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In einem mittelalterlichen Königreich träumt Tyl davon, Ritter zu werden – doch sein Schicksal scheint ein anderes. Als er einem verletzten Adler das Leben rettet, beginnt ein unglaubliches Abenteuer. Eylo, sein gefiederter Freund, bringt ihn ins geheimnisvolle Tal der Adlerreiter, wo Mut, Freundschaft und Magie zählen. Dort kämpft Tyl mit anderen Kindern gegen den finsteren Lord Sarazan und seine Falkenreiter, die das Land bedrohen. Wird es Tyl und den Adlerreitern gelingen, das Land zu retten und das Böse aufzuhalten?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
DEINE KRAFT FINDET DICH
Tyl will unbedingt Ritter werden – doch alle halten ihn für zu klein und schmächtig. Nur im Wald fühlt er sich stark. Dort findet er einen verletzten Adler und pflegt ihn heimlich gesund. Als Tyl von Räubern angegriffen wird, stürzt der mächtige Adler Eylo vom Himmel und rettet ihn. Er trägt Tyl in das geheimnisvolle Tal der Adlerreiter, in dem auch andere Kinder mit ihren Adlern leben. Hier findet Tyl endlich Freunde – und ein unglaubliches Abenteuer beginnt! Denn die finsteren Falkenreiter bedrohen das Land. Wird es Tyl und den Adlerreitern gelingen, das Land zu retten und das Böse aufzuhalten?
Mit Illustrationen von Raimund Frey
Britta Sabbag
Deine Kraft findet dich
Mit Illustrationen von
Raimund Frey
Es heißt: Finde deine Kraft.
Du hast es fast geschafft.
Glaube an dein Ich.
Und deine Kraft findet dich!
Britta Sabbag
Der Wind blies so stark, dass Tyls Wangen regelrecht schlackerten. Er flog mit ausgebreiteten Armen und steil wie ein Pfeil quer über eine Schlucht, die so tief war, dass man den Abgrund nur erahnen konnte. Tyl spürte, wie sein Herz bis zum Anschlag gegen seine Brust pochte und sein Blut in seinen Adern pulsierte. Der Wind war so kalt, dass er auf seiner Haut kleine Stiche hinterließ, aber das machte ihm nichts. Im Gegenteil – so lebendig hatte er sich noch nie gefühlt. Es war, als wäre er von allem losgelöst. Hier oben über den Wolken war er grenzenlos frei.
»Jaaaaaaaaaaaaaaaa!«, rief es aus ihm heraus. »Ich bin freeeeeeeeeeeiiii!«
»Einen Scheißdreck bist du!«
Die dunkle, verbissene Stimme seines Vaters holte Tyl zurück ins Hier und Jetzt.
»Oh … das war wohl … nur ein Traum.«
Tyl rieb sich die Augen und setzte sich auf. Sein schmales Holzbett knarzte dabei wie immer. Wenn man das, worauf er schlief, überhaupt »Bett« nennen konnte. Es war eher ein Bettrahmen aus alten, übrig gebliebenen Holzstücken, über den Gurte aus Stoffresten quer gespannt waren. Darauf lag eine durchgelegene Matratze aus Stroh, über die ein zerlöchertes, durchgescheuertes Tuch gebunden war. Trotzdem war Tyl dankbar, dass er überhaupt ein eigenes Bett besaß. Die meisten anderen Jungen in seinem Alter, die Geschwister hatten, teilten sich ihr Bett. Doch Titus, Tyls großer Bruder, brauchte seinen Schlaf. Er hätte es nicht geduldet, mit Tyl das Bett zu teilen. Überhaupt war Teilen nicht so sein Ding. Das hatte ihren Vater dazu gebracht, ein zweites Bett zu bauen, nachdem Titus beschlossen hatte, dass ein zukünftiger Ritter sein Bett für sich allein braucht. Und so hatte Tyl auch etwas davon gehabt.
»Der Brei ist nicht gemacht«, beschwerte Titus sich, der bereits angezogen war. Titus sprach vom tagtäglichen Haferbrei, den es fast ausschließlich gab. Tyl spürte den Geschmack vom gestrigen Brei noch auf seinen Lippen – es war der einzige Geschmack, den er kannte. Das letzte Mal, dass er Beeren, Einkorn oder Fleisch gegessen hatte, musste Monate her sein, vielleicht sogar Jahre. Er wusste es nicht mehr. Genauso wenig, wie er sich an einen anderen Geschmack als an Haferbrei erinnern konnte, so wenig konnte er sich an ein gutes, magenfüllendes Essen erinnern. Das Einzige, das er kannte, war Mangel. Und ein leerer Bauch macht zornig, das hatte er schon früh gelernt.
»Was zum Teufel ist hier los?«, beschwerte der Vater sich lautstark. »Das Feuer ist auch nicht angeschürt!«
Tyl sprang auf. »Tut mir leid. Der Traum war nur … so schön.«
»Ha!«, machte der Vater. »Vom Träumen wird aber keiner satt!«
Tyl zog sich schnell ein Hemd über sein Unterkleid, das er auch zum Schlafen nutzte. Die Auswahl fiel nicht schwer, denn er besaß nur ein einziges Hemd. Eine Hose und ein Paar durchgelaufene Schuhe, bei denen das Loch am rechten Zeh bereits so groß war, dass man die Fußspitze herausblitzen sehen konnte. Er schlüpfte hinein und lief zur Tür.
»Und bring genug Reisig mit!«, rief ihm Titus nach. »Heute ist es besonders kalt. Ich fühle meine ganzen Muskeln schon kaum mehr.«
Es war seit jeher Tyls Aufgabe, Reisig zum Anschüren des Feuers im Wald rund um die Hütte zu sammeln. Ihr Vater hackte das Holz tagtäglich, das sie zum Heizen und zum Kochen brauchten. Doch das Kleinholz – Zweige, Äste und allerlei Holzbruch –, auch »Reisig« genannt, war Tyls Sache. Er sammelte es in einem Leinensack, den er sich wie immer über die Schulter warf, und stapfte los.
Titus hatte recht: Es war ein besonders nebliger Novembermorgen und bereits bitterkalt. Der Winter kam dieses Jahr früher als sonst. Das würde die Familie dazu zwingen, noch mehr Holz und Reisig zu sammeln als sonst. Mit seinen zehn Jahren hatte Tyl noch nicht viel anderes getan, als Reisig zu sammeln, Haferbrei mit Wasser anzurühren oder das Haus zu fegen. Sein Vater bläute ihm stets ein, dass es ihn besonders gut getroffen hatte, immerhin hatte er ein Dach über dem Kopf. Andere Kinder, besonders die am Dorfrand, lebten in wackeligen Unterständen aus Holzbalken und Tüchern, einige sogar ganz auf der Straße. So gesehen stimmte es wohl, dass Tyl Glück hatte. Doch tief in seinem Herzen spürte er, dass Glück sich anders anfühlen musste.
»He, du da!«, rief ein älterer Nachbarsjunge, den Tyl durch seinen Bruder kannte. »Sag Titus, dass der König endlich Ritter außerhalb von Ritterguten ausbilden lässt. Unruhen an den Grenzen kündigen sich an, und jede starke Hand wird gebraucht. Er kann morgen mit mir reiten, wenn er will. Wir haben noch unseren alten Kläpper übrig, den kann er haben, bevor er zum Metzger kommt.«
Tyl wusste, dass Titus drauf und dran war, Ritter zu werden. Und jetzt, wenn Unruhen im Land herrschten, wurde jede Seele gebraucht. Titus war, ganz anders als er, stark, riesengroß und kräftig gebaut. Schon seit Jahren sprachen alle im Dorf darüber, dass er das Abbild eines heldenhaften Ritters abgab. Ganz im Gegensatz zu Tyl, der eher klein und schmächtig war.
»Der König hat einen Aufruf gemacht?«, fragte Tyl.
»Ja«, nickte der Junge. Dann betrachtete er Tyl von oben bis unten und begann zu lachen. »Hahaha!«
»Was ist denn?«, hakte Tyl nach.
»Schlag dir das bloß aus dem Kopf!«
Der Junge lachte immer noch. »Ich weiß genau, was du denkst! Aber da wird nichts draus. Vergiss es!«
Tyl sah den Jungen fragend an.
»Falls du daran gedacht hast, dich auch zu melden. Nie und nimmer nimmt der König dich unter seine Fittiche. Du bist ja genauso ein Strich in der Landschaft wie das Reisig, das du da sammelst. Ein Windhauch, und es haut dich doch schon vom Pferd!«
Es war noch nicht einmal so, dass Tyl reiten konnte. Das hatte ihr Vater nur Titus erlaubt. Aber höchstwahrscheinlich hatte der Junge recht. Tyls Aussichten, ebenfalls Ritter zu werden, waren so groß wie seine Aussicht auf eine geschmorte Rinderschulter mit Soße und großen Bohnen. Trotzdem träumte er oft davon, wenn er die Blätter an den Bäumen im Wald beobachtete, wie sie sich im Wind wiegten. Ein Ritter zu sein, bedeutete, ein gutes Leben zu haben. Heldenhaft zu sein, mutig, furchtlos und stark. All das, was Tyl fehlte.
»Ich sag es ihm«, murmelte Tyl leise und lief weiter. Er wusste, dass Titus’ Zukunft gut aussah. Wie es jedoch um seine stand, das wollte er sich lieber nicht ausmalen.
»Und vergiss nicht, dem König zu danken!«
»Ja, Vater.«
»Und vergiss nicht, ihn von mir zu grüßen.«
»Ja, Vater.«
»Und gib ab und an ein Lebenszeichen von dir, mein Junge!«
»Ja, Vater.«
»Mein guter, guter Junge!«
So stolz und aufgeregt hatte Tyl seinen Vater noch nie erlebt. Dass sein ältester Sohn tatsächlich zum Ritter ausgebildet wurde, war die höchste Ehre, die ihm je zuteilwurde. Er war nicht nur sichtlich stolz, sondern zum ersten Mal auch wirklich nervös. Er klopfte Titus auf dessen breite Schulter. »Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.«
Tyl hielt noch den Reisigbesen in der Hand, als sein Bruder ihm einen Blick zum Abschied zuwarf. »Mach Vater ja keinen Ärger.«
»Mach ich nicht«, flüsterte Tyl und schaute auf seine Füße.
Abschiede fielen ihm schon immer schwer, selbst wenn sein Bruder nie sonderlich nett zu ihm gewesen war. Aber er war nun mal der einzige, den er hatte.
»Wenn du Vater guttun willst, besorg dir Arbeit«, sagte Titus noch, bevor er den Türrahmen durchschritt. Er hatte ein kleines Päckchen mit seinen Habseligkeiten umgeschnürt. Tyl wusste, dass es ein Abschied für sehr lange Zeit sein würde, womöglich für immer.
»Ja.«
»Sehr bald.«
»Ja.«
»Darüber reden wir noch.«
Die Stimme seines Vaters klang plötzlich ganz anders. Nicht mehr so stolz und zufrieden wie eben noch, als er mit Titus sprach. Viel kühler und strenger, ja, fast so eiskalt wie der Nebel, der zur Tür hereindrang.
