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Eduard F. Pulvermann, 1882 in Hamburg geboren, war ein international tätiger Kaufmann und der Gründer des Deutschen Springderbys. Er wurde ein Opfer des Nationalsozialismus. Sein Leben lässt sich ohne Kenntnis seiner Familiengeschichte und der Zeitenläufe der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ebenso wenig verstehen, wie sein leidvolles Sterben 1944. Im vorliegenden Buch kommt der Kaufmann Eduard F. Pulvermann selbst zu Wort und gibt der von seinem Großvater gegründeten Im- und Exportfirma den ihr gebührenden Platz in der hamburgischen Wirtschaftsgeschichte. Eduard F. Pulvermann hat "Was ich über Markt und Co. weiß" 1943 in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg geschrieben. Die Hintergründe für die Anklage wegen eines angeblichen Devisenvergehens und den vorausgegangenen Prozeß wegen "Heimtücke" hat Joachim Winkelmann in seinem Buch Eduard F. Pulvermann 1882-1944. Geschichte eines Hamburger Kaufmanns und Reiters ausführlich beschrieben. Das Buch liegt bei BoD seit 2016 in zweiter, Auflage vor und ist die einzige quellenbasierte biographische Arbeit über Eduard F. Pulvermann. (Paperback, 180 Seiten. ISBN 978-3-8391-4124-3)
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2017
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John Markt und sein Schwager Gustav Vintschger gründen 1860 in New York das Handelsunter nehmen Markt & Co. 1873 etablierten sie eine Filiale in Hamburg.
Neues Adreßbuch für die freie und Hansestadt Hamburg für das Jahr 1877
Hamburger Adreßbuch 1940
Danksagung aus dem Badischen Tagblatt
Die Präsidenten von Markt & Co. Hamburg sind von 1882 bis 1944 Albert Pulvermann und seine Söhne John A. und Eduard F. Pulvermann.
Albert Pulvermann 1850 – 1912
John A. Pulvermann 1881 – 1939
Eduard F. Pulvermann 1882 – 1944
Einleitung
Teil 1
Was ich über Markt & Co. weiß — Firmengeschichte bis 1943, ergänzt bis 1953
Nachwort
Teil 2
Anmerkungen zu den Firmen, die Pulvermann als Geschäftspartner und Lieferanten nennt
Eduard F. Pulvermann wurde 1882 als Sohn des Kaufmanns Albert Pulvermann in Hamburg geboren. Wie sein ein Jahr älterer Bruder John, absolvierte er nach dem Besuch der privaten Bieber Schule und der Handelsschule eine kaufmännische Lehre in Hamburg, London, Paris und New York in dem Handelshaus Markt & Co., das sein mütterlicher Großvater John Markt in New York gegründet hatte. Die deutsche Filiale, Markt & Co. Hamburg, leitete seit 1880 sein Vater Albert Pulvermann.
Seit 1932 war Eduard F. Pulvermann als »President« Leiter von Markt & Co. Hamburg.
Am 7. März 1941 wurde er von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Schutzhaft genommen und vom Hamburger Sondergericht wegen »Heimtücke« verurteilt. Der anschließende Prozeß wegen eines angeblichen Devisenvergehens konnte nicht zu Ende geführt werden, weil Pulvermann an den Folgen der dreijährigen Haft, die letzten sechs Monate im KZ-Lager Fuhlsbüttel, am 9. April 1944 im Haftkrankenhaus Langenhorn gestorben ist.
Der eigentliche Grund für die Verhaftung und die Strafverfahren waren seine väterlichen jüdischen Großeltern. Erste Zweifel am »arischen Charakter« der Firma Markt & Co. sind im Februar 1939 von der Industrie- und Handelskammer Hamburg geäußert worden.
Zur Lebens- und Leidensgeschichte siehe:
Joachim Winkelmann, Eduard F. Pulvermann 1882 – 1944. Geschichte eines Hamburger Kaufmanns und Reiters, zweite, gründlich überarbeitete und erweiterte Auflage, BoD Books on Demand: Norderstedt 2016, ISBN 978-3-8391-4124-3.
Die hier vorgelegten Erinnerungen hat Pulvermann während der Untersuchungshaft geschrieben. Bei der Abschrift des Manuskripts wurde Pulvermanns Rechtschreibung übernommen. Nur eindeutige Schreibfehler bzw. Fehlstellen wurden korrigiert bzw. ergänzt und in eckige Klammern [ ] gesetzt. Auch die Interpunktion wurde übernommen, resp. nur dort verändert, wo es zum Verständnis notwendig war.
Die Anmerkungen sind Kenntnisse, die der Herausgeber aus den Quellen erhalten hat, die im oben genannten Buch aufgeführt werden. Anmerkungen zu den Firmen und Geschäftspartnern, die Pulvermann erwähnt, sind überwiegend dem Internet entnommen. Sie sollen vor allem helfen, die Firmen- und Wirtschaftsgeschichten jener Zeit zu verstehen, ohne dem Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit zu genügen. Die Seitenangaben der Anmerkungen entsprechen den Seitenzahlen des Originalmanuskripts. *** bezeichnet Fehlstellen oder Namen im Manuskript, die nicht ergänzt werden konnten.
Nach Drucklegung dieses Buches wird das Manuskript zur dauerhaften Aufbewahrung an die Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv gegeben.
Joachim Winkelmann
Hamburg am 2. September 2016
SEITE 1 Niemals hat jemand sich die Zeit genommen etwas über die Entstehung und über die Entwicklung dieser Firma aufzuschreiben. Dabei handelt es sich hier um ein kaufmännisches Unternehmen, das durch Fleiß, Zähigkeit und Ausdauer sich aus kleinen Anfängen zu einer bedeutenden Exportfirma entwickelt hat, weit verbreitet über viele Erdteile.
Die dazu berufen gewesen wären, sind seit langem verstorben, nämlich der Gründer, mein Grossvater mütterlicherseits John Markt, seine Nachfolger Gustav Vintschger, der Bruder meiner Grossmutter Markt, und mein Vater Albert Pulvermann.
Aber auch deren Mitarbeiter, sowie die ersten Leiter der ersten Niederlassungen in Europa sind längst nicht mehr am Leben. Die einzigen, die darüber noch erzählen können, sind mein Vetter Edward Vintschger in New York und ich, aber über die ersten 35 – 40 Jahre auch nur das, was wir in unserer Jugend aus den Erzählungen der älteren Generation noch erinnern. Das ist nicht allzu viel, denn für die Vergangenheit hat man als junger Mensch meistens keinerlei Interesse.
Bei Ausbruch des Krieges 1939 lebte noch in Edgeware, nördlich von London, der jüngste Sohn meines Grossvaters, Gustav, während des Krieges 1914 / 18 nahm er und seine Familie den Namen Marr an. Dieser dürfte noch am meisten wissen, trotzdem er bereits mit seinen Eltern und Geschwistern einige Jahre nach seiner Geburt nach Deutschland übersiedelte. Ich will sehr hoffen, dass ich ihn nach Beendigung dieses Krieges wiedersehen werde und er diesen Bericht vervollständigen kann.
Vorläufig will ich versuchen, alles das niederzuschreiben, was ich über unsere Firma gehört und selbst erlebt habe.
Das genaue Jahr ist unbekannt, fest steht aber, dass der Name zuerst Markt & Richards war. Wer Richards war, ist mir nie bekannt geworden, auch nicht ob diese Firma zuerst in Milwaukee war und dann nach New York übergesiedelt ist oder gleich in Hoboken gegründet wurde mit dem Sitz in New York.
Mein Grossvater Johann Xaver Markt ging nach Nord Amerika vermutlich 1850 und lebte die ersten Jahre in Milwaukee, wo er sich mit einer Tochter des Frhr. Eduard v. Vintschger verheiratete und seine ersten beiden Kinder Eduard und Anna (meine Mutter) auch geboren wurden, während Charles und der Nachzügler Gustav in Hoboken bei New York das Licht der Welt erblickten. Da meine Mutter am 15. Januar 1860 geboren wurde, muss er also 1860 in Milwaukee gelebt haben, als die SEITE 2 Firma bereits bestand.
In Milwaukee wie in der ganzen dortigen Gegend lebten damals hauptsächlich Deutsche. Es war die Zeit der grossen Auswanderung nach Amerika, um den Wirren der 1848er Jahre auszuweichen. Viele Bauernsöhne aus Schleswig-Holstein liessen sich dort als Farmer nieder im sogenannten »middle West«.
Es ist daher sehr gut möglich, dass mein Grossvater zuerst in der Hafenstadt Stadt New York, dem Eingangsthor der U. S. A., ein Büro aufmachte, selbst aber in Milwaukee lebte, wo das beste Feld seiner Verkaufstätigkeit lag; denn das Haus Markt war bis ungefähr 1876 ein Importhaus von Deutschen Eisenwaren. So weiss ich, dass grosse Mengen »Door Knobs«, Thürknöpfe nach Englischer Art, rund und oval, nicht Thürgriffe, und grosse Mengen Kukuks Uhren aus dem Schwarzwald verkauft wurden. Die letzte aus dieser Zeit hing noch in der Wohnung meiner Grossmutter in Baden-Baden und war mein ganzes Entzücken, wenn ich als Junge im Sommer zu Besuch dort weilte.
Als meine Grosseltern endgültig von Hoboken nach Hamburg und dann nach Baden-Baden zogen, um 1876 herum, hatten sie ihre Möbel mitgenommen, die übrigens alle aus Wien stammten.
Also vorläufig herrscht hierüber noch Dunkelheit, darüber etwas auszufinden wird schwer sein, denn Milwaukee war damals eine sehr junge Stadt, die heutige Millionenstadt Chicago wurde ja erst 1850 gegründet, und Akten über eingetragene Firmen werden aus der Zeit längst vernichtet sein.
Nach dem, was mein Vetter Eduard Vintschger aus findig gemacht hat, besteht die Firma Markt & Co. seit 1860, also muss Markt & Richards schon vorher bestanden haben, sodass das eigentliche Gründungsjahr um 1855 herum zu suchen sein wird. Büro und Lager waren in der Warren Street. Warren und Chambers Street waren und sind es bis zu einem gewissen Grade auch heute noch, diejenigen Strassen, in welchen alle Eisenwaren und Werkzeug Importeure und Vertreter, später auch die New Yorker Nieder lassungen Amerikanischer Fabriken dieser Branchen ihre Büros und Läger hatten. Beide Strassen münden in die West Street, von wo die Fährboote über den Hudson River nach New Jersey gehen und von dort die Eisenbahnen ins Innere. Viele Dampferlinien hatten ihre Piers an dieser Strasse, sowohl nach Boston als wie den Hudson hinauf nach Albany, sodass diese Strassen sehr günstig für den Warenverkehr lagen. Das war auch der Grund, dass der Hardware Club (Eisenwaren Club) seine Clubräume in einem Hause Ecke Warren Street und Broadway hatte. Hier trafen sich beim Lunch die prominenten Eisenwaren und Werkzeug Im- und Exporteure sowie die Fabrikanten.
SEITE 3 Von den Mitarbeitern meines Grossvaters habe ich noch einige gekannt. Der dicke Herr Arndt, der die Buchhalterei noch bis zu seinem Tode 1909(?) in New York hatte, dann Robert Volkmann, der aber nach Hamburg übersiedelte, um Bürochef in der Hamburger Filiale zu werden, die 1876 / 77 gegründet wurde. Dann den Lagermeister Bank, den ich noch 1905 kennen lernte, als ich zuerst nach New York kam, und Herr Lessing.
Der Bruder meiner Grossmutter muss um 1860 nach New York gekommen sein. Mein Grossvater liess ihn herüberkommen, er hatte in der bekannten Eisenhandlung von Schöller & Co. Wien gelernt und wollte in die freie Welt hinaus. Er war wohl 23 Jahre jünger wie sein Schwager. Er reiste für die Firma in den Neu-England Staaten und bis nach Chicago.
Mein Vater trat als Lehrling (Office boy) bei Markt & Co ein, etwas später, aber noch vor 1870, er war noch keine 20 Jahre alt.
Mein Vater war der erste, der das Exportgeschäft von Markt & Co. von New York aus nach Europa anfing. Die Amerikanischen Eisenwaren und Werkzeug Industrie hatte angefangen zu fabrizieren, hauptsächlich in den Neu-England Staaten, und brachten viele Neuigkeiten heraus, die völlig unbekannt in Europa waren.
Daraufhin wurde zuerst Markt & Co. London gegründet, und dann Hamburg. Mit einer grossen Mustersammlung, die der Lagermeister Bank zurecht machte und verpackte, es war das erste was er mir erzählte, als ich ihn kennen lernte, ging mein Vater nach England und dann nach Skandinavien, Portugal und Spanien, von Hamburg aus.
Mein Grossvater zog mit seiner Familie ganz nach Deutschland und zwar zunächst nach Hamburg, um in der neuen Zweigniederlassung mitzuarbeiten. Aber das Klima bekam ihm nicht und er zog sich ganz von den Geschäften zurück und siedelte nach Baden-Baden über in eine schöne Villa unterhalb der grossen Hanielschen Besitzung.
In New York übernahm sein Schwager, also mein Onkel Vintschger, Gi-Wi, wie er allgemein nach seiner Unterschrift »GV« genannt wurde, die Leitung. Das Importgeschäft übernahm Herr Lessing, der zur gleichen Zeit als »Office boy« eingetreten war. Das Importgeschäft wurde fortab als »quantité négligeable« behandelt, infolge der grossen Konkurrenz.
ANMERKUNGEN ZU DEN SEITEN 1 – 3
Johann Xaver Markt
* 1824 in Ried im Innkreis, † 1889 in Baden- Baden, wandert um 1850 aus Wien nach Milwaukee / Wisconsin aus.
1857 ist John Markt beim Milwaukee Country District als »book keeper« bei dem Juwelier A. B. van Cott registriert. 1860 ist er beim United States Census als »cigar dealer« mit Frau Louisa, geb. Vintschger, dem Sohn Charles und der Tochter Anna in Milwaukee gemeldet.
Ein Nachweis der Fa. Markt & Richards liegt nicht vor.
Das Gründungsdatum der Firma Markt & Co. wird in den 1920er Jahren auf Briefbögen von Markt & Co. mit 1860 angegeben, auf Briefbögen der Markt & Hammacher Company und Markt & Schaefer Co. mit 1864.
John Markt lebt 1873 / 74 mit der Familie in Wien.
Im Dezember 1874 ist er mit Frau und vier Kindern in Hamburg polizeilich gemeldet.
Die erste Firmenanschrift in Hamburg von Markt & Co., Manufactur & Commission ist in der Jordanstraße 4 in Hamm, später in der Catharinenstraße 22.
Albert Pulvermann
* 1850 in Ostrowo in der preußischen Provinz Posen, † 1912 in Hamburg. Als er nach einer kaufmännischen Lehre 1871 ab Stettin auf dem Motorsegler »Humboldt« des Baltischen Lloyd nach New York auswandert, ist er 21 Jahre alt.
1874 wird er US-amerikanischer Staatsbürger.
Ab 1875 sind zahlreiche Schiffspassagen zwischen New York, Southampton, Liverpool oder Hamburg dokumentiert; die letzte auf der »Kaiserin Auguste Victoria« der Hamburg-Amerika Linie (Hapag) 1911.
Gustav Vintschger
* 1847 in Wien, wandert 1867 nach Hoboken, New Jersey aus.
1873 erhält Gustav Vintschger vom United States Patent Office unter der Nummer 136.566 ein Patent für verbesserte Bildernägel, »Improvement in Picture-Nails«.
1880 berichtet die New York Times, dass Gustav Vintschger, »a junior member of Markt & Co.«, vom Deputy United States Marshall verhört wurde als Verantwortlicher der Fa. Markt & Co. 148 Centre Street, deren Senior John Markt zur Zeit in Deutschland lebt.
Markt & Co. hatte am Pier Fässer mit dem Ziel Havanna zum Verladen auf dem Dampfer »City of Washington« bereitgestellt, die als Teer deklariert waren. Eine Kontrolle zeigte jedoch, daß die Fässer Terpentin enthielten und es sich somit um »Gefahrgut« handelte.
Capt. Timmerman berichtet, daß bereits auf der letzten Fahrt aus einem »Teer«-Fass unter Deck Terpentin ausgelaufen sei. Er vermutete als Grund für die falsche Deklarierung den geringeren Zoll für Teer. Als Strafandrohung werden $ 2.000,– und 18 Monate Haft genannt. Über den Ausgang des Verfahrens wird nicht berichtet.
1914 ist Gustav Vintschger einer der Directoren der Irving National Bank.
Gustav Vintschger und sein Sohn Edward werden in Herringshaw’s Blue-book (a distinct cyclopedia of twenty thousand America’s best families) als »Capitalist« und »Millionaire« geführt.
SEITE→ Mit dem Exportgeschäft von Amerika nach Europa begann der grosse Aufstieg der Firma Markt & Co., nicht etwa in wenigen Jahren, sondern innerhalb von ca. 15 Jahren.
Onkel Vintschger und mein Vater ergänzten sich aufs allerbeste im Einkauf und Verkauf. Mein Onkel hatte sich im Jahre 1873 mit Caroline v. Diestler aus Wien verheiratet und lebte ebenso wie mein Grossvater in der Hudson Street in Hoboken, übrigens bis zu seinem Tode 193[?).
1882 (88) wurde Markt & Co. in eine Limited Company umgeändert, in welcher mein Onkel 60 % und mein Vater 40 % Anteile bekam, da das Leben in Amerika so viel teurer war. Auch mein Grossvater war noch beteiligt mit einer grösseren Barsumme, die zu 10 % verzinst werden musste. Erst als Charles und Gustav Markt ganz nach England übersiedelten mit ihrer Mutter und eine Fabrik von Elektrischen Schaltapparaten gründeten, wurde dieser Betrag ausbezahlt und zwar im Jahr 1898.
Dadurch schieden die Söhne des Gründers ganz aus ihrer väterlichen Firma aus, doch werde ich darauf noch näher eingehen
Die grossen Eisenwaren & Werkzeughändler in Europa nahmen diese neuen praktischen Qualitätswaren der Nord Amerikaner mit grösstem Interesse auf, befand sich doch die Welt damals in einem riesigen Aufschwung. Das Zeitalter der Maschinen war hereingebrochen und jede Neuigkeit und Verbesserung, vor allem in der Werkzeugbranche, wurde mit grösstem Interesse aufgenommen. Amerika brachte das Praktischste und an Qualität das Beste. Diese Führung hat Amerika bis heute behalten, wenngleich Deutsche, Englische und Schwedische Fabriken fast alles kopierten. So schnell ging aber damals das Kopieren noch nicht, das fing erst nach 1905 allmählich an. Auch nach Russland vor allem St. Petersburg und Moskau begab sich mein Vater, wo er die wichtigste Verbindung mit dem Hause St. Galli [richtig: San Galli] in Petersburg anbahnte und mit Brüggemann & Co in Moskau.
St. Galli stammten ursprünglich aus der Schweiz, über Preussen waren sie zur Zeit der Napoleonischen Kriege als Offiziere in Petersburg geblieben, um sich dort im Eisenhandel niederzulassen. Um 1900 besassen sie auch grosse Fabriken bei Petersburg. In dem bekannten Palais St. Galli in Petersburg hat mein Vater als Junggeselle viel getanzt, er erzählte gern von dieser Zeit.
SEITE→ Ich lernte einen jungen St. Galli nach dem Weltkriege kennen. Er besuchte uns in Hamburg. Er lebte als Emmigrant eine Zeitlang in Berlin und ging dann nach New York. Alles hatten sie durch die bolschewistische Revolution verloren.
Durch diese guten Verbindungen fasste Markt & Co. schon frühzeitig festen Fuss in Russland, das bis 1914 unser bester Abnehmer wurde. Lange Kredite, manchmal bis zu 6 Monate verlangten die Russen, aber der Verdienst war entsprechend hoch, auch hatten wir so gut wie keine Konkurrenz, und unbedeutende Verluste. Von Anfang an war das Hamburger Büro in der Catharinenstrasse No 21 (?), es ist im Hamburger Adressbuch von 1878 – 79 ab gut zu finden. Als Kind nahm unser Vater uns gelegentlich Sonntags Morgen ins Büro, um die Post schnell durchzusehen, die aus New York angekommen war. Das war in den Jahren 1886 – 1888.
Vor Hamburg war mein Vater bei Markt & Co London gewesen, doch ist er dort nicht allzulange geblieben. 1880 verheiratete er sich mit der Tochter des Gründers unseres Hauses.
Die Artikel, die London verkaufte, waren genau dieselben wie die, die am Kontinent verkauft wurden. Amerikanische Spezialitäten in der Haushaltungsbranche kamen auch noch hinzu. In einigen Ländern vor allem Russland und Skandinavien auch technische Artikel.
Das Geschäft in England war ein schwieriges, weil gewisse Amerikanische Fabrikanten gerne direkt arbeiteten, da sie ja dieselbe Sprache sprachen und gerne England besuchten, trotzdem die Amerikaner keineswegs solche Globetrotter waren, wie sie es später nach 1900 wurden. Zum mindestens störten SEITE→ sie das Geschäft durch direkte Korrespondenz mit unseren Abnehmern, denn Exportgeschäfte verstanden sie nicht.
Damals machte Markt & Co. in Europa nur sogenannte direkte Geschäfte auf eigene Rechnung, in keinem Lande wurden Lager unterhalten.
Die Abnehmer wurden besucht und an Hand von Katalogen und Mustern wurden Aufträge für direkte Verladung von den Fabriken in U. S. A. aufgenommen. Markt & Co. New York berechnete im eigenen Namen die Waren der verschiedenen Fabriken, die zu einer Sendung vereinigt an die einzelnen Kunden in den verschiedenen Ländern verladen wurden.
New York sammelte in seinem New Yorker Lager diese verschiedenen Anlieferungen der Fabriken, war damit also gleichzeitig Spediteur, und verfrachtete selbst nach Europa, wodurch auch an der Schiffsfracht verdient wurde. Durch größere Frachtabschlüsse mit den Schifffahrtslinien, vor allem mit der Hamburg-Amerika-Linie, wurden extra Jahresbonifikationen erreicht.
Noch bis 1910 spielte das Musterzimmer eine wichtige Rolle, denn die Kundschaft musste die Muster persönlich sehen, da ihnen die Amerikanischen Werkzeuge und andere Spezialitäten noch nicht so bekannt waren, als das sie sich mit Abbildungen begnügten. Wir hatten vollkommen komplette Musterausstellungen in London, Hamburg, später Berlin bei unserer Tochtergesellschaft Emil Gebel Co., sowie in allen Ländern, die durch unsere Reisenden besucht wurden.
Gustav Markt, der jüngste Sohn meines Grossvaters kam nach Genf in Pension, nachdem er die Schule in Baden-Baden beendet hatte, und dann zu Markt & Co. nach London, wo er bis zum Jahre 1897 tätig war. Er bekleidete die letzten Jahre einen Reiseposten, da er sich mit Herrn Hiller nicht gut verständigen konnte, der wahrscheinlich fürchtete, er würde ihn eines Tages verdrängen.
SEITE→ Der zweite Reisende in England war Herr Carl Scherer aus Hannover, ein Neffe des Hamburger Carl Scherer, ferner noch ein Mr. Wilmot und Mr. Allan, alle drei habe ich 1901 noch in London erlebt. Wenn Mr. Allan nach Schottland reiste, sandte er tagelang keine Berichte mehr, er war dann in seinem Heimatlande erstmal dem Scotch Whisky verfallen. Wilmot lebte noch bis einige Jahre nach dem Weltkriege, er hat ein hohes Alter erreicht. Er war Spezialist im Verkauf von Hickory Handles, die in grossen Mengen von den Schaufeln & Picken & Gabel Fabriken gekauft wurden, ebenso von solchen die Äxte und Hämmer herstellten. Das Amerikanische Hickory Holz ist sehr hart, viel besser wie Buche und eignet sich vorzüglich für Stiele, natürlich ist Hickory sehr viel teurer.
