14,99 €
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. E-Book 40: Traumhochzeit – ja oder nein? E-Book 41: Der geheimnisvolle Graf E-Book 42: Ihre letzte Chance E-Book 43: Dreifaches Glück E-Book 44: Die einsame Prinzessin E-Book 45: Ein dunkles Geheimnis E-Book 1: Traumhochzeit – ja oder nein? E-Book 2: Der geheimnisvolle Graf E-Book 3: Ihre letzte Chance E-Book 4: Dreifaches Glück E-Book 5: Die einsame Prinzessin E-Book 6: Ein dunkles Geheimnis
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2018
Traumhochzeit – ja oder nein?
Der geheimnisvolle Graf
Ihre letzte Chance
Dreifaches Glück
Die einsame Prinzessin
Ein dunkles Geheimnis
Das elegante Paar hatte das Theater noch nicht ganz verlassen, als bereits die Blitzlichter der Fotografen aufflammten: Besonders auf die schöne junge Frau mit den üppigen roten Haaren hatten sie es abgesehen, die mit Mona-Lisa-Lächeln am Arm ihres Begleiters die wenigen Stufen am Eingang hinunterschritt.
»Wann werden Sie Frau von Thadden endlich einen Heiratsantrag machen, Herr von Ahlwitz?«, rief eine Reporterin.
Bernhard von Ahlwitz konterte mit einer Gegenfrage, ohne seine Schritte zu verlangsamen: »Woher wollen Sie wissen, dass ich das nicht längst getan habe?« Er lächelte die Fragestellerin spitzbübisch an.
»Das heißt, Sie werden endlich das tun, worauf die Öffentlichkeit schon so lange wartet?«, rief ein älterer Reporter. »Sie werden heiraten?«
Auch jetzt antwortete Bernhard mit einer Gegenfrage, und wieder tat er es mit dem ihm eigenen jungenhaften Charme: »Finden Sie nicht, dass das unsere Privatangelegenheit ist?«
Sie hatten die wartende Limousine erreicht. Bernhard half seiner Begleiterin höflich in den Wagen, bevor er selbst einstieg. Die weiteren Fragen der Reporter und Fotografen schien er nicht mehr zu hören. Sein Chauffeur Robert Werner, siebenundzwanzig Jahre alt und ein Profi, fuhr behutsam an und ließ sich auch nicht davon verwirren, dass ein Fotograf sich direkt vor dem Wagen aufgestellt hatte, um noch ein letztes Bild zu schießen. Er sprang rechtzeitig beiseite, und Robert Werner konnte sich in den Verkehr einfädeln. Gleich darauf hatten sie die Leute von der Presse hinter sich gelassen.
»Die geben nie auf«, seufzte Isabella von Thadden und legte ihren Kopf an Bernhards Schulter.
Er tätschelte liebevoll ihre Hand. »Lass sie, das ist ihr Job. So lange sie uns nicht Tag und Nacht auflauern …«
»Das fehlte noch!«
»Soll Herr Werner dich nach Hause bringen oder …?«
»Nach Hause bitte, ja. Ich bin müde, Bernd. Siehst du Christine noch?«
»Ja, wir sind verabredet.«
Vorher hatte er für die Presse den Heiteren gemimt, jetzt war davon nichts mehr zu spüren. »Was ist?«, fragte Isabella. »Hattet ihr Streit?«
»Wir haben immer öfter Streit«, erwiderte er nach kurzem Zögern. »Ich weiß auch nicht, was eigentlich los ist.«
»Vielleicht passt es ihr nicht, dass ihr euch immer verstecken müsst?«
»Ja, damit hat es sicher zu tun. Sie hat mir jetzt schon öfter vorgeworfen, dass ich sie nicht wirklich liebe, sonst würde ich sie in der Öffentlichkeit nicht verleugnen. Dabei hat es mit fehlender Liebe nichts zu tun – eher mit Feigheit.«
»Deine Eltern?«
»Natürlich. Wenn mein Vater erfährt, dass ich mich in eine Schauspielerin verliebt habe – ich glaube, er ist imstande, mich zu enterben. Das könnte ich verkraften, aber ich liebe meine Familie, das weißt du ja, Isa. Und die Vorstellung, dass es da einen Bruch gäbe …« Er verstummte. Nach einiger Zeit setzte er hinzu: »Aber wenn ich Christine nicht verlieren will, werde ich es wohl darauf ankommen lassen müssen.«
Isabellas Kopf ruhte noch immer an seiner Schulter. »Bei mir ist es ja nicht viel anders«, murmelte sie. »Viktor mit seinem nicht gerade guten Ruf wäre in unserer Familie auch nicht willkommen. Aber anders als bei dir hat er nichts dagegen, dass ich mich mit ihm nicht in der Öffentlichkeit zeige, er sagt immer, er hätte so schon Öffentlichkeit genug.«
Bernhard lachte.
»Ja, hinter ihm sind die Fotografen auch dauernd her. Ein Wunder, dass sie euch noch nicht zusammen erwischt haben.«
»Wir sind überaus vorsichtig«, erklärte Isabella. »Aber auf Dauer ist das natürlich kein Zustand, irgendwann werden auch wir eine Entscheidung treffen müssen.«
Die Limousine hielt direkt vor dem Eingang der Villa, in der Isabella wohnte. Robert Werner stieg aus, um ihr die Wagentür zu öffnen. Ihr Gespräch hatte er nicht verfolgen können, denn Bernhards Limousine verfügte über eine Wand, die den Fahrer von seinen Gästen trennte.
Auch Bernhard stieg aus. Er verabschiedete sich von Isabella mit einer liebevollen Umarmung. »Wir sehen uns nächste Woche, wie besprochen?«
»Wie besprochen.«
Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.
»Auf Wiedersehen, Frau von Thadden«, sagte Robert Werner. »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«
»Die wünsche ich Ihnen auch, Herr Werner.«
Sie warteten, bis sie im Haus verschwunden war, dann setzte sich Bernhard nach vorn zu seinem Chauffeur. Wenn sie unter sich waren, unterhielten sie sich oft über Gott und die Welt. »Sie ist eine tolle Frau, Herr von Ahlwitz«, bemerkte Robert, als sie die Auffahrt wieder hinunterfuhren.
»Ja, das ist sie und zugleich die beste Freundin, die ich habe«, seufzte Bernhard. »Ich bin übrigens sehr froh, dass ich Sie gefunden habe, Herr Werner.«
Robert lächelte. »Weil ich so gut Auto fahre?«
»Weil Sie Ihren Mund halten können. Nach einem wie Ihnen habe ich lange suchen müssen.«
»Ich will meinen Job schließlich behalten«, erklärte Robert. »Da wäre ich ja schön blöd, wenn ich anfinge, herumzutratschen.«
»Wenn Sie wüssten«, murmelte Bernhard. Er hatte genug schlechte Erfahrungen gemacht.
»Möchten Sie noch irgendwohin oder gleich nach Hause?«
»Gleich nach Hause, bitte«, erwiderte Bernhard.
Robert warf ihm einen raschen Blick zu, aber er sagte nichts. Sie kamen gut miteinander aus, der junge Herr von Ahlwitz und er, aber er wusste, dass er sich vor allzu viel Vertraulichkeit hüten musste. Er hatte seine eigene Meinung über die Beziehung seines Arbeitgebers zu der attraktiven Schauspielerin Christine Schalk, aber die behielt er vorsichtshalber für sich.
Bernhard schwieg jetzt ebenfalls. In Gedanken war er noch halb im Theater, halb schon bei dem, was vor ihm lag. Isabella und er hatten eine großartige Aufführung des »Hamlet« gesehen. Er hätte Christine gern davon erzählt, aber sie arbeitete ausschließlich fürs Fernsehen und war am Theater, trotz ihres Berufs, nur mäßig interessiert. Das war zum Beispiel etwas, das er überhaupt nicht verstand.
»Da wären wir«, sagte Robert in seine Gedanken hinein.
Bernhard schrak zusammen. »Schon!«, murmelte er. »Entschuldigung, Herr Werner, ich war vollkommen in Gedanken.«
»Deshalb müssen Sie sich nicht entschuldigen, Herr von Ahlwitz. Wie sieht es morgen aus?«
»Da haben Sie frei, wie besprochen, ist ja schließlich Sonntag, und ich habe nichts weiter vor.«
»Dann am Montag zur üblichen Zeit?«
Bernhard nickte, stieg aus, hob noch einmal grüßend die Hand und ging ins Haus. Er bewohnte eine Penthauswohnung in einem üppig renovierten Gründerzeitbau in der Nähe der Münchener Innenstadt. Die Eingangshalle war mit Marmor ausgelegt, in ihr residierten wechselnde Empfangsteams. An diesem Abend begrüßte ihn Svenja Raacke, die er von allen am liebsten hatte, weil sie immer freundlich war, ohne je aufdringlich zu wirken. An ihrer Seite saß der stille Tim Braun, der ihm höflich zunickte, während Svenja sofort fragte: »Hatten Sie einen schönen Abend, Herr von Ahlwitz?«
»Ja, danke, Frau Raacke, es war eine großartige Aufführung.«
»Ich war schon lange nicht mehr im Theater«, seufzte sie. »Einen schönen Abend noch, Herr von Ahlwitz.«
»›Danke gleichfalls‹ kann ich ja wohl nicht sagen«, lächelte Bernhard, dann ging er zum Aufzug. Christine wohnte während der Dreharbeiten zu einem Fernsehvierteiler ebenfalls hier im Haus – die Produktionsfirma besaß eine der kleineren Wohnungen und brachte dort ihre Stars unter, zu denen Christine zählte. Es war ein glücklicher Zufall gewesen, denn nun war es für Bernhard und sie viel einfacher, sich zu treffen, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas erfuhr. So jedenfalls hatte Bernhard das gesehen, doch Christine war mittlerweile offenbar anderer Ansicht. Isabella hatte schon Recht gehabt mit ihrer Vermutung: Christine war das Versteckspiel leid.
Er nahm an, dass sie schon ungeduldig auf ihn wartete, also zog er nur rasch seinen Mantel aus, trank ein Glas Wasser und machte sich auf den Weg zu ihr. Sie ließ sich Zeit, bis sie ihm öffnete – und auch dann machte sie ihm nur zögernd Platz, um ihn eintreten zu lassen. Als er ihr einen Kuss zur Begrüßung geben wollte, drehte sie den Kopf weg.
Sie trug einen seidenen Morgenmantel, der nicht ganz geschlossen war, so dass er erkennen konnte, wie wenig sie darunter trug. Normalerweise genügte dieser Anblick, um in ihm leidenschaftliches Verlangen zu wecken, heute jedoch ärgerte er sich nur darüber, ohne dass ihm klar geworden wäre, warum. Er folgte ihr in den großen Wohnraum, wo er zögernd sagte: »Ich dachte, wir gehen zu mir.«
»Warum?«, fragte sie, während sie zu ihrem Glas griff. Jetzt erst bemerkte er, dass sie angetrunken war. Beim Sprechen verschliff sie die einzelnen Silben, ihre Augen glänzten verdächtig, und sie hielt sich an der Sessellehne fest, da sie offenbar nicht mehr ganz sicher auf den Beinen war. »Warum?«, wiederholte sie ein wenig lauter, jetzt klang ein aggressiver Unterton durch.
»Weil ich mehr Platz habe, mehr Vorräte im Kühlschrank, mehr Musik, mehr Bücher und den besseren Fernsehapparat«, antwortete Bernhard. »Und mein Bett ist auch bequemer.«
»Gut, dass du das erwähnst.« Sie hatte ihr Glas wieder abgestellt. »Darum geht es eigentlich nur, oder? Ums Bett!«
»Christine, was soll das?« Plötzlich wünschte er, er wäre gar nicht hergekommen, sondern in seiner Wohnung geblieben, hätte noch einmal über den soeben gesehenen »Hamlet« nachgedacht, vielleicht noch etwas Musik gehört, ein Glas Wein getrunken und wäre dann zufrieden ins Bett gegangen, ohne Streit, ohne Auseinandersetzung, ohne Tränen und Vorwürfe.
Sie kam näher, der Morgenmantel öffnete sich noch ein Stück weiter, sie schien es nicht zu bemerken. »Was das soll? Ich will auch mal mit dir ins Theater gehen, in ein Restaurant, ins Kino. Aber dazu wird es nie kommen, stimmt’s? Dafür hast du ja deine Isa. Bist du sicher, dass da nicht doch mehr ist als reine Freundschaft?«
»Du bist betrunken«, sagte er mühsam beherrscht. »Wir können gern wieder miteinander reden, sobald du nüchtern bist. Gute Nacht, Tina.« Er drehte sich um und wollte die Wohnung wieder verlassen, doch so einfach machte sie es ihm nicht. Er hörte einen dumpfen Knall hinter sich und fuhr herum: Christine lag am Boden, mit verwirrtem Gesicht und glasigem Blick. »Weiß gar nicht, wie das passiert ist«, nuschelte sie.
Er half ihr aufzustehen und brachte sie ins Bett. Jetzt war sie nicht mehr aggressiv, sondern anschmiegsam. Sie kuschelte sich in seine Arme. »Ich liebe dich, Bernd«, murmelte sie. »Entschuldige, dass ich zu viel getrunken habe, aber ich bin es so leid, immer auf dich zu warten, kannst du das denn nicht verstehen?«
»Doch, das verstehe ich«, erwiderte er, obwohl er mindestens so oft auf sie wartete wie sie auf ihn. Dreharbeiten waren eine unzuverlässige Sache, meist endeten sie nicht planmäßig, das hatte er zur Genüge erfahren in den letzten Wochen. »Und ich liebe dich auch, Tina.«
»Wirklich?« Sie lächelte glücklich, wenig später schlief sie ein.
Wie ein gefangenes Tier marschierte Bernhard daraufhin durch die Wohnung, bis er sich endlich entschieden hatte: Er schrieb Christine einen Zettel, dass er oben im Penthaus sei – sie möge kommen, wann immer sie wolle. Diesen Zettel legte er gut sichtbar auf den Tisch im Wohnzimmer, dann ging er.
Oben angekommen, öffnete er eins der Panoramafenster und trat hinaus auf seine großzügige Dachterrasse, wo er die recht kühle Luft in tiefen Zügen einsog. Er musste wegen Christine eine Entscheidung treffen – und das sehr bald. So wie jetzt konnte es auf keinen Fall weitergehen.
*
»War’s schön?« Viktor von Löwens Stimme klang zärtlich. Er hatte angerufen, kurz nachdem Isabella nach Hause zurückgekehrt war.
»Sehr schön sogar, Viktor, es hätte dir auch gefallen, glaube ich.«
»Ich werde mir die Aufführung auf jeden Fall noch ansehen«, erwiderte er. »Wie geht’s Bernd?«
»Nicht so gut, schien mir. Er wirkte ein bisschen niedergeschlagen.«
Viktor lachte leise. »Na, bei der Freundin ist das auch kein Wunder, würde ich sagen.«
»Was meinst du damit? Du kennst Christine Schalk doch gar nicht!«
»Ich kenne einige Leute, die schon mit ihr zusammengearbeitet haben. Sie ist offenbar eine ziemliche Zicke. Der Erfolg ist ihr zu Kopf gestiegen, wie das oft passiert, wenn Leute zu schnell nach oben kommen. Derzeit reißen sich ja alle Sender um sie. Wenn dein Freund Bernd jetzt noch um ihre Hand anhält, dreht sie wahrscheinlich endgültig durch.«
»Es klingt nicht sehr nett, wie du über sie redest. Du bist ihr noch nie begegnet, das sind wahrscheinlich alles nur bösartige Gerüchte.«
»Nun sei doch nicht so empfindlich, Isa! Ich sage nur, was ich gehört habe – und ich habe es von mehreren Seiten gehört, also gehe ich davon aus, dass ein wahrer Kern dabei ist. Außerdem sage ich das nur zu dir, ich würde zu niemandem sonst Bemerkungen über Frau Schalk machen.«
»Hoffentlich«, seufzte Isa.
»Du klingst auch ein wenig bedrückt«, stellte Viktor fest. »Ich hoffe, das liegt daran, dass du mich vermisst?«
»Soll ich dir die Wahrheit sagen? Nein, daran liegt es nicht, ich bin sogar froh, jetzt allein zu sein, weil ich sehr müde bin. Außerdem sehen wir uns ja morgen.«
»Ich werde pünktlich sein«, versprach er, »und dann machen wir unsere Landpartie, wie ausgemacht.«
»Die Sternberger freuen sich schon – sie sind die einzigen Freunde, die wissen, dass ich dich und nicht Bernd liebe.«
Wieder lachte Viktor. »Sie wissen aber hoffentlich, wen du ihnen da anschleppst? Du weißt, was ich für einen Ruf habe – es gibt genügend Leute, die nicht gern mit mir zu tun haben, weil ich nicht arbeite, ständig meine Freundinnen wechsele und insgesamt nur darauf aus bin, mir ein schönes Leben zu machen.«
»Mach dich nicht schlimmer, als du bist. Bis morgen, Viktor.«
»Schlaf gut, Liebste – ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.«
Nach diesem Gespräch ging Isabella mit einem Lächeln zu Bett. Viktor nahm das Leben von der leichten Seite, das mochte sie an ihm. Er brachte sie oft zum Lachen und auch wenn sie fand, dass es Situationen gab, in denen er mehr Ernst hätte zeigen müssen, so war sie doch meistens froh über seine Art, Unannehmlichkeiten einfach heiter zu ignorieren.
Kurz vor dem Einschlafen dachte sie noch einmal an Bernhard und sein bedrücktes Gesicht, als sie sich von ihm verabschiedet hatte. Hoffentlich verbrachte er einen schönen Abend mit seiner Christine!
*
Robert Werner betrachtete nachdenklich das Foto, das er zwei Tage zuvor mit seinem Handy geschossen hatte. Was fing er nur damit an? Schon mehrmals war er drauf und dran gewesen, es einfach zu löschen, hatte es im letzten Moment dann aber doch nicht getan. Mit Bernhard von Ahlwitz darüber reden? Es zwar behalten, aber ansonsten möglichst vergessen? Mit der Dame reden?
Nachdenklich sah er aus dem Fenster des kleinen Cafés, das er sich ausgesucht hatte, um dort einen Cappuccino zu trinken. Andere, das wusste er, hätten es mit einer kleinen Erpressung versucht. Das kam für ihn nicht in Frage. Das Beste würde sein, er vergaß die Angelegenheit, schließlich ging sie ihn, streng genommen, auch überhaupt nichts an. Aber er mochte Bernhard von Ahlwitz nun einmal, und er wollte, dass es ihm gut ging.
»Verdammter Mist!«, murmelte er.
»Was ist denn so schlimm?«, fragte eine Stimme neben ihm.
Erschrocken sah er auf und entdeckte am Nachbartisch eine junge Frau, die ihn offenbar schon längere Zeit beobachtete. Jetzt lächelte sie. Es war ein freundliches, aber unverkennbar auch leicht spöttisches Lächeln. Sie war hübsch, fand Robert. Vollkommen ungeschminkt erstaunlicherweise, mit einer Flut dunkler Locken auf dem Kopf, wozu die blauen Augen einen interessanten Kontrast bildeten. Ohne lange nachzudenken beantwortete er ihre Frage mit der Wahrheit: »Ich habe etwas herausgefunden, was für jemanden, den ich gerne habe, eine unangenehme Überraschung wäre.«
Sie wies auf sein Handy. »Das Foto, das Sie die ganze Zeit anstarren?«
Rasch drückte er es weg und steckte das Handy in die Tasche. »Ja«, sagte er dann.
»Und was wollen Sie jetzt tun?«, fragte sie. Es klang sachlich interessiert, nicht übermäßig neugierig.
»Wenn ich das wüsste, hätte ich nicht so lange auf das Foto gestarrt«, erklärte Robert. »Ich weiß es eben nicht, das ist das Dumme.«
»Sie könnten mit Ihrem Freund reden – dann wüsste er Bescheid. Das ist eigentlich fast immer das Beste.«
»Mag sein, aber ich glaube nicht, dass er die Wahrheit unbedingt von mir erfahren muss. Er ist übrigens nicht mein Freund, sondern mein Chef.«
»Oh«, sagte sie und verstummte erst einmal. Dann nahm sie ihre Kaffeetasse und trug sie zu seinem Tisch. »Ich darf doch?«
»Sicher, ich erwarte niemanden«, erklärte Robert.
»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?«
»Ich bin Chauffeur, jedenfalls im Moment.«
»Das wollen Sie aber nicht bleiben?«
»Eigentlich nicht. Ich bin Kfz.-Mechaniker und hätte gern eine eigene Werkstatt, aber dafür braucht man Kapital, das fehlt mir noch. Ich versuche gerade, es zu verdienen. Und Sie?«
»Maskenbildnerin.«
Seine Augen wurden groß. »Am Theater?«
»Nee, beim Fernsehen. Wir drehen hier gerade einen großen Vierteiler, ein paar Monate lang. Ist ein toller Job, ich hatte richtig Glück, ihn zu kriegen – ich wohne nämlich in München, und jetzt kann
ich mehrere Monate zu Hause
wohnen, während ich arbeite, ein großer Luxus ist das. Für uns ist
es sowieso die Ausnahme, so lange hintereinander beschäftigt zu sein.«
Robert hatte Mühe, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen. Hier saß er ja gewissermaßen an der Quelle! Er trank vorsichtig von seinem Cappuccino, dann murmelte er: »Hört sich sehr interessant an.«
»Ist es auch. Fahren Sie Taxi?«
»Nein, ich bin bei jemandem fest angestellt.«
»Na, der muss ja Geld wie Heu haben, wenn er sich einen Chauffeur leisten kann.«
Robert lächelte. »Arm ist er wohl nicht, das stimmt. Ich heiße übrigens Robert Werner.«
»Ilka Brandes. Jedenfalls verstehe ich jetzt, dass Sie Ihrem reichen Chef nicht einfach sagen können: Deine Frau hat einen anderen.«
Nun verschluckte Robert sich doch.
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte er, als der Hustenanfall vorüber war. »Dass seine Frau einen anderen hat?«
»Was soll es denn sonst sein? Sie konnten es fotografieren, also muss was zu sehen gewesen sein. Hätten Sie, sagen wir mal, einen finanziellen Betrug aufgedeckt, wäre es schwieriger gewesen, das mit dem Handy festzuhalten, meinen Sie nicht?«
»Sie sind ganz schön clever«, stellte er fest.
»Ja, zum Glück«, erwiderte sie lächelnd. »Sonst könnte ich mich in meiner Haifischbranche niemals durchsetzen.«
Robert beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen. »Aber Sie haben dauernd mit berühmten Leuten zu tun«, sagte er. »Das wiegt doch wahrscheinlich einige Unannehmlichkeiten auf.«
Ilkas bis dahin so fröhliches Gesicht verfinsterte sich. »Hören Sie mir auf mit den sogenannten Stars«, murmelte sie. »Wie die sich zum Teil benehmen, das können Sie sich nicht vorstellen. Natürlich gibt es auch ein paar nette unter ihnen, aber mit denen habe ich leider im Augenblick nichts zu tun.«
Robert hielt kurz die Luft an, bevor er sich noch weiter vorwagte: »Drehen Sie zufällig mit Christine Schalk? Die soll doch gerade hier in der Stadt sein.«
Ein rascher prüfender Blick traf ihn, dann raunte Ilka ihm zu: »Sie ist die Schlimmste von allen. Ehrlich, ich kann sie nicht ausstehen. Sie hält sich für die Größte, bloß weil sie jetzt ein paar erfolgreiche Filme gedreht hat.«
»Aber sie ist eine gute Schauspielerin – oder nicht?«
»Sie ist nicht unbegabt«, stimmte Ilka ihm zu. »Aber nett ist sie deshalb noch lange nicht.«
»Das können Sie natürlich besser beurteilen als ich«, stellte Robert fest. Er hatte bereits beschlossen, keine weiteren Fragen zu stellen, obwohl er liebend gern noch mehr gehört hätte. Aber das wäre sicherlich zu auffällig gewesen …
»Und mit jedem Mann muss sie flirten«, fuhr Ilka fort, »dabei tut sie so, als sei sie in festen Händen, aber niemand weiß, wer ihr Freund ist. Trotzdem legt sie es ständig darauf an, alle Männer am Set um den kleinen Finger zu wickeln.«
»Am Set?«, fragte Robert verwirrt.
»Da, wo wir jeweils drehen – so nennt man das«, erklärte Ilka bereitwillig. »Gerade hat sie eine Affäre mit dem Kameramann. Der arme Kerl weiß überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Er hat eine total nette Frau, zwei kleine Kinder – und er liebt seine Familie, das weiß ich. Aber Christine war er natürlich nicht gewachsen. Sie wird auch noch dafür sorgen, dass seine Frau es erfährt. So ist sie.«
»Hört sich nicht besonders sympathisch an«, stellte Robert fest.
»Ist es auch nicht. Und Sie? Haben Sie auch eine Frau und zwei kleine Kinder?«
»Ich bin allein«, antwortete Robert. »Und Sie?«
»Auch allein«, murmelte Ilka. »In einem Job, wo man ständig unterwegs ist, haben es Beziehungen schwer. Was glauben Sie, warum sich Schauspieler so oft scheiden lassen? Wochen- oder monatelange Trennungen hält auf Dauer keine Liebe aus. Außerdem, das muss man auch zugeben, trifft man ständig neue attraktive Leute, da ist die Versuchung, sich auf was einzulassen, besonders groß.«
»Sie haben es also schon versucht, und es hat nicht geklappt.«
Sie nickte. »Mein letzter Freund war Buchhändler, ich dachte, er wäre der Richtige. Aber irgendwann kam ich von Dreharbeiten nach Hause, und da hatte er eine neue Freundin. Daraufhin habe ich mir vorgenommen, erst einmal solo zu bleiben.«
»Bei mir ist es so ähnlich«, sagte Robert nachdenklich. »Ich wohne zwar am Ort, aber ich bin auch viel unterwegs – und ich habe vor allem keine festen Arbeitszeiten. Bei mir kann es jederzeit heißen: ›Wir fahren weg.‹ So steht es auch in meinem Vertrag. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie eine Freundin darauf reagiert, wenn man sie vor dem Kino stehen lässt, weil man überraschend nach Paris fahren muss.«
Ilka lachte. »Das klingt auch nicht einfach«, gab sie zu.
Ihre Blicke begegneten sich, die Luft zwischen ihnen flirrte ein wenig. Sie gefällt mir, dachte Robert. Ich will sie wiedersehen. »Wenn Sie noch eine Weile hier arbeiten«, meinte er, »dann könnten wir uns doch mal wieder treffen. Was meinen Sie?«
Sie lachte. »Gern. Und ich bin ja jetzt schon darauf vorbereitet, dass Sie eine halbe Stunde vorher anrufen und sagen: ›Tut mir leid, ich muss jetzt nach Paris.‹ Ich verspreche, dass ich Ihnen keine Szene machen würde.«
Er lachte mit ihr. Eine Viertelstunde später verließen sie das Café gemeinsam.
»Wie wäre es mit heute Abend?«, fragte Robert. »Ich mache jetzt ein bisschen Sport, schlafe vielleicht eine Stunde, aber danach hätte ich Zeit. Ich könnte Sie zum Beispiel zu meinem Italiener einladen, der die besten Nudeln weit und breit macht.«
»Schöne Idee, aber leider undurchführbar«, seufzte Ilka. »Wir drehen heute Nachmittag, bis in die Nacht. Ich sollte sehen, dass ich noch ein bisschen Schlaf kriege, ich habe es im Gefühl, dass es heute zäh wird.«
»Sie drehen bis in die Nacht? Passiert das öfter?«
»Nein, jedenfalls nicht bei diesem Film, er spielt zum Glück überwiegend am Tage, aber ich hatte auch schon mal eine Produktion, die fast nur nachts spielte. Danach war ich reif für die Anstalt, das dürfen Sie mir glauben.«
»Morgen kann ich wahrscheinlich nicht«, murmelte Robert.
»Ich auch nicht, da schlafe ich nämlich. Aber Dienstag sieht es ganz gut aus für Ihren Italiener.«
Robert freute sich. Nach Hause bringen lassen wollte sie sich nicht von ihm, und er bedrängte sie nicht. Sie war vorsichtig, das gefiel ihm. Immerhin gab sie ihm ihre Handy-Nummer, das war auch ein Vertrauensbeweis.
Übermorgen würde er sie wiedersehen. Er konnte es kaum erwarten.
*
»Sieht ja toll aus, das Schloss!«, staunte Viktor von Löwen, als Isabella und er sich Schloss Sternberg näherten. Viktor saß selbst am Steuer, er fuhr gern.
»Warte nur, bis du es aus der Nähe siehst«, lächelte Isabella. »Es wird immer schöner, je näher man ihm kommt. Und erst der Schlosspark … Es müsste jetzt eigentlich schon vieles blühen, das ist die schönste Zeit auf Sternberg. Er fängt übrigens hier schon an.«
»Der Park?«, fragte Viktor erstaunt. »Das sieht doch aus wie Wald.«
»Es ist ein besonderer Park. An seinen Rändern geht er in Wald über.«
»Was ist das da vorn? Der Hügel da? Das habe ich ja noch nie gesehen – ein Hügel in einem Schlosspark!«
»Der Familienfriedhof der Sternbergs. Da liegen jetzt auch Christians Eltern.«
Sie schwiegen beide einen Augenblick, bis Viktor sagte: »Ich wiederhole noch einmal, was du mir erzählt hast, damit ich gleich alles richtig mache: Christian von Sternberg ist der Sohn des vor etlichen Monaten tödlich verunglückten Fürstenpaares.«
»Richtig«, bestätigte Isabella. »Er ist fünfzehn, die Leute hier in der Umgebung nennen ihn ›der kleine Fürst‹ – eben weil er noch nicht volljährig ist. Sein derzeitiger Titel ist ›Prinz Christian‹, aber mit achtzehn wird er Fürst sein.«
»Er lebt jetzt in der Familie seiner Tante Sofia von Kant«, fuhr Viktor fort.
»Sofia ist eine Schwester seiner Mutter«, erklärte Isabella. »Sie hat Baron Friedrich von Kant geheiratet, die beiden haben zwei Kinder, Konrad und Anna. Die sind für Christian wie Geschwister. Die Kants leben schon lange auf Sternberg, so hat Christian zwar seine Eltern verloren, aber nicht auch noch sein Zuhause. Außerdem solltest du dir noch merken, dass der Butler Eberhard Hagedorn heißt – einen besseren Butler gibt es weit und breit nicht. Nett ist er außerdem und absolut diskret. Ich glaube, das war das Wichtigste.«
Viktor lächelte. »Das reicht auch, finde ich. Sag mal, der kleine Fürst – wie geht er mit dem Verlust seiner Eltern um?«
»Tapfer«, sagte Isabella. »Er ist natürlich ernster geworden, reifer, aber dadurch, dass er weiterhin lauter Menschen um sich herum hat, die ihn lieben, schafft er es einigermaßen, damit fertig zu werden. So, und jetzt guck mal nach vorn – von hier aus hat man nämlich den allerbesten Blick auf Sternberg.«
Er brachte seine Bewunderung gebührend zum Ausdruck, und Isabella freute sich, dass er ehrlich beeindruckt zu sein schien. Gleich darauf hatten sie das Schloss erreicht. Als Viktor den Wagen abstellte, öffnete sich das große Eingangsportal, und Sofia und Friedrich erschienen zur Begrüßung – ihnen folgte Eberhard Hagedorn.
Isabella stellte Viktor vor und war wieder einmal froh über seine Kontaktfreudigkeit. Als sie Schloss Sternberg betraten, hatte er Baron Friedrich von Kant bereits in ein lebhaftes Gespräch über Pferde verwickelt.
»Er ist nett, dein Viktor«, flüsterte die Baronin Isabella zu.
»Ja, nicht wahr? Wie schön, wieder einmal bei euch zu sein, Sofia! Wo sind die Kinder?«
»Noch unterwegs, aber sie wissen ja, dass ihr kommt und freuen sich sehr, dich wiederzusehen.« Sofia senkte die Stimme. »Und auf Viktor sind sie natürlich neugierig, das kannst du dir ja vorstellen. Komm, das Wetter ist so schön, wir können auf der Terrasse sitzen.«
Isabella folgte Sofia, von den beiden Männern war nichts mehr zu sehen. Sie lächelte in sich hinein. So war es immer mit Viktor: Er kam, sah und siegte.
*
Als Christine am Sonntagmittag immer noch nicht im Penthaus aufgetaucht war, machte sich Bernhard erneut auf den Weg zu ihrer Wohnung. Sie öffnete erst nach mehrmaligem Klingeln, er sah sofort, dass sie noch geschlafen hatte. Ihr Gesicht sah verquollen aus. »Ich bin noch müde«, sagte sie mürrisch und machte ihm die Tür vor der Nase zu.
Er war so verdutzt über diese Reaktion, dass er mehrere Sekunden lang stehen blieb, wo er stand, bevor er sich endlich umdrehte, um zum Fahrstuhl zurückzukehren. Er hatte ihn noch nicht erreicht, als die Tür erneut geöffnet wurde. »Tut mir leid, Bernd, ich bin noch nicht ganz wach«, nuschelte Christine. »Komm rein.«
»Ich kann auch später wiederkommen, wenn du noch schlafen willst«, sagte er.
»Nein, nein, ich muss sowieso aufstehen, wir drehen doch ab heute Nachmittag. Komm rein und warte einen Augenblick.«
Er folgte ihr also in die Wohnung, hörte im Bad Wasser laufen. Sie tauchte nach wenigen Minuten wieder auf, hatte sich die Haare gekämmt und das Gesicht gewaschen. Noch immer ähnelte sie dem Fernsehstar Christine Schalk nicht unbedingt, aber sie sah besser aus als zuvor. Ihr Lächeln war verlegen. »Ich war vollkommen übermüdet«, erklärte sie, »und außerdem war das blöd gestern Abend, ich habe zu viel getrunken, während ich auf dich gewartet habe, das ist mir leider zu spät aufgefallen.«
»Wir können so nicht weitermachen«, sagte er ruhig.
»Was willst du damit sagen?«
»Ich habe nachgedacht, Christine, über uns beide. Wenn wir wirklich zusammenbleiben wollen …«
Die Türklingel unterbrach ihn. Jemand drückte lang anhaltend darauf. »Nanu?«, fragte Bernhard. »Rufen die nicht an von unten, um deine Besucher anzukündigen?«
Sie war bereits aufgesprungen. »Warte einen Augenblick«, bat sie hastig. »Wahrscheinlich ein Versehen.« Sie verließ das Zimmer und schloss die Tür zum Flur hinter sich.
Ein Versehen? Bernhard wusste, wie ernst die Empfangsteams unten ihre Aufgabe nahmen. Jeder, der das Haus betrat, musste sich anmelden, durchgelassen wurden nur bekannte Gesichter. Hier im Haus wohnten ausschließlich wohlhabende Leute, es gab einiges zu stehlen, deshalb leisteten die Eigentümer sich die teuren Empfangsleute. Wer also kam bis vor die Tür dieser Wohnung, ohne von unten angekündigt worden zu sein?
Er konnte sich keinen Reim auf diesen Vorfall machen.
Unwillkürlich stand er auf und schlich zu der Tür, die sie so sorgfältig hinter sich geschlossen hatte. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht herkommen!«, hörte er sie mit unterdrückter Stimme sagen. »Es geht jetzt nicht, Jens, verstehst du?«
Es war eine männliche Stimme, die ihr antwortete, heiser vor Erregung. »Aber ich muss mit dir reden, Tina – meine Frau ist misstrauisch geworden, ich kann mich nicht mehr mit dir treffen. Das mit uns muss aufhören, sofort. Ich will meine Familie nicht verlieren. Es war sowieso ein großer Fehler. Bitte, hör auf, mich …«
Bernhard riss die Tür mit einem Ruck auf. Der Mann, der in der geöffneten Wohnungstür stand, war etwa so alt wie er: ein blasser schmaler Typ mit schwarzen Haaren und blauen Augen. Sehr gut aussehend, dachte Bernhard beinahe automatisch. »So ist das also«, stellte er mit kalter Stimme fest.
Der Mann sah von ihm zu Christine und wieder zurück, auch der letzte Blutstropfen wich aus seinem Gesicht. »Was soll das heißen?«, stammelte er. Langsam wandte er sich wieder der jungen Schauspielerin zu. »Das habe ich gewusst«, sagte er tonlos. »Im Grunde habe ich es gewusst. Mit mir hast du nur aus Langeweile etwas angefangen – oder weil du dir beweisen wolltest, dass dir keiner widerstehen kann. Und dafür habe ich meine Ehe gefährdet!«
Er drehte sich um und rannte zum Aufzug.
Christine hatte noch gar nichts gesagt, und Bernhard wollte auch nichts hören. Er schob sich an ihr vorbei aus der Wohnung und sagte mit erzwungener Ruhe: »Ich wünsche dir noch einen schönen Tag.«
Endlich hatte auch sie sich von ihrem Schrecken erholt. »Bernd, bitte bleib!«, rief sie ihm nach.
Er tat ihr nicht den Gefallen, sich noch einmal umzudrehen. Alles, was er denken konnte, war: Das war’s. Wie betäubt kehrte er in seine Wohnung zurück, wo gleich darauf das Telefon anfing zu klingeln. Er ignorierte es ebenso wie wenig später das Läuten an der Tür.
*
Robert zog im Schwimmbad gleichmäßig seine Bahnen – das tat er immer, wenn er einen freien Tag hatte, er bekam ja sonst nicht allzu viel Bewegung, und er wollte auf jeden Fall fit bleiben. Nach einer Stunde im Wasser fühlte er sich großartig. Es war überhaupt ein guter Tag, fand er. Zuerst die Begegnung mit der hübschen Ilka, nun der Sport – vielleicht ging er am späten Nachmittag noch ins Kino. Oder er traf sich mit seinem Freund Per, sie hatten einander mindestens zwei Wochen lang nicht gesehen.
Er war gerade dabei, das Schwimmbad zu verlassen, als sein Handy klingelte. Er erkannte die Nummer sofort, es war sein Chef. Hastig meldete er sich. »Herr von Ahlwitz?«
»Tut mir leid, Herr Werner, ich weiß, ich habe Ihnen einen freien Tag versprochen – können Sie den ein anderes Mal nehmen?«
»Kein Problem«, erklärte Ro-bert. »Ich war nur gerade Schwimmen, ich müsste …«
»Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen – aber bitte nicht mehr. Und dann kommen Sie zu mir. Wir fahren nach Sternberg, ich muss mit Frau von Thadden reden. Sie ist heute Morgen dahin gefahren.«
»Ich beeile mich«, versprach Robert, und das tat er auch. Er jagte nach Hause, hängte seine Schwimmsachen auf, trocknete die Haare, zog sich um und machte sich wieder auf den Weg. Was war passiert? Das war die Frage, die ihm unablässig durch den Kopf ging. Hatte Herr von Ahlwitz es irgendwie herausbekommen? Wenn ja, musste er nichts mehr sagen. Wenn nein …
Seine Gedanken verwirrten sich, er war noch zu keinem Entschluss gekommen, als er sich am Empfang des Hauses meldete, in dem Bernhard von Ahlwitz wohnte. Dieser kam so schnell nach unten, dass er wohl schon auf das Erscheinen seines Chauffeurs gewartet hatte. Unnatürlich blass war er, die Augen schienen tief in den Höhlen zu liegen, dunkle Schatten lagen darunter. »Sind Sie krank?«, fragte Robert erschrocken.
»Nur unglücklich«, lautete die Antwort.
Bernhard setzte sich nach hinten, was bedeutete, er wollte nicht reden. Robert fand das in Ordnung. Anders wäre es ihm lieber gewesen, dann hätten sie beide eine unterhaltsamere Fahrt gehabt, aber mittlerweile war er sicher, dass Bernhard von Ahlwitz von der Untreue seiner Freundin erfahren hatte. Einen anderen Grund für sein elendes Aussehen konnte er sich jedenfalls nicht vorstellen.
Er ließ den Motor an und machte sich auf den Weg nach Sternberg.
*
»Bernd hat vor einer halben Stunde angerufen, Isa«, sagte Sofia von Kant. »Er scheint ziemlich durcheinander zu sein und ist jetzt auf dem Weg hierher.«
»Bernd?«, fragte Isabella verwundert. »Wieso kommt er denn nach Sternberg? Das verstehe ich nicht. Ist etwas passiert?«
»Das nehme ich an, näher erklärt hat er sich nicht. Er bat mich nur, dir auszurichten, dass er mit dir reden muss.«
»Oje«, murmelte Isabella. »Wahrscheinlich geht es um seine Freundin.«
»Vielleicht solltet ihr die Öffentlichkeit nicht länger im Unklaren über eure Beziehung lassen«, schlug Sofia vor. »Dieses Verwirrspiel ist doch gar nicht nötig, Isa, jedenfalls nicht für dich. Wie das bei Bernd aussieht, kann ich nicht beurteilen, zumal ich seine Freundin nicht kenne, aber Viktor von Löwen ist ein sympathischer Mann, deine Eltern werden ihn schätzen.«
»Das werden sie nicht, Sofia. Er hat keinen guten Ruf, das weißt du doch.«
»Aber du liebst ihn«, stellte die Baronin fest. »Und das ist es doch, was zählt, oder?«
»Für euch vielleicht, aber nicht unbedingt für meine Eltern. Und bei Bernd liegen die Dinge ähnlich.«
»Kennen Viktor und er sich?«
»Nein, sie sind sich bisher persönlich noch nie begegnet. Ich mache mich mal auf die Suche nach ihm, um ihn darauf vorzubereiten. Tut mir leid, Sofia, ich hoffe, das ist für euch nicht unangenehm.«
Die Baronin schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber woher denn! Wir kennen Bernd so lange wie dich, und wir schätzen ihn sehr. Wenn es ihm hilft, hierher zu kommen und mit dir zu reden, ist er uns willkommen. Wir werden hoffentlich trotzdem einen schönen Tag miteinander verleben.«
Isabella umarmte sie und ging, um Viktor zu suchen.
*
»Oh!« Dieser Ausruf rutschte Ilka unwillkürlich heraus, als Christine Schalk die Maske betrat. Sie bereute es sofort, sich nicht besser beherrscht zu haben, denn das Gesicht der Schauspielerin nahm jenen verkniffenen Ausdruck an, den das Team zu fürchten gelernt hatte. Christine Schalk war launisch, und sie beherrschte es perfekt, ihre Launen an anderen auszulassen.
»Wenn Sie Ihren Beruf beherrschen, dann werden Sie es ja wohl schaffen, ein paar Spuren von Müdigkeit wegzuschminken, oder?«, fuhr sie Ilka an.
»Selbstverständlich«, erwiderte Ilka höflich und machte sich an die Arbeit. Spuren von Müdigkeit, haha, dachte sie. Du hast zu viel getrunken gestern Abend – und heute hast du eine Menge Tränen vergossen, dachtest du etwa, ich bin blöd und sehe das nicht?
Das sonst so hübsche Puppengesicht der Schauspielerin wirkte verquollen, die Augen blickten glanzlos in den Spiegel, um den Mund lag ein harter Zug, den Ilka bisher noch nie wahrgenommen hatte. Sie warf einen nervösen Blick auf die Uhr. Wie üblich war Christine Schalk unpünktlich gewesen. Normalerweise schaffte Ilka ihre Arbeit trotzdem bis zum vorgesehenen Drehbeginn, doch heute musste sie erheblich mehr Mühe aufwenden, um die Schauspielerin so aussehen zu lassen, wie Regisseur und Kameramann es erwarteten. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, schneller zu arbeiten. Rote Flecken hatte Christine Schalk auch noch im Gesicht, die sie alle extra abdecken musste …
»Wie lange braucht ihr noch?« Die Aufnahmeleiterin erschien in der Tür. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Hauptdarstellerin und schluckte, als sie erkannte, welche Aufgabe Ilka zugefallen war. »Oh!«, sagte nun auch sie.
Christine Schalk hatte es zum Glück nicht gehört, sie hielt die Augen geschlossen und wirkte abwesend. Sie hatte Kopfhörer auf, eine Männerstimme sang schmalzige Balladen.
»Dauert noch«, erklärte Ilka leise und machte der Aufnahmeleiterin ein Zeichen, sie möge ihr einen Aufschub verschaffen. Diese nickte und verschwand.
Fünf Minuten später erschien der Kameramann Jens Wiedemann. Ilka genügte ein einziger Blick, um zu begreifen, dass er an Christine Schalks Aussehen beteiligt war. Ein Streit, bei dem sie in Tränen ausgebrochen war? Hatte er ihr endlich gesagt, dass ihre Affäre ein Ende haben musste, weil nämlich seine Frau allmählich anfing, misstrauisch zu werden? Sie konnte es nur hoffen. Jens war nett, seine Frau war es auch …
»Dauert noch«, sagte sie knapp.
»Ich … ich muss …«
»Verschwinde!«, sagte Ilka böse. »Verschwinde und halte dich endlich von ihr fern, verstanden? Du bist ein Idiot, Jens. Ein riesengroßer Idiot – das hätte ich dir schon längst sagen sollen.«
Seine blauen Augen weiteten sich, offenbar hatte er sich eingebildet, dass seine Affäre mit Christine vom Team unbemerkt geblieben war. Sie seufzte. Wie dumm die Leute doch waren! So etwas sprach sich immer sofort herum. Die Affäre, die bei Dreharbeiten geheim geblieben wäre, hatte es noch nicht gegeben, jedenfalls nicht, seit sie im Geschäft war.
Er wollte noch etwas sagen, aber sie warf ihm einen Blick zu, der ihn dazu veranlasste, zu tun, wozu sie ihn aufgefordert hatte. Er verschwand.
Mit einer halben Stunde Verspätung erschien Christine zum Drehen. Niemand machte Ilka einen Vorwurf, alle wussten längst Bescheid, bei wem die Schuld zu suchen war. Da aber Christine Schalk der Star der Produktion war, kam es selbstverständlich nicht in Frage, sie zu tadeln.
Sie hatte bisher noch nie gepatzt, aber dieser Dreh fing ausgesprochen schlecht an: Die erste Szene mit Christine musste fünfzehn Mal wiederholt werden, weil sie sich ständig versprach. Als endlich für die nächste Einstellung umgebaut werden konnte, war bereits der Abend hereingebrochen.
Es würde eine lange Nacht werden, das war nun auch dem Letzten klar geworden.
*
»Sind Sie nicht eifersüchtig?«, fragte Anna von Kant. Sie machte mit Viktor und ihrem Cousin Christian von Sternberg einen Rundgang durch die Pferdeställe auf Sternberg. Begleitet wurden sie von Christians jungem Boxer Togo, dem es freilich bald zu langweilig wurde – er lief nach draußen, wo es bedeutend mehr zu sehen und zu schnüffeln gab. »Ich meine, weil Bernd doch jetzt gekommen ist und weil über Isa und Bernd dauernd in der Zeitung steht, dass sie ein Traumpaar sind und man überhaupt nicht versteht, warum sie sich nicht längst verlobt haben.«
Viktor lachte. »Ich habe kein Talent zur Eifersucht, Anna. Ich finde die Situation eher spaßig, muss ich sagen. Bisher habe ich mich noch nie mit einer meiner Freundinnen vor der Öffentlichkeit versteckt. Es ist eine neue Situation für mich.«
»Warum verstecken Sie sich denn eigentlich?«, erkundigte sich Christian.
»Weil Isas Eltern mich wohl kaum gern als Schwiegersohn hätten. Sie fürchtet die Auseinandersetzung mit ihnen.«
»Aber wollen Sie Isa denn überhaupt heiraten?« Anna ließ nicht locker. »Bisher haben Sie immer gesagt, dass die Ehe nichts für Sie ist.«
Viktor blieb stehen und betrachtete sie amüsiert. »Das ist ja ein richtiges Kreuzverhör«, stellte er fest. »Außerdem scheint ihr ziemlich gut über mich Bescheid zu wissen.«
»Ich zumindest«, meinte Anna. »Chris weniger, der liest die Spalte mit dem Gesellschaftsklatsch überhaupt nicht. Stimmt das nicht, was ich eben gesagt habe?«
Viktor schlenderte langsam weiter. »Doch«, gab er zu. »Wir denken ja auch noch gar nicht ans Heiraten, Isa und ich. Wir sind verliebt ineinander, und das genießen wir jetzt erst einmal. Wenn es dann ernst wird, kann man sich immer noch Gedanken machen, wie man es der Familie beibringt.«
»Hier steckt ihr!«, rief Baron Friedrich und kam auf sie zu. »Ich habe euch schon überall gesucht. Na, Viktor, sind Sie gebührend beeindruckt von unseren Pferden?«
»Und von Ihren Kindern, Friedrich«, erwiderte Viktor lächelnd.
»Haben sie Sie über Ihr Leben ausgefragt?«
»Ja, so ungefähr.«
»Kommen Sie, ich habe einen neuen Hengst, den möchte ich Ihnen persönlich zeigen.«
Die beiden Männer entfernten sich, Anna und Christian blieben zurück. Christian rief nach Togo, der auch sofort mit langen Sätzen angejagt kam.
»Er will sie nicht heiraten, Chris«, stellte Anna fest.
Der kleine Fürst nickte nachdenklich, während er Togo den Kopf kraulte. »Das glaube ich allerdings auch. Hoffentlich weiß Ina das.«
Sie wechselten einen ihrer Verschwörerblicke. Wenn Ina es nicht wusste, würde es ihr beizeiten jemand sagen müssen.
*
»Der muss schon öfter da gewesen sein«, erklärte Bernhard. »Die haben ihn ja einfach durchgelassen im Haus, also kannten sie ihn. Wer weiß, wie lange das schon geht, und ich habe nichts gemerkt, Isa. Überhaupt nichts.«
»Tut mir wirklich leid«, murmelte Isabella. Sein Anblick erschreckte sie noch immer: So blass, so außer sich, hatte sie ihn noch nie gesehen. Geradezu verstört wirkte er.
»Und ich hatte mir gerade überlegt, dass ich jetzt doch mit meinen Eltern rede und den Bruch mit ihnen riskiere. Mir war ja klar, dass das nicht ewig so weitergeht – und natürlich wusste ich, was es für Christine bedeutet, sich immer mit mir verstecken zu müssen. Das hat sie gekränkt, schließlich ist sie Schauspielerin, sie will sich zeigen. Aber das sind doch keine ausreichenden Gründe, um eine Affäre anzufangen …«
»Wer war der Mann? Kanntest du ihn?«
»Nein, ich hatte ihn noch nie gesehen. Sie hat ihn mit ›Jens‹ angesprochen.«
Isabella dachte nach. »Der Kameramann«, sagte sie endlich. »Ich habe neulich einen Bericht über die Dreharbeiten gelesen, da wurde ausführlich über den Kameramann gesprochen, der heißt Jens Wiedemann und ist ziemlich bekannt. ›Der Künstler hinter der Kamera‹ wurde er genannt.«
Bernhard lachte bitter auf. »Sie sehen sich ja jeden Tag stundenlang, Gelegenheiten gibt es da sicher genug, sich näherzukommen.«
»Bernd!« Sie strich ihm liebevoll über die Wange. »Es war nicht richtig, was sie getan hat, aber du solltest trotzdem nicht zu hart über sie urteilen. Sie hat sich zurückgesetzt gefühlt und sich die Bestätigung dann eben woanders geholt.«
Sein Blick war voller Verwunderung. »Das klingt, als hättest du Verständnis für sie.«
»Das habe ich auch.«
»Und du?«, fragte er. »Hättest du dich in ihrer Situation auch so verhalten?«
Sie dachte ernsthaft darüber nach, schließlich schüttelte sie den Kopf. »Ich bin ein anderer Typ, Bernd. Ich hätte meinen Kummer sicherlich mehr in mich hineingefressen. Aber ob das die bessere Methode ist, bezweifele ich.«
»Ich werde ihr nicht verzeihen«, erklärte Bernhard. »Du hast vermutlich mit allem Recht, was du jetzt gesagt hast, aber ich kann ihr nicht mehr vertrauen. Das scheint ja auch schon ziemlich lange zu gehen mit diesem Jens.«
Sie wollte etwas einwenden, ließ es dann aber. Er musste selbst entscheiden, wie es für ihn weitergehen sollte.
»Wenigstens bist du glücklich mit deinem Viktor«, murmelte Bernhard nach einer Weile. »Er ist ein netter Kerl, Isa.«
Sie legte den Kopf an seine Schulter, wie so oft. »Ja, das finde ich auch. Aber es war schöner, als wir beide glücklich waren, Bernd.«
Von irgendwoher hörten sie jemanden ihre Namen rufen. Isabella richtete sich auf. »Gehen wir zu den anderen?«, fragte sie.
»Geh vor, ich komme nach. Ein paar Minuten wäre ich gern noch allein.«
Sie beugte sich vor, um ihn auf die Wange zu küssen, dann ging sie.
*
»Werden hier alle Chauffeure so gut verpflegt?«, erkundigte sich Robert bei Marie-Luise Falkner, der jungen Köchin auf Schloss Sternberg. Er saß in der Küche, einen Teller mit appetitlichen Häppchen vor sich, die ihm Marie-Luise kurz vorher serviert hatte. »Schmeckt großartig, die meisten Sachen habe ich noch nie gegessen.«
»Das will ich hoffen«, erwiderte sie lächelnd. »Ich gebe mir ziemlich große Mühe, originell zu sein.«
»Mit Erfolg«, sagte er.
»Sind Sie zum ersten Mal hier?«
»Ja, ich arbeite noch nicht so lange für Herrn von Ahlwitz«, erklärte Robert. »Aber es ist ein toller Job, ich hoffe, ich kann ihn ein paar Jahre machen, bis ich genug Geld beiseite gelegt habe.«
»Genug Geld wofür?«, hakte sie nach.
»Eine eigene Kfz-Werkstatt. Allerdings muss ich vorher noch meinen Meister machen, aber das kriege ich schon irgendwie hin.«
»Sie stecken offenbar voller Pläne«, stellte sie fest.
»Natürlich – ohne Pläne wäre es doch langweilig, oder nicht?«
»Vielleicht, ja. Herr von Ahlwitz sah schlecht aus, das ist mir sofort aufgefallen.«
Robert nickte, sagte aber nichts dazu.
Marie-Luise lächelte. »Keine Sorge, ich habe nicht die Absicht, Sie auszuhorchen – wir hier auf Sternberg sind nicht an Klatsch interessiert. Was uns allerdings sehr interessiert, ist das Wohl unserer Gäste. Wenn es also etwas gibt, womit wir ihn aufheitern könnten, dann sagen Sie mir das bitte. Ich bin zwar nur für das leibliche Wohl zuständig, aber ich versuche immer, Wünsche zu erfüllen.«
»Ich fürchte, es steht weder in Ihrer noch in meiner Macht, ihn aufzuheitern«, meinte Robert seufzend. »Ich wünschte, ich könnte etwas für ihn tun, ehrlich.«
»Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, sagen Sie es mir bitte. Es gibt ja Leute, die vergessen ihren Kummer, wenn man ihnen ein bestimmtes Essen vorsetzt.«
Bevor Robert etwas erwidern konnte, erschien Eberhard Hagedorn an der Küchentür. Er nickte dem jungen Chauffeur freundlich zu, dann wandte er sich an Marie-Luise: »Die Frau Baronin möchte wissen, ob das Essen etwas früher beginnen könnte, Marie, Herr von Ahlwitz möchte auf jeden Fall heute Abend noch zurückfahren.«
»Dann werde ich mich jetzt mal ranhalten«, erwiderte Marie-Luise. »Natürlich geht das, Herr Hagedorn.«
Der Butler verschwand wieder, und Robert erhob sich, um die Küche zu verlassen. Er war schon an der Tür, als die junge Köchin ihm nachrief: »Sie bekommen natürlich noch eine richtige Mahlzeit, Herr Werner. Die Angestellten essen alle hier in der Küche, kommen Sie in zwei Stunden wieder, ja?«
»In Ordnung – und vielen Dank.«
Robert trat nach draußen und atmete tief durch. Was für ein großartiges Schloss, dachte er, und alle sind so nett hier! Er beschloss, sich auf dem Gelände ein wenig umzusehen, schließlich hatte er sonst nichts zu tun, und zu sehen gab es hier ja mehr als genug.
*
In der ersten längeren Drehpause ergab es sich, dass Ilka mit Jens Wiedemann zusammensaß, während sie die Suppe löffelten, die die Catering-Firma geliefert hatte. »Ich hätte nie gedacht, dass du so ein Idiot bist«, sagte Ilka leise, nachdem sie sich umgesehen hatte. Niemand hörte ihnen zu, ringsum waren alle in andere Gespräche vertieft.
»Sie hat mich einfach verrückt gemacht, Ilka«, erwiderte er ebenso leise. »Und ich … ich hatte noch nie mit einer Frau wie ihr zu tun. Du kennst mich doch, ich bin ein Familienmensch, trotz meines Berufs. Ich habe den Kopf verloren, und jetzt weiß ich nicht, ob ich da heil wieder herauskomme.«
Sie zog die Augenbrauen in die Höhe.
»Was soll das heißen?«, fragte sie. »Du willst mir doch jetzt hoffentlich nicht sagen, dass du dich ernsthaft in diese Zicke verliebt hast?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber sie macht immer so Andeutungen, dass sie mit meiner Frau redet, wenn ich sie fallenlasse – dabei hat sie wirklich einen Freund. Der war bei ihr, als ich heute …« Er brach ab und löffelte hastig wieder seine Suppe in sich hinein.
»Dann rede mit deiner Frau«, riet Ilka mit ruhiger Stimme. »Erklär ihr, wie es abgelaufen ist. So etwas kommt vor, Jens, auch wenn man sich liebt. Sie wird dir verzeihen, sie liebt dich.«
»Und ich liebe sie!«, sagte er heftig. »Ich weiß erst jetzt, wie sehr ich sie liebe, Ilka. Christine ist schön und attraktiv und alles, aber ich weiß nicht einmal, was ich mit ihr reden soll. Das habe ich aber erst gemerkt, als ich schon mit ihr im Bett lag.«
»Männer!«, seufzte Ilka. »Rede mit deiner Frau, dann kann Christine dir drohen, so viel sie will, sie wird nichts mehr ausrichten. Sei kein Feigling, steh zu dem, was du getan hast.«
»Und wenn sie mich dann wegschickt? Wenn sie sich von mir trennen will?«
»Solche Fragen hättest du dir vielleicht stellen sollen, bevor du dich mit Frau Schalk eingelassen hast«, bemerkte Ilka. »Das Risiko wirst du wohl eingehen müssen, wenn du nicht von jetzt an für immer erpressbar sein willst.«
»Na, ihr beiden? Warum macht ihr denn so ernste Gesichter?« Es war der Regisseur, der sich jetzt zu ihnen setzte.
»Wir wälzen die grundlegenden Probleme der Menschheit«, erklärte Ilka lächelnd. »Und du? Willst du uns schon wieder an die Arbeit peitschen? Wir haben gerade erst eine Viertelstunde Pause.«
»Ich weiß, Ilka, aber wir hängen – und zwar über zwei Stunden mittlerweile. Ich weiß auch nicht, was heute mit Christine los ist, so unkonzentriert war sie bisher noch nie. Hoffentlich bleibt das eine Ausnahme.«
»Ja, hoffentlich«, bemerkte Ilka und stand auf. »Also schön, geh ich eben wieder an die Arbeit.«
»Danke, Ilka.«
Auch Jens stand auf, sein Teller war noch halbvoll. »Hab’ sowieso keinen richtigen Hunger«, erklärte er.
Gleich darauf klatschte die Aufnahmeleiterin in die Hände. »Es geht weiter!«, rief sie. »Ihr wisst alle, dass wir hängen, also sollten wir uns ab jetzt ein bisschen beeilen.«
Leises Gemurre erhob sich, aber ernsthafte Einwände erhob niemand. Christine Schalk saß bereits wieder in der Maske, wo Ilka sich bemühte, die Schäden, die die heißen Scheinwerfer und einige Filmküsse an ihrem Make-up angerichtet hatten, nach besten Kräften zu reparieren.
*
Viktor fühlte sich sichtlich wohl auf Sternberg, und er genoss es, dass er von allen so freundlich aufgenommen worden war. Isabellas guter Freund Bernhard freilich tat ihm leid: Der Mann bot ein Bild des Jammers. Mittlerweile wusste er natürlich, was geschehen war. Er wunderte sich nicht allzu sehr darüber, die Geschichte entsprach dem, was er bisher an Gerüchten über Christine Schalk gehört hatte. Seltsam nur, dass Bernhard von Ahlwitz diese Gerüchte offenbar nicht zu Ohren gekommen waren. Vielleicht hatte er ihnen aber auch einfach nur keinen Glauben schenken wollen.
Mit Untreue kannte Viktor sich aus, er war selbst notorisch untreu. Tatsächlich war Isabella die erste Frau in seinem Leben, die er nicht betrogen hatte – bisher. Doch er machte sich in dieser Hinsicht keine Illusionen über sich selbst: Der Tag würde kommen, an dem ihn eine andere Frau so stark entflammte, dass er seinen Gefühlen nachgeben würde. Er dachte nicht gern daran, denn zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Gewissensbisse bei solchen Gedanken. Er war verliebt in Isabella, er hatte sie sehr gern, er schätzte sie. Es war keine schöne Vorstellung, ihr weh zu tun. Dabei wusste er, dass das unausweichlich war, denn ihretwegen würde er sein Junggesellendasein nicht aufgeben. Es hatte einige Wochen gegeben, ganz am Anfang ihrer Beziehung, da hatte er sich das durchaus vorstellen können, doch seit die erste Verliebtheit vorüber war, wusste er, dass er selbst für eine so wundervolle Frau wie Isabella von Thadden ein solches Opfer nicht bringen würde.
»Schmeckt es Ihnen, Viktor?«, fragte die Baronin in seine Gedanken hinein.
»Großartig, Sofia, wirklich großartig. Man kann Sie um Ihre Köchin nur beneiden.«
»Das tun auch viele«, erklärte Sofia.
Viktor warf einen verstohlenen Blick zu Isabella hinüber, die ihm zärtlich zulächelte. Sie saß neben Bernhard, dem sie immer mal wieder ein Wort zuraunte. Der junge Mann hatte sich bisher kaum an der lebhaften Unterhaltung beteiligt; wenn sich Anna oder Christian mit einer Frage an ihn gewandt hatten, waren sie mit einer einsilbigen Antwort abgespeist worden.
»Ich möchte wissen, wo Konny bleibt«, sagte der Baron nach einem neuerlichen Blick auf die Uhr. Der sechzehnjährige Konrad war bisher noch nicht aufgetaucht, und sofort waren die alten Sorgen bei seinen Eltern hochgekommen: Konrad hatte ihnen in der Vergangenheit einigen Kummer bereitet. Doch seit der Junge mit Laura von Wredeburg befreundet war, gehörten schlechte Noten und falsche Freunde eigentlich der Vergangenheit an. Er war beinahe vernünftig geworden.
»Ich muss sowieso noch mal mit Togo raus«, sagte Christian. »Und mit dem Essen bin ich fertig. Wir könnten Konny entgegengehen, er ist ja mit dem Fahrrad unterwegs.«
»Ach, Chris, davon kommt er doch auch nicht schneller an«, meinte die Baronin. »Wenn du jetzt auch noch gehst …«
Aber Togo, der draußen vor der Tür warten musste, hatte seinen Namen gehört und fing auffordernd an zu winseln. Sofia lächelte. »Na, schön«, sagte sie. »Dann geh, du kannst Konny wenigstens zu größerer Eile antreiben, wenn er dir begegnen sollte.«
»Ich bleibe nicht lange«, versprach der kleine Fürst und verließ den Salon. Togo begrüßte ihn begeistert, gleich darauf stürmte er auch schon ins Freie.
*
Robert fand sich plötzlich in einem Waldstück wieder. Ratlos sah er sich um: Das Schloss war nicht mehr zu sehen, der Park ebenso wenig. Wie lange lief er wohl schon durch diesen Wald, ohne ihn auch nur wahrgenommen zu haben? Er wusste es nicht und musste sich zudem eingestehen, dass er die Orientierung verloren hatte. Dass ihm das passiert war, konnte er sich freilich recht gut erklären: Er hatte von Ilka Brandes geträumt, sich ihre Stimme ins Gedächtnis gerufen, ihr Lachen, ihre Blicke. Und er hatte sich gefragt, ob sie sich von ihm küssen lassen würde, wenn sie sich trafen – sie waren ja miteinander verabredet … Träumend war er immer weitergegangen, ohne auf den Weg zu achten, und das war jetzt das Ergebnis davon.
»Mist!«, schimpfte er, nachdem er einen Blick auf seine Uhr geworfen hatte. Er würde zu spät kommen und das Essen verpassen, das ihm Marie-Luise Falkner versprochen hatte. Die Häppchen, die sie ihm vorhin serviert hatte, waren zwar sehr schmackhaft gewesen, doch mittlerweile hatte er richtigen Hunger bekommen. Das Beste würde sein, er versuchte, den Weg zurückzugehen, auf dem er hierher gelangt war.
Doch das war einfacher gedacht als getan. Schon bald stand er an einer Stelle, wo sich mehrere Waldwege kreuzten, und er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, auf welchem er gekommen war. Wegweiser gab es nicht – das war ja auch kein Wunder, dieses Waldstück war offenbar als Teil des Schlossparks der Allgemeinheit nicht zugänglich.
In der Ferne meinte er eine Stimme zu hören, aber sicher war er nicht. Als er lauschte, blieb jedenfalls alles still, so dass er annehmen musste, sich geirrt zu haben. Unschlüssig, welchen der Wege er wählen sollte, drehte er sich einmal um sich selbst. Die Dämmerung brach jetzt schnell herein, bald würde es dunkel sein. »Verflixt noch mal!«, murmelte er. »Ich werde doch zurückfinden!« Aber er war durchaus nicht sicher.
Er hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich erschrocken um. Hinter einem der Bäume sah er eine Gestalt auftauchen, gleich darauf sagte eine Stimme: »Fass, Hasso!«
»He!«, rief Robert, weiter kam er jedoch nicht. Wie aus dem Nichts kam ein großer Schäferhund auf ihn zugeschossen, mit gefletschten Zähnen und drohend auf ihn gerichteten Augen. Er schnappte nach Roberts Bein, seine Zähne zerfetzten den Stoff der Hose mühelos und gruben sich in Roberts Wade.
Er brüllte auf vor Schmerz und stürzte. Der Hund ließ sein Bein nicht los, er knurrte drohend und gab zu erkennen, dass er Robert auch an die Gurgel gehen würde, sollte dieser versuchen, ihn abzuschütteln.
»Rufen Sie Ihre Bestie zurück – sind Sie verrückt geworden?«, schrie Robert mit sich überschlagender Stimme. »Was fällt Ihnen denn ein?«
»Ist gut, Harro«, hörte er jemanden sagen, der Schmerz ließ augenblicklich nach. Als Robert den Blick hob, sah er in den Lauf einer Flinte. »Denken Sie nicht einmal daran, abzuhauen«, sagte der Mann, der die Flinte auf ihn richtete.
»Wie sollte ich?«, ächzte Robert und richtete sich vorsichtig auf. Der Hund knurrte, rührte sich aber nicht. »Ihr Bluthund hat mein Bein zerfleischt. Und nehmen Sie endlich die blöde Waffe weg – was glauben Sie eigentlich, wer ich bin? Ein gejagter Verbrecher?«
Der Mann, der über ihm stand, senkte die Flinte tatsächlich. »Wie sind Sie hierher gekommen?«, fragte er. »Dies ist kein öffentlicher Wald. Wer hier herumläuft und nicht im Schloss wohnt, der führt normalerweise etwas Verbotenes im Schilde.«
»Ich bin der Chauffeur von Herrn von Ahlwitz«, erwiderte Robert. »Er ist heute zu Besuch auf Sternberg, und da ich nichts zu tun hatte, habe ich mich ein wenig umgesehen. Niemand hat mir gesagt, dass das verboten ist.«
»Oh!« Die Stimme des Mannes klang jetzt verändert, das Misstrauen klang aber noch durch. »Wer sagt mir, dass Sie mir keine Märchen erzählen?«
»Fragen Sie nach, wenn Sie wollen. Mein Name ist Robert Werner. Wollen Sie mein Handy benutzen?«
Ein weiterer prüfender Blick traf ihn, dann schüttelte der Mann den Kopf. »Ich gehöre zu einem privaten Wachdienst«, erklärte er, »wir hatten in letzter Zeit öfter Schwierigkeiten hier. Einmal wurde gewildert, einmal hat sich tatsächlich ein Krimineller hier versteckt. Sie haben sich außerdem seltsam verhalten, ich habe Sie vorher eine Zeitlang beobachtet. Sie schienen etwas zu suchen.«
»Ja, den Weg zurück«, sagte Robert mit gepresster Stimme. »Helfen Sie mir bitte beim Aufstehen? Ich weiß nämlich nicht, ob ich das allein schaffe.«
Der Mann half ihm, der Hund verhielt sich jetzt absolut ruhig. »Danke«, murmelte Robert, als er stand. »Aber … den ganzen Weg zurück zum Schloss kann ich mit dem Bein nicht laufen, glaube ich. Das tut ziemlich weh, und es blutet auch.«
»Der Hauptweg zum Schloss ist nicht weit«, erklärte der Mann. »Da steht mein Auto – ich fahre Sie natürlich zurück. Und bis zum Auto helfe ich Ihnen. Darf ich die Wunde mal sehen?«
Robert zog das Hosenbein hoch – die Abdrücke von Hassos Zähnen waren deutlich zu erkennen, die Wunde war bereits geschwollen, noch immer sickerte Blut heraus.
»Warten Sie mal, ich müsste was haben, was wir um Ihr Bein wickeln können.« Der Wachmann fand in den Tiefen seiner Tasche einen Verband, mit dem er die Wunde notdürftig verband. Als er sich aufrichtete, sagte er: »Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich das gewusst hätte …« Er grinste Robert verlegen an. »Ich heiße Malte Diederichs. Meine Vorgesetzten werden mir ganz schön was erzählen, wenn sie hören, was ich angerichtet habe. Wenn Sie es genau wissen wollen: Ich bin noch ziemlich neu hier. Einem alten Hasen wäre das vermutlich nicht passiert.«
»Meinetwegen braucht es niemand zu erfahren«, meinte Robert.
»Stützen Sie sich auf mich, dann schaffen wir es schon bis zum Auto«, schlug Malte Diederichs vor.
Robert musste die Zähne zusammenbeißen, als er die ersten Schritte tat, so schmerzten sie. Das würde ein mühsamer Weg bis zum Auto werden!
*
Konrad schwitzte, während er noch schneller in die Pedale trat. Er war schon viel zu spät, das gab garantiert wieder Ärger. Dabei war die Verspätung ausnahmsweise nicht seine Schuld. Er war Zeuge einer Schlägerei geworden, anschließend hatte ihn die Polizei vernommen. Da der verprügelte Junge einer seiner Freunde war, war es nicht in Frage gekommen, sich vor der Zeugenvernehmung zu drükken. Natürlich hatten die Polizeibeamten angeboten, auf Sternberg anzurufen, doch Konrad hatte dankend abgelehnt. Wenn seine Eltern einen Anruf von der Polizei bekamen, seinetwegen, dann kriegten sie als erstes einen Schock und dachten, er hätte wieder etwas angestellt. Das war in der Vergangenheit ja oft genug vorgekommen.
Mittlerweile bedauerte er, das Angebot nicht angenommen zu haben. Er hatte sein Handy zu Hause gelassen und auch nicht erwartet, dass sich die Angelegenheit dermaßen in die Länge ziehen würde. Aber nun war es für solche Überlegungen natürlich viel zu spät.
»Konny, da bist du ja endlich!« Unvermutet tauchten Christian und Togo vor ihm auf. »Hatte Togo doch Recht, er wollte unbedingt hierher – ich habe ihm gesagt, dass wir dich suchen. Onkel Fritz ist schon ziemlich beunruhigt, wo du so lange bleibst.«
»Ist ’ne längere Geschichte«, keuchte Konrad. »Willst du dich hinten draufsetzen?«
»Ja, gern, dann kommt Togo auch noch mal richtig ins Schwitzen.« Christian machte Anstalten, sich auf den Gepäckträger von Konrads Fahrrad zu setzen, doch bevor er das tun konnte, fing Togo wie wild an zu bellen und schoss wie der Blitz davon.
»O nein!«, rief Konrad genervt. »Was hat er denn? Wenn er jetzt einem Kaninchen hinterher jagt, wird es ja noch später, bis ich zurückkomme.«
»Das ist kein Kaninchen«, sagte Christian. »Fahr allein zurück, ich sehe nach, was er hat.«
Doch das wollte Konrad nicht, er war nun auch neugierig geworden, und so folgte er Christian. Gleich darauf sahen sie, was Togo so in Aufregung versetzt hatte: Ein Wachmann steuerte mit einem offenbar verletzten Mann auf seinen Wagen zu. Begleitet wurden die beiden von einem Schäferhund, der aber jetzt stehengeblieben war und dem heranstürmenden Togo entgegenblickte.
»Bleib hier, Togo!«, rief Christian. »Bei Fuß!« Der Boxer gehorchte, vor Schäferhunden hatte er Respekt. »Was ist denn passiert?«
Die beiden Männer drehten sich um. Christian erkannte den Verletzten sofort: Es war Bernhard von Ahlwitz’ Chauffeur.
*
»Er ist nicht zum Essen gekommen, Herr Hagedorn«, sagte Marie-Luise Falkner, als der alte Butler in der Küche erschien und nach Robert Werner fragte. »Dabei hatte ich den Eindruck, dass ihm durchaus geschmeckt hat, was ich ihm vorhin vorgesetzt habe – aber er ist nicht wieder aufgetaucht. Ehrlich gesagt, ich habe mich auch schon gefragt, wo er bleibt, er muss doch Hunger haben!«
Eberhard Hagedorns Gesicht nahm einen beunruhigten Ausdruck an. »Das ist aber seltsam«, erwiderte er. »Ich wollte eigentlich nur Bescheid sagen, dass Herr von Ahlwitz in etwa einer Stunde aufbrechen möchte, Herr Werner sollte sich darauf einrichten.«
»Tja, ohne seinen Chauffeur wird Herr von Ahlwitz wohl nicht fahren«, meinte Marie. »Vielleicht hat Herr Werner sich verirrt.«
