Eilean Mòr - Kristina Maria Dahl - E-Book

Eilean Mòr E-Book

Kristina Maria Dahl

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Beschreibung

Ihre neu entdeckte Erdmagie stellt Selkie Maggie vor einige Herausforderungen. Um ihr inneres Gleichgewicht wieder herzustellen, beschließt sie, mit ihrem Freund Jonathan und dem Broonie Grannd den Wassermagier Cuthbert aufzusuchen. Der hat allerdings ganz andere Probleme: Ein unerwarteter Gast mit Amnesie stellt ihn vor Rätsel. Und dann taucht auch noch ein Rabe auf, der längst vergangene Albträume wieder aufleben lässt ... Die Fortsetzung von »Eilean Mhàigh – Muscheln, Zauber und ein Stein« ist düsterer, aber mindestens genauso romantisch und nimmt euch mit auf eine Reise durch die schottische Mythologie und auf abgelegeneInseln.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kristina Maria Dahl & Stefanie Biermann

WHISKY, TRÄUME UND EIN RABE

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 Kristina Maria Dahl, Stefanie Biermann

Lektorat von: Corinna Berz, Geflügelte Worte

Satz & Layout von: Nadja Krakow

Covergestaltung: Christina Kotsch, Colorworks by Tina unter

Verwendung von Adobe Stock

Foto von Eilean Mòr als Inspiration für die Insel: Ian Cowe

Foto der Autorinnen: Anna Petker, Anouk Fotografie

Druck und Distribution im Auftrag der Autoren:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte sind die Autoren verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autoren, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Content Notes: Eine Liste findest du auf der letzten Seite dieses Buches.

O God, I could be bounded in a nutshell, and count myself a king of infinite space – were it not that I have bad dreams.

William Shakespeare – Hamlet

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

EPILOG

DANKSAGUNG

DIE AUTORINNEN

CONTENT NOTES

Eilean Mòr

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

PROLOG

CONTENT NOTES

Eilean Mòr

Cover

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PROLOG

Es gab einen gewaltigen Knall und augenblicklich stand das kleine Haus unter dem Leuchtturm in alles verzehrenden, blauen Flammen. Starr vor Schreck blieb ich auf dem Felsen stehen. Jede Hilfe käme zu spät. Da war nichts mehr zu machen. Als ich dies realisierte, füllten sich meine Augen mit Tränen; beim Gedanken an meine Herrschaften, die in Ruhe und Frieden in ihren Betten gelegen hatten. Alle, bis auf den ältesten Sohn. Als ich an ihn dachte, schluchzte ich laut auf. Er verlor gerade seine gesamte Familie in den Flammen. Wie sollte er diesen Schmerz jemals verkraften? Er war weit weg von zu Hause, oben im Norden, auf einer kleinen Insel im Atlantik. Wie sollte ich ihn nur erreichen? Und was sollte ich ihm sagen? Was war hier gerade bloß passiert?

Während ich noch in die Flammen starrte und die Gedanken in meinem Kopf rasten, nahm ich aus dem Augenwinkel eine kleine Bewegung wahr. Plötzlich stolperte aus der Dunkelheit eine Gestalt vor die lodernden Überreste des kleinen Hauses. Er war von oben bis unten durchnässt, aber selbst in diesem Zustand kräuselten sich seine widerspenstigen Haare. Wie war er hierher gelangt? Endlich schaffte ich es, mich nach dem ersten Schrecken wieder zu bewegen und stürzte auf ihn zu. Noch bevor ich ihn erreichte, fiel er auf die Knie und schrie verzweifelt auf. Sein ganzer Körper zitterte, bis er plötzlich kraftlos in sich zusammensackte.

Ich ertrug den Gedanken nicht, dass ich auch ihn noch an diesem Morgen verlieren sollte; den Letzten, der mir geblieben war. So schnell mich meine kurzen Beine trugen, war ich bei ihm und schüttelte ihn an den Schultern. Er regte sich nicht, atmete aber noch. Erst jetzt sah ich, dass sein rechtes Bein von Blut überströmt war. Vorsichtig tastete ich es ab und fand eine tiefe, klaffende Wunde am Oberschenkel. Ich musste ihn so schnell es ging in Sicherheit bringen, wenn ich wollte, dass er die Nacht überstand. Ich nahm meine gesamte Kraft zusammen und zog seinen langen Körper weg vom Schauplatz des Schreckens.

Als wir den kleinen Unterstand bei den Felsen erreichten, lehnte ich ihn an einen großen Stein und begann, mich um sein Bein zu kümmern. Plötzlich öffneten sich seine Augen einen Spalt weit und ich hörte ihn flüstern: »Sie kommen.«

ESWAR SICHER EIN STREICH GEWESEN, DEN IHM DIE GISCHT IN DER BRANDUNG GESPIELT HATTE. DAS VERSAGEN NAGTE AN IHM. WARUM WAR IHM DER DUMME WICHT ENTKOMMEN? ER WAR DOCH NURNOCH EIN FLENNENDES HÄUFLEIN ELEND GEWESEN. ZU SCHWACH, UM IRGENDETWAS AUSZURICHTEN. UND DOCH …

BESTRAFUNG WAR DIE KONSEQUENZ UND ER WAR NICHT ZIMPERLICH MIT SICH SELBST GEWESEN. IM GEGENTEIL. SEIN KÖRPER SCHRIE NACH GNADE, ABER SEIN GEIST WOLLTE NOCH MEHR MACHT. SOLLTE ER SEINEN FRÜHEREN BEGLEITER JEMALS WIEDERSEHEN, BEGINGE ER DENSELBEN FEHLER NICHT NOCH EINMAL.

JETZT WAR ALLES WIEDER RUHIG. ODER SO RUHIG, WIE EIN HERANNAHENDER STURM EBEN SEIN KONNTE.

1

Ich erkannte ihn nicht sofort. Dicke Wolken, aus denen stetig Regen fiel, verdeckten den Mond, der an diesem Strand die einzige Lichtquelle darstellte. Aber als ich näherkam, war jeder Zweifel ausgeschlossen. Ich hatte mir sein Gesicht bei unserer ersten Begegnung ganz genau eingeprägt. Doch er war nicht derselbe, den ich vor wenigen Wochen am Loch Einich gesehen hatte. Schwach und hilflos sah er aus, wie er da am Boden neben den glitschigen Steinen kauerte. Oder war das vielleicht alles nur eine List? Schließlich war das eine Spezialität dieser Wesen. Irgendwie musste er mich hierher gerufen haben und ich konnte mir immer noch nicht erklären, wie er das zu Stande gebracht hatte. Und allein deswegen konnte ich ihn hier nicht liegen lassen. Viel zu gefährlich.

Ich hörte ihn ein leises ›Danke‹ flüstern, als ich ihm auf die Beine half und er seinen Kopf auf meine Schulter sinken ließ. Auf eine Art fühlte es sich gut an, endlich wieder jemandem helfen zu können. Ein altbekannter Schmerz durchzuckte mein Bein, als ich mit meinem Begleiter auf die Brandung zuging, leise die magischen Worte vor mich hin murmelte und mit einer kleinen Handbewegung ein Portal in der Gischt öffnete. Als ich durch den feinen Vorhang aus Wassertropfen schritt, wusste ich dieses Mal ganz genau, wo es hinging.

Wir traten aus dem feinen Regenvorhang und fanden uns in einem lichten Wald wieder, direkt neben der kleinen Quelle, über die ich zuvor nach St Andrews gereist war. Mit Wassermagie zu reisen war wirklich sehr angenehm, wenn man sich, wie ich, gut mit allen natürlichen Wasservorkommen im Land auskannte. Solange ich ein Ziel fokussierte, von dem ich genau wusste, wo es lag, hatte mich der Zauber noch nie im Stich gelassen. Nun waren wir von der Ostküste Schottlands rund einhundert Kilometer nach Norden gereist. Hier regnete es noch nicht und die Mondsichel wurde nur von einzelnen Wolkenfetzen verdeckt. Vorsichtig legte ich meinen Begleiter auf dem weichen Waldboden ab. Erst jetzt bemerkte ich die zahlreichen kleinen Abschürfungen, Kratzer und Wunden an seinen Armen, Händen und in seinem Gesicht. Seine Kleidung war zerrissen, dreckig und durchnässt. Was war mit ihm geschehen?

Er atmete schwach und ich konnte sehen, dass sich seine Augen hinter den geschlossenen Lidern wild bewegten. Während unserer kurzen Reise musste er das Bewusstsein verloren haben.

»Hallo? Kannst du mich hören?«

Keine Reaktion. Vorsichtig rüttelte ich an seinen Schultern, doch da rührte sich nichts. Ich musste ihn schnellstens nach Hause bringen und aus den nassen Kleidungsstücken herausbekommen. So gut es ging, schlang ich mir also seinen langen, schlanken Körper wieder um die Schultern und stapfte los. Für so einen großen Mann war er wirklich erstaunlich leicht. Es bereitete mir kaum Mühe, ihn zu tragen.

Nach wenigen Schritten tauchte mein Zuhause zwischen den Bäumen auf. Mein Cottage war ursprünglich ein Stall gewesen, mit mehreren großen Boxen und Stalltüren, um Pferde, Kühe und Schafe unterzubringen. Es war mir nicht schwer gefallen, das alte Gebäude aus Natursteinen in ein zwar nicht allzu großes, aber doch passables Wohnhaus zu verwandeln. Einzig der Kamin an einer Seite musste neu gemauert und hochgezogen werden. Es war einfach, aber genau das, was ich suchte, als ich vor gut dreißig Jahren hier ankam. Ich hatte mich sofort heimisch gefühlt.

»Willkommen in Longstone, Gavin«, sagte ich zu meinem bewusstlosen Gast, als ich durch die Haustür trat. Zumindest hoffte ich, dass es Gavin war und nicht der Shellycoat, doch fühlte sich seine Aura grundlegend anders an als damals. Vorsichtig legte ich ihn auf dem alten Sofa mit dem wollweißen Überwurf ab. Er schlief weiter. Ich beschloss, zunächst den Kamin anzufachen und nahm dafür ein Streichholz aus der Schachtel, die auf dem Kaminsims stand. Als Wassermagier war es mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden, Feuer zu machen. Darum musste ich mich immer sehr konzentrieren, wenn der Kamin brennen sollte. Nahm meine wassermagische Aura Überhand, war es vorbei. Wie viele Streichhölzer ich in meiner Jugend so verschwendet hatte. Aber ich hatte lange Zeit zum Üben gehabt und inzwischen wusste ich genau, welche Gedanken und Gefühle ich ausschalten musste, damit es funktionierte. Nun zischte es und die kleine Flamme an der Spitze des Streichholzes loderte hell auf. Das trockene Holz im offenen Kamin fing schnell Feuer. Ich hoffte, dass es nicht allzu schnell herunterbrannte und genug Wärme spendete.

Nachdenklich blickte ich hinüber zu dem schlafenden Mann auf dem Sofa. Wahrscheinlich wäre es schlau, ihn erst mal aus seiner nassen Kleidung zu befreien und etwas Trockenes heranzuschaffen. Rasch suchte ich ein paar Sachen von mir zusammen. Er war schlanker als ich, aber ungefähr gleich groß. Als ich ihm sein dunkelblaues Hemd aufknöpfte, bewegte er sich kurz und drehte sich auf die Seite. Das machte es mir leichter, ihn auszuziehen. Obwohl der Stoff eiskalt war, überraschte mich die angenehme Wärme seiner Haut. Allerdings machte ich auch eine merkwürdige Entdeckung: Die Haut zwischen seinen Schulterblättern hatte einen silbrig-grünen Schimmer. Ich war mir sicher, dass das bei Menschen nicht normal war. Könnte es sein, dass … Ich würde ihn auf jeden Fall ganz genau beobachten müssen und zur Sicherheit wollte ich ihn hier am warmen Kamin schlafen lassen.

Nachdem ich ihm noch Schuhe und Hose ausgezogen hatte, sah ich mir kurz seine Verletzungen an. Aber bis auf ein paar Schnitte an den Händen musste ich nicht viel versorgen. Vorsichtig zog ich ihm meine alten Sachen an und deckte ihn dann mit der dicken weißen Decke aus Schafwolle zu.

Er sah so friedlich aus, doch ich fragte mich, ob es ihm auch gut ging? Schließlich war ich kein Heiler. Die äußeren Wunden waren dabei nicht das, worüber ich mir Gedanken machte. Sorgen bereiteten mir die magischen Spuren, die sein Körper vielleicht davongetragen haben könnte. Noch war ich mir nicht sicher, wen ich mir da wirklich ins Haus geholt hatte.

Ich zog mir den kleinen dreibeinigen Hocker aus der Ecke hinter der Haustür heran. Nach diesem unerwarteten nächtlichen Ausflug war ich nun doch müde und ich hoffte, dass der unbequeme Schemel mich wachhalten würde.

Die Nacht ging ereignislos vorüber. Hin und wieder gab er einen Laut von sich, aber sonst passierte nichts Auffälliges. Das Licht fiel schon zum Fenster herein, als ich mich von meinem ungemütlichen Lager erhob, um ihn umzubetten. In meinem großen Bett würde er gemütlicher liegen.

In der Küche bereitete ich mir schnell ein kleines Frühstück zu. Mit der Schüssel Porridge setzte ich mich auf die Bettkante und betrachtete den langen, schmalen Körper. Er würde bald essen und trinken müssen, um wieder zu Kräften zu kommen. »Die Zeit heilt alle Wunden«, hörte ich eine vertraute Stimme in meinem Kopf sagen und ich hoffte, dass sie wie immer Recht behalten würde.

Doch als auch bis zum Abend immer noch nichts geschehen war, fand meine Geduld langsam ein Ende. Ich wollte ihn mir noch mal ganz genau ansehen. Vorsichtig fasste ich an seine Stirn – und wich zurück, als ich ein sachte vibrierendes Energiefeld wahrnahm. Noch einmal berührte ich ihn, dieses Mal an seiner Hand und auch dort spürte ich das gleichmäßige Flirren. Es schien sich über seinen gesamten Körper zu ziehen. Beunruhigt schritt ich im Schlafzimmer auf und ab. Was sollte ich jetzt tun? Was konnte das bedeuten? War er eine Gefahr?

Ich beschloss, dass ich das Risiko eingehen musste, meinen Gast für einen kurzen Moment alleine zu lassen. Kurz entschlossen stieg ich in meine Wanderstiefel, schnappte mir meinen alten grauen Parka und trat vor die Tür.

»Eòlas!«, rief ich gegen den Wind und den fallenden Regen. Innerhalb weniger Augenblicke wuchsen Bücherregale aus dem Boden, drehten sich wild um mich herum und bildeten lange Gänge und unendliche Etagen, bis die beeindruckendste Bibliothek vor mir stand, die ich jemals gesehen hatte: das Arkane Archiv. Ganz zum Schluss erschien der Tresen, an dem eine groß gewachsene Frau mit wilden dunkelblonden Locken stand und mich durch ihre große dickrandige Brille mit wachen Augen ansah.

»Cuthbert! Du hast dich ja ewig nicht blicken lassen. Doch ich sehe dir an, dass du dich um irgendetwas sorgst.« Louises angenehme, melodiöse Stimme hörte sich dermaßen nach perfektem Oxford English an, dass ich fest davon überzeugt war, dass sich so die Encyclopedia Britannica anhören musste – wenn sie denn sprechen könnte. Und ihr entging nichts. Die Archivarin war genau dafür erschaffen worden. Ich schilderte ihr mein Problem, erzählte von der grünen Verfärbung auf dem Rücken meines Gastes und seinem merkwürdigen Energiefeld.

»Davon habe ich schon einmal gehört. Dein Gast hatte eine außergewöhnliche magische Begegnung. Das wird ihn nun eine Weile außer Gefecht setzen. Er befindet sich im postmagischen Sàmhchair. Du kannst nicht viel tun, außer abwarten.«

»Ein magisches Koma?«

»Könnte man so sagen, ja.«

»Aber wie überlebt er das? Er isst und trinkt ja nichts.«

»Der körperliche Zustand wird im Sàmhchair erhalten. Stell dir das vor, als hätte man alles eingefroren. Er wird dabei normal weiteratmen. Für dich sieht es aus wie Schlaf, aber in Wirklichkeit regeneriert er. Sein Körper versucht, einen Weg zu finden, um mit der Magie zurecht zu kommen, die ihm zuteil geworden ist.«

»Also wirklich nichts machen?«

»Nein, abwarten und Tee trinken«, sagte Louise und holte unter ihrem Tresen ihr geblümtes Teeservice hervor, das ich von meinen vorherigen Besuchen noch allzu gut in Erinnerung hatte. Sie schüttete Tee in zwei der zierlichen, kleinen Tassen. »Trink ein Tässchen. Es gibt fast nichts, was eine Tasse Tee nicht besser macht.«

Ich nahm ihr Angebot dankend an. Da hatte ich mir ja was eingebrockt. Aber die Tasse fühlte sich angenehm warm in meiner Hand an.

»Und danach wird er wieder ganz der Alte sein?«

»Das kann man jetzt noch nicht wissen. Es kann alles passieren. Vorbereitung ist alles.«

Das klang für mich alles andere als beruhigend, aber Louise lächelte mir aufmunternd zu und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. Es half nichts. Ich würde ihn bei mir behalten müssen, bis die Sache ausgestanden war. Ihn nach St Andrews zurückzubringen, barg ein zu großes Risiko für alle, die ihm nahestanden. Wie sollte ich ihnen seinen Zustand erklären? Nein, es war die richtige Entscheidung. Und wie ich so vor mich hin grübelte, hatte ich mit einem Mal die winzige Tasse geleert.

»Danke für den Tee, Louise«, sagte ich und wandte mich zum Gehen.

»Ach, Cuthbert?«

Zögerlich drehte ich den Kopf über die Schulter, um sie anzuschauen.

»Pass auf dich auf. Und zögere nicht, mich noch mal aufzusuchen, sollte dein Gast nach dem Aufwachen nicht derjenige sein, den du erwartet hast.«

Ich nickte ihr zu und sie lächelte zufrieden zurück, bevor das Arkane Archiv wieder genauso schnell im Boden versank, wie es sich zuvor aufgebaut hatte.

Erwartet. Niemanden hatte ich erwartet. Aber jetzt erwartete ich von mir selbst, dass ich mich um ihn kümmerte. Er war meine Verantwortung.

Zunächst verstrichen die Tage langsam. Ich traute mich nicht, ihn lange aus den Augen zu lassen. Soviel ich wusste, könnte er jeden Moment aufwachen – oder eben nicht. Also verbrachte ich noch mehr Zeit in meinem kleinen Cottage als sonst schon und vernachlässigte dafür einige meiner Aufgaben. Ich überprüfte immer wieder seine Atmung, dieses seltsame Energiefeld und auch die grüne Stelle zwischen seinen Schulterblättern. War sie größer geworden? Ich musste besser darauf Acht geben.

Nach zwei Wochen hatte ich das Gefühl, dass der mysteriöse Energiefluss schwächer wurde. Eine weitere Woche später war kaum noch etwas davon zu spüren. Und am Ende der vierten Woche war ich sicher, dass es damit vorbei war. Trotzdem wachte Gavin nicht auf. Auch wenn ich mir einbildete, dass er sich mehr bewegte. Und zuckte es da hinter seinen Lidern? Ich fasste an seine Stirn – er war glühend heiß. Louise hatte Recht behalten. Ich musste auf alles vorbereitet sein.

Ich war wach. Oder etwa nicht? Alles um mich herum war dunkel. So, wie mir sämtliche Knochen wehtaten, konnte das hier kein Traum sein. Ich hörte das Knistern eines wärmenden Feuers. Wo war ich? Eine weiche Decke lag auf mir. Sie roch zwar ein wenig muffig, war aber schön warm. Ich versuchte, meine Augen zu öffnen, doch sofort meldete sich ein stechender Kopfschmerz und ich war erst einmal damit zufrieden, nur ein- und auszuatmen. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passiert war. Und meine Erschöpfung gab mir zu verstehen, dass es wahrscheinlich gesünder wäre, einfach weiterzuschlafen.

Als nächstes torkelte ich eine dunkle Straße entlang. Es roch nach Meer und der Wind kündigte schlechtes Wetter an. Noch regnete es allerdings nicht. Diesmal musste es ein Traum sein. Oder? Alles wirkte so echt. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen und schmeckte Bier und Whisky. Aber noch etwas anderes. Etwas Würziges. Salz und Rosmarin?

Angenehm kühles Wasser an meiner Stirn war das, was ich als nächstes wahrnahm. Ich lag in einem bequemen Bett, die weiche Matratze war eine Wohltat für meinen geschundenen Körper. Noch immer tat mir alles weh. Wie lange hatte ich geschlafen? Wieder tupfte jemand mein Gesicht behutsam mit einem nassen Handtuch ab. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Das helle Licht blendete mich zuerst, doch dann blickte ich fragend in ein mir völlig unbekanntes Gesicht. Wer war dieser Mann, der mich so besorgt anschaute? Mir wurde schwindelig und das letzte, was ich sah, war der erschrockene Ausdruck in seinen Augen.

Dann umgaben mich plötzlich hohe Wellen. Ich war mitten im Meer, aber ich hatte nicht das Gefühl, verloren zu sein. Ich fühlte mich pudelwohl. Wasser war mein Element, doch so weit draußen auf dem offenen Meer war ich noch nie geschwommen.Aber es tat gut. Mein Körper fühlte sich so stark an, wie noch nie zuvor. Ich ließ mich treiben und genoss jede Sekunde.

Grüne Blitze zuckten plötzlich hinter meinen Augenlidern und ich hörte mich selber lachen. Aber war das wirklich ich? Hörte ich mich so an, wenn ich lachte? So irre? Ich torkelte einen Gang entlang, der mir ganz entfernt bekannt vorkam. War ich etwa betrunken? War das hier alles nur der schlimmste Kater meines Lebens? Ich lief weiter und spielte dabei mit einer Kette, die ich in den Händen hielt. Das Medaillon daran hatte ich allerdings noch nie gesehen. Und während ich noch auf das Schmuckstück in meinen Händen blickte, wurde aus dem goldenen Anhänger plötzlich ein schmales, gefährlich aussehendes Messer. Entsetzt ließ ich es fallen.

Mit einem Schlag war ich wach und setzte mich im Bett auf. Nichts, absolut gar nichts, kam mir bekannt vor. Nicht einmal das alte T-Shirt und die Pyjamahose, die ich trug. Wenigstens war von den Schmerzen nicht mehr so viel zu spüren. Langsam stieg ich aus dem Bett und ging vorsichtig zur Tür, die einen Spalt weit offenstand. Als ich sie öffnete war da wieder der unbekannte Mann, der, wie mir nun klar wurde, zuvor mein Fieber gesenkt hatte. Mit erstauntem Blick sah er mich an, den Mund geöffnet, als wollte er etwas sagen. Aber in meinem Kopf hörte ich eine Stimme und sie kam mir merkwürdig bekannt vor: »Geh. Dreh dich um und leg dich wieder schlafen.«

Nach diesen Worten schlotterte ich plötzlich am ganzen Körper und meine Knie gaben nach. Mein Blickfeld verdunkelte sich. Ich sackte zusammen, aber da war jemand, der mich auffing, damit ich nicht auf den Boden knallte. Alles wurde wieder schwarz.

»Cuthbert!« Eine melodiöse Stimme rief immer wieder betörend einen mir unbekannten Namen. Überrascht stellte ich fest, dass ich es selbst war, der diese Rufe ausstieß. Ich fuhr hoch und öffnete vorsichtig die Augen. Das Gesicht des unbekannten Mannes war keine zwanzig Zentimeter von meinem eigenen entfernt. Seine dunklen Locken sahen wirr aus, als wäre auch er gerade aus dem Schlaf aufgeschreckt. Die einzige Lichtquelle war eine winzige Nachttischlampe, die warmes Licht in den Raum warf. Fragend sah er mich an.

»Warum hast du mich gerufen?« Seine äußerst tiefe Stimme klang sehr angenehm, wenn auch streng in meinen Ohren.

»Cuth… Entschuldige, wie war der Name?« Das Sprechen viel mir schwer, meine Zunge war wie Blei.

»Cuthbert«, antwortete der Fremde irritiert.

Ich lächelte ihn entschuldigend an.

»Bleiben wir bei Cuth, okay? Ich heiße ‒« In diesem Moment bemerkte ich plötzlich, dass ich absolut keine Ahnung hatte, wie ich hieß und wer ich war. Es fiel mir schwer, ihn das zu fragen, aber es blieb mir wohl nichts anderes übrig. »Cuth … wer bin ich?«

Er holte kurz Luft, fuhr sich durch sein Haar und räusperte sich. »Ich weiß es nicht. Du warst bewusstlos, als ich dich hier im Wald gefunden habe. Kannst du dich an gar nichts erinnern?«

Ich schüttelte erschöpft den Kopf. »Nein … Aber warum kenne ich deinen Namen?«

Ein winziges Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Ich habe ihn dir schon genannt, aber ich dachte, du hättest noch geschlafen. Offensichtlich musst du doch schon mehr mitbekommen haben, als ich dachte.«

»Ja, offensichtlich …«, sagte ich und sackte langsam zurück in die Kissen.

Über einen Monat war es her, dass ich in Longstone nicht mehr alleine war. Und ich machte mir weiter Sorgen um meinen Gast. Er schlief sehr unruhig, wurde immer wieder von Träumen geplagt. Nachdem ich sein Fieber mit regelmäßigen Wadenwickeln erfolgreich gesenkt hatte, ging es ihm besser und auch sein Schlaf schien erholsamer zu sein. Manchmal konnte ich sogar den Anflug eines zufriedenen Lächelns auf seinen Lippen erkennen.

Gestern Abend hatte er dann auf einmal in der Tür gestanden und mich fragend angeschaut. Ich hatte ihn gerade noch auffangen können, bevor er mit voller Wucht auf den Steinboden geknallt wäre. Nachdem ich ihn wieder ins Bett gebracht hatte, beschloss ich, lieber bei ihm zu bleiben, bevor er sich noch wehtat.

Ich war mir nicht sicher, ob es richtig war, ihm nicht die volle Wahrheit zu sagen. Aber ich machte mir Gedanken, was dann alles geschehen könnte. Ich wollte Gavin lieber erst einmal beobachten. Wer wusste schon genau, was bei dieser Geschichte passiert war? Bei mir, in dieser entlegenen Ecke der Cairngorms, sollte er fürs Erste sicher sein und für niemanden eine Gefahr darstellen. Außer für mich. In jedem Fall konnte er sich an nichts oder nur wenig aus seiner Vergangenheit erinnern. Und er war immer noch sehr geschwächt.

Ich holte mir wieder den kleinen Hocker und machte es mir am Fußende des Betts so bequem wie möglich. Er atmete ganz ruhig und gleichmäßig und so war es kein Wunder, dass auch ich nach einer Weile einnickte.

Ich erreichte die Farne-Inseln durch ein von mir geöffnetes Portal. Angst war in meinem Herzen, denn ich hatte gesehen, was ich nicht für möglich gehalten hatte. Ich musste unbedingt alle verständigen. Doch als die erste Panik in mir abebbte, stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass mich auch hier nur Trümmer und Tod erwarteten. Alle Gebäude standen in blauen, kühlen Flammen und als ich zum Leuchtturm hinübersah, musste ich erkennen, dass kein rettendes Licht mehr von ihm ausging.

Ich rannte so schnell es die Schmerzen in meinem Bein zuließen, auch wenn ich wusste, dass es zu spät war, um noch irgendetwas zu ändern. Ich wollte es nicht glauben. Keuchend stand ich schließlich vor den Überresten unseres kleinen Hauses. Alles lag in Schutt und Asche. Ich fiel auf die Knie und fing laut an zu weinen. Wo sollte ich jetzt hin? Ich hatte niemanden mehr. Wie hatte das passieren können?

Doch noch während mir die Tränen über das Gesicht liefen, bemerkte ich etwas ganz Neues in diesem altbekannten Albtraum, eine Präsenz, die ich zuvor noch nie gespürt hatte. Hektisch drehte ich den Kopf von rechts nach links, doch ich konnte nichts entdecken. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ich nicht alleine war. Immer war da so ein Schatten am Rande meines Blickfelds, doch ich bekam ihn nicht zu fassen.

Erschöpft ging ich endgültig zu Boden und vergrub das Gesicht in der verbrannten Erde. Ich wollte nur noch, dass es aufhörte, dass ich endlich wach wurde.

Wieder erwachte ich aus einem dieser merkwürdigen Träume. Ich konnte durch das kleine Fenster erkennen, dass es draußen stockdunkel war, wahrscheinlich mitten in der Nacht. Der unbekannte Mann – Cuth hieß er doch, oder? – saß auf einem Hocker am Fußende meines Betts und war eingeschlafen.

Ob ich ihm sagen sollte, dass ich gerade von ihm geträumt hatte? Aber sein Gesicht hatte ohne den rotbraunen Bart so viel jünger gewirkt. Und so viel trauriger. Als er verzweifelt auf dem Boden kniete, hatte ich die Tränen in seinen Augen deutlich sehen können, doch war es, als würde er durch mich hindurchblicken, als wäre ich ein Geist.

Sein Kopf hatte sich hastig hin und her bewegt, als würde er etwas suchen. Immer wieder war ein verzweifeltes Schluchzen seiner Kehle entronnen. Der junge Mann mit den krausen Haaren war am Ende. Ich hätte ihn gerne in den Arm genommen und getröstet, doch als ich meine Hand nach ihm ausstrecken wollte, hatte sich das Bild in Luft aufgelöst und ich war aufgewacht. Ich war zu müde und erschöpft, um ihn zu wecken. Geschafft ließ ich mich zurück in die Kissen sinken.

Es dauerte nicht lange. Wieder sah ich Cuth, nun schon ein wenig älter als in dem Traum zuvor. Er lag auf dem Boden einer feuchten Höhle und sah erbärmlich aus. Ein Lachen hallte vonden Felswänden wider. Gehässig, abfällig. Aus der Dunkelheit tauchte ein großer Mann auf. Er trug einen schweren, dunklen Mantel. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, aber sein haarloser Schädel war fast so weiß wie der eines Skeletts. Verächtlich sah er auf Cuth herab, der vor seinen Füßen lag. Sein Rücken war überzogen von roten Striemen, an denen sich dicke Krusten aus getrocknetem Blut gebildet hatten. Zeichen dafür, dass jemand ihn schon lange Zeit misshandelt hatte. Und wer das gewesen war, konnte ich mir denken.

»Hast du wirklich gedacht, ich wäre an dir interessiert? Wie dumm bist du eigentlich?«, dröhnte die tiefe, kalte Stimme des Glatzkopfes. Cuth reagierte darauf, indem er sich mit beiden Händen die Ohren zuhielt.

»Hör gefälligst zu, wenn ich mit dir rede!«, schrie der Mann, dessen eisblaue Augen sich nun durch die Dunkelheit bohrten. Er hob eine Hand, aus der elektrische Blitze auf Cuth herniederzuckten. Qualvoll wand er sich auf dem steinigen Boden hin und her. Der fremde Mann kniete sich hinunter und kam ganz nah an sein Ohr heran.

»Sag mir jetzt endlich, wo sich deine kleinen dreckigen Freunde verstecken. Glaub ja nicht, dass du hier mit dem Tod davonkommst …« Es war so still in der Höhle, dass ich sein gehässiges Flüstern so deutlich hörte, als wenn ich es wäre, der dort auf dem Boden lag. »Ich werde dich gerade noch am Leben halten. Sodass du dir wünschst, du dürftest endlich in die Unendlichkeit weiterziehen. Aber das werde ich nicht erlauben. Ich werde dich –«

In diesem Moment riss Cuth plötzlich den rechten Ellenbogen hoch und rammte ihn seinem widerlichen Peiniger insGesicht. Taumelnd kam er auf die Beine und machte ein paar Schritte nach vorn. Vor ihm fiel plötzlich wie aus dem Nichts feiner Regen, in dem er verschwand, bevor der glatzköpfige Kerl sich aufgerichtet hatte. Es wurde wieder dunkel …

… bis ich plötzlich eine verlassene Straße entlangrannte. Es musste ziemlich spät sein und die Gegend kam mir bekannt vor. Ich rannte, bis ich am Rand einer Klippe stoppte. Auf einmal umklammerte mich jemand dermaßen, dass ich Schwierigkeiten hatte, weiter zu laufen. Ich lachte irre auf, riss meinen Verfolger mit mir in die Tiefe und … fand mich im Wasser wieder, umgeben von tosender Brandung und donnernden Wellen. Ich fühlte mich so schwach. Könnte das Meer mich nicht einfach mit sich nehmen? Stattdessen zerrte mich jemand an Land und legte mich in einer Höhle unter den Klippen ab. Dann spürte ich plötzlich einen stechenden, reißenden Schmerz in mir und ich war mir sicher, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte.

Mit dem Echo dieses Schmerzes wurde ich wach und fuhr entsetzt hoch, einen heiseren Schrei in der Kehle, als sofort Hände nach meinen Schultern griffen und mich sanft wieder auf das Bett drückten. Ich schaute in Cuths mittlerweile bekannte blaugraue Augen. Auch er sah mitgenommen aus, doch seine Stimme wirkte beruhigend auf mich.

»Ruh dich aus. Das sind nur Träume … Ich passe auf, dass dir nichts passiert.« Und irgendwie reichte mir das, um ihm Vertrauen zu schenken. Ich schloss die Augen und hoffte, endlich den notwendigen, erholsamen Schlaf zu finden.

Einige Tage vergingen, an denen Gavin immer wieder für kurze Zeit erwachte. Diese Wachphasen wurden von Mal zu Mal länger und es freute mich, zu sehen, dass mein Patient dabei auch immer munterer wirkte. Im Schlaf schien er jedoch noch Einiges zu verarbeiten, denn er schwitzte oft stark und warf sich hektisch hin und her.

Einmal fiel er deswegen sogar aus dem Bett. Als ich den lauten Knall hörte, lief ich sofort ins Schlafzimmer und half ihm wieder unter die warme Decke. Er schlotterte am ganzen Körper.

»Danke, Cuth«, sagte er leise und drehte sich auf die Seite. Cuth. So hatte mich noch nie jemand genannt. Ich war bereits im Begriff, wieder hinauszugehen, als er sich räusperte. »Würdest du vielleicht bei mir bleiben? Ich fühle mich gerade so allein.« Ich drehte mich zu ihm um und seine traurigen, großen Augen bewogen mich dazu, mich auf die Bettkante zu setzen. »Ich habe schreckliche Albträume.« Ich wartete ab, ob er mehr darüber erzählen würde. Stattdessen stellte er mir eine unerwartete Frage. »Cuth, meinst du, ich bin ein böser Mensch?«

Ich runzelte die Stirn. »Wie ich schon sagte, weiß ich nichts über dich. Wie kommst du zu dieser Frage?«

Er schüttelte mit geschlossenen Augen resignierend den Kopf und ein paar Strähnen seines dunklen Haars fielen ihm ins Gesicht. »Vielleicht ist es ja besser, wenn ich mich nicht mehr daran erinnere, wer ich bin. Und vielleicht ist es für alle besser, wenn ich nicht mehr dahin zurückkehre, von wo ich gekommen bin.«

Ich sah ihn schweigend an. Die Wahrheit war, dass ich selber nicht genau wusste, inwiefern er eine Gefahr darstellte, auch wenn er daran in jedem Fall keine Schuld hatte. »Ich glaube nicht, dass du ein böser Mensch bist, nein. Aber, wenn du Zweifel hast, warten wir erst einmal ab, ob deine Erinnerung nicht wiederkommt. So lange bleibst du einfach hier.«

Er sah mich mit dankbarem Blick an.

»Und vielleicht versuchst du einfach noch ein wenig zu schlafen ohne diese störenden Träume. Wenn du willst, bleib ich auch hier sitzen.« Schließlich wusste ich, wie meine eigenen Träume mich manchmal aufwühlen konnten. Was er im Schlaf gesehen hatte, schien ihm sehr zugesetzt zu haben, denn ich sah Tränen in seinen Augen, bevor er sich bedankte und sich wieder auf die Seite drehte. Ich konnte nichts tun, außer hoffen.

Meiner Erinnerungen beraubt zu sein, war ein merkwürdiges Gefühl. Ich war zwar schon seit einigen Tagen wieder bei vollem Bewusstsein, aber mein Langzeitgedächtnis hatte sich noch nicht wieder regeneriert. Die meiste Zeit hatte ich im Bett verbracht, da ich einfach noch zu schwach gewesen war, um mich viel zu bewegen. Doch heute fühlte ich mich deutlich besser und seltsam frei. Das lag sicher auch daran, dass ich mich um nichts und niemanden zu kümmern brauchte, schließlich wusste ich ja nicht, um was oder wen.

Auf der anderen Seite fragte ich mich ständig, ob ich nicht jemanden vermissen müsste, oder ob mich irgendwo jemand vermisste? Oder, ob es völlig in Ordnung war, wenn ich Cuth, wie jetzt gerade, sehr interessiert dabei zusah, als er sich bückte, um noch ein Holzscheit im Kamin nachzulegen. Anfangs hatte ich mir gesagt, dass es wahrscheinlich einfach die Dankbarkeit war. Doch mit jedem Tag wuchs mein Interesse an dem verschlossenen Kerl. War das in Ordnung? Durfte ich das oder gab es da jemanden in meinem Leben? Ich entschied für mich, dass ich nur mit Gucken erst mal niemandem wehtat.

»Gib mir mal noch ein Stück Holz!« Cuth drehte sich zu mir um und streckte die rechte Hand aus.

Der Korb mit dem Brennholz stand direkt neben meinem Sessel, in dem ich es mir mit der Decke bequem gemacht hatte. Ich zog ein Scheit heraus. »Fang!«, rief ich und warf ihm das Holz zu. Ich musste grinsen, als ich sein überraschtes Gesicht sah, aber seine Reflexe waren sehr gut. Er warf mir einen tadelnden Blick zu, statt ›Danke‹ zu sagen. Den gesellschaftlichen Umgang musste er wohl noch üben. Aber was sollte ein Einsiedler in einer Hütte mitten im Nichts schon damit anfangen? Andere Regionen meines Gehirns fingen wieder an zu arbeiten, als er sich erneut zum Feuer hinunterbeugte.

Wer brauchte schon einen gepflegten sozialen Umgang und Höflichkeit, wenn es hier solche Aussichten gab? Es fühlte sich eigenartig an, mich daran erinnern zu können, dass man ›Bitte‹ und ›Danke‹ sagte und man anderen Menschen normalerweise nicht so unverhohlen auf den Hintern sah, nicht aber an meinen eigenen Namen. Das nennt man Teilamnesie. Ja, ich kannte das Prinzip, woher auch immer. Es am eigenen Leib zu erfahren, war aber etwas völlig anderes.

»Ich habe deine Uhr hier oben hingelegt.« Er deutete auf den Kaminsims. Neugierig stand ich auf und nahm die kleine Armbanduhr mit dem schwarzen Lederband in die Hände. Auch das Ziffernblatt war schlicht gehalten, doch als ich die Uhr umdrehte, fand ich etwas, das ich dort nicht vermutet hatte.

»Für Gavin von Opa«, las ich leise. Gavin. Ich sah Cuthbert an, der mich mit großen Augen anblickte.

Er räusperte sich kurz. »Oh, das hab ich noch gar nicht bemerkt. Aber gut, dann müssen wir uns schon mal keine Fantasienamen für dich ausdenken.«

Gavin. Ich wartete darauf, dass mit diesem Namen noch mehr kam, doch nichts geschah. Es wäre wahrscheinlich zu einfach gewesen, wenn wie auf Knopfdruck einfach alles wieder zurückgekehrt wäre. Gemach, Gavin, gemach. Ich probierte den Namen an mir aus. Dann sah ich Cuth an, der nachdenklich aus dem Fenster schaute. »Wie hättest du mich denn genannt?«

Neugierig war ich ja schon. Er drehte sich zu mir und sah mich einmal von oben bis unten an. Ich wurde ein wenig nervös, als ich spürte, wie sein Blick über meinen Körper wanderte.

»Vielleicht Cuilean?«

»Welpe?«, fragte ich verwirrt. Ein winziges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Ich erinnerte mich nicht daran, es zuvor schon einmal gesehen zu haben.

»Oh, du sprichst Gälisch?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Offensichtlich. Also, warum Cuilean?«

»Na ja, ich muss auf dich aufpassen und du guckst mich ständig so fragend an. Außerdem bist du deutlich jünger als ich. Ich finde, das passt.«

So viel älter sah er gar nicht aus. Die Sache war, dass ich ja nicht mal wusste, wie alt ich wirklich war. Aber es fühlte sich gut an, die Uhr an meinem linken Handgelenk zu spüren. Merkwürdig vertraut.

»Sie läuft sogar noch«, sagte ich, als ich sie mir ans Ohr hielt und ein schwaches, aber eindeutiges Ticken vernahm.

»Ja, sie war klatschnass, ich habe sie –«

»– in Reis eingelegt!«, rief ich triumphierend. Und mit einem Mal erinnerte ich mich daran, dass mein Smartphone auch schon mal ganz nass geworden war und wir es mit Reis retten konnten. Die Frage war nur: Wer waren wir?

ERHATTE SICH DARAN GEWÖHNT, ALS SCHATTEN ÜBER DIE LANDEZU ZIEHEN. UND AUCH WENN ERDABEI ZIEMLICH EINSAM WAR,WUSSTE ER, DASS ES NOCH GENUG TREUE SEELEN IM MAGISCHEN VOLK GAB,DIE SICH HINTER SEINE HERRIN STELLEN WÜRDEN,WENN SIE DENN ERST WIEDER ZURÜCKKEHRTE. DAFÜR HATTE ERGESORGT. ALLE WUSSTEN,WELCHEN UNGLAUBLICHEN DIENSTER FÜR SIE TAT, DENN ER UNTERRICHTETE SIE REGELMÄSSIG VON SEINEN TATEN UND ERRUNGENSCHAFTEN. ER WAR SICH SICHER, WENN ER EINES TAGES DIE BARRIERE FÜR SIE NIEDERREISSEN SOLLTE, WÜRDE IHM GROSSE EHRE ZUTEILWERDEN. ALLEWÜRDEN IHN LIEBEN, NUR ER LIEBTE NIEMANDEN UND DAS ERFÜLLTE IHN MIT EINEM ERHABENEN GEFÜHL.

ALS ER AN LAND ZURÜCKGEKEHRT WAR, HATTE ER DIE MITFÜHLENDEN UND ANERKENNENDEN BLICKE DES VOLKS GENOSSEN. ER HATTE ÜBERLEBT! ALLEN WIDRIGKEITEN ZUM TROTZ. ER WAR MIT DEM LEBEN DAVONGEKOMMEN UND WÜRDE JETZT FÜR SIE KÄMPFEN. WIE GUTGLÄUBIG SIE DOCH ALLE GEWESEN WAREN. AM ENDE WÜRDE ER SELBST TRIUMPHIEREN. ÜBER ALLE.

2

Chemie war nicht gerade meine Stärke. Doch Professor Coleman hatte mir schon mehrfach versichert, dass ich mein Meeresbiologie-Studium ohne Basiskenntnisse in diesem Fach auch gleich abbrechen könnte. Die letzte Klausur hatte ich mit Ach und Krach bestanden. Also biss ich die Zähne zusammen und folgte ihr so gut ich konnte bei ihren Ausführungen zu Methan. Es war ja durchaus interessant, was das Gas alles anstellen konnte: Zum Beispiel Höhlen bilden, sich zusammen mit Phosphor und Sauerstoff selbst entzünden und eventuell sogar Schiffe versenken – aber, als sie anfing, alle physikalischen, molekularen und chemischen Eigenschaften zu beschreiben, stieg ich nach einer Weile aus.

»Hörst du noch zu, Maggie?«, fragte Rachel mich leise von der Seite. Ich schüttelte den Kopf. In Gedanken war ich schon bei Jonathan, der mich nach der Uni abholen wollte. Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass der Vogelmann für meine Hochschulkarriere nicht besonders hilfreich war. Die letzten Wochen hatte er mich schon sehr gut abgelenkt, zum Glück nicht nur von der Uni.

»Kommt Jon gleich?«

Merklich zuckte ich zusammen. Ich hatte Rachel schon des Öfteren gebeten, Jonathan bei seinem vollen Namen zu nennen. Zum einen mochte ich seinen Namen sehr, zum anderen hatte nur Gavin ihn Jon genannt. Und ich musste schon oft genug an ihn und an alles, was passiert war, denken. »Ähm, sorry, Jonathan mein ich«, flüsterte sie jetzt mit entschuldigendem Blick und fuhr sich betreten durch ihre blonden langen Locken.

»Miss Bellamy, Miss Bloom. Wenn sie Privatangelegenheiten zu klären haben, möchte ich Sie bitten, meine Vorlesung zu verlassen.« Professor Coleman blickte uns streng durch ihre goldumrandete Brille an. Sie war zwar klein und zierlich, aber anlegen wollte man sich mit ihr trotzdem nicht. Wir hatten schon Geschichten von Kommilitonen gehört, die gesehen hatten, wie andere weinend ihr Büro verlassen hatten. Wir entschuldigten uns kleinlaut und sie fuhr fort. »Sie sollten die kommenden Semesterferien dafür nutzen, sich in aktuelle Themen wie diese einzulesen. Denken Sie daran, dass Ihre Bachelor-Arbeiten schneller kommen, als sie denken. Es schadet nicht, sich in verschiedenen Forschungsbereichen umzuschauen, um eine gute Wahl für ein geeignetes Thema zu treffen.«

Ich bezweifelte, dass ich meine Bachelor-Arbeit über ein Treibhausgas schreiben würde, obwohl es in Bezug auf den Klimawandel natürlich ziemlich spannend war. Daher zwang ich mich dazu, die letzten Minuten der Vorlesung aufmerksam zu verfolgen. Dann erklang der Gong.

Jonathan wartete schon auf uns. Als ich ihn von weitem bei den Fahrradständern sah, machte mein Herz einen Sprung und ich beschleunigte meinen Schritt. Ich konnte es gar nicht erwarten, in seine Arme zu fallen und ihn endlich zu küssen. Die Tage ohne ihn waren einfach zu lang, deswegen war ich an den Wochenenden immer bei ihm auf der Isle of May. Und wenn er mal einen freien Tag hatte, kam er nach St Andrews, so wie jetzt. Bald hatte er Urlaub und wir planten zusammen ein paar Tage wegzufahren. Er hatte schon Ideen und wir wollten gleich im Morgan‘s darüber reden.

Rachel zupfte an meinem Ärmel. »Hey, hey, nicht so schnell! Lass ihn ruhig auch ein Stück auf dich zukommen.«

Aber da hatte er sich auch schon in Bewegung gesetzt und ich konnte immer noch nicht fassen, dass er sich so freute, mich zu sehen. Er war nicht gerade der Mann für Gefühlsausbrüche, ganz anders als … Ich schob den Gedanken beiseite und freute mich über das fröhliche Gesicht meines Freundes.

Nicht, dass sich der brummende Zyniker ganz vertreiben ließ; aber das wollte ich auch gar nicht. Schließlich hatte das durchaus seinen Reiz. Doch nun stand er vor mir, ein fast schüchternes Lächeln auf den Lippen. Er senkte kurz den Kopf, bevor er wieder aufschaute und mich direkt ansah.

»Hi, ich dachte schon, ich würde zu spät kommen. Wilfred hatte mich in eine ellenlange Diskussion über Nachtfalter verwickelt, bevor er mit der Fähre von der Insel gefahren ist.«

Ich grinste, denn das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Die Saison war zu Ende und langsam machten sich alle aus dem Staub. Selbst der alte Hobby-Lepidopterologe war nun also von der Insel verschwunden. Mit dem Oktober begann bald die Zeit der Kegelrobben, die auf die May kamen, um ihre Jungen zu bekommen.

Jonathan war in den letzten Jahren selbst in den Wintermonaten auf der Insel geblieben, aber ich hatte ihn davon überzeugen können, dass es sicherlich gemütlicher wäre, die kalte Jahreszeit bei mir in St Andrews zu verbringen. Er drückte mir einen schnellen Kuss auf den Mund. Ich kannte das schon. Hatten wir Publikum, war es ihm unangenehm, solche Zärtlichkeiten auszutauschen, doch ich sah es nicht ein, ihn so schnell wieder loszulassen und fasste in seine graublonden Haare, um ihn näher an mich heranzuziehen. Sobald sich unsere Lippen trafen, war sein voriges Unbehagen verflogen. Es gefiel mir, wie sein Gehirn sich auf diese Weise abstellen ließ. Doch kaum, dass wir uns wieder voneinander lösten, lächelte er peinlich berührt, als er Rachel bemerkte.

»Hi, ich hab dich gar nicht gesehen.«

Rachel grinste. »Ist ja auch kein Wunder. Ich will auch gar nicht länger stören. Bis später!« Sie zwinkerte mir zu, befreite ihr Fahrrad vom Schloss und schwang sich auf den Sattel.

»Wollen wir?«, fragte Jonathan und legte seinen Arm um mich.

»Ja, aber ich muss erst kurz nach Hause. Einmal schauen, ob alles in Ordnung ist.«

Es fühlte sich meiner Oma und auch Grannd gegenüber nicht richtig an, dass ich so viel Zeit mit Jonathan verbrachte, auch wenn der Broonie mir versicherte, dass das schon in Ordnung ginge und ich die Zeit genießen sollte.

»Kein Problem, aber ich wette, Grannd hat alles unter Kontrolle«, meinte Jonathan.

Es roch verbrannt, als wir zur Tür unseres alten Reihenhauses hineinkamen. Jonathan sah mich alarmiert an, aber keine fünf Sekunden später erschien auch schon Grannd im Flur, bewaffnet mit Schürze und Schwamm. Der Broonie, den meine Mutter schon vor meiner Geburt aus einer brenzligen Situation gerettet hatte, war unserer Familie seit diesem Tag verpflichtet. Er zeigte sich nur meiner Großmutter. Auch Jonathan und ich konnten ihn erst seit wenigen Monaten sehen.

»Sie hat wieder vergessen, den Ofen auszustellen. Allerdings lag dieses Mal noch irgendetwas auf dem Blech. Ich versuche es gerade abzukratzen. Die Fenster hab ich schon alle aufgemacht. Margret sitzt ein bisschen auf der Bank im Garten … mit Decke natürlich«, ergänzte Grannd, als er meinen entsetzten Blick sah.

Meine Oma war mit ihren vierundachtzig Jahren nicht mehr die Jüngste und ich wollte nicht, dass sie sich in der frischen Herbstluft eine Lungenentzündung einfing. Doch noch viel mehr Sorgen machte ich mir um ihre Demenz. In den letzten Wochen wurde ihre Erkrankung immer deutlicher, während sie zuvor einen einigermaßen stabilen Eindruck gemacht hatte. Vielleicht war es aber auch einfach nur eine schlechte Phase und es würde wieder anders werden? Ich wollte so gerne vom Besten ausgehen.

»Hast du noch mal über das nachgedacht, was ich dir letztens vorgeschlagen habe, Maggie?« Grannd sah mich eindringlich an. Ich wusste, was der Broonie mir mit diesem Blick sagen wollte.

»Ich weiß nicht. Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist? Ich meine, ich kenne diese kleinen Wesen ja gar nicht und wer garantiert mir, dass sie nicht irgendeinen Quatsch mit meiner Oma veranstalten?«

Jonathan runzelte die Stirn. »Also, über Pflegepersonal als ›kleine Wesen‹ zu reden, finde ich jetzt aber nicht sehr angebracht.«

Ich lachte. »Nein, es geht nicht um Pflegepersonal. Zumindest nicht um gewöhnliches. Grannd kennt da wohl einen Stamm von Pixies, den man relativ einfach beschwören kann. Solange sie sich an deinen Vorräten bedienen dürfen, kannst du ihnen kleine Aufgaben übertragen. Grannd meinte, sie wären als Überwachungskommando für meine Oma geeignet. Aber ich weiß nicht … «

»Auf so eine Idee musste man erst mal kommen«, meinte Jonathan. »Die Vorstellung, dass hier plötzlich dutzende von kleinen Tinkerbells durch die Gegend flitzen, kommt mir jetzt gerade noch recht merkwürdig vor. Vielleicht denken wir noch mal über andere Möglichkeiten nach?«

Das Lachen erstarb in meiner Kehle. Ich wusste genau, wovon er sprach. Aber ein Heim wäre für mich einfach der letzte Ausweg.

»Meinst du, ihr kommt zurecht heute Abend?«, fragte ich Grannd.

Der winkte lässig ab. »Aber sicher, ich hab jetzt ein ganz scharfes Auge auf sie. Geht ihr beide mal ein bisschen aus.«

Jonathan hatte schon öfter angemerkt, dass der Broonie mit meiner Oma vielleicht langsam an seine Grenzen kam, aber beschwert hatte sich Grannd bisher nicht bei mir.

»Dafür ist er auch viel zu stolz«, hatte Jonathan gesagt. »Das kratzt sonst an seiner Broonie-Ehre.«

Ich sah den kleinen Mann noch mal an. Der grinste mich wild entschlossen aus seinem grauen, wirren Bart an.

»Okay, dann zieh ich mich noch schnell um«, ich deutete auf den Kakaofleck auf meiner Jeans, »und dann können wir los.«

Es war das erste Mal seit Gavins Verschwinden, dass wir das Morgan‘s aufsuchten. Wir hatten es bisher einfach nicht über uns gebracht, aber Rachel und Zoé hatten mich endlich dazu überredet, heute Abend an den Ort zurückzukehren, an dem ich ihm zum ersten Mal begegnet war.

Ich hatte oft darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn ich ihm an diesem Abend vor einigen Monaten nicht über den Weg gelaufen wäre. Klar, ich hätte ihn am nächsten Tag im Institut kennengelernt. Aber vielleicht wären wir dann nicht miteinander ausgegangen, er hätte sich bei der ganzen Geschichte mit den Robben herausgehalten und nicht die Aufmerksamkeit des Shellycoats auf sich gezogen, wäre niemals von dieser Klippe gestürzt und wäre noch hier bei uns.

Jonathan verstand nicht recht, warum ich mir solche sinnlosen Gedanken machte: »Davon wird er auch nicht wieder lebendig.« Das hatte er mir jetzt schon einige Male gesagt. Doch ich wollte immer noch nicht glauben, dass Gavin wirklich gestorben war. Solange ich keine eindeutigen Beweise hatte, gab ich die Hoffnung nicht auf.

»Die erste Runde Pale Ale geht auf mich«, erklärte Rachel. Sie hatte extrem gute Laune, weil sie in der Chemie-Klausur deutlich besser abgeschnitten hatte als ich. Wochenlang hatte sie sich verrückt gemacht und dann doch ohne Probleme bestanden ‒ typisch. Da sie mit dem Gedanken spielte, Wildtierärztin zu werden, brauchte sie Chemie, da führte kein Weg dran vorbei. Gavin hätte ihr sicher helfen können, aber …

Rachel bemerkte, dass ich mit meinen Gedanken nicht bei der Sache war. Sie stellte mir ein Glas vor die Nase. »Das Erste ist für dich! Los, austrinken!«

Natürlich wusste sie, wie nah mir Gavins Verschwinden gegangen war. Was sie nicht wusste: Er war nicht bei einem nächtlichen Bootsausflug über Bord gegangen –so wie wir es allen erzählt hatten – sondern hatte sich nach dem Übergriff eines wahnsinnigen Wassergeists in Luft aufgelöst. Jonathan konnte mir noch so oft erzählen, wie Gavin in der Höhle in seinen Armen gestorben war – niemand konnte mir erklären, warum jede Spur von seiner Leiche fehlte.

»Slàinte mhath!« Rachel stieß mit mir an und Zoé und Jonathan, die inzwischen auch ein Glas bekommen hatten, taten es ihr gleich. Meine beiden Freundinnen hatten meinen Freund ohne Probleme in unsere kleine Gruppe aufgenommen. Ich war wirklich froh, dass das trotz des Altersunterschieds funktionierte, schließlich war Jonathan 25 Jahre älter als die beiden. Doch sie meinten, das würde man gar nicht so merken, er wäre halt nicht so ein »typischer Mittvierziger«. Wobei ich überhaupt keine Ahnung hatte, was typisch für Mittvierziger sein sollte. Jonathan war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Ich sah zum ihm hinüber und nahm ein paar kleine Schlucke. Vielleicht würde das Bier ja helfen, den Kopf abzustellen.

Gleich begann der Karaoke-Abend und sicherlich würden mich die zahlreichen großartigen Darbietungen ablenken. Ich fragte mich, ob immer noch dieser Typ auftrat, der glaubte, er sei Elvis höchstpersönlich – das war immer mein absolutes Highlight.

»Also, wie genau hast du dir jetzt deinen Urlaub vorgestellt?«, fragte ich Jonathan und lehnte mich dabei nah an ihn heran. Er roch so gut. Ich hatte irgendwann herausbekommen, dass es einfach sein Duschgel war, das so herrlich nach Rosmarin, Minze und Meersalz roch und schnüffelte oft beim Duschen auf der May direkt an der Flasche. Aber noch besser war es natürlich, direkt an Jonathan zu schnuppern. Doch ihm war es oft unangenehm, wenn ich in aller Öffentlichkeit damit anfing. Typisch Jonathan, bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit auf die eigene Person lenken. Aber ich war doch so verliebt und musste ihn einfach wie eine Grinsekatze anstarren.

Am Anfang hatte ich mich gefragt, ob er vielleicht weniger fühlte als ich. »So ein Blödsinn«, hatte er gesagt, »für mich ist das nur etwas sehr Persönliches, was ich nicht mit allen teilen möchte.« Das musste ich wohl akzeptieren. Umso mehr freute ich mich, als nun er sich an mich lehnte, mir einen Kuss gab und mich danach mit seinem unnachahmlichen schiefen Lächeln angrinste.

»Wie ich mir meinen Urlaub vorstelle? Ich hätte da wohl Ideen.« Seine raue Stimme ganz nah an meinem Ohr zauberte mir einen wohligen Schauer in den Nacken. Klar, solche Ideen hatte ich natürlich auch. »Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen in die Highlands fahren? Ein paar Bed & Breakfasts abklappern und alles auf uns zukommen lassen. Es gäbe da auf jeden Fall auch ein paar interessante Naturschutzgebiete und Zoos, die –«

»Ich dachte, du willst Urlaub machen?«, lachte ich. Natürlich, der Naturschutzgebietsleiter fuhr in den Ferien ins Naturschutzgebiet.

»Na ja, ich sperr mich jetzt ja nicht zwei Wochen lang ein, nur, weil ich bei meiner täglichen Arbeit immer an der frischen Luft bin. Wir könnten zum Beispiel nach Aviemore fahren, da wohnt Douglas, ein alter Kumpel von der Uni, der arbeitet im Highland Wildlife Park in Kingussie. Die haben sogar Eisbären. Das ist doch mal was anderes als die Papageientaucher auf der May.«

»Eisbären? Der natürliche Feind aller Robben?«

»Die müssen ja auch was fressen«, sagte Jonathan. »Und wir sind ja zum Glück im Stande unsere Gestalt zu wechseln«, flüsterte er mir zu.

Ich grinste. »Okay, wir können ja mal eine Route ausarbeiten.«

Nun kam der erste Sänger auf die Bühne. »Hi, ich bin Harry und ich singe für euch Sex Bomb von Tom Jones«, sagte der etwa achtzehnjährige, blasse Junge mit den roten Haaren.

»Na, das kann ja interessant werden«, murmelte Jonathan in mein Ohr und seine tiefe Stimme löste das Verlangen in mir aus, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Doch das würde warten müssen. Jetzt war erst mal Harry dran und wir staunten nicht schlecht, was für eine Stimme sich hinter dem schmalen Bürschchen versteckte. Rachel und Zoé johlten und pfiffen nach dem Auftritt, sodass der arme Junge ziemlich rot anlief. So konnte es weitergehen.

Einige Getränke und Auftritte später machten wir uns über einen großen Teller Nachos her. Ich hatte nach dem langen Tag an der Uni richtig Hunger.

»Vielleicht such ich mir auch gleich einen Song aus«, meinte Rachel, die rechts von mir saß, gut gelaunt. Sie lehnte sich zu mir rüber und sang: »Raindrops keep falling on my head … « Sofort schossen mir die Bilder von Gavin und unserer gemeinsamen wackeligen Fahrradfahrt in den Kopf. Mein Magen zog sich zusammen, als ich im Geiste seine fröhlichen Augen mit den lebendigen Brauen sah, die mich von Anfang an so fasziniert hatten. Es war alles meine Schuld. Das Gefühl in meinem Bauch wurde immer schlimmer und ich hätte mich wahrscheinlich übergeben, wäre nicht genau in diesem Moment Rachel spektakulär von ihrem Stuhl gefallen.

»Hilfe! Was war denn das?«, fragte sie, lachend auf dem Hosenboden sitzend. Ich grinste und half ihr auf. Dabei bemerkte ich, dass ein Bein ihres Stuhls in einem ungefähr fünfzehn Zentimeter tiefen Loch im Boden steckte.

Ich winkte einer Kellnerin zu.

»Das ist aber mordsgefährlich hier. Meine Freundin ist gerade mit dem Stuhl darin steckengeblieben und hingefallen.«

Die junge Frau mit den kurzen braunen Haaren bekam hinter ihrer Brille große Augen. »Wo kommt das denn her? Ich hab hier heute Morgen noch durchgefegt, da wäre mir das doch aufgefallen …«, sagte sie.

»Na ja, wollen Sie uns vielleicht sagen, hier hat sich gerade einfach so ein Loch im Boden aufgetan?«, fragte Jonathan zynisch.

Oje. Konnte das sein? Ich sah ihn an. Er sah mich an und verstand.

»Wie auch immer«, sagte er wieder an die Kellnerin gewandt, »sehen Sie einfach zu, dass das wieder in Ordnung kommt.«

»Natürlich. Auf den Schreck hole ich euch erst mal eine Runde Whisky.« Mit diesen Worten machte sie sich wieder auf in Richtung Theke.

»Ähm, meinst du, dass du dieses Loch gemacht hast, Maggie?«, flüsterte Jonathan mir zu.

Die anderen konnten uns aufgrund der Musik nicht hören.

»Es wäre nicht ganz unmöglich«, antwortete ich. »Weißt du noch, als ich letztens so wütend war, als die Besucher im Institut mit ihren völlig verdreckten Stiefeln durch die Ausstellung gestapft sind?«

»Ja, du hast erzählt, dass auf einmal aller Dreck in einer Kugel zusammengekommen und dann zum Fenster rausgeflogen ist. Aber das war ja sehr nützlich.«

Ich nickte. »Ja, schon. Aber ich hatte darüber überhaupt keine Kontrolle. Und auch da war ich aufgebracht.«

»Wieso warst du denn gerade aufgebracht?«, fragte Jonathan überrascht. Ich wusste nicht, ob ich ihm den genauen Grund nennen sollte.

»Rachel hat etwas gesagt, was mich an Gavin erinnert hat.«

Er seufzte. »Selbst wenn du ein bisschen unkontrolliert Magie versprühst, sie ist ja nur vom Stuhl geplumpst. Wir können sicherheitshalber Grannd dazu befragen. Aber es ist bestimmt alles gut.« Jonathan legte den Arm um mich und drückte mich fest an sich. Und das fühlte sich so gut an, dass ich ihm wirklich gerne glauben wollte.

»Ein Loch im Boden sagst du? Und es hat sich einfach so geöffnet?«, fragte Grannd, als ich ihm am nächsten Morgen davon berichtete.

»Ja, es war auf einmal da«, bestätigte Jonathan.

Der Broonie kratzte sich am Bart. »Hm, natürlich ist das nicht besonders angenehm, wenn deine Magie sich verselbstständigt, aber bisher waren es ja nur Kleinigkeiten und ich denke, mit ein bisschen mehr Übung wird sich das Ganze schon einpendeln, Maggie.« Grannd tätschelte mir die Hand und schob mir einen kleinen Teller mit Zitronenkuchen herüber, als ich ihm von dem Vorfall im Morgan‘s berichtete.

»Kuchen zum Frühstück?«

»Deine Oma hat mich heute ziemlich früh geweckt und als sie versorgt war, wusste ich nicht so richtig was mit mir anzufangen. Also habe ich gebacken.«