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Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine evangelische Kirche mit weltweit mehr als einer Million Mitgliedern. In Deutschland sind es etwa sechstausend. Bekannt wurde die Brüdergemeine durch ihre weltweite Missionstätigkeit, die seit 1731 jährlich gedruckten Herrnhuter Losungen und den Herrnhuter Adventsstern. Eine mehr als 250 Jahre alte Tradition ist das Schreiben von Lebensläufen der Mitglieder. Der - möglichst selbst geschriebene - Lebenslauf wird beim Begräbnis verlesen und anschließend im Archiv aufbewahrt. So gibt es heute im Unitäts-Archiv der Brüdergemeine eine Sammlung von etwa 30 000 Lebensläufen, einige weitere tausend liegen in den Archiven der Ortsgemeinden. Das Archiv der Brüdergemeine Ebersdorf besitzt etwa 1300 Lebensläufe der in Ebersdorf verstorbenen Brüder und Schwestern. Diese Lebenslauf-Sammlungen sind in ihrer Art einmalig, denn sie geben Auskunft über das Leben einer großen Gruppe meist einfacher Menschen vergangener Jahrhunderte. So wurden Teile dieser Sammlungen verschiedentlich wissenschaftlich ausgewertet und eine größere Anzahl Lebensläufe veröffentlicht. Im Comeniuszentrum in Ebersdorf gibt es seit Jahren eine Veranstaltungsreihe "Wir lesen Lebensläufe" mit vielen interessanten Gesprächen. Dem Wunsch einiger Besucher, den einen oder anderen Lebenslauf auch schriftlich zu besitzen, soll mit diesem Buch entsprochen werden.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Vorwort
Einführung: Die „Herrnhuter“
Catharina Margaretha Braunwalt 1695 – 1754
Barbara Margaretha Vollrath 1712 – 1781
Anna Maria Eva Catherina Sell 1716 –1797
Benjamin David Kirchhof 1716 – 1784
Jakob Friedrich Kempf 1719-1795
Rosina Wacker 1733-1753
Philipp Christoph Kumberg 1746 – 1811
Johann Benedict Göttling 1748 -1807
Anna Maria Sell 1748 – 1763
Johann Gottlieb Bonatz 1773 – 1827
Anna Christina Zerz 1785 – 1788
Auguste Louise Caroline Krönlein 1794 -1864
Heinrich Garbade 1798 – 1849
Johanne Christiane Albe 1812 – 1853
Christiane Caroline Friederike Avianus 1821-1860
Johann Jakob Kreiselmeier 1824 -1895
Johanna Friedericke Rosalie Meck 1830 -1908
Charlotte Emilie Ernestine Robst 1834 – 1916
Carl Theodor Abraham Padel 1837 - 1924
Bertha Dorothea Schumann 1845 - 1932
Graf Albrecht von der Goltz 1846 – 1917
Paul Gemming 1864 – 1946
Margarete Seuss 1869 - 1928
Stefan Stammberger 1872 - 1935
Christoph Dietrich von Bose 1875 – 1951
Anna Magdalena Frank 1878 – 1961
Paul Richter 1881-1959
Berta Schaffert 1896 - 1976
Helene Eschmann 1900 - 1986
Else Dillitz 1901 – 1994
Kurt Küchler 1908 - 1996
Sigrid Nippold 1912 – 1999
Martha Hermsdorf 1918 - 1991
Eine schöne Tradition der Herrnhuter Brüdergemeine ist bis heute erhalten geblieben: Das Verfassen eines Lebenslaufs für alle Mitglieder dieser Gemeinschaft. Der – möglichst zu Lebzeiten selbst geschriebene - Lebenslauf steht im Mittelpunkt der Begräbnisfeier und wird anschließend im Archiv aufbewahrt. Da diese Tradition schon in den Anfangszeiten der Brüdergemeine begründet wurde, gibt es heute im Unitäts-Archiv in Herrnhut eine Sammlung von etwa 30000 Lebensläufen. Die einzelnen Gemeinen besitzen zum Teil eigene Archive. Im Ebersdorfer Archiv finden sich etwa 1300 Lebensläufe der in Ebersdorf verstorbenen Brüder und Schwestern. Die ältesten sind von 1750.
In früheren Jahrhunderten wurde gewöhnlich nur das Leben gekrönter Häupter und anderer bedeutender Persönlichkeiten schriftlich festgehalten. Die brüderischen Lebensläufe erhalten dadurch eine besondere Bedeutung, weil in ihnen die Lebenswege von vorwiegend einfachen Menschen, Männern ebenso wie Frauen, dargestellt sind. Aus diesem Grund wurden diese Lebensläufe schon mehrfach zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und in verschiedenen Medien publiziert. In den Periodika der Brüdergemeine (z. B. „Nachrichten aus der Brüdergemeine“) werden seit etwa 200 Jahren regelmäßig ausgewählte Lebensbilder gedruckt. Zwischen 1818 und 1941 wurden auf diesem Wege etwa 1500 Lebensläufe veröffentlicht. In neuerer Zeit wurden von Dietrich Meyer zwei Sammelbände mit interessanten Lebensläufen herausgegeben.1 Wissenschaftliche Untersuchungen finden sich z. B. bei Christine Lost2 und Stephanie Bös3.
Die Ebersdorfer Bestände an Lebensläufen wurden in ihrer Gesamtheit bisher noch nicht erforscht. Lediglich zu bestimmten Themen wurde selektiv recherchiert (z. B. DDR-Geschichte).
Seit einigen Jahren gibt es im Comeniuszentrum Ebersdorf eine Veranstaltungsreihe „Wir lesen Lebensläufe“. An die Lesung schließen sich oft interessante Gespräche an und gelegentlich wird von Teilnehmern der Wunsch geäußert, einen Lebenslauf in schriftlicher Form zu besitzen.
Daraus entstand der Gedanke, die „Ebersdorfer Lebensläufe“ auch gedruckt herauszugeben. 2017 und 2018 erschienen die ersten beiden Sammelbände, denen nunmehr ein dritter folgt.
Die bisher anderenorts veröffentlichten brüderischen Lebensläufe wurden meist gezielt ausgewählt: nach der Bedeutung des Verfassers und des Inhaltes oder nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten. Diese Zielstellung verfolgen wir hier nicht. Das Besondere an der brüderischen Lebenslauf-Sammlung ist ja gerade, dass ganz gewöhnliche einfache Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu Wort kommen. Es gibt lange und kurze Lebensläufe, von gebildeten und ungebildeten Menschen verfasst. Manche Verfasser haben viel erlebt. Sie sind z. B. als Missionare bis ans Ende der Welt gereist und können entsprechend viel berichten. Andere, z. B. viele der ledigen Schwestern, haben ihr ganzes Leben in der Abgeschiedenheit des Schwesternhauses verbracht. Ihre Lebensläufe fallen meist kürzer aus und beschreiben vor allem ihre Glaubensentwicklung.
Um dieser Vielfältigkeit der Lebensgeschichten gerecht zu werden, erfolgt für dieses Buch, wie auch für die Leseabende im Comeniuszentrum, keine gezielte Auswahl der Texte. Es wird lediglich angestrebt, dass sowohl beide Geschlechter, als auch die unterschiedlichen Zeitepochen einigermaßen gleich vertreten sind.
Bei den Leseabenden hat sich gezeigt, dass die Zuhörer aus ganz unterschiedlichen Gründen Freude an den Lebensläufen haben: Für manche sind die Lebensverhältnisse in früheren Zeiten und die oft schweren Schicksale der Menschen besonders eindrücklich. Andere Hörer erfreuen sich an authentischen Einblicken in die Zeitgeschichte, gelegentlich auch in die Ortsgeschichte. Andere genießen die altertümliche Sprache und manch einem dienen die Lebensläufe als Stärkung für den eigenen Glauben.
Das Ziel dieser Veröffentlichung ist erreicht, wenn auch der Leser einen ähnlichen Gewinn daraus zieht.
1 Meyer, D.: Lebensbilder aus der Brüdergemeine, Gustav Winter Herrnhut, 2007 und 2014
2 Lost, C.: Das Leben als Lehrtext, Lebensläufe aus der Herrnhuter Brüdergemeine, Herrnhuter Verlag 2007
3 Bös, S.: Gottesacker-Geschichten als Gedächtnis. Eine Ethnographie zur Herrnhuter Erinnerungskultur am Beispiel der Neudietendorfer Lebensläufe. Waxmann Verlag, 2016
Die Anfänge der Brüdergemeine reichen in das 15. Jahrhundert zurück und gründen sich auf den tschechischen Reformator Jan Hus. Als dieser 1415 in Konstanz sein Leben für seine Glaubensüberzeugungen lassen musste, begannen große Unruhen in Böhmen und Mähren, die zu den Hussitenkriegen 1419 bis 1434 führten. Große Teile des Volkes trennten sich zunächst von der katholischen Kirche, bevor es dann doch wieder zu einem Kompromiss mit Rom kam. Lediglich eine kleine Gruppe, die sowohl die kriegerische Gewalt der Radikalen als auch die Einigung mit Rom ablehnte, zog sich in die Wälder Ostböhmens zurück, um in einer Gemeinschaft ganz nach dem Evangelium zu leben. Als Geburtsstunde der „Unitas Fratrum“, der „Gemeinschaft von Brüdern“, gilt der 1. März 1457. Die Brüder-Unität breitete sich rasch aus und zählte Anfang des 16.
Jahrhunderts in Böhmen und Mähren etwa 100 000 Mitglieder.
Die Bibel wurde ins Tschechische übersetzt, eine vorbildliche Gemeindeordnung wurde entwickelt, und es entstanden viele Lieder, die zum Teil heute noch gesungen werden. Im Zuge der Gegenreformation wurde die Brüder-Unität dann nahezu ausgelöscht; wenige Familien hielten sich im Stillen noch zu ihr, viele waren geflohen, vor allem nach Polen und Ungarn. Der letzte Bischof der Böhmischen Brüder, der vor allem als Pädagoge berühmte Johann Amos Comenius (1592-1670) bemühte sich vergeblich um die gleichberechtigte Anerkennung der Brüder-Unität im Westfälischen Frieden.
Erst Anfang des 18. Jahrhunderts eröffnete sich für einen Teil der heimlich Evangelischen in Böhmen und Mähren der Weg zu einem Neuanfang. Unter dem Einfluss des deutschen Pietismus wanderten kleine Gruppen aus und fanden in Sachsen und Preußen eine neue Heimat. Einige siedelten sich auf einem Landgut des jungen Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf an.
1722 wurde der erste Baum zum Anlegen einer Siedlung nahe Berthelsdorf in der Oberlausitz gefällt. Dieser Ort erhielt den Namen Herrnhut, denn die Bewohner wollten sich bewusst „unter des Herrn Hut“ stellen. In wenigen Jahren entstand eine Siedlung, die unter der inspirierenden Leitung des Grafen Zinzendorf stand und zu einer geistlichen Gemeinschaft zusammenwuchs, in der man Glauben und Alltagsleben miteinander verband. Auch Gläubige aus deutschen und anderen europäischen Ländern, die im Konflikt mit ihren Kirchen standen, suchten in Herrnhut eine neue geistliche Heimat. Als eigentlicher Beginn dieser „Erneuerten Brüder-Unität“ gilt der 13.
August 1727. Nachdem die tiefgreifenden Spannungen unter den Siedlern beigelegt werden konnten, wurde bei einer Abendmahlsfeier in der Kirche in Berthelsdorf die geistliche Einheit in überwältigender Weise erlebt. Die Orts-Satzung, die man sich gab, orientierte sich weitgehend an den Statuten der Unitas Fratrum. Die Zahl der Mitglieder wuchs in den darauf folgenden Jahren auf einige Hundert. Es entstanden weitere Ansiedlungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Weltweit bekannt wurden die Herrnhuter durch ihre Missionstätigkeit. Bereits 1732 gingen die beiden ersten Missionare aus Herrnhut auf die Karibikinsel St. Thomas.
Weitere Sendboten folgten innerhalb weniger Jahre nach Grönland, Südafrika und Surinam in Südamerika. Herrnhuter Missionare waren mit unterschiedlichem Erfolg auf allen fünf Erdteilen tätig und machten die Brüdergemeine zu einer weltweiten Kirche.
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der schon als Jugendlicher beschlossen hatte, sein Leben ganz in den Dienst Jesus Christus’ zu stellen, fand in der Herrnhuter Brüdergemeine seine Lebensaufgabe und prägte diese Glaubensgemeinschaft maßgeblich. Er nahm große persönliche Entbehrungen auf sich, wurde angefeindet und zeitweise aus Sachsen verbannt. In dieser Zeit zog er mit seinen Getreuen, der „Pilgergemeine“, durch Deutschland und Europa.
Heute sind die Herrnhuter eine ganz „normale“ evangelische Freikirche. Viele der Besonderheiten und das meiste der typischen Lebensform aus den Anfangsjahren sind verloren gegangen. Die Gemeinschaft ist unter dem Namen „Evangelische Brüdergemeine“, aber auch als „Herrnhuter Brüdergemeine“, „Mährische Kirche“ oder „Moravian Church“ bekannt. Die in den Gründungsjahren übliche Schreibweise „Gemeine“ – ohne „d“ – ist heute Bestandteil des amtlichen Namens, im allgemeinen Sprachgebrauch sind beide Formen anzutreffen.
Für das Verständnis der Lebensläufe sind einige Erläuterungen nützlich:
Männer und Frauen der Gemeine werden Brüder und Schwestern genannt, ohne dass damit ein besonderer geistlicher Stand verbunden ist. „Bruder“ und „Schwester“ ist auch die heute noch übliche Anrede, gewöhnlich in Verbindung mit dem Familiennamen. In der Schriftform verwendet man meist die Abkürzungen Br. und Schw. Mehrere Mitglieder der Gemeine unterschiedlichen Geschlechts bezeichnet man als Geschwister (Geschw.), auch wenn es sich um ein Ehepaar handelt. (Mit Geschwister Meiers ist also gewöhnlich das Ehepaar Meier gemeint.)
Eine typische Besonderheit der Brüdergemeine ist die Einteilung der Gemein-Mitglieder in die sogenannten „Chöre“. ( „das Chor“ – als Bezeichnung für eine Gruppe Personen mit ähnlichen Bedingungen und Interessen.)
Diese Einteilung gibt es heute noch, sie war früher aber noch sehr viel ausgeprägter. In der Brüdergemeine richtet sich die Chorzugehörigkeit nach Geschlecht, Alter und Familienstand. Es gibt also das Chor der ledigen Schwestern (alle unverheirateten Frauen), das Chor der ledigen Brüder (alle unverheirateten Männer), das Ehechor (verheiratete Männer und Frauen), das Witwenchor und das Witwerchor. Die Kinder und Jugendlichen wurden früher, als es sie noch in größerer Anzahl gab, außer nach dem Geschlecht auch nach dem Alter einem entsprechenden Chor zugeordnet: Knäblein, Knaben, Jünglinge, Mädchen, große Mädchen, Jungfern. Der Gedanke, der dahinter steckt, ist, dass sich Menschen mit ähnlichen Lebensumständen auch am besten verstehen und sich Beistand in weltlichen und geistlichen Dingen geben können. Die Chöre wurden jeweils von einem Chor-Helfer oder einer Chor-Helferin betreut. Die Leitung der Gemeine oder eines Chores war keine abgehobene Stellung.
Man blieb stets „Bruder unter Brüdern“ bzw. „Schwester unter Schwestern“. Das kommt auch in den Bezeichnungen „Helfer“, „Diener“ oder „Arbeiter“ zum Ausdruck.
Die einzelnen Chöre führten früher ein weitestgehend in sich geschlossenes Leben. Sie bildeten eine geistliche Gemeinschaft und einige Chöre auch eine selbständige wirtschaftliche Einheit.
So lebten, wohnten und arbeiteten die unverheirateten Männer und Frauen jeweils in eigenen Häusern: dem Brüderhaus und dem Schwesternhaus. Auch die Witwen lebten separat im Witwenhaus. Das Leben im Chorhaus war durch Arbeit und die täglichen Versammlungen geregelt. Die Brüder waren meistens Handwerker. Die Schwestern verdienten sich ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit Handarbeiten: Spinnen, Weben, Stricken, Sticken...
Bei den Herrnhutern war es über lange Zeit üblich, alle wichtigen Entscheidungen - insbesondere solche, deren Ausgang nicht vorhersehbar war – durch das Los zu treffen, in der Überzeugung, dass Gott auf diese Weise unmittelbar Einfluss nehmen kann.
Das Los wurde vor allem bei Personalentscheidungen zu Rate gezogen: Besetzung von Ämtern, Eheschließungen, Aussendung von Missionaren usw. Auch die in den Lebensläufen häufig erwähnte Aufnahme in die Gemeine und die erstmalige Zulassung zum Abendmahl wurden durch das Los entschieden.
Bei negativem Ausgang konnte in diesen Fällen aber in entsprechenden zeitlichen Abständen die Losbefragung mehrmals wiederholt werden. Deshalb mussten manche Brüder und Schwestern solange auf die Aufnahme bzw. das erste Abendmahl warten.
Die Wegweisung durch das Los spielte über lange Zeit auch für persönliche Entscheidungen eine wichtige Rolle. Man schlug sich selbst ein Los, indem man z. B. einen durch zufälliges Aufschlagen der Bibel erhaltenen Text entsprechend interpretierte. Eine große Bedeutung wurden auch die mit einem persönlichen Ereignis verbundenen Texte aus dem Losungsbuch der Brüdergemeine zugemessen. Diese in den Lebensläufen häufig erwähnten (Herrnhuter) Losungen gibt es auch heute noch. Sie werden seit 1731 ohne Unterbrechung heraus gegeben, inzwischen in Millionenauflage und in 50 Sprachen übersetzt.
Das Losungsbuch enthält für jeden Tag des Jahres ein ausgelostes Wort aus dem Alten Testament, ergänzt durch ein Wort aus dem Neuen Testament und einen Liedvers oder ein Gebet.
In den frühen Lebensläufen finden sich oft recht schwärmerische Bezeichnungen für Jesus: „mein bester Freund“, “Geliebter“, „Herzens-Bräutigam“, „mein Mann“. Das entspricht den Gepflogenheiten der damaligen Zeit, zeigt aber auch das innige Verhältnis zum Heiland.
Wenn vom „Heimgehen“ oder dem „Heimgang“ die Rede ist, so ist damit das Sterben gemeint, das für einen gläubigen Christen ja nicht das Ende bedeutet, sondern das Hinübergehen in Gottes Reich, die ewige Heimat.
Unsere liebe selig vollendete Schwester Catharina Margaretha Braunwaltin ward geboren in Neustadt an der Aisch, 1695, den 4. Mai, all wo ihr Herr Vater Superintendent gewesen. Nachdem ihr aber ihre Eltern frühzeitig mit Tode abgegangen, so begab sie sich gar bald in herrschaftliche Dienste als Kammerjungfer, und in ihrem letzten Dienst war sie bei der Generalfeldmarschallin von Seckendorff, 14 Jahre, woselbst sie wegen ihres treuen Herzens und Gemüts sehr geliebt wurde, und auf allen ihren Reisen beständig um sie sein musste. Anno 1732 wurde sie in Potsdam in einer Predigt vom Herrn Schubert erweckt, von da sie auch gleich Gelegenheit machte, sich außer Dienste zu begeben und in der Stille für sich zu sein. Indem sie aber von ihrer Herrschaft sehr geliebt war und sie sich gar nicht dazu verstehen wollten, sie von sich zu lassen, und durch allerhand Vorstellungen ihre gefasste Resolution aus ihrem Gemüt zu bringen suchten, bis sie 1738 in Wien wieder aufs Neue vom Heiland ergriffen wurde und abermals die feste Resolution fasste, sich durch keine Vorstellung mehr in Diensten aufhalten zu lassen.
Reiste auch bald darauf von Wien ab und kam nach Hirschberg zu Ihrer Frau Schwester, welche dazumal Hofverwaltern daselbst war. Nachdem sie aber mit etlichen Geschwistern von Ebersdorf bekannt wurde, so kam sie 1739 hierher zur Gemeine und wurde auch noch dieses Jahr ein Mitgenoss des Leichnams und Blutes Jesu. Anno 1743 kriegte sie Arbeit unter den ledigen Schwestern und Kindern. Da 1747 am Jungfernfest den 4. Mai das Matronen-Chor eingerichtet wurde, so kam sie nicht allein unter dasselbe, sondern weil ihr Blutbräutigam ihr ganzes Herz eingenommen, so gab er sie dem Chor zu ihrer Pflegerin, von welchem sie auch sehr zärtlich geliebt wurde und sich bei dem ganzen Chor jederzeit als ein respektables und liebenswürdiges Herz legitimiert hat. Sie war mit ihrem ewigen Blutbräutigam in einer geraden und zärtlichen Connection, dass sein Martertod und seine Wunden ihre Seele so eingenommen, dass der täglich und stündliche Umgang mit ihm in allen ihrem Tun und Lassen hervor leuchtete und man ihr ansehen und abfühlen konnte, dass ihr Blutbräutigam ihr Herz belebe und man ein Exempel eines in den Martermann verliebtes Jungfräulein an ihr sahe. Der 30. Mai wurde sie krank, bekam ein starkes hitziges Brustfieber, sagte auch gleich den ersten Tag, dass nunmehro die von ihr schon längst erwartete selige Stunde käme, da sie in ihres Bräutigams Herz verrauchen würde. Da sie auf Befragen ihrer lieben Arbeiterin, woran sie es denn so gewiss wüsste, antwortete: Der blutige Heiland ist mir eine Zeit her auf eine so unaussprechliche Weise nahe gewesen, dass ich es nicht aussprechen kann, was ich von ihm genieße und fühle. Er schwebt mir noch jetzt so blutig vor meinem Herzen und Gesicht, dass ich es kaum ausstehen könnte, wenn ich länger hier bleiben sollte. Er müsste mir es denn erst wieder so machen, dass ich gerne da bliebe. Es ist mir aber ganz ausgemacht in meinem Herzen, dass ich nun seine Wunden leibhaftig küssen gehe. Da sie denn auch den 5. dieses Monats früh um 3 Uhr von ihrem Bräutigam den letzten Kuss empfing und ihr Seelchen mit zu sich nahm, da sie unter einer seligen Liturgie, mit zärtlichem Gefühl und vielen Liebestränlein aller Anwesenden begleitet wurde, obzwar allezeit eine Freude entsteht, wenn eines heimgerufen wird, so wurden doch viele Tränlein von ganzen Chor vergossen indem sie eine treue Pflegemutter gewesen für jedes Herz, mit dem sie Umgang gehabt.
Ihr Sterbensleben hat sie gebracht bis in ihr 60. Jahr.
Unsere selige Schwester Barbara Margaretha Vollrathin, geborene Müllerin, hat von ihrem Gang durch diese Zeit selbst folgendes hinterlassen:
Ich bin geboren den 27. Januar 1712 zu Jena. Meine lieben Eltern, welche erweckt waren, suchten mich nach ihrer Erkenntnis für den lieben Gott zu erziehen. Ich fühlte auch öfters eine Unruhe in meinem Herzen und hatte die Überzeugung, dass ich nicht auf dem rechten Wege zur Seligkeit wäre, wusste aber nicht, wo es mir eigentlich fehlte und was ich tun sollte, um die wahre Ruhe des Herzens zu erlangen. 1733 den 18. Januar heiratete ich meinen lieben Mann Bernhard Ehrenfried Vollrath, zog mit demselben erst nach Schmölla, von da nach Hirschberg und 1740 hierher nach Ebersdorf zur Gemeine, wo ich dasjenige fand, wonach sich mein Herz sehnte und wofür ich Ihm mit vielen Tränen dankte.
Im Juli dieses Jahres erhielten wir die Gnade, mit der Gemeine das erste Mal zum Heiligen Abendmahl zu gehen. Dieses gab mir einen neuen Eindruck und die Zuversicht, dass der liebe Heiland uns durch alle Schwierigkeiten helfen würde, welches ich in der Folge der Zeit gar oft erfahren, und dem lieben Heiland noch jetzt nicht genug dafür danken kann. Er hat alles wohl gemacht!
Unsere Ehe hat der liebe Heiland mit elf Kindern gesegnet, davon noch ein Sohn (in unserer Gemeine) und eine Tochter (die Schwester Hoffmann in Harlem) sich am Leben befinden. Von letzterer habe ich fünf Enkelchen erlebt, wovon noch ein Sohn und ein Töchterlein am Leben, und gleichfalls beide hier in der Gemeine sind. 1778 den 28. April gefiel es dem lieben Heiland, meinen lieben Mann selig zu sich zu nehmen, worauf ich den 29.
Mai in den Chorbund der Witwen aufgenommen wurde, mit der schönen Losung: „Die Gläubigen behütete Herr. Dass sie durch keinen Riss, auf dieser seiner Erden von ihm getrennet werden!“
So schmerzlich mir dieser Vorfall war, so konnte ich doch nicht anders, als es aus der Hand meines guten und treuen Herrn und Heilandes anzunehmen, und mich ihm von neuem als meinem ewigen Mann, hingeben. Er hat sich auch als der Freund meiner Seele bisher an mir bewiesen, und mein Wunsch geht einzig und allein dahin, als eine wahre Witwe, die ihre Hoffnung auf Gott stellet, meinen Gang zu gehen, bis es ihm gefallen wird, mich in seinem Arm und Schoss selig zu vollenden, und mich das schauen zu lassen, was mein Herz hier geglaubt.
Soweit sie selbst.
Man kann von unserer seligen Schwester sagen, dass sie die Zeit ihres Witwenstandes als eine Einsame des Herrn, im Umgang mit dem Heiland, auf den sie ihre einzige Hoffnung stellte, selig verbracht hat. Nächst dem war ihr der Umgang und Gemeinschaft ihrer Chorschwestern ein wahres Vergnügen und diente ihr öfters zur Ermunterung. Sie kannte sich als eine wahre Sünderin und stellte sich immer als eine solche dar, die nichts aufzuweisen habe, als Christi Blut und Gerechtigkeit.
Den 3. Juli dieses Jahres zog sie ganz ins Witwenhaus. Sie war ihre Hütte nach zwar schon immer schwächlich, kriegte aber schon zu Ende vorigen Jahres noch einem bedenklichen Zufall am Backen, welcher sich immer verschlimmerte und endlich zu einem incourablen Schaden wurde. Sie selbst sah diesen Zufall gleich an, als eine Gelegenheit zu ihrer seligen Vollendung, welcher sie mit inniger Freude und großem Verlangen entgegen eilte und sich in der Stille vom Heiland dazu zubereiten ließ. Sie hatte Tag und Nacht unbeschreibliche Schmerzen auszustehen, und bewies bei diesen Umständen eine exemplarische Geduld.
Sie sagte öfters: Ach, ich habe noch viel mehr verdient, der liebe Heiland wird mir aber gewiss nicht mehr auflegen, als ich tragen kann, sein Herz ist ja viel zu treu gegen mich. Er lasse mir nur den Trost aus seinem Tod ja niemals entfallen, dies ist meine Bitte an ihn. Und so sah man mit Erbarmung und Vergnügen, wie kindlich, wie trostvoll und zuversichtlich sie sich bei diesen schweren Umständen von Krankheit an den Heiland gehalten. Sie bezeugte auch sonderlich ihre große Dankbarkeit dafür, dass sie ganz unter ihren Chorschwestern wohne und sagte: dass es ihr beim Auszug aus ihrem Hause zwar nicht so gewesen, nun sehe sie aber, wie gut es der Heiland auch darin mit ihr gemeint, dass sie nun so ungestört ihre Tage verbringen könne. Sie sehnte sich unbeschreiblich nach ihrer Auflösung und freute sich öfters wie ein Kind, dass sie beim lieben Heiland ihren seligen Mann und so viele ihrer Kinder finden werde. Und die noch lebenden empfahl sie dem lieben Heiland zur ewigen Bewahrung mit recht mütterlichem Herzen. Den 31. Oktober, früh, wurde man eine große Veränderung an ihr gewahr. Als man ihr dieses sagte, freute sie sich ungemein und sagte: es kann vielleicht vor nachts leicht anders werden, als es am frühen Morgen war.
Sie hat wohl ihren so nahen Heimgang, welchen ein schleichendes Fieber des Nachts noch beförderte, noch nicht so bald vermutet. Sie war aber den ganzen Tag ausnehmend vergnügt. Ach, sagte sie, wer seinen Hochzeitstag schon vor sich sieht, der ist um anderes Land nicht mehr bemüht. Mit ihrem Sohne machte sie gegen 5 Uhr einen recht zärtlichen Abschied, empfahl ihm recht angelegentlich, nebst ihren übrigen Kindern, beim Heiland zu bleiben. Der habe sie auch durch ihre ganze Lebenszeit an seiner Hand geleitet und geführt. Nach 6 Uhr abends trat, ihr und uns unvermutet, der von ihr so sehnlich erwartete Moment ihrer Auflösung ein. Es wurde ihr eine Liturgie gehalten, und der Segen der Gemeine und ihres Chors erteilt, unter einem unbeschreiblichen Gefühl des Friedens Gottes, unter welchem ihre Seele sanft und selig in die Arme ihres Heilandes überging, ihres Alters 69 Jahre und 9 Monate.
Unsere selige Schwester Anna Maria Sellin, geborene Hohin, ward geboren anno 1716 den 7. Oktober in Helmsgrün, woselbst ihr Vater ein Bauer war. Anno 1740 verheiratete sie sich mit Johann Erhard Sell, damaliger herrschaftlicher Kutscher allhier, und kam demnach hierher nach Ebersdorf. Ihre Ehe wurde von Gott mit sechs Kindern gesegnet, davon noch zwei am Leben. Auch hatte sie die Freude, sieben Enkelkinder zu sehen. Sie hatte sich in ihrem Ehestande an hiesige Gemeine angeschlossen und die Versammlungen besucht, wurde auch auf ihr Verlangen ein Mitglied am Leibe und Blute des Herrn im Heiligen Abendmahl.
Anno 1784 im Juli wurde sie Witwe, und blieb, wegen ihrer äußeren Umstände, bei ihren Kindern. Deren Verpflegung sie auch genoss. Die ersten Jahre besuchte sie dann und wann im Witwenhaus, wohnte auch gerne den Gemein-Versammlungen bei, soviel es ihre Umstände erlaubten. Die letzten Jahre aber machten Kränklichkeit und zunehmende Altersschwäche ihr dieses unmöglich, indes gereichte es ihr zu großem Vergnügen, wenn sie zuweilen von einer Schwester besucht wurde, welches vor wenig Wochen auch von ihren Arbeiterinnen geschehen, denen sie bezeugte, dass sie sehr nach ihrer Auflösung verlange, und als eine recht arme Sünderin vor dem Heiland erscheinen werde. Eine besondere Stärkung und Erquickung war ihr, wenn sie mit dem Heiligen Abendmahl bedient wurde. Dieses große Gut, nach dem sie sehr verlangte, wurde ihr den 30. Juli zum letzten Mal gereicht, und sie genoss dasselbe mit hungriger und durstiger Seele.
Den 31. August gegen Abend traf es sich von ungefähr, dass eine Witwe sie besuchen wollte, welche sie eben schon halb im Verscheiden traf. Die Kranke bezeugte noch ausnehmend große Freude, und lallte mit gebrochener Stimme noch in die Verse, die ihr gesungen wurden. Und so verschied sie abends in der achten Stunde. Ihr Alter hat sie gebracht auf 81 Jahre weniger 5 Wochen.
Personalia des in Ebersdorf am 3. März 1784 selig entschlafenden verheirateten Bruders Benjamin David Kirchhof.
Alter 68 Jahre, weniger 17 Tage. September den 6. März
Er hat selbst folgendes aufgesetzt:
Ich bin geboren den 20. März 1716 in Polen in der Stadt Kunzkolie. Den 8. Tag nach meiner Geburt empfing ich die Beschneidung und den Namen Benjamin. Im fünften Jahr meines Alters zogen meine Eltern in die Stadt Petercau, allwo das Tribunal ist. Nachdem ich 13 Jahre alt war, wurde ich in die Judengemeine aufgenommen und bekam die zehn Gebote. In meinem 14. Jahr sollte ich verheiratet werden, da ich aber keine Lust dazu hatte, so ging ich, als mein Vater nicht zu Hause war, heimlich davon in eine andere Stadt, allwo ich mein Brot mit Unterrichtung der Kinder verdiente. In meinem 15. Jahr kam ich nach Danzig zu einem Juden, wo ich die Kaufmannschaft lernte, begab mich aber das Jahr drauf von da wieder weg und ging nach Potolien, wo ich bei einem sehr reichen Juden Schreiber wurde. Weil ich aber da nicht viel lernen konnte, so machte ich mich noch in demselben Jahr wieder auf und reiste in mein Vaterland. In Cracau traf ich welche von meinen Freunden an, die mich in Liebe aufnahmen. Meines Bleibens war aber auch da nicht, ich reiste dann so herum, und wusste nicht, was ich machen sollte. Zu meinem Vater wollte ich nicht wieder gehen, denn meine Sinne und Gedanken standen nach Deutschland.
Weil aber der Winter einfiel, so begab ich mich auf ein Dorf zu einem Pächter, und unterrichtete dessen Kinder. Wie ich etliche Tage daselbst war, so fragten sie mich nach meiner Familie. Ich wollte mich zwar nicht zu erkennen geben, sie ließen mir aber keine Ruhe, bis ich es endlich sagen musste, worauf sie erwiderten: Ihr seid also unser naher Vetter. Euer Vater und unsere Mutter sind leibliche Geschwister. Da war ich also verraten. Es währte auch nicht lange, so kam mein Vater und wollte mich abholen. Zu meinem Glück aber war ich nicht zu Hause, sondern in eine nicht weit davon gelegene Stadt gegangen.
Als ich wieder auf dem Heimweg war, begegnete mir mein Vater, und sagte mir, dass ich wieder mit ihm nach Hause sollte. Ich sagte: Ja, ich will aber erst meine Sachen bei meinem Herrn holen, dann will ich in die Stadt zu ihm kommen. Dieses glaubte er mir. Wie ich aber nach Hause kam, so nahm ich etwas von meiner Wäsche, machte mich von da weg, und entging also meinem Vater wieder. Ich begab mich zu einem anderen Herrn, nahe bei Schlesien, wo ich ein Jahr blieb. Anno 1735 begab ich mich nach Schlesien zu einem Kaufmann, woselbst ich auch ein Jahr blieb. Anno 1736 reiste ich nach Deutschland, Holland, Dänemark, Schweden, und von da wieder zurück nach Berlin, wo ich mich eine Meile von der Stadt zu einem Oberamtmann begab, und das Branntweinbrennen daselbst erlernte. Nachdem ich ein halbes Jahr daselbst war, so kam ich nach Steinhepel, 3 Meilen von Frankfurt an der Oder zu einer Witwe, wo ich das Branntwein-Brauen fortsetzte und den Sommer über da blieb.
Von da aus ging ich nach Breslau, wo ich einer Witwe ein neues Branntwein-Brauhaus anlegte. Weil ich aber mit derselben nicht übereinstimmen konnte, so geriet ich in einen Prozess mit ihr. Zu der Zeit kam mein Vetter aus Polen zu mir, welchen ich nach Sachsen und zwar nach Drehne zu dem seligen Grafen Balthasar von Promnitz schickte, bis ich meine Sachen zustande gebracht hatte. Sodann ging ich auch dahin, und nachdem wir eine Zeit lang beisammen waren, so vertraute er mir, warum er von Hause weggegangen sei, und sagte: Ich war Bräutigam, und wurde sehr krank. Da erschien mir Jesus im Traum und sagte: Wenn du nicht an mich glaubst, so gehst du verloren. Darauf schrie ich mit lauter Stimme: Jesus, du Sohn Davids, erbarme Dich mein!
Ich bin verloren. Dieses hörte mein Vater, erschrak darüber und wollte mich mit einem Schermesser umbringen. Weil es aber bei Tage und mehr Juden da waren, so hielten sie ihn davon ab, und sagten: er sollte das nicht tun. Wenn es heraus käme, so würden sie alle verjagt, und ich müsste auch sterben. Man sollte mich liegen lassen, ein böser Geist sei über mich gekommen. Wenn ich wieder gesund würde, so wollten sie mich wegschaffen, und mein Vetter beschloss aber in seinem Herzen, sobald er wieder gesund würde, sich fort zu machen.
Diese Erzählung rührte mein Herz, und erregte in mir das Nachdenken, ob es wahr sei oder nicht. Ich wurde sehr unruhig in meinem Herzen, konnte mich aber nicht entschließen, mich taufen zu lassen. Da ich die Verdorbenheit der Christen sah, dass sie nicht besser, ja oft noch schlechter als die Juden sind. Anno 1737 beredete ich meinen Vetter, noch einmal mit mir auf der Juden Ostern zu reisen. Wir gingen dann auch miteinander hin.
Den ersten Feiertag gingen wir in die Schule, da wurden die Juden schlüssig, meinen Vetter von der Gemeine auszuschließen, welches auch geschah, weil sie merkten, dass er etwas anderes suchte. Von mir aber wussten sie nicht, dass ich auch mit dergleichen Gedanken umging. Sobald Ostern vorbei war, gingen wir wieder nach Hause. Mein Vetter entschloss sich, sich taufen zu lassen, und ging von mir ab nach Lieben zum General-Superintendenten, wo er sich zur Taufe meldete. Ich war deswegen nicht mit ihm zufrieden, meine Unruhe aber wurde immer größer, daher ich mich entschloss, unter die Soldaten zu gehen, da just die sächsischen Soldaten zum Türkenkrieg nach Ungarn gingen, um damit die Unruhe meines Herzens zu vertreiben. Ich war kaum 14 Tage mitgegangen, so wurde ich Fourier bei einer Kompanie, deren Hauptmann katholisch war, und mir sehr oft zuredete, dass ich mich sollte taufen lassen. Ich wollte aber nicht. Wie wir nach Pest in Ungarn kamen, wurde ich sehr krank und weil meine Kompanie nicht auf mich warten konnte, so blieb ich allda liegen und mir wurde klar, dass ich nicht wieder mitgehen sollte. Ich bat den lieben Gott, dass er mich wieder gesund machen und nach Sachsen bringen sollte, da wollte ich mich gewiss bekehren. - Soweit sein eigener Aufsatz.
Er kam glücklich wieder aus Ungarn nach Deutschland, vergaß aber sein Versprechen, sich zu bekehren, und begab sich in eine Mühle, das Mahlen zu lernen. Dann wieder zu einem Herrn als Koch, und darauf bald hier bald da in Branntwein-Brennereien, bis endlich die Unruhe seines Herzens so groß wurde, dass er resolvierte, sich taufen zu lassen, welches dann auch anno 1739 am 8. Januar in Leipzig geschah, wobei er die Namen Friedrich Benedictus bekam. Seine Paten fanden vor gut, ihn studieren zu lassen, und weil er nun Bücher und sonderlich eine griechische Bibel haben musste, so sagte ihm ein Jude, das am schwarzen Brett eine solche Bibel zum Verkauf angeschrieben wäre. Er wollte ihn in das Haus bringen, wo sie zu haben wäre. Er ging mit hin, und es waren die 2 Brüder von Marschall und Fritsche, die die Bibel hatten. Weil diese nun gestern bei seiner Taufe gewesen waren, so gratulierten sie ihm dazu, mit dem Wunsch, dass er das Blut Christi, mit welchem er getauft worden, lebendig an seinem Herzen erfahren möchte. Das ging ihm durchs Herz und er dachte, das hat mir noch niemand so gesagt, das müssen andere Leute sein. Er bat sich aus, sie morgen wieder zu besuchen, und als er hinkam, redeten sie vieles vom Heiland mit ihm, und dass ihm die Taufe allein nicht helfen würde, wenn er sich nicht von ganzem Herzen bekehrte. Seine Paten sagten ihm auch, dass er sich ein paar fromme Studenten zur Information aussuchen sollte. Er begab sich danach zu den benannten Brüdern in die Information, und kam in genaue Bekanntschaft mit ihnen, ohne zu wissen, dass eine Brüdergemeine in der Welt sei, wovon sie ihm auch nichts sagten, bis ein Bruder von Herrnhut dahin kam. Dieser erzählte ihm, dass daselbst lauter solche Leute wohnten, da es ihm dann gleich in seinem Herzen ausgemacht war: zu dem Volke gehöre ich. Er reiste darauf mit dem Bruder von Marschall nach Herrnhut, kam am 28. März 1739 daselbst an, kriegte bald Erlaubnis zur Dableiben, wurde den 15. Oktober 1740 in die Gemeine aufgenommen und gelangte am 21. Januar 1741 zum erstmaligen Genuss des Leibes und Blutes Jesu im Heiligen Abendmahl. Der liebe Heiland ließ ihn sein tiefes Elend und Verderben gründlich fühlen, aber auch den Trost aus Seinen Wunden. Er wurde ein Kind der Gnade und genoss viele Segen im Brüder-Chor, davon er oft nicht genug zu erzählen wusste. Anno 1742 kam er nach Marienborn, diente daselbst in der Ökonomie und war Hausdiener bei den ledigen Brüdern, wohnte auch anno 1743 dem Synodo in Schlesien bei.
