter Dreizehnjähriger mit seinen geröteten Wangen und den unruhigen Händen, die schon wieder nach der Serviette griffen, um sie zu zerknüllen.

»Unter diesen Umständen finde ich es noch bedauerlicher, dass wir nicht dabei sein können«, stellte Leon fest.

»Du hättest ruhig schon früher mal was sagen können«, fand Kaja.

»Ja, hätte ich, aber ich wollte nicht«, gab Kevin zurück. »Es hätte doch auch sein können, dass ich Emma schon bald blöd finde. Dann hätte ich euch erklären müssen, dass es schon wieder aus ist, und das wollte ich nicht. Deshalb habe ich lieber abgewartet.« Er wechselte einen kurzen Blick mit seinem älteren Bruder. Konstantin nickte ihm kaum merklich zu. Er würde nicht verraten, dass er als Einziger eingeweiht gewesen war.

»Kannst du sie nicht noch vor dem Fußballspiel einladen?«, fragte Kyra. »Damit ich sie auch erkenne, wenn ich sie spielen sehe.«

»Du erkennst sie schon, sie ist die einzige mit roten Haaren«, erwiderte Kevin. »Außerdem spielen wir ja in einer Halle, und die ist nicht so groß, dass man uns nicht erkennen kann.«

»Wie hast du Emma denn kennengelernt?«, fragte Antonia.

Kevins Aufregung hatte sich gelegt. Endlich wusste seine Familie Bescheid, das erleichterte ihn. Er hatte nicht gern Geheimnisse vor seinen Eltern und Geschwistern.

»Eigentlich wegen Mike«, sagte er und grinste dabei so breit, dass die anderen schon wussten, jetzt würde wieder eine Geschichte kommen, die davon handelte, wie Kevins bester Freund versuchte, ein Mädchen anzubaggern – denn das war, seit Mike in die Pubertät gekommen war, der einzige Sinn und Zweck seines Daseins: Er träumte von Mädchenkörpern, die ihm offenbar auch im Schlaf erschienen. In seiner Klasse wussten alle, dass Mike verrückt nach Mädchen war.

»Er hatte ein Mädchen gesehen, das er super fand, und dieses Mädchen war gerade im Gespräch mit Emma. Mike hat sie angequatscht, und Emma hat mit mir angefangen zu reden. So ging das los.«

»Du konntest doch mit Mädchen bisher nie etwas anfangen«, sagte Kaja, »weil sie nur über Dinge reden, die dich nicht interessieren. Das hast du jedenfalls immer behauptet.«

»So war es wirklich«, gab Kevin zu. »Aber Emma ist anders. Und das habe ich ziemlich schnell gemerkt.«

»Ich schließe mich Kyras Wunsch an«, bemerkte Antonia. »Ich würde sie auch gern kennenlernen.«

»Aber nicht mehr vor dem Spiel«, entschied Kevin nach kurzem Nachdenken. »Wir haben jetzt wichtigere Dinge im Kopf.« Er sagte das ganz ernst, und Antonia hatte Mühe, ernst zu bleiben.

Erst später, als die Kinder schon oben in ihren Zimmern waren, wurde sie plötzlich traurig. »Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet unser Kevin zuerst mit einer Freundin nach Hause kommt«, sagte sie. »Das geht alles so unheimlich schnell, Leon. Eben waren sie noch Babys, und jetzt verlieben sie sich schon.«

»Na, von Liebe war ja noch nicht so richtig die Rede«, meinte Leon. »Und außerdem war Kevin nicht der Erste, sondern das war Kyra mit ihrem Peter.«

»Stimmt, aber ich habe schon den Eindruck, dass das eher eine Kinderfreundschaft ist, während das bei Kevin …« Antonia ließ ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes sinken. »Emma«, murmelte sie. »Eine rothaarige Fußballspielerin. Ich muss sagen, ich bin sehr gespannt auf das Mädchen.«

»Das sind wir alle, aber ich bin ziemlich sicher, dass Emma uns gefallen wird.«

»Mike hat uns auch gefallen, als Kevin sich mit ihm befreundet hat, aber seit er nur noch von Sex träumt, frage ich mich manchmal doch, ob er noch der richtige beste Freund für Kevin ist. Dabei habe ich Mike wirklich gern, aber er kommt aus dieser Phase ja offenbar überhaupt nicht heraus!«

Leon lachte. »Er ist in der Pubertät, Antonia! Gib ihm ein bisschen Zeit! Alle Jungs in dem Alter haben feuchte Träume, so ist das nun einmal. Aus den meisten werden trotzdem ganz normale, liebenswürdige Männer …«

»So wie du, meinst du?«

»Findest du mich etwa nicht normal und liebenswürdig?« Er zog sie an sich und küsste sie. »Wobei ich gestehen muss, dass ich gerade jetzt auch von Sex träume«, raunte er ihr danach ins Ohr.

Sie erwiderte seinen Kuss, ihr Körper war weich und anschmiegsam. Er knöpfte ihre Bluse auf.

»Aber doch nicht hier, Leon!«

»Früher haben wir uns öfter im Wohnzimmer geliebt … Oder in der Küche. Weißt du nicht mehr?« Er knöpfte die Bluse weiter auf.

»Aber da waren wir jung und frisch verliebt und hatten noch keine Kinder! Wenn jetzt Kyra herunterkäme …«

Leon stand auf, ergriff die Hand seiner Frau und ging mit ihr in die Küche, deren Tür er verschloss.

Sie konnte es kaum glauben. »Du willst doch jetzt nicht im Ernst hier in der Küche …«, begann sie, doch weiter kam sie nicht, und angesichts seiner leidenschaftlichen Küsse erhob sie keine Einwände mehr.

*

»Jeden Tag?«, fragte Anton Meerbusch und sah seine Schwester Olivia ungläubig an. »Ihr habt euch seit meiner Party jeden Tag gesehen?«

Olivia nickte, ihre Wangen hatten einen rosigen Schimmer angenommen. »Jeden einzelnen Tag«, bestätigte sie.

»Und was heißt das jetzt?«

»Ich schätze, das heißt, dass es etwas Ernstes ist. Ich denke andauernd an ihn, Anton, und wenn wir uns morgens verabschieden, freue ich mich schon darauf, ihn abends wiederzusehen.«

»Morgens? Ihr habt euch nicht nur jeden Tag gesehen, sondern auch jede Nacht miteinander verbracht?«

Der rosige Schimmer auf Olivias Wangen verwandelte sich in tiefes Rosa. »Ja, haben wir.«

»Dann ist es allerdings etwas Ernstes. Du hast deine bisherigen Freunde immer viel mehr auf Abstand gehalten.«

Sie nickte. »Aber bei Stefan will ich das gar nicht.« Plötzlich lächelte sie. »Außerdem ist das alles deine Schuld. Hättest du ihn nicht zu deiner Party eingeladen, hätte ich ihn niemals kennengelernt.«

Anton seufzte. »Die Party war wieder nichts, oder? Dabei habe ich dieses Mal extra neue Leute eingeladen, damit sich nicht immer nur die treffen, die sich sowieso schon kennen, aber es hat nichts genützt. Ich glaube, das nächste Mal höre ich auf dich und lasse dich die Party organisieren. Schließlich ist das dein Beruf.«

Olivia ließ sich nicht anmerken, wie überrascht sie von den Worten ihres Bruders war. Bislang hatte er ja jedes Hilfsangebot weit von sich gewiesen und sogar so getan, als hielte er seine Partys für gelungen. »Einiges könnte ich sicher dazu beitragen, amüsieren müssen sich die Leute allerdings schon selbst. Aber wir können es ja einfach mal versuchen«, sagte sie vorsichtig.

Er grinste traurig. »Als Gastgeber bin ich eine Katastrophe, oder? Ich habe es irgendwie nicht wahrhaben wollen, dass es Dinge gibt, die ich einfach nicht in den Griff kriege, aber in diesem Jahr habe ich es endlich begriffen, dass sich alle auf meinen Geburtstagspartys schrecklich langweilen.«

Sie umarmte ihn. »Nächstes Jahr machen wir es besser«, sagte sie.

Er hob sie hoch und schwenkte sie einmal herum, wie er es früher oft gemacht hatte, als sie noch Kinder gewesen waren. »Und meine kleine Schwester hat sich verliebt«, sagte er. »Ich kann es immer noch nicht glauben.«

»Sogar so ernsthaft, dass ich mir ein Fußballspiel seines gemischten Teams ansehen werde«, erklärte Olivia.

Anton setzte sie behutsam wieder ab. »Du?«, fragte er. »Du gehst zu einem Fußballspiel, obwohl deine Freizeit so knapp ist, dass sogar ich einen Termin brauche, um dich zu sehen?«

Sie nickte.

»Dann ist es noch ernster, als ich dachte«, sagte er.

»Gehst du mit?«

»Wann ist das?«

Sie sagte ihm den Termin, woraufhin er bedauernd den Kopf schüttelte. »Da kann ich auf keinen Fall, tut mir leid. Aber vielleicht beim nächsten Mal.« Als er ihr Gesicht sah, lachte er. »Du hast dir doch nicht etwa eingebildet, du kämst mit einem einzigen Fußballspiel davon?«

Sie lachte auch. »Was heißt hier ›davonkommen‹? Erinnerst du dich nicht mehr, dass ich früher selbst spielen wollte?«

Er sah sie erstaunt an. »Nein, das weiß ich nicht mehr.«

»Mama war entsetzt, es kam nicht in Frage für ein Mädchen, da habe ich es gelassen. Mal sehen, ob meine alte Leidenschaft jetzt wieder aufflammt. Wenn nicht, gucke ich einfach die ganze Zeit auf Stefan, dabei werde ich mich keine Minute langweilen, das garantiere ich dir.«

Antons Gesicht wurde ernst. Er zog Olivia erneut in seine Arme. »Ich wünsche euch von ganzem Herzen Glück«, sagte er.

*

»Meine kleine Schwester kommt mit ihrem Freund, und mein älterer Bruder kommt auch«, sagte Kevin zu Emma, als er sie nach ihrem letzten Training vor dem Spiel gegen das Reutlinger Team nach Hause brachte.

»Von meiner Familie kommt niemand«, erklärte Emma. »Die haben alle keine Zeit, aber das ist mir auch egal. Auf jeden Fall kommt Lou.«

Lou hieß eigentlich Louise und war Emmas beste Freunde: eine Blondine mit üppigen Formen, hinter der alle Jungen her waren. Auf den ersten Blick schien sie überhaupt nicht zu der kleinen, quirligen Emma zu passen, die sich nicht schminkte, der Markenklamotten nicht wichtig waren und die insgesamt völlig andere Interessen hatte als die anderen Mädchen ihres Alters. Aber Lou und sie waren und blieben unzertrennlich, allen Unterschieden zum Trotz.

Lou war es im Übrigen gewesen, die die Aufmerksamkeit von Kevins Freund Mike erregt hatte, als Kevin und er Lou und ihrer Freundin Emma begegnet waren. Also hatte er es im Grunde Lou zu verdanken, dass er Emma kennengelernt hatte. Kevin fand Lou nett, sie waren manchmal zu dritt zusammen, Emma, Lou und er. Er wusste, dass Lou sich einige Male mit Mike getroffen hatte, aber mehr war nicht daraus geworden. Kevin ahnte, warum: Lou war viel kindlicher, als sie aussah, sie redete gern und alberte herum, während Mikes Interesse, um es vorsichtig auszudrücken, sich vor allem auf bestimmte Zonen von Lous attraktivem Körper gerichtet hatte. Da war er bei ihr aber an der falschen Adresse, und so fantasierte Mike längst von anderen Mädchen.

»Das ist ja toll«, sagte Kevin. »Wenn sie will, kann sie sich ja zu meinen Geschwistern setzen.«

Emma nickte. »Ich sag’s ihr.« Sie war stiller als sonst, er ahnte auch, warum: Sie hatte das Tor heute beim Training drei Mal knapp verfehlt, das nahm sie sich übel. Ein Pfostenschuss, gut. Aber gleich drei?

»Mach dir nichts draus«, sagte er. »Bei dem Spiel triffst du, das weiß ich.«

Sie wandte sich ihm zu. Ihre grünen Augen schienen dunkler zu sein als sonst. »Und wenn nicht?«, fragte sie. »Ich habe noch nie drei Mal nur den Pfosten getroffen. Das ist ein schlechtes Zeichen, Kevin.«

»Es ist überhaupt kein Zeichen, es heißt nur, dass du vielleicht nicht ganz so konzentriert bei der Sache warst wie sonst. Oder dass du nicht so gut in Form warst. Dafür trainieren wir ja, dass wir solche Schwachstellen erkennen und daran arbeiten, uns zu verbessern. Du weißt doch, dass du Tore schießen kannst, also wirst du sie auch wieder schießen – und zwar dann, wenn es darauf ankommt.«

Emma trottete noch einige Sekunden lang schweigend neben ihm her, bevor sie sachte ihre Hand in seine schob und leise: »Dankeschön, Kevin«, sagte er.

Er erwiderte nichts. Händchen gehalten hatten sie bis jetzt noch nie, Emma hatte einmal zu erkennen gegeben, dass sie das albern fand, aber nun machte sie keinerlei Anstalten, ihm ihre Hand wieder zu entziehen, und er konnte plötzlich kaum noch atmen, weil er Angst hatte, ihr würde wieder einfallen, dass sie es eigentlich nicht mochte, wenn jemand ihre Hand hielt.

Aber sie schien nicht mehr daran zu denken, denn sie löste ihre Hand erst aus seiner, als sie sich voneinander verabschiedeten.

»Ach, übrigens«, sagte Kevin, als sie sich schon halb umgedreht hatte, »willst du mal zu uns zum Essen kommen? Dann kannst du meine Eltern und meine Geschwister kennenlernen.«

Emmas grüne Augen waren wieder so hell wie immer, sie lächelte ihn an. »Gern«, sagte sie.

Auf dem gesamten Heimweg lächelte auch Kevin, ohne es zu merken. Ab und zu betrachtete er die Hand, die Emma ergriffen und so lange festgehalten hatte. Für ihn fühlte es sich so an, als habe ein neues Kapitel seines Lebens begonnen.

Vielleicht würde er Konstantin irgendwann davon erzählen. Oder seiner Mutter, wenn sie sich wieder einmal zufällig mitten in der Nacht in der Küche trafen. Oder auch seinem Vater, obwohl ihm das schwieriger vorkam, als mit seiner Mutter zu sprechen.

Aber erst einmal, das stand fest, würde er für sich behalten, dass er Emma Hallhubers Hand gehalten hatte.

*

Stefan öffnete die Augen und war schlagartig hellwach. Heute war der Tag des Fußballspiels gegen die Reutlinger! Und es war der erste Tag seit längerer Zeit, an dem er allein in seinem Bett aufwachte. Olivia und er waren, seit sie sich kennengelernt hatten, unzertrennlich gewesen, aber es hatte einiges zu erledigen gegeben, und er musste sich eingestehen, dass er auch seinen Unterricht ein kleines bisschen vernachlässigt hatte. Kein Wunder, er war ja jeden Morgen völlig übermüdet in die Schule gefahren … Und auch Olivia hatte ihm gestanden, dass sie sich wieder etwas intensiver um ihre Arbeit kümmern musste, denn wenn ihre Kundschaft unzufrieden war, würde sich das schnell herumsprechen und sich negativ auf ihre Geschäfte auswirken.

Also würden sie jetzt schweren Herzens wieder zu einem mehr oder weniger geregelten Leben zurückkehren, zumindest während der Woche. Er lächelte breit, als er die Füße auf den Boden setzte und aufstand. Die Wochenenden freilich konnten sie nach wie vor überwiegend im Bett verbringen … Und auch während der Woche würde es sich hoffentlich machen lassen, dass sie wenigstens eine Nacht miteinander verbrachten.

Allein bei dieser Vorstellung wurde ihm warm, so dass er sich beeilte, seine zehn Minuten Frühsport zu machen. Er dehnte sie sogar auf eine Viertelstunde aus, denn auch den Sport hatte er in den letzten Wochen nicht gerade ehrgeizig betrieben, er hatte sich schließlich auf andere Weise verausgabt.

Das Spiel würde am späten Nachmittag stattfinden, nach Schulschluss. Die Reutlinger hatten drei Schulstunden erlassen bekommen, damit sie frühzeitig anreisen und sich danach noch ein wenig ausruhen konnten. Das Rückspiel in Reutlingen würde in zwei Monaten stattfinden. Er hoffte natürlich, dass sein Team gewann, aber sicher war das keineswegs. Wenn Emma nicht in Form war, sah es düster aus.

Nachdem er geduscht hatte, setzte er die Kaffeemaschine in Gang und rief Olivia an. Er musste wenigstens ihre Stimme hören, bevor er sich auf den Weg machte. Sie meldete sich sofort. »Guten Morgen«, sagte er zärtlich. »Du hast mir gefehlt, und du fehlst mir immer noch.«

Sie lachte leise. »Danke, gleichfalls. Schön, dass du dich gemeldet hast, das hilft mir hoffentlich bei dem, was mir heute bevorsteht.«

»So schlimm?«

»Ich fürchte, noch schlimmer. Das Brautpaar von nächster Woche hat dringend um einen Termin gebeten, sie haben noch ein paar Änderungswünsche. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet? Sie haben hundertfünfzig Gäste auf ein altes Rittergut eingeladen, wir haben eine minutengenaue Planung, und sie wollen jetzt noch über Änderungen reden. Ehrlich gesagt, ich habe die schlimmsten Befürchtungen.«

»Tief durchatmen«, sagte Stefan. »Bis zehn zählen, bevor dir ein unbedachtes Wort herausrutscht. Dabei die ganze Zeit freundlich blicken und nicht zu erkennen geben, dass du sie zum Teufel wünschst. Dann erst reden. War es nicht so? Diese Regeln hast du mir neulich genannt und gesagt, dass du sie so verinnerlicht hast, dass dir ganz selten etwas herausrutscht, was du gleich danach gern zurücknehmen würdest.«

»Das stimmt. Ich danke dir, dass du mich daran erinnert hast. Mit dem Durchatmen fange ich gleich an.«

»Kann es sein, dass dich dieses Problempaar davon abhält, heute Nachmittag das Fußballspiel anzusehen?«, fragte er. »Wenn dich der Termin in Schwierigkeiten bringt, komm nicht, ich bin dir nicht böse.«

»Spinnst du? Ich komme auf jeden Fall. Das Problempaar und die zusätzliche Arbeit, die mir aus dem Gespräch erwächst, sind meine einzigen Aufgaben für heute, alles andere habe ich schon verteilt. Keine Sorge, ich werde da sein.«

»Ich liebe dich, Olivia.«

»Und ich liebe dich, Stefan.«

Mit einem Lächeln schenkte er sich die erste Tasse Kaffee ein, danach aß er noch ein Brot und etwas Müsli, trank die zweite und die dritte Tasse Kaffee und fühlte sich danach gut gerüstet für den Tag.

*

»Wir werden es irgendwie möglich machen«, sagte Olivia zu dem jungen Brautpaar, das vor ihr saß und eine erschreckend lange Liste mit Änderungen in letzter Minute mit ihr besprechen wollte. Sie hielt sich an ihre eigene Regel und lächelte freundlich, während sie innerlich schrie und tobte. Was dachten diese Leute sich eigentlich? Es war noch eine knappe Woche bis zur Hochzeit, alles war arrangiert und organisiert, und jetzt stellten die beiden fest, dass es doch lieber andere Blumen als Tischschmuck sein sollten als vor Monaten ausgemacht, dass nicht nur drei der Gäste vegetarisch essen wollten, sondern zehn, dass es Lactoseunverträglichkeit bei zwei Gästen und eine Allergie gegen Nüsse bei sieben Gästen gab – dabei war diese Frage ausdrücklich lang und breit erörtert worden, als sich das Paar für die Hochzeitstorte entschieden hatte, die im Kern eine Nusstorte war. Ach, und es sollte jetzt doch ein professioneller Fotograf die Hochzeitsfotos machen, denn der Freund, der dafür eigentlich vorgesehen gewesen war, hatte kurzfristig abgesagt.

»Also ein Gast weniger?«, fragte Olivia.

»Äh … nein, drei Gäste, weil er ja mit seiner Freundin und einem Freund kommen wollte.«

»Und wann hatten Sie vor, mir das mitzuteilen? Wir haben, wie Sie wissen, eine ziemlich ausgeklügelte Tischordnung.«

»Äh … also, darauf wären wir jetzt gleich noch gekommen, aber wir haben noch ein paar andere Fragen.«

Die hatten sie tatsächlich. Ihre Liste mit Änderungswünschen umfasste dreiundzwanzig Punkte. Bei fünf Punkten blieb Olivia hart, bei allen anderen zeigte sie Entgegenkommen. Als der Bräutigam auch über die fünf Punkte noch diskutieren wollte, wies sie ihn freundlich, aber kühl auf den Vertrag hin, den sie geschlossen hatten: So kurz vor der Hochzeit konnten eigentlich überhaupt keine Änderungswünsche mehr berücksichtigt werden.

Als das Paar endlich gegangen war, fühlte sie sich müde, verschwitzt und genervt. Zweieinhalb Stunden hatte das Gespräch in Anspruch genommen, und jetzt musste sie bestimmt noch einmal so viel Zeit aufwenden, um eine andere Torte und andere Blumen zu bestellen, um auf die Schnelle noch einen guten Fotografen zu finden, der zufällig frei war, um eine neue Tischordnung zu erstellen – und so weiter, und so fort. Es gab Tage, an denen sie sich fragte, warum sie sich ausgerechnet diesen Beruf ausgesucht hatte.

Aber die Probleme ließen sich dann leichter lösen als gedacht, und so blieb ihr noch reichlich Zeit, vor dem Fußballspiel nach Hause zu fahren, zu duschen und sich umzuziehen. Es würde ihr guttun, die Arbeit für einen Nachmittag zu vergessen und in eine völlig andere Welt einzutauchen.

Sie hatte seit Jahren kein Fußballspiel mehr gesehen, sie freute sich richtig darauf.

*

»Wir hätten das schon so organisieren können, dass du heute Nachmittag freigehabt hättest«, meinte Maxi Böhler, Antonias Praxiskollegin, als sie in ihrer Mittagspause gemeinsam einen Salat beim Italiener an der Ecke aßen. Carolin Suder, ihre tüchtige Praxishilfe, die eigentlich Studentin war und an ihrer Masterarbeit saß, war nach Hause gegangen, sie wohnte um die Ecke und verbrachte die Pause gern in ihren eigenen vier Wänden. »Dann hättest du Kevin wenigstens mal spielen sehen.«

»Ja, ich weiß, aber ich denke, es reicht auch, wenn Kyra, Peter und Konny da sind und ihn anfeuern. Ehrlich gesagt, aus Fußball mache ich mir nicht so viel, ich verstehe ja nicht einmal die Regeln.«

Maxi lächelte. »Aber du bist doch bestimmt neugierig auf Kevins Freundin, oder?« Antonia hatte ihr nur kurz von Kevins Eröffnung erzählt.

»Ja, das ist der einzige Grund, aus dem ich es bedauere, das Spiel nicht zu sehen. Eine rothaarige Stürmerin … und unser Kevin. Wer hätte das gedacht.«

»Ist doch schön«, sagte Maxi mit verträumtem Lächeln, »zu sehen, wenn die Kinder allmählich erwachsen werden.«

»Findest du? Ehrlich gesagt, mich erschreckt es eher, weil es plötzlich so schnell geht.«

»Meine beiden sind ja älter als deine Kinder, und ja, das Gefühl des Erschreckens kenne ich auch., aber ich habe es dann als sehr bereichernd empfunden, dass ich mich irgendwann vernünftig mit ihnen unterhalten konnte und auch, dass sie manchmal eine so völlig andere Sichtweise als ich hatten – und haben.«

»Das Gefühl kenne ich auch«, gab Antonia zu, »aber noch überwiegt das Erschrecken, muss ich sagen.«

»Das gibt sich«, sagte Maxi voraus. »Und dein Entschluss, wieder zu arbeiten nach der langen Pause, hatte doch sicherlich auch damit zu tun, dass du das vorausgesehen hast, oder?«

»Ja, natürlich. Als ich gemerkt habe, dass auch Kyra anfängt, selbstständig zu werden, habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn die Kinder alle aus dem Haus wären. Aber da war es ein eher theoretischer Gedanke, jetzt jedoch rückt mir das auch praktisch näher, einfach weil die Kinder schon jetzt viel öfter unterwegs sind als früher.«

Maxi lächelte. »Ich bin jedenfalls sehr froh über deinen Entschluss, diese Praxis zu eröffnen. Ich hatte so lange nach einer für mich geeigneten Arbeit gesucht, dass ich schon ganz verzweifelt war.«

»Ich bin auch froh«, erwiderte Antonia. »Und nachdem die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden sind, läuft es ja jetzt auch gut.«

»Du meinst den Widerstand deiner Familie?«

»Na ja, hauptsächlich den meines Vaters – und Kajas. Leon hat sich relativ schnell überzeugen lassen. Aber mein Vater war echt hartnäckig. Und ungerecht und verletzend, das habe ich dir ja erzählt.«

»Und jetzt hat er sich selbst wieder eine Aufgabe gesucht.«

»Ja, witzig, nicht? Und er scheint großen Spaß daran zu haben.« Antonia sah auf die Uhr. »Wir sollten uns wieder auf den Weg machen.«

Ihre Praxis war in einem der Neubauten der Kayser-Klinik untergebracht, mit der sie eng zusammenarbeiteten. Diese Konstruktion hatte sich von Anfang an als klug erwiesen, denn davon profitierten beide, die Praxis wie die Klinik – und vor allem die Patienten, die im Notfall schneller behandelt werden konnten.

Carolin saß bereits wieder an ihrem Platz, als die beiden Ärztinnen zurückkehrten, und wenig später trafen auch die ersten kleinen Patientinnen und Patienten mit ihren Müttern oder Vätern ein.

*

Leon und Timo Felsenstein, der Leiter der Notaufnahme, trafen sich vor der Klinik. »Spätdienst?«, fragte Leon.

Timo nickte. »Ja, ich hoffe, es wird ein ruhiger Tag, wenn ich ehrlich sein darf. Und wieso bist du so spät dran?«

»Spätdienst«, erwiderte Leon mit einem Lächeln. »Ab und zu muss auch ein Klinikchef mal ausschlafen.«

»Keine gynäkologische Sprechstunde? Keine Operationen?«

»Nichts von alledem, heute ist ein kompletter Bürotag, den hatte ich schon lange nicht mehr. Aber es ist dringend nötig, dass ich die Stapel auf meinem Schreibtisch abarbeite.«

Timo stieß einen langen Seufzer aus, als sie die Klinik betraten. »Stapel, das ist ein unangenehmes Stichwort, die haben sich bei mir leider auch angesammelt, aber ich hatte bisher einfach keine Zeit, mich ihnen zu widmen. Manchmal denke ich, dass wir Ärzte viel zu viel Zeit mit Bürokratie verbringen müssen.«

»Mit dem Eindruck bist du nicht allein. Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, sondern einfach wegzuarbeiten, was weggearbeitet werden muss. Alles andere hält nur noch länger auf.«

»Das Auto deines Schwiegervaters steht übrigens auch schon wieder auf dem Parkplatz, dabei ist heute überhaupt nicht sein Tag.«

Leon sah Timo verdutzt an. »Soll das heißen, er kommt nur an bestimmten Tagen? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.«

»Aber mir, und ich habe ihn auch einmal danach gefragt. Da hat er gesagt, er kommt an drei Tagen die Woche. Das hat er vielleicht am Anfang so gemacht, aber wie ich das sehe, kommt er mittlerweile eher jeden Tag.«

»Ich habe ihn neulich mal zu ziemlich später Stunde aus seinem Kellerbüro geholt, da hatte er offenbar vollkommen die Zeit vergessen. Und als ich das letzte Mal mit Teresa gesprochen habe, hatte ich auch den Eindruck, dass sie findet, er sollte sein Engagement wieder etwas zurückfahren.«

»Wie weit ist sie denn mit ihrem Laden?«

Teresa Kayser, Leons Pflegemutter, war schließlich auch seine Schwiegermutter geworden – es hatte sich herausgestellt, dass Antonias Vater Joachim ihre Jugendliebe gewesen war. Die beiden waren sich erst spät wiederbegegnet und dann schnell erneut ein Paar geworden, etwa zu der Zeit, als Leon sich in Antonia verliebt hatte – ein seltsames, schicksalhaftes Zusammentreffen. Teresa jedenfalls war schon immer eine elegante Frau gewesen, die jahrelang ein sehr beliebtes Geschäft für Damenmode geführt, dieses jedoch nach ihrer Heirat aufgegeben hatte. Es war unter anderem Antonias Entschluss, wieder zu arbeiten, gewesen, der Teresa bewogen hatte, ihr eigenes Leben noch einmal zu überdenken. Sie war Anfang Sechzig, sah noch immer großartig aus, und ihr Interesse für Mode war in den vergangenen Jahren nicht geringer geworden.

Joachim Kayser freilich war aus allen Wolken gefallen, als seine Frau ihm eröffnet hatte, sie werde wieder ein Geschäft eröffnen. Es hatte vieler Gespräche bedurft, bis ihm aufgegangen war, wie sehr sich die Welt in den letzten dreißig Jahren verändert hatte. Er war aufgewachsen in einer Zeit, in der Männer arbeiteten und Karriere machten und Frauen Kinder bekamen und ihren Männern den Haushalt führten. Dass diese Welt so nicht mehr existierte, hatte er nicht sofort einsehen wollen.

Doch jetzt unterstützte er Teresa und hatte sich mit der Arbeit im Klinikarchiv selbst wieder eine Aufgabe gesucht, die ihm sogar Spaß zu machen schien.

»Es geht voran«, antwortete Leon auf Timos Frage. »Die alten Bleirohre sind zum großen Teil schon ausgetauscht worden, das musste ja im ganzen Haus gemacht werden. Sie fangen demnächst mit den neuen Stromleitungen an. Aber sie wird den geplanten Geschäftsstart um etliche Monate verschieben müssen. Eine genaue Planung ist noch nicht möglich.«

»Das ist natürlich blöd«, sagte Timo, »wenn man in den Startlöchern steht, aber nicht loslegen kann.«

»Sie hat sich jetzt damit abgefunden und nutzt die Zeit, sich bei ihren früheren Lieferanten wieder in Erinnerung zu bringen und neue zu kontaktieren. Außerdem glaube ich, dass sie auch ihre früheren Kundinnen informiert, dass sie noch einmal an den Start geht.«

»Ich finde es toll, dass sie das macht. In dem Alter noch einmal so ein Wagnis einzugehen, ist schon mutig.«

»Sie wird das schaffen, sie war schon damals eine gute Geschäftsfrau«, sagte Leon, als sie sich der Notaufnahme näherten. »Ich wünsche dir den schönen ruhigen Tag, den du dir selbst gewünscht hast.«

»Danke, gleichfalls.«

»Ja, schön ruhig mit einem Berg von Akten«, brummte Leon und verschwand nach rechts, wo sein Büro lag, während Timo die Notaufnahme betrat.

Leon wurde jedoch gleich noch einmal gestört, von seinem Freund und Kollegen Eckart Sternberg, der ihn bat, sich ein paar Röntgenbilder mit ihm anzusehen. Das nahm eine weitere Viertelstunde in Anspruch, danach wandte sich Leon seufzend, aber wild entschlossen dem Aktenstapel auf seinem Schreibtisch zu.

*

»Ich bin aufgeregt«, sagte Kyra, »ich will unbedingt, dass Kevins Team gewinnt.«

Peter und Konstantin, zwischen denen sie saß, wechselten einen Blick. Peter Stadler, Kyras bester Freund, trug eine Brille mit dicken Gläsern, weil er stark kurzsichtig war. Er sehnte den Tag herbei, da er alt genug sein würde, sich an den Augen operieren zu lassen, denn wegen der Brille hatte er sich schon oft hänseln lassen müssen. Kyra störte die Brille überhaupt nicht, von Anfang an war das so gewesen. Sie mochte Peter einfach, weil er klug und einfühlsam war und sie mit ihm über alles reden konnte. Sie waren deshalb schnell Freunde geworden.

Jetzt sagte Peter ganz gelassen: »Natürlich gewinnt Kevin. Wenn er hört, wie wir ihn anfeuern, kann er doch gar nicht anders, als so gut zu verteidigen, dass das andere Team keine Chance hat.«

Peter war wegen seiner Brille kein guter Sportler, aber er las viel über Sport. Er hatte Kyra die Grundregeln beim Fußball so erklärt, dass sie sie auf Anhieb verstanden hatte – diese Mühe hatte sich bislang noch niemand gemacht. Das war auch etwas, das sie an ihm mochte: Er war geduldig. Wenn man etwas nicht sofort verstand, erklärte er es eben noch einmal. Mittlerweile hatten das auch die anderen in der Klasse begriffen: Oft konnte Peter besser erklären als die Lehrer. Gehänselt, wie zu Anfang, als er neu in der Schule gewesen war, wurde er jedenfalls schon längst nicht mehr, höchstens von Jugendlichen, die ihn nicht kannten. Aber mittlerweile wusste er sich auch denen gegenüber ganz gut zu wehren.

Sie sahen Kevin näherkommen, mit einer langbeinigen Blondine, deren voller Busen leicht auf und ab wippte. Sie hatte kohlschwarz umrandete Augen mit superlangen Wimpern und knallrote Lippen, und sie trug hautenge Jeans mit einem knappen, tief ausgeschnittenen Top, das ziemlich viel von ihren Rundungen zeigte. An ihren Ohren baumelten riesige Kreolen, an ihren Handgelenken klapperte ein gutes Dutzend Armbänder, und sie trug mehrere Ringe an jeder Hand. Ihre Stiefel waren spitz und hatten hohe Absätze. Sie sah mindestens wie siebzehn aus.

»Emma?«, japste Kyra. »Aber die soll doch rothaarig sein!«

Die beiden Jungen sagten gar nichts. Ihre Augen klebten an der Blondine, die Kevin um einen halben Kopf überragte. Sie redete auf ihn ein, während Kevin abgelenkt wirkte, weil seine Augen suchend die Reihen der Zuschauer überflogen.

»Kevin!«, rief Peter, der ahnte, wen Kyras Bruder suchte. Er winkte auch noch, um Kevin auf sich aufmerksam zu machen.

»Da seid ihr ja!« Sofort steuerte Kevin auf sie zu. »Das ist Lou, Emmas beste Freundin, ich dachte, sie kann sich zu euch setzen. Ist das okay?« Er wartete eine Antwort nicht ab, sondern sagte zu Lou: »Das ist meine Schwester Kyra, das ist ihr Freund Peter, und das ist mein Bruder Konstantin, genannt Konny. Viel Spaß!«

Er grinste noch einmal in die Runde, drehte sich um und flitzte davon.

»Hey, es ist schön, euch kennenzulernen«, sagte Lou, als sie neben Konstantin Platz nahm.

Kyra fasste sich zuerst wieder. »Du musst uns zeigen, welche von den Spielerinnen Emma ist.«

»Klar, mache ich. Aber ihr erkennt sie sofort an …«

»… ihren roten Haaren?«

Lou nickte.

»Das hat Kevin auch gesagt.«

»Sie spielt toll«, sagte Lou. »Ich mache mir eigentlich nichts aus Fußball, aber Emma sehe ich gern zu. Und Kevin ist auch richtig gut. Man merkt, wenn sie zusammenspielen, dass sie sich auch sonst gut verstehen.«

Konstantin entspannte sich langsam wieder. Lou sah vielleicht aus, als wollte sie sich gleich in einer Fernsehshow für irgendeinen Titel bewerben, aber sie redete wie ein normaler Mensch und schien sogar nett zu sein. Zu diesem Ergebnis war in der Zwischenzeit offenbar auch Peter gekommen, der jetzt sagte: »Wir werden die beiden jedenfalls anfeuern, damit ihr Team gewinnt.«

Lou strahlte. »Da bin ich dabei. Ich kann ziemlich gut Krach machen, wenn es darauf ankommt. Aber hier wird sowieso gleich der Teufel los sein, sind ja genug Fans da.« Sie griff in ihre Tasche und holte einen türkisfarbenen Schal heraus, der freilich ziemlich kurz war. »Ich habe zu spät mit dem Stricken angefangen«, gestand sie, »deshalb ist er zu kurz, aber ich wollte wenigstens zeigen, auf wessen Seite ich stehe.«

Kyra lächelte sie voller Sympathie an, und das taten auch die beiden Jungen. Emmas Freundin Lou war damit akzeptiert.

»Super Plätze hier«, sagte Lou. »Wir sind so nah dran, dass wir alles gut sehen können.«

»Und voll wird es allmählich auch«, meinte Konstantin. »Jetzt müssen sie nur noch gewinnen.«

Dieses attraktive Mädchen neben ihm brachte ihn durcheinander. Sie sah auf den ersten Blick so erwachsen aus, aber wenn sie redete, merkte man natürlich, dass sie erst dreizehn war. Er begann sich zu fragen, ob Emmas Anblick auch so eine Überraschung sein würde. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich Kevin in eine Art rothaarige Sexbombe verliebt hatte.

»Die gewinnen schon!«, sagte Lou mit strahlendem Lächeln. »Wenn wir erst einmal anfangen zu schreien!«

Sie ist nett, dachte Konstantin. Echt nett. Und so wie sie aussieht: Kein Wunder, dass Mike total auf sie abgefahren ist …

*

Olivia sah sich interessiert um. Das Publikum in der Halle bestand ganz offensichtlich zum großen Teil aus Familienangehörigen, sowie Freundinnen und Freunden der Spielerinnen und Spieler. Erstaunt sah sie, dass sich die Fans des jeweiligen Teams leicht erkennen ließen: Diejenigen von Stefans Team trugen Schals in türkis, die anderen solche in dunkelblau-hellblau. Dazu gab es, ganz wie in großen Stadien, Fankurven, wo Fahnen geschwenkt und Transparente hochgehalten wurden. Die Stimmung jedenfalls war schon vor dem Spiel großartig. Sie sah sogar einen Trommler, der offenbar die Fangesänge anheizen und begleiten sollte.

Erinnerungen stürmten auf sie ein. Sie hatte einmal einen Freund gehabt, der begeisterter Fan von 1860 München gewesen war, den hatte sie gelegentlich ins Stadion begleitet. Wie lang das schon zurücklag! Sie hatte es beinahe vergessen.

Noch eine Viertelstunde bis zum Anpfiff. Sie war rechtzeitig gekommen, auch, um vorher die Atmosphäre aufzusaugen und vielleicht einen Blick auf Stefan zu erhaschen, aber das war ihr bislang nicht gelungen. Natürlich, er würde jetzt noch einmal mit seinem Team reden, die berühmte ›Kabinenansprache‹. Schade, dass sie dabei nicht Mäuschen spielen konnte.

Direkt ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Spielfeldes, saßen vier Jugendliche, die ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen, weil sie offenbar als Gruppe gekommen waren, aber nicht so recht zueinander zu passen schienen: En auffällig attraktives blondes Mädchen in sexy Kleidung, das lebhaft redete und gestikulierte, saß neben einem ebenfalls attraktiven Jungen mit braunen Haaren, der überwiegend zuhörte. Die beiden waren bestimmt ein Paar. Neben dem Jungen saß wiederum ein schmales Mädchen, das schüchtern lächelte und nur ab und zu einen Satz einwarf. Das Mädchen war deutlich jünger als die beiden anderen, mindestens vier oder fünf Jahre, schätzte Olivia. Und neben diesem Mädchen saß ein leicht rundlicher Junge mit einer dicken Brille, der sich aufmerksam umsah, aber gelegentlich auch etwas sagte. Was hatten denn wohl diese beiden mit dem attraktiven jugendlichen Paar zu tun? Und das attraktive Paar war vielleicht doch kein Paar, wie sie nach einigen Minuten der Beobachtung feststellte, denn sie berührten sich nicht ein einziges Mal.

Mit solchen Überlegungen vertrieb sie sich die Zeit, bis es endlich losging. Erneut warf sie einen Blick auf die Uhr. Stefan war noch immer nirgends zu sehen, die Teams waren noch nicht eingelaufen, aber in wenigen Minuten würde es so weit sein.

*

»Kevin«, sagte Stefan, als er seinem Team in der Kabine eine letzte Ansprache vor dem Spiel hielt, »du lässt den Lukas Röttger nicht aus den Augen! Du bist sein Bewacher, der darf dir nicht entwischen. Du bist für den linken Flügel verantwortlich, denk daran. Lukas ist der gefährlichste Spieler der Reutlinger, ihr dürft ihm keinen Raum lassen. Du, Marco, passt auf der rechten Seite auf Mira Bott auf, sie ist nicht ganz so gut wie Lukas, aber auch gefährlich …«

Er ging das ganze Team durch, sprach jede und jeden noch einmal einzeln an, wiederholte die Aufgabenstellung, rief in Erinnerung, worauf besonders zu achten war, aber er machte es kurz, sah er doch, dass alle darauf brannten, endlich loszulegen und zu zeigen, was sie konnten. Wenn sie heute scheitern sollten, dachte er, wird es jedenfalls nicht an fehlender Motivation liegen.

Er klatschte in die Hände. »Also los, zeigen wir es ihnen!«

Alle sprangen von ihren Sitzen auf und verließen gleich darauf in geordneter Reihe die Halle. Aus der gegenüberliegenden Kabine kamen die Reutlinger. Als sie in die Halle liefen, erwartete sie dort ohrenbetäubender Lärm. Kevin fing einen kurzen Blick von Emma auf und erkannte, dass sie ähnlich beeindruckt war wie er. Dieses war das erste große Spiel ihres Teams. Natürlich wussten sie beide, wie es in großen Fußballstadien zuging, aber noch nie waren sie selbst angefeuert worden, hatten selbst im Mittelpunkt des Interesses gestanden. Kurz spürte Kevin, wie ihm flau wurde. Wenn er heute versagte, würde es dafür viele Zeugen geben, darunter zwei seiner Geschwister … Aber der kurze Anfall von Schwäche verging zum Glück schnell, zumal Emma ihm zuraunte: »Wir zeigen es ihnen, auf jeden Fall!«

Seine Blicke irrten durch die Halle, suchten seine Geschwister, Peter und Lou – und fanden sie schließlich auch. Sie kamen ihm sehr klein vor und sehr weit weg, aber in diesem Moment sah er, wie Lou aufsprang, mit zwei Fingern zwischen den Zähnen. Natürlich ging ihr Pfiff im allgemeinen Geschrei unter, aber er hätte schwören können, dass er ihn trotzdem hören konnte. Sie strahlte und winkte wie wild in seine und Emmas Richtung. In diesem Augenblick gingen die Fan-Gesänge los, der Trommler gab alles, und die meisten sprangen von den Sitzen hoch und hüpften im Takt. Er schielte zu den Reutlingern hinüber. Die sahen ganz schön eingeschüchtert aus, von ihren Fans waren ja auch viel weniger in der Halle.

Er merkte, wie seine Zuversicht wuchs, er war ja ohnehin keiner, der sich leicht Angst einjagen ließ. Sie hatten hart trainiert, sie hatten in den letzten Wochen enorme Fortschritte gemacht, und ihr Trainer, Herr Schellhorn, hatte ihnen immer wieder gesagt, dass sie Pioniere waren: »Das, was es im Profisport noch nicht gibt, wir machen es schon! Wir haben ein gemischtes Team aufgestellt, und bei uns sind die Mädchen so gut wie die Jungen. Macht euch das klar, an euch kann sich die Sportwelt ein Beispiel nehmen!«

Er war richtig stolz, dass er Teil dieses Teams war und dass Herr Schellhorn ihn aufgestellt hatte. Er würde alles tun, damit Rico, ihr Torhüter, heute nicht hinter sich greifen musste …

Der Schiedsrichter ließ eine Münze werfen, damit das gewinnende Team wählen konnte, in welcher Spielhälfte es anfangen wollte. Sobald das erledigt war, ertönte der Anpfiff, das Spiel konnte beginnen.

*

Als Leon einen Blick auf die Uhr warf, staunte er: Er hatte drei Stunden gearbeitet und in dieser Zeit mehr als die Hälfte dessen, was er sich für heute vorgenommen hatte, geschafft, ohne dass es ihm besonders schwergefallen wäre. Eher sogar im Gegenteil, die Arbeit war ihm erstaunlich leicht von der Hand gegangen. Jetzt aber brauchte er eine Pause und einen Kaffee.

Moni Hillenberg saß nicht an ihrem Schreibtisch, aber sie hatte offenbar gerade frischen Kaffee gekocht. Er füllte seinen Becher, gab einen Schuss Milch dazu und verließ das Büro, um sich wenigstens ein paar Minuten lang die Beine zu vertreten. Vor der Notaufnahme traf er auf Marie Laube, die freilich keinen Kaffee trank, sondern etwas, das nach Kräutern duftete.

»Na, Chef?«, fragte sie. »Wo verstecken Sie sich denn heute? Niemand hat Sie bislang zu Gesicht bekommen.«

Marie war die älteste Schwester der Klinik, es war Leons Schwiegervater gewesen, der sie als junge Frau eingestellt hatte. Leon betrachtete Marie in gewisser Weise als Seele der Klinik. Die Art, wie sie mit Patienten umzugehen verstand, war einzigartig. Ihr wurden Geheimnisse anvertraut, die sonst unter Verschluss blieben, und sie schaffte es sogar, völlig verzweifelte Menschen wiederaufzurichten. Leon hoffte, dass sie der Klinik und damit ihnen allen noch lange erhalten blieb.

»Büroarbeit, Marie«, sagte er. »Ein meterhoher Stapel Akten hat auf mich gewartet, einen halben Meter habe ich schon weg, schätze ich. Haben Sie Dienst in der Notaufnahme?«

Sie nickte. »Ist aber nicht viel los bisher. Dr. Felsenstein ist froh darüber.«

»Sie nicht?«

»Ich hätte lieber Patienten zu versorgen, ich habe nämlich auch einen Stapel Akten da liegen. Er ist nicht so hoch wie Ihrer, aber mir reicht es. Wenn nicht viel zu tun ist, muss ich an die Akten.« Sie nippte an ihrem Tee.