Pandablues - Britta Sabbag - E-Book

Pandablues E-Book

Britta Sabbag

4,3
6,99 €

Beschreibung

Manchmal erfüllen sich Wünsche, von denen man nicht wusste, dass sie existieren Charlotte kann es kaum fassen: Kann es sein, dass ihr Traummann Eric sie betrügt, noch dazu mit einer Sauberfrau? Und ihr Zoo-Praktikum als Pinguin-Pflegerin ist auch irgendwie nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat. Gut, dass sie sich wenigstens auf ihre Freundinnen Trine und Mona verlassen kann. Bei denen läuft anscheinend alles wie am Schnürchen. Glücklicherweise sind die auch immer da, um Charlotte aus der Patsche zu helfen. Und das ist gar nicht so selten der Fall ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 287




Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zitat

WARNUNG

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Epilog

Charlottexikon

Danke an …

Leseprobe - Das Leben ist (k)ein Ponyhof

BRITTA SABBAG

PANDABLUES

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

BASTEI ENTERTAINMENT in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Copyright © 2013 by Britta Sabbag

Copyright Deutsche Originalausgabe

© 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Daniela Jarzynka

Titelillustration: © shutterstock/Eric Isselee

Umschlaggestaltung: Christina Seitz, Berkheim

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-2448-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Manchmal gehen Wünsche in Erfüllung,von denen man gar nicht wusste,

WARNUNG:

Auch diesmal sind alle Figuren (bis auf eine, aber das wisst ihr ja schon) erstunken und erlogen. Zudem kann die Geschichte kleine Spuren von Humor und Ironie enthalten. Es handelt sich hier um einen fiktiven Text, dessen Grundgedanke einer hundertprozentigen Realitätsprüfung widerspricht, genauso wie sachbuchartige Schilderungen der Ereignisse.

1. Kapitel

Bitte nenn mich ab sofort nur noch Matti. Gruß, Matti

Verschlafen rieb ich mir die Augen. Es war 3:32 Uhr. Nicht, dass mich das irgendwie beunruhigte. Schließlich kam die SMS von meiner Mutter, Renate. Und diese Tatsache allein reichte schon, um zu wissen, dass solche Mitteilungen mitten in der Nacht nichts Ungewöhnliches waren. Im Gegenteil, es war sogar beruhigend zu lesen, dass es ihr augenscheinlich gut ging. Immerhin hatte sie sich einen neuen Namen ausgedacht.

Im Halbschlaf ließ ich mich zufrieden schmunzelnd zurück ins Kissen sinken und dachte an Renates übliche Katastrophenmeldungen. Wie sie mir letztes Jahr den Schock meines Lebens versetzte, als sie sich mit einem neunundzwanzigjährigen Eisbrecherkapitän absetzte und mir SOS-SMS aus der U-Haft in Grönland schrieb. Da war eine solche Mitteilung doch geradezu harmlos.

Renate will ab sofort nun also Matti heißen. Aha.

Nach dem Warum zu fragen wäre zu diesem Zeitpunkt völlig sinnlos; sie würde mir schon früh genug eine feierliche Erklärung liefern. Schließlich hatten sich Renate und ihr Eisbrecherkapitän, frisch aus dem Kittchen entlassen, für Weihnachten zu einem Deutschlandbesuch angekündigt. Zuerst hatten Renate und Jörn sich in Grönland das Ja-Wort geben wollen, sich dann aber doch entschlossen, dafür nach Deutschland zu kommen.

Ich wusste nicht genau, ob das wirklich eine so gute Idee war. Zwar freute ich mich, meine Mutter nach mehreren Monaten endlich wiederzusehen, aber gleichzeitig war mir eines auch ganz klar: Ich würde verdammt starke Nerven brauchen.

Und eine gute Flasche Rotwein.

Oder zwei.

Na ja, über Weihnachten wohl eher eine Kiste.

Und ich würde nicht teilen.

Schnaufend drehte Eric sich zu mir um. »Warum bist du wach? Ist irgendwas?«

»Bis jetzt noch nicht«, antwortete ich und kuschelte mich an ihn.

Aber das würde sich ganz sicher noch ändern.

*

Als ich mir gerade die Zähne putzte, kam Eric in unser zwergenhaftes Badezimmer geschlurft.

Man musste sich vorher immer überlegen, in welche Richtung man reinkam, weil man sich drinnen nicht mehr umdrehen konnte, so winzig war es.

»Guten Morgen, Schnurzel!« Er lächelte mich an und gab mir einen zarten Kuss auf die Nase, die ich sofort kräuselte.

»Morgen«, murrte ich.

Ich konnte morgens nämlich nur murren. Und ich fragte mich wieder einmal, wie man schon in aller Herrgottsfrühe so gut drauf sein konnte. Überhaupt vor vierzehn Uhr.

Eric und ich waren jetzt schon mehr als ein Jahr ein Paar. Nachdem wir zusammengekommen waren, war ich schnell zu ihm gezogen, weil ich damals übergangsweise und unfreiwillig bei meiner Freundin Trine untergekommen war. Besser gesagt, im Zimmer ihres Sohnes Finn, meines Patenkinds. Da der aber sein laserschwertbestücktes Ritterburgzimmer nach wochenlanger Belagerung auch wieder für sich allein haben wollte, war ich quasi direkt bei Eric eingezogen. Und vom ersten Tag an war er jeden Morgen gleich gut gelaunt.

Eine Zumutung!

»Und was steht heute an?«, fragte er interessiert, als er schon mal vorsorglich das Duschwasser anstellte, denn es dauerte immer eine gefühlte halbe Stunde, bis es richtig heiß wurde.

»Och, nichts Besonderes. Das Übliche, denke ich. Die Jungtiere werden noch mal durchgecheckt, aber das kennen sie ja schon.«

Eric interessierte sich wirklich für meine Arbeit im Zoo.

Nach einem Praktikum bei den Pinguinen war ich dort vor Kurzem fest übernommen worden. Ich fühlte mich bei den Tieren zwar wirklich wohl, trauerte aber meinem alten Job als Lektorin doch noch etwas hinterher. Auf die Dauer würde ich mehr Herausforderungen brauchen, das wusste ich. Aber für heute würde es erst einmal gut sein, wie es war.

Die Sonne schien bereits gleißend durch das winzige Badezimmerfenster, und ich stand meinem katastrophalen Spiegelbild schonungslos gegenüber. Meine wirren Haare, die weder glatt noch lockig waren, standen in alle Himmelsrichtungen ab. Wird das mit über dreißig eigentlich täglich schlimmer? Und überhaupt, wie kann Eric das nicht sehen?

Zumindest schien es, als würde er es nicht wahrnehmen, denn er rannte nicht schreiend weg, sondern stand seelenruhig und vor allem gut gelaunt neben mir.

»Du siehst morgens wirklich zum Anbeißen aus!« Eric pfiff nach einem kurzen Seitenblick auf mich anerkennend durch die Zähne.

»Hmpf!«

Irgendwie kann ich ihm nicht so recht glauben. Warum bin ich nicht eine von diesen Frauen, die morgens aufstehen und außer Wasser in ihr Gesicht zu träufeln wirklich nichts zu tun brauchen, Typ »natürliche Schönheit«? Sauberfrau eben? Irgendwie ist dieser Kelch an mir vorbeigegangen … Dafür bin ich dann aber in der nächsten Runde mehr als nur doppelt entschädigt worden, als das schwache Bindegewebe verteilt wurde.

Eric zwinkerte mir zu, bevor er jetzt unter die Dusche stieg. Natürlich nicht, ohne vorher seine Sachen exakt in der Reihenfolge auf dem Weg dahin verstreut zu haben, in der er sich ihrer entledigt hatte. Eine längere Socken-Boxershorts-wieder-Socken-T-Shirt-Spur ließ sich von der Dusche zum Bett zurückverfolgen. Mein Blick fiel auf seine Zahnbürste, die schwer lädiert aussah und mich in ihrer Form mehr an einen Mettigel denn an einen Zahnschrubber erinnerte. Ich war sicher, Eric hatte exakt dieselbe auch schon, als wir zusammengezogen waren.

»Wäh«, kommentierte ich den Anblick. »Und überhaupt, Eric! Schmeiß doch deine Sachen hier nicht überall rum. Du weißt, wie ich das hasse! Das ist total chaotisch!«

Ein nasser Kopf lugte aus der Dusche. »Also, wer hier der Chaosmagnet von uns beiden ist …« Eric konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich erinnere da nur an einige Patenkind-Aktionen, in denen Entführung, ein ungesichertes Pinguinbecken und diverse Alkoholika eine Rolle …«

»Ja, ja. Ist ja schon gut.« Ich lenkte lieber schnell ein.

Denn dass er recht hatte, brauchten wir nicht weiter auszudiskutieren. Wenn ich an unser Kennenlernen dachte, konnte ich selbst heute noch nicht begreifen, wie Eric es geschafft hatte, sich überhaupt in mich zu verlieben, inmitten all dieser Katastrophen … Die Finn-im-Pinguinbecken-Rettungsaktion, die Finn-wird-im-Ikea-entführt-Aktion und vor allem der peinlichste aller peinlichen Momente: die Ich-kotze-Eric-in-der-Hausbar-voll-Aktion.

Trotz allem hat er sich in dich verliebt, Charlotte Sander, dieser Mann steht auf echte innere Werte, dem sind Äußerlichkeiten egal!, dachte ich stolz.

Im Grunde war also vieles gut. Eric war liebevoll, er lachte über meine unterirdisch schlecht erzählten Witze und lief morgens nicht schreiend weg, wenn er mich sah. Es gab gewissermaßen nichts, worüber ich mich beschweren konnte. Doch wie so oft, wenn im Leben eigentlich alles perfekt zu laufen schien, konzentrierte man sich auf die eine, winzige Sache, die nicht perfekt war. In meinem Fall war es ganz klar: die Wohnung. Nicht nur das Badezimmer war selbst für ein Hobbit-Pärchen zu winzig. Erics zwergenhafte Zwei-Zimmer-Wohnung war insgesamt einfach viel zu klein für uns beide. Langfristig würden wir uns etwas Größeres suchen müssen.

Heute Abend werde ich das direkt noch mal ansprechen, nahm ich mir vor. Die Wohnung platzt wirklich aus allen Nähten. Und dann seine Möbel …

Bevor meine ohnehin schlechte Morgenmuffel-Laune noch mehr in den Keller rutschen konnte, widmete ich mich der Restaurierung meines Gesichts und setzte den Eyeliner am rechten Augenlid an.

»Autsch! Verdammter Mist!«

Der Eyeliner war direkt ins Auge abgerutscht, und der Lidstrich erinnerte nun schwer an Elizabeth Taylor in The Life and Times of Cleopatra kurz vor der Verführungsszene mit Rex Harrison. Nur fehlten mir die glatten, glänzenden Haare, die ich selbst nach unzähligen Haarkuren zum Preis eines Kleinwagens mit Sonderausstattung nicht vorweisen konnte.

Aber heute wird trotzdem ein guter Tag, dachte ich aufmüpfig.

So was kann man auch einfach mal beschließen.

*

»Hööööööööööööh, hööööööööööööh, hööööööööööööh!« So oder so ähnlich wurde ich jeden Morgen am Pinguinbecken begrüßt, und so auch heute wieder.

Dass ich mal in einem Zoo als Tierpflegerin landen würde, hätte ich mir auch nie träumen lassen.

»Guten Morgen, ihr Süßen!«

Ich stellte die schweren gusseisernen Fischeimer ab, deren Geruch mir immer noch die Lust auf mein eigenes Frühstück verdarb.

»Hööööööööööööh!«

Eines der älteren Männchen – wegen seines spanischen Temperamentes nannte ich ihn gerne Raoul, obwohl er eigentlich Herbert hieß – hüpfte auf meinem rechten Gummistiefel auf und ab. Er war gerade in der Mauser, und deswegen doppelt gefräßig und natürlich doppelt so dick.

»Ist ja schon gut!«, beruhigte ich ihn. »Es gibt ja schon was!«

Als ich die Fische verteilte, kam der Zoodirektor Wilhelm Schweinehagen auf seiner morgendlichen Runde bei uns vorbei.

»Morgen, Frau Sander«, begrüßte er mich.

»Guten Morgen, Herr … Schwammmmhmpf …«, nuschelte ich.

Herr Schweinehagen war ein wirklich guter Zoodirektor, soweit ich das beurteilen konnte. Nur an seinen Namen konnte ich mich einfach nicht gewöhnen. Es fiel mir immer noch genau so schwer wie am allerersten Tag, ihn auszusprechen. Ich vermied es, wo ich nur konnte.

Am Anfang hatte ich zu Hause stundenlang vorm Spiegel geübt, und so lange »Schweine-Schweine-Schweinehagen, Schweine-hagen, SCHWEINE-hagen, Schweinehagen …« gesagt, bis Eric seine Hand besorgt auf meine Stirn gelegt hatte.

Ich beneidete Eric sehr, dass er Herrn Schweinehagen duzen durfte und somit das Namensproblem nicht hatte, denn er kannte Willi Schweinehagen von früher und hatte mir damals die Praktikumsstelle besorgt.

Trotz dieses glücklichen Umstandes machte Herr Schweinehagen leider keinerlei Anstalten, mir das Leben zu erleichtern und das Du anzubieten. Also musste ich mich weiter mit diesem furchtbaren unaussprechlichen Namen abkämpfen, möglichst ohne es mir anmerken zu lassen.

»Na, wie läuft’s?«

»Alles okay so weit, Herr … äh …, also, die Jungs hier, die sind wie immer gut drauf.« Ich deutete auf Raoul und seine ebenso verfressenen Kumpel. »Allerdings weisen zwei der ganz jungen Männchen leichte Abnutzungserscheinungen auf, mangels Weibchen, Sie wissen schon, Herr … äh … Schwammmmhmpf …«

Dass Pinguine durchaus auch gleichgeschlechtliche Liebe lebten, hatte ich hier gelernt.

»Ich weiß längst, dass Sie meinen Namen nicht aussprechen können, Frau Sander«, sagte Willi Schweinehagen und beugte sich über das Beckengitter.

Mist! Ertappt!

Dabei hatte ich mich wirklich angestrengt, meine kleine Schwäche zu überspielen. Aber wie immer, wenn ich so etwas versuchte, klappte es natürlich erst recht nicht.

Betreten stapfte ich jetzt von einem Fuß auf den anderen, ähnlich wie Raoul alias Herbert.

»Machen Sie sich darüber doch keine Gedanken. Sie müssen ihn nur oft genug sagen, dann fällt es Ihnen am Ende gar nicht mehr auf!« Er zwinkerte mir entspannt zu.

»Ja, also, Herr Schm-mm-hagen … Sie haben wohl recht. Ich werd’s in Zukunft versuchen.«

»Und wegen der Weibchen, da kommen ja demnächst drei aus dem Tierpark Schönbrunn. Das Problem wäre dann wohl erledigt.«

Ich nickte erleichtert. »Sehr gut.«

In dem Moment klingelte Herrn Schweinehagens Diensthandy.

»Schweinehagen? Ja. … Ja. … Ja. … Oh! … Oh … Oh nein!« Willi Schweinehagens eben noch lächelndes Gesicht verdunkelte sich zunehmend. Ich konnte eine tiefe Stirnfalte erkennen, sogar über das Pinguinbecken hinweg und trotz meiner Kurzsichtigkeit. »Das gibt’s doch nicht! … Ja. … Nein! … Da muss man doch was machen können!«

Was da wohl los ist?

»Ich komme!«

Herr Schweinehagen beendete das Gespräch abrupt und wedelte mir hektisch zu. Sein Gesicht war in den letzten zwanzig Sekunden schlagartig krebsrot geworden. »Frau Sander! Mitkommen!«

»Aber was ist denn …?«

»Sofort!«

Verwirrt stellte ich den noch vollen Eimer so ungeschickt auf einem der Felsvorsprünge ab, dass er ruckartig umkippte. Sofort kam die gesamte Herde angewatschelt, und eine aufgeregte Schubserei um den Fischberg begann.

Ich überlegte kurz, ob ich was dagegen tun sollte.

»Frau Sander! Wo bleiben Sie denn, Herrgott noch mal?«

Herr Schweinehagen schien ein echtes Problem zu haben. Wie ich ihm dabei behilflich sein sollte, konnte ich mir jedoch nicht vorstellen.

Ich schloss die Gattertür und folgte Herrn Schweinehagen, der hektisch mit seinem Telefon herumfuchtelte, wortlos.

»Richtung Sandgräber!«, gab er das Kommando.

Wir marschierten los, während Herr Schweinehagen wilde Telefonate führte.

»Das darf doch nicht wahr sein! Gerade jetzt! Das hat uns noch gefehlt!«, schimpfte er in sein Telefon.

Richtung Sandgräber bedeutet nichts Gutes, überlegte ich, während ich in den schweren Gummistiefeln versuchte, mit meinem Chef Schritt zu halten.

Richtung Sandgräber konnte so einiges bedeuten. Hoffentlich keine Stachelschweine, die sich mal wieder gegenseitig aufgespießt hatten. Davon hatte mir unsere Tierärztin erst letztens verzweifelt berichtet.

Endlich hatte Herr Schweinehagen sein Telefonat beendet.

»Was ist denn überhaupt los?«, fragte ich schnaufend, während ich mindestens doppelt so viele Schritte wie mein ein Meter fünfundneunzig großer Zoodirektor machen musste.

»Die Heterocephalus-Königin ist gestorben!«

Ich verstand nur Bahnhof.

»Welche Königin?«

»Die verdammte Nacktmull-Königin ist tot!« Er sagte es so, als sei völlig klar, was es bedeuten würde. So ähnlich wie: »Queen Mum ist tot!«

»Und?«, fragte ich ahnungslos.

»Und?! Wenn die Königin stirbt, werden automatisch mehrere Arbeiterinnen fruchtbar und bekämpfen sich gegenseitig. Ein einziges Gemetzel!«

Ich stellte mir ein Nacktmull-Blutbad vor. Die haarlosen, verschrumpelten Tierchen, die alle aussahen wie winzige, rohe Dönerspieße, waren selbst im Normalzustand eine Zumutung für jedes ästhetikverwöhnte Auge.

Willi Schweinehagen wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Wir rannten am Meerschweinchen-Wohnwagenpark vorbei. Jetzt war es nicht mehr weit bis zum Nacktmull-im-Glaskasten-Gemetzel.

»Und dann werden die Arbeiterinnen sofort fruchtbar? Ich meine, so schnell?« In dem Moment, als die Worte meinen Mund verließen, wusste ich, dass auch diese Frage nicht besonders qualifiziert klang.

»Sie ist wohl schon vor einiger Zeit gestorben, es hat nur niemand bemerkt. Und ausgerechnet jetzt ist der zuständige Tierpfleger krank, die Wechselschicht ist nicht erreichbar, und die Tierärztin steckt im Stau fest! Nur der ständig bekiffte Schülerpraktikant ist da!«

Will Schweinehagens Stimme klang wirklich verzweifelt.

»Und was genau soll ich jetzt hier tun?«

Mittlerweile waren wir vor dem Gehege angekommen, und mein Chef sah mich kreidebleich an: »Ich kann kein Blut sehen, Frau Sander! Sie müssen das regeln!«

Ich???

»Ich? Aber …«

»Retten Sie unsere Nacktmull-Kolonie, Frau Sander!«

Was in den nächsten Stunden geschah, konnte man wirklich mit dem einen Wort bizarr zusammenfassen.

Herr Schweinehagen stand kreidebleich am Sandgrab-Gehege, der bekiffte Praktikant hatte sich wimmernd in einer dunklen Ecke neben einem unkultivierten Sandhügel verschanzt, und ich warf mich todesmutig in den Kampf zwischen die sich gegenseitig anspringenden Arbeiterinnen.

Nachdem ich sie ausgebuddelt hatte, setzte ich sie, mit meinen dicken Fischhandschuhen bestens geschützt, nach und nach in verschiedene Eimer. Das ging besser, als ich im ersten Moment erwartet hatte, denn dank der großen Glasfront auf der einen Seite ihres Geheges konnte man sie schnell lokalisieren.

Unser Zoo war bekannt für die Nacktmull-Kolonie, die Kindern soziales Verhalten veranschaulichen sollte. Diese Tiere, so wurde ich direkt in den ersten Tagen hier im Zoo informiert, seien ein Vorbild beim Thema Teamarbeit.

Augenscheinlich setzte ihr soziales Verhalten allerdings schnell aus, wenn es um die Beförderung zur Königin ging.

Eigentlich waren sie da ja wie wir Menschen.

Beim Herumgraben stellte ich fest, dass eine der Arbeiterinnen – wohl die neue Königin – gerade dabei war, Junge zu werfen. Das verbesserte die Situation nun auch nicht gerade.

Da die Tierärztin noch immer nicht aufgekreuzt war, musste ich sämtliche bisher eigentlich erfolgreich verdrängte Geburtsvorgänge aus meinen Gedächtniswindungen hervorholen, was eine Horror-Bilder-Sequenz zur Folge hatte: meine Freundin Trine brüllend mit Vorwehen, Trine mordlustig kreischend in den Wehen, Trine wimmernd nach den Wehen …

Kurzum entschied ich, den bekifften Tobi zum Einsatz zu bringen. »Tobi!«, brüllte ich ihm zu. »Mach dich mal nützlich! Hol einen Eimer heißes Wasser und sterile Handtücher! Sofort!«

Tobi nickte stumm und tat wie ihm geheißen.

Herr Schweinehagen stand immer noch kreidebleich neben mir.

»Halten Sie das!«, wies ich ihn schnell an und hielt ihm zwei Eimer mit den beiden aggressivsten Tieren hin.

Herr Schweinehagen drückte sich verängstigt an die Wand und sah mich mit versteinerter Miene an, machte aber keine Anstalten, mir die schaukelnden Eimer mit den umherspringenden Tieren abzunehmen.

»Herr Schweinehagen! Nehmen Sie die verdammten Eimer!«, brüllte ich. Zum allerersten Mal war es mir nicht schwergefallen, seinen Namen auszusprechen. Und dann auch noch so laut!

Willi Schweinehagen, sichtlich schwer beeindruckt von meiner Courage, nahm mir wild nickend die beiden wackelnden Eimer ab.

Tobi kam mit Wasser und Tüchern zurück, und ich separierte die Königin samt ihrer Jungen – bis jetzt waren es acht Stück – in einem gesonderten Behälter, den ich vorher mit den Handtüchern ausgelegt hatte. Im Laufe der nächsten Minuten kamen noch weitere dreizehn Junge dazu, sodass es am Ende ganze einundzwanzig Stück waren.

Nassgeschwitzt und gefühlte Stunden später beendete ich meine Mission. »So. Das scheint es gewesen zu sein.«

Zufrieden stemmte ich beide Arme in meine anglerhosenbeschürzte Hüfte und zog mir die Handschuhe aus. Meine Hände waren darin klatschnass geworden, so sehr hatte ich während der Aktion transpiriert.

Mittlerweile war auch endlich die Tierärztin eingetroffen, die nach eingehender Untersuchung des Nachwuchses Entwarnung gab: »Alles in Ordnung hier. Sie haben intuitiv alles richtig gemacht, Frau Sander.«

»Sie sind unsere Rettung, Charlotte!« Willi Schweinehagen bewegte sich so ruckartig auf mich zu, dass ich zuerst befürchtete, er wolle mich umarmen. Sein weißkariertes Hemd war komplett durchsichtig vom Schweiß geworden. Gott sei Dank gab er mir dann aber doch nur die Hand.

Schlapp vom gerade Erlebten schlug ich ein.

Herr Schweinehagen schien derart erleichtert zu sein, dass er überhaupt nicht mehr aufhörte, meine Hand zu schütteln. Mittlerweile hatte er sogar seine zweite Hand auf unsere schaukelnden nassen Hände gelegt.

»Auf Du und Du?«, fragte er mich mit einem glücklichen Lächeln.

Endlich!, dachte ich und nickte müde.

»Willi«, sagte er und schüttelte weiter.

Mittlerweile wippte mein gesamter schlaffer Körper mit, jetzt, da sich die ganze Anspannung gelöst hatte.

»Charlotte.«

Was man heutzutage so alles in Kauf nehmen musste, um den grauseligen Nachnamen seines Chefs nicht mehr aussprechen zu müssen. Der Arbeitsmarkt nach der Krise war auch nicht mehr das, was er mal war.

Erleichtert ließ ich mich auf eine leere Futterkiste fallen. Leider ohne vorher zu kontrollieren, ob der Deckel auch wirklich fest auflag.

Tat er nicht.

Ich versank mit einem schnellen Rumps! fast mit dem gesamten Körper in der Kiste, bis nur noch Beine, Arme und mein Kopf herausguckten.

Willi und der mittlerweile wieder verpeilt dreingrinsende Schülerpraktikant lachten befreit.

»Wir sollten eine Kamera im Stollen installieren, damit die Besucherkinder auch die neuen Babys sehen können.« Die Idee kam mir spontan in der Futterkiste. »Der Osnabrücker Zoo bietet das auch an, habe ich mal gehört.«

»Das ist ein hervorragender Einfall, Charlotte«, antwortete Willi nickend.

»Und wir sollten passend dazu dann Mini-Stofftier-Nacktmull-Babys verkaufen oder, noch besser, ganze Stofftier-Nacktmull-Familien!«

»Ja, sehr gut!«, lobte Willi mich.

Wahrscheinlich war er so erleichtert, dass alles gut ausgegangen war, dass er mir sogar seinen Posten angeboten hätte, hätte ich nur danach gefragt.

Vielleicht sollte ich ihn mal um eine Gehaltserhöhung bitten …

Wenn die Woche mit einem derartig spektakulären Geburts-Montag begann, konnte es doch nur noch besser werden.

Langsam, aber sicher entwickelte ich mich unfreiwillig zu einer echten Geburtsexpertin, denn meine letzte Geburt war noch gar nicht so lange her. Ich erinnerte mich mit sehr gemischten Gefühlen an das Kennenlernen meines zweiten Patenkinds, Elmo. Auch hier setzte die Geburt eher unerwartet ein, und es spielte neben einer Kurve auch sehr viel Grünkohl eine Rolle.

2. Kapitel

Genau genommen war es eine scharfe Kurve gewesen, eine sehr scharfe sogar.

Trine war damals mit Elmo, ihrem zweiten Kind, in der sechsunddreißigsten Woche schwanger.

Schon bei ihrer ersten Schwangerschaft mit meinem Patenkind Finn zwang sie Gott und die Welt, an ihrem Leid teilzuhaben, und brüllte unschuldige Menschen auf Parkplätzen, in Kaufhäusern oder auf der Straße an, wenn die nicht, wie ihnen geheißen, sofort Platz für Trine und ihren melonengroßen Bauch machten oder entsprechend vorsorglich reagierten.

Ich hatte mich mittlerweile schon daran gewöhnt und hielt immer ein wenig Abstand, wenn ich mit Trine unterwegs war, sodass man uns bei ihren regelmäßigen Standpauken nicht zwangsläufig als zusammengehörend erkennen konnte.

Denn ich hatte auch hier dazugelernt: Während Trine alle um sie herum zusammenfaltete und meist wütend schnaufend davonstapfte, weil jemand zum Beispiel die Unverschämtheit besaß, sich den letzten freien Parkplatz direkt vor dem Supermarkteingang zu schnappen, wurde ich dann stellvertretend von den arglosen und verdutzten Mitbürgern mit bösen Blicken und Bemerkungen abgestraft.

Einmal hatte mir sogar ein älterer Herr eine Standpauke gehalten, dass die Frauen heutzutage ja auch nicht mehr das seien, was sie früher einmal waren, null leidensfähig, total zimperlich, dabei sei es nun mal ihre natürliche Bestimmung, zu gebären, und heute würde jede ein derartiges Brimborium darum machen, dass er das erste Mal wirklich froh sei, alt zu sein.

Bedröppelt ließ ich die Standpauke wie eine kalte Dusche über mich ergehen.

Seitdem gab es meinen persönlichen Trine-Schwangerschafts-Sicherheitsabstand.

Vor nächtlichen Anrufen konnte der mich jedoch nicht schützen.

»Sander?«, murmelte ich noch mit geschlossenen Augen in mein Telefon, das ich sicherheitshalber auf meinem Nachttisch platziert hatte.

»Charlotte!!!«

»Um Himmels willen, Trine! Ist es schon so weit? Bist du im Krankenhaus? Ist alles gut gegangen?«, fragte ich erschrocken und war schlagartig wach.

Einen anderen Grund als Elmos Geburt oder zumindest Wehen heftigster Natur konnte ich mir nicht vorstellen, um mitten in der Nacht um 5:19 Uhr – wie mein Digitalwecker gerade leuchtend anzeigte – anzurufen.

Ich hatte allerdings vergessen, dass es ja Trine war, die da am anderen Ende der Leitung saß.

»Quatsch, ich komme doch erst in die sechsunddreißigste Woche. Mensch, Charlotte! Ich dachte, du würdest dich nach Finn mittlerweile erheblich besser auskennen, was den Schwangerschaftsablauf betrifft.«

»Ah …«

»Ach, ist doch auch egal. Weswegen ich anrufe …«

»Ja?«

Ich hoffte, dass es ein guter, ein wirklich guter Grund war, die unmenschliche Uhrzeit berücksichtigend.

»Ich brauche dringend Urlaub.«

»Du brauchst bitte was?«, fragte ich ungläubig und kontrollierte nochmal die Uhrzeit.

5:20 Uhr.

Kein Irrtum.

»Ja, Urlaub. Dringend. Wo können wir hin?«

»Trine! Es ist mitten in der Nacht! Und du reißt mich aus dem Tiefschlaf, weil du in Urlaubslaune bist? Ich dachte, es wäre wer weiß was passiert!«

»Wieso mitten in der Nacht? Gleich gibt’s doch schon Frühstücksfernsehen«, sagte sie und schmatzte dabei in den Hörer.

Sie hatte mir einmal erklärt, dass man beim Frühstücksfernsehen essen müsse, das gehöre nun mal dazu.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«, meldete sich jetzt auch Eric verschlafen neben mir.

»Nichts, es ist nur Trine«, antwortete ich entschuldigend.

»Ach so.« Eric drehte sich schlaftrunken wieder um.

Er kannte meine Freunde mittlerweile, und er liebte mich trotzdem. Dafür wiederum liebte ich ihn umso mehr.

Trine schien es nicht weiter zu stören, dass sie nun auch Eric geweckt hatte.

»Außerdem frühstücke ich gerade. Da kommen mir immer gute Ideen. Und jetzt hab ich eben beschlossen, noch mal Urlaub zu machen, bevor Elmo kommt. Dann ist erst mal Schluss mit der Ruhe hier.«

Ruhe?

Seit Finn vor ein paar Jahren zur Welt gekommen war, existierte doch sowieso keine Ruhe mehr bei Trine und Paul und in deren Umfeld von mindestens zehn Quadratkilometern.

»Hättest du mit dieser tollen Idee nicht wenigstens bis nach acht Uhr warten können?«, stöhnte ich genervt und gleichzeitig erleichtert ins Telefon. Immerhin war nichts passiert.

»Nein.«

Trine war äußerst pragmatisch veranlagt; zumindest, wenn es um ihrer Meinung nach eindeutige Belange ging.

»Ich kann eigentlich nicht weg, die Zooschichten sind anstrengend, und freie Wochenenden habe ich in letzter Zeit doch kaum. Und Eric und ich sehen uns auch immer weniger«, versuchte ich zu intervenieren.

»Verstehe ich. Also, dieses Wochenende?«

Klassischer Fall von Trial & Error.

»Aber Paul wird doch sicher …«

»Charlotte, willst du schuld sein, wenn mein metabolisches Alter bei achtundvierzig liegt?«

Schachmatt.

»Gut.« Ich atmete tief durch. »Also, wo willst du hin?«

»Na ja, ich hatte mir da so überlegt …« Trine machte eine Pause, und ich befürchtete Schlimmes. »Also, du erzählst doch immer so nette Sachen über deine Oma und ihren Bauernhof, den Wald, die Ruhe …«

»Nein!«

»Die frische, gute Landluft …«

»Nein!«

»Das leckere Essen …«

»Na-hein!«

Das kam gar nicht in die Tüte! Brüll-Trine und meine verschrobene Oma Melitta, die nur im Imperativ sprach, zusammen – danach würde ich Urlaub brauchen. Unfassbar langen Urlaub.

»Charlotte!«

»Was?!«

»Ich bin schwanger«, säuselte Trine und schmatzte wieder in den Hörer.

Morgens aß sie immer Marmeladentoast und hatte sogar die Theorie widerlegt, dass der Toast immer mit der Marmeladenseite zuerst auf den Boden fällt. Um diesen geschichtsträchtigen Moment mit mir zu teilen, hatte sie mich ebenfalls mitten in der Nacht angerufen, als sie damals mit Finn schwanger war.

Schwangerschaftshormone sind böse, böse Wesen.

»Das weiß ich, Trine. Und siehst du, gerade deswegen ist es doch auch gar nicht schlau, so weit raus in die Pampa zu fahren. Stell dir vor, da ist dann irgendwas mit dem Baby …«

»Ach was«, antwortete Trine gelassen, »die Schwangerschaft war doch nur am Anfang so kompliziert. In den letzten Wochen läuft doch alles praktisch einwandfrei. Jetzt sei doch kein Miesverderber!«

»Spielverderber. Oder Miesmacher. Beides geht nicht!«, nölte ich gerädert.

Trine konnte weder Sprüche noch Wortwendungen zitieren, tat es zu meiner Schmach aber trotzdem andauernd.

»Klar geht beides, siehste doch an dir«, antwortete Trine unbeeindruckt.

»Und was ist überhaupt mit Finn?« Ich spielte meine letzte Karte aus.

Sie würde Finn doch nicht auch noch … lieber Gott, bewahre!

»Paul hat nächste Woche sowieso Homeoffice, und zur Not springt Mona ein. Außerdem will ich ja nur ein verlängertes Wochenende. So drei Tage oder so.«

Sie hat also bereits alles organisiert, dachte ich.

Sogar unsere gemeinsame Freundin Mona, meine ehemalige Nachbarin, war bereits in unsere Urlaubspläne eingeweiht. Nur ich wurde mal wieder als Letzte informiert.

Trine wusste, dass ich einknicken würde.

»Also, wann fahren wir los?«, fragte sie, und ich konnte durch den Hörer spüren, dass sie dabei grinste.

*

Schon bevor wir überhaupt losgefahren waren, hätte ich wissen müssen, dass es katastrophal enden würde. Alle Zeichen dafür waren vorhanden: Finn hatte am Morgen der Abfahrt schlimmen Brech-Durchfall, und Trine, die mir sämtliche Farbtöne und Konsistenzen seiner Ausscheidungen minütlich telefonisch durchgab, kam natürlich zwei Stunden zu spät bei mir an.

»So schnell hab ich noch nie ein Kind wieder gesund gekriegt!«, flötete sie fröhlich, als ich die Tür öffnete.

Ich fragte mich, ob sie ihm einfach befohlen hatte, gesund zu werden, traute mich aber nicht, es laut auszusprechen.

»Finn ging es gerade schon wieder so gut, dass ihm sein Kamillentee beim Lachen durch die Nase kam«, erklärte Trine heiter weiter und umarmte mich schwungvoll.

»Super Vorstellung, Trine! Sag mal, dir ist doch hoffentlich klar, dass wir den Zug verpasst haben?«, fragte ich entnervt. »Das waren zuggebundene Tickets. Du bist ganze zwei Stunden zu spät!«

»Ich weiß.« Trine war die Ruhe selbst. »Und deswegen habe ich Paul auch seinen Bulli abgeluchst. Mit dem fahren wir jetzt zu Melitta. Genau das richtige Auto für die Pampa.«

»Oh nein, Trine, nicht der Bulli!«

Paul konnte sich seit fünfzehn Jahren nicht von seinem alten VW-Bulli in babyblau trennen, mit dem er das Autofahren gelernt hatte, in dem er Trine zum ersten Mal geküsst hatte und … na ja … weitere detailgenauere Ausführungen seitens Trine hatte ich – bis jetzt zumindest – immer unterbrechen können.

Das Besondere am Bulli war, dass er nicht nur Baujahr 1979 war und höchstens zweiundachtzig Stundenkilometer fuhr, sondern dass er auch öfter mal nicht ansprang, es sei denn, man schob. Das hatte ich jedoch keinesfalls vor und Trine mit ihrem riesigen Babybauch sicher erst recht nicht.

Einmal war ich auf einer Fahrt mit Trine und Mona an die Nordsee im Bulli beinahe implodiert, weil wir uns nicht getraut hatten, für eine Pipipause anzuhalten.

Paul und mittlerweile auch Trine weigerten sich allerdings hartnäckig, einen dieser »neuen modernen Kleinwagen ohne Esprit und frei von Charme und tollen Knutscherinnerungen« anzuschaffen.

Jetzt musste ich zur Gegenwehr ansetzen. Dann würden wir eben einen anderen Zug nehmen – alles war besser als diese Schrottkarre.

»Aber du weißt doch genau, dass …«

Trine schüttelte den Kopf.

»Aber du weißt sicher noch die Fahrt an die Nordsee damals …«

Es war vergebens; Trine hatte ihren bösen Mutterblick aufgelegt.

»Nichts da«, erwiderte Trine resolut. »Es ist alles schon gepackt. Und der Motor läuft sogar noch, sodass wir jetzt auch nicht schieben müssen. Also du.«

Ein hervorstechendes Merkmal an Trines Charakter war definitiv Entschlossenheit.

Immerhin würde ich dieses Albtraumauto nicht auch noch fahren müssen, denn Paul musste sich selbst bei seiner eigenen Frau jedes Mal aufs Neue überwinden, ihr das Lenkrad anzuvertrauen. Was bei Trines Unfallstatistik jedoch auch kein Wunder war.

Kaum hatte ich mich mit der Tatsache abgefunden, in diesem unsäglichen Objekt gen Pampa zu kriechen, kam mir allerdings beim Anblick von der zum Wagen watschelnden Trine ein ganz anderes Bild in den Sinn: Trine – Bauch – Lenkrad – Trine – Bauch – Bauch – Bauch …

»Trine? Wer fährt eigentlich?«, fragte ich zögernd.

»Na du natürlich! Als ob ich mit diesem Bauch hier noch fahren will. Die Strecke von zu Hause bis hier war schon der pure Horror! Ich konnte nur mit sechs Stundenkilometern fahren, na ja, geschätzten sechs, der Tacho spinnt ja ab und zu, und alle haben sich tierisch aufgeregt.«

Ein Hoch auf moderne, bequeme Kleinwagen mit automatisch verstellbaren Sitzen, Latte-Macchiato-Haltern, völlig frei von Esprit und Charme und dämlich-sentimentalen Knutscherinnerungen.

Nach der Fahrt würde ich wahrscheinlich so weit sein, selbst so ein Teil zu kaufen und es Trine und Paul ungefragt vor die Tür zu stellen, nachdem ich nachts heimlich den Bulli verschrotten lassen hätte.

»Los geht’s!« Trine ließ sich schwungvoll auf den Beifahrersitz plumpsen.

Ich verstaute meine Reisetasche auf dem Rücksitz, nachdem ich mich mit meinem gesamten Gewicht (Und das sollte was bedeuten!) gegen die Schiebetür stemmen musste, um sie überhaupt erst aufzukriegen.

»Ja, los geht’s«, murmelte ich und legte den ersten Gang bei dem brummenden Bulli ein, der zufrieden und gleichmäßig vor sich hin tuckerte.

Wie war das noch gleich? Funktioniert der zweite oder der dritte Gang nicht …?

»Vergiss nicht, dass der dritte Gang nicht funktioniert«, erinnerte mich jetzt auch Trine.

Stimmt, das war es.

Vom zweiten in den vierten zu schalten war allerdings eine echte Herausforderung, vor allem auf der Autobahnzufahrt, auf die wir gerade zurollten.

In der Stadt langsam zu fahren brachte uns höchstens ein paar aufgebrachte Straßenverkehrsteilnehmer, ein paar Huper, Buhrufe und Stinkefinger ein, aber das Ganze auf der Autobahn durchzuziehen, das war eine Nummer für echte Adrenalinjunkies.

»Verdammt, Trine, das ist doch scheiße hier«, fluchte ich.

Mit circa fünfzig im zweiten Gang zu fahren war echt laut.

»Wieso? Schalt doch einfach …!« Mittlerweile war das Auto so laut, dass Trines letzte Worte im Lärm untergingen.

»Waaas?«

Viele Dinge im Leben vergisst man irgendwie nie: die erste Regel, den ersten Zungenkuss und eben das erste Mal mit fünfzig Stundenkilometern im zweiten Gang auf die Autobahn zu fahren.

Mit einem lauten Knirschgeräusch schaffte ich es, vom zweiten über den kaputten dritten in den vierten Gang zu schalten und gleichzeitig vom Beschleunigungsstreifen auf die rechte Spur zu wechseln. Langsam, sehr langsam kroch der Tacho auf unser Höchstgeschwindigkeitstempo, die zweiundachtzig, zu.

Ein Mercedes-M-Klasse-Fahrer zeigte mir beim Überholvorgang kopfschüttelnd einen Vogel.

»Toll, Trine. Ganz toll. Alle halten uns für komplett gestört, mit so einem Schrottteil überhaupt auf der Autobahn zu fahren.«

Trine war gerade dabei, ihr erstes Butterbrot auszupacken, um anschließend genüsslich hineinzubeißen. Dabei waren wir gerade erst zehn Minuten unterwegs.

»M-nich m-uns, m-ur m-dich«, brabbelte sie mit vollem Mund. »M-auch m-eins?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Außerdem haben wir ein Navi«, erklärte Trine stolz. »Sonst kommen wir bei deinem Anti-Orientierungstalent nie an. Hat Paul extra gekauft. Ist das nicht luxuriös?«

Ich war begeistert, denn ich war passionierte Zugfahrerin und konnte keine einzige Autostrecke auswendig. Auch eine Sache, über die Eric gern und häufig lachte. Das Navi hatte sicher mehr gekostet, als der gesamte Bulli wert war.

»Mhm … ich weiß nur nicht so genau … mhm … wie man das Teil bedient«, schob Trine mampfend hinterher.

Diese Fahrt würde nicht nur meine Nerven, sondern auch meinen vollen Einsatz fordern, das stand außer Frage.

Die fast dreistündige Fahrt verlief dann aber doch recht glimpflich, zumindest gab es keine Verletzten.

Bei einem halbstündigen Überholvorgang eines Sondertransportes bei achtzig Stundenkilometern auf der mittleren Spur wurde ich zwar von einem BMW-Fahrer durch das offene Fenster mit »Ich hoffe, ihr seid auf dem Weg zum Schrottplatz!« angebrüllt, fand das aber nicht weiter bedenklich, angesichts der Tatsache, dass er ja recht hatte. Ich war sogar positiv überrascht, dass ich ihn trotz Fahrtwind und der lauten Bulli-Geräusche überhaupt verstehen konnte.

Als es dann aber zu regnen begann – typisches Herbstwetter eben – und ich die Fenster hochkurbelte, kam Trine mit einer Hiobsbotschaft um die Ecke.

»Ach ja, die Scheibenwischer funktionieren irgendwie nicht.«

»Was? Wie ›irgendwie nicht‹?« Ich glaubte nicht, was ich da hörte. »Und jetzt?«

»Sicherheitshalber habe ich meine Chucks angezogen«, erklärte Trine ruhig und deutete auf ihre Stoffschuhe im pinken Leoprint. »Paul macht das auch immer so. Du musst nur einen Schürsenkel nehmen und ihn an den Scheibenwischer auf deiner Seite binden. Dann kannst du ihn hin und her bewegen. Das reicht und geht richtig gut!«

Ich fasste es nicht.

»Nur leider komme ich nicht mehr an meine Füße«, ergänzte Trine bedauernd. »Die Schuhe musst du mir wohl ausziehen.«

Super.

»Verdammt Trine, das ist das allerletzte Mal, dass ich in dieser Schrottkarre sitze, klar?«

Wiederwillig fuhr ich rechts ran, ließ den Motor aber vorsorglich laufen. Es regnete mittlerweile so heftig, dass man durch die Scheibe kaum mehr hindurchsehen konnte. Trine versuchte, mir ihren linken Schuh auf den Schoß zu legen, aber irgendwie war ihr beeindruckender Bauch im Weg.

»So geht das nicht.«

Ich stieg aus und lief zur Beifahrertür. Binnen weniger Sekunden war ich total durchnässt, während ich wild an Trines Schuh zerrte. Trines Bauch war meiner Mission allerdings kolossal im Weg. Außerdem war der verdammte Schuh einfach nicht auszukriegen. Im Hintergrund tuckerte der Motor bedenklich unregelmäßig.

»Wassereinlagerungen!« kommentierte Trine meine sinnlosen Bemühungen.

Doch ich gab nicht auf.

Als ich den Schuh endlich in der Hand hatte, war ich so nass, dass ich mich am liebsten selbst ausgewrungen hätte. Schnell rannte ich um den Bulli herum zurück zum Fahrersitz.

»Und jetzt nur noch den Senkel an den linken Wischer binden …«, instruierte mich Trine.

»Brrrrr!«

Wirklich arschkalt, in so nassen Klamotten, das braucht kein Mensch! Ach, wie schön wäre eine entspannte Zugfahrt gewesen …

Ich band den Schnürsenkel an den Scheibenwischer und testete Trines System. Es funktionierte zu meinem Erstaunen wirklich, nur quietschte es ein wenig laut.

»Du musst natürlich jetzt das Fenster auflassen«, sagte Trine und nahm einen Schluck Yogi-Tee aus der mitgebrachten Thermoskanne. »Also nur, solange es regnet.«

Ein sehr scharfe Kurve an einer Abfahrt in der Höhe von Sommerloch, in der ich mit dem halben Oberkörper zum Fenster heraushing, um den Wischer hin- und herzuziehen und sowieso vom vielen Wischen abgelenkt war, wäre uns allerdings beinahe zum Verhängnis geworden.

Immer, wenn ich unseren manuell betriebenen Wischer kräftig bedienen musste, bat ich Trine, das Lenkrad zu halten. Alles andere wäre mir nämlich dann doch eindeutig zu viel Multitasking gewesen.

»Ich bin aber doch Rechtshändler!«, versuchte Trine noch, sich zu wehren.

»… händer!«

Ihre eingeschränkten Fähigkeiten, mit links zu lenken, waren mir in dem Moment ebenso egal wie ihr Bauch. Sie hatte uns in diese Lage gebracht, dann musste sie jetzt auch mal ran.

Allerdings wunderte ich mich bereits nach kurzer Zeit, warum es plötzlich im Auto so schaukelte. Ich wurde mit voller Wucht in die Kurve geschleudert, als ich versuchte, meinen Oberkörper wieder zurück ins Auto zu bugsieren.

Ich glaubte nicht, was ich sah, als ich mich auf den Fahrersitz plumpsen ließ: Trine bog einfach in die Ausfahrt ab – obwohl wir überhaupt nicht rausmussten!