Ecrinautik - The Real Ash - E-Book

Ecrinautik E-Book

The Real Ash

0,0
2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Ecrinautik" bedeutet das Eintauchen in das Unbekannte, jener Moment, wie es heißt, als beispielsweise Sigmund Freud "das Meer sah" oder Jorge Luis Borges den Himmel, der einer unendlichen Bibliothek gleicht. Die hier versammelten Erzählungen zeigen die Tauchfahrten eines Suchenden in der Schrift, die bekanntlich vor der Sprache existierte. Sie stammen aus der Zeit um das Jahr 2012, als die Welt untergehen sollte, ausgegraben ins Heute, nachdem die Welt untergegangen ist. Das Epos des vergessenen Dichters Walle Hendrickson über das sagenumwobene Land Xanta und des Kampfes zwischen der Amazone Anthis gegen ihren Widersacher Zython, das mehrere der enthaltenen Geschichten umspannt, ist hier sowohl Brücke, wie auch Fragment, und zeigt das Bild eines Menschen, der längst gestorben ist, an jenem äußersten Horizont dessen, was er und sein Leben hätte sein können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 87

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



"Ecrinautik" bedeutet das Eintauchen in das Unbekannte, jener Moment, wie es heißt, als beispielsweise Sigmund Freud "das Meer sah" oder Jorge Luis Borges den Himmel, der einer unendlichen Bibliothek gleicht. Die hier versammelten Erzählungen zeigen die Tauchfahrten eines Suchenden in der Schrift, die bekanntlich vor der Sprache existierte. Sie stammen aus der Zeit um das Jahr 2012, als die Welt untergehen sollte, ausgegraben ins Heute, nachdem die Welt untergegangen ist.

Das Epos des vergessenen Dichters Walle Hendrickson über das sagenumwobene Land Xanta und des Kampfes zwischen der Amazone Anthis gegen ihren Widersacher Zython, das mehrere der enthaltenen Geschichten umspannt, ist hier sowohl Brücke, wie auch Fragment, und zeigt das Bild eines Menschen, der längst gestorben ist, an jenem äußersten Horizont dessen, was er und sein Leben hätte sein können.

Theophrast Ricardus Asher wurde 1666 geboren und geistert weiterhin durch die Untiefen des Internets und der sozialen Medien (Instagram: @ashapproved). Sein Roman "Levana - Göttin des Todes" wurde bisher nicht für das Fernsehen verfilmt, harrt aber einer Besprechung in seinen Filmtagebüchern.

© 2021 B. (A.) S.

Bildtafeln von: papercuttales / marc geiger & thomas wilsdorf / nimbul in association with milkweed

Covermotiv: ninvé / city at the bloodsea

Titelmotiv: alteraFabula / in union we stand

© Marc Geiger / [email protected] und

Thomas Wilsdorf / [email protected] / image-of-you.de

Bonustexte ebenfalls mit freundlicher Genehmigung der beiden

Autoren, die Rechte verbleiben jeweils bei den Autoren.

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN

Hardcover: ISBN 978-3-347-30498-7

Paperback: ISBN 978-3-347-30497-0

e-Book: ISBN 978-3-347-30499-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

“Es ist gar keine Frage, auch wenn sie das Gegenteil behaupten, aus einem Mangel an Verständnis, dass die Schrift vor der Sprache existiert hat, es ist vielmehr die Tatsache, dass die Schrift der Natur die erste Erfahrung ist, die wir machen. Alle.”

Walle Hendrickson

“An welchen Orten Hendrickson gesucht hat, wo das Zusammenleben möglich ist, aus seiner Erfahrung und eigenen Biographie, wird wohl ewig ein Mysterium bleiben – nur im Fragment erfahrbar. Das Fragment ist letztlich die Präsenz selbst, immer schon vergangen.”

N. D. Sindberg

“Für Christian, der David Lynch, Jorge Luis Borges, Derek Walcott, Franz Kafka und H.G. Wells liebt – es aber nicht zugibt ;-)”

The Real Ash

Das afrikanische Klavier

Bei meiner letzten Exkursion nach Afrika bin ich auf eine seltsame Tradition gestoßen, die überwiegend von europäischen Müttern ausgeführt wird. Diese schicken ihre adoleszenten Töchter in unbekannte Gebiete, wo sie kleine Konzerte organisieren, die ihre Heranwachsenden für den Ernst des Lebens vorbereiten sollen.

Ich habe eines dieser Konzerte miterlebt. Es war irgendwo in der afrikanischen Savanne, wo ein schon etwas aus den Jahren gekommenes Töchterchen – sie muss im dreißigsten Lebensjahr gewesen sein – noch immer Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven mit zitternden Händen vor einer weitgehend unsichtbaren Zuhörerschaft in einem extra dafür konstruierten Konzertsaal intonierte. Ihre Mutter hatte mich persönlich zu der Veranstaltung eingeladen, während ich unter einem Affenbrotbaum Rast machte und einem Gnu meinen letzten Strauch Kohlrabiblätter verfütterte. Da ich sonst nichts Besseres zu tun hatte und mich einsam fühlte, hatte ich die Einladung angenommen.

Während ich also in diesem fast leeren und seltsam rhombisch konstruierten Konzertsaal saß, in dem diese von Grund auf wunderschöne junge Frau mit zitternden Händen und eigentlich völlig unprofessionell vor einem Klavier saß und Blut und Wasser schwitzte, um ihrer Mutter, sowie der Gesellschaft, etwas zu beweisen, fällte ich einen Entschluss. Ich ging zu den Klängen Mozarts vor die Tür, sattelte mein Kamel und stolzierte in den Konzertsaal. Das schöne Mädchen lächelte mich an, ich lächelte zurück und sogar die Mutter schien zumindest überrascht.

„Einmal Prinzessin sein. Was sagst du?“ fragte ich sie und bot ihr meine Hand.

Sie nahm meine Hand, stieg zu mir empor und wir machten uns davon. Ich glaubte damals, dass es die einzige Möglichkeit für sie war, aus diesem eher abendländischen Zwang zu entkommen, vom Weißen Ritter gerettet zu werden. Auch wenn ich ihr nicht gleich sagte, dass ich mich in sie verliebt hatte, konnte ich nicht lange lügen. Sie war einfach eine wunderbare Frau. Ihr beruhigender Gesang gab mir die Portion Mut, die fordernde Reise zu bestehen, während wir durch die Steppen und Wüsten ritten, die Sonne im Nacken und den Klang der Seele im Herzen. Keine verstand es besser als meine Liebste, mit vergessenen Blues-Klassikern die heiße afrikanische Luft wenigstens ein bisschen abzukühlen. Manchmal war auch das ein oder andere Lied eines vergessenen Romantikers dabei, der davon sprach, nach Hause zu gehen. Aber nur manchmal.

weird messenger of monochromatic death

Die Gedanken des toten Clowns

Die Rolle des toten Clowns am Ende von Walle Hendricksons Epos beschäftigte die Forscher seit dem mysteriösen Tod des Schriftstellers. Auch mich hatte diese Figur von Anfang an interessiert. Ich konnte nur nicht sagen, weshalb Hendrickson den Clown als Symbol von Leben und Tod gewählt hatte. Sicher, es hing mit dem Theater zusammen und ganz sicher hing es mit seinem Verständnis von Schrift zusammen. Doch es gab keinen Anhaltspunkt, der erklärt hätte, auf wen oder was der Clown nun historisch verwies.

Nachdem ich die Fernseharchive nach jeglicher Art von Clowns untersucht hatte, gab ich auf. Doch ich konnte mir nicht helfen. Noch immer beschäftigte mich diese Figur, die ja zugleich tot und lebendig war, ganz ähnlich zu Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei. Doch bei Hendrickson war der Clou eben nicht, dass er sich ironisch gegen den damals aufkeimenden Atheismus gewandt hatte, nein, dies allein genügte dem Autor nicht, Hendrickson verwendete den toten Clown als Paradox, das sich jenseits der Realität abspielte. Wie man wusste, hatte Hendrickson, obwohl er ein sportlicher junger Mann war, enorme Probleme mit seinem Körper. Wenn man Fotos von ihm sah oder in Fernsehinterviews eine Ahnung von dem realen Menschen bekam, musste man denken, dass mit ihm alles stimmte. Doch dem war nicht so. Nach seinen Selbstbeschreibungen aus den Tagebüchern war er ein durchweg depressiver Charakter, der trotz oder gerade wegen seiner sportlichen Extremleistungen (man denke an das Tiefseefischen) ständig am Rande des Selbstmords stand. Vielleicht, könnte man sagen, war dies auch der Grund für seinen mysteriösen Tod, Recht hätte man damit aber nicht gehabt, da Hendrickson die meisten von ihm ausgeübten Sportarten immer unbeschadet und ohne nur den kleinsten Unfall ausgeübt hatte. Und das seit seiner frühen Kindheit. Er war durchwegs ein Mann des Wassers und wenn man las, was in seinem Buch beschrieben wurde, so konnte man nicht anders, als festzustellen, dass er sich im Wasser wohler gefühlt haben musste, als auf dem Festland. Ebenso verhielt es sich aber mit dem Element der Luft. Es wäre reiner Hohn gewesen, bei ihm von Flugangst zu sprechen, da er passionierter Gleitschirmflieger war, eine der Sportarten, für die Xanta aufgrund ihrer sonnigen und weitläufigen Bergketten besonders für Touristen beliebt war.

Wenn wir auf die zuvor angedeuteten Angstzustände um seinen Körper zurückkommen, müssen wir sowohl aus Hendricksons Buch als auch aus seinen Tagebüchern schließen, dass er als Gegenmittel für seine diffusen Ängste die Elemente des Wassers oder der Luft gewählt hatte, um sprichwörtlich innerlich nicht festen Boden unter sich haben zu müssen, dem er seit jeher misstrauisch gegenüberstand. „Hier fühle ich mich mit allem verbunden, weiß, dass ich nicht allein bin, ohne Angst vor der Zukunft, völlig frei,“ heißt es im Tagebuch XXI.

Ich hatte schon daran gedacht, dass sich Hendrickson selbst als diesen fröhlich-traurigen Clown betrachtete und lag mit dieser Deutung wohl nicht ganz falsch. Jedenfalls hatte meine Untersuchung hierzu mein wissenschaftliches Resumée durchaus gefestigt und brachte mir eine feste Stelle für die nächsten zwei Jahre ein. Im Grunde hatte ich mit der postdekonstruktivistischen Interpretation meine fakultären Lorbeeren erst verdient. Trotz alledem scheint mir, dass es zwar eine gut durchstrukturierte Arbeit war, das stand auch gar nicht zur Debatte, im tiefsten und innersten Kern von Hendricksons Buch und dem, was man sonst über ihn wusste, schienen mir meine Hypothesen aber ganz und gar falsch zu sein. Ich hatte nichts verstanden. Es war alles genauso falsch und richtig, wie wenn ein Psychiater die Glaubhaftigkeit eines Selbstmordattentäters erklärt, oder ein Pädagoge den Einfluss von Killerspielen auf Adoleszente.

Freilich bewegte ich mich hier auf unseriösem Boden, musste aber doch versuchen, denn das war mein wissenschaftlicher Ausgangspunkt, hinter die Spiegel zu treten und zu erkennen versuchen, dass in Hendricksons Buch einzig und allein das Feld der Kultur sowohl Gegenstand der Untersuchung wie auch blinder Fleck derselben war. Auf der anderen Seite stand ebenfalls die Tatsache, dass bei Hendrickson das Subjekt des Autors mit dem Objekt von Xanta vertauscht wurde und somit ein komisches Mischwesen zwischen Gesetz und Anarchie entstanden war, zwischen Freiheit und Gefangenschaft.

Vielleicht musste ich auch diese verflixte Figur des toten Clowns als eben dieses Paradox sehen, das Hendrickson zeigen wollte. Ich war mir jedoch nicht sicher, ob ich damit wieder nicht zu kurz gegriffen hätte. Das Mysterium des Buches war nämlich nicht die Familiengeschichte, die zwischen den Protagonisten erzählt wurde, nicht die Dystopie einer Gesellschaft, die vor uns abgespult wurde, sondern – ich glaube – mehr und mehr das Porträt eines Denkens, das völlig vom Menschen abgelöst war, ja, überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte. Das war natürlich harter Tobak und wie das genau zu beweisen war, das würde sich erst zeigen, wenn ich Xanta selbst besucht hätte, wie ich damals hoffte. Der tote Clown wäre vielleicht gerade dieser springende Punkt, der uns beim Karaoke – eine der Lieblingsbeschäftigungen auf Xanta – den Weg wies, ohne dass wir ihn verfolgen hätten können: die Simulation der Simulation, das Literarischwerden des Nichtliterarischen. Ein Ergebnis ohne Ernsthaftigkeit, ein Spaß, der nicht lustig war, ein manchmal schönes Spiel, doch meist ein Spiel rein mit unserem Begehren.

Vielleicht, dachte ich, während ich aus der Bibliothek herausging, war der tote Clown auch nur eine Verschiebung von Hendrickson, ein Code, der gar nicht für einen Clown stand, sondern vielmehr zwischen den Zeilen seines Buches auf etwas anderes verwies. Doch auf was? Denn einer Tatsache war ich mir sicher: im tiefsten Abgrund meines Herzens, wie auch meines Hirns, verwies der tote Clown auf eine reale, aber abwesende Person. Ich musste Hendricksons nationales Epos also gleich noch einmal lesen, dachte ich, denn zurück nach Xanta wollte ich aus bekannten Gründen nun wirklich nicht.

she rides…

Der Friedhof der ungeschriebenen Bücher