Eifelmädchen - Carola Clasen - E-Book

Eifelmädchen E-Book

Carola Clasen

5,0

Beschreibung

Eifeler Witz und weiblicher Charme Bringen Sie mir meinen Sohn!" Mit diesen Worten schickt Daniel Weinberg, ehemaliger Offizier der US Air Force, der in den 70ern in Spangdahlem stationiert war, einen Detektiv nach Deutschland, um das Kind zu suchen, das seine deutsche Geliebte erwartete, als er sie zurücklassen musste. Tony Harper nimmt den lukrativen Auftrag an, der ihn zunächst nach Wittlich führt, wo er bald feststellen muss, dass er nicht der Einzige auf Spurensuche ist. Irgendjemand ist ihm stets einen Schritt voraus. In der Polizeibehörde Euskirchen findet unterdessen die offizielle Abschiedsfeier für Hauptkommissarin Sonja Senger statt. Doch man wartet vergebens, sie selbst erscheint nicht. Sie ist und bleibt unerreichbar. Was ist geschehen? Ihre Nachfolgerin, eine junge Kommissarin aus Köln, fühlt sich magisch angezogen vom dunklen Geheimnis, das das Forsthaus am Ende der Stromleitung umweht.

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Carola Clasen

Eifelmädchen

Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:

»Novembernebel«

»Das Fenster zum Zoo«

»Tot und begraben«

»Auszeit«

»Schwarze Schafe«

»Wildflug«

»Mord im Eifel-Express«

»Spiel mir das Lied vom Wind«

»Tote gehen nicht den Eifelsteig«

»Die Eifel sehen und sterben«

»Nirgendwo in der Eifel«

»Sechs in der Eifel«

»Atemnot«

Seit 1998 schreibt Carola Clasen Kriminalromane, die in der Eifel spielen. »Eifelmädchen« ist ihr neunter Roman mit der eigenwilligen Kommissarin Sonja Senger. Auch mit ihren Kurzgeschichten und Lesungen hat Carola Clasen sich einen Namen in der Region gemacht. Die »Queen of Eifel-Crime« ist Mitglied im Syndikat, lebt und arbeitet in Köln.

Carola Clasen

Eifelmädchen

 

Originalausgabe

© 2015 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von:

© ibush, © Stefan Körber – www.fotolia.de

Redaktion: Volker Maria Neumann, Köln

Print-ISBN 978-3-95441-255-6

E-Book-ISBN 978-3-95441-269-3

Jeder ist an allem schuld(F. M. Dostojewski 1821-1881)

Prolog

Der Tag hatte so gut angefangen.Sie wollten ausreiten, querfeldein, ohne ein Ziel, sie hatten den ganzen Tag Zeit. Es war sein Geburtstag.

Er war noch ein Anfänger und hatte bisher immer die kleine, sanfte Sally geritten, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Aber heute war ein besonderer Tag. Es war sein 18. Geburtstag.

Endlich erlaubte sie ihm, Black Magic zu reiten – einen pechschwarzen, selbstbewussten Hengst, der manchmal unberechenbar war. Sie wollte ihm eine Freude machen.

Sie ritten nebeneinander. Sie sagte ihm, was er tun und lassen sollte. Erst hörte er auf sie, aber dann packte ihn der Übermut, er gab Black Magic die Sporen und forderte sie zu einem Rennen heraus.

Im Galopp ging es über den Feldweg hinauf zu den Hügeln. Am Waldrand holte sie ihn ein, ritt ein Stück voraus, wollte ihm den Weg versperren, riss die Zügel herum und schrie ihn an.

Sie schrie auch noch, als ihr Pferd strauchelte, über den Ast am Wegesrand stolperte und die Böschung hinunterstürzte.Sie schrie auch noch, als es sich überschlug und gegen den Baumstamm prallte.

Dann war sie stumm und voller Blut.

1. Kapitel

Mr. Harper?«, fragte der junge Mann, der die schwere Eichentür aufzog.

Tony Harper nickte und bog die Schultern zurück.

»Bitte. Kommen Sie herein.«

Er betrat die dämmrige Empfangshalle, über der ein Geruch von Staub hing.

»Wenn Sie mir bitte folgen würden?«

Ihre Schritte auf dem alten, dunklen Teppich waren fast lautlos. Eine der Türen war angelehnt. Der junge Mann stieß sie auf und sagte: »Bitte sehr«, ehe er sich zurückzog und Tony sich allein auf der Türschwelle fand.

Ein Arbeitszimmer lag vor ihm, ein hoher, langgestreckter Raum mit zwei Fenstern. Vor einem war ein schwerer Vorhang zugezogen, durch das andere fiel ein breiter Lichtstrahl herein, in dem Staubkörner tanzten. Mittelpunkt war ein mächtiger Schreibtisch, hinter dem ein hagerer Mann saß und ihn müde herbeiwinkte.

»Dr. Weinberg!«, grüßte Tony den Mann. »Es freut mich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?«

»Setzen Sie sich.« Dr. Weinberg wies auf einen Ledersessel auf der anderen Seite seines Schreibtisches.

Tony ließ sich ächzend fallen. Mehr als achtzig Meilen über die Interstate 90, von Albany, New York, nach Springfield, Massachusetts, hatte er zurückgelegt, in einem klapprigen Gefährt, das die Bezeichnung Auto nicht mehr verdiente, und war von einem Stau in den anderen geraten. Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschöpft er von dieser Tortur war. Er konnte es sich nicht leisten. Er brauchte diesen Job dringend. Er war der erste, der ihm seit einem Monat angeboten wurde. Was immer dieser Dr. Weinberg gleich fordern würde, Tony Harper musste es erfüllen. Alles!

Alles? Nein, eines würde er nicht tun, eines um keinen Preis.

Aber Weinberg hüllte sich vorerst in Schweigen. Er sah nicht gut aus, fand Tony. Abgemagert schien der Mann ihm gegenüber, seine Hautfarbe war gelblich, die Schatten unter seinen Augen unübersehbar, die faltigen Wangen eingefallen. Seine ungewöhnlich hohe Stirn war von Altersflecken übersät. Seine hageren Hände zitterten auf den Armlehnen des Ledersessels. Er lehnte seinen Kopf zurück, als machte es ihm Mühe ihn zu halten. Tony schätzte ihn auf Ende siebzig.

Bis auf das Ticken einer stolzen Standuhr war es still. Still wie in einer leeren Kirche. Deckenhohe Bücherregale und schwere Teppiche waren eine gute Dämmung. Eine grüne Bankerlampe mit Messingfuß beschien den Schreibtisch mit der modernen Telefonanlage, einem Tischkalender, einer Schale für Stifte und einer dunkelbraunen Ledermappe.

Tony saß im Schatten. Er räusperte sich, um sich bemerkbar zu machen. Weinberg reagierte nicht. Seine Augen waren zugefallen, vielleicht war er eingeschlafen, vermutete Tony und erhob sich. Auf Zehenspitzen trat er neben Weinberg, hob vorsichtig den Deckel der Ledermappe mit dem Daumen an und lugte hinein. Ein kleiner Stapel marmoriertes, dickes Papier, auf dessen erster Seite unter einem rot-blauen Wappen in großen Lettern stand: LETZTER WILLE. Tony ließ die Mappe zufallen, als er ein kleines, knackendes Geräusch vernahm, das aus der Telefonanlage kam. Dort blinkte ein grünes Licht, aber das hatte es schon die ganze Zeit über getan.

»Geboren ist er Ende 1978«, vernahm er eine raue Stimme hinter sich.

»Wer?«, fragte Tony irritiert.

»Mein Sohn!«

»Ihr Sohn?«, wiederholte Tony. Wieso wusste Dr. Weinberg nicht das Geburtsdatum seines Sohnes?

»Finden Sie ihn!«

»Ich brauche seinen Namen – und das Problem ist gelöst.«

»Feldmann«, stieß Dr. Weinberg hervor.

Tony zog die Stirn in Falten. »Und der Vorname?«, wiederholte er freundlich und beugte sich ein wenig hinab.

Dr. Weinberg schüttelte den Kopf.

Wieso wusste er nicht den Vornamen seines Sohnes?

Er forderte Tony mit einer Handbewegung auf, sich wieder zu hinzusetzen. »Man hat Sie mir empfohlen.«

»Das freut mich«, brachte Tony mühsam hervor.

»Sie sollen gut sein.«

»Das bin ich«, bestätigte er und warf mit kühnem Schwung seine Haare zurück. Sie waren grau, steingrau, und lang, hingen fast bis auf seine breiten Schultern. Sie waren dicht und glatt, und er war stolz darauf. Damit konnte er locker seine Leibesfülle überspielen. Er legte ein Bein auf das andere und betrachtete liebevoll seine grasgrüne, handgestrickte Socke. Es gab jemanden, der für ihn strickte. Die alte Mrs. Blankworth.

»Dann machen Sie Ihrem Ruf Ehre.«

»Darum bin ich hier, Dr. Weinberg.«

»Ich würde es selbst tun, aber mein Arzt hat mir das Reisen untersagt.«

»Das tut mir leid«, sagte Tony halbherzig.

Weinberg klopfte mit einem krummen Zeigefinger auf die Armlehne. »Bringen Sie meinen Sohn hierher. Hierher in dieses Haus. Zu mir, haben Sie verstanden?«

»Selbstverständlich.«

»Und jetzt gehen Sie, gehen Sie endlich!« Weinberg winkte ihn davon.

»Moment, bitte«, warf Tony ein. »Was darf ich ihm sagen? Vielmehr – was soll ich ihm sagen?«

»Das ist Ihr Problem. Sagen Sie ihm, was Sie wollen.«

»Wie Sie meinen. Aber da gibt es noch etwas, was ich Sie fragen möchte.«

»Ihr Honorar?«, fragte Weinberg mit bitterer Miene.

»Nein, nein. Das hatten wir geklärt: 800 Dollar pro Tag plus Spesen.«

Tony musterte sein Gegenüber und hoffte, dass Weinberg sich in der Zwischenzeit nicht eines Besseren besonnen hatte.

»1.000, wenn Sie es in 14 Tagen schaffen.«

1.000! Tony stockte der Atem. Für 1.000 Euro am Tag würde er alles machen. Restlos alles.

»Wenn ich vorher sterben sollte, zahlt meine Firma Sie aus. Ich habe entsprechende Anweisungen gegeben. Sie sehen, ich habe vorgesorgt.«

»Wo soll ich nach ihm suchen?«, fragte Tony und ging in Gedanken alle nordamerikanischen Staaten durch, die er per Zug, Bus oder Auto leicht erreichen konnte.

»In Europa.«

»Nein!«, entfuhr es ihm. Dr. Weinberg ahnte nicht, was er da verlangte.

»In Deutschland.«

»Nein!« Tonys Stimme brach.

»Haben Sie etwas gegen Deutschland?«

»Nichts«, beteuerte er schnell.

Im Gegenteil: Deutschland war sogar ein winziger Lichtblick. Im Gegensatz zu Amerika, wo man lediglich mit der entsprechenden Sozialversicherungsnummer weiterkam oder dann, wenn der Gesuchte mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, gab es in Deutschland wenigstens ein sogenanntes Einwohnermeldeamt, das bei Recherchen behilflich sein konnte. Aber Fliegen?

»Wittlich heißt die Stadt.«

»Witt… Wie schreibt sich das?«

Weinberg buchstabierte, Tony schrieb.

»Sprechen Sie eigentlich deutsch?«, wollte Weinberg wissen.

Tony machte das internationale Zeichen für ein bisschen. »Aber das ist kein Problem. Unsere Sprache ist eine Weltsprache, nicht wahr?«

»Wir werden sehen. Was wollen Sie noch wissen?«

»Was ist mit der Mutter Ihres Sohnes?«

Weinberg schüttelte entschieden den Kopf. »Das gehört nicht hierher.«

»Ein Foto von ihr würde mir helfen.«

»Es gibt keines. Und wenn es eines gäbe, wäre es 36 Jahre alt.«

»Gut«, sagte Tony. »Aber Sie können sich doch sicherlich an ihren Vornamen erinnern?«

Weinbergs Blick wanderte über Tony hinweg und kehrte zu ihm zurück. »Berthilde«, gab er endlich preis, sprach den Namen so leise aus, als handelte es sich um eine geheime Information.

»Wie bitte?«

»Berthilde.«

»Schöner Name«, sagte Tony, weil er dachte, dass Weinberg das gern hörte. »Berthilde Feldmann.«

Weinberg nickte.

»Können Sie sich noch an den Namen der Straße erinnern, in der sie gewohnt hat?«

»Mozartstraße«, stieß Weinberg hervor und presste die Lippen aufeinander, als hätte er schon viel zu viel gesagt.

»Wunderbar«, lobte Tony ihn. »Und die Hausnummer?«

Weinberg richtete seinen Blick nach innen.

»Ist auch schon alles sehr lange her«, tröstete Tony ihn und bemühte sich, sein wachsendes Entsetzen über den Auftrag in Schach zu halten. Wie sollte er das Zoe beibringen? Sie kannten sich noch nicht lange, er ließ sie ungern allein. Er war eifersüchtig und sie empfänglich für Komplimente.

»Ich war von 1970 bis 1977 in Spangdahlem stationiert«, hörte er Weinberg sagen. »Ich war Captain bei der Air Force.«

Tony wartete, dass er fortfuhr. Aber er tat es nicht. »Danach sind Sie zurück nach Amerika?«, half Tony nach einer Weile nach.

Weinberg klopfte auf seine rechte Armlehne. »Ja, hierher. Ich musste zurück. Ich gehöre hierher. Mein Vater hatte große Pläne mit mir. Ich habe die Army quittiert und studiert. Wissen Sie, ich sollte immer in die Firma meines Vaters einsteigen. Und ich habe es nie bereut. Mir konnte überhaupt nichts Besseres passieren.«

»Was ist das für eine Firma?«, fragte Tony.

»Das Weinberg Research Center. Wir betreiben medizinische Grundlagenforschung und haben uns auf seltene Krankheiten spezialisiert. Krankheiten, an denen weniger als 10.000 Menschen weltweit leiden. Krankheiten, die nicht lukrativ sind, es lohnt sich nicht, sie zu erforschen. Die meisten Institute haben weder Interesse daran noch machen sie Geld dafür frei.«

»Sehr interessant. Und Sie haben das Geld?«

Dr. Weinberg überging seine Frage. »Wenn Sie es genauer wissen wollen, kann ich Ihnen eine Broschüre mitgeben.« Er öffnete die Schublade seines Schreibtisches und zog einen Hochglanzprospekt hervor. Er schob ihn Tony entgegen.

»Sie sind also Arzt?«

»Neurologe.«

»Und Sie leiten die Firma immer noch?«

»Im Prinzip ja. Was soll ich machen? Ich habe keinen Erben … mehr«, Dr. Weinberg schloss die Augen und schüttelte kaum merkbar den Kopf.

»Das tut mir leid«, sagte Tony und bemühte sich, Mitgefühl zu zeigen. Er dachte, dass es Schlimmeres auf der Welt gebe, zum Beispiel gar keine Firma zu haben.

»In einem rosa Haus hat Berthilde gewohnt«, hörte er Weinberg sagen.

Tony wollte ganz sicher sein, sich nicht verhört zu haben. »In einem rosa Haus auf der Mozartstraße, also.«

Weinberg nickte, ohne ihn anzusehen.

»Sie war doch sicher auch berufstätig?«

»Ja, sie war eine Blumenverkäuferin«, antwortete Weinberg. »So habe ich sie auch kennengelernt. Ich wollte Blumen kaufen für ein Abendessen, zu dem mich mein Colonel eingeladen hatte.« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Ich wollte Rosen für seine Frau kaufen, aber Betty, ich meine Berthilde, hat mich davon überzeugt, dass Lilien viel passender sind. Weiße Lilien hat sie mir verkauft, ich weiß es noch ganz genau.«

»Können Sie sich erinnern, wo das Blumengeschäft war?«

Dr. Weinberg nickte erst, aber dann schüttelte er bedauernd den Kopf.

»Gut«, sagte Tony, obwohl nichts an diesem Auftrag gut war. Außer dem Honorar.

»Wann fliegen Sie?«, fragte Dr. Weinberg und richtete sich auf.

»Ich nehme morgen sofort den ersten Flieger vom Albany International«, behauptete Tony und klang sehr entschlossen, obwohl sich sein Magen allein bei der Vorstellung, ein Ticket zu lösen, bereits verkrampfte.

»Erst?« Weinberg war enttäuscht. »Warum fliegen Sie nicht heute? Ich könnte das arrangieren. Ich habe noch immer gute Beziehungen zur Air Force, Sie landen direkt in Spangdahlem und können sofort loslegen …«

»Oh nein! Oh nein!«, Tony winkte erschrocken ab. Das ging viel zu schnell. Er musste sich erst seelisch auf den Flug einstellen. Dazu brauchte er mindestens eine Nacht. Eigentlich ein ganzes Leben. »Da muss ich Sie enttäuschen. Aber ich muss zuerst noch in mein Büro. Ich muss ein paar dringende Dinge erledigen und an meinen Assistenten delegieren, Sie verstehen, Sie sind nicht mein einziger Auftraggeber.«

»Nun denn«, kommentierte Dr. Weinberg sichtlich unzufrieden.

»Soll ich Sie telefonisch auf dem Laufenden halten?«, bot Tony an.

Weinberg winkte ab. »Auf keinen Fall. Unterstehen Sie sich. Sie bringen mir den Jungen. Sonst nichts.«

»Wird gemacht.«

Weinberg drückte auf einen Knopf auf seiner Telefonanlage und beugte sich über den Lautsprecher. »Unser Gast möchte gehen«, sagte er, als sich eine Frauenstimme meldete.

Kurz darauf öffnete sich die Tür und eine Frau ohne Alter erschien im Türrahmen.

Tony steckte seinen Notizblock ein, rollte den Hochglanzprospekt zusammen und schob ihn in die Tasche seiner schwarzen Cordjacke, die an den Rändern und am Kragen schon blank war. Er streckte die Hand aus und versprach: »Sie hören von mir.«

»Ich will nichts von Ihnen hören, ich will den Jungen hier haben.« Dr. Weinberg nahm Tonys ausgestreckte Hand nicht an. »Und beeilen Sie sich!«, sagte er und gab seinem Drehsessel einen Schwung, sodass er Tony den Rücken zukehrte.

»Das werde ich tun«. Auf dem Weg hinaus konnte Tony es nicht lassen, die Hausangestellte zu fragen. »Sind Sie schon lange für Dr. Weinberg und seine Frau tätig?«

»Seine Frau?«, fragte sie erstaunt zurück. »Er hat keine Frau.« Sie zog die schwere Eingangstür auf. »Gute Fahrt und auf Wiedersehen!«

Tony setzte einen Fuß auf die Außentreppe und holte tief Luft. Sie war klar, frisch und hell. Ein wahrer Genuss nach dem abgestandenen, staubigen Geruch im dämmrigen Inneren des Hauses. Der Blick in den Himmel versprach einen glänzenden Septembertag, den Tony nicht in Albany im Ridgefield Park würde genießen können. Keine durchzechten Nächte mehr im Bogie’s, seiner Stammkneipe. Keine vertrödelten Tage mehr lang ausgestreckt auf der Couch im Souterrain, ausgestattet mit einer Illustrierten, einem doppelten Whisky und Michael Jackson. Die Zeiten des bequemen Wartens auf einen Auftrag waren vorbei.

Als die Tür hinter ihm zugeschoben wurde, warf er einen Blick in den Hochglanzprospekt des Weinberg Research Centers. Gleich auf der ersten Seite fand er ein Foto des Firmeninhabers. Prof. Dr. Dr. Daniel Weinberg aus dem Jahre 1984. Ein heller, wacher Blick in einem schmalen Gesicht mit einem wohldosierten Lächeln. Er trug seine dunklen Haare raspelkurz.

Im Text darunter folgte ein kurzer Abriss der Firmengeschichte. Die folgenden zehn Seiten widmeten sich Statistiken und grafischen Darstellungen über medizinische und geschäftliche Erfolge des WRC. Man rühmte sich der Zusammenarbeit mit anderen Instituten und diversen Universitäten. Schwerpunkt der Tätigkeit war die Erforschung seltener Erkrankungen, sogenannter orphan deseases. Die Liste dieser Erkrankungen, mit denen sich die Forschung nur ungern beschäftigte, war erschreckend lang. Tony hatte von keinem der Syndrome je gehört, aber sie klangen alle ziemlich aussichtslos. Erschüttert schlug er den Prospekt zu und steckte ihn wieder in seine Jackentasche. Eigentlich sollte er das WRC aufsuchen, um sich ein Bild von der Firma zu machen, aber der Senior hatte ihm keine Zeit gelassen, den Fall von der Pike auf zu recherchieren.

Tony sah sich um, hielt nach nichts Bestimmtem Ausschau, ließ den Anblick nur auf sich wirken. Das Gelände war menschenleer, gepflegt symmetrisch angelegt und mutete barock an. Exakt geschnittene Buchsbaumhecken schlängelten sich an den Kieswegen entlang. Zwei Springbrunnen plätscherten. Zwei Marmorstatuen bewachten einen kleinen Säulengang. Sogar die Vögel und die Wolken am Himmel traten paarweise auf.

Linker Hand waren eine Scheune und Stallungen zu erkennen, offene Boxen, eine Weide, ein kleiner Parcours und ein runder Longierplatz. Aber kein einziges Pferd war unterwegs.

Tony steckte die Hände in die Hosentaschen, stieg die Treppen hinab und pfiff Thriller von Michael Jackson. Der Auftrag war genial, 800, vielleicht sogar 1.000 an einem einzigen Tag! Unfassbar! Unvorstellbar! Wenn er zurückkam, konnte er sich ein neues Auto leisten. Und wenn er länger als 14 Tage brauchte, musste er nur sehen, dass er deutlich länger brauchte, dann kam er auch auf seine Kosten.

Wenn nur der Flug nicht wäre!

Wenn er Mrs. Blankworth, die seine Socken strickte, erzählen würde, dass er nach Europa reisen musste, würde sie ihm blaue Socken mit gelben Sternen stricken. Sie wohnte über ihm in Albany in der Norwood Avenue. Vielmehr wohnte er unter ihr im Souterrain. Er hatte der alten Damen zwei Jahre zuvor einen Dienst erwiesen. Sie war am helllichten Tag in ihrem Appartement überfallen und ausgeraubt worden. Nicht viel hatten die Diebe erbeutet, aber eine am Boden zerstörte Mrs. Blankworth zurückgelassen. Tony Harper war es – im Gegensatz zur Polizei – gelungen, den skrupellosen Einbrecher wenige Wochen später zu stellen. Der hatte das gestohlene Geld inzwischen allerdings ausgegeben, kam aber für eine Weile hinter Schloss und Riegel. Statt eines Honorars versprach Mrs. Blankworth Tony lebenslänglich handgestrickte Socken. Und sie strickte schnell, lieferte unaufhaltsam jeden Monat ein Paar ab. Ein fortschreitender grauer Star war schuld daran, dass die Socken mit der Zeit immer bunter und greller wurden und die Muster immer abenteuerlicher.

Tonys grasgrüne Socken leuchteten in der Sonne, als er auf sein rostiges Gefährt zuging, das in traurigem Kontrast zur gepflegten Umgebung stand. Über die Beifahrertür stieg er ein und quetschte sich zum Fahrersitz durch. Nach einigen Anläufen sprang der Motor gnädig an. Mit asthmatischem Husten wendete das Gefährt in der Einfahrt und entließ in die klare Landluft eine blau-schwarze Rußwolke, durch die Tony einen letzten Blick auf den beeindruckenden Herrensitz werfen konnte.

2. Kapitel

Frieda Stein zählte ein weiteres Mal die Umzugskartons, die sich vor ihr auftürmten. Sie kam auf vier Reihen à vier Kartons, das machte 16 Kartons. Ihre Wohnung stand schon randvoll. Heute ging es nicht um Möbel, sondern um Schrankinhalte: Geschirr, Kleidung und Bücher. Bücher stellten zwei Drittel ihres Besitzes dar.

Sie sprang von der Ladefläche des gemieteten Sprinters, griff nach einem Karton, trug ihn über den Bürgersteig zwei flache Stufen hinauf ins schmale Treppenhaus, das hinter den Glasbausteinen lag, und stellte ihn auf die anderen, die sie dort zwischengelagert hatte. Als sie ihn abstellte, spürte sie einen heftigen Stich in den Lendenwirbeln. Sie stöhnte auf und stemmte beide Hände in die Hüften. Vielleicht hätte sie doch das Angebot ihrer Freunde annehmen sollen, anstatt etwas theatralisch darauf zu bestehen, diesen Weg – diesen ungeliebten Weg – allein zu gehen, allein und aufrecht. Von aufrecht konnte bald keine Rede mehr sein.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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