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Beschreibung

Was hilft ehemaligen DDR-Heimkindern? - Fokus auf individuelle Bewältigung und gesellschaftliche Aufarbeitung - Interdisziplinäres Werk, bezieht auch medizinhistorische Forschung mit ein - In Therapie und Beratung auch für Opfer von Gewalt in anderen Institutionen anwendbar In der DDR waren zwischen 1949 und 1989 etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Normal- und Spezialheimen sowie Jugendwerkhöfen untergebracht. Ihre oftmals belastenden und traumatischen Erfahrungen und die psychosozialen Folgen wurden bisher zu wenig beachtet. Das Buch gibt Einblicke in die Ergebnisse des interdisziplinären Forschungsverbunds »Testimony – Erfahrungen in DDR-Kinderheimen. Bewältigung und Aufarbeitung«. Im Fokus stehen das Erleben der damaligen Kinder und Jugendlichen und ihre Bewältigungsleistungen bis in die Gegenwart, die für die gesellschaftliche Aufarbeitung von großer Bedeutung sind. Die große Stärke des Bandes ist das weite Spektrum der angelegten Perspektiven. Ein Buch für wissenschaftlich Interessierte und Praktiker:innen aus dem Bereich der psychosozialen Versorgung, aber auch für die Betroffenen selbst. 

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dies ist der Umschlag des Buches »Ehemalige Heimkinder der DDR« von Heide Glaesmer, Birgit Wagner, Silke Birgitta Gahleitner, Heiner Fangerau, Anne Oommen-Halbach, Felicitas Söhner, Uta Hinz, Maite Gabriel, Marie Martensen, Marilena de Andrade, Maya Böhm, Thomas Geronimo Martin, Doreen Hoffmann, Silke Birgitta Gahleitner, Heide Glaesmer, Birgit Wagner, Heiner Fangerau

Ehemalige Heimkinder der DDR

Traumatische Erfahrungen und deren Bewältigung über die Lebensspanne

Herausgegeben von Heide Glaesmer, Birgit Wagner, Silke Birgitta Gahleitner und Heiner Fangerau

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2023 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Bettina Herrmann, Stuttgart, unter Verwendung einer Abbildung von Rido/Adobe Stock

Gesetzt von Eberl & Koesel Studio, Kempten

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

Lektorat: Marion Drachsel, Berlin

ISBN 978-3-608-98095-0

E-Book ISBN 978-3-608-12219-0

PDF-E-Book ISBN 978-3-608-20639-5

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Anschriften der Autorinnen und Autoren

Dr. Maya Böhm

Zentrum ÜBERLEBEN gGmbH

Wissenschaftliche Abteilung

Turmstraße 21

10559 Berlin

[email protected]

Marilena de Andrade

Alice Salomon Hochschule

University of Applied Sciences

Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention

Alice-Salomon-Platz 5

12627 Berlin

[email protected]

Prof. Dr. Heiner Fangerau

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Medizinische Fakultät

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

[email protected]

Maite Gabriel

Alice Salomon Hochschule

University of Applied Sciences

Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention

Alice-Salomon-Platz 5

12627 Berlin

[email protected]

Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner

Alice Salomon Hochschule

University of Applied Sciences

Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention

Alice-Salomon-Platz 5

12627 Berlin

[email protected]

Prof. Dr. P.H. Heide Glaesmer

Universität Leipzig

Medizinische Fakultät

Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie

Philipp-Rosenthal-Straße 55

04103 Leipzig

[email protected]

Dr. Uta Hinz

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Medizinische Fakultät

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

[email protected]

Doreen Hoffmann

Universität Leipzig

Medizinische Fakultät

Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie

Philipp-Rosenthal-Straße 55

04103 Leipzig

[email protected]

Marie Martensen

Alice Salomon Hochschule

University of Applied Sciences

Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention

Alice-Salomon-Platz 5

12627 Berlin

[email protected]

Thomas Martin

MSB Medical School Berlin

Hochschule für Gesundheit und Medizin

Rüdesheimer Straße 50

14197 Berlin

[email protected]

Dr. Anne Oommen-Halbach

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Medizinische Fakultät

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

[email protected]

PD Dr. Felicitas Söhner

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Medizinische Fakultät

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

[email protected]

Prof. Dr. Birgit Wagner

MSB Medical School Berlin

Rüdesheimer Straße 50

14197 Berlin

[email protected]

Kapitel 1

Einleitung

Heide Glaesmer, Birgit Wagner, Silke Birgitta Gahleitner und Heiner Fangerau

Zwischen 1949 und 1989 wurden in der DDR etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche in Heimen untergebracht, davon haben etwa 135 000 Kinder und Jugendliche in Spezialheimen und Jugendwerkhöfen gelebt (Laudien und Sachse 2012). Das Heimsystem der DDR lässt sich in sogenannte Normalheime, Spezialheime und Durchgangsheime unterteilen (s. Dreier-Horning und Laudien 2021). Normalheime waren Einrichtungen, in die Kinder im Alter von drei Jahren bis zur Volljährigkeit eingewiesen wurden, welche als »normal erziehbar« galten. Eine Unterbringung in einem Normalheim erfolgte, wenn Eltern nicht zur Verfügung standen, überfordert waren oder wenn es konkrete Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung gab. Die Beschulung fand in der Regel in den umliegenden örtlichen Schulen statt. Für Null- bis Dreijährige existierten außerdem Dauerheime für Säuglinge und Kleinkinder. Als »schwer erziehbar« eingeschätzte Kinder und Jugendliche wurden in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen untergebracht. Ziel war es dort, Verhaltensauffälligkeiten durch »Umerziehung« zu korrigieren (Laudien und Sachse 2012). Die Beschulung fand meist in den Spezialkinderheimen selbst statt, womit wenig Kontakt zur Außenwelt bestand. Jugendwerkhöfe waren Einrichtungen für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren, welche »durch Arbeit umerzogen« werden sollten. Eine Beschulung war dort in der Regel nicht vorgesehen oder wurde nur sehr basal umgesetzt. Stattdessen mussten die Jugendlichen arbeiten. Manche durchliefen eine sogenannte Teilfacharbeiterausbildung, die jedoch keiner anerkannten Berufsausbildung nach unserem heutigen Verständnis entspricht. »Schwer erziehbar« beschreibt laut Dreier-Horning und Laudien im weitesten Sinne »den Aufwand, den eine Gesellschaft betreiben muss, um ein Kind in ihrem Sinne zu erziehen« (Dreier-Horning und Laudien 2021, S. 35). Es konnte im damaligen Kontext unter anderem bedeuten, dass Jugendliche sich weigerten, sich bestimmten Regeln des Gesellschaftssystems anzupassen. Der Begriff wurde aber auch für Kinder und Jugendliche verwendet, die durch Vernachlässigung und Misshandlungen »verhaltensauffällig« wurden und psychische Probleme entwickelten, sowie Kinder und Jugendliche, die psychologische oder psychiatrische Behandlung benötigten bzw. benötigt hätten.

Zu den Spezialheimen, in denen vor allem die als »schwer erziehbar« oder »verhaltensauffällig« kategorisierten Kinder untergebracht wurden, gehörten auch die Einrichtungen des »Kombinats der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie« (Fangerau et al. 2021, S. 15; Hottenrott 2012). Neben den Normal- und Spezialheimen gab es weiterhin Durchgangs- und Beobachtungsheime als Einrichtungen, in die Kinder und Jugendliche kamen, die sehr kurzfristig aus ihrem Familienkontext genommen werden mussten (als temporäre Unterbringung) und auf einen freien Heimplatz warteten oder welche aus Heimen geflüchtet waren und wieder aufgegriffen wurden (Dreier-Horning 2015).

Während die Normalheime in erster Linie einen »Erziehungsauftrag« hatten, waren die Spezialkinderheime und Jugendwerkhöfe nicht nur Unterbringungs- und Erziehungsorte für die Kinder, sondern sie waren als Umerziehungseinrichtungen konzipiert. Darüber hinaus gab es seit 1952 in der DDR kein gerichtliches Mittel für Eltern, gegen die Heimeinweisung ihrer Kinder Einspruch zu erheben. Die Zuständigkeit wurde von den Vormundschaftsgerichten auf die Organe der Jugendhilfe übertragen und Eltern verloren so ihre Einspruchsmöglichkeit (BMFSFJ 2019).

Ehemalige DDR-Heimkinder waren nach heutigen Erkenntnissen häufig menschenunwürdigen Verhältnissen ausgesetzt (BMFSJ 2019; Censebrunn-Benz 2022; Deutscher Bundestag 2008; Dreier-Horning und Laudien 2021). Dies betraf auch Kinder in Heimen der Behindertenhilfe oder in psychiatrischen Einrichtungen, denen dort vielfältiges Unrecht und Leid zugefügt wurde (Fangerau et al. 2021). Psychische und physische Gewalt sowie Vernachlässigung in ihren vielfältigen Ausprägungen waren in den Heimeinrichtungen häufig an der Tagesordnung (Arp 2017; Dreier & Laudien 2012; Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und Kulturforschung 2012; Sack und Ebbinghaus 2012). Dieses System verletzte nicht nur nachweislich die Menschenrechte der betroffenen Kinder und Jugendlichen, sondern führte oft zu psychischen und sozialen Langzeitfolgen für viele der Betroffenen, die bis weit ins Erwachsenenalter andauerten bzw. andauern.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Bedingungen in den DDR-Kinderheimen und ihrer Folgen für die Betroffenen ist noch immer nicht abgeschlossen. Erst in den vergangenen Jahren wurden das erlebte Unrecht und die erfahrene Gewalt in den DDR-Kinderheimen systematischer dokumentiert und wissenschaftlich untersucht (z. B. Censebrunn-Benz 2022; Dreier-Horning und Laudien 2021; Laudien 2013; Laudien und Sachse 2012; Sachse 2010; Zimmermann 2004). Ein Fokus der bisherigen Forschung lag auf den damaligen Maßnahmen, beispielsweise Disziplinierung, Isolierung, Umerziehung und körperliche Gewalt, wie sie besonders in den Jugendwerkhöfen und Spezialheimen angewandt wurden.

In den Erzählungen der Betroffenen wurden neben der erfahrenen körperlichen und psychischen Gewalt zunehmend auch sexuelle Missbrauchserfahrungen, sowohl durch Peers als auch durch Betreuungspersonen, thematisiert. Diesen bisher noch wenig untersuchten Erfahrungen wurde innerhalb des TESTIMONY-Forschungsverbundes besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Betroffene konnten sich im Rahmen einer Fragebogenstudie und von Interviews unter anderem auch zu ihren Erfahrungen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und Jugend äußern. Wie inzwischen bekannt ist, waren Menschen mit DDR-Heimerfahrungen nicht nur sexuellem Missbrauch ausgesetzt, sondern erlebten – insbesondere in den Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen – physische Gewalt durch Schläge, militärischen Drill und kollektive Bestrafungen. Aber auch mehrtägige Unterbringungen in Isolationszellen, teilweise in vollständiger Dunkelheit, waren Teil der Aufnahmeprozedur und der Strafmaßnahmen, denen die Jugendlichen ausgesetzt waren.

Opferverbände und Aufarbeitungsinitiativen, die sich mit Unrechtserfahrungen in der DDR auseinandersetzen, sind zu wichtigen Anlaufstellen geworden. Viele der ehemaligen Heimkinder erhielten zwar inzwischen psychosoziale Hilfen (z. B. durch den Fonds Heimerziehung), um die vielfältigen und langfristigen Folgen bewältigen zu können, dennoch ist der Zugang für die Betroffenen oft schwer oder die Angebote werden als nicht hilfreich erlebt. Gründe dafür liegen unter anderem in der wahrgenommenen Stigmatisierung und der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung, welche die ehemaligen Heimkinder durch einen fehlenden Diskurs zu diesem Thema erleben (Ebbinghaus und Sack 2013). Gfesser et al. (2021) zeigten in ihrer Studie, dass insbesondere erlebte Stigmatisierungen bei ehemaligen DDR-Heimkindern eine Behandlungsbarriere darstellten. Darüber hinaus berichten ehemalige DDR-Heimkinder wiederholt, dass sie mit Unwissen der Behandler:innen über die DDR und die Heimerziehung konfrontiert sind, welches zu Therapieabbrüchen und nicht erfolgreichen Behandlungen führte (Spahn et al. 2020). Eine kürzlich durchgeführte Befragung psychosozialer Fachkräfte machte deutlich, dass es auch aus ihrer Perspektive große Zugangshürden und vielfältige Herausforderungen in der Arbeit mit Menschen mit DDR-Heimerfahrungen gibt. Gleichzeitig machten viele der befragten Behandler:innen deutlich, dass ein Weiterbildungsinteresse besteht (Hoffmann et al. 2023).

Der hier vorliegende Band präsentiert zentrale Ergebnisse des Forschungsverbundes TESTIMONY, der die Erfahrungen in DDR-Kinderheimen sowie ihre Bewältigung zum Thema hatte, und nutzt dabei auch Erfahrungsberichte von Zeitzeug:innen. Aus verschiedenen disziplinären und methodischen Perspektiven haben sich die Autorinnen und Autoren der folgenden Aufsätze in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbund der Heimerziehung in der DDR gewidmet. Ein besonderer Fokus wurde auf die Erlebenswelten der Betroffenen gelegt. Die folgenden Beiträge fassen die wichtigsten Ergebnisse des Verbundes zusammen. Die psychosozialen Konsequenzen von Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen in den DDR-Kinderheimen und ihre Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen werden thematisiert. Ergänzt werden diese Befunde durch medizinhistorische Befunde. Nicht zuletzt wird eine internetbasierte Schreibtherapie vorgestellt, die im Rahmen des Projektes entwickelt und evaluiert wurde. Zwei Fallbeispiele von ehemaligen DDR-Heimkindern beschreiben den therapeutischen Prozess als Bewältigungsform des Erlebten.

So bietet dieser Band empirisch fundierte Einsichten zu den Kontexten und den möglichen psychosozialen Folgen der Heimerziehung sowie Ansätze zur Bewältigung der Folgen dieser Erfahrungen.

Literatur

Arp A (2017). Annäherung an die Gewalterfahrungen ehemaliger Heimkinder aus DDR-Spezialheimen. BIOS 30(1/2): 235–258.

Bundesministerium für Familie, Senioren et al. (2019). Abschlussbericht der Lenkungsausschüsse der Fonds »Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975« und »Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990«. Verfügbar unter: www.bmfsfj.de/blob/137722/36ce82cf91fd7db8dae03a854e93d99a/abschlussberichtlenkungsausschuesse-der-fonds-heimerziehung-data.pdf (letzter Zugriff: 02. 07. 2023).

Censebrunn-Benz A (2022). Stiefkinder der Republik. Das Heimsystem der DDR und die Folgen. Freiburg: Herder.

Deutscher Bundestag (2008). Empfehlung des Petitionsausschusses. Sitzung am 26. November 2008 zur Petition die Situation von Kindern und Jugendlichen in den Jahren 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik Deutschland in verschiedenen öffentlichen Erziehungsheimen betreffend. Berlin: Deutscher Bundestag.

Dreier-Horning A (2015). Pädagogisches Niemandsland. Die Durchgangseinrichtungen der ehemaligen Nordbezirke der DDR von 1949 bis 1989. Schwerin: Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern.

Dreier A, Laudien K (2012). Einführung Heimerziehung der DDR. Schwerin: Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Mecklenburg-Vorpommern.

Dreier-Hornig A, Laudien K (2021). Jugendhilfe und Heimerziehung der DDR. Sozialpädagogische, rechtliche und politische Grundlagen. Heimsystem und Einrichtungen. Folgen und Aufarbeitung. Schwerin: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Ebbinghaus R, Sack M (2013). Ehemalige Heimkinder der DDR. Trauma & Gewalt 7(2): 108–117.

Fangerau H, Dreier-Hornig A et al. (2021). Leid und Unrecht. Kinder und Jugendliche in Behindertenhilfe und Psychiatrie der BRD und DDR 1949 bis 1990. Köln: Psychiatrie-Verlag.

Gfesser T, Rechenberg T, Glaesmer H, Schomerus G (2021). Stigma als Behandlungsbarriere bei ehemaligen DDR-Heimkindern – Eine qualitative Studie am Beispiel der Mitglieder der »Betroffeneninitiative Missbrauch in DDR-Kinderheimen«. Psychiatrische Praxis 48(05): 244–249.

Hoffmann D, Compera E, Böhm M, Glaesmer H (2023). Psychosoziale Versorgung von Menschen mit DDR-Heimerfahrung. Psychotherapie, 1–8. https://doi.org/10.1007/s00278-023-00681-7.

Hottenrott L (2012). »Roter Stern – Wir folgen deiner Spur«. Umerziehung im Kombinat der Sonderheime für Psychodiagnostik und pädagogisch-psychologische Therapie (1964–1987). Eine Bestandsaufnahme. Torgau: Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof.

Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und Kulturforschung (Hrsg) (2012). Zur sozialen Lage ehemaliger Heimkinder in Thüringen. Forschungsbericht im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit. Jena: Jenaer Zentrum für empirische Sozial- und Kulturforschung. https://bildung.thueringen.de/fileadmin/content/tmsfg/abteilung4/referat31/forschungsbericht_soziale_lage_ddr-heimkinder.pdf (letzter Zugriff: 30. 08. 2023).

Laudien K (2013). Umerziehung und Menschenbild in der DDR-Heimpädagogik. Trauma & Gewalt 7(2): 134–142.

Laudien K, Sachse C (2012). Erziehungsvorstellungen in der Heimerziehung der DDR. Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR – Expertisen. Berlin: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ; 125–298.

Sachse C (2010). Der letzte Schliff. Jugendhilfe der DDR im Dienst der Disziplinierung von Kindern und Jugendlichen (1945–1989). Schwerin: Die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Sack M, Ebbinghaus R (2012). Was hilft ehemaligen Heimkindern der DDR bei der Bewältigung ihrer komplexen Traumatisierung? In: Beauftragter der Bundesregierung für die Neuen Bundesländer (Hrsg). Aufarbeitung der Heimerziehung in der DDR – Expertisen. Berlin: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe; 299–397.

Spahn C, Reuter L, Wagner B, Glaesmer H (2020). Langzeitfolgen der Heimunterbringung in der DDR. Psychotherapeuten J 3: 213–221.

Zimmermann V (2004). »Den neuen Menschen schaffen«: Die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945–1990). Köln: Böhlau.

Kapitel 2

Biografische Sequenzen von Menschen mit DDR-Heimerfahrungen

Traumatische Lebensereignisse und ihre Folgen

Doreen Hoffmann, Maya Böhm und Heide Glaesmer

Widmet man sich der Thematik des Aufwachsens in DDR-Kinderheimen und Jugendwerkhöfen, so fällt auf, dass der Fokus häufig auf der Zeit im Heim und den Erfahrungen dort liegt. Die Lebensabschnitte vor der Heimeinweisung und nach der Entlassung werden seltener in den Blick genommen. Um die Komplexität der Biografien von Menschen mit DDR-Heimerfahrungen besser greifen zu können, wird dieses Kapitel die verschiedenen biografischen Abschnitte in den Blick nehmen und insbesondere belastende oder gar traumatische Lebensereignisse vor, während und nach der Heimzeit sowie deren Bewältigung berücksichtigen. Dazu wurde von April 2020 bis Dezember 2021 an der Universität Leipzig eine Fragebogenstudie durchgeführt, an der Menschen mit DDR-Heimerfahrungen teilnehmen und über ihre Erfahrungen berichten konnten. Thematisch vertiefend wurden sechs halbstrukturierte Interviews mit Studienteilnehmenden geführt, welche auch an der Fragebogenstudie teilgenommen haben. Die Studie verfolgt somit einen Mixed-Methods-Ansatz, in welchem qualitative und quantitative Daten kombiniert ausgewertet werden.

Schwerpunkt dieses Kapitels ist es, die Studienteilnehmer:innen durch Zitate aus den Fragebögen und Interviews selbst zu Wort kommen zu lassen und ihre Erfahrungen über die Lebensspanne mit den gewonnenen quantitativen Befunden zu untermauern.

2.1 Studienbeginn und methodisches Vorgehen

2.1.1 Zugang zur Thematik und Gewinnung von Studienteilnehmer:innen

Als wir im Mai 2019 die Arbeit im Forschungsverbund TESTIMONY aufnahmen, begannen wir zunächst mit der Sichtung bisheriger Forschungsergebnisse und Veröffentlichungen, wie Zeitungsartikel, Dokumentationen, Interviews und Autobiografien zum Thema. Auffällig war die nahezu einheitlich negative Darstellung mit zum großen Teil erschütternden Berichten über Misshandlung und Vernachlässigung in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR. Selten nur tauchte das Heim als Ort des Schutzes, verbunden mit positiven Aspekten, in den Erinnerungen auf. Ziel der Studie war es, mehr Informationen über die Erfahrungen der Betroffenen zu erhalten und welche psychosozialen Konsequenzen diese für ihr Leben bis heute haben konnten.

Die Studie wurde im Radio, im Fernsehen, in verschiedenen Print- und Online-Medien, z. B. in Tageszeitungen, kostenlosen Wochenzeitungen, Newslettern, auf den Webseiten der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung von SED-Unrecht, über die TESTIMONY-Webseite, der dazugehörigen Facebook- und Twitter-Präsenz, sowie in Online-Foren ehemaliger DDR-Heimkinder beworben. Einzige Bedingung für die Teilnahme war, dass man zwischen 1949 und 1989 für eine gewisse Zeit in Heimen und/oder Jugendwerkhöfen der DDR aufgewachsen war.

Während der gesamten Zeit gingen zahlreiche zusätzlich zum Fragebogen zugesandte schriftliche Materialien von den Teilnehmenden mit in den Untersuchungsprozess ein: Briefe, die ausführliche Schilderungen und Ergänzungen zur eigenen Lebensgeschichte enthielten, lange biografische Berichte in E-Mails, Kopien von Akten und von Heimunterlagen, Auszüge aus Krankenakten und Verläufe von Gerichtsprozessen, z. B. zur Rehabilitierung. Ein Großteil der Studienteilnehmer:innen meldete sich telefonisch an und die dabei stattfindenden Gespräche mit den Zeitzeug:innen gaben fortlaufend Einblicke in die Lebensgeschichten und den Stand der individuellen Aufarbeitung.

Die Begegnungen mit so vielen unterschiedlichen, mittlerweile längst erwachsenen Menschen, deren Erlebnisse in DDR-Heimen manchmal erst wenig verarbeitet werden konnten, war für uns ausgesprochen bewegend und nicht selten auch erschütternd. Viele kostete die Kontaktaufnahme sehr viel Mut und Überwindung. Häufig kam es im Forschungsprozess zu begleitender Beratung und vereinzelt sogar zum (gemeinsamen) Entschluss, die Studienteilnahme zugunsten einer individuell begleiteten Auseinandersetzung mit der Heimthematik abzubrechen.

Wie viele Menschen mit DDR-Heimerfahrung mehr als 30 Jahre nach dem Mauerfall noch leben, war nicht ermittelbar, da es kein diesbezügliches Register gibt. Daher können unsere Forschungsergebnisse nicht den Anspruch erheben, repräsentativ für alle Menschen mit DDR-Heimerfahrungen zu sein. Dennoch kann mithilfe der zurückgesandten Fragebögen und der geführten Interviews ein Einblick in die Vielfalt der Lebensläufe mit DDR-Heimerfahrungen gegeben werden.

2.1.2 Methodisches Vorgehen mit Fragebögen und Interviews

Der Fragebogen bestand aus standardisierten, in der wissenschaftlichen Praxis etablierten psychologischen Fragebögen, aus selbstentwickelten, thematisch angepassten Fragen sowie aus Fragen mit offenem Antwortformat, in denen Themen individuell vertiefend in Freitextfeldern beschrieben werden konnten. Insgesamt deckte der Fragebogen die nachfolgenden Schwerpunkte ab.

Zeit vor der Heimeinweisung: Fragen nach den Umständen für die Heimeinweisung, Fragen zu Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch in der Herkunftsfamilie

Heimzeit: Fragen zu Aufenthaltsorten und Dauer, Fragen zu Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch in den Einrichtungen, Fragen nach persönlichen Ressourcen, sozialen Beziehungen im Heim und positiven Heimerfahrungen

Zeit nach der Entlassung: Fragen nach der Aufarbeitung der eigenen Geschichte, Inanspruchnahme von Entschädigungsleistung, Therapie oder Beratung, Versuch der Rehabilitierung, Fragen nach Stigmatisierungserfahrungen, heutiger psychischer und körperlicher Gesundheit sowie nach der Bildungsbiografie

Zusätzlich wurden sechs vertiefende, halbstrukturierte Interviews mit Studienteilnehmenden geführt, welche sehr unterschiedliche Erfahrungen in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR machten, um einen detaillierten Einblick in die Lebensbiografien zu bekommen. In den Interviews wurden folgende Themen vertieft:

Gründe für die Heimeinweisung

Erfahrungen von Misshandlung und Vernachlässigung (falls erlebt)

der persönliche Blick auf die individuelle und gesellschaftliche Aufarbeitung

Die Freitextfelder aus den Fragebögen wie auch die Transkripte der Interviews wurden mit der »Inhaltlich strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse« nach Kuckartz (2018) ausgewertet. Die Freitextfelder wurden aus den Fragebögen in das Auswertungsprogramm MAXQDA Analytics Pro (Version 2022) übertragen und codiert. Die Interviews wurden von Projektmitarbeiterinnen transkribiert und ebenfalls im Team mit MAXQDA codiert und ausgewertet (MAXQDA Analytics Pro 2022). Quantitative Daten wurden mit der Statistiksoftware SPSS27 (IBM 2020) ausgewertet.

Sowohl die Interviewteilnehmer:innen (zwei Frauen, vier Männer) als auch die Fragebogenteilnehmer:innen wurden anonymisiert, indem den Teilnehmenden (TN) ein dreistelliger Code zugewiesen wurde (TNXXX). Stammen die Zitate aus Interviews, befindet sich am Ende des Codes ein »I« (TNXXXI).

Alle schriftlichen Zitate von Studienteilnehmer:innen werden genau so wiedergegeben, wie sie in den Fragebögen übermittelt wurden.

An 380 Menschen mit DDR-Heimerfahrungen, die sich auf den Studienaufruf meldeten, wurde das 44-seitige Fragebogenheft versendet. 273 ausgefüllte Fragebögen kamen bis Januar 2022 zu uns zurück, was einer Rücklaufquote von fast 72 %1 entsprach. 20 der Teilnehmenden (elf Männer, neun Frauen) nutzten das Angebot, den Fragebogen am Telefon mit einer Projektmitarbeiterin auszufüllen. Einige Teilnehmer:innen berichteten, beim Ausfüllen Unterstützung durch Angehörige, Betreuer:innen oder Therapeut:innen erhalten zu haben, ohne die es für sie nicht möglich gewesen wäre, an der Studie teilzunehmen. Die Studienteilnehmer:innen erhielten 20 Euro Aufwandsentschädigung.

Die Studienteilnehmer:innen waren im Erhebungszeitraum zwischen 36 und 84 Jahre alt, zwei Drittel waren zwischen 50 und 70 Jahren. Fast die Hälfte (49 %) der Stichprobe waren Frauen. 84 % der Befragten gaben an, zum Befragungszeitpunkt in Ostdeutschland (inklusive Berlin) zu leben, 15 % lebten in den alten Bundesländern und 1 % im Ausland.

2.2 Die Zeit vor der Einweisung in ein Heim

Vor der ersten Heimeinweisung lebte der Großteil der Befragten (86 %) mit leiblichen und/oder Stiefeltern in einem gemeinsamen Haushalt, 2 % mit Pflegeeltern. 12 % berichteten, von Geburt bzw. den ersten Lebensmonaten an in Einrichtungen der DDR-Jugendhilfe aufgewachsen zu sein. Die Hälfte der Studienteilnehmenden lebten mit einer alleinerziehenden Mutter zusammen, nur etwa ein Drittel berichtete überhaupt von einem Zusammenleben mit dem leiblichen Vater. Fast zwei Drittel aller Befragten gaben zudem an, zuvor mit leiblichen Geschwistern, Halb-, Stief- und/oder Adoptivgeschwistern zusammengelebt zu haben.

Oft kam es bei Heimeinweisungen zur Trennung von Geschwistern. Manchmal geschah dies aufgrund des Altersunterschieds (verschiedene Gruppen im Heim, verschiedene Heimformen) oder weil ein oder mehrere Geschwisterkinder in der Familie blieben, in eine Pflegefamilie kamen oder adoptiert wurden. Diese Trennungen zusätzlich zur Trennung von den Eltern wurden von Betroffenen in der Regel als große Belastung erlebt; manche berichteten von einer jahrelangen Suche nach ihren Geschwistern im Anschluss an die Heimentlassung.

Die in unserer Studie von den Befragten genannten Gründe für eine Einweisung ins Heim waren folgende:

Kindeswohlgefährdung durch Vernachlässigung und/oder Misshandlung

Überforderung eines alleinerziehenden Elternteils (i. d. R. Mutter)

Schichtarbeit der Erziehungsberechtigten

schwere Krankheit oder Tod der Erziehungsberechtigen

selten: die (versuchte) Republikflucht der Eltern mit anschließender Inhaftierung

Als Gründe, die ältere Kinder und vor allem Jugendliche betrafen, wurden genannt:

Fehlzeiten in der Schule (»Schulbummelei«)

»Schwererziehbarkeit«

delinquentes, »asoziales« Verhalten, »Rumtreiberei«

selten: der Wunsch des Kindes/des Jugendlichen

Misshandlungen, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch in der Herkunftsfamilie wurden detailliert erfragt, da interessierte, mit welchen herausfordernden oder gar traumatisierenden Lebenserfahrungen die Kinder und Jugendlichen im Heim eintrafen.2

Vernachlässigung in der Herkunftsfamilie, welche mangelnde emotionale und körperliche Versorgung für ein Kind bedeuten, wurde mit Abstand am häufigsten angegeben. 80 % der Befragten berichteten von Erfahrungen von emotionaler Vernachlässigung, also einem Mangel an respekt- und liebevollem Kontakt, der sich dem Kind mit Aufmerksamkeit und Unterstützung widmet. Nahezu ebenso viele berichteten von körperlicher Vernachlässigung (79 %), z. B. in Form mangelnder Hygiene und Bekleidung, unzureichender Versorgung mit Nahrung oder fehlender medizinischer Behandlungen. Vernachlässigungen sind oft nicht so leicht erkennbar wie Spuren von körperlichen Misshandlungen oder verletzende Worte, die man erinnert und von denen man berichten kann. Vor allem in sehr jungem Alter führt ein Mangel an vertrauensvollen Beziehungen und ausreichender Förderung bei Kindern zu »schweren Entwicklungsbeeinträchtigungen, zu erheblichen Rückständen in ihrer kognitiven und sozialemotionalen Entwicklung« (Weiß 2021, S. 38). Darüber hinaus berichteten über die Hälfte der Befragten (55 %) von körperlichen Misshandlungen in der Herkunftsfamilie, wie Schlägen, Tritten oder anderweitigen absichtlichen Verletzungen. Fast zwei Drittel (64 %) berichteten von emotionaler Misshandlung, wie Erniedrigungen, aktiver Zurückweisung/Ausgrenzung und Feindseligkeit in der Herkunftsfamilie. Dabei ist zu beachten, dass emotionale Misshandlung allein vorkommen kann, aber in der Regel gemeinsam mit den anderen Misshandlungs- und Vernachlässigungsformen auftritt, da sie Ausdruck der Beziehung der Erziehungsperson/-en zum Kind ist und bereits im Kindesalter zu klinisch relevanten psychischen Störungen führen kann (Schlensog-Schuster et al. 2022). So können sich Herabwürdigung und Erniedrigung eines Kindes auch in körperlicher Vernachlässigung und körperlicher Misshandlung widerspiegeln. All dies kann dazu führen, dass Kinder weniger Möglichkeiten haben, »sowohl Selbstreflexion als auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu entwickeln, da das Fundament für die introspektive Auseinandersetzung mit der eigenen Person durch die primären Bezugspersonen gelegt wird« (Weiß 2021, S. 38). Eine besonders schwerwiegende Form des Vertrauensbruchs und der Grenzverletzung ist der sexuelle Missbrauch von bzw. die sexualisierte Gewalt an Kindern (Fegert 2007). 29 % der Befragten berichteten von Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch in der Herkunftsfamilie. Dies umfasst sexuellen Kontakt von Erwachsenen zu Minderjährigen, Übergriffe gegen den eigenen Willen, zu sexuellen Handlungen genötigt werden oder bei sexuellen Handlungen zusehen zu müssen wie auch sexuell missbraucht oder vergewaltigt zu werden (zu Begriffsdefinitionen s. Jud 2015, S. 42). Auffällig ist, dass hier Mädchen im Kontext ihrer Herkunftsfamilien deutlich häufiger betroffen waren als Jungen. In allen anderen zuvor genannten Misshandlungs- und Vernachlässigungsformen fanden sich keine Häufigkeitsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen.

Viele der Befragten berichteten, damals und teilweise bis heute nur lückenhaft über ihre Einweisungsumstände informiert worden zu sein. Dabei sind natürlich vor allem junge Kinder auf die Erzählung und Rahmung von außen, durch Familienangehörige oder Heimpersonal angewiesen. Oft wurde von unzureichenden Hilfen bei der Verarbeitung der Erlebnisse in der Herkunftsfamilie berichtet, wie es beispielsweise diese Teilnehmerin formuliert: »Ich habe es nie, in keiner Institution der DDR (ob Kita, Schule oder Heim) erlebt, dass irgendjemand danach gefragt hätte bzw. es jemanden interessiert hätte. Selbst bei Auffälligkeiten wurde geschwiegen« (TN405).

Den Mangel an Informationen über die Heimeinweisung berichtete auch die Historikerin Agnès Arp aus ihren Interviews mit ehemaligen DDR-Heimkindern. Sie schrieb, dass es »keinesfalls der Schlüssel zu einer persönlichen Aufarbeitung« sei, »dass die Eltern noch leben«. Dies läge daran, so Arp, dass »die etwaige Beteiligung der Eltern an der Heimeinweisung ihrer Kinder tabuisiert« sei (Arp 2017, S. 238).

Für manche sind Heimeinweisung und Heimwechsel also bis heute schwer nachvollziehbar, vor allem wenn es keine Dokumente aus dieser Zeit mehr gibt und Familienangehörige nicht mehr befragt werden können bzw. die Auskunft verweigern. Oft wurde berichtet, dass die Gründe auch verschleiert oder nur unzureichend erläutert worden seien.

Einen besonders tiefgreifenden Vertrauensverlust schildert ein Studienteilnehmer im Interview, dessen Mutter am Tag der Heimeinweisung einen vermeintlichen gemeinsamen Urlaub in Aussicht gestellt habe: »Und dann begann der eigentliche Horror an einem Tag, als meine Mutter mit mir in den ›Urlaub‹ gefahren ist. Meine Mutter hat gesagt: ›Wir fahren an die Ostsee. Wir fahren in den Urlaub für’n paar Tage‹« (TN195I). Er sei damals etwa zehn Jahre alt gewesen und erinnerte sich wie folgt an den gemeinsamen Aufbruch: »Und hat mit mir gemeinsam unseren Koffer gepackt, so’n braunen Koffer […] Und da hat sie mich an die Hand genommen und dann sind wir mit dem Bus zum Bahnhof gefahren, wir sind dann mit dem Zug bis nach [Ortsangabe] gefahren, dann mit dem Bus irgendwohin und dann landest du, als Kind hast du auch gar keine räumlichen Vorstellungen, zu DDR-Zeiten, wo ist die Ostsee? Die ist da oben irgendwo, man fährt in die Richtung und so weiter, und dann kommst du in so ’nen Kiefernwald, mit so roten Backsteingebäuden und denkst dir, vielleicht ist das hier das Ferienheim. Und sie geht mit mir in so ’nen Raum rein, Tisch und Stühle, relativ nüchtern und wir sitzen da, quatschen da und da kommt einer rein und ja, und Tag und schön, dass ihr hier seid und – häh? Da steht meine Mutter auf und geht raus. Und dann ging die Tür zu. Und das ist ’n Moment, der macht mir heute noch Angst. Weil ich sie dann erstmal ’ne ganze Zeit nicht wiedergesehen habe.« Es seien mehrere Wochen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik gefolgt, über die seine Eltern mit ihm nie wirklich gesprochen hätten. Ähnlich habe es die Mutter wiederholt, als es dann zur Einweisung ins Sonderheimkombinat gekommen sei, indem sie ihrem Sohn gesagt habe: »Wir fahren zur Oma! […] Hab’ ich aber nicht für voll genommen, und dann sind wir nach [Ortsangabe] gefahren. Und dann lande ich da in diesem […] Aufnahmeheim. […] Und meine Mutter hat mich wieder verlassen.«

Der mittlerweile 60-jährige Mann berichtete, bis zum Tod seiner Eltern nie genau in Erfahrung gebracht zu haben, wie und warum es zu den Einweisungen in die Psychiatrie und darauffolgend in die Spezialheime gekommen ist – trotz wiederholter Nachfrage und Konfrontation der Eltern.

Vor allem wenn Kinder und Jugendliche aufgrund von »Schwererziehbarkeit« in ein Spezialkinderheim oder einen Jugendwerkhof eingewiesen wurden, sei ihnen oft das Gefühl vermittelt worden, dass die »Schuld« für die Einweisung bei ihnen selbst liege. So berichtet ein Teilnehmer, dass ihm als Grund gesagt wurde: »Du warst sehr böse!« (TN193) Gleichzeitig beschrieben sie, das Stigma »verhaltensgestört« oder »schwer erziehbar« habe sie oft auch weit über die Heimzeit hinaus begleitet. Ein Teilnehmer schilderte es so: »Ich dachte, jeder könne es mir ansehen, daß ich im Jugendwerkhof bin. Heimkinder galten in der DDR als asozial.« (TN331) Ein anderer beschrieb: »Als ich da raus war in der zehnten Klasse, war das Thema für mich top secret und ich habe es dem Grunde nach über ganz, ganz viele Jahre niemanden gesagt. Das war mir peinlich. Heimkinder hatten von Anfang an ’nen anderen Lack.« (TN195I)

2.3 Die Zeit im Heim

Die Studienteilnehmer:innen berichteten von Heimaufenthalten mit einer Dauer zwischen zwei Monaten und 18 Jahren, im Durchschnitt verbrachten die Teilnehmenden etwa sechseinhalb Jahre in Heimen. 60 % waren ausschließlich in Normalheimen untergebracht, 40 % wuchsen (auch) in Spezialheimen (Spezialkinderheimen und/oder Jugendwerkhöfen) auf. Dies ist insofern relevant, da Spezialheime der »Umerziehung« von »verhaltensgestörten« oder »schwer erziehbaren« Kindern und Jugendlichen dienten (Sachse 2013). Die Beschulung fand in der Regel in den Heimen statt, was dazu führte, dass sich das Leben im Spezialkinderheim auf diesen Ort beschränkte und es kaum Kontakte zur Außenwelt gab. Die allgemein berichteten Erziehungsmethoden gelten als deutlich strenger als in Normalheimen, was jedoch nicht heißt, dass es dort nicht ebenso zu gewaltvollen Strafmaßnahmen kommen konnte (Laudien und Sachse 2012, S. 80).

Auffallend war, wie viele Studienteilnehmer:innen von Heimwechseln in ihrer Kindheit und Jugend berichteten: Ein Drittel der Befragten gab an, in lediglich einem Heim gelebt zu haben, ein weiteres Drittel war in zwei oder drei Heimen und das restliche Drittel in vier oder mehr Heimen. Einige berichteten von Aufenthalten in bis zu 14 verschiedenen Einrichtungen während ihrer Kindheit und Jugend, gelegentlich spielte auch der zwischenzeitliche Aufenthalt bei Pflege- oder Adoptivfamilien eine Rolle. Der Großteil der Befragten musste sich also in Kindheit und Jugend auf häufig wechselnde Lebensumstände einlassen.

Neben der Trennung von der eigenen Familie galt es, sich in neuen Räumen, neuen Gruppenstrukturen, mit neuen anderen Kindern und Jugendlichen, ggf. neuen Schulklassen und neuen Bezugspersonen, Abläufen und Regeln im Heim vertraut zu machen. Die enorme Anpassungsleistung beschrieb eine Interviewteilnehmerin wie folgt: »Ich hab’ mich aber immer gefügt als Kind, weil ich dachte, wenn du dich nicht fügst, hast du’s im Heim nicht so gut. Also ich hab’ beizeiten gemerkt, dass ich mich anpassen muss und wenn ich mich anpasse und gute Leistungen hab’, dann hab ich auch meine Ruhe und ja, weil die Kinder, die sich nicht so gut anpassen konnten, die hatten‘s eben auch nicht so leicht.« (TN365I)

Eine Heimeinweisung konnte den Kontakt zur Familie abbrechen, was jedoch nicht immer der Fall war. Bei den Befragten war es sehr unterschiedlich, ob sie als Kinder und Jugendliche während der Heimzeit noch Kontakt zu ihrer Familie hatten bzw. haben durften: 20 % berichteten von häufigem oder sehr häufigem Kontakt, 25 % von sporadischem Kontakt, 33 % von seltenem und 22 % von gar keinem Kontakt zur Familie. Die Heimeinweisung brachte die Kinder und Jugendlichen zwangsläufig in neue soziale Bezüge, welche sehr unterschiedlich erlebt wurden. Zwei Drittel der Befragten gaben an, während der Zeit im Heim positive Kontakte zu anderen Kindern und Jugendlichen gehabt zu haben, lediglich ein Drittel berichtete von positiven Beziehungen zu Erwachsenen im Heim (pädagogischem Personal, Heimpersonal). Fast die Hälfte der Studienteilnehmer:innen berichtete von Fluchten oder Fluchtversuchen aus dem Heim. Diese konnten unterschiedliche Gründe haben: von Sehnsucht nach Eltern oder anderen Verwandten, einem tiefen Unwohlsein bis hin zu Flucht vor Gewalt und Missbrauch in den Heimen.

2.3.1 Heimeinweisung als Rettung

Die Häufigkeit negativer Erfahrungen in den Herkunftsfamilien vor der Heimeinweisung zeugt davon, dass seitens der DDR-Jugendhilfe oder durch Nachbarschaft, Lehrer- oder Erziehungspersonal, Familienangehörige interveniert wurde, wenn Kinder und Jugendliche in den Herkunftsfamilien Misshandlung und Vernachlässigung ausgesetzt waren.

Und so bedeutete die Heimeinweisung für manche unserer Studienteilnehmer:innen eine Verbesserung ihrer Lebensumstände, wie dieser Teilnehmer beschreibt: »Meine Tante hat sich beim Jugendamt gemeldet und sprach davon – was auch den Tatsachen entsprach –, dass es für mich + meinen Bruder besser wäre, wir kämen in ein Heim. Meine Mutter – so erinnere ich mich – machte sich um uns keine großen Gedanken. Eine Mitarbeiterin der Jugendfürsorge […] kam zu uns nach Hause. Sie sprach mit meiner Mutti, als diese Kaffee holte, fragte uns die junge, nette Frau: ›Möchtet ihr in ein Kinderheim?‹ Ich sagte sofort ja. Ich habe es nicht bereut. Es war meine Rettung. Endlich ein geordnetes Umfeld, genug zu essen, Fürsorge. Die Heimleitung, Frau R., war eine liebe Frau, korrekt und hatte ihr Team gut im Griff.« (TN219)

Eine andere Studienteilnehmerin schildert das Entkommen aus einer misshandelnden Pflegefamilie wie folgt: »Doch wie bereits gesagt: im Kontext zu meinen früheren Erfahrungen konnte das Heim nur besser sein, die Gemeinschaft mit den anderen Kindern, die ähnliche Schicksale hatten wie ich, gab mir das Gefühl von Zugehörigkeit und damit ein größeres Gefühl von Sicherheit und ich hatte weniger Gefühle von Angst und Unsicherheit.« (TN077)

Für manche der Befragten überdauerten die im Heim geknüpften Kontakte bis weit in ihr Leben nach der Entlassung, wie eine Teilnehmerin zusammenfasst: »Das Bestärken und die Liebe, die ein Kind braucht, können Erzieher kaum geben. Ich hatte noch lange nach meiner Heimzeit Kontakt zu einigen Erziehern. Sie waren meine Bezugspersonen, gaben mir Struktur und auch Wertevermittlung. Fazit: Familie war und ist immer noch eine Vorstellung, die ich versuche gut zu leben. Unvorstellbar, diese nicht zu haben.« (TN286)

Die meisten Studienteilnehmer:innen berichten sowohl von positiven wie auch von negativen Erfahrungen in den Heimen – auf Letztere wird im Folgenden genauer eingegangen.

2.3.2 Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch in DDR‑Kinderheimen und Jugendwerkhöfen

Nach heutigem Wissensstand gab es in den Heimen, vor allem in den Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen, Strukturen, die Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung begünstigten (BMFSFJ 2019; Laudien und Sachse 2012; Sachse et al. 2018). Um das genauer zu untersuchen, wurde der standardisierte Fragebogen für die Erfassung von Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Vernachlässigungen in der Herkunftsfamilie auf den Heimkontext angepasst (Childhood Trauma Questionnaire [CTQ] von Bernstein et al. 2003 in der deutschen Übersetzung: Wingenfeld et al. 2010). Zusätzlich konnten negative Erfahrungen in Freitextfeldern berichtet werden. Natürlich kann ein Heim eine intakte, liebevolle Familie kaum ersetzen. Der Großteil der Studienteilnehmenden berichtete jedoch von komplexen Traumatisierungen in der Herkunftsfamilie. Sie waren daher besonders auf stabile, verlässliche soziale Beziehungen aus dem Hilfesystem angewiesen (Gahleitner 2017; s. auch das Konzept der sequenziellen Traumatisierung nach Keilson 2005).

Die Institutionen der DDR-Jugendhilfe waren mit dem Anspruch angetreten, für eine gewaltfreie Erziehung und für Schutz und Bildung von Kindern und Jugendlichen zu sorgen (Dreier-Horning und Laudien 2021) – die Befunde der Befragung zeigen jedoch ein anderes Bild: 80 % der Befragten berichteten von emotionaler Vernachlässigung, 77 % von körperlicher Vernachlässigung, 59 % von emotionaler Misshandlung, 47 % von körperlicher Misshandlung und 41 % von sexuellem Missbrauch in unterschiedlichen Ausprägungen während ihrer Zeit im Heim. Körperliche und psychische Gewalt sowie sexueller Missbrauch durch das Heimpersonal wurde ebenso berichtet wie Gewalt, die von anderen, meist älteren Kindern und Jugendlichen verübt wurde.

Berichte von Misshandlung und Vernachlässigung liegen aus allen Heimformen (Normalheimen, Spezialheimen und Durchgangsheimen) vor und werden aus allen Zeiten berichtet. Dennoch zeichnet sich deutlich ab, dass Menschen mit Spezialheimaufenthalten von längeren und härteren Strafen und stärker ausgeprägter Gewalt der Kinder und Jugendlichen untereinander berichteten.

Welche belastenden Gefühle solche Erfahrungen mit sich bringen konnten, beschreibt eine Teilnehmerin wie folgt: »Die Heimzeit war geprägt von Todesangst, Kälte, Alpträumen, emotionalem Mangel, das Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein […] keine Verbindung zu anderen, zur Welt, Dissoziation, Verlustangst, tiefste Trauer, Warten auf den Tod, Leere, Tristess, Daueranspannung, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Entsetzen.« (TN406)

Ein großer Teil der Studienteilnehmer:innen war sowohl in der Herkunftsfamilie als auch in den Einrichtungen der DDR-Jugendhilfe von Gewalterfahrungen betroffen: 71 % der Befragten berichteten von emotionaler Vernachlässigung, 67 % von körperlicher Vernachlässigung, 48 % von emotionaler Misshandlung, 35 % von körperlicher Misshandlung und 17 % von sexuellem Missbrauch in beiden Kontexten.

2.3.3 Exkurs: Gewalt unter Kinder und Jugendlichen in Heimen und deren Folgen

Es ist in den Expertisen zur DDR-Heimerziehung (Laudien und Sachse 2012) bereits beschrieben worden, dass vor allem kollektive Bestrafungen (die Gruppe wird vom Erziehungspersonal für das Fehlverhalten eines Einzelnen bestraft) gängige Praxis in Heimen und Jugendwerkhöfen waren (s. Kap. 6 in diesem Band). Dies konnte zu vielfältigen Konflikten der Kinder und Jugendlichen untereinander führen: »Was mir in [Ortsangabe] wehgetan hat, ist dieses kollektive Strafen, wenn IRGENDeiner IRGENDeinen kleinen Mist gebaut hat, gab‘s für alle Samstag kein Kino.« (TN195I)

Den gezielten Einsatz dieser Kollektivstrafen beschreibt eine Interviewteilnehmerin mit Normalheim-Erfahrung ausführlicher: »Es ist angeheizt worden, natürlich. […] Es gab ja häufig diese […] Strafe […] also irgendeiner hat irgendwas gemacht, was nicht in Ordnung ist, was nicht den Regeln entsprach und, das fand ich eben besonders perfid dann, da wurde eben nicht derjenige dafür bestraft, sondern um das noch mehr zu forcieren, wurde die Gruppe bestraft. Es wurde also vorher angekündigt, WEIL der und der das gemacht hat oder die das und das gemacht hat, leiden jetzt alle darunter, man kriegt keinen Nachtisch oder Ausgangssperre oder was auch immer, irgendwelche Dinge, die dann eingeführt wurden. Und dann wurde gesagt: Ja, ihr könnt euch wehren, damit er’s nicht wieder macht, so ich geh jetzt raus. Und ging der raus oder die