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Klappentext: Eine kleine Insel vor der Küste Schottlands und ein Selkie auf der Suche nach der eigenen Bestimmung. Studentin Maggie erforscht mit Vogelkundler Jonathan und Veterinär Gavin das mysteriöse Verhalten von Kegelrobben. Dabei kommen die drei sich nicht nur gegenseitig näher, sondern auch einem unberechenbaren magischen Wesen in die Quere … Der Zauber der schottischen Mythologie vermischt sich in diesem Fantasyroman mit Umweltthemen und einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2024
Kristina Maria Dahl & Stefanie Biermann
Impressum
© 2024 Kristina Maria Dahl, Stefanie Biermann
Lektorat: Corinna Berz, Geflügelte Worte Satz & Layout: Christina Kotsch, Colorworks by Tina &
Lauren Hegemann, Enchanted Editing Covergestaltung: Christina Kotsch, Colorworks by Tina
Foto: Anna Petker, Anouk Fotografin
Druck und Distribution im Auftrag der Autoren: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte sind die Autoren verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autoren, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung Impressumservice, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
»One foot in sea and one on shore, To one thing constant never.«
William Shakespeare – Much Ado About Nothing
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Epilog
Danksagung
Die Autorinnen
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Widmung
Kapitel 1
Epilog
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PROLOG
Der prasselnde Regen weckte mich auf. Es war stürmisch geworden und ich verließ den Platz, an dem ich bis gerade noch ganz friedlich gelegen hatte. Unruhig und grau lagen die Wellen vor mir. Aber was war das für ein Licht dort hinten? Hatte sich tatsächlich jemand bei diesem Wetter aufs Meer getraut?
Ein Blitz erhellte den tiefgrauen Himmel und ich konnte kurz etwas mehr erkennen. Auf dem Boot befand sich eine kleine Gruppe von Touristen. Den fürchterlichen Donner, der direkt auf den Blitz folgte, konnte ich deutlich in meinem Magen spüren. Der Kapitän sollte lieber umkehren. Die Wellen schlugen immer höher und das kleine Boot schaukelte bedenklich. Doch was war das? In unmittelbarer Nähe des Ausflugskutters schwamm eine Robbe, die neugierig ihren Kopf aus dem Wasser streckte. Was sollte das? Sollte sie sich nicht lieber vor dem Unwetter in Sicherheit bringen?
Eine riesige Welle erfasste das Boot und überspülte das Deck. Ich konnte im anhaltenden Regen nicht mehr allzu gut sehen, aber ich machte die wankende Silhouette einer zierlichen Frau aus, die etwas im Arm hielt. Ein erboster, spitzer Schrei verriet mir, dass es sich um ein Baby handelte. Doch mit einem Mal verstummte das kleine Bündel. Eine weitere Welle begrub Mutter und Kind unter sich und auch ich wurde von den Wassermassen erfasst. Als ich mich wieder an die Oberfläche zurückgekämpft hatte, war nur noch die Mutter an Bord zu sehen und wenige Sekunden später sprang sie über die Reling in die aufgewühlte See.
Doch schon wurde ich erneut von einer riesigen Welle ergriffen und verlor kurz die Orientierung. Als ich nach einiger Zeit wieder auftauchte, war trotz der diesigen Nebelsuppe das Aufblitzen der nahen Leuchttürme von North Berwick und der Isle of May zu erkennen. Mit viel Mühe konnte ich das Boot in weiter Entfernung auf der unruhigen See schaukeln sehen.
Ich sollte lieber machen, dass ich von hier fortkam, denn ich konnte nichts mehr ausrichten. Seufzend peilte ich den Hafen von Anstruther an. Sie würden zu spät kommen, aber jemand musste schließlich der Küstenwache Bescheid sagen.
Ein wahres Festmahl hatte er sich genehmigt.
Nun spürte er, wie die neu gewonnene Kraft ihn durchströmte. Wie gut, dass er sich nicht mehr mit seinen heimischen Jagdgründen abgeben musste. Hier konnte er fürstlich speisen, während er dort ein kärgliches und unbedeutendes Leben geführt hatte. Die erste Seele hatte ihn etwas Mut gekostet, doch dann hatte er fest zugegriffen und nicht nachgelassen, ehe sein Hunger gestillt war. Er würde nicht als Märchen von dieser Welt verschwinden.
»Und vergessen Sie nicht, bei Ihrem Aufsatz muss es nicht um irgendwelche exotischen Einzelfälle gehen. Es geht um die Biodiversität, die Sie quasi vor Ihrer Haustür vorfinden. Ich bin gespannt auf Ihren Bericht!«
Mit diesen Worten schloss Professor Cleese die heutige Veranstaltung Einführung in die Meeresbiologie. Der Dreiklang des Gongs ertönte und entließ uns ins Wochenende. Nur eine Koryphäe wie der alte Cleese schaffte es am Freitagabend um 18 Uhr einen Hörsaal dermaßen zu füllen. Alle stürmten zum Ausgang, aber mir war das Gedränge zu groß. Ich blieb einen Moment stehen und wartete, bis sich das Gewimmel auflöste. Oben am Ausgang stand meine Freundin Rachel und wartete auf mich.
»Es tut mir leid, Maggie! Ich war heute so spät dran.«
Ich hatte ihr einen Platz freigehalten, bis es mir in der überfüllten Vorlesung dann doch zu unangenehm geworden war. Rachel fuhr sich durch ihre blonden Locken.
»Ich bin erst kurz vor Ende da gewesen und hab mich dann einfach hier oben auf die Treppe gesetzt. Weißt du schon, was du für diese Aufgabe machen willst, die er gerade aufgegeben hat? Ich muss sagen, ich bin da bisher etwas ratlos.« Sie sah mich erwartungsvoll an. Aber tatsächlich hatte ich auch noch keine zündende Idee.
»Vielleicht können wir da ja gleich bei einem Pale Ale drüber nachdenken«, schlug ich vor.
Das schien Rachel zu gefallen, denn ihre graugrünen Augen strahlten. »Sehr gute Idee! Verbinden wir das Angenehme mit dem Nützlichen. Hat der Professor sonst noch was Wichtiges erzählt?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nichts Bahnbrechendes. Im Moment hab ich das Gefühl, er wiederholt sich nur noch.« Professor Cleese hatte schon ein paar Semester auf dem Buckel und unterrichtete nur noch, weil er sonst seiner Frau zu Hause zu sehr auf die Nerven fallen würde. Das war zumindest das, was er uns Studenten erzählte.
»Hast du Zoé gesehen?«, fragte Rachel. Ich schüttelte den Kopf. »Ich texte ihr mal, sie kann ja noch nicht weit sein.« Rachel tippte und wir setzten uns in Bewegung. Schon nach kurzer Zeit kam Zoés Antwort. »Wir treffen uns mit ihr im Pub, sie muss noch kurz was erledigen. Im Morgan’s ist übrigens heute Karaoke!« Sie grinste mich verschwörerisch an.
Oje. Der gefürchtete Karaoke-Freitag. Ich hoffte nur, dass sie mich nicht wieder dazu nötigten, zu singen. Das war nicht gerade eine meiner Stärken.
Draußen ging ein bisschen Wind und es hatte sich inzwischen zugezogen. Vor der Vorlesung war am strahlend blauen Himmel noch nichts davon zu sehen gewesen, aber so war das nun mal an der Küste und woanders als am Meer zu leben, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Ich mochte St Andrews sehr gerne. Obwohl ich erst seit einem Jahr hier lebte, kannte ich die kleine Stadt inzwischen ziemlich gut. Und ich fand es herrlich, dass man alles gut zu Fuß oder mit dem Rad erreichen konnte. Ein Auto brauchten wir auf jeden Fall nicht, um zu unserer Lieblingskneipe zu gelangen.
Das Morgan’s war weder einer von den ganz kleinen Pubs für die Alteingesessenen noch einer von den großen herausgeputzten Golfläden, die es hier zuhauf gab. Es war ein Ort, an dem sowohl Studenten als auch Touristen zusammenkommen konnten, um sich einen richtig netten Abend zu machen.
Als Rachel die Tür öffnete, schlug uns gleich eine Woge der Gemütlichkeit entgegen: Fröhliche, lebendige Stimmen, der Geruch von leckerem Essen und angenehme Musik begleiteten uns, während wir uns einen Platz suchten, was sich heute als ziemlich schwierig herausstellte. Die wuchtigen dunklen Holztische waren restlos besetzt. Wir quetschten uns vorsichtig durch das Gedränge.
»Zoé schreibt gerade, dass sie für uns zwei Hocker an der Theke freihält!«, rief Rachel mir durch das Stimmengewirr zu.
Ich nickte und wir begaben uns auf den Weg dorthin.
»Hey! Gut, dass ihr kommt, lange hätte ich die nicht mehr verteidigen können.« Zoé sammelte ihre Tasche und ihre Jacke von den beiden Sitzgelegenheiten, die sie so für uns reserviert hatte. »Praktisch, oder? Wir sitzen direkt an der Quelle.« Und prompt hatte sie drei Pale Ale für uns bestellt, die der Barkeeper uns netterweise sofort vor die Nase stellte.
»Slàinte mhath!« Wir stießen miteinander an.
»Auf das wohlverdiente Wochenende!«, sagte Rachel und ließ ihren Blick durch den Raum streifen. »Oh, das fängt ja gut an.« Anscheinend hatte sie etwas oder vielmehr jemanden gesehen, der sie interessierte.
Ich rollte mit den Augen. »Na, wer ist es denn dieses Mal?« Vorsichtig zeigte sie mir einen jungen Mann in einem dunkelgrünen Pulli, der ein paar Tische entfernt mit seinen Freunden lachte.
»Der? Das ist doch noch ein Baby. Der hat ja noch die Eierschalen hinter den Ohren.« Und glatt wie ein Babypopo. Echt nicht meins.
»Ach, Maggie.« Zoé ergriff nun Partei für Rachel. »Für dich mag er ja zu jung sein. Du vergisst immer, dass du etwas älter bist als wir.«
»Danke für die Erinnerung«, antwortete ich gespielt beleidigt. Aber sie hatte recht. Ich fühlte mich bei Weitem noch nicht wie dreißig. Und Zoé und Rachel waren gerade mal Anfang zwanzig. Der haarlose Junge sollte Rachel also vergönnt sein. Ich wechselte das Thema.
»Und weißt du, was du mit der Aufgabe von Professor Cleese anfängst, Zoé?«
Sie schüttelte den Kopf, während sie an einer Strähne ihres glatten schwarzen Haars herumzwirbelte. »Ich hatte eigentlich gehofft, dass ihr da schon eine Idee habt.«
»Nein, leider nicht. Aber ich wohne ja auch noch nicht so lange hier. Solltet ihr beiden Einheimischen nicht vor Ideen sprudeln?« Ich sah meine Freundinnen erwartungsvoll an.
»Also, nur weil ich von hier komme, heißt das ja nicht, dass ich weiß, was alles in ganz Fife wächst und gedeiht«, meinte Zoé, während Rachel bereits aus dem Gespräch ausgestiegen war, weil der Mann im dunkelgrünen Pulli sich erhob und Richtung Theke kam.
»Benehmt euch, Mädels«, sagte sie, warf ihre blonden Locken in den Nacken und legte ihr strahlendstes Lächeln auf.
Seit ich hierhergezogen war, hatte mich noch kein Mann davon überzeugen können, ein derartiges Verhalten an den Tag zu legen. Ja, ich hatte mal das ein oder andere ansehnliche Exemplar entdeckt, aber bis ich mich so benehmen würde wie Rachel in diesem Moment, musste wahrscheinlich einiges passieren.
»Los, Maggie, wir suchen uns auch was!« Zoé hatte anscheinend vor, das möglichst schnell zu ändern.
Ich sah mich demonstrativ um. »Wo soll denn hier schon was sein?«
Sie lachte. »Ach, du bist zu wählerisch! Halt einfach mal die Augen offen.« Sie stieß mit mir an und nahm einen ordentlichen Schluck von ihrem Ale.
Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich damit, meinen beiden Freundinnen klarzumachen, dass ich nicht jeden zweiten Mann, der Richtung Bar kam, ansprechen wollte und auch keine Lust hatte, bei der Karaoke-Nacht mitzumachen, um mehr Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. So gern ich die beiden hatte, jetzt wurden sie langsam etwas anstrengend und mit steigendem Alkoholpegel wurde das leider nicht besser.
Um wenigstens mal ein paar Minuten meine Ruhe zu haben, ging ich zur Toilette. Als ich die Kabinentür hinter mir schloss, fiel die Anspannung nach und nach von mir ab. Manchmal waren mir all die Menschen zu viel. Hinzu kam, dass ich mich manchmal noch fremd hier fühlte. Aber was war schon ein Jahr, wenn ich fast dreißig Jahre woanders gelebt hatte?
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich hörte, wie sich die Tür öffnete und ein paar Frauen hereinkamen, die sich laut kichernd über ihre abendlichen Eroberungen austauschten. Alle waren auf der Jagd nach der großen Liebe. Bisher hatte ich nicht viel davon gehalten, doch die Mädels meinten, ich wäre wahrscheinlich noch nie richtig verliebt gewesen. Möglich war das. Ich wusste zwar, was mir Spaß machte, aber sonst?
Es wurde Zeit, wieder aus meinem Versteck aufzutauchen, sonst würden Rachel und Zoé bald einen Suchtrupp losschicken. Ich verließ die Kabine, wusch mir die Hände und vergewisserte mich, dass mein Mascara noch dort saß, wo er hingehörte. Den Spiegel hatten sie ein bisschen tief aufgehängt, so dass ich mich hinunterbeugen musste, um meine Haare zu begutachten. Etwas blass sah ich im Licht der Leuchtstoffröhre aus, aber das hatten wir Rothaarigen ja so an uns.
Auf dem Weg zurück blieb ich wie so oft an der Wand mit der Weltkarte hängen. Das war eine schöne Idee. Gäste konnten hier ein Post-it auf ihrem Herkunftsland hinterlassen. Es war wie ein riesiges internationales Gästebuch. Auf einen Zettel hatte ein Kind einen Seehund gemalt und irgendwie hatte ich das Verlangen, dieses Postit zu berühren, was eine ganz schlechte Idee war. Der Zettel fiel herunter und damit löste ich eine Kettenreaktion aus, bei der alle Zettel aus Südengland zu Boden glitten.
»O bitte, nein«, sagte ich laut und fing an, die hinterlassenen Grüße wieder einzusammeln.
»Kann ich vielleicht helfen?«, fragte jemand hinter mir.
Hockenderweise drehte ich mich um und sah in schöne dunkle Augen, die mich neugierig und amüsiert ansahen. Ich musste tatsächlich kurz schlucken, bevor ich etwas antworten konnte. Dieses Männer-Exemplar war einfach …
Jetzt bloß ruhig bleiben. Haltung wahren und nichts anmerken lassen. »Ich habe Südengland zerstört. Mir ist jede Hilfe willkommen.« Ich lächelte ihn an. Zu doll? Zu wenig? Könnte mir mal jemand sagen, was ich hier tue?
Der große, schlanke Mann trug ein schwarzes Hemd und eine dunkelblaue Jeans, die seine langen, gut geformten Beine betonte. Mit einem umwerfenden Lächeln auf den Lippen kniete er sich zu mir auf den Boden, um mir bei der Behebung meines Missgeschicks zu helfen. Seine dunklen Haare fielen ihm dabei in die Stirn. Ich hätte sie unheimlich gerne berührt. Aber eine innere Eingebung sagte mir, dass das wohl nicht die gängige Praxis im Balzverhalten von Menschen wäre.
»Wo sollte deine Nachricht denn eigentlich hin?«, fragte er beiläufig, während er die Zettel einsammelte.
»Ach, ich wollte nur etwas anschauen. Ich wohne ja hier in St Andrews«, sagte ich, während ich versuchte, ihn nicht weiter anzustarren.
»Tatsächlich?« Er zog die Augenbrauen hoch.
Wunderschöne Augenbrauen.
»Ja, ich wohne seit einem Jahr hier.«
Wir erhoben uns. Alle Zettel waren wieder an ihrem Platz.
»Vielleicht sieht man sich dann mal?«, fragte der schöne fremde Mann und fuhr sich dabei über seinen Drei- oder auch Fünftagebart.
Ich musste jetzt ganz schnell hier weg, bevor ich noch anfing, ihm in diese perfekten Haare zu fassen. »Ja, bestimmt. Danke fürs Helfen«, sagte ich und drehte mich auf dem Absatz um.
Ich hoffte, dass ich dabei möglichst lässig aussah und vor allen Dingen, dass ich mich nicht genau jetzt auf die Nase legte. Einmal ungeschickt sein, geht noch als niedlich durch, aber irgendwann wird es einfach nur peinlich. Leider hatte ich genau diese Eigenschaft. Als wäre ich nicht dafür gemacht, mich auf zwei Beinen zu bewegen. Darum war ich froh, dass ich in diesem Moment einen einigermaßen eleganten Abgang hinbekam.
Rachel und Zoé hatten sich in meiner Abwesenheit offensichtlich anderweitig beschäftigt. Während Zoé gerade I will always love you zum Besten gab, sah ich Rachel in einer Ecke mit dem Jungen von vorhin herumknutschen. Ein bisschen neidisch war ich schon und der hilfsbereite Mann mit den ausdrucksstarken Augenbrauen spukte mir im Kopf herum. Warum hatte ich ihn nicht nach seiner Handynummer gefragt, oder wie er hieß, oder überhaupt irgendetwas?
Ich setzte mich noch einmal kurz an die Theke und trank den letzten Schluck Bier aus. Mein Blick wanderte durch den Raum, aber leider konnte ich den großen, gutaussehenden Mann nirgendwo entdecken. Wahrscheinlich war es an der Zeit nach Hause zu gehen. Zoé und Rachel würden mich jetzt auf jeden Fall nicht mehr vermissen. Ich schrieb den beiden kurz eine Nachricht, damit sie nicht auf mich warten würden und verließ das Morgan’s.
Die Luft war angenehm kühl und roch nach Salz. Es nieselte ein bisschen, aber das machte mir nichts aus – im Gegenteil, ich fand es richtig angenehm.
Nach einer Viertelstunde kam ich zu Hause an. Im Dunkeln sah das Reihenhaus nicht besonders einladend aus. Wie eine lange graue Wand warf es im Mondlicht seinen riesigen Schatten. Aber das täuschte, ich war sehr zufrieden mit meiner kleinen Wohnung unter dem Dach. Unten brannte noch Licht. Ob ich einmal nach ihr schauen sollte?
Meine Oma Margret war über achtzig und litt an Demenz. Bisher kam sie erstaunlicherweise sehr gut allein zurecht und ich kümmerte mich natürlich auch um sie. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis wir einen Pflegedienst brauchen würden oder sie in ein Heim ziehen müsste. Daran mochte ich nicht denken, denn sie war mir in dem vergangenen Jahr, seitdem ich bei ihr wohnte, ziemlich ans Herz gewachsen. Mit einem kleinen Seufzer schloss ich die Tür auf.
Sie hatte das Licht in der Küche brennen lassen, sonst war aber alles wie immer. Ich schaute kurz ins Schlafzimmer und hörte, wie sie ruhig atmete. Gerade als ich rausgehen wollte, räusperte sie sich und ich zuckte kurz zusammen.
»Ich traue diesem Typen nicht über den Weg, Karen. Bist du sicher, dass du weiter mit dem ausgehen willst?« Eine kurze Pause folgte, dann stöhnte sie kurz. »Nein, warum? Wie konntest du nur?«, fragte sie vorwurfsvoll und fing im Schlaf bitterlich an zu weinen.
Ich setzte mich auf die Bettkante und hielt sie im Arm. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte, doch nach einer Weile hörte es auf und sie beruhigte sich wieder. Ich strich ihr über die silbernen Locken. »Alles gut, Oma. Ich bin ja da.« Was sie wohl geträumt hatte? Ich war auf jeden Fall wieder hellwach nach dem kurzen Schrecken. Jetzt schlafen gehen? Keine Chance. Vielleicht sollte ich noch eine Runde am Strand drehen? Das Rauschen des Meeres würde mich sicherlich beruhigen. Der Regen war stärker geworden, doch das würde mich nicht stören. Ich zog meine Schuhe also wieder an und trat vor die Tür.
Auf dem Weg zum Strand traf ich keine Menschenseele. Endlich konnte ich das Wasser sehen, oder zumindest die kleinen weißen Schaumkronen der Wellen, die im Mondlicht funkelten. Die Ruine der St Andrews Kathedrale, die ich von hier gut sehen konnte, hatte etwas Gespenstisches. Schade, dass nur so wenig davon übriggeblieben war. Wenn man die beiden Türme an der Front des Gotteshauses so betrachtete, mussten sie im 14. Jahrhundert Teil eines beeindruckenden Bauwerks gewesen sein. Ich hatte mich schon oft gefragt, wie diese zwei einsamen Riesen es geschafft hatten, Wind und Wetter zu trotzen und einfach stehen zu bleiben. Vielleicht lag es an der hiesigen Mentalität. Die Menschen in St Andrews konnten ziemlich stur sein. Eventuell hatte sich das auf sie übertragen.
Als ich vor einem Jahr hierhergekommen war, hatte ich mich erst sehr an den Ort und seine Bewohner gewöhnen müssen. Alles war ganz anders gewesen als zu Hause. Und doch hatte die Gegend etwas merkwürdig Vertrautes. Hier wurde ich geboren und hier ganz in der Nähe hatte ich viel zu früh meine Mutter Karen verloren, über die ich so gut wie nichts wusste. Ab und zu erfuhr ich durch Oma etwas von ihr. Doch das waren nur Fragmente, die so schwierig zusammenzusetzen waren wie ein Tausend-Teile-Puzzle, das über die ganze Nordsee verteilt war. Aber ich war froh über jedes Wort, das ich noch mit ihr wechseln durfte. Sie war die einzige Familie, die mir noch blieb.
Gedankenversunken schlenderte ich am Strand entlang, genoss das beruhigende Rauschen des Meeres und die salzige Luft.
Eine sympathische, hübsche junge Frau. Warum hatte ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt, als ich ihr beim Aufheben der Zettel geholfen hatte? Manchmal glaubte ich, dass ich mir absichtlich selbst im Weg stand. Ich überlegte kurz, ob ich nochmal umdrehen sollte, um zu schauen, ob sie noch im Pub war, doch ich ließ die Tür des Morgan’s hinter mir zufallen.
Wahrscheinlich wäre es besser, jetzt gleich ins Bett zu gehen, es war ein anstrengender Tag gewesen. Ich würde zwar aller Voraussicht nach sowieso wieder keinen Schlaf finden, aber vielleicht würde der Spaziergang nach Hause mich ein bisschen müde machen. Das Kopfsteinpflaster glänzte nass im Schein der Straßenlaternen. Ich schlang meinen Mantel eng um mich. Nachts wurde es noch ganz schön kalt, obwohl es schon Mai war.
Schlafschwierigkeiten hatte ich seit meiner Jugend. Damals hätte ich niemals gedacht, dass ich bis ins Erwachsenenalter Probleme damit haben sollte. Jetzt war ich über vierzig, aber keine Besserung in Sicht. Anfangs hatte ich eine Therapeutin besucht. Das war nach dem Tod meiner Mutter auch dringend notwendig gewesen. Doch nach einem Jahr der Trauer hatte mein Vater entschieden, dass mich die Gesprächstherapie nicht weiterbrachte. Er sagte mir, er wolle das Geld »gewinnbringender« anlegen, kaufte mir eine neue Golf-Ausrüstung und meldete mich auf einer Eliteschule an. Meine Schlafschwierigkeiten blieben merkwürdigerweise.
In der Ferne sah ich die Ruine der St Andrews Kathedrale. Ich hatte schon oft darüber nachgedacht, dass sie die perfekte Kulisse für einen Geisterfilm wäre, aber wahrscheinlich würden Filmemacher dann Probleme mit den Denkmalschützern kriegen. Vielleicht würde ich zu Hause einfach noch einen Film anschauen. Ein guter Hitchcock ging immer. Es wirkte sich tatsächlich nicht auf meine Schlaflosigkeit aus, was ich abends im Fernsehen sah, egal ob Liebes- oder Horrorfilm. Allerdings half mir ein guter Whisky oft dabei, wenigstens etwas herunterzukommen.
Eine lange Einfahrt lag zwischen der Straße und meinem Haus. Viel zu viel Platz war für mich allein darin, aber mein Vater hatte mich damals dazu überredet und mich finanziell unterstützt.
»Das ist eine Investition für die Zukunft! Denk nach, bevorzugte Wohnlage, zentral, aber kinderfreundlich! Welche Frau kann da ›nein‹ sagen?«
Bis jetzt hatten alle irgendwann ›nein‹ gesagt oder ich hatte es beendet. Die Hoffnungen meines Vaters für dieses Haus wurden bisher nicht erfüllt. Vielleicht war ich einfach nicht für Beziehungen gemacht? Und vielleicht hatte ich deswegen die nette Rothaarige gerade nicht nach ihrem Namen gefragt.
Ich schloss die Tür auf, hängte meinen Mantel an der Garderobe auf und ging geradewegs in die Küche, um mir einen ordentliches Glas Whisky einzuschütten. Allein der Geruch des Glenfarclas beruhigte mich schon. »Slàinte mhath«, prostete ich dem leeren Raum zu.
Um acht Uhr klingelte mein Wecker. Tja, Maggie, selbst schuld. Mein Schädel dröhnte und ich verfluchte mich, dass ich so dumm gewesen war, so lange wach zu bleiben.
Jedes zweite Wochenende half ich im Institut für Meeresforschung, im Osten der Stadt aus. Ich hatte dort vor meinem Studium ein Praktikum gemacht und die Fachbereichsleiterin Dr. Charlotte Hunter war so von meiner Arbeit überzeugt gewesen, dass sie mich gefragt hatte, ob ich neben dem Studium Lust auf einen Aushilfsjob hätte. Und solch eine Chance ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Das Institut war vor wenigen Jahren komplett neu gebaut worden. Gerade der Bereich für die Forschung an Meeressäugern war beeindruckend.
Hoffentlich lag heute nichts Besonderes an, denn ich war erst mal für nichts zu gebrauchen. Müde steckte ich mir einen Müsliriegel und eine Flasche Wasser in den Rucksack und schwang mich auf mein Fahrrad.
Zwanzig Minuten später war ich da. Der frische Wind hatte mir gutgetan, auch wenn mir immer noch fast die Augen zufielen. Die Sonne spiegelte sich in den großen Glasfronten des Gebäudes und blendete mich. Aber wenn ich abgelenkt wäre, würde sich die Müdigkeit sicherlich schnell verflüchtigen. Von wegen. Der Tag zog sich hin wie Kaugummi. Ich putzte Scheiben, fütterte Seehunde, sortierte Flyer … Und immer wieder fiel mein Blick auf die Uhr. Ich wollte einfach ins Bett und schlafen.
Schließlich war der Feierabend nahe. Es war inzwischen fast 6 Uhr abends und draußen regnete es. Plötzlich kam Charlotte eiligen Schrittes zu mir herüber. Im Laufen zog sie sich ihren grauen Mantel an und nahm ihr braunes krauses Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen.
»Maggie, gut, dass ich dich gerade erwische! Hier kommt gleich ein Notfall rein. Kannst du bitte Behandlungszimmer zwei startklar machen? Ich bin leider auf dem Sprung, aber Dr McAlester weiß Bescheid. Er wird gleich hier sein und die Untersuchung übernehmen.«
Ich runzelte die Stirn. Den Namen hatte ich hier noch nicht gehört. »Dr Wer?«
Sie sah mich ungläubig an. »Hat er sich dir etwa noch gar nicht vorgestellt? Ach, er hatte Urlaub, als du angefangen hast, jetzt fällt es mir ein.« Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche, tippte etwas darauf herum und hielt sich das Gerät dann ans Ohr. »Na ja, ihr werdet euch schon verstehen. Jetzt muss ich aber los, man hat nur einmal vierzigsten Hochzeitstag!« Mit diesen Worten und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht bewegte sie sich Richtung Ausgang.
Ich hingegen versuchte mich genau an alles zu erinnern, was ich beim Vorbereiten des Raumes zu bedenken hatte und machte mich auf den Weg dorthin. Soweit ich das beurteilen konnte, war aber alles, wie es sein sollte. Vielleicht konnte ich die Flächen sicherheitshalber nochmal desinfizieren?
Kaum hatte ich damit begonnen, hörte ich laute Schritte über den Flur hallen. Die Tür ging auf und herein kamen mein Kollege Greg und ein mir unbekannter, dunkelblonder, bärtiger Mann, die zusammen eine große Transportkiste trugen, aus welcher ein erbärmliches Seufzen erklang. Bei diesen Geräuschen wurde es mir direkt schwer ums Herz.
»Oje, ist das eine Robbe?«
Die beiden Männer stellten die Kiste auf den Tisch. »Ja, wir kommen gerade direkt von der Isle of May. Mr Payne hatte uns auf die Insel gerufen -«
»– weil ich es nicht mehr mit ansehen konnte.« Der Unbekannte hatte Greg unterbrochen und sah mich nun direkt aus blaugrünen Augen an. »Jonathan Payne, Bereichsleiter auf der May.« Er reichte mir seine Hand, die sich rau, aber warm anfühlte. »Ich hoffe, Sie können ihr helfen. Das hört sich für mich an, als hätte sie ziemliche Schmerzen.«
»Ich schau mal, dass wir gleich eine passende Kabine für das arme Ding frei haben«, sagte Greg und verschwand aus dem Raum.
Einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Dann räusperte der Mann von der Insel sich. »Ich bin zwar von Haus aus Ornithologe, aber mit Robben haben wir auf der May auch genug zu tun.« Seine Stimme war tief und etwas kratzig. Er trug eine graue schmuddelige Regenjacke. »Ich glaube, Sie haben sich noch gar nicht vorgestellt, Miss …?«
»Bellamy. Ich heiße Maggie Bellamy und arbeite hier als studentische Aushilfe.«
Ihm fiel alles aus dem Gesicht. »Man hat mir gesagt, dass sich ein professioneller Tierarzt um die Robbe kümmert und dann treffe ich hier auf Studenten?«
Sehr sympathisch und überhaupt nicht eingebildet. Ich versuchte trotzdem nett zu bleiben. »Meine Chefin hat mir eben gesagt, dass unser Tierarzt in Bereitschaft gleich hier sein wird.«
Er nickte mir zu, aber sein Augenrollen entging mir nicht. Ich wollte gerade einen Blick in die Kiste riskieren, als er meine Hand festhielt. »Ich weiß nicht, ob ich das machen würde. Die können ganz schön sauer werden. Manchmal beißen die Viecher auch.«
Viecher. Ich schob seine Hand von mir fort. »Wenn die Tiere so aggressiv sind, wie haben Sie sie dann bloß davon überzeugt, einfach so in die Kiste zu robben? Mit ihrem unwiderstehlichen Charme?«
Der kleine Anflug eines Lächelns versuchte sich an seinen Mundwinkeln bemerkbar zu machen, bekam aber keine Chance. »Ich hab da so meine Tricks. Nichts, was eine studentische Aushilfe einfach mal so aus dem Hut zaubern könnte.«
Unverschämt. Jetzt hatte er mich so weit. »Pah, das wollen wir doch mal sehen!« Gerade, als ich die Kiste vollständig öffnen wollte, kam jemand zur Tür herein.
»So, wo haben wir denn unseren Patienten?«
Ich wollte etwas sagen, aber mein Mund klappte nur völlig geistesabwesend auf und zu. Vor mir stand der schöne fremde Mann aus dem Morgan’s. Er sah fast aus, als sei er einem Katalog entsprungen. Nur, dass ich hier am liebsten nicht die Kleidung, sondern das Model bestellt hätte. Der dunkelblaue Mantel sah einfach fantastisch an ihm aus, sodass ich fast enttäuscht war, als er ihn abstreifte. Doch der eng anliegende Anzug in der gleichen Farbe stand ihm auch ausgezeichnet. Und diese Haare …
Er sah mich an und binnen weniger Millisekunden stellte ich zufrieden fest, dass er mich auch wiedererkannte. Seine großen dunklen Augen funkelten fröhlich. »Oh, die Zerstörerin von Südengland! Das ging ja schneller als gedacht mit dem Wiedersehen.«
Ich musste aufpassen, dass ich nicht wie eine Irre grinste. Aber auch er strahlte mich regelrecht an.
»Ja, ich arbeite hier seit ein paar Wochen.«
»Na, das nenne ich mal einen Zufall! Dass wir uns noch gar nicht über den Weg gelaufen sind.«
»Ich bin nur jedes zweite Wochenende hier.« Unsere Blicke trafen sich und mir wurde plötzlich sehr warm. Er schaute verlegen auf das Klemmbrett, dass er mit hereingebracht hatte.
»Sie müssen dann also Jonathan Payne sein, richtig?« Er streckte dem unfreundlichen Ornithologen die Hand entgegen, der nach unserer vorangehenden Unterhaltung etwas verwirrt aussah.
»Ja, genau.«
»Freut mich. Gavin McAlester.«
Gavin. Das klang gerade wie Musik in meinen Ohren.
»Dr McAlester, nehme ich an?«, fragte Mr Payne.
»Ja, ja. Sonst lassen sie einen hier ja nicht praktizieren.«
Das schien den Studentenfeind zu beruhigen. Gavin sah nochmal auf den Zettel. »Meine Kollegin hat hier aufgeschrieben ›Kegelrobbe auf der Isle of May mit apathischem Verhalten‹. Können Sie das näher beschreiben?«
Der Vogelkundler nickte. »Ja, ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Die ist mir unten an unserem Besucherzentrum aufgefallen. Lag ganz teilnahmslos in der Ecke, fast zwei Tage lang. Wirkte immer müder. Da wurde es mir zu blöd und ich hab angerufen. Zum Glück konnte euer Greg sofort vorbeikommen. Und dann hat er beschlossen, sie zur Untersuchung und Beobachtung herzubringen.«
»Er macht gerade eine Kabine für sie fertig«, erklärte ich Gavin. Mr Payne musterte mich weiterhin skeptisch. So richtig schlau wurde ich aus diesem Vogelkundler nicht. Mitleid schien er mit den »Viechern« ja doch zu haben. Um der Robbe zu helfen, war er schließlich bei Wind und Wetter mit Greg hier herübergefahren. Sein kurzes Haar, das an einigen Stellen bereits grau wurde, war noch nass.
»Na, dann wollen wir uns das doch mal ansehen.« Der schöne Tierarzt hängte seinen Mantel an die kleine Garderobe in der Ecke. »Aber vorher musst du mir noch deinen Namen verraten, denn du musst mir assistieren.« Gavin lächelte mich auffordernd an und zog erwartungsvoll seine dunklen vollen Augenbrauen hoch.
Ja, die können was.
Ich musste mich bemühen, meine Stimme zu kontrollieren, damit mir nicht nur ein hohes Quietschen entwich. »Ich heiße Maggie Bellamy.«
Wir reichten uns die Hände und sein Blick traf mich direkt in der Magengrube. Der Händedruck war angenehm, obwohl ich bei seinen großen Händen mit den langen Fingern fast noch mehr Kraft erwartet hätte. Ich musste aufpassen, dass ich ihn nicht zu lange festhielt. Auch er sah mir ein paar Sekunden länger als notwendig in die Augen.
»Dann wollen wir uns mal an die Arbeit machen«, sagte er plötzlich, als wäre ihm gerade eingefallen, dass er noch etwas zu tun hatte. Er streifte sich einen weißen Kittel über und zog ein Paar Handschuhe an. Vorsichtig öffnete er die Transportkiste. Die kleine Robbe hatte kaum noch Kraft. Verängstigt kauerte sie in einer Ecke und wimmerte leise. Ein Bild des Jammers. Gavin leuchtete ihr mit einer Taschenlampe in die Augen.
»Hm … Hat sie eventuell was Falsches gefressen?«
Der merkwürdige Ornithologe zuckte mit den Schultern. »Habe ich nicht beobachtet. Allerdings habe ich in den letzten Monaten immer wieder Verhaltensauffälligkeiten bei den Kegelrobben festgestellt.«
Gavin hörte interessiert zu.
»In letzter Zeit liegt auch immer so ein seltsamer Geruch in der Luft.«
»Was für ein Geruch?«, fragte der Tierarzt.
»Ist echt schwer zu beschreiben. Ich finde, es riecht nach Benzin, aber gleichzeitig nach Verwesung. Die Behörden habe ich deswegen auch schon informiert, aber noch habe ich keine Rückmeldung bekommen.«
»Hm … dann wollen wir mal sehen. Ich werde ihn da jetzt mal rausholen.« Aus seiner Kitteltasche zauberte Gavin ein altmodisches Diktiergerät. »Wir haben hier eine Kegelrobbe, Geschlecht unbekannt, ungefähr ein halbes Jahr alt.« Er legte das Gerät kurz auf den Tisch und sprach dann direkt zu dem kleinen Geschöpf. »Na, an dir könnte aber auch ein bisschen mehr dran sein, oder?« Dann wandte er sich an Mr Payne und mich. »Fasst ihr beide einmal kurz mit an? Wir müssen sie umbetten, um sie zu wiegen.«
Zu dritt bekamen wir das Tier einigermaßen zu fassen. Es wehrte sich nicht. Die Robbe musste am Ende ihrer Kräfte sein. Wir legten sie in den Korb auf der Waage.
»Oh, das ist schon wenig«, stellte Gavin fest. Vorsichtig tastete er den Bauch ab. Er verschränkte die Arme und hielt sich mit der einen Hand nachdenklich das Kinn. »Hm, ich denke, wir kommen nicht drum herum, den Bauch zu schallen. Ich habe da so ein Gefühl, dass sie was verschluckt hat.« Er schaute mich an. »Das könnte allerdings ein bisschen dauern. Würdest du mir dabei weiter assistieren?«
Wie konnte ich diesem Hundeblick widerstehen?
»Na sicher«, antwortete ich und lächelte.
Mr Payne räusperte sich. »Ich bin dann wohl fertig hier oder müssen Sie noch etwas wissen?«
»Ja, Mr Payne, Sie könnten bitte mit Greg für den Bericht einen kurzen Fragebogen durchgehen, aber dann können Sie sich wieder auf den Heimweg machen. Er sollte jede Sekunde –« Da kam er auch schon zur Tür herein. »Greg? Nimmst du Mr Payne mit nach vorne und gehst mit ihm unseren Fragebogen durch? Wir machen hier jetzt einen Ultraschall.« Dann wandte er sich noch einmal an den seltsamen Vogelkundler. »Ich kontaktiere Sie gerne, wenn wir etwas herausgefunden haben.«
»Alles klar. Dann noch viel Erfolg.« Ohne sich noch mal umzudrehen, verließ dieser den Raum. Noch nie hatte ich einen Menschen getroffen, der mich so irritierte.
»Sollen wir?« Gavin holte mich aus meinen Gedanken zurück. Ich strahlte ihn an, als hätten wir etwas anderes vor, als eine kranke Robbe zu behandeln.
»Ja, sehr gerne!«
Auch wenn die Robbe recht still dalag, hielt ich sie fest, als Gavin mit dem Ultraschall begann. Er verteilte etwas Gel auf dem Gerät, fuhr damit langsam über den Bauch und machte einige Aufnahmen. Zwischendurch veränderte er die Position des Tieres.
Zusammen sahen wir uns das Ganze danach am Bildschirm an.
»Du meine Güte, da muss man ja kein Tierarzt sein, um zu sehen, dass da was nicht stimmt«, entfuhr es mir. Man konnte deutlich erkennen, dass mindestens fünf runde Gegenstände im Magen der Robbe waren; alle ziemlich gleich groß. Was konnte das nur sein?
Aber das war nicht alles. Gavin zeigte mir, dass sich mindestens zwei dieser Gegenstände schon am Anfang des Darms befanden und dort einen Verschluss verursachten. Sie konnte also nichts zu sich nehmen, weil der Magen voll war und nach hinten ging auch nichts heraus. Das arme Ding musste sich ganz schön quälen. Wäre ich näher am Wasser gebaut gewesen, wären mir wohl die Tränen in die Augen geschossen. Auch Gavins Blick war ernst, wurde aber in der nächsten Sekunde durch Tatendrang ersetzt.
»Da bleibt uns gar nichts anderes übrig. Wir müssen operieren«, sagte er. »Gratis Anatomie-Kurs. Ist doch auch nicht schlecht, oder?« Er lächelte mich an. Offensichtlich hatte er bemerkt, dass mir bei dem Gedanken an eine Robben-OP etwas anders wurde.
Reiß dich zusammen.
»So was kriegt man nicht alle Tage«, stimmte ich lächelnd zu und hoffte, dass das nicht zu gezwungen aussah.
Die nächste Stunde flog an mir vorbei. Ich reichte an, hielt fest, gab Werte vom Monitor durch und versuchte nicht darüber nachzudenken, was dieses arme Geschöpf alles durchmachen musste. Was Gavin dann aus der Robbe herausholte, konnten wir kaum glauben: Insgesamt sechs Golfbälle hatte sie verschluckt.
»Das war sicherlich ein Spiel für sie. Ich glaube kaum, dass sie die wirklich fressen wollte. Wahrscheinlich hat sie darauf herumgekaut und sie dann aus Versehen verschluckt. Ich möchte nur mal wissen, wo sie auf einen Schlag so viele Golfbälle gefunden hat.«
»Hier in St Andrews gibt es auf jeden Fall genug davon«, witzelte ich.
Er war schon dabei, sie wieder zuzunähen.
»Spielst du kein Golf?«, fragte er beiläufig.
»Nee, das ist nicht mein Ding.«
Mit einem Schläger hinter so einem blöden Ball hinterherlaufen, nur damit man ihn in einem Loch versenkte? Was für einen Sinn hatte das? Tatsächlich hatte ich noch nie Golf gespielt, aber schon beim Minigolf konnte ich furchtbar ungehalten werden, wenn mir nichts gelang. Rachel und Zoé hatten mich bisher zweimal zum Ladies‘ Putting Green mitgenommen, welcher der älteste Minigolfplatz der Welt sein sollte. Wie eine Lady hatte ich mich allerdings nicht benommen, als mir jeder Schlag daneben gegangen war. Ich schätzte einfach, beim »großen« Golf würde das ungeahnte Maßstäbe annehmen, darum ließ ich es lieber sein.
»Ich spiele schon, seit ich einen Schläger halten kann. Das ist bei uns so eine Art Familientradition.« Während er sprach, wich sein Blick keinen Moment von seiner Patientin, die noch am Tropf hing. »Ich war eben noch mit meinem Vater in unserem Golfclub, deswegen der Anzug. Wir wollten gerade etwas essen, als ich den Anruf von Charlotte bekommen habe.«
Mir war es egal, warum er diesen überaus vorteilhaften Anzug angezogen hatte. Ich starrte ihn förmlich an und fragte mich, ob er meinen Blick wohl auf seinem Körper spüren konnte. Er wiederum sah nachdenklich auf unsere bewusstlose Patientin hinab. Die Naht war fertig. »Das ist echt das Merkwürdigste, was mir seit Langem untergekommen ist. Ich werde auf jeden Fall morgen Mr Payne anrufen und ihm berichten, was wir entdeckt haben.« Er zog sich die Handschuhe aus und warf sie in den Müll.
Ich blätterte durch den Fragebogen, den uns Greg zwischendurch hereingereicht hatte. »Ich hätte hier seine Handynummer. Soll ich das erledigen?«
Gavin nickte.
Ich zückte mein Smartphone, wählte und wartete. Nach einer Weile meldete sich die Mailbox. »Hallo Mr Payne, hier ist Maggie Bellamy aus dem Institut für Meeresforschung. Wir haben die Robbe operiert und sechs Golfbälle aus ihrem Magen entfernt. Falls Sie noch Fragen oder Hinweise haben, melden Sie sich gerne bei uns.«
Greg kam zur Tür herein. Er kratzte sich mit einem Kuli an der Stirn, in die ihm die halblangen dunkelblonden Haare fielen. »Ich hab gerade noch mal die Wasserwerte kontrolliert. Ist hier bei euch auch alles okay? Hat eure Robbe die Operation gut überstanden?«
»Ja, es sieht ganz gut aus«, sagte Gavin.
Ich zeigte ihm die Schüssel mit den Golfbällen. »Schau dir das an. Kannst du dir so was erklären?«, fragte ich.
»So was hab ich auch noch nicht gesehen. Ist wohl ein ziemlicher Golf-Fan«, witzelte er.
In diesem Moment regte sich unsere Patientin.
»Prima! Dann können wir sie gleich in ihre Kabine bringen«, meinte Gavin mit einem erleichterten Lächeln auf dem Gesicht.
»Wenn du magst, kann ich nach ihr schauen. Ich bin sowieso noch hier«, sagte Greg und schob sich seine dickrandige schwarze Brille wieder richtig auf die Nase. »Du weißt ja, so eine Doktorarbeit schreibt sich nicht von selbst.« Er grinste Gavin breit an.
Der nickte wissend. »Wem sagst du das. Und natürlich wäre es super, wenn du das übernehmen kannst. Was zu essen wäre nicht schlecht, oder was meinst du, Maggie?«
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu quietschen. Hatte er mich gerade wirklich gefragt, ob ich mit ihm etwas essen gehen wollte? Aber ich ließ mir nichts anmerken und nickte so cool, wie ich es mit diesem Serotoninschub nur konnte. Zumindest hoffte ich, dass es cool aussah …
Wir räumten zu dritt noch auf und transportierten die Robbe mit einem Rollwagen zu ihrer Kabine. Inzwischen war sie noch wacher geworden und wirkte für mein Empfinden recht zufrieden. Ich war ein bisschen stolz auf mich, dazu beigetragen zu haben, dass es dem armen Geschöpf wieder besser ging.
»Ich schaue auf jeden Fall morgen nach ihr und wenn dir vorher etwas merkwürdig vorkommt, melde dich einfach«, sagte Gavin, als wir uns schließlich von Greg verabschiedeten. Er streifte sich den Kittel ab und warf noch einen letzten Blick auf unsere Robbe.
»Wollen wir dann?«, fragte er mich mit einem unwiderstehlichen Lächeln.
»Gerne. Nach der ganzen Aufregung kann ich jetzt echt einen Drink gebrauchen.« Mein Magen knurrte peinlicherweise ganz laut in diesem Moment. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Gavin grinste mich an. »Und vielleicht auch eine Kleinigkeit zu essen?« Galant wie er war, nahm er mir meinen Mantel, den ich mir gerade von der Garderobe gefischt hatte, aus den Händen und half mir hinein. »Mir würde da was einfallen. Nichts Schickes, aber gemütlich und lecker und nicht weit weg.«
»Hört sich gut an«, meinte ich.
Draußen war es ziemlich nass, aber ich war auf alles vorbereitet. »Möchtest du mit unter meinen Schirm?« Ich hoffte, Maggie dachte nicht, dass das nur eine billige Anmache war, um sie näher an mich heranzuholen. Aber sie lächelte mich jetzt fast schüchtern aus ihren grünen Augen an und leistete mir unter meinem Schirm Gesellschaft.
Wir schlenderten die Straße hinunter. Ich wollte irgendetwas Nettes sagen, aber mein Kopf war absolut leer. Mir fiel rein gar nichts ein, was sich für eine lockere Unterhaltung anbieten würde. Ihr schien es ähnlich zu gehen, denn auch sie sagte nichts, bis wir nach kurzer Zeit an dem Pub in der Market Street ankamen. Ich hielt ihr die Tür auf, denn so hatte man mir das beigebracht. »Ladies first.«
Wir grinsten uns gegenseitig an, offensichtlich erleichtert, dass das große Schweigen ein Ende hatte. Ich nahm ihr den violetten Filzmantel ab und hängte ihn an die Garderobe, bevor ich selbst meinen Mantel auszog. Ein junger rothaariger Kellner führte uns in den Raum. Am Fenster war tatsächlich noch ein Platz frei, den er uns nun zuwies. Es war ein kleiner Laden, in den ich öfter kam. Wenige Tische, aber gut besucht. Der Besitzer hatte außerdem einen exzellenten Musikgeschmack, was ich für die Atmosphäre nicht unerheblich fand. Es war vor allen Dingen auch keiner von diesen ganz feinen Golfer-Pubs, in denen ich mir so fehl am Platz vorkam. Ich zog Maggies Stuhl zurück, so dass sie sich setzen konnte.
»Was darf ich dir denn zu trinken holen?« Ich sah die Ratlosigkeit in ihrem Gesicht. Sie war doch nicht etwa nervös? »Also ich nehme ein Amber Ale«, sagte ich.
Sie fuhr sich durch ihr langes kastanienrotes Haar, das so gut zu ihrer hellen Haut passte.
»Vielleicht mach ich das dann auch? Ich trinke sonst zwar oft Pale, aber warum heute nicht mal Amber?«
»Wie Sie wünschen, My Lady.« Ich machte eine höfische Geste und hoffte, dass sie mich dabei lustig und nicht einfach nur peinlich fand. Aber sie kicherte und ich machte mich auf zur Theke.
Als ich mit den zwei Bieren zurück an den Tisch kam, klingelte ihr Handy: »I‘m sexy and I know it!« Auf höchster Lautstärke schallte das Lied durch den Pub. Maggie sah mich konsterniert an und fischte nach ihrem Handy, das sich irgendwo in ihrem dunkelgrünen Rucksack befinden musste. Die helle Haut auf ihren Wangen verfärbte sich zu einem deutlichen Rot.
»Es ist der Vogelmann. Sorry, vielleicht hat er noch Infos«, sagte sie zu mir und ging vor die Tür.
Ich wollte ihr noch sagen, dass sie ihren Mantel mitnehmen sollte, doch da war sie schon draußen.
Als sie nach kurzer Zeit wieder hereinkam, zitterte sie richtig. »Mr Payne findet das mit den Golfbällen etwas merkwürdig. Er würde sich gerne noch mal mit dir dazu unterhalten. Ich hab ihm gesagt, dass du jetzt erst mal Feierabend hast.« Sie grinste mich schelmisch an. Mir gefiel es, dass sie Entscheidungen traf, vor allen Dingen, wenn sie mir zugutekamen.
»Das hat ihm sicherlich nicht gefallen, oder?«
»Ich konnte sein Augenrollen förmlich hören«, sagte sie und setzte sich wieder zu mir an den Tisch.
Auch ich konnte das genervte Gesicht des Vogelkundlers direkt vor meinem geistigen Auge sehen. Eins musste man diesem Typen lassen: Den merkte man sich.
»Übrigens: netter Klingelton.«
Jetzt rollte sie mit den Augen. »Ja, das ist so ein Running Gag von meiner Freundin Zoé. Sie jubelt mir ständig peinliche Klingeltöne unter, wenn sie mein Smartphone in die Hände bekommt. Und ich merke das dann immer erst in Situationen wie dieser.«
»Ich fand es auf jeden Fall äußerst amüsant, dabei sein zu dürfen«, sagte ich lachend. »Darf ich dein Handy auch mal haben? Dann speichere ich mir die Nummer von diesem Payne ab und rufe ihn vielleicht bei Gelegenheit an.« Sie reichte mir ihr Smartphone. »Ich lasse dir meine Nummer auch gleich da, falls er sich wieder bei dir meldet.« Ich schob das Handy wieder über den Tisch und als sie es entgegennahm, berührten unsere Fingerspitzen sich für den Bruchteil einer Sekunde. Wir stießen mit dem Amber Ale an und ich sah ihr dabei tief in die Augen. War da etwas?
»Ich für meinen Teil fand es auf jeden Fall spannend, bei der OP mit dabei sein zu dürfen. Ich habe so etwas noch nie live gesehen und bin froh, dass ich dir da drin nicht aus den Latschen gekippt bin«, erklärte sie.
»Okay, dann sollten wir jetzt zur Stärkung vielleicht was zu essen ordern? Ich glaube, ich bestell mir einfach einen großen Teller Fish and Chips. Ich hab den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen.«
»Gute Idee, das geht immer«, meinte Maggie.
Ich schaute mich um und winkte den jungen rothaarigen Mann zu uns heran, der uns am Anfang den Tisch zugewiesen hatte. Er nahm die Bestellung auf und ging wieder. Gedankenverloren spielte ich mit einem Bierdeckel herum. »Wie lange bist du jetzt schon am Institut, Maggie? Dass du mir bisher noch gar nicht über den Weg gelaufen bist.«
Mit ihren leuchtenden Haaren und ihrem hübschen Gesicht wäre sie mir sonst schon vorher aufgefallen.
Sie zuckte mit den Schultern. »Ach, wie gesagt, ich habe erst vor kurzem angefangen und bin meist nur jedes zweite Wochenende da. Da haben wir uns wahrscheinlich einfach immer verpasst. Wie lange arbeitest du denn schon dort?«
Ich kratzte mich nachdenklich am Kopf. Es kam mir noch gar nicht so lange vor. »Das müssen jetzt fast zwei Jahre sein. Ich habe angefangen, kurz nachdem ich meinen Doktor gemacht hatte.«
»Ach, du hast den Titel noch gar nicht so lange?«
»Nein, ich hab ein bisschen länger dafür gebraucht.« Ich grinste etwas verlegen. Na ja, immerhin hatte ich einen Titel.
Sie sah mich neugierig an. »Und wie alt mag man wohl sein, wenn man ein bisschen länger für seinen Doktor gebraucht hat?«
Ah, das war geschickt, jetzt den Altersunterschied anzubringen. Ich hoffte, dass das nicht gleich ein Ausschlusskriterium sein würde. »Ich bin zweiundvierzig. Und du?«
»Dreißig. Ich hab etwas länger gebraucht, um mich überhaupt zum Studieren zu entschließen.« Sie grinste mich an. Offensichtlich bemerkte sie meine Erleichterung darüber, dass sie immerhin nur gut zehn Jahre jünger war und nicht zwanzig. »Was hast du gemacht, bevor du am Institut warst?«
Ich räusperte mich und fing wieder an, den Bierdeckel auf dem Tisch herumzurollen. Warum konnte ich nicht einmal meine Finger ruhig halten? »Kennst du das Aquarium hier in St Andrews? Das für die Touristen?« Ich hoffte, dass ich mein frisch gewonnenes Ansehen als praktizierender Wildtierarzt am Institut nicht gerade verspielte. Aber sie lächelte.
»Na sicher! Das ist ja ganz in der Nähe von der Uni. Ich war mal mit meinen Freundinnen da.«
Anscheinend war Maggie nicht so vorurteilsbehaftet wie viele meiner Kollegen aus der Fachabteilung.
»Ich hab da viele Jahre die tiermedizinische Betreuung gemacht.«
Sie sah mich überrascht an.
»Ja, ich weiß, ist nicht besonders wissenschaftlich …«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist es nicht. Ich versuche mir dich nur gerade da vorzustellen … In den Klamotten.« Sie deutete auf meinen Anzug. Ihr schelmisches Grinsen war herausfordernd.
»So bin ich da auf jeden Fall nicht herumgelaufen. So laufe ich normalerweise nicht mal im Institut herum.« Ich fühlte mich regelrecht verkleidet, wenn ich einen Anzug trug.
»Schade, das steht dir schon sehr gut.«
Ich bemerkte, wie ihr Blick an meinen Körper herunter wanderte und ich konnte nicht leugnen, dass es sich gut anfühlte, so von ihr betrachtet zu werden.
»Hat dir die Arbeit im Aquarium denn Spaß gemacht?«
»Ja, schon. Es gab viele verschiedene Tiere zu betreuen, nette Kollegen und die Touristen waren auch größtenteils sehr angenehm. Wir sind ja nicht irgendwo an der spanischen Mittelmeerküste. Ich denke, da ist das Publikum dann doch etwas anstrengender. Hier hat man eher die Kultur-Touristen.«
»Warum hast du im Aquarium aufgehört, wenn es dir da so gefallen hat?«
Das war eine gute Frage. »Als ich irgendwann meinen Doktor hatte, meinten alle, ich würde mich da total unter Wert verkaufen. Mit einem Titel stehen einem heute immer noch mehr Türen offen als ohne, das ist leider nun mal so. Mein Vater kannte vom Golf Leute aus dem Institut und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte ich ein Vorstellungsgespräch.« Ich schnippte den Bierdeckel von der Tischkante in die Luft und fing ihn wieder auf »Und bei so einem Angebot sagt man ja nicht ›nein‹.«
»Wenn man in die Wissenschaft will, dann nicht.«
Ich nickte und sie sah mich nachdenklich aus ihren großen grünen Augen an. Ich fragte mich, was sie dachte. Aber dass ich am liebsten weiter in dem kleinen Touristen-Aquarium statt für das Institut für Meeresforschung gearbeitet hätte, konnte ich ihr wohl kaum sagen. Was sie dann von mir denken würde?
Sie spielte mit einer ihrer Haarsträhnen. »Ich weiß noch überhaupt nicht, wo ich hin will. Meinst du, das ist ein Problem?«
Wenn ich ganz ehrlich zu mir war, wusste ich bis jetzt noch nicht, wo ich hin wollte. Ich schüttelte den Kopf. »Du bist noch ganz am Anfang. Aber ein Plan schadet sicherlich nicht.
Vielleicht wäre das mit meinem Doktor auch schneller gegangen. Aber ich denke, alles hat seinen Grund und sonst wäre ich vielleicht nicht im Institut gelandet.«
Nun kam der Kellner mit unserer Bestellung. Während unserer Unterhaltung hatte ich kurz vergessen, was für einen Bärenhunger ich hatte. Aber der Geruch des heißen Essens, das nun direkt unter meiner Nase stand, brachte die Erinnerung schnell zurück.
»Du musst vor deinem Studium hier aber auch was anderes gemacht haben, wo du ›schon‹ dreißig bist, oder?«, fragte ich, während ich mir ungeduldig die erste Pommes mit den Fingern in den Mund steckte.
Sie sah für einen Moment betreten auf den Tisch. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Oder hatten sie meine schlechten Tischmanieren irritiert?
»Bevor ich hierherkam, musste ich mich viel um meinen Vater kümmern. Er konnte nicht mehr gut für sich allein sorgen. Ich habe also mal hier und da gearbeitet, aber nichts Längerfristiges. Als er dann vor einem guten Jahr gestorben ist, bin ich von Aberdeen hierhergekommen, um nicht allein zu sein. Und ich wusste, dass meine Oma auch Gesellschaft gebrauchen konnte.«
Na toll, das hatte ich ja gut hinbekommen. Ich würde nicht weiter nach ihrer Vergangenheit fragen. Blieben wir lieber in der Gegenwart, das würde allen weniger wehtun. »Oh, das tut mir leid mit deinem Vater.«
Sie lächelte. »Nein, es ist schon alles in Ordnung, wie es ist. Er war sehr krank, es ist besser so. Und ich konnte meine Oma nochmal richtig kennenlernen und ganz von vorne anfangen.«
Puh. Ich lenkte das Gespräch dann auf St Andrews im Allgemeinen, während wir aßen. Es gefiel ihr gut hier und das Meeresbiologie-Studium machte ihr großen Spaß. Auch bei meinem Doktorvater Alan Moffat besuchte sie einen Kurs. »Ich finde immer, er sieht ein bisschen aus wie Alan Rickman.«
Sie sah mich ratlos an.
»Na, Snape?«
Ihr Blick veränderte sich kaum. Okay, kein Harry Potter Fan.
»Der Sheriff von Nottingham? Rasputin? Der Metatron aus Dogma? Gruber aus dem Film Stirb langsam?« Doch nichts davon schien ihr bekannt zu sein.
»Ich kenne mich mit Filmen leider nicht so gut aus«, erklärte sie.
»Ist doch kein Problem«, antwortete ich. »Vielleicht hast du ja mal Lust, zusammen mit mir ein paar Filmbildungslücken zu schließen?«
Kaum hatte ich das ausgesprochen, hoffte ich, dass das charmant und nicht arrogant herüberkam. Doch sie hatte ein breites Grinsen im Gesicht.
»Gerne! Ich glaube, da gibt es jede Menge nachzuholen.«
»Wie erfreulich, dann haben wir Gründe, uns öfter zu sehen.«
Der Blick, den sie mir dann zuwarf, ließ absolut keinen Zweifel mehr daran, dass sie an mir interessiert war.
»Sollen wir noch einen Whisky trinken? Quasi als Absacker? Ich würde gerne noch länger bleiben, aber ich wollte morgen so früh wie möglich nach unserer Robbe schauen.«
Sie nickte. »Schade, aber das kann ich verstehen. Aber den Whisky nehme ich noch.«
Na bitte, eine Frau mit Geschmack. Ich sah auf die Getränkekarte. »Ist ein Ardbeg okay?«
»Sicher.«
Ich bestellte und nach ein paar Minuten brachte unser Kellner zwei kleine Gläser auf einem Tablett. Bei dieser Gelegenheit beglich ich auch direkt die Rechnung.
»Slàinte! Trinken wir auf die Robbe und den merkwürdigen Mr Payne. Wer weiß, wann wir uns sonst wieder über den Weg gelaufen wären?«
Maggie lächelte und prostete mir ebenfalls zu. So wie sie die bernsteinfarbene Flüssigkeit dann allerdings herunterstürzte, fragte ich mich, ob sie vielleicht nicht so häufig Whisky trank oder ob sie tatsächlich etwas nervös war. Ich beobachtete amüsiert, wie sie nach dem Glas ihre Nase kraus zog. Aber ansonsten versuchte sie sich nichts anmerken zu lassen.
Ich holte unsere Mäntel und als ich ihr die Tür aufhielt, kam uns von draußen die frische Abendluft entgegen.
Der Whisky brannte immer noch in meinem Hals, aber ich war verdammt stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte, das Zeug in meinem Mund zu behalten und nicht sofort wieder auszuspucken. Ich wollte an diesem Abend unbedingt die Frau sein, mit der Mann einen Whisky trinken kann.
Und gerne könnte er mich in alle Geheimnisse der Filmwelt einweihen. Du liebe Güte, ich hätte ihm den ganzen Abend zuhören und in seine wunderschönen Augen starren können. Auch wenn ich vielleicht nicht jedes Wort hörte. Denn langsam wurde das Verlangen in mir immer größer, ihn nicht nur aus der Ferne zu betrachten.
Als er seine Lippen sanft an das Whisky-Glas legte, wünschte ich mir für einen Moment, dieses Glas zu sein. Das sah nach Genuss aus und das bestätigte auch sein zufriedenes Gesicht, nachdem er den ersten kleinen Schluck genommen hatte. So wie er es mir nach außen verkaufte, musste es einfach schmecken, auch wenn es für mich sehr medizinisch, nach Torf und verbrannter Erde roch.
