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Nicht zufällig liegt die Leiche des Erschossenen in einem Fußballtor – die Leiche eines Mannes mit zwei Namen und einer, wie die Hamburger Mordkommission schnell herausfindet, äußerst zwielichtigen Vergangenheit. Louis Spindel alias Paul Mausbach war zu Lebzeiten offensichtlich tief in einen Korruptionsskandal verwickelt, und auf der Jagd nach seinem Mörder muß Trimmel so tief in den deutschen Profi-Fußball einsteigen, daß er von einem wütenden Trainer schließlich allen Ernstes des Platzes verwiesen wird. Das letzte Geständnis allerdings entlockt er dem Täter dennoch erst unmittelbar nach einem »Tor des Monats«. »Platzverweis für Trimmel«, ein Roman über das »Gesetz des Ungesetzlichen« im millionenschweren Geschäft um den »Volkssport Nr. 1«, wurde von der Kritik gleich nach Erscheinen als »der« deutsche Fußballkrimi gefeiert.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Friedhelm Werremeier
Platzverweis für Trimmel
Ihr Verlagsname
Nicht zufällig liegt die Leiche des Erschossenen in einem Fußballtor – die Leiche eines Mannes mit zwei Namen und einer, wie die Hamburger Mordkommission schnell herausfindet, äußerst zwielichtigen Vergangenheit. Louis Spindel alias Paul Mausbach war zu Lebzeiten offensichtlich tief in einen Korruptionsskandal verwickelt, und auf der Jagd nach seinem Mörder muß Trimmel so tief in den deutschen Profi-Fußball einsteigen, daß er von einem wütenden Trainer schließlich allen Ernstes des Platzes verwiesen wird. Das letzte Geständnis allerdings entlockt er dem Täter dennoch erst unmittelbar nach einem »Tor des Monats«.
»Platzverweis für Trimmel«, ein Roman über das »Gesetz des Ungesetzlichen« im millionenschweren Geschäft um den »Volkssport Nr. 1«, wurde von der Kritik gleich nach Erscheinen als »der« deutsche Fußballkrimi gefeiert.
Friedhelm Werremeier war viele Jahre Reporter mit einer Leidenschaft für komplizierte Kriminalfälle. Mit Sachbüchern, vor allem aber mit seinen Romanen um den Hamburger Kriminalhauptkommissar Paul Trimmel, den »deutschen Maigret«, hat er sich eine große Lesergemeinde erobert.
Die Idee zu diesem Roman entstand vor jenem denkwürdigen Tag, an dem sich – vor über eineinhalb Jahrzehnten – der deutsche Fußballfunktionär Horst Gregorio Cannellas zum ›Auspacken‹ entschloß. Der berühmt-berüchtigte Bundesligaskandal, den er damit heraufbeschwor, überrollte die Bundesrepublik dann in den folgenden Monaten und Jahren mit einer solchen Vehemenz, daß den Leuten Hören und Sehen verging; von daher, meine ich, verbot es sich seinerzeit von selbst, bei der Darstellung der erfundenen Korruptionsaffäre die reale Entwicklung außer acht zu lassen.
Auf diese Weise ist Platzverweis für Trimmel aus heutiger Perspektive zwar ein ›historischer‹ Roman geworden: fiktives und reales Geschehen der siebziger Jahre, das naturgemäß auch von realen Personen getragen wird, verzahnt sich bis ins Detail. Ungeachtet dessen aber hat die Geschichte sicher nichts von ihrer grundsätzlichen Aktualität verloren: erst in jüngerer Zeit war zu lesen, der Kapitän der belgischen Nationalelf sei unmittelbar vor einem bedeutenden Länderspiel unter Korruptionsverdacht von der Polizei abgeführt worden, und selbst in Staaten des Ostblocks war überraschend davon die Rede, renommierte Spitzenmannschaften hätten versucht, Spielausgänge durch Geld zu beeinflussen.
Im übrigen sollte uns die allgemeine Lebenserfahrung die unter anderem auch tröstliche Gewißheit vermitteln, daß es in dieser Hinsicht sicherlich auch in Zukunft niemals ›langweilig‹ werden wird. Clevere Ganoven spielen (und kassieren) bekanntlich seit eh und je überall dort mit, wo großes Geld umgesetzt wird – und dieses ›Gesetz des Ungesetzlichen‹ dürfte seine Gültigkeit deshalb gerade im internationalen Profifußballgeschäft nie verlieren.
November 1985
F.W.
Montag abend wurde der Wind scharf, und Trimmel flüchtete vor der Kälte in seine Stammkneipe Old Farmsen Inn. Er blieb dort gleich an der Theke stehen – und da steht er nun und stampft heftig mit den Füßen auf, damit sie wärmer werden.
»Korn und Bier?« fragt der Wirt.
»Was sonst?«
Neben ihm stehen ein paar, die reden ziemlich laut gegen die Musikbox an. Trimmel schnappt einen Satz auf: »Der deutsche Fußball ist tot!«
»Wer ist tot?« fragt er gewohnheitsmäßig.
»Der Fußball«, wiederholt der Mann. »Dieser Bundesligaskandal hat ihm doch den Rest gegeben! Sind Sie nicht auch der Meinung?«
»Ich hab keine Meinung!« sagt Trimmel friedlich.
Darauf der andere, mehr erstaunt als verärgert: »Das gibt’s doch nicht! Noch nie was von den ganzen Bestechungen gehört?«
»Doch«, sagt Trimmel, »aber ob Sie’s glauben oder nicht, ich hab andere Sorgen!« Morde zum Beispiel, Gewaltverbrechen, Totschläge. Aber das behält er für sich.
Wenig später zieht der Mann neben Trimmel Leine, offenbar doch ein bißchen beleidigt. Trimmel sieht auf die Uhr: halb zwölf vorbei. Und dann rückt der nächste näher. Er redet wenigstens deutlicher.
»Ich kann Sie ja verstehen«, sagt er zu Trimmel, »so wie Ihnen geht’s ja vielen. Alle glauben, der deutsche Fußball ist völlig verrottet …«
»Stimmt ja auch«, erklärt Trimmel. »Wer am besten schiebt, wird Deutscher Meister!«
»So – dann will ich Ihnen mal was sagen …«
»Nein!« fleht Trimmel. »Bitte nicht!«
Aber der Mann schüttelt den Kopf. »Wenn Sie derart blödsinnige Sachen von sich geben, müssen Sie sich das anhören!« Er winkt dem Wirt. »Zwei Korn!«
Der Wirt grinst Trimmel an. »Nun sei mal nicht so … Bobby ist gar nicht so dumm …«
»Ach, Scheiße!« sagt Trimmel. »Prost!«
»Prost! Und jetzt passen Sie mal auf: die paar großen Vereine, die bei uns abwechselnd Meister werden, sind so reich, daß sie praktisch unbestechlich sind. Da müssen Sie sich bloß mal vorstellen, was die riskieren würden …«
»Vielleicht die Vereinsexistenz?« rät Trimmel.
»Eben! Und darum würden die bei jedem auch nur andeutungsweise schmutzigen Angebot sofort zum Deutschen Fußballbund laufen und sagen: Hey, wir sollen Spiele verlieren für Geld! Und damit wären sie auch in der Hinsicht die Größten, und die anderen wären am Arsch – kapiert?«
Trimmel nickt. »Aber die kleineren Klubs?«
»Da würd Bestechung im Prinzip funktionieren; hat ja auch n paarmal funktioniert. Aber die meisten sind doch so knapp mit Kohlen, daß sie lieber absteigen, statt sich den Klassenerhalt zu erkaufen und pleite zu gehen!«
»Trotzdem … irgendeiner von den Großen könnt ja doch mal von sich aus aktiv werden …«
»Mann – Sie nerven mich!« sagt der andere erschöpft. »Ich hab nie behauptet, daß Korruption unmöglich ist, sondern nur, daß sie selten vorkommt! Vor allem in Zukunft – und wenn, das haben wir ja gesehen, geht’s immer um einzelne Spieler!«
An die Vierzig mag er sein, überlegt Trimmel. Klingt alles ganz logisch, was er da sagt, auch wenn er gerade leicht einen in der Krone hat. Seltsamerweise trägt er zum Bart einen Schlips. »Sind Sie selber Klubmanager?« fragt Trimmel. »Oder Werbemensch?«
»Sportreporter beim Mittag. Und Sie?«
Gott ja – warum nicht? »Ich bin Polizist!«
»Aha!« Es muß tiefere Gründe haben, daß er plötzlich sein Glas abstellt und Trimmel die Hand schüttelt. »Mein Name ist Gerber … Bobby – ich meine, Robert Gerber …«
»Trimmel«, sagt Trimmel, »Paul Trimmel …«
»Was machen Sie denn so bei der Polizei?«
»Außer Fußball fast alles«, sagt Trimmel. »Das heißt, mit der Reiterstaffel hab ich auch wenig zu tun …«
»Ja, ja«, sagt Gerber zerstreut. »Fußball und Kriminalität gehören jedenfalls der Vergangenheit an!«
»Hoffen wir’s!« sagt Trimmel, läßt sich dann aber endgültig nicht mehr lumpen und ordert zwei Korn im Gegengeschäft.
Als zwei Tage später der Schuß kracht, der Trimmel noch Ärger machen wird, köpft der Mönchengladbacher Nationalstürmer Jupp Heynckes gerade ein fürchterliches Ding an die Querlatte. Ein Mann namens Louis Spindel in Hamburg rutscht langsam vom Sessel, und im Berliner Olympiastadion johlt die Masse der verpaßten Gelegenheit nach …
Zwei Ereignisse simultan, Hunderte von Kilometern voneinander entfernt: das Fernsehen macht’s möglich.
Das Fernsehen überträgt das Fußballeuropapokalspiel Borussia Mönchengladbach gegen Inter Mailand für hundert Millionen Gerechte und Ungerechte, überträgt es in Kneipen und Wohnzimmer, in die Schlupfwinkel von Mördern und die Stuben von Polizisten.
»Was machen wir nun mit ihm?« Ratlos stehen zwei Menschen vor Spindels Leiche, während auf dem Bildschirm der nächste Gladbacher Angriff rollt.
»Gut, daß die Glotze an ist – da hat wahrscheinlich keiner was gehört …«
Sie sind noch taub von der Detonation des Schusses – taub und hilflos. »Wir können ihn hier ja nicht verfaulen lassen!«
Man zeigt den Mönchengladbacher Coach Hennes Weisweiler nach dem Ende der neunzig Spielminuten: ein enttäuschtes, steinernes Gesicht. Ein gutgeschnittener Fußballkrimi. Außer Trimmel hat ihn vermutlich jeder zweite Deutsche gesehen.
Gaby Montag, Trimmels Lebensgefährtin, schaltet den Fernseher aus und geht nach nebenan. Dort sitzt Trimmel, ein Bündel Papiere im Schoß. »Was liest du da?«
Zu spät erkennt sie, daß er eingenickt war. »Eine … eine Akte!« sagt er, nachdem sie ihn hochgeschreckt hat.
»Spannend?«
»Mäßig. Wer hat gewonnen?«
»Keiner«, sagt sie, »null zu null. Aber das war vielleicht ein Krimi …«
»Ich interessiere mich nicht besonders für Krimis«, gähnt Trimmel, »ich meine, für Fußball. Ich geh mal schlafen …«
»Schlaf gut, Paul! Ich komm etwas später …«
Es hat sich eingespielt zwischen ihnen. Der Polizist und die Kronzeugin aus früheren Tagen, die aneinander hängengeblieben sind. Von Hochzeit reden sie später, wenn überhaupt. Die Zeiten ändern sich – und bestimmt irrt sich Trimmel, wenn er glaubt, er ändert sich nie.
Manchmal denkt Gaby, es wäre nett, wenn er sich gründlich ändern würde. Doch wenn ihr dann einfällt, wie sehr sie noch vor ein paar Monaten gebetet hat, Trimmel möge der alte bleiben, wird sie wieder ziemlich unsicher. Damals hatte er einen schweren Autounfall. Es stand auf des Messers Schneide, ob er je wieder er selbst werden würde[*].
Er ist es dann geworden, soll sich allerdings nach wie vor schonen. Gaby lächelt, als sie später vorsichtig ins Schlafzimmer kommt und ihn schlafen sieht. Er schläft wie ein Bär.
Louis Spindel, bei dessen Tötung das Fernsehen mit einer Fußballübertragung Lärmschutz gegeben hat, wird am nächsten Montag entdeckt. Sinnigerweise in den Maschen eines Fußballtors, auf einem Sportplatz im Stadtpark; jemand hatte sich da trotz des schlechten Wetters rumgetrieben.
Das Berliner Tor wird verständigt; Trimmel selbst fährt mit Höffgen hin. Mit dem Scheibenwischer im Schnellgang kämpfen sie sich durch Niesel, Nebel und Nahverkehr, und Höffgen sagt fatalistisch: »Immer kurz vor Weihnachten!«
Und da liegt er dann, steif wie ein nasses Brett. Irgend jemand gibt Trimmel den Paß auf den Namen Louis Spindel. »Wir haben nichts verändert!« sagt einer von der Funkstreife. »Da drüben steht der Mann, der ihn gefunden hat!«
»Doch, doch – wir haben was verändert!« sagt einer vom Erkennungsdienst. »Beim Paßrausnehmen haben wir die Jacke aufgemacht und dann noch n paar Hemdknöpfe …«
Auf die Weise erkennt man links, neben der Brustwarze, die dunkel verkrustete Schußöffnung.
»Kein Mantel?« fragt Trimmel.
»Ich frier nicht!« sagt der Erkennungsdienstler.
»Ob die Leiche keinen Mantel anhatte …«, fragt Trimmel geduldig noch einmal.
»Die schon gar nicht!« antwortet der Mann und klappert komischerweise mit den Zähnen.
Trimmel winkt den Mann im blauen Trainingsanzug heran, der Spindels Leiche entdeckt hat. »Ich trainier hier für dreitausend Meter Hindernis«, sagt der Mensch, ein athletischer Endzwanziger namens Bley, »aber ich bin abgezischt wie n Sprinter, als ich sah, was hier anliegt …«
»Na schön«, sagt Trimmel. »Dann trainieren Sie mal schnell weiter …«
Louis Spindel also, wenn der Paß stimmt. 46 Jahre alt, geboren in Maastricht in Holland als Sohn deutscher Eltern. Der Paß ist schmutzig, dabei erst zwei Jahre alt. Die toten Augen sind so gelb wie die schimmernden Zähne. Denn Louis Spindel grinst, mit halbgeöffnetem Mund, als ob es im Jenseits was zu lachen gäbe.
Fundort und Leiche werden dann fotografiert, aus allen Lagen und farbig, wenn’s später auch noch so grau aussieht. Die Beamten fühlen den Toten und seine Taschen gründlich ab, finden aber weder Messer noch Pistole noch Kamm. Sie untersuchen den Torraum, Schritt für Schritt, und sie meinen, als sie gar nichts finden, daß sie, wegen möglicher Hülsen und Projektile, doch wohl noch den Kampfmittelbeseitigungstrupp und seine Spezialgeräte hinzuziehen sollten. Und bei alledem reden sie dauernd auf Tonband.
»… der Kopf ruht mit dem Hinterhaupt auf einem Metallhering, mit dem das Tornetz im Erdreich verankert ist. Er neigt sich so stark zur rechten Seite, daß sich die linke Kinnseite und die Schulterkugel berühren …«
Das Seltsame ist, denkt Trimmel, daß der Mann ausgerechnet an einem Ort liegt, wo normalerweise jede Menge Publikum rumsteht, wo aber heute effektiv kein einziger Neugieriger aufgekreuzt ist. Einsamer als auf einem Fußballplatz, auf dem in diesem Jahr sicher nicht mehr gespielt wird, kann ein Mensch gar nicht sein, nicht mal im Tod, und es gibt effektiv keinen Grund für sein sinnloses Grinsen …
Das Gemurmel neben ihm setzt wieder ein. »… wird der Tote, bei dem sich die Leichenstarre voll ausgebildet hat, neben dem linken Torpfosten niedergelegt … bei nochmaliger Ansicht in Rückenlage keine neuen Erkenntnisse … alsdann wird die Leiche gewendet …«
Plötzlich aber, glaubt Trimmel, beleben sich die Züge: sekundenlang hat er die Vorstellung, daß Spindel nicht bloß im Tod das Gesicht verzieht, sondern auch zu Lebzeiten gern und oft gelacht hat. Sicher kein umwerfend schöner Bursche, aber einer, mit dem man wahrscheinlich ganz gut an der Theke stehen und ein Bierchen trinken könnte … hätte trinken können, genau gesagt …
»Die Leiche wird von einem Beerdigungsinstitut, das in der Zwischenzeit benachrichtigt worden ist, ins Institut für Gerichtsmedizin überführt werden … weitergehende Feststellungen am Fundort müssen vorerst unterbleiben, da die Dunkelheit hereinbricht …«
Trimmel schüttelt sich. Eine idiotische Vorstellung, denkt er, ausgerechnet mit einem Mordopfer an einer Theke zu stehen und womöglich noch über Fußball zu quasseln! Ist das wirklich dadurch zu erklären, daß die Leiche, erstens, nach wie vor in einem Torraum herumliegt und er selbst, zweitens, gerade noch tatsächlich an einer Theke gestanden und sich mehr oder weniger dummes Zeug über arme und reiche Klubs und Korruption angehört hat?
Höffgen kommt aus dem Funkwagen. »Spindel hat in ner Pension in der Paulinenstraße gewohnt. Da ist er allerdings seit gestern nachmittag nicht mehr gewesen – soll ich nicht gleich mal hinfahren?«
Trimmel nickt. Höffgen ist lange genug dabei, um selbst zu entscheiden, ob er da die Spurensicherung braucht oder nicht; er, jedenfalls, fährt mit einem Streifenwagen zurück ins Präsidium.
Unterwegs trommelt er mit den Fingerspitzen gegen die Seitenscheibe: der Spindel, die Theke, der Fußball … immer und immer wieder. Unwillkürlich redet er schließlich halblaut vor sich hin.
»Ich hab Sie nicht verstanden, Herr Trimmel!« sagt der Polizeimeister am Steuer.
Und da, endlich, kann er wieder grinsen. »Momentan versteh ich mich selber nicht!«
Die Mordaufklärungsmaschine läuft an, zunächst noch etwas zäh und lustlos, ist aber dann nicht mehr zu stoppen. Eine Laborantin bringt Fotos, die noch feucht sind – vervielfältigte Paßfotos von Louis Spindel. Laumen zapft alle Register an, wenngleich er vorerst nichts über den Toten findet. Und nur Petersen und ein paar fremde Kollegen spielen, halb unter dem Tisch, Siebzehn und Vier um Büroklammern; immerhin, auch sie warten darauf, daß der Tod eines wildfremden Menschen sie ereilt.
Trimmel ruft die Gerichtsmedizin an.
»Spindel, Spindel«, sagt der diensttuende Arzt, »warten Sie mal n Moment … ja, hier sind die Papiere! Gibt’s da was Besonderes?«
»Im Grunde nicht«, gibt Trimmel zu. »Wann ist denn die Obduktion?«
»Also, normalerweise morgen vormittag …«
»Okay«, sagt Trimmel. Was außer einem Projektil soll dabei schon herauskommen?
Höffgen meldet sich. »Hier in der Pension ist der Mann bestimmt nicht umgelegt worden. Aber warum ich jetzt schon mal anrufe – erstens hat er über sechs Mille auf dem Konto, zweitens ne Freundin …«
Trimmel winkt Petersen: er soll mithören.
»… angeblich heißt sie Gerda, und angeblich wohnt sie in nem Eckhaus in den Kolonnaden …«
Petersen legt den Mithörer wieder weg, steht gelassen auf, verschenkt die gewonnenen Büroklammern und macht sich mit einem der Spindel-Fotos gleich auf die Socken. In den Kolonnaden gibt’s derartig wenige Eckhäuser, daß er die in den Seitenstraßen gleich mitnimmt. Es hat weiß Gott schon dünnere Hinweise gegeben, wenn jemand gesucht wurde; Petersen bedauert sich nicht mal selbst.
Als er weg ist, fragt Laumen: »Sollten wir nicht schon mal Fotos an die Presse geben?«
Trimmel überlegt: schaden kann’s eigentlich nicht. Und so können sich die örtlichen Zeitungen noch am selben Abend ein Bild von Louis Spindel machen, und die Pressestelle am Berliner Tor ärgert sich jetzt schon, daß sie den Reportern, falls die noch anrufen, so wenig sagen kann.
Wer kennt diesen Mann? Wer hat ihn bis zum Mittwochabend – der mutmaßlichen, bereits im Stadtpark geschätzten Todeszeit – gesehen? Wer weiß, mit wem er verkehrt hat, außer mit einer Dame namens Gerda?
Es ist ein für den Anfang fast schon zu ruhiger Fall. Eine Leiche namens Louis Spindel ist gefunden worden – das ist alles, und das ist dürftiger als eine schwarzgeränderte Anzeige im Abendblatt.
Irgendwann sitzt Trimmel allein im Büro. Der Ermittlungsstand, denkt er seltsamerweise, ist momentan allenfalls eins zu null. Aber auch dann, wenn Höffgen tatsächlich schon einen Treffer erzielt hat, ist in dem Spiel noch alles möglich.
Genau gesagt hat der tote Spindel, wenn der letzte Bankauszug – der von vorgestern – stimmt, 6143,76 Mark auf dem Konto.
»Hatten Sie noch Forderungen an ihn?« fragt Höffgen. Statt fünfzig Pfennig für das Telefonat hat er der Wirtin der billigen Paulinen-Pension ganze dreißig gegeben.
»Er hat zwei Monate im voraus bezahlt«, sagt sie. Man soll ja nicht lügen.
»So, so«, sagt Höffgen nachdenklich. »Was war der Mann eigentlich von Beruf?«
»Im Grunde Penner!« sagt die Wirtin herzlos und sieht neidisch zu, wie Höffgen den Bankauszug einsteckt. Manchmal, ergänzt sie, pennte er noch am Nachmittag um vier. »Aber Nachtwächter kann er auch nicht gewesen sein, denn zweimal hab ich ihn abends in einer Kneipe gesehen …«
»Mit Gerda?«
»Einmal ja, einmal nein … zwei-, dreimal hat er sie übrigens mit hier oben gehabt – was geht’s mich an?«
»Eben«, meint Höffgen. »Nichts!« Dann versinkt er in Schweigen.
Louis Spindel, denkt er – ein Mann, der seit sechs Wochen hier ist. Zwischen seinem Geburtsort Maastricht vor 46 Jahren und diesen letzten sechs Wochen in Hamburg klafft ein riesiges Loch. Keine Korrespondenz im Zimmer außer den Bankauszügen – ein Kapitel für sich –, kein Foto von Gerda oder überhaupt einem weiblichen Wesen, kein Notizbuch, nichts Persönliches außer einem zweiten braunen Anzug mit leeren Taschen …»War außer Gerda nie jemand hier oben?«
»Also, ich will ja nicht unpäßlich werden« – sie sagt tatsächlich unpäßlich – »und auch nichts Falsches behaupten, aber wenn der überhaupt wußte, was Bumsen heißt …«
»Brrr!« sagt Höffgen.
»Was ist denn?« fragt sie mitfühlend. Der Gedanke kommt ihr nicht, daß der Schauder ihr galt, ihrem blaßblauen Morgenrock, den nackten weißen Beinen und der orangefarbenen Perücke.
»Ich hab manchmal son Kratzen im Hals!« sagt Höffgen. Und ohne jede Hoffnung fügt er hinzu: »Sie kennen also keinen, der Spindel näher kannte?«
»Doch«, sagt sie überraschend, »einen schon. Der kam jede Woche, jeden Mittwochvormittag. Ich war schon ganz neidisch.«
»Wieso das denn?«
»Na, weil’s einer war, der gar nicht oft genug kommen kann, wenn Sie wissen, was ich meine …«
»Der Pastor von Sankt Pauli?« rät Höffgen.
»Falsch!« Da kichert die ausgediente Dirne. »Sie haben vielleicht Ideen!«
Ihr macht es Spaß, Höffgen nicht. »Also, wer war’s?«
»Sie kommen nicht drauf«, sagt sie; »geben Sie mir ne Zigarette, und ich sag’s Ihnen …«
Er gibt ihr sogar Feuer.
»Der Geldbriefträger!« sagt sie und lacht sich halbtot.
Als sie sich wieder beruhigt hat, fragt Höffgen: »Was ist heute?«
»Donnerstag.«
»Dann war er gestern hier?«
»Natürlich! Sag ich ja – jeden Mittwoch …«
»Und Spindel war zu Hause?«
»Ja, sicher!«
»Wieviel Geld hat er denn gebracht?«
»N Haufen, wie immer …«
»Was heißt hier Haufen?«
»Von hundert aufwärts.« Gierig glüht die Zigarette. »Und bestimmt immer ne Mark Trinkgeld!«
»Von hundert die Woche kann man aber nicht besonders leben …«, überlegt Höffgen.
»Ich sagte doch: mindestens!« betont die Schlampe, die Louis Spindel in den letzten sechs Wochen seines Lebens beherbergt hat. »Ich hab’s nur immer blau schimmern sehen …«
Da hättest du mal die nasse Leiche schimmern sehen sollen, denkt Höffgen. »Es war immer derselbe Geldbriefträger?«
»Mann, sind Sie schwer von Kapee!«
Viel mehr, erkennt er, ist hier nicht zu holen.
Petersen auf der Suche nach Gerda. Er fängt in den Gaststätten an: Fehlanzeige – wenn sie trinkt, trinkt sie heimlich, das heißt zu Hause, wo immer das sein mag. Anschließend geht er in die Pensionen links von den Kolonnaden, und das Foto sieht da schon ganz abgegriffen aus.
Er klingelt, steigt Treppen, betet sein Sprüchlein herunter, wartet ergeben auf das Kopfschütteln der jeweiligen Pensionswirtin, sagt ›Dankeschön‹ und steigt wieder nach unten.
Elfmal schon. Die zwölfte Pension heißt Treuleben, und auf der Treppe zum zweiten Stock liegt ein roter Läufer.
Agnes Treuleben öffnet persönlich, eine weißhaarige Dame um die Sechzig, angenehm anzuschauen, und sagt mit angenehmer, dunkler Stimme: »Guten Abend, mein Herr. Was kann ich für Sie tun?«
Petersen, den sie wegen seiner leisen Manieren bei der Polizei den Leichenbestatter nennen, geht sofort auf den dunklen Tonfall ein. »Gnädige Frau, wenn ich einen winzigen Moment eintreten dürfte …?«
»Bitte, gern!« Sie öffnet weit die dunkel furnierte Tür. »Kommen Sie doch mit in mein Wohnzimmer!« Sie hat offenbar gleich begriffen, daß es sich nicht um einen Mann handelt, der ein Zimmer sucht. Aber was er auch suchen mag – Agnes Treuleben wird ihm helfen, wenn sie kann.
Petersen hat plötzlich das Gefühl: Sie kann.
»Gnädige Frau …« Er flüstert fast, denn auch die patentesten Damen sind in einem gewissen Alter leicht zu erschrecken. »Bitte wundern Sie sich nicht, wenn ich Ihnen sage, daß ich von der Polizei komme … eine winzige Frage habe ich nur …«
»Stellen Sie sie!« sagt Agnes Treuleben gefaßt.
»Ich heiße nämlich Petersen«, flüstert der Leichenbestatter; »ich bin im Moment beauftragt, einen Mann zu suchen, der sicher nichts Böses getan hat, aber von dem wir leider etwas wenig wissen. Wir wissen eigentlich nur, daß er mit einer Dame bekannt oder gar befreundet gewesen sein soll, die angeblich in diesem Teil Hamburgs gewohnt hat …«
»Wie hieß die Dame?« Agnes Treuleben begreift rasch.
»Gerda«, sagt Petersen.
Sie schüttelt den Kopf. »Also, soweit ich mich zurückzuerinnern vermag … bei mir hat keine Dame mit dem Vornamen Gerda …« Sie unterbricht sich. »Aber nehmen Sie doch bitte erst mal Platz, Herr Petersen … darf ich Ihnen einen Kirschlikör anbieten?«
»Danke, nein! Das heißt …« Das heißt, er nimmt Platz, und er trinkt sogar mit ziemlich gequältem Vergnügen den süßesten Kirschlikör seines Lebens.
Die Wanduhr tickt. Sie tickt langsam – langsamer als andere Uhren. Ältere Damen – Damen im Alter von Agnes Treuleben – haben es nicht mehr so eilig.
»Wissen Sie denn nicht, wie der Herr, den Sie suchen, aussieht?« fragt die ältere Dame.
»Doch, doch«, sagt Petersen. »Ich habe ein Bild dabei, ich wollte es Ihnen sowieso gerade …« Dabei holt er das Foto von Louis Spindel aus der Brieftasche und versucht, einen bereits eingetrockneten Biertropfen aus der letzten Kneipe vorsichtig wegzuwischen.
Aber da sagt sie schon: »Den Herrn kenne ich!«
»Ach!« sagt Petersen, greift vor Überraschung zur Kirschlikörflasche und kann sich gerade noch bremsen. »Entschuldigen Sie …«
»Ich bitte Sie!« sagt Agnes Treuleben sanft und schenkt ihm ein.
»Wie heißt er denn?«
»Zum Wohl!« sagt sie artig. »Tja – das weiß ich nun leider nicht. Aber der Herr hat in den vergangenen Wochen mindestens dreimal eine meiner Mieterinnen besucht. Die Dame hieß allerdings nicht Gerda …«
»Sondern?«
»Irene … Warten Sie, ich hab’s gleich!« Sie erhebt sich, geht zum reich mit Intarsien verzierten Sekretär und entnimmt ihm ein großes Buch. Einen wahren Folianten von Kladde – ein geradezu vorbildliches Meldebuch, in dem sie methodisch blättert. »Hier …«
Irene Senfft. Geb. 21. April 1936. Beruf: Sekretärin. 5600 Wuppertal-Vohwinkel, Am Krähenberg 26.
Er schreibt’s hastig ab. »Es sind nicht alle Beherbergungsbetriebe in Hamburg so kooperativ wie Sie, gnädige Frau«, sagt er ernst, »von den Damen in diesem Zusammenhang nicht erst zu reden!« Dabei weiß er nicht mal selbst, ob er ihr ein Kompliment macht oder nicht.
Prompt errötet sie ein bißchen. »Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Es ist nur so – als ich mich seinerzeit unter dem Druck sich plötzlich ändernder Verhältnisse zur Eröffnung dieser … eh, Pension, entschließen mußte, war es für mich natürlich selbstverständlich …«
Petersen nickt. Petersen begreift auch das. Er deutet nochmals auf das befleckte Foto. »Und Sie sind sich wirklich ganz sicher, daß es sich bei dem Besucher von Frau Senfft um diesen Herrn handelte?«
»Absolut, Herr Petersen!«
»Blieb er auch … über Nacht?«
»Nein«, sagt sie, »über Nacht blieb er nie. Er verließ die Pension immer ordnungsgemäß vor Mitternacht!«
»Hatten Sie denn den Eindruck, daß zwischen ihm und Frau Senfft nähere Beziehungen bestanden?«
»Das ist in diesem Fall eine schwierige Frage«, antwortet Agnes zögernd. »Man könnte ja und nein dazu sagen … Sie duzten sich, das habe ich einmal deutlich gehört, aber ein sogenanntes Verhältnis bestand wohl nicht zwischen den beiden – nein, ganz gewiß nicht …«
»Stritten sie sich?«
»Ich glaube, ja«, bestätigt die Dame des Hauses überraschend. »Es hat zwar nie Lärm gegeben, aber wenn der Herr bei Frau Senfft gewesen war, dann war sie anschließend immer sehr traurig. Ich glaube, sie hat in ihrem Zimmer geweint …«
»Wann ist Irene Senfft ausgezogen?«
»Letzten Montag. Sie hatte es mir am Samstag gesagt.«
»Wirkte sie … wohlhabend?«
»Sie trug einen Mantel aus ausgelassenem Nerzbisam; er war sicher nicht billig …«
»Schmuck?«
»Wenig. Aber gut. Gold und kleine gute Steine …«
»Sie sind eine gute Beobachterin, gnädige Frau!« sagt Petersen anerkennend. »Ich glaube, ich sollte Ihnen die Wahrheit sagen. Der Mann, der Irene Senfft besucht hat, ist leider verstorben …«
»Sie hat es nicht getan!« sagt Agnes Treuleben mit Entschiedenheit.
»Was getan?«
»Ihn getötet. Was sonst?«
»Woher wissen Sie denn« – Petersens Stimme ist plötzlich eingefroren –, »daß der Mann ermordet worden ist?«
»Weil ich einen sechsten Sinn habe«, sagt Frau Agnes Treuleben bescheiden, »überrascht Sie das?«
»Offen gestanden, ja …«
Die Wanduhr tickt.
