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Karin Bucha

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Beschreibung

Karin Bucha ist eine der erfolgreichsten Volksschriftstellerinnen und hat sich mit ihren ergreifenden Schicksalsromanen in die Herzen von Millionen LeserInnen geschrieben. Dabei stand für diese großartige Schriftstellerin die Sehnsucht nach einer heilen Welt, nach Fürsorge, Kinderglück und Mutterliebe stets im Mittelpunkt. E-Book 21: Kannst du mir verzeihen? E-Book 22: Kinder ohne Nestwärme E-Book 23: Hartwig Ingerhofs seltsame Ehe E-Book 24: Magdalena zwischen den Brüdern Holtkamp E-Book 25: Einer Liebe Opferweg E-Book 26: Ballnacht auf Schloß Hochberg E-Book 27: Bezaubernde Henriette E-Book 28: Spiel mit dem Glück E-Book 29: Träume kann man nicht vergessen E-Book 30: Ann und die Macht der Versuchung E-Book 1: Kannst du mir verzeihen? E-Book 2: Kannst du mir verzeihen? E-Book 3: Kinder ohne Nestwärme E-Book 4: Kinder ohne Nestwärme E-Book 5: Hartwig Ingerhofs seltsame Ehe E-Book 6: Hartwig Ingerhofs seltsame Ehe E-Book 7: Magdalena zwischen den Brüdern Holtkamp E-Book 8: Magdalena zwischen den Brüdern Holtkamp E-Book 9: Einer Liebe Opferweg E-Book 10: Einer Liebe Opferweg E-Book 11: Ballnacht auf Schloß Hochberg E-Book 12: Ballnacht auf Schloß Hochberg E-Book 13: Bezaubernde Henriette E-Book 14: Bezaubernde Henriette E-Book 15: Spiel mit dem Glück E-Book 16: Spiel mit dem Glück E-Book 17: Träume kann man nicht vergessen E-Book 18: Träume kann man nicht vergessen E-Book 19: Ann und die Macht der Versuchung E-Book 20: Ann und die Macht der Versuchung

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Seitenzahl: 1889

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Kannst du mir verzeihen?

Kinder ohne Nestwärme

Hartwig Ingerhofs seltsame Ehe

Magdalena zwischen den Brüdern Holtkamp

Einer Liebe Opferweg

Ballnacht auf Schloß Hochberg

Bezaubernde Henriette

Spiel mit dem Glück

Träume kann man nicht vergessen

Ann und die Macht der Versuchung

Karin Bucha – Staffel 3 –E-Book 21-30

Karin Bucha

Kannst du mir verzeihen?

Ein zu Herzen gehender Schicksalsroman

Roman von Karin Bucha

Geschieden!

Beide schuldig geschieden!

Brigitte Markhoffs Kopf sank tief auf die Brust. Sie hatte jeden Sinn für ihre Umgebung verloren.

Ihre Hände umkrampften das harte Holz der Bank, auf der sie noch immer saß. Erst als ihr Anwalt zu ihr trat, besann sie sich.

»Was ist mit dem Kind, Herr Doktor?« fragte sie angsterfüllt. Es

schien, als wäre plötzlich wieder die alte Leidenschaft, mit der sie in dem Ehescheidungsprozeß um das Kind gekämpft hatte, in ihr erwacht. »Was ist mit meinem Kind?«

Behutsam legte der Anwalt seine Hand auf den Arm der jungen Frau und sagte gütig:

»Das Kind wurde Ihnen zugesprochen!«

»Großer Gott – ich danke dir«, sagte sie leise und lehnte sich aufatmend zurück. Der Schein eines Lächelns irrte um ihren Mund. Nun gehörte das Kind ihr, ihr ganz allein! Das kleine, empfindsame Seelchen blieb in ihrem Schutz.

»Ihrem Mann steht aber das Recht zu, das Kind von Zeit zu Zeit zu sehen«, unterbrach der Anwalt Brigittes Gedanken.

Mechanisch nickte sie. Was bedeuteten ihr diese Worte in dem berauschenden Glücksgefühl! – Ursula gehörte ihr! Nun gab es doch einen Lebensinhalt für sie: Ursula! All ihre Liebe und Sehnsucht umschloß dieser Name, war auch ihr Traum von Liebe, Glück und Treue jäh zerbrochen.

Weiter konnte sie nicht denken. Ein Krampf preßte ihr das Herz zusammen. Sie neigte den Kopf mit dem rostbraunen Haar, das wie eine Krone über der Stirn schimmerte. Ihre Schultern zuckten von Schluchzen. Stärker als je zuvor traf sie der Schmerz und die Verzweiflung über ihr junges und doch schon so verfehltes Leben. Heute hatte sie die letzten Ideale, mit denen sie in die Ehe gegangen war, begraben müssen. Man hatte ihr Herz mit Füßen getreten und bitteres Leid in ihre Seele gesenkt.

Fassungslos stand der Anwalt vor Brigitte. Er ahnte ja nicht, was in der wunden Seele der Frau vorging, sondern glaubte vielmehr, sie müsse froh sein, endlich von der Qual ihrer Ehe befreit zu sein. Leise besänftigend bat er:

»Frau Markhoff, fassen Sie sich!«

Brigitte aber weinte weiter, hemmungslos.

»Frau Markhoff!«

Allmählich wurde das Weinen leiser, das an den Schmerz eines hilflosen Kindes erinnerte. Endlich hob sie das tränennasse, schöne Gesicht zu dem Anwalt auf und trocknete hastig die Augen. Ihre Lippen bebten, als sie, wie zu sich selbst, sagte:

»Das also ist das Ende einer großen Liebe!«

Dr. Reger sah das tiefe Leid, geboren aus zerschlagenen Hoffnungen und bitteren Enttäuschungen, das dem bleichen, feinen Frauenantlitz seinen harten Stempel aufgedrückt hatte. Er sah den Zug, der um den blassen, schöngeschwungenen Mund gegraben war, und war voll des Mitgefühls für die Frau, die sich die ganze Zeit so überaus tapfer gehalten hatte.

»Wenn Sie sich noch ein paar Minuten gedulden, könnte ich Sie nach Hause begleiten«, schlug er ihr vor.

Heftig abwehrend schüttelte sie den Kopf.

»Danke, Herr Doktor, ich finde allein heim. Allein werde ich ja nun auch meinen Weg durchs Leben gehen müssen.«

»Sie haben Ihr Kind, Frau Markhoff!« mahnte Dr. Reger und nahm die eiskalte Hand der jungen Frau.

»Ja, ich habe mein Kind, meine Ursula.« Plötzlich drückte sie heftig die Hand des Anwalts. »Und Ihnen habe ich das zu danken, Ihnen ganz allein.«

Reger wehrte ab. »Weil Sie bewiesen haben, daß Sie stets der Hüter der kleinen Kinderseele waren.«

In einem sie jäh anfallenden Angstgefühl schloß Brigitte die Augen und flüsterte: »Aber das Urteil, Herr Doktor! Das Gericht hat mich als mitschuldig verurteilt.«

Der Anwalt hob leicht den Kopf.

»Das ist mir mehr als unverständlich. Aber die Zeugen, die Ihr Mann aufmarschieren ließ, haben ja geradezu von dem liebenswürdigen, höflichen und tüchtigen Fred Markhoff geschwärmt, und nicht einer hat etwas Nachteiliges über ihn ausgesagt. Gegen seelische Marter gibt es eben leider bei uns noch keine Paragraphen. Belastend war allerdings der erwiesene Leichtsinn und das fehlende Verantwortungsgefühl Ihres Mannes.«

Und seine immerwährende Untreue, seine Gefühlsrohheit und sein Hang zum Sadismus – setzte Brigitte in Gedanken hinzu. Laut sagte sie: »Ja, die Liebenswürdigkeit Fred Markhoffs, die bestechende Höflichkeit! Ihretwegen wurde ich gezwungen, eine Schuld zu büßen, an der ich keinen Anteil habe.« Mit harter Stimme sprach sie weiter: »Aus! Vorbei! Die Hauptsache ist, daß ich in Zukunft mit meinem Kind allein bin.«

Der Anwalt sah ernst hinter der schlanken Frauengestalt her. Ihm schien, als trüge sie eine unsichtbare Last auf ihren schmalen Schultern.

*

Mit müden Schritten stieg Brigitte die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Sie war am Ende ihrer seelischen Kraft. Jeder Nerv in ihr bebte, und ihr Herz schlug rasend. Geschieden! Das Wort klang ihr wie ein höhnender Schrei in den Ohren. In der Wohnung empfing sie bedrückende Stille. Ihr Kind hatte sie schon vor Wochen zu den Eltern gegeben, damit Ursula nicht mit in den bösen Streit hineingezogen wurde.

Aber nun war sie frei, endgültig frei, und die Sehnsucht nach Ursula, dem lieben, herzigen Geschöpf, wurde übermächtig in ihr.

Brigitte ging ins Schlafzimmer, warf sich auf das Bett und schloß die Augen.

Aus dieser seelischen und körperlichen Erschöpfung schreckte sie ein Geräusch. Sie richtete sich jäh auf und lauschte. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, die Tür wurde geöffnet und Schritte, die ihr das Blut in den Adern stocken ließen, kamen den Korridor entlang. Jetzt machten sie vor der Tür ihres Schlafzimmers halt.

Fred! Fred war gekommen, seine Koffer zu holen!

Mit einem Ruck hatte sie sich erhoben. Aber die Kräften drohten sie zu verlassen, und es wurde ihr nicht leicht, die sie anfallende Schwäche zu überwinden.

Da wurde auch schon die Tür aufgerissen – Fred Markhoff stand im Zimmer.

Alles schien sich um Brigitte zu drehen. Nur langsam ließ die wahnsinnige Erregung nach.

»Was willst du bei mir? Du hast kein Recht, hierher zu kommen!«

»Meine Koffer will ich holen, sonst nichts!« entgegnete Markhoff höhnend.

Sie hob die Hand und wies auf die Tür.

»Du weißt genau, wo du sie findest. Bei mir jedenfalls nicht. Bitte, laß mich allein!«

Markhoff trat ein paar Schritte zurück, aber er ließ die schlanke, zitternde Frau nicht aus den Augen. Wie schön sie war!

»Vielleicht will ich auch noch etwas anderes von dir«, sagte er gedehnt.

In ihren Augen flatterte Entsetzen auf.

»Zwischen uns gibt es keine Gemeinschaft mehr!«

»Du irrst!« lachte er, und dieses Lachen, mit dem er ihr Schimpf über Schimpf angetan hatte, jagte ihr eisige Schauer über den Rücken. »Du vergißt das Kind! Wo steckt Ursula überhaupt?«

Brigittes weit geöffnete Augen sahen zur Seite. Machte sich nicht schon jetzt die Kette bemerkbar, die ihr das Schicksal und der heutige Urteilsspruch angelegt hatten?

»Bei meiner Mutter«, sagte sie widerwillig. Voller Abscheu wandte sie sich dem Fenster zu. Plötzlich fuhr sie herum. »Du wirst doch nicht etwa so taktlos sein und zu meinen Eltern gehen, um dort das Kind zu sehen?«

Er wich ihren Blicken aus. Lässig griff er in die Brusttasche und entnahm dieser seine Zigarettendose. Spielerisch drehte er sie zwischen den gepflegten Fingern.

Brigitte sah auf seine weißen Hände. Sie haßte diese Hände, die alles zerstörten, was sie ergriffen.

»Vielleicht, ich weiß noch nicht«, erwiderte er zögernd und sah mit halbgeschlossenen Lidern auf die Frau, die er plötzlich wieder begehrte.

Hastig trat er ein paar Schritte auf sie zu.

»Brigitte, warum hast du so wenig Verständnis für meine Schwächen gehabt? Warum kämpftest du nicht gegen den Leichtsinn, der mir nun einmal im Blut sitzt?«

Einen Augenblick starrte sie den Sprecher atemlos an. Maßloser Zorn wallte in ihr empor. Ihre Augen blitzten ihn verächtlich an.

»Warum ich kein Verständnis für deine Schwächen gehabt habe?« wiederholte sie und ballte die Hände. »Weil ich so nicht weiterleben konnte! Menschen wie dir, die noch Rücksicht für ihren Leichtsinn verlangen, die in ihre Schwächen verliebt sind, ist nicht zu helfen. Du hast ein Kind in die Welt gesetzt, ohne dir der Pflichten bewußt zu sein, die du damit auf dich nahmst! Du hättest sogar gewissenlos das Leben deines Kindes gefährdet, wenn ich nicht ein Ende unserer Ehe herbeigeführt hätte. Du taugst nicht zum Ehemann.«

Erschöpft hielt Brigitte inne. Furcht vor den drohenden Augen des Mannes griff an ihr Herz. Doch gleich warf sie den Kopf stolz in den Nacken. Nein, frei war sie, innerlich frei, und es schaffte ihr unendliche Erleichterung, ihm ihre ganze Verachtung ins Gesicht schleudern zu können. Kalt wies sie zur Tür.

»Geh! Hoffentlich kreuzen sich unsere Wege nie wieder.«

Mit aschfahlem Gesicht und fliegenden Händen versuchte Markhoff, sich eine Zigarette anzuzünden. Es gelang ihm nicht. Irgendwie war er von den harten Worten tief getroffen. Aber er suchte die Schuld nicht bei sich.

»Du wirst noch sehr oft von mir hören«, schrie er boshaft. »Ich werde Ursula besuchen, wann ich will, und für diese Worte werde ich mich hundertfach an dir rächen. Du wirst noch einmal an diese Stunde denken.«

Den Oberkörper nach vorn geneigt, lauschte Brigitte auf die Schritte, die sich nach der Haustür entfernten.

Dann wurde sie zugeschlagen, und damit fiel auch die Lähmung von Brigitte.

Mit einem Wehlaut sank sie in sich zusammen.

*

»Mami – Mami!«

Brigitte Markhoff blieb stehen. Sie hatte eben den Garten des väterlichen Hauses betreten und die Tür leise ins Schloß klappen lassen, als sie die helle, jubelnde Stimme ihrer Tochter vernahm.

»Ursula!«

Sie neigte sich hinab und öffnete weit die Arme, um die kleine Gestalt in dem duftigen weißen Kleidchen aufzufangen, die atemlos auf sie zugestürmt kam.

»Mami! Meine gute Mami! Endlich bist du da! Nimmst du mich nun mit heim?«

Der eiserne Ring, der sich um Brigittes Herz gelegt hatte, schien zu zerspringen. Alles Bedrückende löste sich. Eine Tränenflut spülte es hinweg, während sie ihr Gesicht fest an die weiche Wange des Kindes drückte und den zarten Körper an sich preßte.

»Ursula – mein Liebling!«

Bestürzt faßten die zierlichen Finger des Kindes nach Brigittes Gesicht.

»Du weinst, Mami – du bist traurig?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es sind Freudentränen«, flüsterte sie bewegt. »Ich nehme dich mit, Ursula. Nun bleiben wir für immer beisammen, du und ich!«

»Und Vati?« fragte Ursula mit kindlicher Unbekümmertheit.

»Vati?« Hilfesuchend hob Brigitte den Blick zu der schlanken dunkelgekleideten alten Dame, die dem Kind langsam gefolgt war. Sie wußte nicht, inwieweit die Mutter Ursula aufgeklärt hatte. Sie wußte auch nicht, wie sie dem Kind die Änderung der Verhältnisse klarmachen sollte.

Aber Frau Kläre Freier enthob Brigitte vorläufig der peinlichen Beantwortung dieser Frage, indem sie Ursula aus den Armen der Mutter löste.

»Lauf schnell zum Opa, Ursel, und sag ihm, daß Mami gekommen ist! Er hält auf der Terrasse ein Mittagsschläfchen.«

Gehorsam nickte Ursula, drückte aber schnell noch einmal ihre zarten Lippen auf die Wange der Mutter. Auch deren Hand gab sie nur ungern frei. Beinahe krampfhaft hielt sie sie umschlossen, und Brigitte war es, als ströme von der kleinen zarten Kinderhand so viel Wärme aus, daß sie es bis zum Herzen zu spüren vermeinte.

»Mami!« sagte Ursula noch einmal zärtlich und schaute mit glücklichem Lächeln zu Brigitte auf. Dabei hielt sie das feine Köpfchen mit den dicken braunen Locken zur Seite geneigt. Das war eine Bewegung, die Brigitte an dem Kind schon immer entzückt hatte.

»Ursula – mein Liebling!«

Nun erst sprang Ursula davon, und die beiden Frauen waren allein. Unter den Obstbäumen, die den schmalen Gartenweg umsäumten, gingen sie langsam wie unter einem grünen Dom dahin.

Brigitte spürte ganz deutlich die Spannung, von der die Mutter erfüllt war.

»Nun ist alles vorüber, Brigitte?«

»Ja, Mutter!« erwiderte sie leise, und ein tiefer Atemzug begleitete ihre Worte.

»Und wie lautet das Urteil?«

Mit einem Ruck wandte Brigitte den Kopf, und in einer sie plötzlich anfallenden Angst sagte sie zunächst das, was für sie günstig war.

»Das Kind gehört mir, Mutter.«

»Gottlob!« Brigitte bemerkte, wie die Mutter ebenfalls aufatmete. Aber die gab sich mit dieser Antwort noch nicht zufrieden.

»Und sonst?«

»Beide schuldig!« Zaghaft lösten sich die Worte von Brigittes Lippen. »Aber das Urteil bedeutet für mich die Erlösung von einer unsagbaren Qual«, fügte sie dann hart hinzu.

Fassungslos blickte die alte Dame in das leidenschaftlich bewegte Gesicht der sonst so sanften Tochter. Dann sagte sie tonlos:

»Das hättest du dir auch früher überlegen können, wenn man verheiratet ist, ist es zu spät.«

»Nein – und tausendmal nein!« schrie Brigitte. »Habe ich vorher wissen können, daß ich mein Schicksal einem Unwürdigen anvertraute? War ich denn nicht ebenso gläubig vertrauend wie du, als du Vater wähltest? Meiner Meinung nach ist es schmachvoller, eine entwürdigende Ehe zu führen, als ein neues Leben zu beginnen.«

»Wenn man keine Kinder hat, magst du Recht haben.«

»Auch in ihrem Fall hat Brigitte recht«, unterbrach eine tiefe Männerstimme die Überlegungen der Mutter.

»Vater – lieber Vater!«

Mit einem hellen Aufschrei warf sich Brigitte an die Brust des Vaters. Sie sah unter Tränen in seine hellen, gütigen Augen und schluchzte:

»Wenn du wüßtest, was dein Verständnis für mich bedeutet! In mir ist noch alles so verworren.«

Sie weinte, und Frau Kläre Freier nahm Ursula, die soeben mit fragenden Augen unter der Tür erschienen war, bei der Hand und ging mit ihr hinaus.

»Das Urteil, Brigitte?«

Brigitte löste sich vom Hals des Vaters und trocknete die Tränen. Schon wieder überkam sie völlige Mutlosigkeit.

»Wir sind beide schuldig geschieden!« sagte sie und lief ruhelos im Zimmer hin und her. Hinter ihren Schläfen pochte und arbeitete es fieberhaft. Sie erschrak, als der Vater ihr plötzlich den Weg versperrte.

»Wie konnte das geschehen?«

Brigitte zuckte die Schultern.

»Ich weiß es nicht, Vater; aber du kennst eben Fred Markhoff nicht. Er hat es jedenfalls fertiggebracht. Wahrscheinlich mit bestochenen Zeugen. Ich habe keine Ahnung. Mein Anwalt war genauso sprachlos.«

»Er war bereits hier und wollte das Kind sehen.«

Brigittes Hände fuhren empor und sanken dann schlaff herab.

»Natürlich haben wir es ihm verweigert«, vollendete Philipp Freier.

Brigitte fiel ein Stein vom Herzen. Aber war damit die Gefahr beseitigt?

»Er darf das Kind sehen, laut Richterspruch«, erklärte sie mit verzweifelter Stimme.

»In meinem Haus aber niemals!« In den Augen des alten Mannes loderte es zornig auf. »Ich jage ihn eigenhändig davon, diesen gewissenlosen Menschen, der dieses Elend über dich gebracht hat.«

Brigitte versuchte zu lächeln. Es nahm sich seltsam aus in dem bleichen, verhärmten Frauenantlitz.

»Vater, wenn ihr mich doch verstehen würdet! Ich bin froh und glücklich, endlich frei von ihm zu sein. Ich habe doch mein Kind, meine Ursula!«

Plötzlich kam Kläre atemlos ins Zimmer gestürzt. »Philipp – Brigitte – um Gottes willen – ich kann nicht mehr vor Schreck…«

Brigitte fuhr auf. »Ursula!« Sie glaubte zu wissen, was geschehen war. »Du wirst noch an mich denken«, hatte ihr Fred Markhoff vor wenigen Stunden gedroht.

Um Gottes willen…

Ehe die Eltern es verhindern konnten, rannte Brigitte in den Garten. Man hörte ihre verzweifelten Rufe: »Ursula! Ursula!« Dann erstarb die Stimme in Schluchzen.

Die alten Leute sahen sich entsetzt an. Aber noch ehe sie ein Wort hervorbringen konnten, wurde die Tür aufgerissen.

Anna Schneider, eine alte Bekannte, stand auf der Schwelle.

»Guten Tag«, grüßte sie und betrachtete die beiden teils erstaunt, teils empört. »Was ist denn eigentlich in Brigitte gefahren? Sie rannte eben an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Ich finde, das ist ein sehr eigentümliches Benehmen.«

»Ich weiß auch nicht, was sie hat«, stammelte Kläre. »Es muß ein Mißverständnis sein. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich will nach ihr sehen.«

Rasch verließ sie das Zimmer und eilte in den Garten. Dort sah sie Brigitte auf einer Bank sitzen, die kleine Ursula fest in ihren Armen haltend.

»Was ist denn nur los, Brigitte?« fragte sie ungehalten. »Weshalb bist du denn wie von Sinnen davongestürzt?«

»Ach, Mutter«, erwiderte Brigitte noch ganz atemlos. »Du kamst und warst so aufgeregt, und da dachte ich, es wäre etwas mit Ursula…«

»Welch ein Unsinn! Ich wollte doch nur sagen, daß Frau Schneider kommt! Du weißt doch, wie sie ist. Sie will uns sicher nur wegen deiner Scheidung aushorchen. Sei so gut, Brigitte, und bleib mit der Kleinen vorläufig im Garten. Es wäre mir peinlich, wenn du jetzt mit ihr zusammenträfst. Sie war sowieso schon ungehalten, daß du ohne Gruß an ihr vorbeigelaufen bist. Ach«, fuhr sie nach einer Pause fort, »wie ist das alles schrecklich!«

Brigitte erhob sich, ihr Gesicht war schneeweiß.

»Ihr sollt meinethalben keine Unannehmlichkeiten haben.« Tapfer verbiß sie die aufsteigenden Tränen. »Ich gehe. Lebt wohl! Grüß Vater!«

»Brigitte – bleib doch!« forderte die Mutter sie auf, aber ihren Worten fehlte die Herzlichkeit.

Brigitte nahm das verängstigte Gesicht des Kindes in ihre Hände und sah ihm ganz tief in die klaren Augen.

»Komm, mein Liebling, wir gehen heim.«

Wenige Minuten später verließ sie mit ihrer Tochter das Elternhaus.

Jeden Schritt, den sie tat, spürte sie wie einen harten Stoß im Herzen. Sie fühlte, daß es ein Abschied für immer war.

Ein Lied fiel ihr ein, das sie in ihrer Jugendzeit gehört hatte. Nur wenige Worte wußte sie noch davon, aber trafen diese nicht auf ihr Leben zu? Flüsternd sagte sie den Text vor sich her:

»Die Nixe da unten im Wasser hat uns eine Wiege bestellt.

Für uns blinkt kein Sternlein am Himmel. Wir haben kein Glück auf der Welt!«

Fest drückte sie die kleine Hand, die sich so vertrauensvoll in die ihre schmiegte und neigte sich zu ihrem Kind hinab.

»Nun habe ich nur noch dich, Ursula!«

Ursula aber schlang die Ärmchen fest um den Hals der Mutter und versicherte innig:

»Ich hab’ dich auch sehr lieb, Mami, sooo lieb!«

Es war, als verstünde Ursula, daß die Mutter gerade jetzt wissen mußte, wie sehr sie sie liebte. Und mit ernsthaftem Kopfnicken bestätigte sie nochmals:

»Sooo lieb, Mami!«

Mit geschlossenen Augen nahm Brigitte dieses innige Bekenntnis in sich auf. Weshalb war sie eigentlich verzagt? War sie nicht zu beneiden? Gehörte der ganze Liebesreichtum des kleinen Kinderherzens nicht ihr – ihr allein?

»Mein Liebling!« flüsterte sie zärtlich, wieder etwas ruhiger. »Meine Ursula!«

Die Hand des Kindes fest in der ihren haltend, setzten sie ihren Weg fort. Es war sehr still zwischen Mutter und Kind. Ursulas kleiner Mund war verstummt. Ernst, fast feierlich blickte die Mutter drein.

Das Kind fühlte deutlich, daß sie heute anders als sonst war. Aber es spürte auch die tiefe Liebe der Mutter, die es wie ein schützender Mantel umgab und schon in dem Druck der Hand spürbar wurde. Und willig schmiegte sie die kleinen Finger hinein. Sie unterdrückte auch tapfer alle Fragen darüber, warum sie so schnell von den Großeltern fortgegangen waren; sie hatte sich nicht einmal von Opa und Oma verabschieden können.

Strahlend stand die Sonne über dem Birkenwäldchen, dem Brigitte zustrebte. Klar und wolkenlos wölbte sich der Himmel über den Bäumen. Ein starker, betäubender Duft strömte aus den Gärten, an denen ihr Weg vorbeiführte. Auf einem Weg, der in ein neues Leben führen sollte, in eine bessere Zukunft, die ganz allein ihr und dem Kind gehörte.

Allmählich wurde Brigitte zuversichtlicher gestimmt. Sie ging schneller und elastischer, doch immer darauf bedacht, mit den trippelnden Kinderfüßchen Schritt zu halten.

Auch ihre Erregung verebbte mehr und mehr. Neuer Lebensmut, neuer Lebenswille durchströmte ihren Körper.

*

Breit und behäbig ließ sich Anna Schneider in den Sessel nieder, den Kläre Freier ihr mit zitternden Händen zugeschoben hatte.

»Wo ist denn Brigitte?« fragte sie jetzt. »Was hatte sie nur?« Dabei ließ sie ihre hellen wässerigen Augen umherschweifen. Der Tonfall ihrer Stimme war schleppend und stand im Widerspruch zu den Nadelstichen, die sie versetzen konnte. »Gerade zu Brigitte wollte ich.«

Philipp Freier hatte noch nie Sympathie für die Frau empfunden, nur den nötigen Respekt brachte er ihr entgegen. Jetzt aber stieg ein empfindlicher Widerwille in ihm empor.

Bevor er jedoch die scharfe Antwort, die er auf der Zunge hatte, hervorbringen konnte, sagte seine Frau:

»Brigitte hat soeben das Haus verlassen und…«

»Nanu«, unterbrach Anna Schneider sie verwundert. »Das sieht ja beinahe wie Flucht aus!«

»Weshalb sollte Brigitte ausgerechnet vor Ihnen fliehen?« fragte Philipp Freier. »Sie können sie ja jederzeit in ihrem Heim aufsuchen, wenn Sie sie unbedingt sprechen müssen.«

Offener Spott lag in diesen Worten, und wenn sie ihn spürte, dann überging sie ihn absichtlich.

»Um Gottes willen!« Sie hob entsetzt die Hände. »Nachdem Brigitte sich so benommen hat!«

Ein verweisender Blick aus Philipp Freiers Augen traf die Frau. Zornige Röte stieg ihm in die Stirn. Aber er schwieg. Sie war die Frau seines Vorgesetzten, und er hatte Rücksicht zu nehmen.

»Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?« fragte Kläre rasch, um die peinliche Pause zu überbrücken.

»Nein, danke! Ich habe nicht so viel Zeit«, lehnte sie etwas von oben herab ab. »Wissen Sie übrigens auch, daß man Brigitte nicht verstehen kann?«

»Wer ist man?« kam es kurz aus Freiers Mund.

Diese Gegenfrage brachte Anna Schneider außer Fassung. Ihr an sich schon gerötetes Gesicht färbte sich ärgerlich dunkelrot.

»Nun, alle – alle, die Fred Markhoff kennen«, stieß sie hervor.

»Die ihn so gut kennen wie meine Brigitte?« fragte er und lächelte spöttisch.

»Mein lieber Herr Freier, ich verstehe Sie nicht!« entgegnete Anna Schneider, sich mühsam beherrschend.

»Ich Sie auch nicht. Wollen Sie nicht offen bekennen, was Sie an Brigitte auszusetzen haben?«

»Auszusetzen? Das ist wohl zuviel gesagt. Man hat ja auch so wenig Einfluß auf Brigitte, sonst hätte man ihr rechtzeitig ins Gewissen reden können. Nun ist es zu spät – nun ist die Ehe geschieden.«

»Sie sprechen immer nur von Brigitte«, wandte Freier scharf ein.

»Wollen Sie sich etwa zum Richter über Brigitte aufwerfen? Wer kann wissen, wie es in einer Ehe aussah? Oder finden Sie Fred Markhoff auch so überaus liebenswürdig, höflich, zuvorkommend und was weiß ich alles?«

»Erlauben Sie mal, ich gehöre doch nicht zu denjenigen, die…«

Mit einer abweisenden Handbewegung schnitt er ihr das Wort ab.

»Sie machen sich zum Sprecher der anderen, folglich müssen Sie auch deren Meinung teilen. Was hätten Sie sonst für ein Interesse daran?«

Anna Schneider sah unbehaglich zu der stattlichen Gestalt Freiers auf, der an seinem Sessel lehnte. Sie hätte besser kommen sollen, wenn er nicht dagewesen wäre.

»Fred Markhoff ist ein angesehener, reicher Mann…«

»… dem wir unser Kind bestimmt nicht gegeben hätten, wenn wir damals gewußt hätten, was wir heute wissen.«

»Aber ich bitte Sie, Fred Markhoff kann an jedem Haus anklopfen, er wird willig eingelassen, und eine Frau wird er sehr schnell wieder finden.«

Philipp Freier neigte sich etwas nach vorn. Noch immer lag das spöttische Lächeln auf seinen Lippen.

»Die hatte er leider schon gefunden, als er noch mit Brigitte verheiratet war. Und jetzt? Bitte, er ist ja nun frei. Die hiesigen Familien mit den heiratsfähigen Töchtern können ihr Haus nunmehr sehr weit vor dem ehrenwerten Herrn Markhoff öffnen.«

»Fred Markhoff ist sehr einflußreich«, gab die Frau hochmütig zur Antwort.

»Natürlich, sehr einflußreich«, spöttelte Freier. »Vor allem das viele Geld, das er besitzt, dürfen Sie nicht vergessen. Geld wird immer gebraucht; ob die Menschen innerlich sauber sind, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, nicht wahr?«

»Was wollen Sie damit sagen?« Anna Schneider war erblaßt.

»Oh, nicht mehr als Sie!« Freier tat harmlos. »Geld ist ein so wichtiger Faktor, daß man, wenn man es in genügender Menge besitzt, ruhig andere Menschen quälen darf, vor allem die eigene Frau.«

»Aber ich verstehe Sie nicht. Es tut mir aufrichtig leid, daß Brigitte sich ein solches Glück leichtsinnig verscherzt hat«, versuchte sie abzulenken.

Freier durchschaute sie.

»Ich will Ihnen mal etwas sagen, Frau Schneider.« Er zwang sich zur Ruhe. »Wollen wir das nicht einzig und allein Brigitte überlassen? Sie wissen nicht – aber wir wissen, daß diese Ehe für Brigitte kein Glück war. Ich habe nicht damit gerechnet, daß man Brigitte verstehen wird, aber ich dulde auf keinen Fall, daß man ihr in irgendeiner Form zu nahe tritt.«

Immer schärfer war sein Ton geworden, immer lauter die Stimme. Nun brach er ab, ärgerlich über sich selbst, daß er die Frau überhaupt einen Augenblick ernst genommen hatte.

»Es ist besser, ich gehe«, sagte Frau Schneider spitz. »Sie mißverstehen mich, und dabei will ich doch nur Brigittes Bestes.«

»Ich verstehe Sie wirklich sehr gut. Brigitte ist ein selbständiger Mensch. Sie ganz allein wird wissen, was für sie und das Kind gut ist. Einem Dritten steht kein Recht zu, darüber zu urteilen, noch dazu von seinem eigenen engen Gesichtskreis aus…«

»Philipp!« warf Kläre erschrocken ein.

»Ich sehe schon, Sie legen mein Kommen falsch aus. Dann muß Brigitte eben das Los einer geschiedenen Frau tragen.«

Eisige Kälte ging plötzlich von Philipp Freier aus.

»Wenden Sie sich mit Ihren Worten bitte an Fred Markhoff, dort dürften sie angebracht sein!« Er zog seine Uhr. »Meine Zeit ist begrenzt, ich muß zum Dienst. Wiedersehen, Frau Schneider! Grüßen Sie Ihren Mann!«

Er verneigte sich kurz vor der Frau und verließ mit harten, schweren Schritten das Zimmer.

Stumm begleitete Kläre die wütende Frau zum Gartentor, reichte ihr die Hand und bat leise:

»Nehmen Sie die Schroffheit meines Mannes nicht übel. Er kann nicht vertragen, wenn man etwas gegen Brigitte sagt.«

Frau Schneider legte den Kopf mit der Miene einer beleidigten Königin in den Nacken.

»Es tut mir leid, daß er sich mir gegenüber so hinreißen ließ. Er muß ja wissen, was er zu tun und zu lassen hat – wir jedenfalls auch. Wiedersehen!«

Sie rauschte davon in einem viel zu weiten, schweren Kleid, auf das die Sonne unbarmherzig brannte.

Lange sah Kläre der derben Gestalt nach, dann ging sie eilig ins Haus.

*

Die Zeit bleibt nicht stehen; unaufhaltsam eilt sie weiter. Und das ist gut, denn sie heilt die Wunden, die das Leben schlägt.

Brigitte lebte sehr zurückgezogen mit ihrem Kind. Inniger denn je vertiefte sie sich in die kleine Kinderseele. Unermüdlich spielte sie mit Ursula. Manchmal fragte sie das Kind:

»Willst du nicht zu deinen Freundinnen gehen?«

Doch Ursula wollte nicht. Die Mutter war ihr die liebste Spielgefährtin. Brigitte fürchtete, ihre Tochter könne dadurch zu ernst, zu früh reif werden, aber mit Gewalt wollte sie sie auch nicht zu den Altersgefährtinnen schicken.

Ruhig, gleichmäßig floß das Leben für Mutter und Kind dahin. Nur zwei Sorgen lasteten wie ein schwerer Alp auf Brigitte. Da war zunächst die Sorge um ihre und des Kindes Zukunft. Sie mußte arbeiten, Geld verdienen. Aber noch wußte sie nicht, wie sie das beginnen sollte. Ihre zweite Sorge war Markhoff. Nie kam die Angst vor ihm ganz in ihr zur Ruhe. Mit einer Drohung hatte er sie verlassen, und sie kannte ihn. Er führte seine Drohungen aus.

Aber als Tag um Tag verging und nichts geschah, wurde sie allmählich ruhiger.

Sie konnte sogar hin und wieder mit dem Kind herzlich lachen und fröhlich sein, über irgendein Bild, über eine drollige Bemerkung Ursulas.

An einem Sonntagmorgen, als die Sonne in strahlender Schönheit aufgegangen war und Brigitte die letzten Vorbereitungen traf, um mit Ursula einen schönen Ausflug in den Wald zu machen, wurde sie durch ein Schellen an die Wohnungstür gerufen.

Sie stand einem jungen Mädchen gegenüber, das freundlich grüßte und fragte:

»Sind Sie Frau Markhoff?«

Brigitte vermochte es nur durch ein Kopfnicken zu bestätigen. Etwas preßte ihr die Kehle zusammen; eine Ahnung, ein Schreck durchzuckte ihr Herz.

»Ich soll diesen Brief abgeben und auf Antwort warten.«

Zögernd nahm Brigitte den Brief, ließ das junge Mädchen eintreten und wies auf den Korbsessel am Fenster in der kleinen Diele.

»Bitte, nehmen Sie einstweilen Platz!«

Wie aufgezogen ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich in die Ecke der Couch und öffnete den Umschlag. Ihre Hände zitterten dabei so heftig, daß ihr der Brief entfiel und zu Boden flatterte.

Sie wußte: Dieser Brief kam von Fred. Sie stöhnte leise, als sie sich niederbeugte und ihn aufhob.

Liebe Brigitte!

Da ich Sehnsucht nach Ursula habe, bitte ich Dich, mir das Kind für eine Stunde zu schicken.

Sie lehnte den Kopf an die Wand. Für eine Stunde! Ihre Augen irrten umher, blieben an dem duftigen Kinderkleidchen hängen, das über den Stuhl gebreitet war und das sie in der Nacht noch fertig genäht hatte, damit Ursula es heute tragen sollte.

Und nun verlangte Markhoff das Kind!

Doch gleich schalt sie sich töricht. Sie zwang Angst und Entsetzen nieder. Nur für eine Stunde! Sie durfte ihm Ursula nicht verweigern. Er war dazu berechtigt, sie zu sehen, zu sprechen. Trotzdem, die bittere Enttäuschung blieb.

Schwerfällig erhob sie sich, und schwerfällig ging sie in ihr Schlafzimmer, wo auch das Bett der Tochter stand.

»Ursula!«

Das Kind öffnete die Augen, blinzelte verschlafen und lächelte dann die Mutter an.

»Fahren wir jetzt schon, Mami?«

Traurig schüttelte Brigitte den Kopf, hob das Kind aus den Kissen und nahm es auf ihren Schoß.

»Hör mal gut zu, Ursula! Dein Vati ist von der Reise zurückgekommen und will dich sehen. Du bist doch schon groß, du wirst jetzt nicht weinen, sondern mit dem Mädchen, das dich zu ihm bringen wird, gehen.«

Ursula schaute verständnislos in Brigittes Gesicht.

»Vati will mich sehen?« Sie lächelte. »Aber Mami, dann braucht er doch nur herzukommen!«

»Das geht leider nicht, Ursula. Komm, ich mach’ dich recht schön«, redete sie auf das Kind ein, dabei war ihr das Herz so schwer.

Ursulas eben noch strahlendes Gesicht verfinsterte sich.

»Ich will nicht, Mami! Ich will doch mit dir in den Wald gehen! Wir wollen doch mit der Eisenbahn fahren – ich hab’ mich doch sooo gefreut!«

»Sei lieb, Ursula! Nur eine Stunde will Vati dich sehen. Mach es mir nicht so schwer, mein Liebling!« Sie strich dem Kind zärtlich eine dicke braune Locke aus der Stirn und küßte es innig. »In einer Stunde bist du wieder bei mir. Ich warte hier am Fenster, bis du kommst. Wir machen trotzdem unseren Ausflug.«

Ursula lehnte das Köpfchen an Brigittes Schulter.

Wortlos kleidete Brigitte die Kleine an, wusch und kämmte sie sorgfältig und streifte ihr das neue Kleid-chen über. Dann schob sie Ursula vor den Spiegel.

»Schau, Ursula, wie hübsch du bist!« sagte sie und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen.

Mit großen Augen bestaunte Ursula ihr Spiegelbild. Sie stellte sich auf die Zehen, damit sie alles überblicken konnte, und strahlte die Mutter an.

Mit den Tränen kämpfend, schob Brigitte das Kind zur Tür.

»Nun komm, Liebling, draußen wartet man auf dich.«

Das Mädchen sprang auf, als es das liebliche Kind erblickte, Ursula reichte ihr nicht sofort die Hand, schaute erst eindringlich zu der Fremden auf.

»Nun, Ursula, willst du nicht gu-ten Tag sagen?« mußte Brigitte mahnen.

Zögernd gab Ursula daraufhin dem Mädchen die Hand und sagte höflich, aber ohne Freude:

»Guten Tag! Werden Sie mich auch wieder hierherbringen?«

Das Mädchen nickte.

»Ich heiße Gerda, und du bist Ursula, nicht wahr?«

Sie nahm Ursula an die Hand und stieg mit ihr die Stufen hinab. Dabei hatte das Kind aber den Kopf der Mutter zugewandt.

Brigitte las die ganze Traurigkeit aus den großen grauen Augen. Es schnürte ihr fast die Kehle zu. Sie wollte noch ein Scherzwort nachrufen, brachte aber nur ein Winken zustande.

Dann eilte sie ans Fenster und sah der Kleinen nach, wie sie zögernd mit der Fremden ging. Keinen Blick ließ Brigitte von ihrer Tochter, bis sie hinter den Bäumen der Straße verschwunden war.

Auch dann rührte sie sich noch nicht. Tränen rannen über ihre Wangen.

»Nur für eine Stunde! Nur für eine Stunde«, murmelte sie, um sich zu beruhigen.

Die Wohnung erschien ihr auf einmal kalt und leer. Ursula fehlte ihr mit ihrem herzlichen Kinderlachen.

Sie stützte sich auf die Fensterbank und starrte aus glanzlosen, tränenschweren Augen in den Himmel, der sich in leuchtender Bläue über der Stadt spannte.

In einer Stunde war Ursula wieder da!

Mit diesem Trost machte sie sich ans Aufräumen der Wohnung, um sich abzulenken und die Gedanken von Ursula loszureißen, aber sie liefen hinter dem Kind her.

Was für Eindrücke würde die Kleine heimbringen?

Gerda konnte sich nicht sattsehen an dem hübschen, stillen Kind, das gehorsam neben ihr her trippelte.

Auch die junge Frau war sehr schön gewesen, genau wie das Kind. Sie hatte das gleiche leuchtende Haar und dieselben großen grauen Augen.

Eigentlich war die geschiedene Frau ihres Arbeitgebers viel schöner und vornehmer als jene Frau, die jetzt bei Herrn Markhoff aus und ein ging, überlegte Gerda.

Wie gut sie dem Kind zugeredet hatte. Sie sah zärtlich auf Ursula hinab, deren Gedanken bei der Mutter waren.

Ob Mami sich inzwischen schön machte? Sie würde Vati bitten, sie mit dem Auto zu Mami zu fahren, damit sie ja nicht zuviel Zeit verlieren würden.

Ach, wenn es doch erst soweit wäre! Sie seufzte tief auf, so daß sich Gerda lachend zu ihr hinabbeugte.

»Das war aber ein schwerer Seufzer, Ursula.«

»Ich wäre so gern bei Mami geblieben. Ob Vati dann wohl sehr böse gewesen wäre?«

Gerda dachte an die gelegentlichen Wutausbrüche ihres Brotherrn und nickte überzeugt.

»Ganz gewiß!«

»Dann wollen wir recht schnell machen«, erklärte Ursula und lief noch rascher.

Mit der Straßenbahn fuhren sie zu Fred Markhoffs elegantem Haus.

Ursula staunte über den breiten, dicken Läufer auf der Treppe, über das blitzende Nickelzeug, über die Spiegel, die das Treppenhaus schmückten. Ihre Augen hatten so viel Neues zu schauen, daß ihre Gedanken vorübergehend von der Mutter abgelenkt wurden.

Dann trat sie in das Zimmers ihres Vaters.

Fred Markhoff saß, in eine seidene Hausjoppe gehüllt, in einem tiefen Sessel am Fenster und erhob sich rasch bei Ursulas Eintritt.

Er hatte die letzte Stunde in ziemlicher Erregung verbracht, aber nicht, weil die Sehnsucht nach Ursula ihn allzusehr geplagt hätte. Es war die Neugierde, ob Brigitte ihm wirklich das Kind schicken würde.

Als es nun vor ihm stand, wallte es aber doch zärtlich in ihm auf, und er drückte Ursula so fest an sich, daß dem Kind der Atem verging und es beide Hände gegen seine Brust stemmte.

»Nicht, Vati, du tust mir weh!«

Ernüchtert ließ er Ursula los.

»Bist du gern zu mir gekommen, Ulli?« erkundigte er sich, ein zufriedenes Lächeln um den Mund.

Ursula zögerte, dann schüttelte sie ehrlich den Kopf und meinte nachdenklich: »Eigentlich nicht, Vati. Mami und ich – wir wollten einen Ausflug machen. Weit, weit fort mit der Eisenbahn fahren.«

Markhoff lachte triumphierend auf. Da hatte er Brigitte einen schönen Strich durch ihre Rechnung gemacht!

»Weißt du was, Ulli, wir lassen uns den Wagen bringen, und dann fahren wir ein Stück ins Freie, essen irgendwo zu Mittag, und ich bringe dich dann wieder heim.«

Heftig schüttelte Ursula den Kopf.

»Nein! Ich darf nur eine Stunde bleiben. Mami wartet auf mich. Wirst du mir auch ganz bestimmt sagen, wann eine Stunde um ist?«

Er umfaßte das Kind und setzte es in den Sessel, der ihm gegenüber stand. Zwischen ihnen war ein Tisch mit allerlei leckeren Dingen gedeckt.

»Jetzt essen wir erst einmal, Kleine, dann werden wir weitersehen.«

Ursula saß unbeweglich. Ängstlich schaute sie auf den Vater.

»Du hast mir noch gar nicht gesagt, ob du mich in einer Stunde wieder zu Mami bringst.«

Markhoff lachte ärgerlich auf.

»Aber gewiß, Ursula – du wirst ja sehen.«

Das Kind atmete auf und griff behutsam in die Konfektdose, die der Vater ihr reichte.

»Iß tüchtig, Ursula!« ermunterte er sie.

»Mami meint, man soll am frühen Morgen nicht so viel Süßigkeiten essen. Ein Butterbrötchen möchte ich aber gern haben.«

Markhoff bediente Ursula und fühlte dabei einen prickelnden Reiz. Seine Freunde und Eva würden ihn mächtig auslachen, wenn sie ihn so sehen könnten, wie er bemüht war, seiner kleinen Tochter Wünsche zu erfüllen! Nun, er mußte zugeben, Ursula war gut erzogen, bescheiden und gar nicht lärmend wie andere Kinder. Sie quälte ihn auch nicht mit Fragen, so daß er nun ruhig seine Zeitung lesen konnte.

Still saß Ursula dem Vater gegen-über. Sie hatte nur wenig gegessen. Traurig, die Händchen im Schoß gefaltet, das Köpfchen zur Seite geneigt, schaute sie sehnsüchtig durch das geöffnete Fenster nach dem Himmel.

Mami würde gewiß noch am Fenster stehen und auch den schönen blauen Himmel sehen. Ob sie auch so viel Sehnsucht hatte wie sie?

Ach, da fiel ihr ein: Sie hatte ja Moritz, den Teddy, noch nicht einmal guten Morgen gesagt! Nun würde er ganz traurig sein. Und Hunger würde er auch haben. Mami würde sicherlich nicht daran denken, ihn zu füttern.

Sie rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her, und das kleine Herz war ganz schwer, weil der Vater sie gar nicht mehr beachtete.

Schließlich glitt sie vom Sessel, ging auf Zehenspitzen zu Markhoff und berührte leicht seinen Arm.

»Vati, ist die Stunde schon um?«

Markhoff faltete die Zeitung zusammen und sagte leichthin, wie entschuldigend:

»Ich habe dich tatsächlich vergessen, kleine Ursula. Paß auf, jetzt fahren wir fort.«

Ursula glaubte, er würde sie nun heimbringen und klatschte vor Freude in die Hände.

Während Markhoff im Nebenzimmer verschwand, seine Joppe mit einem Anzug zu vertauschen, trippelte sie im Zimmer umher und besah sich aufmerksam nach Kinderart die einzelnen Gegenstände.

Schön war es hier, stellte sie fest. Aber gleich setzte sie in Gedanken hinzu, bei Mami war es viel, viel schöner! Da konnte man sich überall hinsetzen, hier wagte man ja kaum, aufzutreten. Mit spitzen, zaghaften Fingern fuhr sie über das glänzende Holz des Tisches.

Endlich erschien Markhoff, elegant und in eine Wolke von Wohlgerüchen gehüllt, aufgeräumt und heiter, und winkte Ursula zu.

»Komm, Kleines!«

Sie lief wie ein Wiesel hinter ihm her. Mami würde schöne Augen machen, wenn sie jetzt schon wieder zu ihr kam! Dann konnte sie gleich gehen, und Mami würde gar nicht mehr traurig sein.

Unten setzte Markhoff das Kind neben sich und nahm hinter dem Steuer Platz.

»Und nun fahren wir zu Mami, nicht wahr?«

Seine Antwort ging im Brummen des Motors unter. Ein hämisches Lächeln lag um seinen Mund.

Aber Ursula sah das nicht. Sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt und hätte es zudem gar nicht deuten können. Ihr Vertrauen war unerschütterlich. Vater brachte sie heim!

Wie eine kleine Dame setzte sie sich zurecht, sah aus großen Augen auf die Fahrbahn, auf die Bäume, die im Nu vorüberhuschten. Das war so lustig.

Erst als sie die Stadt hinter sich hatten, fuhr sie aus ihren kindlichen Betrachtungen auf.

»Wo fährst du denn hin, Vati? Wir – wir müssen doch längst bei Mami sein!«

Markhoff rührte sich nicht; starr sah er geradeaus. Sie glaubte, er habe sie nicht verstanden. Leicht zog sie ihn am Rockärmel.

»Ich will zu Mami!«

»Sei doch still!« herrschte er sie an. Aber Ursula ließ sich nicht abschütteln.

»Ist die Stunde noch nicht um, Vati? So sag es mir doch. Mami wartet auf mich! Wir wollen doch…«

Der Rest ihrer Worte erstickte in bitterlichen Tränen.

»Ich will heim – ich will zu Mami!«

»Sei nicht so albern, Ursula!« brüllte Markhoff sie rücksichtslos an. »Du kommst auch heute abend noch zur rechten Zeit.«

»Heute abend?« Ursulas Tränen waren vor Schreck versiegt. Das war doch nicht möglich! Was man versprochen hatte, mußte man doch halten, und Vati hatte ihr versprochen, sie nach einer Stunde wieder zur Mami zu bringen!

»Du mußt schnell umkehren, ich will zu Mami!« weinte sie bitterlich auf.

Markhoffs Hand schnellte vor und traf das Kind hart auf die Wange.

»Willst du wohl artig sein? Jetzt bist du bei mir, und wenn du noch einen Laut tust, dann bring’ ich dich überhaupt nicht wieder zu Mami!«

Ursulas kleines Herz blieb beinahe stehen vor Schreck. Er wollte sie nicht wieder heimbringen? Nicht wieder zu Mami? Nur das nicht!

Scheu und eingeschüchtert drückte sie sich in die Ecke. Die Wange brannte von dem derben Schlag. Mami hatte sie noch nie geschlagen. Es hatte ihr sehr weh getan. Aber wenn er sie nicht wieder zurückbrachte, würde das noch viel, viel weher tun.

Sie wollte auch gar nicht mehr weinen, damit Vati nicht wieder böse wurde, aber die Tränen liefen doch unaufhaltsam aus ihren Augen, rollten über die Wangen und fielen auf die kleinen Hände.

Sehnsüchtig starrte sie in den blauen Himmel.

Mami! Mami! schrie das kleine Herz voll Sehnsucht.

*

Eine Stunde war vergangen. Brigitte stand am Fenster, sah die Straße hinauf und hinunter. Irgendwoher mußte Ursula kommen.

Sie trug ebenfalls ein helles, duftiges Kleid und sah sehr lieblich darin aus. Ursulas Spielzeug hatte sie schon eingepackt. Im Wald wollten sie zusammen spielen.

Auf dem Tisch saß der Teddy, dem Brigitte eigens für diesen Ausflug ein weißes Kittelchen genäht hatte. Nun schaute er aus runden Glasaugen zu ihr herüber, als wollte er sagen: Wo bleibt denn meine kleine Mami?

Die Zeit verging – Ursula kam nicht.

Da ergriff Brigitte eine wahnsinnige Angst. Ruhelos lief sie von Zimmer zu Zimmer, von Fenster zu Fenster, lauschte ins Treppenhaus und glaubte immer wieder, Ursulas helles Stimmchen zu vernehmen.

Mutlos kehrte sie dann wieder ins Zimmer zurück, stellte sich abermals ans Fenster und verlor sich in Grübeleien.

Wenn Markhoff nun das Kind überhaupt nicht wiederbrachte? Wenn er ihr auf diese Weise weh tun wollte? Aber nein! Das Kind gehörte doch ihr – ihr war es zugesprochen.

Unsinn – sie hatten sich verspätet.

Aber Stunde auf Stunde verrann – Ursula kam nicht!

Sie wußte bald nicht mehr, was sie tun sollte. Sie lief immer wieder ans Fenster, eilte die Treppen hinunter und die Straße entlang. Dann hetzte sie zurück, glaubte die Kleine sei inzwischen von der anderen Seite gekommen. Doch keine Ursula war zu sehen! Die junge Frau war dem Wahnsinn nahe.

Warum brachte man ihr das Kind nicht wieder! Ob sie bei Markhoff anrief? Aber in der Zwischenzeit konnte Ursula zurückkommen.

Bis zur nächsten Fernsprechzelle waren es immerhin fünf Minuten. So überlegte und grübelte sie. Ihre Gedanken hetzten wild durcheinander. Ihr Puls flog. Ihr schmales Gesicht schien keinen Tropfen Blut mehr zu besitzen.

Mittag war längst herangekommen. Noch immer war Ursula nicht zurück.

Jetzt war Brigitte überzeugt, daß Markhoff ihr einen Streich gespielt hatte. Ach, warum war sie wieder auf ihn hereingefallen. Nur eine Stunde!

Wild schluchzend warf sie sich in ihrem Schlafzimmer aufs Bett, bis Angst und Sorge um das Kind sie wieder emportrieben.

Ursula mußte gefunden werden! Ach, was waren dagegen die Sorgen um die Zukunft? Nichts! Ursula gehörte zu ihr!

Sie zwang sich zu ruhiger Überlegung. Aber hinter ihrer Stirn pochte und hämmerte es. Jeden Schritt, den sie tat, empfand sie als feinen Nadelstich im Kopf.

Seit Ursula aus dem Haus war, hatte sie noch nichts zu sich genommen. Sie dachte auch jetzt nicht ans Essen.

Was sollte sie tun? Zur Polizei laufen? Hilfe holen?

Achtlos stülpte sie ihren Hut aufs Haar, riß die Tasche an sich und stürmte aus der Wohnung. Auf der Treppe mußte sie sich am Geländer festhalten, so sehr zitterten ihr die Beine. Ihr war, als müsse sie jeden Augenblick zu Boden sinken.

Vor der Haustür stieß sie mit einem Mann zusammen. Sie wollte sich entschuldigen und schluchzte im nächsten Augenblick auf.

»Vater!«

»Brigitte, mein Gott, wie siehst du aus?«

Philipp Freier sah der Tochter besorgt in das bleiche, verstörte Gesicht, in dem die Augen flackerten.

»Markhoff hat mir Ursula genommen! Er hat sie heute morgen abholen lassen, um sie eine Stunde zu sehen, und bis jetzt ist sie nicht zurückgebracht worden! Vater, hilf mir, was soll ich nur tun? Bitte, hilf mir!«

Halb ohnmächtig umklammerte sie den Arm des Vaters. Erschüttert führte Freier die junge, an allen Gliedern zitternde Frau die Treppe wieder hinauf. Ihr Atem ging fliegend wie im Fieber. Wenn sie sich weiter so erregte, dann brach sie womöglich zusammen.

Seine Ruhe, die allerdings auch nur gekünstelt war, wirkte zunächst besänftigend auf die völlig kopflos gewordene Brigitte.

»Ursula kommt nicht wieder, Vater! Das ist Markhoffs Rache«, stieß sie, in der Wohnung angekommen, tonlos hervor. »Ich werde noch wahnsinnig! – Siehst du, Vater«, fuhr sie nach einer Weile bitter fort, »so hat er mich auch früher immer gequält. Bis an den Rand der Verzweiflung hat er mich gebracht, hat gelacht, während mir das Herz blutete.«

Freier erfaßte jetzt erst alles, nachdem er den Brief gelesen, den Brigitte achtlos auf den Tisch geworfen hatte. Sie trat neben ihn. Ihr Atem ging keuchend.

»War ich abermals zu leichtgläubig, Vater? Bin ich Markhoff blindlings in eine Falle gegangen?«

»Beruhige dich, Brigitte!«

Freier legte den Arm um sie. Sie hatte nicht gefragt, woher er kam, hatte ihn auch nicht mit Fragen überschüttet, weshalb er sie solange gemieden hatte. Daraus ersah er, wie sehr Brigitte erschüttert und aufgewühlt war. Er strich der Tochter über die heiße Stirn.

»Ich bin ja nun da, Brigitte. Zunächst rufe ich bei Markhoff an. Du wirst inzwischen hier warten, falls das Kind zurückgebracht wird.«

Gehorsam ließ sich Brigitte zur Couch führen, sank stöhnend darauf nieder und grub das heiße, zuckende Gesicht in die Kissen.

»Ursula! Ursula!«

Dieser grenzenlose Jammer schnürte Freier fast das Herz ab.

Behutsam drückte er die Tür hinter sich ins Schloß. Er war maßlos erbittert über Markhoff. Wie konnte er die junge Mutter in eine derartige Aufregung versetzen! Er war völlig davon überzeugt, daß das alles in der Absicht geschehen war, Brigitte zu quälen.

Oh, er sollte etwas erleben, dieser Markhoff, und wenn ein Unglück geschah!

In der nächsten Fernsprechzelle rief er in Markhoffs Wohnung an. Gerda, das Hausmädchen, meldete sich und war nicht weniger bestürzt.

»Ich denke, das Kind ist längst wieder bei Frau Markhoff! Nein, Herr Markhoff ist noch nicht zurück. Er ist mit dem Kind im Wagen fortgefahren. – Ja, ich bringe das Kind sofort zu Ihnen, sobald Herr Markhoff mit ihm zurückkommt.«

Um nichts erleichtert kehrte Freier wieder in die Wohnung seiner Tochter zurück.

Schon an der Tür hörte er Brigittes verzweifeltes Schluchzen.

Als er eintrat, flog ihr Kopf in die Höhe.

»Nun?«

Mutlos hob er die Schultern.

»Er ist mit dem Wagen fort und noch nicht zurückgekehrt«, sagte er und ließ sich nahe der Tür seufzend auf einen Stuhl fallen. »Wir müssen abwarten, Brigitte! Wir können vorläufig nichts unternehmen.«

»Ich bekomme Ursula nicht wieder! Paß auf, Vater, er hat mir das Kind genommen.«

»Unsinn, Brigitte!« beschwichtigte er sie. »Er wird sich unbeabsichtigt verspätet haben. Er hat das Kind bei sich. Vielleicht gefällt es Ursula so gut, daß sie gar nicht heimverlangt.«

Ein ungläubiges Lachen kam von ihren Lippen.

»Ich sehe noch ihre traurigen Augen. Sie wollte nicht zu ihm, wollte bei mir bleiben. Ich habe sie gezwungen – hörst du, Vater, ich selbst zwang sie zu gehen! Und nun?«

Wieder hetzte sie hin und her, nahm den Teddy zur Hand und sah aus tränenblinden Augen auf ihn nieder.

Plötzlich sank sie mit einem Wehlaut zu Boden.

Freier sprang hinzu, hob die leichte Gestalt auf und legte sie sanft auf die Couch. Voll tiefen Mitleids blickte er in das todblasse Gesicht der jungen Frau.

Ach, war das ein Jammer! Und er hatte Brigitte und das Kind mit heimbringen sollen! Kläre wartete auf ihn und die beiden.

*

Nahe beim See, in einem Gartenlokal, das sich terrassenförmig bis hinab zum Ufer senkte, saß Markhoff mit dem Kind.

Verschüchtert, still, die Augen zu Boden gesenkt, lehnte Ursula in einem Korbsessel mit bunten Kissen.

Vor ihr stand eine Schale mit Eis – unberührt.

»Iß doch, Ursula!« drängte Markhoff und neigte sich über dem Tisch dem Kind zu. »Ich glaube gar, du weinst! Schäm dich, ein so großes Mädel weint doch nicht!«

Ursula hob die grauen dunkelbewimperten Augen zu ihm empor. Tränen glänzten aber nicht darin.

Auf der zarten Wange waren noch die Spuren von dem Schlag des Vaters zu sehen.

»Wann fahren wir wieder fort?«

Markhoff lehnte sich lässig zurück und zündete sich eine Zigarette an. Er antwortete nicht, aber der Blick des Kindes wurde ihm langsam unbehaglich.

Hin und wieder warf er einen Blick auf seine Armbanduhr.

Wo nur Eva blieb?

Er wandte sich dem Kind zu.

»Nun?«

»Willst du mich immer noch nicht zu Mami bringen?«

»Nein!« sagte er hart und rücksichtslos. »Jetzt nicht. Jetzt bleibst du bei mir.«

»Aber dann hast du doch gelogen!« Tapfer drängte Ursula die Tränen zurück. »Du hast mich in einer Stunde…«

»Schweig endlich!« zischte er unterdrückt. »Iß dein Eis und frag nicht so viel, verstanden?«

Ursula senkte die Lieder; der kleine blasse Mund zuckte.

Was hatte sie Vati nur getan, daß er so böse mit ihr war? Sie wollte kein Eis, sie wollte auch nicht Auto fahren, sie wollte heim zu Mami, weiter nichts.

Aber gehorsam nahm sie nun doch den Löffel zur Hand und stocherte in dem Eis herum. Aber sie brachte nur einen Bissen hinunter, dann schob sie die Schale weit über den Tisch.

»Ich mag nicht!« sagte sie entschieden und sah furchtlos auf.

Markhoff wollte schon wieder aufbegehren, wurde aber durch das Dazwischentreten einer eleganten Dame im weißen Kostüm daran gehindert.

»Endlich – Eva!«

Er sprang auf, küßte der jungen Dame die Hand und rückte einen Sessel zurecht.

Ursulas Augen hingen erstaunt an dem schönen Gesicht der Fremden. So schön sah ihre Puppe aus. Die hatte auch so einen roten Mund und so dunkle, feine Augenbrauen.

»Nun, Ursula, willst du nicht die Hand geben und einen Knicks machen.«

Ursula aber versteckte die Hand auf dem Rücken. Böse sah sie zu Eva auf. Warum konnte Vati jetzt lächeln? Warum war er mit einemmal nicht mehr böse?

»Nein!« sagte sie trotzig.

»Aber Ursula!« sagte Eva vorwurfsvoll und streckte dem Kind lächelnd die Hand hin. »Artige Kinder müssen doch guten Tag sagen.«

»Und große Leute dürfen nicht lügen!« stieß Ursula hervor, und es zuckte verräterisch um ihren Mund.

Markhoff lachte unangenehm berührt auf. Auch Eva Wunderlich lächelte.

»Eine recht sonderbare Begrüßung nicht wahr?« wandte sie sich an Markhoff. Er nahm ihr den weißen Pelz von den Schultern und hängte ihn sorgfältig über einen freien Stuhl. Dann schob er Ursula wieder die Schale mit dem Eis zu. »Hast du dem Kind vielleicht etwas versprochen, was du nicht gehalten hast? Das soll bei dir öfter vorkommen«, neckte sie ihn, und Markhoff drohte ihr lachend.

Ursula schien immer kleiner, immer trauriger in ihrem Sessel zu werden. Niemand kümmerte sich um sie! Weshalb mußte sie dann hierbleiben? Und was wollte die Fremde mit den roten Lippen bei Vati?

Unten auf dem See fuhren kleine Motorboote mit fröhlichen, singenden Menschen vorbei. Auch der Garten hatte sich gefüllt. Sehnsüchtig schaute Ursula durch das Blattwerk.

Am Nebentisch ließen sich neue Besucher nieder. Ein kleiner Junge mit seinen Eltern. Er trug einen großen Teddy im Arm und sprach von Zeit zu Zeit auf ihn ein.

In Ursulas Augen stieg es heiß auf. Sie sehnte sich nach ihrem Moritz, aber noch viel mehr nach Mami.

So groß war die Sehnsucht, daß ein Gedanke in ihr aufsprang:

Fortlaufen, einfach fortlaufen! Oh, sie wußte den Weg ganz genau. Immer am See war Vati entlanggefahren.

Mit einem kleinen Laut der Erlösung sprang sie so ungestüm auf, daß sie die Schale mit dem Eis umstieß, deren Inhalt sich über Eva Wunderlichs elegantes Kleid ergoß.

»Bist du verrückt geworden?« schrie Markhoff das Kind an.

Aber Ursula hörte und sah nichts mehr. Aufschluchzend rannte sie davon; immer weiter entfernte sie sich von dem Tisch, an dem Markhoff stand und Mühe hatte, die aufgeregt schimpfende Eva zu beruhigen.

Wie von Sinnen rannte Ursula vorwärts. Fort, nur fort zu Mami! hämmerte es in ihr.

Sie lief, als gelte es, ihr kleines Leben in Sicherheit zu bringen. Hier am See entlang war Vati gefahren, immer geradeaus. Dann war eine breite Straße gekommen, in die mußte sie einbiegen.

Nie wieder würde sie zu Vati gehen, nie wieder! Er hatte sie belogen! Er hatte gesagt, er würde sie in einer Stunde zu Mami bringen! Dabei war er mit ihr an das große Wasser gefahren zu der fremden Frau.

Wie böse er ausgeschaut hatte! Sie hatte nicht mehr gewagt, den Mund zu öffnen, weil er sie immer gleich so heftig anfuhr. Aber als die fremde Frau gekommen war, da hatte er gelacht und gescherzt, und sie, Ursula, hatte er dabei völlig vergessen. Wie sehnte sie sich nach Mami! Ob sie sehr traurig war? Wie viele Stunden wohl inzwischen vergangen sein mochten?

Bei diesem Gedanken trieb es Ursula noch schneller vorwärts. Keuchend rang sich der Atem aus der kleinen Brust.

Plötzlich blieb sie stehen.

Vater würde sie sicher suchen. Er fuhr mit dem Auto, und das ging doch viel schneller, als sie laufen konnte. Er würde sie einholen und wieder zurückbringen.

Nur das nicht! Nur nicht wieder zurück müssen!

Heiße Angst stieg in dem Kind auf. Zitternd blickte es den Weg zurück.

Da – da blitzte es auf in der Sonne! Ein Wagen kam – näher – immer näher.

Vor Angst gepackt hetzte Ursula in eine Seitenstraße und lief so sehr sie laufen konnte.

Aber bald ließ ihre Kraft nach. Sie brachte die Beine kaum noch vorwärts. Langsam, sehr langsam nur kam sie von der Stelle. Schließlich ging es gar nicht mehr, und sie mußte sich an eine Hauswand lehnen. Wie scharfe Messer stach es in der Seite.

Und die Sehnsucht nach Mami wurde immer größer.

Ängstlich sah sich Ursula um. War sie überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Ob sie wohl einmal fragte? Aber nein, dann brachte man sie sicher zu Vati und der fremden Frau zurück.

Dann lieber weiterlaufen – nur nicht zurück!

Mit letzten Kräften lief sie die Straßen entlang, in denen sonntägliche Ruhe herrschte. Es ängstigte sie, daß sie so wenig Menschen begegnete. Ein größerer Junge kam ihr entgegen. Voll Übermut wollte er sich ihr in den Weg stellen. Da weinte Ursula laut auf und schlug mit den kleinen Fäusten blindlings drauflos.

»Laß mich vorbei! Laß mich los!« schrie sie schluchzend.

Erschrocken trat der Junge beiseite und ließ sie vorüber.

»Dumme Liese!« brummte er. »Als wenn ich dir etwas tun wollte!«

Langsam schlenderte er hinter dem fliehenden Kind her.

Ursulas Augen waren blind vor Tränen. Ihr Gesichtchen glühte vor Erregung und vom schnellen, atemraubenden Lauf.

Die Hände in die Hosentaschen vergraben, sah der Junge dem kleinen Mädchen nach. Jetzt lief es quer über die Straße, sah weder rechts noch links.

Gerade an der gefährlichen Kurve! schoß es dem Jungen durch den Kopf. Da begann er auch schon zu laufen. Er fühlte, das Kind lief geradewegs in eine Gefahr. Aber ehe er heran war, war das Unglück bereits geschehen.

Ein Wagen tauchte auf, bog um die Ecke – und begrub das zierliche Mädchen unter sich.

Ein doppelter Schrei zerriß die Stille. Der Junge hatte aufgeschrien, und Ursula stieß ebenfalls einen markerschütternden Schrei aus – dann war es totenstill.

Zitternd lehnte der Junge an der Hauswand. Fenster wurden geöffnet. Rufe wurden laut. Auf einmal belebte sich die Straße.

Mit leichenblassem Gesicht stieg der Fahrer aus dem Wagen und starrte auf den zierlichen Körper, der leblos am Boden lag.

»Mein Gott«, würgte er hervor, dann kniete er neben dem Kind nieder.

*

»So ein nichtsnutziges Ding!« erregte sich Eva und mühte sich, den Fleck, den das von Ursula umgestoßene Eis hervorgerufen hatte, zu entfernen.

»Entschuldige, Eva, es ist mir äußerst unangenehm. Ich hätte das Kind gar nicht mitbringen sollen«, beeilte sich Fred Markhoff zu sagen.

Ein böser Blick aus ihren sonst so strahlenden Augen traf ihn.

»Diese Einsicht kommt dir reichlich spät!« sagte sie wütend. »Du eignest dich am allerwenigsten zum zärtlichen Vater. Wo steckt denn das ungezogene Ding überhaupt?«

»Ja, eben – Ursula ist fort!«

Betreten sah sich Fred Markhoff in dem weiten Garten um, ging suchend durch die Reihen der vollbesetzten Tische und wandte sich dann dem Weg zu, der hinunter zum See und an den Bootssteg führte.

»Ursula!«

Nirgends sah er ein helles Kleid schimmern, nirgends tauchte Uschis brauner Lockenkopf auf. Jetzt erst begann er sich eigentlich um das Kind zu sorgen.

Eine schöne Geschichte hatte er sich da eingebrockt! Wenn Ursula nun im ersten Schreck in den See gerannt war? Wie sollte er das vor Brigitte verantworten können? Pah – wer wollte ihn für Ursulas Ungezogenheiten verantwortlich machen?

Aber wenn er das Kind nicht wiederfand und ordnungsgemäß bei seiner Mutter ablieferte, wurde ihm vielleicht das Recht abgesprochen, Ursula wiederzusehen!

Das durfte nicht sein! Das würde alle seine Pläne zunichte machen.

Mißmutig kehrte er an den Tisch zurück, wo ihn Eva mit ärgerlichem hochrotem Gesicht erwartete.

»Ich habe es satt, Mittelpunkt neugieriger Menschen zu sein! Bitte, fahr mich heim! Der ganze Sonntag ist verpatzt!« schalt sie.

»Ursula ist weg – einfach nicht zu finden!«

Eva Wunderlich raffte Tasche und Handschuhe vom Tisch.

»Nun haben wir auch noch das Vergnügen, hinter dem Kind herzujagen! Geh du mal allein auf die Suche, ich setze mich einstweilen in den Wagen. Mit diesem beschmutzten Kleid kann ich mich unmöglich sehen lassen.«

Wortlos und zähneknirschend folgte Fred Markhoff der blonden Frau. Er war wütend über ihren spitzen Ton, aber noch wütender auf das Kind, das ihm solche Ungelegenheiten gebracht hatte.

Ursula war genauso überspannt wie ihre Mutter – dachte er.

Höflich half er Eva in den Wagen.

»Ich beeile mich, Liebling! Willst du inzwischen eine Zigarette rauchen?«

»Danke!« wehrte sie kurz ab und sah wütend an ihm vorbei.

Achselzuckend ging er davon. Es würde seiner ganzen Überredungskunst bedürfen, sie wieder zu versöhnen.

Suchend und fragend durchkreuzte er den Garten von einem Ende zum anderen. Wenn Ursula sich doch zu nahe an das Wasser herangewagt hätte? Vielleicht war sie doch in den See gestürzt? Er fühlte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief.

»Ein kleines Mädchen? Gewiß. In einem weißen Kleid, mit dunklen Locken? Es lief den Weg am See entlang, und hatte es eilig«, wurde ihm wiederholt auf seine Frage geantwortet.

Fred Markhoff stutzte. Sollte Ursula auf die wahnsinnige Idee gekommen sein, heimzulaufen? Sie hatte ja so sehr getrieben, zu ihrer Mutter zu kommen. Wie konnte das Kind glauben, den Weg zu Fuß zurücklegen zu können? Fest stand nun jedenfalls, daß Ursula nicht mehr hier war.

Rasch kehrte er zum Wagen zurück. Er sah verstört aus.

»Ursula hat sich auf den Heimweg gemacht – zu Fuß«, erklärte er kurz.

»Zu Fuß?« Eva Wunderlich riß die Augen auf. »Das ist ja glatter Wahnsinn. Und so was nennst du Erziehung?« höhnte sie.

»Laß diese dummen Reden!« verwies er sie scharf. »Ich mache mir ernste Sorgen um das Kind.«

»Mein Gott, was bist du zart besaitet! Fred Markhoff als besorgter Vater«, spöttelte sie.

»Schweig doch endlich!« herrschte er sie an. »Du vergißt, was es für mich bedeutet, wenn ich das Kind nicht wohlbehalten bei Brigitte abliefere. Ursula würde kein zweites Mal zu mir gelassen werden.«

»Na und, was wäre da schon dabei?« warf sie kühl ein.

»Verstehst du denn immer noch nicht, Eva? Das Kind ist für mich der Weg zu Brigitte. Ich kann sie nur über das Kind treffen!«

»Ach so!« In den tiefblauen Augen der blonden, oberflächlichen Frau blitzte es kalt auf. »Schadet ihr gar nichts, deiner hochnäsigen Frau, wenn sie der Kleinen wegen ein paar unruhige Stunden hat. Komm, steig endlich ein. Wir fahren den gleichen Weg zurück. Irgendwo werden wir das Kind schon aufgreifen«, schlug sie vor.

Wortlos nahm Fred Markhoff hinter dem Steuer Platz. Anscheinend hatte Eva schon wieder den Zwischenfall mit dem verdorbenen Kleid vergessen. Sie hatte Brigitte seit jeher gehaßt, weil er dieser damals vor ihr, der schönen Eva Wunderlich, den Vorzug gegeben hatte.

Gott, als Freundin, als Abwechslung war Eva ganz nett. Manchmal ein wenig nervtötend und unberechenbar. Aber gerade das reizte ihn. Bei Eva kam man nie recht zum Atemholen. Etwas Prickelndes, Aufreizendes ging von ihr aus. Dabei blieb sie selbst stets kühl und zurückhaltend.

Oh, Eva war schlau. Sie wollte durchaus geheiratet sein, aber er dachte gar nicht daran, die eben wiedergewonnene Freiheit aufzugeben.

Sie hatten inzwischen ein gutes Stück Weg zurückgelegt, ohne die zierliche Kindergestalt zu entdecken. Ein paarmal hatte Fred sogar angehalten und Fußgänger nach dem Kind befragt. Jedoch niemand hatte es gesehen.

»Verflixt!« stieß er nervös hervor und ließ ratlos die Hände vom Steuer sinken. »Ursula muß sich verlaufen haben. War ja auch nicht anders zu erwarten.«

»Laß uns zur nächsten Polizeiwache fahren«, riet Eva Wunderlich.

»Vielleicht ist sie gar schon zu Hause?« überlegte Markhoff.

Eva schüttelte den Kopf.

»Ausgeschlossen! Zu einem so weiten Weg braucht ein Kind mindestens ein paar Stunden. Ich vermute, sie ist von der Hauptstraße abgekommen. Laß uns lieber mal bei der Polizei nachfragen.«

Sie verließen den Wagen und suchten ein paar Straßen ab. Kaum ein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt. Evas Absätze schlugen hart auf das Pflaster auf.

»Ich habe keine Lust mehr«, sagte sie nach einer Weile. »Außerdem habe ich von dieser Hetzjagd Hunger bekommen.«

So kehrten sie wieder zum Wagen zurück, und Markhoff meinte:

»Wir gehen in irgendein Lokal zum Essen. Dort werde ich bei mir zu Hause anrufen, ob sich inzwischen etwas ereignet hat.«

Eva nickte stumm. Sie vermochte vor Zorn kein Wort hervorzubringen.

Vor dem Hotel »Zum Löwen« stiegen sie aus.

Das Lokal war gut besetzt. Leise Musik drang aus dem Lautsprecher, vermischte sich mit gedämpftem Stimmengewirr.

Evas gute Laune kehrte rasch wieder. Während Markhoff die Telefonzelle aufsuchte, holte sie Spiegel und Puderdose aus der Handtasche und machte sich etwas zurecht.

Fred kam bald zurück.