Beschreibung

Zwei Männer kommen auf sehr unterschiedliche Art zu Wohlstand und riskieren alles, als sie ihn zu verlieren drohen. Harald Lunde hat seine Kunden sein Leben lang mit Möbeln versorgt. Doch dann muss er seine Firma wegen der übermächtigen Konkurrenz von IKEA schließen. Aus Rache beschließt Lunde, den IKEA-Gründer Ingvar Kamprad zu entführen. - Sein Sohn Arvid verdient neben seiner Arbeit als Lehrer Millionen an der Börse. Er führt ein Yuppieleben mit hübscher Frau und teuren Autos. Dann wird er vom Börsencrash erwischt. Als seine Frau ihn verlassen will, beschließt er, seine Schulden durch Banküberfälle wettzumachen. Pointenstark und spannend erzählt Frodde Grytten von Erfolg und Verlust und von den großen Gefühlen. Ein berührender Roman aus Norwegen voll herbem Humor.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 414


N & K Nagel & Kimche eBook
Frode Grytten
Ein ehrliches Angebot
Roman
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Nagel & Kimche
Die Publikation der Übersetzung erfolgt mit freundlicher Unterstützung von NORLA
Titel der Originalausgabe: Saganatt
2011 Forlaget Oktober, Oslo
Die norwegische Ausgabe enthält einen weiteren Romanteil mit dem Titel Den åttende dagen, der sich vornehmlich mit norwegischer Politik beschäftigt
ISBN 978-3-312-00545-1
© 2012 Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München
Herstellung: Andrea Mogwitz und Rainald Schwarz
Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann
E-Book-Konvertierung: Beltz Bad Langensalza GmbH
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Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden, die historischen Ereignisse jedoch, die ihr Handeln und ihre Haltung bestimmen, sind äußerst real.

Morgen ist Montag

Der Polizist fragt, wohin ich will. Nach Schweden, antworte ich. Schnaps und Wurst?, sagt er und amüsiert sich über seinen Witz. Sein Gesicht ist von der Kälte weiß. Schneeflocken hängen an seinen Augenbrauen und an der Uniform. Er sagt, wegen eines Unfalls gebe es eine Umleitung über Eidsvåg. Drei Autos seien auf der glatten Fahrbahn zusammengestoßen. Wäre schon traurig, wenn hier für mich Endstation wäre, wenn ich nicht weiterkäme als ein paar hundert Meter in die Welt hinaus. Wenn er wüsste, der Polizist. Er hätte fragen können, was ich in meinem Koffer habe, und ich hätte wahrheitsgemäß geantwortet: ein Fotoalbum. Das hätte ihn sicherlich gewundert, aber um zu tieferer Erkenntnis zu gelangen, wären mehr Informationen nötig gewesen. So ist es, Informationen sind lebenswichtig. Man muss mehr wissen, alles wissen, muss alle verfügbaren Informationen in sich aufnehmen, und von all diesen Informationen kann man sein Handeln abhängig machen. Hätte mich der Polizist beispielsweise gebeten, das Handschuhfach aufzumachen, hätte er die Pistole gesehen. Dann hätte er mehr Informationen gehabt, vielleicht nicht genug, aber ausreichend, um fortzufahren. Erst dann hätte ich ihm zu guter Polizeiarbeit gratulieren können. Ausgezeichneter Job, junger Mann, Kompliment. Der Polizist sagt, bei dem Wetter würde er so eine weite Fahrt nicht auf sich nehmen. Ich danke ihm für seine Anteilnahme. Er hat natürlich recht. Den ganzen Tag über habe ich den Wetterbericht gehört und gedacht, jetzt klart es auf, aber es hat einfach immer weitergeschneit.
Ich will einen Mann entführen, sage ich. Er lächelt. Einen Schweden?, fragt er. Ja, das ist der Plan, sage ich. Dann verstehe ich, dass Sie es eilig haben. Der Polizist tut so, als wäre das Ganze ein Scherz zwischen uns beiden. Ich sage nichts. Haben Sie eine Waffe?, fragt er. Ja, antworte ich. In diesem Koffer? Nein, im Koffer liegt mein Fotoalbum. Na klar, sagt er. Der Polizist lacht. Er sieht nur einen alten Mann mit Brille und Hut, einen Mann mit einem Koffer auf dem Beifahrersitz. Wer ist der Auserwählte?, will er wissen. Der Auserwählte?, frage ich. Ja, wer ist das Opfer? Ingvar Kamprad, antworte ich. Der IKEA-Chef? Ich nicke. Hat man Ihnen die falschen Schrauben mitgegeben? Er wünscht mir Glück und winkt meinen Saab weiter. Armleuchter. Ich lasse den Motor wieder an, fahre weiter durch den Schnee. Der Polizeiwagen verschwindet aus dem Rückspiegel, das Blaulicht ist weg. Ich habe alle Zeit der Welt, ganz ruhig fahren, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Der Mond kommt hinter den Wolken hervor, löst sich von den schneebedeckten Bergen. Gern hätte ich noch ein wenig gewartet, ich habe mir den Wetterbericht angehört in der Hoffnung, die Passstraßen seien geschlossen, man komme von hier nicht weg. Dabei wurde mir klar, dass ich mir eigentlich eine Entschuldigung wünschte. Um meine hasserfüllten Gedanken ausmustern zu können, das war’s. Entschuldigungen habe ich nie gemocht. Das ist nicht mein Stil. Im Laden habe ich gelernt, dass man sagen muss, was Sache ist. Es ist erst wenige Tage her, da habe ich meinen eigenen Enkel zurechtgewiesen, weil er mich niemals anruft. Er habe versucht, mich anzurufen, hat er geantwortet. Daraufhin sagte ich: Hast du versucht, den Hörer abzunehmen, und deine Arme haben dich im Stich gelassen?
Das Licht der Straßenlaternen streicht über die Karosserie. Ich fahre an Häusern und Schneemännern vorbei, an zugeschneiten Autos, in Kälte eingepackte Trampoline. Im Radio haben sie gesagt, wir steuerten auf einen Rekordwinter zu. Am Nachmittag musste ich aufs Dach, um Schnee zu schippen. In einem monotonen Singsang habe ich die Schaufel hin und her bewegt. Das Haus ist so gebaut, dass ich, sobald ich mich der Kante näherte, in die erleuchteten Zimmer schauen konnte. Ich sah ein Sofa, einen Tisch, Lampen, einen Fernseher, eine aufgeschlagene Zeitung. Ich stand auf dem Dach meines eigenen Hauses, und alles war mir fremd, als würde ein anderer dort unten wohnen.
Am Freitag habe ich mich von meinem letzten Jugendfreund verabschiedet. Samuels Sarg war von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, als er in die Erde versenkt wurde, die Totengräber mussten erst stundenlang Schnee geschippt haben, bevor sie die Grube ausheben konnten. Dort hinein verschwand Samuel mit seinem steifen Bein, seinen punktierten Lungen und seinem Kopf, der mir immer ein Rätsel bleiben wird. Seit seiner Kindheit hat Samuel putzige Tischuhren entworfen, das Haus quoll über von diesen Tischuhren, fein säuberlich und genau gezeichnet, kleine Kunstwerke in sich. Ein Leben lang hatte er sich darauf vorbereitet, diese Uhren zu bauen, aber er fing nicht damit an, und am Ende war auch für Samuel die Zeit vorbei. Er starb bei einer kalten Dusche in einem öffentlichen Bad in Bergen, brach auf den braunen Fliesen zusammen. Darauf war ich am allerwenigsten vorbereitet, dass allen anderen vor mir die Puste ausgeht. Nein, das hatte ich mir so nicht vorgestellt. Ich bin ja nicht uralt. Erst als Samuel in der Grube verschwunden war, begannen meine Tränen zu fließen. Sie flossen langsam in dem Schneetreiben, ich trauerte nicht so sehr um Samuel, sondern vor allem um mich. Ich stand an Samuels Grab, meiner Freunde beraubt, meiner eigenen Geschichte beraubt.
Um gleich zur Sache zu kommen, als ich mit meinem Schirm dort stand, kam eine schwarzgekleidete Frau auf mich zu. Sie berührte mich am Arm und fragte, ob ich Harold sei. Ich habe keine Erklärung für mein Handeln, und ich habe nicht vor, unvernünftige Entscheidungen zu rechtfertigen, aber ich habe sie zu mir nach Hause eingeladen. Es schneite kräftig, und dieser Frau am Grab war jämmerlich kalt. Ich hatte Ellen Reiss seit mindestens 45 Jahren nicht mehr gesehen, zu diesem Ergebnis kamen wir jedenfalls später am Abend über einer Flasche Wein. Wir stießen auf Samuel und die Jugend an, stießen auf damals an, als Ellen Reiss unwiderstehlich war und ich ein Mann, der alles zu verlieren hatte. Ich hatte gerade Marny gefunden, und Ellen Reiss kam für mich nicht in Frage. Ich hatte Marny zum ersten Mal im Friseursalon in Bergen gesehen. Sie sollten die Haare nach hinten kämmen, sagte Marny, das würde Ihnen stehen. Sie massierte mir die Kopfhaut, schnitt mir die Haare und kämmte sie nach hinten, bevor ich meinen Hut nahm und in den Regen hinausging. Später fragte ich immer nach Marny, wenn ich mir einen Termin holte. Ich hätte gern einen Termin bei Marny Kolås, sagte ich am Telefon. Marny massierte mir die Kopfhaut, schnitt mir die Haare und kämmte sie nach hinten. Eines Tages wollte ich wissen, ob sie gern ins Kino ging. Das konnte sie bejahen.
Nach unserer Hochzeit arbeitete Marny im Laden, von früh bis spät saß sie mit einer Brille, die ihre schönen Augen verbarg, am Schreibtisch. Besorg dir Kontaktlinsen, Liebes, sagte ich später zu ihr, ich will deine schönen Augen sehen. Das war das Leben, das ich geführt hatte. Das sagte ich zu Ellen Reiss. Das war das Leben, das ich führen wollte. In der Liebe gehe es nur um eines, sagte ich zu Ellen Reiss, in der Reichweite seines Herzens zu sein. Manchmal war man es, manchmal nicht. Du musst dich zur richtigen Zeit in die Reichweite deines Herzens begeben. Meine Güte, am Freitagabend hob ich Ellen Reiss’ trauernden Unterrock hoch, nach all diesen Jahren, sie trug eine Menge Unterwäsche, für die ich keine Worte kannte, aber ich spürte, wie es zwischen den Fingern kribbelte. Sie hatte die Initiative ergriffen, als sie zur Kaffeezeit ihre Hand auf meinen Hosenlatz legte. Du warst schon damals chic gekleidet, hatte sie gesagt. Ich kann mich an fast nichts erinnern, nur dass ich halbherzig in Ellen Reiss herumgefuhrwerkt habe. Ich weiß nur, dass ich Stunden zuvor gedacht hatte, sollte Ellen Reiss mein Glied in sich hineinstecken, wäre es nicht von Bedeutung, ich habe nichts mehr zu verlieren. Während sie sich über das Ecksofa beugte, dachte ich an Marny, ich dachte an Marny, während meine Hoden an Ellen Reiss’ Po klatschten. Jetzt befand sich Marny außerhalb der Reichweite meines Herzens, und Ellen Reiss befand sich innerhalb. Sie blieb über Nacht, und das Einzige, woran ich denken konnte, als ich aufwachte, war: Das hier ist Marnys Bett. Das hier ist Marnys Bett.
Heute Nachmittag auf dem Dach hatte es sich angefühlt, als wäre von meinem Leben unter mir nichts mehr da. Warum trampelte ich dort oben herum? Was wollte ich sichern, wenn ich Schnee schaufelte? Ich machte beim Schneeschippen eine Pause und beschloss, ein für alle Mal aufzugeben. Vom Dach aus hatte ich einen guten Blick auf die Nachbarschaft. Meinen Stadtteil, Åsane. Licht blitzte aus den Fenstern, hier und da sah ich Menschen, aber die meisten Häuser strahlten eher Einsamkeit aus, etwas Kaltes, Abweisendes. Ich sagte mir, dass das die Häuser sein mussten, die man vom Flugzeugfenster aus sah, wenn man spätabends auf dem Landeanflug war. Lichterketten unter dir, merkwürdige Muster, umgeben von schwarzem Nichts. Hier, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe. Jetzt fahre ich weg aus einem Stadtteil, der für mich dahinzusiechen begonnen hatte. Neue Häuser überall, eins sieht aus wie das andere. Ich sehe die Lichter, die Terrassen, die Bushaltestellen, ich sehe das Licht in den Fenstern, aber ich weiß nichts mehr über die Menschen. Dieser Ort hat sich innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelt, von Ackerland zu Umland, von Dorf zu Vorstadt. Die Träume sind weggezogen. Die Leute schlugen morgens lächelnd die Augen auf. Früher konnte ich sagen, welche Träume in welcher Straße wohnten, in welchem Haus. Ich hatte erkannt, dass es möglich war, die Erwartungen der Leute zu erfüllen, und ich war der richtige Mann dafür. Ich brachte Åsane und seiner Umgebung das Glück. Ich fuhr durch die Gegend und lieferte das Glück aus. Ich klingelte, stapfte ins Haus, verteilte das Glück auf dem Boden und an den Wänden, packte Jubel und Freude aus. Ich montierte ein Leben in Sorglosigkeit in norwegischen Heimen.
Was noch? Lange kannte ich die Entwicklung in nahezu allen Familien, überall standen die Türen einen Spaltbreit offen. Ich war die Hand, die ein Sofa auf den Boden stellte, ein Regal in den Partykeller, ein Bett ins Kinderzimmer. Bitte schön! Nehmt das Glück in Gebrauch. Was noch? Die Zahlungsfähigkeit. Ich wusste, wer zahlen konnte und wer einen Kredit brauchte. Was noch? Die Kinder. Ich wusste, wer auf die Welt gekommen war, wer in welches Haus gehörte. Wenn ich heute durch Åsane fahre, sehe ich, was einmal war. Nachmittage am Grill, Abende mit Longdrinks. Ich sehe zwei Mädchen, die auf dem warmen Gehweg sitzen, ich sehe einen Fernseher mit der Mondlandung in Schwarzweiß. Koteletts zum Abendessen, die auf der Küchenzeile bereitstehen. Eine Runde Minigolf. Marny, die auf ihrem Lieblingssessel unter dem Licht der Lampe ruht. Meine Jungen, die im Baum sitzen und die oberen Äste schütteln, sie haben Angst, jemand könnte uns sehen, aber ich lache und ermuntere sie zum Weitermachen, damit ich das Herbstlaub zusammenfegen kann. Oje, wie sentimental. Ich darf nicht schrumpfen und zerbrechen. Fahren, fahren, hinein in den Winter. Ich sitze auf dem kalten Fahrersitz, sehe, wie sich die Welt vor meinen Augen entrollt. Das Licht der Straßenlaternen kommt mir entgegen. Der Saab fährt weiter, ein geduldiger schwarzer Körper in all dem Weiß. Kilometer für Kilometer nähere ich mich meinem Ziel, und während ich auf der Schwelle zu meiner Auslöschung stehe, gelingt es mir, ein anderer zu werden, einer, der sogar die Polizei an der Nase herumführen kann. Nicht so schlecht, das muss man zugeben.
Ich schreibe mich im Hardanger Hotel unter meinem richtigen Namen ein: Harold M. Lunde. Ich benutze einen Blackbird. Ein schöner Füller, mein Füller, er passt vom Stil her nicht in dieses Hotel. Mit diesem Füller hätte ich besser den Namen eines anderen Mannes eingetragen, das ist mir klar. Dann könnte die Dame an der Rezeption aufgeregt zu den Journalisten sagen, ja doch, Harold M. Lunde hat in jener Nacht bei uns geschlafen, aber er hat sich unter falschem Namen eingeschrieben, ich habe sofort gemerkt, dass was mit ihm nicht stimmt, wissen Sie, in diesem Job lernt man die Menschen kennen. Willkommen, Herr Lunde!, sagt die Dame und sieht mich nicht. Sie sieht nur ein Sumpfloch in der Wüste. Hier links ist der Fahrstuhl, und dann ist es der vierte Stock, Zimmer 409, sagt sie. Gute Nacht, Herr Lunde! Im Zimmer knipse ich das Licht an, dann schalte ich den Fernseher ein, um das ewige Gemurmel in meinem Kopf zu beenden. Aber ich hatte diesen Zirkus vergessen, die Olympiade in Lillehammer. Alle Kanäle zeigen prächtige Säugetiere, die sich als Skispringer betätigen. Ich bin noch nie gern Ski gelaufen, bin sonntags lieber in den Laden gegangen, habe aufgeräumt, Papierkram erledigt, die ausgestellten Möbel verrückt. Vielleicht lief im Hintergrund der Fernseher, aber der Skisport hat mich wirklich nie interessiert. Ich schalte den Fernseher wieder aus. Ich will nicht ins Detail gehen, aber Hotelzimmer versetzen mich längst nicht mehr in Hochstimmung.
Es gab eine Zeit, da bin ich mit einem Lied auf den Lippen zu Möbelmessen gefahren. Ein neues Zimmer, ein neues Bett, eine unverbrauchte Aussicht. Den Koffer aufmachen, Schuhe, Hemden, Anzüge in Schränke und Regale verteilen. Ein Buch auf den Nachttisch legen, immer hatte ich ein Buch dabei, immer kam ich mit dem ungelesenen Buch zurück. Dabei las ich so gern. Damals konnte ich mit dem größten Eifer loslassen. Ich liebte dieses Leben. Zu Messen fahren. Vertreter im Büro empfangen. Neue Möbel bei den Fabrikanten bestellen. Auspacken, kontrollieren, dass alles in Ordnung war. Putzen, leimen und lackieren, was kaputt war. Es kam vor, dass Marny zu den Messen mitkam, und wenn ihr ein Hotelzimmer nicht gefiel, sagte sie: Du weißt, was du versprochen hast? Ja, ich habe es nicht vergessen, lächelte ich. Marnys Wunsch in der Hochzeitsnacht war es gewesen, dass ich sie eines Tages in ein Fünf-Sterne-Hotel in New York einladen sollte. Versprichst du mir das?, hatte sie gefragt. Was hätte ich antworten können außer: Ja, Liebes. Was verspricht man nicht alles in der Hochzeitsnacht, wenn man glücklich im warmen Bett liegt mit der Frau, die man liebt? Ich war zur Tatzeit ja nicht zurechnungsfähig. Ich musste das Versprechen halten, auch wenn viele Jahre ins Land gezogen waren, ja, die Tage rasten nur so vorbei, wir bekamen Kinder, wir arbeiteten und mühten uns ab, im Laden und daheim, wir waren gesund und guter Dinge, wir waren erschöpft und krank, wir gingen sogar in Konkurs, aber ich musste mein Versprechen halten, ich konnte mich schließlich nicht den menschlichen Anstandsregeln entziehen.
Mit dem letzten Rest Geld aus der Firma kaufte ich Flugtickets und buchte ein Hotelzimmer. Gab es eine bessere Verwendungsmöglichkeit für das Geld? Hätte ich es den Gläubigern geben sollen, damit sie noch mehr Geld für teuren Cognac zum Kaffee ausgeben konnten? An einem Tag im Oktober vor vier Jahren packten wir die Koffer und fuhren los. Ich fürchtete das Schlimmste, ich träumte von dunklen, überfüllten Straßen, von Lärm und Menschen, die nach Schweiß rochen. Aber The Mark lag in der Madison Avenue, ganz dicht am Central Park. Wir bekamen eine Suite im 15. Stock, herrliche Zimmer mit italienischen Möbeln, alles von Fachleuten zusammengestellt, ansprechend und elegant. Vom Nordfenster aus sahen wir die Bäume im Park und alles, was sich schon langsam gelb färbte. Ich liebe Hotels, sagte Marny. Fünf-Sterne-Hotels zumindest, sagte ich.
Ich nehme den Telefonhörer vom Apparat. Er ist kalt in meiner Hand. Eine Frauenstimme meldet sich. Ich sage, mir sei bewusst, dass es schon spät sei, aber könne sie vielleicht nachsehen, ob Marny Lunde wach sei, und falls sie wach sei, würde ich gern mit ihr sprechen. Es gefällt ihnen nicht, dass ich anrufe. Aber sie ist meine Frau, nicht ihre. Das sage ich, wenn sie protestieren. Sie ist meine Frau. Ich höre, wie die Frau den Hörer weglegt, dann höre ich, wie sich ihre Schritte vom Telefon entfernen. Ich glaube jedenfalls, dass ich das höre, ich bilde es mir jedes Mal ein, wenn ich Marny am Abend anrufe. Es gibt nichts Melancholischeres als das Geräusch von Schritten auf dem Fußboden eines öffentlichen Gebäudes im Hörer. Ich war schon so oft da. Das hier sind ihre Schritte vom Stationszimmer den Gang entlang zu Marnys Zimmer, vorsichtiges Klopfen, leises Öffnen der Tür, ein Blick auf Marny, ihren Kopf auf dem Kissen, die geschlossenen Augen, der Geruch von Kampfer und Arznei im Zimmer. Hallo, sagt die Frau am anderen Ende, Frau Lunde schläft schon. Aha, sage ich, dann rufe ich morgen wieder an. In Ordnung. Gute Nacht. Ja, gute Nacht.
Ich schlafe ein, wache auf, schlafe wieder ein, träume. Ich träume, dass ein alter Mann auf mir liegt und tot ist. Er ist dürftig gekleidet und hat eine mächtige Alkoholfahne, die nicht sehr frisch riecht. Ich liege unter ihm und bin nackt, ich habe keine Ahnung, wie er auf mir gelandet ist, ich muss mich jedenfalls gedulden, bis jemand kommt, um ihn zu entfernen. Aber der Mann ist im Begriff, allen Sauerstoff aus mir herauszupressen, ich spüre den regennassen Trenchcoat, die Sägespäne unter den Beinen, irgendwo weit weg bellt ein Hund. Ich werde wach, bleibe liegen. Das Zimmer ist eiskalt. Ich glaube, ich habe Fieber. Die gedämpften Hotelgeräusche vermischen sich mit den Fahrgeräuschen von draußen. Ich muss aufstehen, auf die Beine kommen, bevor mich jemand für tot erklärt. Als wir noch den Laden hatten, bin ich aufgestanden, sobald der Wecker klingelte. Aufstehen, duschen, den Anzug anziehen, sich im Spiegel betrachten. In der Morgendämmerung zum Laden laufen, durch die milden Sommermorgen, die regnerischen Novembertage. Eine Viertelstunde zum Laden laufen, um 8:00 Uhr aufschließen, genau eine Stunde haben, bevor die Türen aufgehen. Eine Stunde, um sich zu orientieren, Kaffee aufzusetzen, am Schreibtisch zu sitzen, Büroarbeit zu erledigen, bevor der Tag richtig anbricht. Auf die Kunden warten, die den Laden füllen sollten, diesen gemischten Chor, der jeden Tag hereinkam, wenn die Türen aufgingen. Jeden Morgen hing die Zeit leicht und luftig über mir. Jeden Tag ging es mit mir aufwärts.
Die Frau unten an der Rezeption sagt, sie könne mich im Computer nicht finden. Sie behauptet, ich hätte nicht eingecheckt. Es ist dieselbe Frau, die gestern Abend hier war, sie trägt sogar denselben Schal um den Hals. Sie erinnert sich nicht an mich. Das ist ja komisch, sagt sie. Ja, das ist komisch, sage ich. Im Möbelladen habe ich es zu einer Kunst erhoben, mich an meine Kunden zu erinnern, ich prägte mir alle Namen ein und alle Waren, die sie kauften. War jemand einmal bei Möbel-Lunde gewesen, wollte ich ihn mit seinem Namen begrüßen, wenn er das nächste Mal durch die Tür trat: Guten Morgen, Herr Sivertsen, was macht der Wohnzimmertisch, steht er noch auf eigenen Beinen? Eine hervorragende Verkaufsstrategie, unbedingt, die Kunden hatten einen positiven Eindruck von mir und meinem Laden, es war auch eine Frage der Höflichkeit, aber nicht nur. Mich an die Namen meiner Kunden zu erinnern war für mich eine große Freude. Die Frau an der Rezeption schüttelt den Kopf und behauptet, in Zimmer 409 wohne ein Mr. Nicholson. Sind Sie Mr. Nicholson?, fragt sie. Mr. Nicholson?, frage ich. Ja, sind Sie das? Ja, ich bin Mr. Nicholson, sage ich. Sie bittet mich, einen Moment zu warten, dann verschwindet sie durch eine Schwingtür hinter dem Tresen. Ich bleibe stehen, sie kommt nicht zurück. Mir wird klar, dass es für mein Leben keinen Beweis mehr gibt. Der Laden ist geschlossen. Mein ältester Sohn hat mich vergessen. Mein jüngster Sohn ist von uns gegangen. Mein Enkelsohn ruft niemals an. Marny weiß nur noch selten, wer ich bin. So ist es. Ich bin ein kurzes Aufflackern. Ich bin Mr. Nicholson.
Ohne weiteres Aufhebens nehme ich den Koffer und gehe zu meinem Saab. Ich lasse den Motor an, betrachte Odda durch die Windschutzscheibe. Der Tag hat sich geöffnet, es schneit nach wie vor. Die Flocken sind schön, tausend Blüten auf der Scheibe. Fahren und glucksen, die brausenden Federn ruhen lassen. Fahren und dem Schnee lauschen. Ich bin Mr. Nicholson, fabelhaft. Mr. Nicholson am Steuer. Wie leicht man ein anderer wird. Wie kann ein Mensch ein anderer werden? Wann habe ich es bei Marny begriffen? In New York. Endgültig. An diesen Tagen waren wir wieder eng beisammen, wie ein verliebtes Paar liefen wir durch die Avenuen, liefen durch die frühen Herbstabende. Die Dunkelheit wurde vom Anblick weißer Menschen erhellt, Licht fiel aus den Geschäften und den gelben Taxen, die Türen öffneten sich und spuckten Menschen aus, jedes Etablissement leistete seinen Beitrag. Tagsüber machten wir lange Spaziergänge durch den Central Park. Normalerweise ging Marny schneller als ich. Wenn wir daheim in Åsane spazieren gingen, kam sie immer vor mir an, als wäre ihre natürliche Gangart ein paar Stufen höher eingestellt als meine. Aufgrund ihrer Rastlosigkeit, ihrer Energie bewegte sie sich wie ein junger Hund beim Gassigehen. Durch den Central Park gingen wir jedoch im selben Tempo, sie etwas langsamer als üblich, ich etwas schneller. Es war perfekt. Bankpause?, konnte einer von uns vorschlagen, wenn unsere Füße müde wurden, dann setzten wir uns auf die erstbeste Bank. Dort sprachen wir über alles Mögliche, oder wir saßen schweigend nebeneinander. Marny war ein hervorragendes Reisehandbuch. Auf allen denkbaren Bänken in New York konnte ich in ihr nachschlagen, und sie gab mir Details über die 10th Avenue oder ein Hochhaus, das triumphierend sein oberstes Stockwerk über die Bäume im Park erhob.
Als wir eines Abends ins Hotel zurückkehrten, ging Marny zur Rezeption, um nach etwas zu fragen. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber es hatte mit unseren Pässen zu tun, und Marnys Englisch war besser als meins. Ich setzte mich in einen der tiefen Sessel in der Lobby und wartete. Nach einer Weile winkte Marny mich heran. Ich weiß nicht, womit ich gerechnet hatte, aber eins ist sicher, mit diesen Worten hatte ich nicht gerechnet: Liebster, wie heißt du noch? Marny sah mich entschuldigend an, ich verstand nicht, was sie meinte. Sie wiederholte ihre Frage. Sie lachte und sagte, plötzlich sei mein Name weg gewesen. Ich starrte Marny an, zu dem Zeitpunkt waren wir seit vierzig Jahren verheiratet. Harold M. Lunde, sagte ich, und sie ging wieder zum Portier, der etwas verwirrt hinter dem Tresen wartete. Harold M. Lunde hörte ich Marny sagen, dann buchstabierte sie meinen Namen. H-a-r-o-l-d-M-L-u-n-d-e. Nachts lag ich wach in unserer Suite und hörte das Rauschen der Autos auf der Madison Avenue. Ich lag auf dem Rücken, die Fußspitzen in der Luft, die Augen offen, ohne zu blinzeln, die ganze Nacht. Mein Kopf war ein einziges Durcheinander. Ich wühlte in den Jahren, die hinter uns lagen. Hatte ich Vorfälle übersehen? Gab es andere Anzeichen? War ich selbst im Begriff, gebrechlich zu werden?
Am nächsten Tag war es überraschend heiß, ein Sonntag mit 85 Grad Fahrenheit, eine Leuchttafel in der Lobby verriet die Temperatur. Ein Indian Summer flammte zwischen den Hochhäusern auf, und Marny wollte nach Coney Island fahren, um sich abzukühlen. Scharen von Menschen hatten dieselbe Idee, und obwohl ich unzählige Bankpausen vorschlug, fanden wir keine freie Bank, auf die wir uns hätten setzen können. Die Sonne blendete, es gab Sand und Meer, reizbare Touristen, Kinder, die in dem schmutzigen Wasser plantschten. Zum Schluss fanden wir eine Bank und blieben sitzen, während wir alle, die vorbeigingen, in Augenschein nahmen, eine Lawine menschlicher Körper. Marny sagte: Dir gefällt New York nur, weil du denkst, dass du all diesen Menschen, die du hier siehst, Möbel verkaufen könntest. Sie habe mich durchschaut, antwortete ich. Sie sagte, ich würde glücklich auf die Hochhäuser starren, weil ich mir vorstellte, dass jedes einzelne Zimmer da oben möbliert werden müsste. Ich sagte, es sei ganz richtig, bei einem solchen Markt wäre unser Laden zu retten gewesen. Marny sagte, sie würde mich jetzt kennen, sie kenne mich in- und auswendig. Aber sie kannte mich nicht gut genug, um mitzukriegen, dass ich große Angst hatte, wie ich dort saß. Ich legte den Arm um ihre Schulter, als wollte ich vermeiden, dass sie mir entglitt. Ich fragte nach dem Vorfall im Hotel, aber Marny lachte nur darüber. Ihr Kopf war einen Moment lang einfach leer gewesen. Das war alles. Ich sollte dem nicht mehr Gewicht beimessen als nötig. Ein einmaliger Ausrutscher. Wie heiße ich?, fragte ich. Sie sah mich an. Wie heiße ich?, fragte ich noch einmal. Harold irgendwas, antwortete sie. Wir lachten. Zwei Jahre später las ich einen Bericht, den ein Student verfasst hatte, ich kann mich nicht an den vollständigen Titel erinnern, weiß aber noch, wie der Student Marny und mich genannt hat. Marny war Casus 2. Ich war Ehemann 2 in einer Sprache, die für mich keinen Sinn ergab, so wie die Welt zu diesem Zeitpunkt für Marny keinen Sinn mehr ergab. In einem einfachen Test konnte sie zum Beispiel nicht zwischen einem Foto von mir und John F. Kennedy unterscheiden. Ich hätte es als Kompliment nehmen sollen, aber später im Test konnte sie John F. Kennedy und einen Zwergschimpansen nicht mehr auseinanderhalten.
Oh, Marny. Du verschwindest während meiner Fahrt, so wie meine Füße unter mir verschwinden. Meine Füße sind kilometerweit weg, irgendwo am Äquator. Meine Hände verwelken am Steuer, so wie der Sommer verwelkt. Über Haukeli fahren wir in einer Kolonne. Ich sehe die Rücklichter des Wagens vor mir, sonst nichts. Ich fahre gern in einer Kolonne, mag es, meinen Platz zu finden, langsam zu fahren, besonnen. In einer Kolonne sind alle voneinander abhängig, ich bin abhängig von dem Fahrer vor mir, so wie der Fahrer hinter mir abhängig ist von mir. Verlieren wir uns, werden wir rasch in Schnee gehüllt. Schnee von allen Seiten, Schnee, der in einem bitteren, blendenden Tanz durch die Luft wirbelt. Ich rutsche mit dem Saab über die schneebedeckten Ebenen. Mister Åsane. Mister Åsane in Haukeli vermisst. Als wir den Laden dichtmachen mussten, brachte die Bergens Tidende ein Porträt von mir, aufgenommen wenige Monate vor unserer New-York-Reise. Die Journalistin war blond und viel zu hübsch, um Journalistin zu sein. Ich hatte mir Journalisten immer als träge, schlampig gekleidete Männer vorgestellt, Menschen, die in etwa denselben Gebrauchswert hatten wie meine beiden Söhne. Hier kam nun ein hübsches blondes Frauenherz. Sie betonte, dass alles stimmen sollte, da ich wahrscheinlich zum ersten und letzten Mal in einer Zeitung porträtiert würde. Ich hätte ihr ausführlich darlegen können, was wahrscheinlich ist und was nicht, ich hätte ihr beibringen können, dass die Freuden des Sommers rasch zu schwärzestem Mutterboden werden konnten, ich hätte ihr einen unglücklichen Himmel zeigen können, aber was verzeiht man nicht alles einer Blondine, die Begeisterung und gutes Wetter verheißt. In der Zeitung nannte sie mich Mister Åsane und schrieb, ich würde den Stadtteil wie meine Hosentasche kennen. Ich verstehe schon, dass das eine Metapher ist, aber sollten Journalisten von heute ihre Sprache nicht besser beherrschen, als solchen Seemannsjargon an den Tag zu legen?
Im Artikel selbst kam ich gut weg, ich kam rüber als der wankende Möbelhändler, zu stolz, um zusammenzubrechen, zu gut, um bis zu den Knien im Morast zu stecken. In den Tagen nach Erscheinen des Artikels kamen Leute in den Laden, sie riefen an und schickten Blumen, forderten mich auf durchzuhalten, ja, genau so drückten sie sich aus: Halten Sie durch!, sagten sie am anderen Ende der Leitung oder schrieben es auf die Begleitkarte zu den Blumen. Ich lächelte und nickte, dachte aber, sie tun so, als würde ich in aller Feigheit meinen Kopf aus einem Luftschutzbunker strecken. Möbel-Lunde war die ganze Zeit da gewesen, werktags von 9:00 bis 20:00 Uhr, samstags von 9:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Sie hätten uns unterstützen können, als es noch möglich war, den Laden zu retten. Als alles vorbei war, konnte ich nur noch den Hut von der Ablage nehmen und zusperren. Ich sagte zu der Journalistin: IKEA ist eine Tanne. Ich sah, dass sie nicht mitschrieb, darum wiederholte ich es: IKEA ist eine Tanne. Noch immer notierte sie nichts. Ich sagte: IKEA nimmt der übrigen Vegetation das Licht. Ich sagte: IKEA saugt in mehreren Kilometern Umkreis die Nährstoffe aus dem Boden. Von meinen schwärzesten Momenten stand nichts zu lesen. Ich meinte, mich gefasst und sachlich ausgedrückt zu haben, die IKEA-Niederlassung in Åsane 1986 war der Anfang vom Ende für uns. Es war der erste blaue Fleck, anschließend ging die Wunde auf und entzündete sich. Ich durfte das Interview natürlich vorher lesen, die Sätze gingen zwischen uns hin und her wie eine Fähre auf dem Fjord. Vielleicht habe ich mit meinem Blackbird-Füller zu dick aufgetragen, denn jedes Mal, wenn die Fähre zurückkam, sah ich, dass meine Verzweiflung entfernt worden war, als wollte die Zeitung niemandem auf die Füße treten oder an jemandes Ast sägen. Nur ein einziger kümmerlicher Satz hatte überlebt: IKEA hat mir die Fortführung meines Geschäfts unmöglich gemacht. Ich hatte noch viele weitere Sätze parat, zählebige Sätze, die so lange im Morast gelegen hatten, dass sie einen fast unerträglichen Gestank verbreiteten, für die Zeitung wie für die Leser. Ich sagte zu der Journalistin: Der Arme will reich sein, der Reiche will König sein, und der Schrauben-König ist erst zufrieden, wenn ihm die ganze Welt gehört. Ich freute mich, als mir der Ausdruck Schrauben-König einfiel. Ein schönes Wort, ein zufriedener Aufprall auf dem Boden, es war ein Wort, das sich von den anderen abhob, ein Wort, das schwankend auf der schmutzigen Matratze stand. Stehengeblieben war lediglich: Es waren phantastische Jahre.
Ich rief den Chefredakteur an und sagte, ich hätte mir umsonst den Mund fusselig geredet, in den Spalten wirke es, als hätte ich mich verdrückt. Der Chefredakteur war nett, sehnte sich vermutlich aber nach dem Moment, an dem er auflegen und sich zu seiner Tasse Kaffee und seinem guten Gewissen emporschwingen konnte. Ich hatte jahrelang einen Wetterumschwung befürchtet. Ich hatte es förmlich gespürt, wie ich dort am Schreibtisch saß. Möbel-Lunde war in Åsane ein Mittelpunkt gewesen, wir hatten Åsane mit unseren Schraubenziehern zusammengehalten. Ich hatte den Beruf mit den größten Erwartungen gewählt. Ich wollte zu einem Möbel-Lunde, einem neuen Möbel-Lunde in Åsane werden. Mein Vater hatte den Laden 1947 eröffnet, und ich wuchs in dieser Landschaft aus Wohnzimmertischen, Küchenstühlen und Ecksofas auf. Jeden Tag atmete ich den Geruch von Teppichen und Vitrinenschränken ein, lauschte dem Singsang der Kunden und der Kasse. Hier erlebte ich Augenblicke des Friedens und des Glücks. Ich fuhr durch Åsane, fuhr nach Arna und Knarvik, fuhr nach Radøy und Mongstad. Genießen Sie den Tag, sagte ich zu den Kunden. Sie kamen in den Laden, weil sie wussten, dass dort immer ein Möbel-Lunde stand, sechs Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr. Wenn etwas nicht funktionierte, bekamen sie Hilfe. Hatten sie kein Geld, konnten sie anschreiben lassen. Mein Vater hatte nicht nur ein Möbelgeschäft eröffnet, sondern auch eine Bank. Er wusste, wer zahlen würde und bei wem er aufpassen musste. Es war ein fein austariertes System, das darauf basierte, dass jeder jeden kannte. Ich wurde Teil dieses Systems. An dem Tag, an dem mir klar wurde, dass die Kunden mich nicht mehr erkannten, war die Veränderung ein Fakt. Sie hatten keine Ahnung, dass ich Möbel-Lunde war. Es war natürlich auch früher schon vorgekommen, dass Kunden den Laden betraten, die ich nicht kannte, ein Mann kann nicht alle kennen, nicht einmal in Åsane, aber eines Tages begriff ich, dass sie nur Möbel haben wollten, nicht bei Möbel-Lunde einkaufen.
Wir sind jetzt in der Telemark, und man muss sagen, das norwegische Klima ist für einen Möbelhändler ideal. Der Winter treibt uns nach drinnen, hinein in Häuser und Zimmer. Die Norweger sind vermutlich das Volk, das sich am meisten nach innen orientiert, wir ziehen die Vorhänge zu und knipsen im Haus die Lampen an. Ich komme an Häusern vorbei, die garantiert poliert und renoviert sind, Zimmer, die fast aus sich heraus leuchten. Sie werden mit den Jahren immer heller, haben nicht die Zeit nachzudunkeln, wie es Zimmer in anderen Ländern tun. Am Ende schweben norwegische Zimmer, weil sie so sehr renoviert wurden. Heute leben wir im Zeitalter der Schlamperei. Wir unterscheiden nicht mehr zwischen Gut und Schlecht, nur noch zwischen Alt und Neu. Alles ist so gebaut, dass es schnell zusammenbricht, alles ist so fragil. Im Fernsehen habe ich einen Dokumentarfilm gesehen, in dem gezeigt wurde, wie Fabrikanten die Lebenszeit ihrer Produkte verkürzten, angefangen von Glühbirnen bis hin zu Nylonstrümpfen, von Computern bis zu Toyotas. Als würden sie in ihre Produkte eine Uhr einbauen. Hat die Uhr zu Ende getickt, kollabiert alles, wie mein Jugendfreund Samuel, die Beine geben unter dir nach, und du brichst auf braunen Fliesen zusammen. Überall kann man das rasselnde Geräusch wegknickender Glieder hören. Pofff!
Ich war dabei, als IKEA in Åsane eröffnet wurde. Ich stand draußen auf dem Parkplatz und sah, wie die Leute mit Möbeln anrückten, die sie in Container warfen. Vor der Eröffnung hatte IKEA in der BT Anzeigen geschaltet und die Leute dazu aufgerufen, ihre alten Möbel gratis zu entsorgen. Bei IKEA, bei Ingvar Kamprad, dem Mann, der niemals etwas wegwirft! Mehrere Container standen nebeneinander in einer Reihe, wie treffende Kolumnen über unsere Zeit, die Leute kamen von nah und fern, um sich von Qualitätsmöbeln zu trennen. Sie entsorgten Qualität, als handelte es sich um Gammelfleisch. Viele der Möbel hatten sie garantiert bei uns gekauft. Jetzt dürstete es sie nach neuen. Hätte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht einen Namen zu verlieren gehabt, wäre ich sofort zu den Containern gegangen und hätte die Möbel wieder herausgefischt. Sehen Sie her!, hätte ich zu den Leuten gesagt. Wollen Sie dieses Kleinod wegwerfen, gute Frau? Dieser Stuhl ist viel besser als jeder Stuhl, den es dort drinnen zu kaufen gibt! Ein völlig anderer Komfort! Sehen Sie nur die harmonische Formgebung! Sind Sie sicher, dass Sie das Richtige tun, guter Mann? Die Leute wollen so gern glauben, dass ein Produkt gut ist, wenn der Preis niedrig ist. Sobald Dinge etwas kosten, fangen sie an, sich zu beschweren. Aber die Schrottmöbel von IKEA sehen schlampig aus, sie riechen schlampig, man muss den Schrott sogar selbst zusammenschrauben, und eines schönen Tages fällt der ganze Schrott in sich zusammen. Das weiß IKEA, darum stellen sie Schrott her, sie verkaufen uns nicht, was wir brauchen, sie wollen nur, dass wir etwas Neues erwerben, sie wollen, dass wir uns mit Schrott umgeben, weil sie uns dann schnell weiteren Schrott verkaufen können.
Die Tanknadel geht gegen null. Ich halte an einer Tankstelle in Seljord, tanke die bedächtige Stille der Telemark. Ein paar Autos kommen vorbei. Diesen Saab habe ich seit zwölf Jahren. Mein letztes Auto. Früher habe ich alle zwei Jahre gewechselt, aber von diesem Auto will ich mich nicht trennen. Warum sollte ich auch? In regelmäßigen Abständen tauchen im Fernsehen irgendwelche Idioten auf und erzählen uns, Norwegen habe den ältesten Fuhrpark Europas, wir müssten uns schleunigst neue Autos kaufen, sonst sei die Nation in Gefahr. Woher haben sie ihre Statistiken? Wer sagt, dass man abgemeldet ist, wenn man sich in eine ältere Karosse setzt? Ich gehe hinein, um zu bezahlen. Ein Junge steht hinter dem Tresen. Ich atme den Geruch von Junkfood ein, ich esse fast nichts mehr, aber jetzt spüre ich den Hunger im Körper. Ich frage den Jungen, was er mir anbieten kann, damit meine alten Knochen nicht hungers sterben. He?, sagt er. Kannst du mir von deinem himmlischen Gabentisch etwas empfehlen?, frage ich. Er beharrt auf seinem He. He? Es ist dem jungen Mann gegenüber sicher ungerecht, und ich sollte mehr Geduld mit ihm haben, aber im Moment will ich nur, dass er mir beisteht, wie man einem Kunden beisteht, der zu einem ins Geschäft kommt. Ich nehme an, der junge Mann arbeitet erst seit wenigen Wochen an dieser Tankstelle in den Wäldern Telemarks. Dem kleinen Schild an seinem T-Shirt kann ich entnehmen, dass er Tarjei heißt. Ich frage ihn geradeheraus: Wie lange arbeitest du schon hier, Tarjei? Fünf Jahre, antwortet er. Fünf Jahre! Ich bin fassungslos. Fünf Jahre, und er kann mir nicht sagen, was ich nehmen soll. Ich mache ihn auf diesen Umstand aufmerksam, und er sagt, dass ich selbst wissen müsse, was ich will. In diesem Punkt liegt er daneben, er müsste es bereits wissen, wenn ich den Laden betrete. Wasser oder Fanta? Eine Wurst mit Käse und Bacon oder ein Baguette mit Krabbensalat? Ich sage: Sieh mich an, Tarjei! Er sieht mich an. Bin ich ein Mann, der den Winter dem Sommer vorzieht?, frage ich. He?, sagt Tarjei. Mag ich Kaffee oder Cola? Bin ich ein Wurstesser? He?, sagt er. Armer Tarjei. Er sieht aus dem Fenster, als warte er darauf, dass andere Kunden durch den Schnee gebraust kommen und ihn aus der wenig ehrenhaften Situation befreien, in die er geraten ist. Was soll ich jetzt nehmen?, frage ich nach einer Weile. Was mögen Sie denn?, fragt Tarjei. Schließlich bestelle ich eine mit Käse gefüllte Wurst und esse den Mist draußen im Auto. Alles ist still. Flocken vom Himmel. Der ruhige Singsang der Scheibenwischer.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, im wahrsten Sinne des Wortes, war ein Leck im Wasserbett. Mein Stellvertreter, Gunnar, in besseren Tagen von mir als Nachfolger auserkoren, hatte eins dieser Betten zum Auffüllen ans Wasser angeschlossen, bevor er am Nachmittag nach Hause ging. Dort angekommen, war das Bett komplett aus seiner Erinnerung verschwunden, es war ins Niemandsland verbannt worden, als er sich etwas zu essen kochte, fernsah, die Zähne putzte und sich schlafen legte. Als ich am nächsten Morgen aufschloss, rieselte leichter Regen aus dem Obergeschoss. Dieser Tag hält bei Möbel-Lunde den Niederschlagsrekord. Jetzt bist du frei, dachte ich, bring es hinter dich. Ich habe diese Wasserbetten nie gemocht. Ich schämte mich dafür, sie zu verkaufen. Sie waren das einzige Produkt, für das ich mich schämte, ich schwärmte von den Dingern mit einem schalen Geschmack im Mund. Ein Wasserbett ist ein Testikel mit Mumps. Aber was macht man nicht alles, wenn die Geschäfte schleppend laufen und die Leute erstaunlicherweise glauben, Wasserbetten seien der Hit? Ende der Achtziger wollte die halbe Bevölkerung im eigenen Schmutzwasser dümpeln, natürlich ohne zu ahnen, dass ein Amerikaner das Wasserbett erfunden hatte, ein gewiefter Kerl, der die Matratze zunächst mit Gelee füllte, dann mit Zucker, ein echter Zuckerschock, was für ein gerissener Plan.
Es war im Übrigen unser letztes Wasserbett auf Lager gewesen, das mit einem Big Bang geplatzt war. Die Welt wurde nicht geboren, der Welt ging die Luft aus, und ich stand mittendrin in der Katastrophe, nass bis zu den Knöcheln. Ich stellte mir vor, wie sich das Bett gefüllt hatte, in der Nacht war es im Obergeschoss immer mehr angeschwollen, eine schwangere Frau im achten Monat, im neunten Monat, eine Woche über der Zeit, zwei, drei, vier Wochen darüber. Dann reißt sie im Morgengrauen. Was für eine Geburt, was für ein Abgang für Möbel-Lunde. Ich drehte den Wasserhahn zu und rief Marny an. Sie kam mit Eimern und Lappen. Entschuldigung, sagte Gunnar, als er an diesem Morgen auftauchte. Schon gut, sagte ich und bat ihn, Kaffee zu kochen. Ich setzte mich auf einen nassen Stressless-Sessel. Ich dachte darüber nach, wie wahrscheinlich es war, dass wir weitermachen konnten, ob wir die alten Reifen noch einmal aufpumpen und wieder auf die Straße rollen konnten. Am letzten Tag des Ausverkaufs wegen Geschäftsaufgabe war die Stimmung im Laden gut. Nach Schließung setzten wir uns auf die Möbel, die wir nicht verkauft hatten. Marny schenkte Champagner aus, die Angestellten stießen an, ich hielt eine kleine Rede. Es war, als würde etwas Neues beginnen, wir sahen der Zukunft fröhlich in die Augen, obwohl das Gegenteil der Fall war. Soweit ich weiß, war es das erste und letzte Mal, dass in unserem Laden gefeiert wurde, und es war eher ein Leichenschmaus als ein rauschendes Fest. Zwar hatte einmal ein junges Paar im Laden übernachtet. Ich fand die beiden ineinander verschlungen, als ich am frühen Morgen aufschloss. Das war, bevor wir eine Alarmanlage installiert hatten, und sie hatten wohl ihrem körperlichen Verlangen nachgegeben. Sie waren zu Möbel-Lunde gekommen, um sich nach einem neuen Bett umzuschauen, und dann kam es ihnen plötzlich in den Sinn, sich gegenseitig die Hose herunterzuziehen und sich allerlei merkwürdigen Einfällen hinzugeben. Was sagt man zu so einem Paar? Guten Morgen!, sagte ich. Möchten Sie einen Kaffee trinken? Ich fragte nach der Qualität der Matratze. Sie antworteten, sie hätten sich nicht allzu sehr auf die Matratze konzentriert. Ich sagte, sie hätten alles richtig gemacht, auch andere Kunden sollten sich ihre Möbel auf einer solchen Grundlage aussuchen, im Laden übernachten oder sich auf einem Sofa ein ganzes Fußballspiel anschauen. Ich konnte das Paar darüber aufklären, wie wichtig die richtige Matratze war, die Matratze trennt glückliche Menschen von unglücklichen, die Matratze stärkt dich oder schwächt dich, die Matratze baut dich auf oder macht dich im Schlaf fertig. Ich konnte dem Paar Bett und Matratze verkaufen. Ich meine, gehört zu haben, dass sie immer noch glücklich verheiratet sind. Am letzten Abend saßen wir auf Sesseln, die trotz des großzügigen Nachlasses von 80 Prozent kein Mensch hatte haben wollen. In meiner Rede sagte ich, die Angestellten hätten allen Grund, stolz zu sein. Das hier war kein Tag der Trauer, wir konnten hocherhobenen Hauptes aus der Tür gehen. Wir stießen an. Der lange Tag war vorbei. Was auch immer andere Leute sagen mochten, ich hatte über Gebühr Erfolg gehabt, ich hatte so viel Erfolg gehabt, dass ich schließlich zugrunde gegangen war. Meine Möbel waren zu gut, es waren Möbel, die mit den Jahren immer besser wurden. Die Leute kamen in den Laden und sagten: Wir haben immer noch die Anrichte, die Ihr Vater uns verkauft hat. Das Sofa von 1974 steht immer noch da, sagten sie. Der Esstisch ist so gut wie neu, sagten sie. Gut für das Ansehen, schlecht fürs Geschäft. Ich habe mein Bestes gegeben. Es sollte sich zeigen, dass mein Bestes viel zu gut war. Hätte ich es bloß früher begriffen. Dann hätte ich anders manövrieren können. Jetzt ist es zu spät. Aber eins kann ich versprechen, wenn meine Geschichte vorbei ist, werde ich in der Zeitung weiterleben.
Notodden. Kongsberg. Drammen. Kurzum, ich nähere mich Oslo. Ich weiß nicht, wie ich durch diese Stadt kommen soll. Schon auf der Autobahnabfahrt gerate ich in die Klauen des Grauens. Um mich herum wimmelt es von Autos, sie erscheinen in meinem Blickfeld und verschwinden wieder. Die Leute fahren mit hitzigen Manövern, als wäre die normale Höflichkeit ein Stadium in der Menschheitsentwicklung, das wir längst hinter uns gebracht haben. Dafür fehlt mir die Zeit, du Mistkerl. Jetzt fahr schon, du Hutträger! Ich entscheide mich für eine Spur und verlasse sie nicht mehr. Ich bin immer noch ein anonymer Mann mit soliden Strümpfen bis zum Knie. Ich bin Möbel-Lunde, und ich bin Mr. Nicholson, habe nur meinen eigenen Ruf zu verteidigen. Jetzt will ich auch diesen ruinieren. Vielleicht sollte ich Kamprad ins Gewissen reden, vielleicht kann ich ihm einen gehörigen Schrecken einjagen. Ich weiß es nicht. Gestern Vormittag habe ich in Älmhult angerufen und die Bestätigung erhalten, dass sich Ingvar Kamprad dieser Tage in Schweden aufhält. Das ist alles, was ich weiß. Ich weiß alles über Möbel und Interieurs, aber jetzt schwanke ich. Mir ist klargeworden, dass ich meinen Hass wieder ausgraben muss, die Jahre vergehen, ohne dass man etwas dagegen tun kann, bald ist es zu spät. Ich sage mir selbst, dass einer, der alles verloren hat, nichts mehr verlieren kann. Ein Mensch ohne Zukunftspläne ist frei.
Aus Gründen, die ich nicht erklären kann, gerate ich in Oslo in ein unterirdisches Parkhaus. Ich muss Ost und West verwechselt haben, ich bin hier nicht in meinem Element. Jetzt öffne ich in Reihe 18, Plan B im Ibsen-Parkhaus die Autotür. Mein geliebter Saab und ich. Hier sind wir. Ich nehme die Pistole aus dem Handschuhfach, lege sie zusammen mit dem Fotoalbum in den kleinen Koffer. Langsam gehe ich durch die Straßen, wie es sich für einen Mann geziemt, der nicht weiß, wohin er sich wenden soll. Es ist in jedem Fall richtig, kein Aufsehen zu erregen. Hier hocken die Leute so eng aufeinander, dass man schnell jemandem auf die Füße tritt. Die Osloer zeigen sich zu dieser Tageszeit in großer Zahl. Der Arbeitstag ist vorbei, und sie haben den langen Abend vor sich. Alle sehen aus, als hätten sie die verschiedensten Dinge zu erledigen, sie sind spät dran, auf dem Heimweg, auf dem Weg in Geschäfte. Ich bleibe vor einem Kiosk stehen. SPITZENSPORTLER MIT PRÄPARIERTEM BLUT IM GEPÄCK, steht auf der Titelseite von Verdens Gang. Mein ältester Sohn arbeitet bei der VG am Desk. Er ist einer von denen, die die Welt in solch kleine Gedichte verpacken. Früher dachte ich, der Junge sei die größte Niederlage meines Lebens. Ja, im Grunde dachte ich das von meinen beiden Söhnen. Was mich am meisten getroffen hat, war, dass weder Jan noch Arvid den Laden übernehmen wollten. Ich weiß noch, wie Jan von der Musterung nach Hause kam, er hatte erfahren, dass er rotgrünblind ist. Er könne weder Zugführer noch Pilot werden. Ich sagte, das spiele keine Rolle, er solle das Möbelgeschäft übernehmen, für einen Möbelhändler sei es zwar offensichtlich von Vorteil, wenn er Rot und Grün unterscheiden könne, aber es sei in keiner Weise ausschlaggebend. Daraufhin sagte er, er habe vor, Journalistik zu studieren. Journalistik?, sagte ich. Ja, sagte er. Journalistik!
Ich weiß nicht, was mich überkommt, aber ich betrete eine Telefonzelle und rufe Jan an. Es wäre schofel von einem Vater, seinen Sohn nicht anzurufen, wenn beide ausnahmsweise in derselben Stadt sind. Wo bist du?, fragt mein Sohn. In derselben Stadt wie du, sage ich. Was machst du hier? Ich weiß es nicht. Du weißt es nicht? Nein. Rufst du aus einer Telefonzelle an? Ja, ich stehe in einer Telefonzelle im Drammensveien. Was hast du für Pläne?, fragt er. Ich antworte nicht. Eine ausführlichere Erklärung würde ihn zum Mitschuldigen machen. Das hat er trotz allem nicht verdient. Jeder muss sein Päckchen tragen, und meins ist längst ein anderes als seins. Seit meine Söhne sich geweigert haben, den Laden zu übernehmen, ist das Band zwischen uns gekappt. Vor fünfzehn Jahren habe ich ihnen einen Vorschuss auf ihr Erbe gegeben. Marny meinte, ich würde mich von meinen Kindern freikaufen. Es kann gut sein, dass sie recht hatte, aber der Laden lief damals gut, und ich wollte, dass die beiden für ihr weiteres Leben abgesichert waren. Arvid hat das Geld genommen, um sein Leben zu ruinieren. Jan hat sich ein Haus an der spanischen Sonnenküste gekauft. Ich weiß nicht, was schlimmer war.
Ich sehe mein Spiegelbild in der matten Scheibe der Telefonzelle. Ich sehe aus wie nicht ganz klar im Kopf mit zu großer Nase und offenem Mund. Darf ich dich zum Essen einladen?, frage ich. Was sagst du?, fragt Jan. Ich kann ihn verstehen, die Frage hat mich ebenfalls überrascht. Was sage ich da? Ein Essen? Jetzt?, fragt Jan. Na klar, das heißt, wenn du mit der Arbeit fertig bist, sage ich. Wir verabreden uns in einer Stunde im Restaurant. Ich lege auf. Du Idiot, du verdammter Idiot. Worüber soll ich mich einen ganzen Abend mit Jan unterhalten? Nur in seinen besten Momenten gelingt es meinem Sohn, seine Intelligenz auf den Durchschnitt anzuheben. Ich verlasse die Telefonzelle und folge dem Bürgersteig. Die Schaufenster leuchten und lächeln. Solche dämmrigen Auslagen haben mich früher glücklich gemacht. Ich konnte sie in vollen Zügen genießen. Bei Möbel-Lunde haben wir alles Mögliche versucht. Wir räumten drinnen um, wir sorgten für mehr Luft, für weniger Luft, für gar keine Luft, wir mischten Neues und Altes. Wir strahlten die Möbel im Schaufenster an, damit die Leute davon angezogen wurden, so wie sich die Gläubigen um einen Schokoladen-Jesus scharen. Es gab natürlich Grenzen, wie weit wir gehen konnten. Auf lange Sicht stellte es sich als unmöglich heraus, mit IKEA Schritt zu halten. Ihre Kataloge lagen auf jedem Tisch der Nation, auf jeder Anrichte und auf jedem Nachttisch. IKEA war für die Leute der siebte Himmel, während Möbel-Lunde zunehmend einem in die Jahre gekommenen zweirädrigen Karren glich. Jeden Morgen zogen wir dieselben müden Waren hervor. Schließlich bekamen wir kein Geld mehr für neue Möbel. Wir bekamen keinen Kredit bei den Lieferanten, sie verweigerten die Lieferung neuer Waren, bevor wir die alten nicht bezahlt hatten. Die Lage wurde nicht besser davon, dass wir die Nachwehen der Achtziger noch obendrauf bekamen. Plötzlich mussten wir uns mit absolut allen Blumen im Beet zufriedengeben, auch mit den kranken, denen es an Saft und Kraft fehlte.