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Ein Alpha ohne Rudel. Eine Frau ohne Freiheit. Alexander, der Minotauros, kämpft in der Welt der Träumer darum, seine Familie zusammenzuhalten. Doch als er Althea begegnet - einer Frau, die einem Vampir versprochen wurde - gerät seine Welt aus den Fugen. Zwischen alten Dämonen, gefährlichen Bündnissen und verbotenen Gefühlen muss Alexander entscheiden, was stärker ist: Pflicht oder Liebe.
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Seitenzahl: 953
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Bisher von A. Bogott-Vilimovsky erschienen:
Das Band der Seelen – Mythen und Märchen ISBN 978-3-7494-2890-8
Das Band der Seelen – Schicksalswege ISBN 978-3-7494-8279-5
Das Band der Seelen – Ceanloch'eigh ISBN 978-3-7519-9612-9
Der Weihnachtsvampir ISBN 978-3-8334-6861-2
Der Weihnachtsvampir, Alicia ISBN 978-3-7481-0036-2
Der Weihnachtsvampir, Sonnenhexe ISBN 978-3-7504-2339-8
Die Hüter von Ceanloch’eigh, ISBN 978-3-7578-4663-3
MythCreatures: Band 1: Raelynns Löwenherz, ISBN 978-3-7557-1418-7
Weitere Romane sind in Vorbereitung.
Diese Serie ist für euch fabelhafte Wesen, die ihr mythische Kreaturen liebt!
Das Jahr 2000 ist aus meiner Erinnerung verschwunden. Um genau zu sein, sind zehn Jahre aus meinen Erinnerungen verschwunden ...
Gewesen, muss ich heute sagen, denn 2010 fiel mir ein Mann vor die Füße, den ich schlichtweg vergessen hatte. Er nannte mich Zauberin, als alle meine Erinnerungen und Träume verschollen waren. Und er brachte sie und damit auch mich zurück.
Jetzt, knapp zwei Jahre später gibt es zwar immer noch Lücken, aber die füllen sich langsam wieder auf. Dank Lyonel, meinem Löwengefährten und Ehemann. Er hat mich nie aufgegeben. Und er hat uns nie aufgegeben zu einer Zeit, da ich mich verzaubert und aus der Traumwelt ausgeschlossen hatte.
Gemeinsam haben wir den Dunkelelf besiegt, einen Dämon, den ich aus einer Krankheit heraus beschworen hatte, die beinahe mein Leben beendet hätte. Ich habe ihn getötet und mit Lyonels Hilfe die Traumwelt von seinen Kreaturen gereinigt. Aber wir wissen beide nicht, wo diese gewandelten Wesen nun sind.
Das Gleichgewicht hat sich verschoben und die Dinge befinden sich im Fluss, dessen Richtung stetig wechselt. Noch nie in der Geschichte der Traumwelt lebten die Zauberin und ihr Gefährte beide in der Welt der Träumer. Und noch nie konnte die Zauberin ihre Magie in beiden Welten anwenden.
Doch ein Schritt nach dem anderen ...
Zuerst müssen wir die Wesen finden, die der Dunkelelf gewandelt hat. Wir wissen nicht, ob sie böse sind, aber wir müssen davon ausgehen, dass sie gefährlich sind. Und egal, wo wir sie aufstöbern, sollten sie einem Menschen oder einem Fabelwesen ein Leid zufügen, werden wir sie vernichten. Denn auch das ist die Aufgabe der obersten Zauberin der Traumwelt und ihres Gefährten. Auch wenn ich hoffe, das niemals tun zu müssen!
Raelynn Liontari-Feuer, oberste Zauberin der Traumwelt und der MythCreatures (Fabelwesen) in der Welt der Träumer Buch der MythCreatures, Bibliothek der Traumwelt
MythCreatures / Fabelwesen
Prolog
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Teil II
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Teil III
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Teil IV
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Kapitel 92
Kapitel 93
Kapitel 94
Kapitel 95
Kapitel 96
Teil V
Kapitel 97
Kapitel 98
Kapitel 99
Kapitel 100
Kapitel 101
Kapitel 102
Kapitel 103
Kapitel 104
Kapitel 105
Kapitel 106
Kapitel 107
Kapitel 108
Kapitel 109
Kapitel 110
Kapitel 111
Kapitel 112
Kapitel 113
Kapitel 114
Kapitel 115
Kapitel 116
Kapitel 117
Kapitel 118
Kapitel 119
Kapitel 120
Kapitel 121
Kapitel 122
Kapitel 123
Kapitel 124
Kapitel 125
Kapitel 126
Kapitel 127
Kapitel 128
Kapitel 129
Kapitel 130
Kapitel 131
Kapitel 132
Kapitel 133
Kapitel 134
Kapitel 135
Kapitel 136
Kapitel 137
Kapitel 138
Teil VI
Kapitel 139
Kapitel 140
Kapitel 141
Kapitel 142
Kapitel 143
Kapitel 144
Kapitel 145
Kapitel 146
Kapitel 147
Kapitel 148
Kapitel 149
Kapitel 150
Kapitel 151
Kapitel 152
Kapitel 153
Kapitel 154
Kapitel 155
Kapitel 156
Kapitel 157
Kapitel 158
Traumwelt, 2001 in der Welt der Träumer
„Hey sieh mal, Alex!“, schrie der schlaksige, fünfzehnjährige Junge mit den rabenschwarzen Locken. Seine braunen Augen leuchteten vor Aufregung, als er sich zu dem großen Mann umdrehte. Seinen Bruder Alexander. Der schon mit einundzwanzig Jahren, nach dem Tod des Vaters, die Funktion als Oberhaupt der Familie Creontauros übernommen hatte. Und die Familie war groß. Alle Minotauren in seinem Clan hatten sich für ihn entschieden, obwohl er noch so jung war.
„Joannis, bleib stehen!“, befahl Alexander mit tiefer Stimme.
Schon früh hatten seine Eltern erkannt, dass in ihm ein Anführer schlummerte. Und normalerweise hörten die jungen Leute auf ihn.
Normalerweise. Joannis war die Ausnahme, er gehorchte niemandem und brachte sich ständig in Schwierigkeiten.
„Aber sieh doch nur!“, rief er jetzt und zeigte auf die Ebene und den Wald dahinter. Schwarze Nebelschlieren drehten sich um ein Gebilde in der Mitte und entzogen es den Blicken der beiden Gestaltwandler, die auf einer Anhöhe standen. „Was ist das?“
„Keine Ahnung“, sagte Alexander nachdenklich. Was immer es war, es machte den Minotauros in seinem Inneren nervös.
„Lass uns nachsehen!“
„Nein. Das müssen wir erst im Clan besprechen.“ Die Ältesten würden wissen, was zu tun sei. Alexander mochte ihr Anführer sein, doch eine Veränderung dieser Größenordnung musste erst diskutiert werden.
„Ach komm schon“, maulte Joannis.
„Ich sagte nein“, erwiderte Alexander bestimmt. „Komm, wir gehen zurück und beratschlagen uns mit dem Clan.“
„Na schön.“
Alexander blieb auf der Hut, er kannte seinen Bruder. Jetzt wartete er, dass Joannis sich in Bewegung setzte und maulend vor ihm herschlich. Ganz plötzlich sprang der Jüngere wie eine Gazelle zur Seite, machte kehrt und entwischte den zupackenden Händen seines großen Bruders.
„BLEIB STEHEN!“, brüllte Alexander, seine Augen färbten sich schlagartig dunkel, als er die Kraft seines Tieres hervorrief und hinter seinem Bruder her raste. Doch Joannis war ebenfalls schnell. Seine Bewegungen noch ein wenig ungelenk und manchmal hatte er den Minotauros nicht ganz unter Kontrolle, aber er flitzte bereits in den dunklen Rauch, als Alexander noch gut zehn Meter entfernt war.
„Verflucht!“ Alexander stürmte in die schwarzen Schlieren und blieb stehen.
„Joannis?“ Seine Stimme verhielt sich eigenartig. Sie schien allen Klang verloren zu haben.
„Alex hilf mir!“, schrie Joannis. Alex nannte er ihn nur, wenn er ihn ärgern wollte, oder in Bedrängnis war.
„Bleib, wo du bist“, rief Alexander und stürmte durch den Nebel in die Richtung, aus der er die Stimme gehört hatte.
„Alex! Er tut mir weh! Alex, bitte!“
Alexanders Herz zog sich zusammen. Brüllend stürzte er sich in den Nebel und fiel durch eine Tür in einen fensterlosen Raum. Er stemmte sich hoch und richtete sich langsam auf.
Vor ihm stand ein großer, muskulöser Mann mit dunkelgrauer Haut, kantigen, bösen Gesichtszügen, langen weißen Haaren und hell leuchtenden weißen Augen. Er trug lediglich eine weite, schwarze Hose und hatte lange Klauen an seinen Fingern.
„Na jetzt wird es aber interessant“, sagte der grauhäutige Mann mit tiefer Stimme und betrachtete den Neuankömmling.
Zu seinen Füßen lag Joannis und krümmte sich unter Schmerzen.
Immer wieder veränderte er seine Form und schrie gepeinigt auf.
Alexander wollte zu ihm stürzen, doch der weißhaarige Mann hob einfach die Hand, und der Minotauros lief gegen eine unsichtbare Wand.
„Lass ihn gehen!“, knurrte Alexander und stemmte sich mit zusammengebissenen Zähnen gegen das Hindernis. Er versuchte, sich zu verwandeln, doch das ging nicht. Was auch immer ihn am Fortkommen hinderte, blockierte auch sein Tier.
„Oh, das werde ich“, sagte der Mann kalt, „aber erst, nachdem ich ihn modifiziert habe.“ Joannis brüllte vor Schmerzen.
„Was tust du ihm an?“, schrie Alexander außer sich.
„Ich mache ihn besser.“
„Besser? Du bringst ihn um!“
Der weißhaarige Mann zuckte gelangweilt mit den Schultern.
„Und wenn schon! Ich hab ja noch dich!“
„Niemals!“, fauchte Alexander.
„Awww. Beleidige mich bitte nicht! Es ist zum Wohle aller! Und du bist doch so ein guter, stattlicher Alpha, nicht wahr?“
„Was willst du von mir?“
„Nun ...“ Er stieg über Joannis hinweg, der jetzt unablässig schrie.
Alexanders Seele krümmte sich und sein Tier lief erneut Sturm gegen die Barriere, die ihn festhielt. „Ich bin der Dunkelelf, den die Zauberin der Traumwelt erschaffen hat, und ich habe den Auftrag von ihr höchstpersönlich erhalten“, fuhr der Weißhaarige fort. „Ich soll ihre Fabelwesen verbessern, während sie fort ist.“
„Niemals! Das hat sie bestimmt nicht gesagt!“
„Ach? Du kennst sie wohl persönlich?“
Alexander ignorierte ihn. „Joannis, ich bin hier, halte durch!“, rief er seinem kleinen Bruder zu.
„Es tut so weh“, jammerte Joannis.
„Niedlich.“ Der Dunkelelf lächelte böse und legte den Kopf leicht schief.
Alexanders Gesicht verzerrte sich vor Wut und Zorn. Wenn stimmte, was dieser Dunkelelf behauptete, dann würden selbst die Götter ihn nicht aufhalten können, sollte er die Zauberin je in die Finger bekommen! „Nimm mich und lass ihn gehen!“, knurrte er grimmig.
Der Dunkelelf richtete sich auf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn an. „Interessante Wendung“, sagte er nachdenklich, dann löste er die Barriere. „Einverstanden!“
Alexander stolperte nach vorn und fiel neben seinem Bruder auf die Knie. „Joannis! Ich bin hier. Atme.“
Joannis klammerte sich an seinen Bruder. Noch immer wandelte er sich, doch es schien ihm schon besser zu gehen. Dann plötzlich krümmte er sich schreiend hoch und es sah aus, als würde der Minotauros aus seiner Haut brechen wollen. Alexander hielt ihn fest an sich gedrückt, murmelte griechische Koseworte und strich ihm übers Haar. Joannis kämpfte, doch es war längst zu spät. Blut strömte aus allen Körperöffnungen. Seine Finger gruben sich in die Oberarme seines Bruders, als er laut kreischend mitten in der Verwandlung starb.
„NEIN!“, brüllte Alexander und hielt die sterblichen Überreste in seinen Händen, drückte die blutigen Fetzen an seine Brust.
„Ups!“, sagte der Dunkelelf emotionslos. Alexander sprang hoch und griff an. Lachend wehrte sich der Dunkelelf, doch Alexander gab nicht auf. Er landete sogar ein paar Treffer, doch dann machte der Dunkelelf nur eine Handbewegung und der große Minotauros krümmte sich zusammen. „Du wirst mir dienen, wenn du die Modifizierung überstehst“, sagte der Dunkelelf kalt. „Und wenn nicht, nun dann endest du wie der Andere hier.“
* * *
„He du!“
Etwas Spitzes bohrte sich in seine Rippen. Alexander stöhnte und stemmte sich hoch. Vor seinen Augen drehte sich alles und seine Innereien waren in hellem Aufruhr. Er beugte sich vor und übergab sich. Nur blutiger Schleim kam hoch.
„He du!“
Mühsam hob Alexander den Kopf und blickte in hellbraune Augen. Vor den Gitterstäben seines Käfigs hockte ein Mann. Seine Kleidung war sauber, aber abgetragen. Das Kinn bärtig und die dunkelbraunen Haare lang und zerzaust.
„Wie schön, du lebst ja doch!“, sagte der Fremde mit einer tiefen, brummigen Stimme.
Alexander plumpste auf seinen Hintern und sah sich um. „Wo bin ich?“
„Im Palast seiner hochwohlgeborenen Dämonenheit“, sagte der Braunhaarige abschätzig.
„Wo?“
„Du bist im Haus des Dunkelelfs. Er nennt es Palast, manchmal auch Schloss. Ich bin übrigens Grimoald.“
„Alexander“, stellte der Minotauros sich vor und griff sich an die Brust. Der Schmerz wütete noch immer in ihm. Etwas war mit seinem Tier überhaupt nicht in Ordnung.
„Also Alex“, sagte Grimoald lässig, „dann werden wir mal schauen, ob wir dich hier heraus bekommen.“
„Warum denn?“
„Weil der Dunkelelf dich nicht umsonst gewandelt hat.“
„Er hat es im Auftrag der Zauberin getan.“
„Ja, das erzählt er jedem. Und wenn du ihm nicht dienst, dann tut er dir weh, blablabla.“
Alexander betrachtete Grimoald nachdenklich. „Arbeitest du für ihn?“
„Ja“, erklärte Grimoald freimütig.
„Und du sollst mich freilassen, damit ich ihm wohlgesinnt bin?“
„Nö. Ich lass dich frei, weil er dich weggeworfen hat. Aber manchmal kommt er hier herunter und sieht nach den Kreaturen, die er für Ausschuss hält. Er braucht euch nämlich als Trainingseinheiten für seine vielversprechenderen Versuche.“
Alexander sah sich langsam um. Sein Käfig war nicht der Einzige. In dem riesigen Gewölbekeller standen unzählige davon und beinahe alle waren besetzt. Er wandte sich wieder Grimoald zu. „Was ist mit den anderen?“
„Du bist aufgewacht, die Anderen nicht.“
„Keiner?“, fragte Alexander entsetzt und starrte Grimoald an.
„Ja. Seine Veränderungen halten nicht alle aus. Du bist seit einer Woche der Erste, der halbwegs vernünftig wieder aufgewacht ist.“
Grimoald sah ihm in die Augen. „Liegt vermutlich an deiner Kraft als Alpha.“
„Bitte was?“
„Du bist ein Alpha, das hab ich sofort gespürt“, sagte Grimoald, dann sah er sich um und kam näher heran. „Ich hab ein kleines Häuschen nicht weit entfernt, dort kannst du unterkommen, bis wir genau wissen, was er dir angetan hat.“
„Was hat er mit dir gemacht?“
„Ich war von Geburt an ein Weltenwechsler“, sagte Grimoald ruhig, „aber das hat er mir genommen. Dafür hat er meine Sinne als Jäger geschärft und mich unsterblich gemacht.“
„Fuck!“ Alexander wollte sich das gar nicht vorstellen.
Unsterblich war so ziemlich das Letzte, das er sein wollte. Dann nahm er die Witterung des Anderen auf. „Du bist auch ein Alpha“, stellte er fest.
„Ja. Und ein Bär. Aber er hat mir die Flügel gestutzt. Nicht wechseln zu können ist das Schlimmste, was er mir hat antun können.“
„Ich frage mich, was er mit mir gemacht hat“, überlegte Alexander und rieb sich die Brust. Er war auch immer noch voller Blut ...
„Joannis“, flüsterte er. „Mutter muss wissen, dass er tot ist.“
„Keiner aus deiner Vergangenheit darf von dir wissen, Alex“, sagte Grimoald streng und machte sich am Schloss zu schaffen.
„Und warum nicht? Er hat meinen Bruder getötet, mein Clan wird ...“
„Ganz genau! Dein Clan würde ihn angreifen, doch dann würden sie alle sterben“, sagte Grimoald beschwörend und hielt kurz inne, um dem Minotauros in die Augen zu schauen. „Er hat in der kurzen Zeit, die ich ihn kenne bereits eine Armee aus dem Boden gestampft.
Nicht jedes seiner Experimente geht schief und vor allem Bären und Wölfe sind seine willfährigen Diener und Wächter. Sie gehen für ihn in den Tod. Tu das deiner Familie nicht an!“
Alexander wusste, dass Grimoald recht hatte. Er atmete ein paarmal tief durch, dann nickte er. Das Schloss öffnete sich mit einem leisen Klicken und Grimoald öffnete die Tür. Alexander hielt sich am Gitter fest und richtete sich langsam auf. Anhand seiner schmerzenden Muskeln und dem fehlenden Gleichgewichtssinn wusste er, dass er sehr lange hier gelegen hatte. Auch Grimoald hatte sich jetzt aufgerichtet. Er war groß, doch reichte er nicht an Alexander heran.
„Hier“, sagte Grimoald und reichte ihm eine Decke. „Das muss fürs erste reichen. In der Hütte hab ich Kleidung und ich weiß, wo ich noch mehr besorgen kann.“
„Danke“, sagte Alexander, dann schlichen sie aus dem Keller und vom Hof.
Niemand bemerkte sie oder folgte ihnen. Offenbar fand es der Dunkelelf nicht nötig, sein Heim zu bewachen. Die beiden Männer eilten schließlich durch den schwarzen Nebel und über die Grasfläche, die zu dem nahen Wäldchen dahinter führte. Ein Glück, dass gerade Neumond war, so kamen sie unbeschadet bei der Hütte an. Alexander brach auf einem der Feldbetten zusammen und schlief sofort ein. Es kümmerte ihn nicht, ob Grimoald Freund oder doch Feind war. Nichts kümmerte ihn mehr, er war allein. Seine Familie war fort.
Er war ein Alpha ohne Rudel.
„Ich habe in der Traumwelt alles notiert, was ich über die Zauberinnen und ihre Gefährten finden konnte.“ „Zu welchem Zweck?“ „Um euch beide vernichten zu können, für das, was ihr der Traumwelt angetan habt.“
Aus einem Gespräch zwischen Alexander Matthaios Joannis Creontauros, Rudelführer von Wien, Raelynn Liontari-Feuer, oberste Zauberin der Traumwelt und Lyonel Liontari, oberster Beschützer der Fabelwesen, Ehemann und Löwengefährte der Zauberin.
Cobenzl, Wien/Österreich, Ende 2011
Ein Alpha ohne Rudel ...
Alexander Matthaios Joannis Creontauros ließ den Blick über die Stadt wandern. Er saß dort, wo er mit seinem besten Freund Grimoald Bärker öfter gesessen hatte, seit sie aus der Traumwelt geflogen waren, und dachte über ihre Anfänge in der Welt der Träumer nach.
Dank Giuseppe, einem Freund von Grimoald aus der Traumwelt, hatten sie den Namen eines Schattendämons erfahren, der ein neues Videospiel erschaffen hatte. Dafür brauchte er allerdings noch Ideen für Fabelwesen. Giuseppe und Grimoald waren mit diesem Dämon aus der Menschenwelt in Kontakt getreten und tatsächlich ins Geschäft gekommen. Mit dem ersten Gewinn aus diesem Geschäft und den Prämien, die die Kopfgeldjagden der Gruppe einbrachten, hatten sie sich neue Identitäten gekauft. Lazarus, so nannte sich der Schattendämon, war ein begnadeter Hacker und hatte ihnen dabei geholfen. Llieu Bordeaux, der Geschickteste von ihnen im Umgang mit Computern ging quasi bei Lazarus in die Lehre und unterstützte die Freunde mit Hintergrundinformationen.
Alexander und Grimoald wickelten alle Geschäfte ab, wie sie das schon in der Traumwelt getan hatten. Beide waren materialistisch veranlagt und sehr geschickt, was finanzielle Transaktionen anging, weshalb sie nun genug Geld hatten, um sich Wohnungen und ein anständiges Leben zu leisten. In der Welt der Träumer. Etwas, das Alexander sich anfangs nicht richtig hatte vorstellen können.
Mittlerweile gehörten ihnen schon einige Wohnungen in einem großen Haus und ein kleines Haus mit nur zwei Wohnungen, aber einem kleinen Garten mit Pool, in dem die Katzen wohnten. Und das Geld vermehrte sich. Jeder Rudelgefährte behielt nur einen kleinen Bruchteil seines Lohnes für sich und gab den großen Rest für die Gemeinschaft. Sie alle kannten Armut und wussten den Wert eines sicheren Hafens zu schätzen. Und sowohl der Stier als auch der Bär sorgten dafür, dass es der Familie an nichts mangelte.
Natürlich wäre es einfacher gewesen, wenn sie alle Rudelgefährten in dem gleichen Haus untergebracht hätten. Aber das war zu Beginn nicht machbar gewesen und jetzt liebten die Katzen ihr kleines Häuschen und wollten dort nicht weg. Es war auch besser so, denn so traf Dahariel Stormwall, ihr Engel, bei seinen Besuchen meist nur auf Jolene und keinen der anderen.
Der Engel war vom Dunkelelf in einen Assassinen verwandelt worden, der die Fabelwesen, die aus der Traumwelt geflogen waren, jagen und töten sollte. Doch Dahariel hatte sich selbst und den Dämon ausgetrickst und tötete nun, wann immer er eines seiner Rudelmitglieder traf, ersatzweise im Anschluss Vampire. Ein Zustand, den sie bald beenden mussten, das war Alexander klar, doch noch immer hatte er keine Ahnung, wie sie das anstellen sollten.
Insgeheim hoffte er darauf, einen mächtigen Magier wie die Zauberin der Traumwelt oder sogar sie selbst zu treffen und um Hilfe zu bitten.
Nur leider stand die Zauberin ganz oben auf Dahariels Liste ...
Alexander schnaubte und blickte auf die Stadt hinab. Eine verfahrene Situation, an der Geld nicht das Geringste ändern konnte.
Der große Minotauros hatte es sich zur Aufgabe gemacht, für die Gruppe, die ihm geblieben war, zu sorgen. Und da gehörte Dahariel nun einmal dazu. Er seufzte leise, als er an seinen alten Clan dachte.
In einer längst vergangenen Zeit. An einem Ort, den er nicht mehr betreten konnte.
„Ich dachte mir schon, dass du hier sein würdest“, sagte eine brummige Stimme hinter ihm.
„Ist nicht besonders schwer, oder?“
Grimoald seufzte und setzte sich neben seinen Freund. „Für jemanden, der dich gut kennt nicht, nein.“ Er sah den Stier an.
„Worüber grübelst du schon wieder nach?“
„Die Vergangenheit.“
„Hm.“
„Ich hab daran gedacht, wie wir uns kennengelernt haben und ich ganz plötzlich ohne Familie dastand.“
„Aber doch nicht lange.“
„Nein.“ Alexander warf gedankenverloren einen Stein in den Weingarten. „Der Dämon hat wirklich viele gewandelt.“
„Ja, das hat er und jetzt ist er tot.“
„Und meine Familie ist wieder geschrumpft ...“
„Unsere Familie“, korrigierte Grimoald ihn lächelnd und stupste seinen Freund mit der Schulter an. „Und sie wird wieder wachsen, keine Sorge.“
Alexander holte tief Luft und richtete sich auf. „Du redest jetzt aber nicht davon, dass Dahariel in Wien ist, oder?“
„Nein, ich rede davon, dass unsere Gruppe hier ist und wir langsam sesshaft werden“, sagte Grimoald ruhig. „Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass von der anderen Gruppe auch noch jemand den Weg zu uns finden wird. Nicht alle waren glücklich über die Teilung damals.“
„Ja ...“ Alexander nickte langsam. „Und einige von ihnen könnten sich verlieben und eine Familie gründen.“
Grimoald lachte trocken. „Einige ja, aber längst nicht alle.“
„Die Wahrscheinlichkeit ist nicht besonders hoch, dass ich jemals eine Frau finden werde“, sagte Alexander traurig.
Grimoald schnaubte abfällig. „Was glaubst du denn, wie gut meine Chancen stehen?“ Er sah seinen Freund an. „Wir sind beide kaputte Kreaturen, mit denen ein Dämon gespielt hat, Alex. Welche Frau könnte das schon akzeptieren?“
Alexander blickte wieder auf die Stadt hinunter. Ja, sein Freund hatte recht, aber eine Frau zu haben, die zu ihm gehörte, wäre schon schön. Doch er konnte niemals Kinder haben, dafür hatte dieser verdammte Dämon gesorgt. Und welche Frau würde auf Kinder verzichten? Und dann war da noch dieser wilde Stier in seinem Inneren, den er ständig betäuben musste.
„Na komm“, sagte Grimoald und stand auf. „Wir haben ein Rudel zu führen, auch wenn es noch sehr klein ist.“
„Wir sollten sie darauf hinweisen, dass sie niemandem sagen, dass sie mich als ihren Alpha betrachten“, sagte Alexander und steckte die Hände in die Hosentaschen, als sie die Straße hinunter nach Wien gingen.
„Einverstanden.“ Grimoald musterte seinen großen Freund. Alexander hatte schon immer ein gutes Gespür für Schwierigkeiten gehabt und wenn er nun der Meinung war, dass sie besser als loser Haufen agierten, dann würden sie das tun. „Wir sollten aber Jolene da raus lassen“, gab er zu bedenken.
„Jolene ...“, wiederholte Alexander überlegend, dann nickte er.
„Gut, machen wir das so!“
Gerade, als sie bei der Bushaltestelle ankamen, hielt der Bus neben ihnen und die beiden stiegen ein. Es wurde Zeit für ein Treffen.
Wien/Österreich
In einem der alten Palais in der Wiener Innenstadt traf sich eine illustre Runde zu einer sehr ernsten Besprechung. Der Vorsitzende der Vampire von Wien, Sean Blackwood, hatte dazu geladen und ging jetzt in dem vom Vollmond beschienenen Raum zu dem großen Besprechungstisch. Vier Vampire saßen dort und blickten ihn mehr oder weniger erwartungsvoll an.
„Also, wir sind hier, was willst du?“, fragte Angelo Voceto-Fioli, der Vampir mit den Goldaugen, der sich und seinen Geliebten Drystan Killian, der neben ihm saß, eigentlich als Anführer betrachtete. Sie hatten Sean nur eingesetzt, weil einige Vampire der Ansicht waren, dass Drystan und Angelo sich unrechtmäßig zu Herrschern gekrönt hatten. Sean war ihr Strohmann. Ihre Marionette.
Dachten sie zumindest ...
Sean legte eine Akte auf den Tisch, knöpfte das Jackett seines maßgeschneiderten, schwarzen Nadelstreifanzugs auf und setzte sich auf den freien Platz am Kopfende. „Wir müssen über die Finanzen reden“, sagte er ruhig.
„Wir haben genug Geld ...“, begann Drystan, doch Sean hob die Hand.
„Das mag schon sein, aber auf lange Sicht müssen wir uns unabhängige Quellen sichern.“ Er lehnte sich zurück und schlug die langen Beine übereinander. „Wir wachsen unaufhörlich, weil die alten Vampire es nicht lassen können, immer noch Jungvampire zu erschaffen.“
„Na und?“, fragte Angelo und zuckte mit den Schultern.
Liam Bitterfield, Seans Assistent, betrat den Raum, schloss die Tür sorgfältig hinter sich und stellte einen Krug mit Blut und Gläsern auf den Tisch. Dann nahm er seinen Platz stehend an Seans Seite ein.
Angelo schnappte sich ein Glas und schenkte sich ein, trank einen Schluck und lehnte sich zurück. Sein Blick war unverwandt auf Sean gerichtet, doch die Antwort kam von einer anderen Stelle.
„Das Problem mit diesen Jungvampiren ist die Disziplin“, sagte Konstantin Sebastian McOwen, Oberbefehlshaber und Sicherheitsbeauftragter des Palais. „Sie erhalten von ihren Erschaffern keine Führung“, fuhr er fort, schenkte sich ein Glas Blut ein und sah Angelo aus dunkelgrünen Augen an, „sie stromern in der Stadt herum und meine Leute müssen sie wieder einfangen.“
„Ach bitte, Konstantin!“ Drystan schwenkte das Blut in seinem Glas, als wäre es ein erlesener Rotwein. „Das ist doch dein Job!“
„Nein“, sagte Yannis Stefanos Parodimidis, Adjutant und Stellvertreter von Konstantin, „unsere Aufgabe ist es, die Sicherheit der Vampire im Palais zu gewährleisten, aber mittlerweile räumen wir nur noch hinter diesen verrückten Alten her.“
„Und das kostet Geld“, sagte Sean in die gespannte Stille hinein.
„Deshalb habe ich mit Liam gemeinsam eine Strategie ausgearbeitet.
Wir werden uns in einige der hochrangigen Betriebe einkaufen und so als stille Teilhaber am Gewinn beteiligt.“
„Warum heiraten wir nicht einfach in die oberen zehntausend von Wien ein? Das wäre billiger“, schlug Drystan grinsend vor.
„Und wie willst du den Familien erklären, was wir sind?“, wollte Konstantin wissen und drehte sein Glas mit einer Hand auf dem Tisch.
Angelo zuckte mit den Schultern. „Wer glaubt denn schon die Wahrheit?“
„Ist das deine Masche?“, fragte Yannis und beugte sich vor.
Angelo knurrte und seine Goldaugen funkelten den jüngeren Vampir an. Yannis blieb davon völlig unbeeindruckt.
„Hochzeiten um das Reich und die Macht zu vergrößern, waren in Österreich schon immer üblich“, sagte Drystan, um die beiden Hitzköpfe davon abzuhalten, sich anzuspringen.
Sean seufzte. „Das mag wohl stimmen, aber ich will nicht die Macht vergrößern oder unser Reich. Wien ist vollkommen ausreichend, aber es wird zunehmend enger, wenn immer mehr Vampire unterwegs sind.“ Neben all den anderen Wesen, doch das sparte er sich. Er war längst nicht so abgehoben wie Drystan und Angelo und betrachtete sich als Vampir nicht als Spitze der Nahrungskette. Es gab immer ein Wesen, das höher stand. Der Druide, den seine Schwester getötet hatte, war der Beweis dafür. „Mir geht es vornehmlich darum, die finanzielle Basis zu sichern. Aber das ist nur der erste Schritt.“
„Und was ist der Zweite?“, fragte Angelo sichtlich gelangweilt.
Sean beugte sich vor und stellte sein Glas ab. „Der zweite Schritt, mein lieber Angelo, wird sein, dass alle Vampire hier im Palais einen Vertrag unterzeichnen.“
„Und was für einen Vertrag?“
„Sie werden unterschreiben, dass sie keine neuen Jungvampire erschaffen, außer es geschieht mit ausdrücklicher Genehmigung durch mich und einen von euch vier.“
Angelo fuhr hoch, doch Drystan legte ihm eine Hand auf den Arm.
„Wie denkst du denn, kannst du die Vampire dazu bringen, diesen Vertrag zu unterschreiben?“, fragte er leise.
„Ihr beide werdet ihnen sagen, dass es zu unser aller Wohl ist!“
„Darüber müssen wir erst einmal nachdenken, Sean“, sagte Drystan diplomatisch, noch immer hielt er seinen Geliebten fest.
„Nun ...“ Sean lehnte sich wieder zurück. „Ich werde für ein paar Wochen nicht in der Stadt sein, nach meiner Rückkehr möchte ich eine Entscheidung haben.“ Er griff nach der Akte und schlug sie auf.
„Und nun zu den Firmen, die wir in die engere Auswahl genommen haben ...“
Wien/Österreich
Maximos Kataxeno, den alle außer Angelo und Drystan nur Max nannten, stand neben seinem Kumpel Pius Nater und lauschte angestrengt dem Gespräch in dem großen Studierzimmer.
„Sean ist völlig verrückt geworden!“, sagte Angelo gerade leise, aber aufgebracht.
„Angelo, nicht hier!“ Drystans Stimme war deutlich gesenkt.
Maximos und Pius rückten näher heran und versteckten sich hinter einem der schweren Wandteppiche, die überall im Palais hingen.
„Mir doch egal, ob uns grad wer hört!“, fauchte Angelo. „Ich denke nicht mal dran, mich bei irgendeinem Firmenboss einzuschleimen!“
„Dann heirate doch eine der Prinzessinnen“, schlug Drystan spöttisch vor.
„Noch schlimmer!“ Es wurde kurz leise, dann: „Ich muss hier raus! Tu, was du willst, aber ich werde da ganz sicher nicht mitspielen!“ Schritte näherten sich der Tür. Maximos und Pius hielten die Luft an und bemühten sich, eins mit dem Teppich zu werden.
„Angelo!“, Drystans schnelle Schritte. „Warte doch, ich komme mit!“ Die beiden gingen so knapp an dem Versteck der beiden vorbei, dass sie Drystans schweres Parfüm riechen konnten, das er mit Vorliebe verwendete. Die beiden diskutierten noch, waren jetzt jedoch nicht mehr zu verstehen.
Maximos und Pius warteten, bis die Schritte verklungen waren, dann schlüpften sie hinter dem Vorhang hervor und eilten zur Bibliothek.
Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass niemand sonst zu dieser frühen Stunde anwesend war, verschlossen sie die Tür und starrten sich an.
„Was, zum Teufel haben die vor?“, fragte Pius leise. Er war etwa einen Kopf größer als sein Freund, hatte einen blonden, modisch geschnittenen Haarschopf und blaue Augen. Wenn er lächelte, zeigten sich Grübchen in seinen Wangen, was ihn für Frauen offenbar unwiderstehlich machte. Im Gegensatz zu Maximos hatte Pius noch nie Probleme gehabt, weibliche Gesellschaft zu bekommen.
„Wir müssen unbedingt mehr darüber erfahren!“ Maximos fuhr sich mit den Fingern durch die strubbeligen, schlammbraunen Haare und brachte sie dadurch noch mehr in Unordnung. Er war nicht besonders groß und neigte zu einem Bauchansatz. Seine Haut war selbst unter den besten Lichtbedingungen nur als wächsern zu beschreiben. Seine wässrig-blauen Augen waren klein und standen nah beieinander und seine schmalen Lippen kniff er meistens zusammen.
„Ich setze Luis darauf an“, schlug Pius vor.
„Na ich weiß nicht ...“
„Max, was immer Sean da wieder losgetreten hat, es könnte sich für uns von Nutzen erweisen.“
Maximos Blick wurde verschlagen. „Macht!“, flüsterte er mit glänzenden Augen.
Pius grinste, er kannte seinen Freund schon sehr lange. „Macht, ja.
Wenn wir es schaffen, Sean das zu geben, was er will und dabei so vorgehen, als wäre es Angelos Idee, dann steigen wir endlich in der Hierarchie im Palais auf!“
„Okay, dann setz Luis drauf an. Ich will wissen, was wir tun müssen!“
Wien/Österreich
Der Abend war schon weiter fortgeschritten, als Sheridan mit einer guten Flasche Whisky an der Tür des Vorsitzenden der Vampire von Wien klopfte. Beinahe sofort wurde geöffnet.
„Komm herein!“ Sean hielt ihm die Tür auf. „Und? Gut hergefunden?“
„Ja, es hat sich herausgestellt, dass wir quasi Nachbarn sind“, sagte Sheridan mit einem gewinnenden Lächeln.
„Nachbarn? Soso ... Wo wohnst du denn?“
„Gleich gegenüber!“ Sheridan lachte leise über Seans überraschten Ausdruck.
Sean schüttelte den Kopf und schloss die Tür. „Das hat Konstantin vergessen zu erwähnen!“
„Ja, der liebe Konstantin sagt beinahe immer nur das, was erforderlich ist.“
Sean schnaubte, dann wandte er sich der Frau zu, die lächelnd im Raum stand. Sie hatte eine Haut wie Milchkaffee und haselnussbraune Augen. Die Haare waren zu unzähligen Zöpfchen geflochten und zum Teil weiß gebleicht. Ihr Gesicht war rundlich und wenn sie lachte, ging die Sonne auf. Ihre vollen Lippen waren weich und sinnlich und ihr Körper hatte ausgeprägte Rundungen, die einem Mann leicht die Knie weich werden ließen.
„Zefira, das ist Laird Sheridan Bashkim Succochar. Sheridan, das ist meine Verlobte Zefira Hokulani“, stellte er die beiden einander vor.
„Sehr erfreut“, sagte Sheridan, ergriff Zefiras Hand und verbeugte sich leicht. „Bash ist vollkommen ausreichend.“
„Ich freue mich auch, dich kennenzulernen ... Bash“, sagte Zefira, die sich dem Charme dieses alten Vampirs kaum entziehen konnte.
Sean ging in die große Wohnküche und hob den Kopf. „Was meinst du Bash, sollen wir deine Flasche gleich öffnen?“
„Gegen einen guten Tropfen habe ich ganz sicher nichts einzuwenden!“
„Wein für dich, Zefi?“
„Ja, gerne.“
Zefira geleitete Sheridan zum Tresen, der direkt vor der Küche montiert war und Sean stellte ihnen die Getränke hin. Mit lautem Kreischen kam Fago geflogen und platschte etwas ungeschickt neben Zefira auf der Tischplatte auf. Sheridan starrte das Tier vor sich an.
„Ein Flughund“, stellte er fest.
„Ja.“ Zefira griff nach einem Apfel und dem Messer, das Sean ihr reichte und schnitt ihrem kleinen Haustier ein paar Spalten ab.
„Wie kommt ihr zu einem so ungewöhnlichen Haustier?“
„Das haben wir von meinem Mentor geerbt“, sagte Sean, griff nach seinem Glas und wies auf die große, gemütliche Polsterlandschaft vor dem Wintergarten. „Wollen wir uns setzen?“
„Gern.“ Sheridan betrachtete den großen Vampir vor sich, während er ihm folgte.
Das war also Sean Blackwood, der Vorsitzende der Vampire von Wien. Er war schlank und trug einen schwarzen Anzug mit Nadelstreifen. Einen klassischen Zweireiher. Dazu hatte er ein weißes Hemd und eine silbergraue Krawatte ausgewählt. Abgerundet wurde das Outfit durch auf Hochglanz polierte Halbschuhe. Das einzige, was nicht zu seiner geschäftsmäßigen Aufmachung passte, waren die langen, schwarzen Haare, die lose auf seine Schultern fielen und ein Stück weiter hinabreichten. Er hatte ein kantiges, maskulines, aber schmales Gesicht und wache, dunkelgraue Augen unter schwarzen Brauen.
Sean betrachtete Sheridan seinerseits ganz genau. Der Vampir war groß und schlank. Die kurzen rotblonden Haare ringelten sich in wirren Locken um sein Gesicht und seine Ohren. Ein gestutzter Vollbart und eine schwarze Hornbrille rundeten das Bild ab. Am bemerkenswertesten waren seine ungleichen Augen: Eines blau und das andere leuchtete orange, wie Bernstein.
»Er jagt Fabelwesen, die töten, Sean. Er wurde als Vampir-Assassine ausgebildet und ist ein Kopfgeldjäger. Lass dich nicht von seinem harmlosen Äußeren täuschen. Wenn er in den Vampirmodus fällt, dann ist er eine mörderische Bestie, die man nicht stoppen kann. Das ist vermutlich auch der Grund, warum er immer noch lebt.« Das hatte Noél zu Sean gesagt, als sie über dieses Treffen hier gesprochen hatten. Sean ging zu einem großen Polstersessel, knöpfte sein Jackett auf und setzte sich.
Sheridan ließ sich ihm gegenüber im zweiten Sessel nieder. Beide Männer schwenkten ihre Gläser und betrachteten einander abschätzend.
„Na dann, Slàinte Mhath!“, sagte Sheridan und hob sein Glas.
„Cheers!“, sagte Sean lächelnd und hob ebenfalls sein Glas, bevor sie tranken.
Zefira schmunzelte, als sie die beiden Männer beobachtete und an ihrem Rotwein nippte. Fago beendete sein Mahl und flog zu seinem Schlafplatz in der Ecke des Zimmers. Sie räumte alles auf und ging dann zu Sean.
„Ich verziehe mich ins Arbeitszimmer, dann könnt ihr zwei über wichtige Vampirangelegenheiten reden“, sagte sie lächelnd, küsste Sean und sah Sheridan an. „Hat mich gefreut.“
„Mich ebenso.“ Sheridan blickte ihr kurz nach, als sie in einem der angrenzenden Zimmer verschwand und die Tür schloss.
„Also, was kann ich für dich tun?“, fragte Sean, dessen graue Augen sich auf den Vampir gegenüber richteten. Er schlug die Beine übereinander und nahm noch einen Schluck. „Exzellenter Whisky übrigens.“
„Vielen Dank.“ Sheridan nickte kurz. „Ich bin neu hier in Wien und wollte keinem Vampir in die Quere kommen, daher ...“
„Neu?“ Sean hob eine Braue. „Soweit ich weiß, warst du schon öfter in Wien.“
Sheridan lachte leise. „Noél hat geplaudert. Oder war es Konstantin?“
„Dein Spitzel hat nichts verraten.“ Sean beobachtete Sheridan genau.
Sheridan wurde übergangslos ernst. „Okay, Sean, ich bin hier, weil ich jemand weit Mächtigerem einen Gefallen tun wollte. Und ja, ich mag diese Stadt, deshalb ist es mir auch wichtig, dass das Gleichgewicht zwischen den Vampiren, den Menschen und den anderen Wesen gewahrt bleibt.“
„Verstehe. Und ich bin eine noch unbekannte Größe, obwohl Konstantin in meiner Nähe ist.“
„Konstantin hat seinen eigenen Kopf.“
„Aber er ist dein Spion.“
„Er ist mehr wie ein Sohn für mich, Sean. Ich fand ihn, da war er gerade ein Vampir geworden. Ich hatte mir geschworen, nie wieder einen Jungvampir großzuziehen, aber sein Erschaffer war ein uneinsichtiger Mistkerl. Hat wahllos Vampire erschaffen und dann ausgesetzt. Und Vampirjäger mussten die Drecksarbeit erledigen, wenn diese Jungvampire Amok liefen.“
Sean betrachtete ihn lange schweigend. „Ich versuche gerade, dieses Problem hier in Wien in den Griff zu bekommen.“
Sheridan nickte. „Ich weiß. Kosta hat mir davon erzählt. Dieser Vertrag ist eine gute Sache, aber die alten Vampire werden dem ganzen nicht so einfach zustimmen.“
„Das ist mir bewusst. Konstantin behält die Lage im Auge, bis ich wieder in der Stadt bin.“
„Du gehst?“
„Zefira und ich werden nächste Woche heiraten und dann gehen wir auf Hochzeitsreise“, sagte Sean lächelnd. „Ich habe Angelo und Drystan genauso wie Konstantin darüber in Kenntnis gesetzt, was ich mir von ihnen erwarte. Mal sehen, was sie bis zu meiner Rückkehr alles umgesetzt haben werden.“
„Vermutlich gar nichts“, sagte Sheridan und trank aus, „aber ich lasse mich gerne überraschen. Kosta weiß, wo er mich findet, falls er Hilfe braucht.“ Er lächelte schwach. „Ich kann mich gerne um euren Flughund kümmern, bis ihr wieder hier seid.“
Sean überlegte kurz. Natürlich konnte sich auch Liam um Fago kümmern, aber Sheridan gehörte nicht zum Palais und wohnte zudem noch im selben Haus.
„Danke, das nehme ich gerne an, Nachbar“, sagte er lächelnd und trank nun seinerseits aus. Kurz darauf beendeten sie die Unterredung und Sheridan verließ die Wohnung.
Wien/Österreich
„Kannst du Griechisch?“, fragte Pius. Sie saßen in seinem Zimmer im Palais und blätterten in einer Akte, die sie über einen griechischen Geschäftsmann zusammengestellt hatten. Er betrieb ein kleines, aber doch recht gewinnbringendes Handelsunternehmen mit griechischen Waren aller Art und besaß außerdem eine große Reederei. Zwei Tage zuvor war es Luis schließlich gelungen, an einen Schriftsatz zu kommen, in dem Sean seine Idee ausformuliert hatte, in ortsansässige Firmen zu investieren und so dem Palais auf lange Sicht die finanzielle Absicherung zu geben, die es offenbar dringend brauchte.
„Kein Wort!“, sagte Maximos jetzt und seufzte. „Hab es nie gelernt, meine Mutter war so zornig, weil mein Vater sich kurz nach meiner Geburt vom Acker gemacht hat. Sie hat alles Griechische aus unserem Haus verbannt.“
„Und dennoch hat sie den Namen behalten ... Spannend.“
Maximos zuckte mit den Schultern. „Sie sagte immer, dass die Familie meines Vaters Geld hat und sich ihr Schweigen erkaufte.“
„Gut, egal. Dann muss es eben so gehen. Mit dem Geld, das wir beide haben, können wir etwa zehn Prozent kaufen, das müsste schon reichen.“
„Hm ...“ Maximos blätterte in der Akte. „Er hat drei Kinder ...“
Pius richtete sich auf. „Du denkst doch nicht etwa an das, was Drystan im Scherz gesagt hat?“
Maximos zuckte mit den Schultern. „Wozu Geld ausgeben, wenn es auch anders geht?“ Eines wusste er von seiner Mutter: „Griechische Väter geben ihren Töchtern eine großzügige Mitgift mit. Das verlangt die Ehre. Meistens bekommen die Töchter auch ein Haus.“
„Ja, nur dass das Haus im Falle einer Scheidung ihr gehört und nicht dem Mann“, sagte Pius. Auch er hatte Nachforschungen angestellt.
„Stimmt.“ Maximos Blick wurde kalt. „Aber wer sagt denn, dass die Frau so lange lebt, dass sie an Scheidung auch nur denken kann?“
Pius schüttelte lachend den Kopf. „Wo du Recht hast ...“ Er räusperte sich. „Na schön, ich schlage folgenden Plan vor ...“
Wien/Österreich
„Maximos Kataxeno für Sie, Herr Georgioskori“, sagte die Sekretärin und führte den späten Gast in das Innenstadtbüro des Inhabers einer der größeren Reedereien Griechenlands, dem auch noch eine große Handelskette gehörte.
„Danke, Nina, das wäre dann alles!“, sagte Jorgos Dimitrios Georgioskori, ohne hochzublicken.
Nina nickte und schloss die Tür hinter sich. Maximos blieb stehen und betrachtete den Mann vor sich. Er sah etwas anders aus als auf den Fotos. Anscheinend war er da noch um einiges jünger gewesen.
Er war immer noch groß und stattlich. Die dichten, schwarzen, leicht ergrauten Haare waren säuberlich kurz geschnitten und der Schnauzbart gestutzt. Er war ein wenig in die Breite gegangen und sein feistes Doppelkinn stützte sich auf den Hemdkragen, während er mit einer Brille auf der knolligen Nase in einem Dokument las. Der Nadelstreifanzug passte wie angegossen und zeigte auch trotz der späten Stunde keine Knitterfalten. Also ein teures und gutes Stück Handwerkskunst. Die Nägel an den langen, breiten Fingern waren sorgfältig manikürt, und an jedem Finger prangte ein großer Goldring. Jetzt klappte er den Ordner zu und richtete den Blick auf seinen Gast.
„Nun denn, Herr Kataxeno“, begann er auf Griechisch, doch Maximos hob die Hand.
„So leid es mir tut, Herr Georgioskori, aber meine Eltern haben verabsäumt, mich in der Sprache ihres Herkunftslandes zu unterrichten.“
Jorgos schnaubte abfällig. „Sie hätten es ja auch selbst lernen können!“ Sein deutsch war hart mit einem schweren Akzent.
„Das mag sein, aber es war mir wichtiger, in der Wiener Gesellschaft Fuß zu fassen und nicht in der Griechischen.“
„Und was genau wollen Sie jetzt hier?“ Jorgos war in Geschäftskreisen dafür bekannt, hart und unerbittlich zu sein und nur an gewinnbringenden Investitionen interessiert.
Maximos beugte sich leicht vor. „Ihnen ein Geschäft vorschlagen.
Mit einem der größten Investoren hier in Wien. Wir expandieren zurzeit und ...“
„Wer?“, fuhr Jorgos dazwischen.
„Nun, dazu komme ich noch, wenn ich erst einmal ausführen ...“
„Nicht interessiert!“
Maximos Geduld war am Ende. Er trat ganz nah vor den Schreibtisch, stützte beide Hände auf das antike, schwere Holzteil und brachte sein Gesicht nah an das des anderen Mannes heran. „Jetzt hör mir mal zu, du kleiner Scheißer! Ich wollte es auf die höfliche Art versuchen, aber du bist nicht höflich, also dann auf die harte Tour.“
„Was ...?“, fuhr Jorgos auf, doch Maximos Hand griff blitzschnell nach der Krawatte seines Gegenübers und zog ihn daran mit Leichtigkeit ein stückweit hoch.
„Ich rede jetzt!“, knurrte er und seine Augen wurden silbern. „Ich bin ein Vampir und ich bin nicht der Einzige in Wien. Um genau zu sein, vertrete ich den Hauptsitz der Vampire hier in Wien. Wir haben uns dazu entschlossen, in deine kleine Firma zu investieren, aber wenn du jetzt nicht mitmachst, dann töte ich dich und übernehme alles!“ Damit ließ er den größeren Mann los, der zurück auf seinen Sessel plumpste.
„Vampire?“, krächzte Jorgos und lockerte mühsam die Krawatte.
„Es gibt keine Vampire!“
Maximos fuhr seine Zähne aus und grinste hämisch. „Weißt du, ich könnte dich einfach mit meinen Augen bezirzen und dann würdest du alles tun, was ich möchte, aber ich will, dass du alles mitkriegst, was ich mit dir tun werde.“ Er setzte sich auf einen der Besucherstühle.
„Was wollen Sie?“, fragte Jorgos und überlegte fiebrig, wer noch im Haus war. Außer dem alten Wächter wohl niemand mehr. Gamó!
„Ich will fünfzig Prozent deiner Firma. Natürlich zum Nulltarif.“
„Wie stellen Sie sich das vor? Wie soll ich das dem Vorstand und den Aktionären erklären?“
„Nicht mein Problem“, erklärte Maximos und erhob sich geschmeidig aus dem Stuhl, dann verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und schlenderte herum.
„Aber ...“ Jorgos Augen folgten dem Fremden, während er fieberhaft überlegte, was er tun konnte, um aus dieser Situation heraus zu kommen.
„Mein Angebot gilt noch genau ...“ Maximos blieb stehen und sah theatralisch auf seine Armbanduhr.
„Welches Angebot denn?“, brauste Jorgos auf und erhob sich von seinem Platz. „Sie wollen die Hälfte meiner Firma stehlen!“
„Dreißig Sekunden ...“, fuhr Maximos unbeeindruckt fort und sah Jorgos an. „Wenn die Zeit abgelaufen ist, werde ich dich töten. Aber natürlich werde ich mir zuerst deine Frau und deine drei Kinder vornehmen und lasse dich dabei zusehen.“
Jorgos Gesicht wurde schlagartig aschfahl. „Nein!“, hauchte er.
Der Mistkerl wusste von seiner Familie! Natürlich, er hatte sie nie verheimlicht, was ein grober Fehler nachträglich betrachtet war.
„Aber dann werden alle wissen, dass es Vampire gibt, und dann werden sie euch jagen.“
Maximos lachte lauthals los und schüttelte den Kopf. „Niemand wird uns jagen, Jorgos. Wir sind doch längst schon unter euch. Wenn deine Firma mit den Vampiren fusioniert, dann steht dir eine glänzende Zukunft ins Haus. Aber wenn nicht ...“ Er zuckte mit den Schultern und stand urplötzlich grinsend vor Jorgos, der erschrocken einen Schritt zurückwich.
„Aber fünfzig Prozent aus heiterem Himmel kann ich nicht erklären ...“
„Es wird dir schon etwas einfallen, keine Angst“, sagte Maximos lächelnd und klopfte dem anderen auf die Schulter.
Jorgos überlegte und zermarterte sich das Gehirn. Wie konnte er das erklären, was war das Plausibelste für eine solche Übertragung. Das Plausibelste ... Er hob die Hand und sah dem Vampir in die Augen, die nun eher eine wässrig blaue Farbe hatten und nicht mehr silbrig glänzten.
„Ich habe einen anderen Vorschlag, der nach außen hin glaubhafter wäre: Ich nehme Sie in meine Familie auf, wenn Sie meine älteste Tochter heiraten. Althea erhält eine ansehnliche Mitgift ...“
„Geld interessiert mich nicht!“, knurrte Maximos. „Überschreib mir ihr Drittel an der Firma und wir haben einen Deal!“ Ja, Maximos hatte seine Hausaufgaben gemacht. Althea und ihre zwei Geschwister würden die Firma erben, sollte Jorgos etwas zustoßen.
„Zehn Prozent, wenn ihr heiratet. Ich muss meine Familie schließlich absichern!“ Jorgos feilschte um sein Leben, das war ihm bewusst.
„Zwanzig und das Recht, deine Tochter schon vor der Hochzeit jederzeit besuchen zu dürfen“, sagte Maximos und seine Augen funkelten silbern. „Geh darauf ein, alter Mann oder stirb, mir egal!“
Jorgos wurde blass. Schließlich nickte er und streckte die Hand aus. „Einverstanden. Aber der Vertrag gilt erst, wenn ihr verheiratet seid, vorher bekommen Sie nur Besuchsrechte, nichts weiter!“
„Gut, ich werde den Vertrag aufsetzen lassen und freue mich über die Einladung morgen Abend in dein Haus“, sagte Maximos und ehe Jorgos etwas einwenden konnte, fuhr er fort: „Und damit wir uns klar verstehen: Unser Handel gilt auch über den Tod hinaus!“
„Den Tod?“
„Deiner Tochter, ja. Ich werde nicht auf meine Anteile verzichten, nur weil sie ein Mensch ist!“
Jorgos nickte langsam und streckte die Hand wieder aus, die er soeben zurückgezogen hatte. „Morgen Abend werden Sie meine Tochter Althea und mein Zuhause kennenlernen.“
Maximos ergriff die ausgestreckte Hand. „Einverstanden, Schwiegervater! Ich arrangiere dann alles für eine schnelle ...“
„Nein. Die Tradition unserer Familie verlangt eine Verlobungszeit von mindestens zwei Monaten. Vorher bekommen wir auch keinen Termin in unserer Kirche.“
Maximos seufzte theatralisch. „Lass mich raten: Die Heirat ist nur in eurer Kirche gültig.“
„Ja und ich nehme mal nicht an, dass Sie ein orthodoxer Grieche sind, also müssen wir den Priester noch überzeugen.“
„Keine Angst, das bekomme ich schon hin. Aber, nur um sicherzugehen, werde ich einen Standesbeamten mitbringen, damit auch alles hundertprozentig rechtswirksam ist.“ Und damit nahm er Jorgos die letzte Möglichkeit aus der Hand, sich noch in letzter Sekunde aus diesem Handel zu winden. Seine Tochter würde den Preis für sein Leben bezahlen. Jorgos nickte langsam. Dazu hatte er seine Töchter erzogen: sich für die Familie aufzuopfern und dem Willen des Vaters zu beugen.
Wien/Österreich
Althea Kassandra Heliodora Georgioskori stieß seufzend die Luft aus, bekreuzigte sich und nahm auf einem der Holzsitze in der russisch orthodoxen Kirche in Wien Platz. Eigentlich gehörte sie zu den orthodoxen Griechen, doch sie fühlte sich in dieser Kirche wohler, weil niemand aus ihrer Familie sie hier vermuten würde. Sie ließ ihren Blick über das Innere der Kirche wandern und folgte mit den Augen dem Altar nach oben und zur Decke. Die Malerei zeigte einen leeren Stuhl in der Mitte der Kuppel.
Althea lächelte schwach, als sie den einfachen, aufgemalten Holzstuhl betrachtete. Er war leer, weil niemand Gott je gesehen hatte, also konnte auch kein Künstler ein Abbild schaffen. Ihrer Großmutter hätte das gefallen.
»Du und ich«, hatte ihre Großmutter ihr einmal vor langer Zeit gesagt, »wir sind uns ähnlich. Wir können die verschiedenen Wesen in unserer Umgebung sehen und behüten. Wir geben ihnen ein Heim und die Wärme einer Familie, psýchi mou.« Psýchi mou – meine Seele ... So hatte ihre Großmutter sie immer genannt, wenn sie allein waren. Althea hatte das nie so richtig verstanden. Aber sie hatte ihre Großmutter geliebt, die ihr immer die wundersamsten Geschichten aus der griechischen Mythologie erzählt hatte. Althea hatte immer Mitleid mit dem Minotauros gehabt und war wütend auf Zeus gewesen. »Pscht, psýchi mou!«, hatte ihre Großmutter dann gesagt und ihr den Mund zugehalten. »Zeus, unser Vater kann uns immer hören, also zürne ihm nicht. Er hat für alles, was er tut einen Grund.«Das Lächeln erstarb in ihrem Gesicht und machte einer tiefen Traurigkeit Platz. Seit ihre Großmutter gestorben war, fühlte sie sich verloren und einsam. Althea senkte den Kopf und wischte verschämt eine Träne weg. Heute Morgen hatte ihre Mutter ihr mitgeteilt, dass ihr Vater einen geeigneten Bräutigam für sie ausgesucht hatte. So war das in der Familie ihres Vaters seit Generationen üblich: Der Vater suchte die Männer für seine Töchter aus. Basta.
Sie stand auf und ging in den Bereich der Kirche, der dem Gedenken an die Toten vorbehalten war. Sie zündete eine Kerze an und steckte sie in die Halterung.
„Für dich, Babushka Dora“, flüsterte sie. „Ich werde deinen Namen in Ehren halten. Althea wird bei ihrer Hochzeit sterben.“ Es war ein Versprechen. Sie hatte nicht vor, die liebevolle und stumme Ehefrau für einen Mann zu spielen, an den sie von ihrem Vater verkauft wurde. „Irgendwie werde ich Althea töten, das verspreche ich dir.“
Ihre Großmutter Heliodora, die Althea immer liebevoll Dora genannt hatte, wenn sie allein waren, hatte sich immer die Liebe für ihr Enkelkind gewünscht, die sie selbst erfahren hatte, und hatte deshalb immer wieder mit ihrem Schwiegersohn gestritten. Doch er war nun einmal der Patriarch der Familie. Sein Wort war Gesetz. Und ihre Großmutter längst tot.
* * *
Althea fühlte den Hauch einer Gefahr, die sie nicht benennen konnte.
Eine Gefahr, die ihre Familie betraf. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem fremden Mann, den ihr Vater ihr als Bräutigam ausgesucht hatte und der nun neben ihm stand. Er war nicht besonders groß und leicht untersetzt. Seine Haut war fahl. Die Augen waren klein und standen nah beieinander und seine schmalen Lippen waren zu einem Grinsen verzogen. Die schlammbraunen Haare waren ordentlich nach hinten gekämmt und er trug einen grauen Anzug. Er sah beinahe aus, wie einer der Unternehmer, mit denen ihr Vater Geschäfte machte.
Aber irgendetwas an ihm beunruhigte Althea zutiefst.
„Es ist ein Geschäft, Althea“, hatte ihre Mutter erklärt, „du hast immer schon gewusst, dass es in dieser Familie so ist.“
„Es muss aber doch nicht immer so sein!“, hatte Althea aufbegehrt, doch sie war nur eine Frau und ihr Vater war das Oberhaupt dieser Familie. Sein Wort war Gesetz. Althea bemühte sich um eine aufrechte Haltung und schirmte sich innerlich gegen ihren Widerwillen ab, sodass nichts davon nach außen drang.
„Das ist mein Sohn Jorgos Christos“, sagte ihr Vater gerade und legte Altheas Bruder mit einem stolzen Lächeln eine Hand an die Schulter.
Althea fühlte erneut diesen unerklärlichen Hauch einer Gefahr. Die Ahnung verstärkte sich, als der Besucher ihrem Bruder die Hand reichte und sich schließlich ihr zuwandte.
„Und das, mein lieber Maximos ist meine älteste Tochter Althea“, stellte ihr Vater sie nun vor.
Maximos reichte ihr seine Hand und ein rotes Warnlicht flammte in ihrem Kopf auf, kaum dass sie ihn berührte. Vampir! Das Wort raste durch ihre Gedanken. Althea zwang sich eisern dazu, keine körperliche Reaktion zu zeigen, als sie in die wässrig blauen, mit einem leichten Hauch von Silber überzogenen, Augen sah.
„Erfreut, Sie kennenzulernen“, sagte der Mann mit einer angedeuteten Verbeugung und einem schmierigen Lächeln.
„Die Freude ist ganz meinerseits“, sagte sie artig und bemerkte ein schwaches Nicken ihrer Mutter aus dem Augenwinkel. Ganz plötzlich hatte Althea das Gefühl, dass eine Falle zuschnappte und es gab nichts, das sie daran ändern konnte. Sie atmete kaum merklich durch, als er ihre Hand endlich losließ und sich ihrer Schwester zuwandte.
„Und das ist meine jüngere Tochter Medea“, stellte ihr Vater sie vor.
Als der Mann nach der Hand ihrer Schwester griff, hätte Althea beinahe aufgeschrien. Etwas in ihr erwachte brüllend zum Leben und befreite sich von seinen Fesseln. Der Drang zu beschützen wurde so stark, dass sie die Zähne fest aufeinanderbeißen musste, um nicht laut schreiend auf den Fremden zuzuspringen. Das waren ihre Geschwister! Sie musste sie beschützen! Sie erkannte ganz plötzlich die Gefahr, in die ihr Vater sie gebracht hatte.
Althea wurde siedendheiß bewusst, dass ihr Vater alles tun würde, um sein eigenes Leben zu retten. Deshalb hatte er sie an diesen Mann verkauft. Diesen Vampir, da war sie sich sicher, auch wenn das allem widersprach, was sie bislang geglaubt hatte. Auch wenn sie nicht wusste, woher dieses Wissen kam. Babushka Dora, dachte sie kurz und mit aufkeimender Erkenntnis, sie hatte auch dieses Wissen gehabt! Sie hatte gesagt, sie würden die Wesen in ihrer Umgebung erkennen ...
»Erzähl das niemandem, psýchi mou«, flüsterte es durch ihre Gedanken, begleitet von einem zarten Hauch, als strichen warme Finger mit einer Haut wie Papier über ihre Wange. »Behüte die Wesen in deiner Umgebung. Gib ihnen ein Heim und die Wärme einer Familie, psýchi mou. Behüte sie ...«
Althea schluckte ihre Angst hinunter und schwor sich, nicht zuzulassen, dass dieser Vampir ihre Geschwister in die Hände bekam. Althea zu töten war keine Option mehr, denn wenn sie starb, würde Medea die Nächste sein, die sich dieser Vampir holte. Liebe süße Medea. Niemand war so arglos wie ihre Schwester. Sie sollte in Frieden aufwachsen können und dafür würde Althea sorgen. Auch wenn sie in diesem Fall diesen Vampir heiraten musste.
In dem Augenblick, in dem sie diese Entscheidung traf, wandte Maximos sich zu ihr umund zwinkerte ihr mit seinem schmierigen Lächeln zu, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Althea musste unbedingt mehr über Vampire herausfinden!
»Ich vermisse dich, Babushka Dora«, dachte sie traurig, lächelte aber diesem Gast zu, der alsbald über sie verfügen würde, wie ihr Vater es getan hatte. Und sie würde es zulassen.
Bis sie einen Ausweg fand.
Wien/Österreich
„Wer hat das getan?“, fragte Sheridan und beugte sich über die geköpfte Leiche. Nicht Anuks Stil entschied er für sich.
„Keine Ahnung“, sagte Konstantin, „ist aber nicht der erste Vampir, der so gefunden wurde.“
Sheridan warf seinem Freund einen Blick zu. Er war ebenso groß und schlank wie er selbst, doch kein geborener Vampir, sondern ein Erschaffener. Konstantins kurze, dunkelrote Haare waren zerzaust und lockten sich über den Ohren. Die markanten, graugrünen Augen waren umschattet und der schmale Mund zu einem Strich zusammengepresst. Er wirkte müde.
„Jemand macht also Jagd auf Vampire“, stellte Sheridan ruhig fest.
„Es gibt doch immer jemanden, der Jagd auf Vampire macht. Aber bis jetzt hat noch keiner die Leichen so drapiert, dass wir sie finden würden.“ Konstantin zuckte seufzend mit den Schultern.
„Kannst du ungefähr sagen, wann es begonnen hat?“
„Nein.“
„Und Angelo kann es nicht gewesen sein?“
„Nein.“ Konstantin sah seinen alten Lehrmeister an. „Wenn Angelo einen Vampir tötet, dann sorgt er dafür, dass jeder die Warnung sieht. Jeder. Seiner. Vampire. So hat er es auch mit Timothy gemacht.“
Sheridan betrachtete seinen ehemaligen Schüler mitfühlend. Timothy war ein guter Freund von Konstantin und Yannis gewesen und hatte Angelos wertvollste Gefangene, eine Elfe, befreit. Seine Leiche war in der Eingangshalle aufgehängt gewesen, als Konstantin und Yannis von ihrem Rundgang zurückkamen. Angelo Voceto-Fioli, der inoffizielle Anführer der Vampire von Wien, hatte daneben gestanden und die beiden mit brennenden Goldaugen angesehen. Seine stiefelleckenden Lakaien lungerten in den Schatten der großen Eingangshalle herum und grinsten die beiden Vampire hämisch an.
»Das geschieht mit Verrätern!«, hatte Angelo gesagt. »Und jetzt schafft mir diesen Unrat aus den Augen!«
Konstantin rieb sich die Augen und blickte wieder auf die Überreste vor sich. Kein Tier. Was auch immer diesen Vampir getötet hatte, war kein Tier gewesen. Der Kopf war fein säuberlich vom Hals getrennt worden. Die Waffe hatte aber die Wunden sofort versiegelt.
Kein Blut. Wer dafür verantwortlich war, beherrschte sein Handwerk.
Sheridan seufzte und nickte Yannis zu. „Sorg bitte dafür, dass der hier verschwindet.“
„Ja.“ Yannis drehte sich um und winkte zwei Vampire zu sich.
Gemeinsam packten sie den Leichnam ein und trugen ihn fort.
„Wie verlief das Treffen mit dem Herrn Vorsitzenden?“, fragte Konstantin und blickte Yannis hinterher.
„Interessant.“
Konstantin drehte sich zu seinem Freund und Lehrmeister um und hob eine Braue. „Interessant?“
„Ja, durchaus.“ Die beiden setzten sich in Bewegung und gingen langsam in den Burggarten hinaus. Sheridan steckte die Hände in die Hosentaschen. „Ich glaube, dass wir Freunde werden könnten, wenn er lange genug lebt.“
„Sprichst du ihm so schnell das Leben ab?“, fragte Konstantin belustigt.
„Er spielt mit dem Feuer, das ist dir schon klar, oder?“
„Bash, wir spielen alle mit dem Feuer. Das Leben im Palais ist ein einziger Eiertanz.“
„Das Leben außerhalb ist auch nicht wirklich einfacher.“ Sheridan blieb stehen und betrachtete die sauber verpackten Rosenbäumchen.
Er vermisste die warme Jahreszeit, wenn die üppige Blütenpracht die lauen Sommernächte mit ihrem Duft schwängerte. Kalter Wind fuhr ihm durch die Haare und erinnerte ihn daran, dass das Jahr sich dem Ende zuneigte.
„Sprichst du von einem gewissen Halbgott?“
Sheridan nickte und sah seinem ehemaligen Schüler in die Augen.
„Ich fürchte mal, dass er nicht ganz ohne Hintergedanken hier ist.“
„Hm ...“ Konstantin verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann würde ich sagen, wir behalten beide Lager im Auge. Bin gespannt, was sich da entwickelt.“
„Ja, das sollten wir“, sagte Sheridan leicht abwesend, dann grinste er. „Ich habe Sean angeboten, sein Haustier zu füttern, während er auf Hochzeitsreise ist.“
„Sein Haustier?“
„Ein Flughund! Ist das zu glauben?“
Konstantin schüttelte lachend den Kopf. „Der gute Sean steckt voller Überraschungen!“
„Komm, lass uns noch etwas trinken gehen“, schlug Sheridan vor und die beiden setzten sich in Richtung Innenstadt in Bewegung.
Wien/Österreich
In einem anderen Teil der Stadt öffnete Althea die Tür ihrer Wohnung und sah sich einem Mann gegenüber: Ihrem Verlobten.
Kälte überlief sie. Aus einem Reflex heraus wollte sie die Tür zuknallen, doch er stellte blitzschnell den Fuß dazwischen.
„Na na, mein Täubchen!“, zischte er und ließ scharfe Zähne aufblitzen, dann ging er in die Wohnung hinein.
„Wie ...?“ Althea wich noch weiter zurück, als sie begriff, dass die alten Geschichten wohl nicht stimmten. Verdammt! Sie hatte in den vergangenen Stunden, seit ihrem ersten Zusammentreffen, so viel wie möglich über Vampire gelesen, was sie hatte finden können. Viel war es nicht gewesen. Das meiste waren verklärte Liebesromane und Märchen. Doch sie hatte versucht, zwischen den Zeilen zu lesen.
Hatte versucht, die Dinge so zu sehen, wie ihre Babushka das vielleicht getan hätte.
„Diese Wohnung gehört deinem Vater, Täubchen“, sagte Maximos und lächelte böse, während er die Tür schloss, „und dein Vater hat mir zu all seinen Immobilien Zutritt gewährt.“
„Das mag sein, aber das hier ist meine Wohnung! Bitte gehen Sie!“
„Nicht bevor ich mir einen kleinen Vorgeschmack auf dich geholt habe, Täubchen“, sagte er. Sein Grinsen wurde noch bösartiger und er rieb sich die Hände. Althea warf sich mit einem Schrei herum und sprang in Richtung Schlafzimmertür, doch er war wesentlich schneller. Und stärker. Er griff nach ihr, warf sie bäuchlings auf das Bett und hielt sie dort fest. Sie wehrte sich, schlug mit ihren Beinen nach ihm und verfluchte sich dafür, nicht mehr trainiert zu haben.
Stoff zerriss und kühle Luft streifte ihren Hintern. Er lachte hinter ihr, zerriss auch noch ihre Bluse und grapschte gierig nach ihrer Brust. Althea wehrte sich heftig unter ihm und schrie. Ihr Gesicht wurde in das Laken gepresst, als er sie niederdrückte und seine Hose öffnete. Dann drang er mit einem kräftigen Stoß in sie ein und versenkte seine Zähne in ihrem Hals. Ihr erstickter Schrei erstarb, als sie ohnmächtig wurde und in der Schwärze versank.
* * *
Maximos taumelte in eine dunkle Seitengasse und rutschte an der Wand entlang zu Boden. Scheiße!, dachte er verwirrt, was hat diese Hexe mit mir angestellt? Er versuchte verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Langsam sickerte die Kälte des Bodens in seinen Körper und der leichte eiskalte Nieselregen brachte ihn halbwegs wieder zu Verstand. Was immer sich im Blut seiner Verlobten befand, er musste hochkommen und ins Palais zurückkehren, bevor ihn jemand fand, oder er endgültig zusammenbrach.
Mühsam stemmte er sich hoch und schlurfte, sich an der Wand abstützend, die Gasse entlang. Immer wieder musste er gegen die farbigen Schleier ankämpfen, die Frieden und Freude verhießen und seinen Verstand einhüllten. Der Weg zurück zum Palais war ihm noch nie so lang vorgekommen. Ein Glück, dass Pius einen Auftrag hatte und deshalb nicht auf ihn warten konnte. Maximos war sich durchaus bewusst, dass er niemandem im Palais trauen konnte. Auch Pius würde ihn verraten, wenn er sich dadurch einen Gewinn versprach.
Das Palais kam in Sicht und er holte tief Luft, atmete die kalte, schneidende Luft ein und für einen Augenblick funktionierte sein Verstand wieder glasklar. Er wartete, bis sich die Wachen verzogen
