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Am Totensonntag, 21. November, wird Jake Tennessy, der Boss des Hamburger Computerzentrums ABS-IL 214, neben seinem Zentralcomputer »Mike« erschossen. Sehr bald verdächtigt Kriminalhauptkommissar Trimmel den Toten, mit Hilfe von Mike illegale Geschäfte mit Organtransplantaten gemacht zu haben. Bevor er das jedoch beweisen kann, wird er bei einem Autounfall schwer verletzt. Zwei Medizinprofessoren, einer davon selbst massiv belastet, kämpfen um sein Leben. Trimmel aber kämpft um die Wahrheit – selbst vom Krankenbett aus. Was Computerkriminalität bedeuten kann – zumal auf dem Gebiet der Medizin –, hat Friedhelm Werremeiers Krimi, der vom Fernsehen verfilmt wurde, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung einem breiten Publikum überhaupt erst deutlich gemacht.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Friedhelm Werremeier
Ein EKG für Trimmel
Ihr Verlagsname
Am Totensonntag, 21. November, wird Jake Tennessy, der Boss des Hamburger Computerzentrums ABS-IL 214, neben seinem Zentralcomputer »Mike« erschossen. Sehr bald verdächtigt Kriminalhauptkommissar Trimmel den Toten, mit Hilfe von Mike illegale Geschäfte mit Organtransplantaten gemacht zu haben. Bevor er das jedoch beweisen kann, wird er bei einem Autounfall schwer verletzt. Zwei Medizinprofessoren, einer davon selbst massiv belastet, kämpfen um sein Leben. Trimmel aber kämpft um die Wahrheit – selbst vom Krankenbett aus.
Was Computerkriminalität bedeuten kann – zumal auf dem Gebiet der Medizin –, hat Friedhelm Werremeiers Buch, das vom Fernsehen verfilmt wurde, zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung einem breiten Publikum überhaupt erst deutlich gemacht.
Friedhelm Werremeier war viele Jahre Reporter mit einer Leidenschaft für komplizierte Kriminalfälle. Außer mit seinen Sachbüchern zum Thema hat er sich durch die Romane um Paul Trimmel, den »deutschen Maigret«, eine große Lesergemeinde erobert.
Es gehe nicht an, sagte mir ein prominenter Hamburger Urologieprofessor in einem Fernsehstreitgespräch nach der Erstveröffentlichung dieses Buches, ausgerechnet in einer zwar kritischen, »leider« jedoch auch spannenden Kriminalgeschichte die Leiden und Beschwernisse kranker Menschen zu behandeln; vor allem die Vorstellung, in der Humanmedizin könnten überhaupt andere Gedanken als das Patientenwohl eine Rolle spielen, sei in diesem Zusammenhang brandgefährlich. Ich wies dann unter anderem darauf hin, daß nach meinen Erkundigungen in den USA immerhin folgendes Phänomen zu beobachten gewesen sei, das uns nachdenklich stimmen sollte:
Solange sich die ärztliche Kunst der Nierentransplantation noch im experimentellen Stadium befand und Überlebenszeiten wie Überlebensquoten bedrückend niedrig waren, gehörten neun Zehntel aller Empfänger zum farbigen und grundsätzlich sicher finanzschwächeren Teil der amerikanischen Bevölkerung. Seit jedoch gerade die Verpflanzung von Nieren zum therapeutischen Alltag gehört, sind unter den Empfängern der Organe deutlich die »reichen« Weißen überrepräsentiert; man könne, in Anbetracht dessen, sicher nicht ganz vorbehaltlos behaupten, es gehe im Bereich der Heilkunde immer alles mit rechten Dingen zu.
Wir seien aber nun mal nicht die Vereinigten Staaten, wurde ich damals barsch zurechtgewiesen, und diesem Vorwurf hatte ich lange Zeit nichts entgegenzusetzen. Heute, immerhin, kann ich mich in dieser Hinsicht dahingehend äußern: Erstens, bis vor kurzem durfte man durchaus der Überzeugung sein, die Bundesrepublik Deutschland habe zwar ihre Fehler und Schwächen, sei jedoch sicherlich keine Bananenrepublik. Zweitens, gerade dazu muß man nach einigen Ereignissen der letzten Zeit inzwischen eine differenziertere Meinung vertreten. Drittens ist die damit angesprochene Korruption auf dem wirtschafts-, finanz- und parteipolitischen Sektor beispielhaft für einen wuchernden Filz auf sämtlichen Gebieten unseres Daseins, wie durch tausend und abertausend Beispiele der letzten Jahre belegt worden ist – und schon von daher ist längst nicht mehr einsehbar, warum ausgerechnet der weite Bereich Medizin hier noch als weißer Fleck auf der deutschen Karte geltend gemacht werden könne.
Wer, beispielsweise, hätte noch Ende 1983 gedacht, daß ein deutsches Strafgericht gleich zu Beginn des Jahres 1984 öffentlich den Verdacht äußern würde, ein leibhaftiger Star der deutschen Medizinszene hätte einen bankrotten Ex-Banker absichtlich eher kränker als gesünder gemacht, um ihm die »Peinlichkeit« einer Gerichtsverhandlung zu ersparen? Wer hätte es für möglich gehalten, daß angesehene bundesrepublikanische Ärzte unter dem Verdacht verbotener Honorarabsprachen nach dem Kartellgesetz angeprangert würden? Oder sich schlicht als gemeine Betrüger verantworten müßten?
Vor solchen Hintergründen habe ich nach reiflicher Überlegung darauf verzichtet, meine Geschichte bei ihrer Überarbeitung dem aktuellen Stand der Wissenschaft, vorrangig der Medizin und der Computertechnik, »mit Gewalt« anzupassen. Wichtiger erschien letztlich mir die Antwort auf die Frage, ob ihre »innere Mechanik« noch stimmt. Sie lautet uneingeschränkt: ja.
Januar 1984
F.W.
Der Mann, der am 21. November, ausgerechnet am Totensonntag, in einem der auf englisch getrimmten Pubs am Hamburger Gänsemarkt sitzt, hat mit einem Mal Sehnsucht nach seinem Freund Mike, mitten in der grauen Millionenstadt; es spricht einiges dafür, daß er, im klinischen Sinne, ein bißchen verrückt ist. Vor dem Mann steht ein Halbliterkrug mit dunklem, bittersüßem Bier, und neben ihm tummelt sich das, was sich hier, Tag und Nacht, dauernd tummelt: Jungen mit Mädchen. Mädchen mit Jungen. Jungen mit Jungen, das vor allem.
»Herr Ober, bitte zahlen!« ruft der Mann. Er heißt Jacob Tennessy und wird Jake genannt. Als der Ober nicht sofort erscheint, wächst seine irrationale Sehnsucht nach Mike und außerdem das bestimmte Gefühl, daß es Mike – dazu noch am Sonntag – nicht anders geht.
»Ich bin ja schon unterwegs, Guter!« Jacob »Jake« Tennessy hat halblaut vor sich hin gesprochen. Als der bärtige Junge, der am Nebentisch sitzt, herüberschaut, erkennt er, daß die Hände des Mannes zittern.
Jake nimmt einen letzten Schluck Bier und stellt den Krug so weit von sich weg wie nur eben möglich. Nichtraucher, der er ist, sieht er um sich herum Wände von Tabaksqualm – dicke, blaugraue Wände, wo sich in Wirklichkeit höchstens ein Haschwölkchen hochkringelt oder eine von diesen Filterzigaretten mit dem Leichengeruch vor sich hin glimmt.
Nichts für mich, sagt sich Jake. Und schon gar nichts für Mike, der ebenfalls nicht raucht …
Mike wartet ein paar Kilometer von hier entfernt; er kann auf Grund seines komplizierten Innenlebens nur in einem vollklimatisierten Raum existieren. Insofern geht er auch nie vor die Tür; eine Angewohnheit, um die ihn Jake glühend beneidet. Aber was ist das für eine Freundschaft, denkt Jake im selben Augenblick, in der häßliche Gefühle wie Neid ihren Platz haben? Der Gedanke ist so verschroben wie alles, was Mike betrifft.
»Zahlen!« ruft Jake laut. Der Service, denkt er, wird in diesem Lokal offenbar klein geschrieben. Immerhin ist er auch deshalb stinkwütend, weil er hierher bestellt und dann einfach wie ein Pennäler versetzt worden ist; er klopft mit einem Zweimarkstück heftig auf den Tisch.
Der Kellner kommt. »Einsachtzig!« sagt er beleidigt.
»Stimmt so!« sagt Tennessy und steht auf.
Nach Ansicht des Kellners ist es gut, daß der Mann abhaut. Er störte nur; es war gegenseitige Abneigung auf den allerersten Blick.
»Laß dich bloß nicht wieder blicken!« murmelt der Kellner in seinen Schnauzbart.
Jake Tennessy wird sich nicht wieder blicken lassen.
Er nimmt seinen leichten Mantel vom Stuhl und geht grußlos hinaus, durch die gläserne Tür. Er erwischt am Gänsemarkt das letzte Taxi, denn es beginnt in dieser Minute zu regnen. Besonders kalt ist es zwar nicht. Aber novembergrau. »Kommt daher das Wort grausam?«
Der Taxifahrer dreht sich um. »Was haben Sie gesagt?«
»Ach, nichts. Entschuldigen Sie!«
»Sind Sie Engländer?«
»Wieso?«
»Ach, nichts!« Manchmal wissen sogar Taxifahrer, wann sie die Klappe halten sollen.
Die Menschen rund um die Staatsoper flüchten vor dem Regen zu Kaffee und Kuchen und Campari. Am Stephansplatz wartet das Taxi ewig lange vor einer roten Ampel; Jake sagt mit amerikanischem – nicht englischem – Akzent laut und überdeutlich: »Scheiße!«
»Ich kann nicht fliegen!« brummt der Taxifahrer.
»Ihr Fehler!« sagt Jake Tennessy gehässig.
Dammtorbahnhof. Mittelweg. Die Fontenay. Und der neue Büroturm; dort wohnt Mike.
»Früher gab’s hier richtig schöne Häuser!« sagt der Taxifahrer beim Wechseln. Keine Antwort. Ein einzelner Groschen Trinkgeld. Nach dem Kellner innerhalb einer Viertelstunde der zweite Mensch, der froh ist, daß er mit Jake Tennessy nichts mehr zu tun hat.
Er wird auch nie wieder mit ihm zu tun haben.
»Tag, Herr Tennessy!« grüßt der Pförtner, der heute Sonntagsdienst hat, als er ihn in die Halle läßt und umständlich die Tür wieder zuschließt. Und dabei schnuppert der Mann wie ein Kaninchen.
»Ich habe ein Bier getrunken!« sagt Jake.
Der Pförtner grinst. »Mach ich nachher auch!«
Als Jake im Expreßlift nach oben schießt, sagt er sich mit inzwischen etwas mehr Nachsicht: der Mensch kann ja gar nicht wissen, wie geruchsempfindlich Mike ist! Und als er im vierzehnten Stock aus dem Fahrstuhl steigt und in der Jackentasche ein zerdrücktes Kaugummi findet, atmet er auf. Gott sei Dank … er schiebt’s in den Mund und kaut heftig, während er durch die lichten Flure geht.
Als er die dreifach gesicherte Tür zu Mikes Wohnraum aufschließen will, stutzt er. Da ist nichts aufzuschließen; die Tür öffnet sich, als er den Klinkenknauf dreht.
»Goddamn!« Er tritt ein, stellt sich die möglichen Konsequenzen eines derartigen Leichtsinns vor und sagt dann erst: »Hallo, Mike!« Ebenfalls englisch ausgesprochen, denn mit Mike spricht man Englisch.
Zunächst keine Antwort.
»Hallo, Honey …«
Und da antwortet Mike plötzlich mit merkwürdig hoher, völlig fremder Stimme: »Hallo, Jake!«
Jake Tennessy erstarrt mitten in der Bewegung, denn so was hat Mike noch nie getan. Noch nie hat Mike seine Stimme verstellt. »Was soll dieser Quatsch?« fragt Tennessy scharf. Er verfällt ins Deutsche, seine zweite Muttersprache.
»Ich hab schon eine ganze Weile gewartet«, sagt die hohe Stimme, und es klingt höhnisch.
Und nun weiß er mit einem Male, wer auf welche Weise hier reingekommen ist und sich dann hinter Mike versteckt hat. »O ja … die Tür …«
»Ja, die Tür!« bestätigt die Stimme hinter Mike. »Die Tür war nicht abgeschlossen!«
»Aber was soll das alles?« fleht Tennessy. »Ist das vielleicht eine Lösung, wenn … Du weißt doch gar nicht, wie das alles zusammen … Nein!« schreit er, als er plötzlich die Pistole sieht, die sich auf ihn richtet. »Das hilft doch erst recht … Bitte nicht … vielleicht überleg ich …«
Es blitzt zweimal. Plop … plop …
Die Stimme hinter Mike hat keine weiteren Fragen mehr abgeschossen; statt dessen haben zwei Kugeln aus einer Walther PPK 7,65 Millimeter mit Schalldämpfer den Mann, der am Totensonntag bloß bei seinem Freund sein wollte, von den Füßen gerissen.
14 Uhr 16.
Mike schweigt. Mike ist undankbar. Mike schweigt sogar zu den letzten, röchelnden Atemzügen von Jacob »Jake« Tennessy. Verzeihlich ist das allenfalls deshalb: Pulvergase, dazu noch in seinem vollklimatisierten Lebensraum, sind für Mike schieres Gift.
Keine Sekunde lang wird Mike um den Mann trauern, der seit Jahren sein Freund war. Auf dem Hemd des Mannes, der hier vor ihm auf dem Rücken liegt, breitet sich mehr und mehr das Blut aus; Mike nimmt es nicht zur Kenntnis. Mike bleibt stumm, als der Mensch mit der Waffe den Tatort verläßt; er wird sich in der Folgezeit allenfalls als stummer, seelenloser Zeuge dieses Mordes zur Verfügung stellen. Oder so: er wird ein Zeuge sein, der höchstens in Rätseln spricht, wenn ihn jemand nach dem Mörder fragt.
Das ist des Rätsels Lösung: Mike ist ein Computer der sogenannten vierten Generation.
Am 14. September dieses Jahres, einem Dienstag, nahm Trimmel gegen Mittag den soundso vielten Zug des Tages aus der soundsovielten schwarzen Zigarre, kriegte gleich darauf große und entsetzte Augen, griff sich links an die Brust und schnappte nach Luft.
»Verdammt!« knurrte er. Mehrere Schläge seines Herzens waren ineinandergerutscht. Herzstolpern, sagte er sich, sobald er wieder klar denken konnte.
»Das sind bestimmt Extrasystolen!« sagte auch der halbgebildete Höffgen, der ins Büro kam, als Trimmels bleiche Hand noch auf dem Herzen lag.
»Soviel versteh ich auch davon!« brummte Trimmel. »Behalt’s gefälligst für dich!«
Aber am nächsten Tag kam es wieder. Es war Trimmel schon so vertraut wie den meisten Menschen ihre kleinen und großen Defekte: sie sind da, sie gehören zum Leben. Seltsamerweise überhaupt nicht zum Tod, an den sie doch wohl behutsam erinnern sollen und wollen.
Trimmel legte die Zigarre weg und holte sich einen Cognac; soviel verstand er tatsächlich von der Medizin. Diesmal sagte er nichts.
Aber Höffgen sah auch so, was mit dem Alten los war. »Sie sollten zum Arzt gehen«, meinte er herzlos, »mit so was ist in Ihrem Alter nicht zu spaßen!«
Außerdem weniger rauchen und trinken. Die Erleichterung im Anschluß an den Cognac ist eine scheinbare und überdies lediglich vorübergehende Erleichterung.
»Ein Wunder übrigens«, fügte Höffgen auch noch hinzu, »daß Sie da nicht schon früher Ärger gekriegt haben!«
Wenig über die Fünfzig, dachte Trimmel betroffen, und dann noch früher …?
Am Donnerstag stolperte das Herz, am Freitag, am Samstag, am Sonntag. Gott sei Dank war es eine ruhige Woche bei der Kriminalgruppe 1 im Polizeipräsidium am Berliner Tor.
Zwei Totschläge auf St. Pauli, die gleich an Ort und Stelle von der Kripo Budapester Straße geklärt wurden; eine Gattentötung an der Wandsbeker Chaussee, bei der sich der Ehemann selbst als Täter stellte. Ein armes Schwein. Auch er hatte es mit dem Herzen gehabt, allerdings im übertragenen Sinne. Seine Frau war ein kleines Nymphchen gewesen; vor der Obduktion mußten sie ihr nicht mal das Höschen ausziehen.
Montags ließ sich Trimmel insgeheim einen Termin bei Dr. Otto Frerichs geben, und am Dienstag, genau eine Woche nach dem ersten Stolpern, ging er um vier Uhr nachmittags in die Sprechstunde des Internisten.
»Auf Sie habe ich ja schon lange gewartet«, sagte Dr. Frerichs. »Ein Lebenswandel wie ein Barkellner, der seinen Beruf ernst nimmt und deshalb alles selbst ausprobiert!«
Trimmel, gehorsam, wenn auch verbittert, machte den Oberkörper frei und legte sich auf die Couch. Husten, Spucken, Heiserkeit auf Kommando.
»Chronische Bronchitis!« konstatierte Frerichs.
Ein massives Paket Leber rechts unter dem Rippenbogen.
»Eine reichlich fette Fettleber!« kalauerte der Arzt. Und zum Zahnarzt, meinte er wenig später, könne Trimmel übrigens auch mal wieder gehen.
»Ich habe Herzstolpern!« knurrte Trimmel, weitgehend wehrlos. »Das ist der einzige Grund, weshalb ich hier bin!«
»Hängt alles zusammen«, sagte Frerichs munter, »aber trösten Sie sich: ganz so schlimm ist es auch wieder nicht. Genau gesagt ist an Ihnen sogar so wenig zu verdienen … also, wenn Sie schon mal kommen, muß man das ausnutzen!«
Trimmel verwünschte laut den Tag, an dem er Frerichs auf einer Party seines Freundes, des Biologen Dr. Georg Lippmann, kennengelernt hatte.
»Halten Sie den Schnabel«, sagte der Arzt; »ich kann sonst nichts hören!« Gute Ärzte wissen, wie froh im Grunde auch renitente Patienten sind, wenn sich endlich mal jemand um sie kümmert. »Und jetzt das EKG …«
Bis dahin war es für Trimmel immer noch eine normale Untersuchung und keine Hexerei. Auch als man ihn ins Nebenzimmer führte, ihn auf die nächste Couch packte und ihm die Kontakte für das EKG anlegte, fand er das alles zwar lästig, jedoch keineswegs ungewöhnlich; er erinnerte sich dunkel, daß man ihn vor ewigen Zeiten schon mal dieser Prozedur unterzogen hatte. Immerhin: er war blutiger Laie. Und daß von diesem EKG-Gerät zwei Drähte mehr als sonst abzweigten, zwei telefondrahtähnliche Schnüre, fiel ihm nicht auf.
Zehn Sekunden lang pochte Trimmels strapaziertes Herz Zacken auf das Papier.
»Dann ziehen Sie sich mal wieder an und kommen anschließend rüber zu mir!« sagte Frerichs, der im EKG-Raum geblieben war, weil er Trimmel sehr schätzte.
Als Trimmel dann am Schreibtisch dem Arzt gegenübersaß und sich den Schlips zurechtzog, beachtete Dr. Frerichs die zackigen Linien auf dem EKG-Streifen, der vor ihm lag, merkwürdigerweise kaum. Statt dessen las er einen eng beschriebenen Papierstreifen und reichte ihn Trimmel über den Tisch.
»Hier … Lesen Sie selbst. Diesmal hat Sie der Diagnostikcomputer gecheckt; da gibt’s gar kein Vertun mehr.«
»Der Computer?« sagte Trimmel erschrocken.
»Ja. Und was er da ausspuckt … ich mein, das ist ja in der Hauptsache Ihr Bier, Herr Trimmel, und das können Sie getrost wörtlich nehmen …«
Kolonnen von Buchstaben und Zahlen.
Trimmel nahm, sobald er sich von seinem Schock erholt hatte, mit spitzen Fingern den Computerausdruck an sich. Dieser Output oder wie das heißen mochte sah entsetzlich steril aus. Typen in Großbuchstaben wie von einer sehr modernen Schreibmaschine. Kaum ein einziges Satzzeichen. Zahlenkolonnen wirklich ohne Ende. Endlich, rechts, auch ein paar zu Worten zusammengefügte Buchstaben …
Chinesisch? Oder nur Latein?
Trimmel las: ZUSAMMENSTELLUNG DER IM EKG-COMPUTER-DIAGNOSTIK-CODE NACH CACERES/SCHOFFA BERÜCKSICHTIGTEN DIAGNOSEN.
NORMALER SINUSRHYTHMUS
SINUSTACHYKARDIE
SINUSBRACHYKARDIE
SINUSARRHYTHMIE
NORMALER KNOTENRHYTHMUS
KNOTENBRADYKARDIE
EXTRASYSTOLIE …
»Aha«, sagte Trimmel. »Also doch! Extrasystolie. Das alles hab ich also …«
Frerichs stoppte ihn mit einer knappen Handbewegung. »Was heißt, Sie haben … Sie sind in der …«
Aber Trimmel, verblüfft und entsetzt, unterbrach ihn seinerseits: »Das alles hab ich am Herzen!«
Frerichs vollendete geduldig: »Sie sind da in der falschen Spalte, Bester. Sie lesen da nur die Möglichkeiten, nach denen der Computer Ihre EKG-Werte überprüft hat!«
»Ja, sicher, Extrasystolie – sag ich doch!«
»Gott, sind Sie hartnäckig! Natürlich Extrasystolie. Aber außerdem nur Linkshypertrophie, hier, unter den Zahlen. Deutliche Größen- und Gewichtszunahme des Herzens. Übermäßige Inanspruchnahme. Wie gesagt, komisch ist das nicht, aber es ist Ihr Bier, Sie Saufpolizist! Und dann Ihre fette Leber … also, auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole, den Saufpolizisten können Sie wörtlich nehmen!«
»Schönen Dank für Ihren Charme«, sagte Trimmel. »Haben Sie den auch von Ihrem Computer?«
Frerichs lachte. »Den hab ich bloß einmal gesehen!«
»Einmal?« fragte Trimmel verblüfft. »Der muß doch bestimmt öfter mal geölt werden?«
Draußen saßen noch Patienten, sogar Privatpatienten. »Erstens kostet dieser Apparat Millionen«, sagte Frerichs ungeduldig; »zweitens kann ich ja nicht noch Miete für fünfhundert Quadratmeter zusätzlich zahlen …«
»Ja, Moment …« Trimmel schaute sich unwillkürlich um. »Er steht also gar nicht hier?«
»Er steht in der Fontenay, und er gehört nicht mir, sondern der Hamburger Gesundheitsbehörde. Und die stellt ihn den Ärzten auf Honorarbasis zur Verfügung.«
»Aber so schnell kann doch …«
Der Arzt schüttelte ungeduldig den Kopf. »Löchern Sie mich hier nicht ewig, ich hab wirklich zu tun … Ihr EKG wird von hier aus in die Fontenay überspielt, per Telefon; der Computer dort wird mit Ihren Werten gefüttert. Mit Ihren wichtigsten Daten und Ihren Herzschlägen sozusagen. In ein paar Sekunden hat er dann Ihre Diagnose gestellt und hämmert sie per Telefon hierhin zurück in den Drucker; das machen inzwischen die meisten Kollegen …«
»Verrückt!« sagte Trimmel kopfschüttelnd.
»Überhaupt nicht. Es erleichtert einem die Arbeit.«
»Stimmt das denn alles?«
»Bester«, sagte Dr. Frerichs, »ich halt Ihnen gelegentlich gern einen Privatvortrag, aber lassen Sie mich jetzt damit in Ruhe. Der Computer irrt sich nie, das kann ich Ihnen noch sagen. Es sei denn, er wird falsch gefüttert wie neulich bei dem Mann mit dem Herzschrittmacher. Das hatte man dem Computer versehentlich nicht gesagt, und dann …«
Dann stand Trimmel auf. Er hatte immer noch die Computerdiagnose in der Hand.
Frerichs schrieb ein Rezept aus. Als er fertig war, sagte er: »Hier. Dreimal täglich. So wenig wie möglich rauchen und saufen!«
Trimmel war beeindruckt und sah fast gehorsam aus. »Schönen Dank auch!« Er ging zur Tür.
»He, die Diagnose!« sagte Frerichs.
Trimmel sagte mit großen Augen: »Die wollt ich eigentlich mitnehmen. Als Andenken …«
Aber Frerichs blieb stur: die Diagnose verblieb in seiner Kartei. »Dahinter steckt doch wieder bloß Ihr Mißtrauen. Besorgen Sie sich doch selbst ein Exemplar! Jedenfalls sind Sie im Computer erst mal für alle Ewigkeit gespeichert!«
Trimmel fuhr spornstreichs in seine Stammkneipe Old Farmsen Inn und bestellte Bier und Korn. »Da hast du mehr als dein halbes Leben hinter dir«, sagte er zu dem Gastwirt, der sein Freund war, »und dann kommt plötzlich ne Computermaschine und nimmt dich zu Protokoll!«
»Besser rot als tot!« sagte der Gastwirt, der so gut wie gar nichts verstand, reichlich flapsig.
»Spinner! Weißte überhaupt, was n Computer ist?«
»Bei mir reicht’s nur zum Zapfhahn«, sagte der Wirt. »Hat mein Alter schon klar erkannt, als ich noch Milch trank.«
»Muß lange her sein!« sagte Trimmel und ärgerte sich, daß er überhaupt damit angefangen hatte.
Es störte Trimmel, daß irgend jemand Dinge über ihn wußte, die er selbst am liebsten verdrängt hätte, und sei es auch nur ein Computer. Behalt’s für dich! hatte er zu Höffgen gesagt, als ihn das Herzstolpern überkam. Und jetzt konnte jeder – jeder, der sich auf ein paar Handgriffe verstand – den Computer fragen: Wie geht’s denn eigentlich diesem Hauptkommissar Trimmel? Ich meine, gesundheitlich; ist er überhaupt noch halbwegs gut zuwege?
Noch ein Bier, noch ein Korn. Nun gerade – diesem Computer zum Trotz. In Wirklichkeit trank Trimmel natürlich nur seinem Arzt zum Trotz; genauer gesagt, seiner eigenen Gesundheit zum Trotz. Aber was, bitte, tut der Mensch nicht alles in seinem Schmerz?
Es ist zum Verrücktwerden, befand Trimmel. Er neigte schon seit jeher zur Hysterie: erstens, er sah Gefahren, wo sie gar nicht lauerten, zweitens, er sah sie allerdings auch dort, wo sie wirklich lauerten, bisher jedoch noch von keinem anderen gesehen worden waren.
Und wie war’s hier? Hier und heute, an seinem Tag des Computers? Hier, im Old Farmsen Inn, trank er noch einiges, ließ dann aber immerhin den Wagen stehen.
»Ruf mir ein Taxi!« sagte er dem Wirt.
Auf der Heimfahrt war er schon so weit, die seelenlose Computermaschine als persönlichen Gegner zu identifizieren. Damit war er – was er damals noch nicht wissen konnte – in umgekehrter Hinsicht fast so weit wie der Fachmann Jake Tennessy, der Leiter des Computerzentrums in der Fontenay, der seinen Computer Mike nannte.
Er jedenfalls, der Laie Trimmel, würde sich diesen Computer, der sich seiner Person bemächtigt hatte, wenigstens mal anschauen. Er würde ihn sich aus der Nähe anschauen und gegebenenfalls strikt darauf bestehen, daß man seinen Namen aus dem Gehirn der Maschine löschte.
Kann man denn darauf bestehen?
Ich werd’s schon durchsetzen, schwor sich der erboste Polizist, als er zu Hause, schon ausgezogen, ein allerletztes Bier trank. Ich werde mich durchsetzen, wegen dieser Situation und meiner Antipathie von Anfang an …
Mochte, beispielsweise, das Bundeskriminalamt hundert- und aberhundertmal recht haben mit seiner Ansicht, die Kriminalistik von heute könne auf den Computer nicht mehr verzichten – Trimmel hielt es trotzdem immer noch mehr mit der Spurenkunde. Mit Fingerabdrücken, Blutspuren, Punzzeichen, Tatortsicherungen, Tintenaltersbestimmungen und Waffenkunde. Vor allem mit der eigenen Intuition, auch Nase genannt.
Weitaus mehr als beispielsweise Großfahndungen, sogenannte Materialschlachten, waren verzwickte Fälle Trimmels Spezialität – immer schon. Dazu nämlich muß man denken können. Und das – so befand Trimmel am Abend des ersten Tages seiner Begegnung mit dem Computer – können sie eben doch nicht, diese Computer!
Wirklich nicht?
Diese Frage erschien Paul Trimmel dann allerdings schon in seinem alkoholisch beschwerten Traum.
Der Fortschritt machte zu diesem Zeitpunkt zwar noch vor seinem Verstand, der sich gegen die neuen Einsichten sperrte, nicht aber vor seiner Gesundheit halt. Ob es die Tabletten von Dr. Frerichs waren oder die neue Aufgabe, den Computer zu zwingen, ihn zu vergessen: Trimmel wurde von seinem Herzen in Frieden gelassen.
Wahrscheinlich waren es die Tabletten.
»Ein ausgezeichnetes neues Präparat!« lobte Dr. Frerichs bei Trimmels nächstem Besuch. »Endlich mal was anderes als diese ewigen Digitalisgranaten!«
»Dann kann man ja die Diagnose aus dem Computer herausnehmen«, sagte Trimmel.
Frerichs lachte. »Was soll’s? Glauben Sie im Ernst, daß sich jemand für Ihre Wehwehchen interessiert und den Computer abzufragen versucht?«
»Wieso eigentlich nicht?«
»Wie meinen Sie das?«
»Lassen wir mich mal aus dem Spiel«, sagte Trimmel, »das lohnt tatsächlich nicht, zugegeben. Aber Sie können mir nicht im Ernst einreden, daß es nie Interessenten geben könnte, eine solche Maschine zu manipulieren. Die speichert alles, wie ich das sehe, aber sie kann nicht denken; sie kann nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Sie ist also moralisch wertfrei, und das …«
»Ernsthaft«, sagte Dr. Frerichs, »Ihr Job hat Sie anscheinend doch ziemlich verdorben. Vielleicht sind Sie mit nem Irrenarzt sehr viel besser bedient als mit nem Internisten wie mir … mit nem psychiatrischen Kollegen, wollt ich natürlich sagen …«
»Und dann«, sagte Trimmel hartnäckig, »spult der psychiatrische Kollege seine Diagnose in den Computer, über Telefon, damit’s schneller geht, und dann sagt der Computer im Zweifelsfall jedem, den es nichts angeht, der ihn aber richtig fragt, der Trimmel spinnt!«
Frerichs lachte jetzt schallend. »Also, total spinnen Sie einstweilen noch nicht, das kann ich Ihnen verraten – es gibt tatsächlich eine Methode für den Computer zur automatischen Interpretation einer Persönlichkeit. Insgesamt fünfhundertfünfzig Fragen. Der Computer kann Ihnen, wenn die oder ein Großteil davon beantwortet sind, eine Menge über Ihre Persönlichkeit sagen – ob Sie ne ganz große Meise haben oder bloß ne kleine Delle …«
»Aha!« sagte Trimmel. »Also doch!«
»Nein, zum Henker! Es ist doch Unsinn anzunehmen, daß jeder, der etwas Ahnung davon hat, den Computer anschließend ohne weiteres abfragen kann! Erstens weiß er gar nicht, wie’s geht, und zweitens kommt er unbefugt überhaupt nicht durch den Sicherheitscode!«
»Das«, sagte Trimmel aus langer, bitterer Erfahrung, »ist im Zweifelsfall nur eine Frage der kriminellen Energie. Quasi der Höhe des Bestechungsgeldes.«
Die Praxis war heute nicht so gedrängt voll, und Dr. Frerichs war ganz Ohr. »Haben Sie sich etwa schon mal bestechen lassen?«
»Nee«, sagte Trimmel, »sag ich ja; leider war ich noch nie interessant genug.«
»Aber Sie würden …?« Frerichs lächelte wie ein Faun.
Trimmel hätte ihn am liebsten heftig auf den Bocksfuß getreten. »Wenn Sie’s so genau wissen wollen – ich hab tatsächlich schon Leute bestochen, im Dienst an der sogenannten Gerechtigkeit und mit meinen eigenen Piepen. Wie hoch die Summe sein müßte, um mich rumzukriegen, darüber hab ich mir ehrlich noch keine Gedanken gemacht. Aber sicher sollte sich da bestimmt keiner fühlen; da könnte todsicher jeder ins Stolpern kommen …«
»Aber erst mal ins Herzstolpern«, sagte Frerichs versöhnlich. »Sie können ja richtig pathetisch werden – so kenn ich Sie noch gar nicht!«
»Dann kennen Sie mich jetzt!« sagte Trimmel. »Jedenfalls werde ich mir den Computer mal ansehen!«
»Wirklich bloß wegen Ihrem lächerlichen EKG?«
»Es ist mein EKG und gar nicht lächerlich!«
»Doch«, sagte Dr. Frerichs, »erfreulicherweise ist es lächerlich von hinten bis vorn! Sehen Sie’s einfach so; für Ihr Alter sind Sie noch prima dran!«
»Dann guck ich mir den Computer an, um ihm zu danken!«
»Er wird nicht wissen, warum.« Sie standen mittlerweile an der Tür; Dr. Frerichs hielt die Klinke in der Hand. »Ein EKG für Trimmel? Das macht der Knabe doch nebenbei …«
Wieder einer, der die Maschine personifizierte.
»… im Grunde nämlich hat er wirklich Wichtigeres zu tun, als mir für relativ viel Geld im Monat Ihre und anderer Leute Diagnosen zu geben!«
»Wiedersehen!« Trimmel gab ihm die Hand.
»Übrigens, wenn Sie unbedingt wollen, rufen Sie im Computerzentrum Herrn Tennessy an und sagen Sie ihm einen schönen Gruß von Doktor Frerichs; ich bin auf dem Gebiet einer der Pioniere. Tennessy wird Ihnen sicher gern nachweisen, daß Sie spinnen!«
»Und dann?« fragte Trimmel. »Freut er sich dann?«
Ein klassischer Fall von Monomanie, dachte Frerichs nachsichtig, als sein Patient Trimmel unbelehrt und anscheinend auch unbelehrbar aus der Praxis marschierte.
Tatsächlich. Trimmel rief an.
»Hier Tennessy«, sagte die Stimme mit leichtem amerikanischen Akzent.
»Ich heiße Trimmel«, sagte Trimmel. »Ich soll Ihnen« – effektiv wörtlich – »einen schönen Gruß von Doktor Frerichs bestellen. Ich bin Polizeibeamter hier in Hamburg und habe, so könnte man sagen, ein privates Interesse daran, Ihren Computer zu besichtigen. Können wir das einrichten?«
Bei dem Wort Polizeibeamter war Tennessys Herz urplötzlich ins Stolpern geraten, bildete Trimmel sich später ein. Er war sich da allerdings nie ganz sicher.
»Natürlich!« sagte Tennessy. »Sie sollten netterweise allerdings Ihren Dienstausweis mitbringen; wir zeigen das Zentrum natürlich nicht jedem …«
»Klar!« Aber das sagte Trimmel wider besseres Gefühl.
»Wann wollen Sie kommen?«
»Tja, wann … nächste Woche vielleicht. Kann ich Sie noch mal anrufen?«
»Jederzeit!« Der Mann war, wie alle modernen Facharbeiter, die Sachlichkeit und Höflichkeit in Person. »Möglichst einen Tag vorher, bitte!«
Insofern war alles geregelt. Jake Tennessy fragte gleich nach dem Telefongespräch – natürlich nur zur Vorbereitung auf den Besuch des Polizisten – seinen Freund und Computer Mike nach Herrn Trimmel ab. Zu seiner mäßigen Überraschung lieferte Mike ihm nicht nur die direkten Personendaten des Herrn – Name, Beruf, Geburtstag, Religion (keine), Steuerklasse, Familienstand –, sondern auch seine zwar zackigen, aber keineswegs schwer pathologischen EKG-Werte.
Trimmel jedoch, Leiter der Kriminalgruppe 1, mußte seinen Besuch verschieben, weil die Hamburger Mörder wieder mehr Arbeit machten und sich ums Verrecken nicht fangen lassen wollten. Er hatte so viel zu tun, daß er weder in der nächsten noch in der übernächsten und sogar nicht mal in der darauffolgenden Woche dazu kam, in der Fontenay seine Aufwartung zu machen.
Mittlerweile indessen führte er das Wort Computer merkwürdig häufig im Munde, selbst im Zusammenhang mit polizeilichen Dingen. »Ich werd beantragen, daß wir auch n Computer kriegen«, sagte er sogar mal, als er sich vor allem über Höffgen geärgert hatte: »der ist bestimmt fähiger als ihr alle zusammen, ihr sogenannten Kriminalisten!«
Höffgen nahm es gelassen hin – als Ausdruck einer partiellen Entziehungskur. Trimmel rauchte und trank tatsächlich etwas weniger; die Vorräte reichten länger.
Schließlich traf er Jake Tennessy dann doch noch.
Am späten Sonntagnachmittag – draußen wurde es rasch dunkel – lag er auf der Couch und ließ sich von seiner Lebensgefährtin Gabriele »Gaby« Montag das Haar kraulen. Dabei las er die Zeitung.
»Telefon!« sagte Gaby; dabei schrillte es wie das Pausenläuten der Hammer Realschule durch die Wohnung.
»Hallo?« sagte Trimmel in den Hörer.
Selbstverständlich eine Leiche, die in seinen Amtsbereich fiel; wieder mal war jemand keines natürlichen Todes gestorben. Gar nicht selbstverständlich war die Tatsache, daß die Leiche im neuen Bürohochhaus Fontenay gefunden worden war, im Computerzentrum. Und absolut unverständlicherweise hatte die Leiche zu Lebzeiten Jake Tennessy geheißen.
»Ich komme sofort!«
Zum erstenmal seit Wochen stolperte sein Herz wieder. »Gib mir n Cognac!« sagte er. Dann erst begriff er endgültig, daß seine mehrfach aufgeschobene Verabredung mit dem Computer nun endlich stattfinden würde – ausgerechnet heute, an einem Tag, der dem Gedenken an längst vermoderte Leichen und gewiß nicht der Beschäftigung mit frischen gewidmet war, die Jake Tennessy hießen und häßliche, tödliche Löcher in der Brust hatten.
Aber kann man sich’s aussuchen?
Der einzige Tatzeuge heißt Mike – M wie Martha. Ein Computer der vierten Generation, wie gesagt – der derzeit jüngsten und modernsten Generation jener Denkmaschinen, die den Markt mehr und mehr erobern.
In der vollklimatisierten Atmosphäre des Fünfhundert-Quadratmeter-Raums, an dessen Wänden in balkenhoher Schrift COMPUTER-ZENTRUM HAMBURG ABS IL
