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Ledergesicht nennen die Leute im Dorf sie hinter ihrem Rücken. Manchmal auch direkt ins Gesicht. Was soll man auch von einem Mädchen halten, das so anders aussieht und dessen Vater verrückt genug ist, tagelang im Wald zu verschwinden und den Hof zu vernachlässigen? Doch als die Felder am Waldrand von Stinkfäule befallen werden und die Ernte verdirbt, ist Nalia die Einzige, die Bauer Denzels Meinung nicht teilt. Er denkt, der Wald ist schuld, dass die Stinkfäule sich ausbreitet, und will ihn abbrennen. Nalia verzweifelt fast. Kann denn Denzel nicht erkennen, dass der Wald das Dorf schützt? An dem Tag, an dem die Brandrodung erfolgen soll, verschwindet ihr Vater wieder einmal im Wald. Wenn Nalia ihn vor dem Feuer retten will, muss sie dorthin gehen, wohin niemand aus dem Dorf sich je getraut hat: in das unheimliche Eichendunkel. Die Vorgeschichte der Schattenthron-Bände
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Angelika Diem
©Angelika Diem 2025
Cover und Illustrationen: Elena Münscher mit eigenen Grafiken
sowie einer Hirsch-Silhouette von Vladimir90/yayimages-com
Coverbilder der Vorschau: Designerin Marie Braner
„Nalia, das musst du dir anhören!“
Mit strahlendem Gesicht kam Flynn um die Ecke gelaufen. „Ich habe das Lied endlich zu Ende gespielt und ganz zum Schluss …“ Er brach ab, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Was ist los?“
Statt einer Antwort warf sie ihm eine Erbsenschote zu. Flynn fing sie auf und drehte sie in seinen schwieligen Fingern.
„Mach sie auf!“, sagte Nalia heiser und rieb sich die Unterarme. Sie beobachtete schweigend, wie Flynn die Schale aufbrach, sodass einige der Erbsen herauskullerten. „Du musst daran riechen.“
Flynn gehorchte. Kaum hob er die offene Schote an die Nase, verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse, über die Nalia hätte lachen müssen, wäre ihr nicht wütend, traurig und hilflos zugleich zumute. „Ihh!“ Flynn ließ die Schote auf den Boden fallen. „Was ist da drin denn gestorben?“
Rasch trat Nalia zu ihm und hob sowohl die Schote als auch die einzelnen Erbsen flink auf. „Das wüsste Brietta sicher auch gern“, sagte sie und ihre Stimme schwankte.
Flynn sog scharf die Luft ein. „Brietta, Arnulfs Frau? Verdammt, geht das schon wieder los?“
„Ich fürchte, Arnulfs Hof ist erst der Anfang“, seufzte Nalia und schloss die Hand vorsichtig um die Erbsen. Drei. Drei Höfe haben wir letzten Sommer an die Stinkfäule verloren. Und es begann auch da mit den Erbsen. Sie musste sich sehr zusammennehmen, um die fauligen grünen Samen nicht vor lauter Anspannung in ihrer Faust zu zerdrücken. Den Gestank würde sie tagelang nicht von der Haut bekommen. „Jetzt muss ich das Zeug erst mal loswerden.“
„Verfüttern?“
„Das haben wir letztes Jahr mit Melnurs Weizen probiert, weißt du noch? Nicht mal die Ziegen wollten davon fressen, und die knabbern doch sonst an allem, was nicht davonlaufen kann. Nur Fridda, das dümmste Huhn, hat drei Körner gepickt – und zehn Tage lang keine Eier mehr gelegt.“ Und die ersten drei danach hatten schwarze Dotter.
Flynn kratzte sich am Hinterkopf. „Hmm… Die Feuerstelle am Bach“, schlug Flynn vor. „Ich kann dort ein Loch in die Erde stochern und …“
„Da steckst du also!“ Ein sichtlich aufgebrachter Bauer Denzel kam um die Ecke gewalzt. Sein Gesicht leuchtete rosa und seine blondroten Strähnen glänzten feucht vor Schweiß.
Nalia zuckte zusammen und Flynn zog eine Grimasse. „Ja, Vater. Ich hatte Mutter gesagt, dass ich bei Nalia kurz nach dem Rechten sehe. Was gibt es?“
„Kurz nach dem Rechten sehen?“, schnaubte Denzel. „Du bist gleich nach dem Frühstück verschwunden und hast dich seitdem nicht wieder blicken lassen. Dabei kommt heute Joost mit seiner Frau und der ältesten Tochter Fenia vorbei. Du hast versprochen, das Mädchen nach dem Essen auf dem Hof herumzuführen, während ihr Vater und ich die Bezahlung der Kälber regeln.“
Flynn seufzte schwer. „Vater, unser Hof mag groß sein, aber unsere Kühe sehen auch nicht anders aus a die von Joost und unser Gemüse auch nicht. Da gibt es nicht viel zu zeigen, das Fenia interessieren könnte.“
Denzel fuhr sich durch seine schütteren Haare. „Jetzt sei nicht so stur! Du weißt, dass Joost und ich alte Freunde sind, und seine Fenia ist genauso hübsch wie ihre Mutter als junges Mädchen war. Du kannst froh sein, dass sie nicht schon …“
„Tut mir leid, Vater“, unterbrach ihn Flynn. „Ich habe noch nicht vor zu heiraten. Vielleicht in fünf Jahren, aber nicht früher. Bis dahin will ich mehr vom Land gesehen haben als nur Weiden, Wald und Kühe.“
Der Bauer sah erst Nalia an, dann wieder seinen Sohn. „Und wie willst du das Silber für deine Reisepläne aufbringen? Etwa durch dieses unnütze Saitenzupfen?“
„Das nennt sich Musik, Vater.“ Flynn schob das Kinn vor und senkte den Kopf. Seine sonst so ruhige Stimme wurde bei jedem Wort ein wenig lauter. „Sie bringt Freude in die Herzen der Menschen.“ Er machte eine kurze Pause. „Unser Dorf braucht das.“
Denzel musterte Flynn aus schmalen Augen. „Wie meinst du das, Sohn?“ Sein Kinn wies auf Nalia. „Hat sie dir wieder Flausen in den Kopf gesetzt?“
Nalia kam die Galle hoch. Du aufgeblasener Ochsenfrosch! Sie trat vor Flynns Vater hin und hielt ihm die offene Erbsenschote vor die Nase. „Nennst du das eine Flause, Bauer Denzel? Das ist alles, was von Arnulfs und Briettas Ernte übrig ist.“
„Igitt, tu das weg!“ Denzel trat einen Schritt zurück und wedelte mit der Hand, um den Gestank aus der Schote zu vertreiben. „Brietta und Arnulf, sagst du?“ Er rieb sich das Kinn. „So, so …“
Nalia schloss die Faust wieder. Ich hätte sie ihm in den Mund stopfen sollen. „Nein!“, sagte sie scharf. „Du wirst zwei Paar neuer Hungerhände auf deinen Hof bekommen, wo sie für zwei Teller Suppe und einen Brocken Brot den Mist deiner Kühe aus den Ställen schaufeln müssen. Der Dorfkreis hätte dir das schon bei Melnur niemals durchgehen lassen dürfen.“
„Hüte dein freches Mundwerk, Ledergesicht!“, zischte Denzel.
„Wie hast du Naliandra gerade genannt, Vater?“ Flynn schob sich zwischen die beiden. „Du hast kein Recht, sie zu beschimpfen.“
„Schon gut, Flynn. Ich weiß, wie mich manche hinter meinem Rücken nennen.“ Nalia legte ihm die Hand auf den Arm und er trat zur Seite, sodass sie Denzel in die Augen sehen konnte. „Etwa neidisch, dass ich im Sommer Stunden auf dem Feld stehen kann, ohne dass ich rot werde wie eine Himbeere und sich mir die Haut von der Nase schält?“ Denzel schnappte nach Luft. Einen Lidschlag lang genoss Nalia seine Sprachlosigkeit, dann wechselte sie rasch das Thema. „Arnulf hat mir erzählt, dass er und Brietta zu Verwandten an die Südküste ziehen. Wahrscheinlich packen sie gerade.“
„Und ihr Hof?“, fragte Denzel hastig. „Wem wollen sie das Haus und die Ställe übergeben? Bestimmt nehmen sie auch nicht alle Tiere mit.“
„Das überlassen sie der Entscheidung des Dorfkreises. Sie hoffen, dass er die nächsten Tage zusammentrifft, damit sie gleich danach aufbrechen können.“
„Das lässt sich einrichten.“ Er straffte die Schultern. „Flynn, lauf zur Dorfschule und verteil ein paar Kupferstücke an die flinksten Läufer! Sie sollen an jede Tür klopfen und verkünden, dass morgen Abend bei der alten Eiche eine große Versammlung stattfindet.“
„Willst du nicht erst die Meinung der Grauen und Weißen einholen?“, fragte Nalia verwundert. Da sich der Dorfkreis aus den ältesten Frauen und Männern zusammensetzte und einige davon einen rechten Dickkopf hatten, dauerte es mitunter eine Woche, bis sich alle auf einen bestimmten Versammlungstag einigten.
Denzel machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wir machen es wie schon das letzte Mal: Jeder bringt einen Korb oder einen Topf mit Essen mit und wir stellen alles an einer langen Tafel auf. Sobald eine Entscheidung gefallen ist, darf der Dorfkreis darüber herfallen. Für so ein Festmahl würden sie alle dreimal am Tag zu einer Versammlung kommen.“
Nalia nickte widerstrebend. Wo er recht hat … Sie konnten nicht Tage zuwarten, wenn so viel auf dem Spiel stand. Wenn die Stinkfäule weiter um sich greift, verlieren wir am Ende noch mehr als die drei Höfe vom letzten Jahr. Denzel, der reichste Bauer im Dorf, war es auch gewesen, der das Vieh, die Ställe und das Land von zwei der drei betroffenen Bauern vom letzten Jahr übernommen hatte. Ihr schauderte bei dem Gedanken, dass ihm irgendwann jedes Fleckchen Land und jede Kuh gehören würde. „Gut“, sagte sie, „machen wir es so. Vater wird auch dabei sein wollen.“
„Wenn er nicht wieder wie ein Waldschrat daherkommt.“
Diesen Spruch konnte Nalia ihm nicht einmal übel nehmen, hatte sie doch gestern Stunden gebraucht, um ihren Vater von einem wandernden Stück Waldboden in einen Menschen zurückzuverwandeln.
„Keine Sorge“, entgegnete sie trocken. „Er wird genauso sauber sein wie die anderen Grauen.“
Denzel murmelte etwas Unverständliches, ehe er sich wieder seinem Sohn zuwandte. „Und du kommst jetzt mit und zeigst Fenia den Hof wie abgemacht, oder willst du, dass ich und deine Mutter vor unseren Freunden das Gesicht verlieren?“
„Vater, ich habe Nalia versprochen …“
„Geh mit ihm!“ Nalia knuffte ihn in den Rücken. „Vielen Dank, dass du mir beim Dreschen geholfen hast. Den Rest schaffe ich selbst. Grüß mir Ceridwen.“
Der Hinweis auf seine Mutter wirkte. Leise vor sich hin grummelnd trottete Flynn seinem Vater nach.
Nalia atmete auf. Je seltener Denzel ihren Hof betrat, desto besser. Sie mochte es nicht, wie sein Blick abschätzend über ihren Garten und die wenigen Felder glitt. Als ihr Vater das erste Mal länger als drei Tage ausgeblieben war, hatte er ihr sogar ein Angebot gemacht, nur für den Fall … Lediglich Ceridwens Anwesenheit hatte verhindert, dass sie Denzel damals mit klaren Worten gesagt hatte, wohin er sein Gold stecken könnte.
Zum Glück war ihr Vater vier Tage später wieder aufgetaucht, verdreckt, mit zerrissenen Kleidern und einem so zufriedenen Ausdruck, wie Nalia seit dem Tod der Mutter nicht mehr in seinem Gesicht gesehen hatte. Der Wald hat ihm geholfen, mit seiner Trauer fertig zu werden. Und ich hatte so viel zu tun ohne ihn, dass ich am Abend zu müde war zu weinen oder mich zu fürchten. Getrennt voneinander hatten sie zu heilen begonnen in diesem Jahr.
Am Ufer des Baches schob Nalia die Erbsen an der Feuerstelle zwischen ein paar dürre Zweige und entzündete ein kleines Feuer. Angeekelt beobachtete sie, wie die Flammen das verfaulte Grün verzehrten und dabei schwarze Wölkchen ausspuckten, die sich nur zögernd auflösten. Sie wartete, bis der Rauch wieder seine normale graue Farbe angenommen hatte. Anschließend schob sie mit einem Ast die Asche auseinander, um sicherzugehen, dass von den Erbsen nichts mehr übrig war, ehe sie die letzten Funken löschte. Wieder und wieder spülte sie ihre Hände im Bach, bis ihre verschrumpelten Finger vor Kälte brannten.
Zurück am Hof schlich sie sich auf nackten Sohlen ins Haus, um ihren Vater nicht zu wecken. Er hatte heute Morgen nur einen Becher Milch getrunken und etwas Getreidebrei gelöffelt, war dann wieder unter seine Felle gekrochen und sogleich eingeschlafen. Neugierig, was er dieses Mal alles aus dem Wald mitgebracht hatte, huschte sie an seinem Lager vorüber zu den Körben und Beuteln, die er gestern Abend achtlos in eine Ecke gestellt hatte. Behutsam begann sie, die „Beute“ auszupacken und zu sortieren: Giersch, Minze und Melisse, Steinpilze und Pfifferlinge, Zunderschwämme, ein Körbchen gefüllt mit Waldhimbeeren und schwere Dolden schwarzer Holunderbeeren.
Nalia trug den Beutel mit den grünen Blättern nach draußen, um sie eine große Schale kaltes Wasser zu stellen, damit sie länger frisch blieben. Die Pilze legte sie einem flachen Korb und dann setzte sie sich auf einen Hocker neben der Feuerstelle und begann, die Holunderbeeren von den Dolden zu zupfen. Während sie geschäftig war, drehte sich ihr Vater einmal zu ihr um, öffnete kurz die Augen, grunzte zustimmend und nickte wieder ein. So erschöpft war er noch nie. Was hat ihn im Wald nicht schlafen lassen?, fragte sie sich besorgt, während die Holzschale sich mit den kleinen, dunklen Beeren füllte und ihre Finger sich rotblau färbten.
Sie war gerade mit der letzten Dolde fertig, da raschelte es unter den Fellen und ihr Vater richtete sich langsam auf. Er streckte die Arme und gähnte herzhaft.
„Gut geschlafen?“, fragte sie und schob neue Aststücke in die Glut.
Bran sah auf ihre Hände und die Beeren in der Holzschale. „Machst du Holundermus?“ Er fuhr sich durch die verstrubbelten graubraunen Haare und den langen Bart.
„Ein Kamm liegt im Korb neben dem Brunnen, Vater.“
„Wofür?“, brummte er und schob seine langen Strähnen hinter die Ohren, ehe er mit dem kleinen Finger in einem der Ohren bohrte.
„Damit dir die Haare nicht ins Mus hängen“, erwiderte Nalia und kippte die Beeren in den Tonkochtopf. „Lederschnüre liegen auch dabei“, und mit einem Blick auf seine Hände fügte sie hinzu, „ebenso ein Stück Seife.“
„Seife?“ Bran verzog das Gesicht. „Davon habe ich gestern mehr als genug abbekommen, noch etwas mehr und du hättest mir die Haut vom Fleisch geschrubbt.“
Nalia horchte auf. Da war eine Unsicherheit in seiner Stimme, die er vergeblich zu überspielen versuchte. Sie rückte den Topf an den Rand und stand auf. „Was ist im Wald passiert? Du bist so anders als sonst.“
Er öffnete den Mund und noch bevor ein Wort über seine Lippen kam, ahnte Nalia, dass er ihre Besorgnis abtun wollte. Rasch hob sie die Hand. „Vater, bitte keine Lügen.“
Bran presste die Lippen zusammen und senkte den Kopf. „Du würdest dir nur Sorgen machen.“
„Zu Recht?“
Seine Hände spielten fahrig mit einem der Felle auf seinem Lager. „Natürlich nicht. Ich bin gesund zurück, oder?“
Nalia zog die Stirn in Falten. Was verbirgt er? „Wo warst du dieses Mal?“
Er zuckte die Schultern. „Hier und da, vielleicht ein bisschen weiter drin als sonst, aber …“
„Weiter drin?“, schnitt Nalia ihm das Wort ab. Als er nicht antwortete, trat sie an ihn heran. „Wie weit, Vater?“ Mit einer fließenden Bewegung hockte sie sich im Schneidersitz neben ihn und legte ihre Hand auf seine. Bran zuckte zusammen, sah zur Seite und schwieg.
Seine Haut fühlte sich kalt an und in ihr keimte ein Verdacht. „Das Eichendunkel, nicht wahr? Du warst im Eichendunkel. Wie lange, Vater?“
„Ich weiß es nicht!“ Als wäre ein Damm gebrochen, so sprudelten die Worte aus ihm heraus: „Als … als ich über den Bach sprang, war es kurz nach Mittag. Und … als ich wieder an der gleichen Stelle unter den Eichen hervortrat, konnte ich die Sterne sehen.“ Seine zitternden Finger umschlossen die ihren. „Wie viele Tage war ich fort, Nalia?“
„Fünf Tage, Vater.“
Bran schloss die Augen. „Drei. Dann muss ich drei Tage im Eichendunkel gewesen sein“, flüsterte er.
„Und du erinnerst dich an nichts, was du dort gehört oder gesehen hast?“
„Nicht wirklich.“ Er strich über seinen Bart. „Ich war weder ausgetrocknet noch verhungert, als ich wieder beim Bach war, also muss ich gegessen und getrunken haben. Und …“ Bran ließ ihre Hände los, stand auf und wankte zu den Körben und Beuteln hinüber. „Wo ist es denn …?“ Vorsichtig hob er das Körbchen mit den Beeren aus dem größeren Tragekorb, in dem er trockene Zweig- und Aststücke gesammelt hatte. Dann fischte er ein gutes Dutzend Aststücke heraus und schließlich etwas Flaches, etwa so groß wie seine beiden Hände, in ein Stück Wachsleinen gewickelt. Er reichte es Nalia, die ihm gefolgt war. „Und das hier hielt ich in den Händen. Also muss ich ihr Nest gefunden haben.“
Nalia schlug das Leinen vorsichtig zurück und ihre Augen weiteten sich. Das war die schönste Wabe, die sie jemals gesehen hatte. Fast alle Zellen waren mit kleinen Wachsdeckeln verschlossen, enthielten also reifen Honig. Eine Delikatesse! Nalia lief bei dem Duft das Wasser im Mund zusammen. Ein bisschen etwas in das Holundermus oder ein Klecks auf ein Stück Ziegenkäse – einfach köstlich! Behutsam packte sie die Wabe wieder in das Wachstuch. „Ich danke dir, das ist ein wahrer Schatz. Doch deshalb sich in das Eichendunkel zu wagen …“
„War meine Entscheidung.“ Seine Stimme klang wieder fester. „Und mir ist nichts geschehen. Ich habe noch alle Finger und Zehen, keine Warzen oder geheimnisvolle Male irgendwo. Und meine Haare sind nicht grauer als zuvor.“ Er ging zurück zu seinem Lager, ließ sich auf den Fellen nieder, lächelte und fuhr betont munter fort: „Ich brauche nur ein bisschen Ruhe und gutes Essen. Ist das Holundermus bald fertig?“
Statt auf seine Frage einzugehen, setzte sie sich wieder neben ihm auf den Boden und legte die Wabe vorsichtig zur Seite. „Das ist nicht alles, oder?“, fragte sie ruhig. „Die verlorene Zeit ist nicht der einzige Grund, warum du so durcheinander bist. Was war da noch?“
Ihre Frage wischte das Lächeln aus seinem Gesicht. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und starrte an ihr vorbei an die Wand. „Im Eichendunkel lebt etwas. Etwas Großes. Sehr Großes.“
„Genau deshalb geht niemand da hinein“, sagte Nalia und versuchte vergeblich, die Schärfe aus ihrer Stimme zu nehmen. „Das Etwas darf nicht auf uns aufmerksam werden. Stell dir vor, es ist hungrig und dein Geruch führt es zu uns ins Dorf“, wiederholte sie genau die Worte, welche jedes Kind in der Dorfschule wieder und wieder zu hören bekam.
Bran schüttelte heftig den Kopf. „Dann wäre es jetzt schon in unserem Haus. Ich habe noch Stunden gebraucht, die Körbe und Säcke zu füllen, es hätte mir ohne Mühe bis hierher folgen können.“ Er sah sie an. „Ist auch nur eine Ziege verschwunden oder ein Huhn? Ein Fisch aus der Räucherkammer?“
Nalia schüttelte den Kopf. Sie hatte auch keine verdächtigen Spuren gesehen, weder auf dem Weg noch auf dem Acker, wo sie heute Rüben geerntet hatte.
„Na also.“ Bran atmete tief durch und deutete auf die eingewickelte Wabe. „Vielleicht ist das Eichendunkel kein so schrecklicher Ort, wie unsere Vorfahren immer geglaubt haben, und das Etwas weder hungrig noch böse.“
Seine Tochter fasste ihn am Arm. „Du hast doch nicht vor, noch einmal dorthin zu gehen, Vater?“
Er mied ihren Blick. „Sicher nicht in nächster Zeit. Du wirst Hilfe bei der Ernte brauchen.“
„Niemals wieder Versprich mir, dass du niemals wieder da hineingehst.“ Nalias Stimme überschlug sich fast. „Du hast drei Tage verloren und weißt nicht wodurch. Was ist, wenn du das nächste Mal drei Monate verlierst und erst im tiefsten Winter wieder herauskommst? Du würdest auf dem Heimweg jämmerlich erfrieren.“
Bran kratzte sich am Bart. „Schon gut, schon gut. Der Wald ist auch ohne Eichendunkel groß genug.“
Nalia spürte, dass sie ihm kein deutlicheres Versprechen abringen konnte, und ließ seinen Arm los. „Ich brauche noch Äpfel für das Mus. Und nein, es ist nicht für uns, sondern für die Versammlung morgen.“
„Welche Versammlung?“
Während Nalia Wabe, Pilze und den Korb mit den Beeren verstaute, erzählte sie ihrem Vater von der Wiederkehr der Stinkfäule und dass Arnulf und Brietta ihren Hof aufgeben würden.
„Dummköpfe!“ Bran schüttelte den Kopf. „Ich habe ihnen gesagt, dass auf der Asche des Waldes nichts auf Dauer gesund wachsen kann. Das haben sie nun davon, dass sie auf Denzel gehört haben statt auf mich.“
„Das wirst du Arnulf und Brietta nicht unter die Nase reiben! Den beiden geht es auch ohne deine Sprüche schlecht genug.“
Bran grummelte etwas in seinen Bart und schob die Felle zurecht.
„Mach es dir nicht zu bequem“, sagte sie und rührte das Mus durch. „Du könntest die Ziegen in das südliche Kleefeld führen und den Wassertrog dort füllen. Dann müssen wir deinen besten Kittel auslüften und …“
„Schon gut, schon gut!“ Bran griff nach dem Eichenstab, der neben den Fellen lag, stand auf und streckte sich. „Etwas frische Luft wird mir guttun.“
Nalia sah ihm nach, wie er aus dem Haus spazierte. Am liebsten wäre sie mit ihm gegangen, nur um sicher zu sein, dass er nicht die Richtung zum Wald einschlug. Ich muss ihm einfach vertrauen. Wenigstens bis die Ernte vorüber ist, dachte sie, und griff nach der Wabe, um das Mus zu süßen. Je verlockender das Essen roch, desto mehr würden sich die Ältesten anstrengen, rasch zu einer Einigung zu kommen, anstatt über Kleinigkeiten zu streiten wie sonst.
*
„Und mit dem Hof von Arnulf und Brietta sind es jetzt schon drei, die von der Stinkfäule befallen worden sind“, tönte Denzels Stimme über die Wiese. „Wir müssen darauf reagieren.“
