Taxi nach Leipzig - Friedhelm Werremeier - E-Book
SONDERANGEBOT

Taxi nach Leipzig E-Book

Friedhelm Werremeier

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 2,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein totes Kind wird an einer Autobahn in der DDR gefunden. Es hat Socken westdeutscher Machart an. Die Behörden in Deutschland (Ost) fragen daher in Deutschland (West) an, und Kommissar Paul Trimmel kümmert sich um den Fall. Dann wird plötzlich die Anfrage aus dem Osten zurückgenommen. Doch Trimmel ist stur und bleibt am Ball. «Taxi nach Leipzig» war der erste Film der TATORT-Reihe.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



rowohlt repertoire

 

 

rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.

 

Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.

 

Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire

Friedhelm Werremeier

Taxi nach Leipzig

 

 

 

Über dieses Buch

Ein totes Kind wird an einer Autobahn in der DDR gefunden. Es hat Socken westdeutscher Machart an. Die Behörden in Deutschland (Ost) fragen daher in Deutschland (West) an, und Kommissar Paul Trimmel kümmert sich um den Fall. Dann wird plötzlich die Anfrage aus dem Osten zurückgenommen. Doch Trimmel ist stur und bleibt am Ball.

»Taxi nach Leipzig« war der erste Film der TATORT-Reihe.

Vita

Friedhelm Werremeier war viele Jahre Reporter mit einer Leidenschaft für komplizierte Kriminalfälle. Außer mit seinen Sachbüchern zum Thema hat er sich durch die Romane um Paul Trimmel, den mehrfach so genannten deutschen Maigret, eine große Lesergemeinde erobert.

Impressum

Dieses E-Book ist der unveränderte digitale Reprint einer älteren Ausgabe.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Copyright für diese Ausgabe 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © 1983 by Friedhelm Werremeier

Covergestaltung ZERO Werbeagentur, München

Coverabbildung Shutterstock, unsplash

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN Printausgabe 978-3-499-42188-4

ISBN E-Book 978-3-688-10484-0

www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Vorwort

Einiges in der deutsch-deutschen Landschaft hat sich verändert, seit dieses Buch zum ersten Male veröffentlicht wurde; eine Anzahl von Schwierigkeiten, mit denen die handelnden Personen fertig werden müssen, sind modifiziert oder sogar abgebaut worden. Dennoch ist Taxi nach Leipzig nach wie vor kein historischer Roman: der politische Fortschritt hat die grundsätzliche Aktualität der Handlung – leider – noch nicht in Frage stellen können. Bei der vorliegenden Überarbeitung habe ich deshalb weitgehend darauf verzichtet, zeitbezogene Details der Gegenwart anzupassen.

 

Dezember 1982

F.W.

1

Es ist nach wie vor ziemlich kompliziert, heutzutage von Westdeutschland nach Ostdeutschland zu fahren, etwa von Hamburg nach Leipzig oder – in der umgekehrten Richtung – von Möckern nach Barmbek. Wer einen von Staats wegen anerkannten triftigen Grund für seine Reise hat, kann natürlich ohne allzu große Umstände von der BRD aus per Eisenbahn oder Auto in die DDR einreisen. Wer dort allerdings ohne Wissen der Behörden unterwegs ist, dazu noch zum allerersten Mal, schleppt verständlicherweise immer einen Zentner Angst mich sich herum.

Trimmel stellt da wahrhaftig keine Ausnahme dar: an der Leipziger Autobahn-Tankstelle Merseburger Straße wartet er mit äußerst gemischten Gefühlen auf das Taxi, das ihn in die Stadt bringen soll. Es ist September und weder zu warm noch zu kalt, aber Trimmel schwitzt Blut und Wasser … an der gegenüberliegenden Tankstelle steht ein Vopo-Streifenwagen, und zum erstenmal in seinem Leben hat der Polizist Paul Trimmel Manschetten vor der Polizei. Dann aber geht er, frech und gottesfürchtig, mit lässig übergehängter Jacke, von der Autobahn zur Merseburger Straße hinunter, der alten Reichsstraße 181.

Ein häßliches hellgrünes Auto kommt aus Richtung Leipzig; es ist tatsächlich das Taxi, das der Tankwart oben, ohne viel zu fragen, für Trimmel bestellt hat. Ein älterer Wartburg mit einem zurückklappbaren Schild hinter der Windschutzscheibe – Trimmel gibt dem Fahrer ein Handzeichen, und der Wagen rollt vor ihm aus. Gleichzeitig sieht Trimmel aus dem linken Augenwinkel, daß sich die Besatzung des Polizeiwagens nach wie vor nicht für ihn interessiert. Und dennoch … Völlig überflüssig, aus lauter Nervosität, fragt er: »Taxi?«

Der Fahrer nickt. »Tach, Tach. Wo soll’s denn hingehen?«

Er sächselt gar nicht, denkt Trimmel. »Ich muß nach Leipzig rein, einen Keilriemen kaufen. Meiner ist gerissen …«

Der Fahrer wiegt bedenklich den Kopf. »Da werden Sie aber Schwierigkeiten haben ausgerechnet am Samstag, auch, wenn gerade Messe ist …«

Aber Trimmel, den die Vopos oben neben der Tankstelle immer nervöser machen, ist schon auf den Beifahrersitz geklettert. »Wir müssen es wenigstens versuchen. Fahren Sie mich am besten zur Marschnerstraße. Ich kann ja hier nicht übernachten.«

Der Taxifahrer hat bei so viel Ortskenntnis weiter keine Einwände mehr, und Trimmel atmet auf, als der Wagen anfährt. Sie wenden ein Stück weiter mitten auf der Fahrbahn, obgleich auf der Straße ziemlich viel los ist, und fahren dann zurück in Richtung Stadt.

»Keilriemen«, sagt der Fahrer, mehr zu sich selbst, »damit könnt ihr doch die Straße pflastern im Westen …«

Anschließend schweigt er, und Trimmel verkneift sich jede Antwort.

Immer geradeaus in Richtung Zentrum; wenig Gegenverkehr, aber viel Verkehr in derselben Richtung und kaum eine Lücke zum Überholen. Eine ziemlich trostlose Gegend. Sandberg. Rückmarsdorf. Nicht allzu viele Häuser, noch weniger Ortschaften …

Der Fahrer hat einen riesigen Adamsapfel, fast schon einen Kropf, und entweder redet er deshalb nicht, oder er weiß nicht so recht, was er mit seinem ungewöhnlichen Fahrgast anfangen soll. Als er von Trimmel eine Marlboro angeboten bekommt, steckt er sie sich wortlos hinter das Ohr und zündet sich eine DDR-Zigarette an.

Endlich eine Belebung: ein Friedhof zur linken Hand. »Lindenau!« sagt der bis dahin so schweigsame Taxifahrer.

Aber dann geht es zügiger, und der große Adamsapfel hüpft dreimal auf und ab: »Links die Musikalische Komödie!« Gleich dahinter biegt das Taxi scharf links ab. »Die kleine Luppe!« Sie passieren eine winzige Brücke. »Das Elsterbecken!« Eine größere Brücke – die Zeppelinbrücke …

Also, sagt sich Trimmel, müßte der Gebäudekomplex vorn rechts, der sowohl an Hitlers Reichskanzlei als auch an ein Stück Stalinallee im Grünen erinnert, die Deutsche Hochschule für Körperkultur sein. Trimmel war noch nie hier, auch nicht als sehr junger Mensch, als es noch einfacher war, Leipzig kennenzulernen. Aber er hat sich seine illegale Strecke sehr genau eingeprägt, bevor er losgefahren ist – sein erstes Etappenziel müßte er gleich erreicht haben.

Die Straße wird durch einen Trambahn-Gleiskörper in zwei Fahrbahnen geteilt, und gleich rechts kommt tatsächlich die Intertankstelle Marschnerstraße ins Bild.

»Da wären wir!« sagt der Fahrer.

Trimmel nickt. Die Taxiuhr ist nicht eingeschaltet gewesen, und er fragt scheinbar verlegen: »Kann ich Ihnen Westgeld geben, oder soll ich irgendwo wechseln?«

Der Fahrer sieht ihn ziemlich schräg von der Seite an. Wahrscheinlich hat er Angst, sein Fahrgast könne ein Spitzel sein. Allerdings kann er Westmark, gerade jetzt zur Messezeit, auch sehr gut gebrauchen … und am Ende sagt er diplomatisch: »Es macht zwölf Mark!«

Trimmel hat sich sagen lassen, daß sie hier in der »Zone« lieber westliche Münzen als westliche Banknoten haben; also legt er dem Mann drei bundesrepublikanische Fünfmarkstücke in die offene Hand. »Stimmt so. Das heißt« – er kramt in seiner Jackentasche und holt ein weiteres Geldstück, ein Zweimarkstück, heraus – »Sie könnten mir einen Gefallen tun und ein paar Groschen einwechseln!«

Diesmal zögert der Fahrer zwar noch einen winzigen Moment, wirkt aber lange nicht mehr so mißtrauisch wie zuvor. Er steckt die zwei Mark ein, holt sein Portemonnaie heraus und zählt Trimmel zwanzig blecherne Zehnpfennigstücke in die Hand. Und ärgerlicherweise macht er gleich darauf Anstalten, auszusteigen und Trimmel bei seinen Intertank- Keilriemen-Verhandlungen behilflich zu sein …

Hastig sagt Trimmel: »Lassen Sie doch! Wenn ich das Ding hier nicht kriege, geh’ ich erst mal Kaffee trinken!«

Da endlich fährt der Mann mit dem Fast-Kropf davon. Seinen Fahrgast zu fragen, ob er ihn später nicht zur Autobahn zurückbringen soll, hat er sich anscheinend doch nicht getraut.

Und Trimmel ist allein in Leipzig, zwei oder drei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, dem größten Kopfbahnhof Europas, auf den die Leipziger angeblich viel stolzer sind als auf ihr Völkerschlachtdenkmal …

Es ist ziemlich viel los an der Tankstelle. Er greift sich einen jungen Mann und fragt: »Haben Sie Keilriemen?«

Der Junge sieht ihn leicht verstört an und holt einen Meister.

»Für welchen Wagen denn?« fragt der Meister.

»Einen Ford«, sagt Trimmel, »siebzehn Emm …«

»Kenn’ ich«, nickt der Meister, »ich glaub’, da können wir Ihnen sogar helfen!«

»Wär ja zu schön …« meint Trimmel dankbar; insgeheim hofft er, daß der Keilriemen, den er eigentlich gar nicht benötigt, später keinem anderen fehlt.

Der Meister ist inzwischen ins Lager gegangen und kommt mit dem Ersatzteil zurück. »Der müßte passen. Sagen Sie dem Mechaniker, er soll notfalls die Lichtmaschine was versetzen. Macht« – er muß kurz überlegen – »acht Mark!«

Acht Westmark natürlich. Hier ganz offiziell und devisenbringend nach Vorschrift. Die Intertank-Kasse gibt zwei westdeutsche Markstücke heraus und eine Maschinenquittung. Trimmel, inzwischen etwas sparsamer mit seinen westdeutschen Kröten – es sind schließlich seine eigenen – gibt diesmal nur eine Mark Trinkgeld. »Wiedersehen!« sagt er und schlendert davon.

Er geht bis zur Ecke Friedrich-Ebert-Straße und wartet dort, bis die Linie 13 kommt. In die steigt er ein und kramt absichtlich lange in seinen Taschen; schließlich legt er dem geduldigen Schaffner seine Schlüssel, einen Taschenkamm und außerdem einen Haufen DDR-Zehnpfennigstücke auf das Zahlbrett. »Wilhelm-Leuschner-Platz!«

Der Schaffner tut ihm den Gefallen und sucht sich das Fahrgeld heraus, nämlich genau zwei Blechgroschen …

Aber jetzt muß Trimmel aufpassen, daß er die richtige Haltestelle nicht verpaßt. Und wieder geht’s einfacher, als er es sich vorgestellt hatte: die Bahn hält, der Schaffner winkt ihm zu, und das Schild draußen – Wilhelm-Leuschner-Platz – ist außerdem unübersehbar.

Trimmel steigt aus: Messe überall, ein fürchterliches Gedränge. Hunderttausend Fähnchen wehen, und an jeder freien Ecke werben Parolen für die Völkerverständigung. Er ist im Zentrum: vor ihm steht das Neue Rathaus mit der Pleißenburg, in der sich Martin Luther und Doktor Eck ihren berühmten Disput über die Katholiken und die späteren Protestanten lieferten. Hinter ihm – er dreht sich um – die Kuppel des alten Reichsgerichts, der Stätte so vieler weiser und nicht ganz so weiser höchstrichterlicher Entscheidungen …

Geschichte allerorten. Aber Grünspan ist keineswegs immer ein Zeichen für Glanz und Gloria. Und eine Geschäftsauslage hier sieht aus wie die andere, auch zur Messezeit.

Diesmal, immerhin, kommt ein moderner Doppeltriebwagen – eine Tram ohne Schaffner, die Straßenbahnlinie 28 nach Markkleeberg. Trimmel steigt als letzter ein: manche Fahrgäste, beobachtet er, gehen einfach durch ins Wageninnere, andere stecken zwanzig Pfennig in einen Automaten und ziehen einen Fahrschein heraus. Er macht es wie sie … wieder hat er was gelernt. Und vorübergehend fühlt er sich fast schon ein bißchen heimisch: auch in der Bundesrepublik haben Friedrich Ebert und Wilhelm Leuschner bei Straßenbenennungen Pate gestanden, denkt er, und die Leute sind freundlicher, als ich es mir vorgestellt hatte – der Taxifahrer zumindest, der Intertankmeister und der Schaffner in der vorigen Bahn. In dieser hier haben die meisten Menschen verschlossene Gesichter oder, wie’s aussieht, genug mit sich selbst zu tun – so auch das Liebespaar zwei Sitzreihen weiter vorn: es herzt und küßt sich, als führe die Bahn gleich über die Seine statt über die Mühlpleiße.

Trimmel setzt sich, zwei Haltestellen weiter – Schenkendorff-Arndt-Straße. Am Anfang hatte er sich kaum zu rühren gewagt – und jetzt merkt er von Minute zu Minute, wie das Gefühl, auf kürzestem Weg nach Sibirien gefahren zu sein, unter der Leipziger Herbstsonne dahinschmilzt. Er fühlt sich sicher wie ein Autofahrer, der gerade den Führerschein gemacht hat und mit Eleganz durch den dichtesten Verkehr kurvt – ahnungslos im Hinblick auf die Tücken und Gefahren, die überall lauern …

An der Haltestelle Karl-Liebknecht-Straße aber steigt ein Volkspolizist ein und sieht sich forschend im Wagen um. Zum Glück, denkt Trimmel, habe ich mich in der Garderobenfrage beraten lassen … derzeit trägt er ein offenes blaues Hemd ohne Schlips, eine altmodische Jacke aus dem Jahre 55 sowie eine Hose mit Beinbreite 65 Zentimeter und einem Aufschlag, an dem die Stoßbänder deutlich nicht mehr ganz faserfrei sind. Außerdem hat er sich sorgfältig den Nacken ausrasieren lassen und kann deshalb, wie er glaubt, trotz seiner hier unüblichen Kurzfrisur einigermaßen als DDR-Bürger durchgehen.

Aber kann ich’s wirklich? überlegt Trimmel. Weiß ich als Polizist nicht am besten, daß es nirgendwo in der Welt Polizisten gibt, die einen Mann mit schlechtem Gewissen, unvollständigen Papieren und hinterhältigen Absichten nicht schon von weitem riechen und erkennen?

Es wäre die helle Katastrophe, überlegt Trimmel, wenn der Vopo mich plötzlich fragen würde, was ich – als Hamburger Kriminalhauptkommissar – hier in der Tram nach Markkleeberg zu suchen habe. Ich müßte dann wahrheitsgetreu antworten: Nur so eine Idee … ich weiß selber nicht so genau, was ich hier eigentlich will!

Wiederum der Uniformierte, sofern er überhaupt noch fragen würde: Wie kommen Sie denn nach Leipzig? Höflich jedenfalls würde er bestimmt nicht mehr sein.

Hinter dem Kreuz jedoch, der nächsten Haltestelle, geht der Vopo von Bord. Trimmel atmet auf. Das dumme Gefühl allerdings, sich viel zu weit vorgewagt zu haben, bleibt ihm noch lange erhalten.

2

Am 27. August, ein paar Wochen zuvor, hatte der diensttuende Beamte im Fernschreibraum des Hamburger Polizeihochhauses am Berliner Tor folgenden Text abgerissen und an die Kriminalgruppe 1 – die Kommissariate 201, 202 und 203 einschließlich der Ständigen Mordkommission – sowie an die Vermißtenzentrale weitergegeben:

Nachrichtlich an alle Polizeidienststellen im gesamten Bundesgebiet.

Betr.: Förmliche Anfrage des Generalstaatsanwalts der DDR an die Strafverfolgungsbehörden in der Bundesrepublik zwecks Identifizierung eines im Raum Leipzig aufgefundenen männlichen toten Kindes.

Bezug: keiner.

Am 21. August gegen 10.30 Uhr wurde auf einem Rastplatz nördlich von Leipzig an der Transitautobahnstrecke Leipzig–Berlin die vollständig bekleidete Leiche eines etwa vier- bis fünfjährigen toten Knaben aufgefunden. Die Leiche wies keinerlei Verletzungen auf, die Obduktion hat bisher keine genaue Todesursache ergeben. Die Leiche lag in einer etwa einen halben Meter tiefen Mulde, die mit Laub gefüllt war, und war etwa zehn Zentimeter hoch mit Laub bedeckt. Eine Hand ragte heraus. Es entstand der Eindruck, daß versucht worden war, die Leiche zu verbergen.

Besondere Kennzeichen: Großes Muttermal, längliche, bohnenartige Form, rechtsseitig parallel zur Mammillarlinie unterhalb der Brustwarze. Befund Zähne: Lückenhaft ausgebildetes Gebiß (Milchzähne). Haarfarbe: Mittelblond. Augen: Blaugrau. Finger- und Fußnägel: Gepflegt. Spitz zulaufend geschnitten.

Bekleidet war das Kind mit einer blauen Tuchhose, einem roten Pullover (sog. Nicki), Unterhose, Unterhemd, weißen Strümpfen (Kunststoffsocken), braunen Wildlederschuhen ohne Schnürsenkel.

Der Verdacht auf ein Verbrechen stützt sich bisher auf keine konkreten Anhaltspunkte, kann jedoch im augenblicklichen Stadium der Ermittlungen nicht ausgeschlossen werden. Der Generalstaatsanwalt der DDR hält es für wahrscheinlich, daß das tote Kind aus der DDR stammt. Verschiedene Indizien lassen es nach seiner Darstellung jedoch angebracht erscheinen, auf diesem Weg auch hiesige Dienststellen mit dem Leichenfund bekanntzumachen.

1. Die Transitautobahn Leipzig–Berlin wird in der Zeit vor der Leipziger Herbstmesse in besonders starkem Maße von Westberliner und BRD-Fahrzeugen benutzt. Es wäre denkbar, daß sich das Kind lebend oder tot in einem solchen Fahrzeug befunden haben könnte, oder daß es möglicherweise darin entführt worden ist.

2. Wäsche- und Konfektionszeichen in der o. näher angegebenen Bekleidung des Kindes ließen zwar auf eine Herkunft aus der DDR schließen. Dazu teilt der Generalstaatsanwalt der DDR jedoch ergänzend mit, daß als besonders auffälliges Merkmal das tote Kind sogenannte Slipper-Mokassin-Schuhe der Fabrikationsmarke »Sioux« getragen habe, die in der DDR nicht vertrieben werde.

Da zur Zeit noch nicht endgültig feststeht, daß es sich um ein in der DDR vermißtes Kind handelt, bittet der Generalstaatsanwalt der DDR die Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik um die Beantwortung folgender Fragen:

1. Wird bei einer hiesigen Polizeidienststelle ein Kind als vermißt geführt, auf das die o.a. Personenbeschreibung zutreffen könnte?

2. Kann bei einer evtl. aktuell eingehenden Vermißtenmeldung geprüft werden, ob es sich um das betr. Kind handelt?

BKA Wiesbaden.

Übermittelt Funkleitstelle BKA Wiesbaden.

Trimmel selbst nahm das Fernschreiben bei der Mordkommission entgegen, warf es dann allerdings kurzerhand in den Papierkorb, obgleich es – als Nachricht von drüben – einigen Seltenheitswert hatte. Einen Tag später aber kam ein zweites Fernschreiben – und darüber geriet Trimmel ins Grübeln:

Nachrichtlich an alle Polizeidienststellen …

Betr.: Förmliche Anfrage des Generalstaatsanwalts der DDR an die Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik zwecks Identifizierung eines toten Kindes bei Leipzig.

Bezug: FS vom 27.8., 15.07 Uhr.

Der Generalstaatsanwalt der DDR zieht seine förmliche Anfrage zurück, da die Identität des betr. Kindes geklärt werden konnte; es stammt aus der DDR. Frage der Schuhe erklärt sich dadurch, daß die Schuhe dem Kind von seinem in Hamburg lebenden Vater geschenkt worden waren.

BKW Wiesbaden.

Übermittelt …

Trimmel kam die Sache, gerade weil sie mit einem Male wieder so heruntergespielt wurde, plötzlich sehr seltsam vor. Er hatte bis dahin zwar noch keinen Finger gerührt, um dem Generalstaatsanwalt der DDR zu helfen. Aber ein toter DDR-Knabe in einer Mulde, dessen Vater aus Hamburg stammte, erregte seinen Argwohn geradezu zwangsläufig … wie, so fragte er sich mit leichtem Prickeln und einer durchaus etwas lüsternen Neugier, kommt ein Hanseat heutzutage zu einem Kind in der Deutschen Demokratischen Republik?

Trimmel rief Höffgen, der im Nebenzimmer herumlungerte und widerwillig näher kam. »Besorg’ mir mal den Durchschlag von dem Telex von gestern wegen diesem komischen toten Kind von Leipzig!«

Nachmittags bekam er ihn, als er gerade sein Übungspensum im Schießkeller absolvierte. Beim Vergleich der beiden Papiere fiel ihm sofort auf, daß von dem ursprünglichen Verdacht auf ein Verbrechen im zweiten Fernschreiben überhaupt nicht mehr die Rede war – daß man ihn, so gesehen, allerdings auch keineswegs ausdrücklich dementiert hatte.

Merkwürdig! dachte Trimmel. Nachdenklich und abgelenkt schoß er beim nächsten Versuch eine schäbige Fahrkarte und entschloß sich, für heute aufzuhören. Und gleich nach Feierabend ging er, da er sowieso nichts Besseres vorhatte, in seine Stammkneipe in Farmsen; von dort meldete er gegen 19 Uhr ein Ferngespräch nach Ostberlin an.

Eine scheinbar harmlose Privatnummer. »Ich kann Ihnen allerdings nicht versprechen, daß es heute noch klappt!« sagte das Mädchen vom Fernamt Inland, nachdem es sich endlich gemeldet und die Nummer wiederholt hatte. »Sollen wir es gegebenenfalls morgen weiter versuchen?«

»Nein, nein«, sagte Trimmel, »aber stornieren Sie es heute nicht vor Mitternacht!«

»Gut. Wir geben Ihnen in jedem Fall Nachricht …«

Trimmel bestellte Korn und Bier, lernte die Zeitung auswendig und sah hin und wieder mit mäßigem Interesse auf den Fernsehapparat. Die Kneipe füllte sich.

Ein junger Mensch kam mit einem jungen Mädchen an Trimmels Tisch. »Ist hier noch frei?«

»Nein!« sagte Trimmel ungnädig.

Da erschien auch schon der Wirt und erklärte dem Pärchen hastig: »Verzeihen Sie, das ist der Stammtisch!«

21.30 Uhr. Im Fernsehkrimi gab es den ersten Toten, und Trimmel glaubte natürlich sofort zu wissen, wer der Täter war.

»Noch mal dasselbe!« rief er. Seine vierte Runde.Aber er war ziemlich trinkfest und würde das Tempo bis Mitternacht durchstehen.

Kurz vor 22 Uhr indessen stellte es sich heraus, daß das Fernsehen denjenigen Tatverdächtigen zum Mörder gemacht hatte, der für Trimmel längst »sauber« gewesen war, und er brummte mißmutig: »Blödsinn!«

Um halb elf setzte sich der Wirt einen Augenblick zu ihm und meinte: »Du hast ja mal wieder eine irre Stimmung, Paul!« Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sich das leisten konnten.

Trimmel grinste ihn schief an. »Ich hab’ eben meine Probleme!«

Als der Wirt wieder hinter der Theke stand, hörte Trimmel, wie draußen im Flur das Telefon läutete. Es hatte schon oft geläutet an diesem Abend, aber diesmal – zum erstenmal – stand Trimmel auf. Er war sogar eher am Apparat als sein Freund, der Wirt.

»Hallo?« sagte er.

»Fernamt Platz vierzehn!« sagte eine Mädchenstimme. »Ihre Nummer bitte …«

Trimmel nannte die Nummer der Gaststätte; sein Herz schlug schneller.

»Sie haben Glück. Ihre Anmeldung Ostberlin. Bleiben Sie in der Leitung!«

Der Wirt kam auf den Flur, sah Trimmel fragend an, und der nickte. Der Wirt verschwand wieder.

Und in der Leitung knackte und dröhnte und rauschte es; irgend jemand Männliches fragte »Hallo?«, hatte sich aber bereits wieder ausgeschaltet, als Trimmel mit »Hallo?« antwortete. Das dauerte fast fünf Minuten; dann endlich hörte der Lärm in der Leitung auf, und eine weibliche Stimme sagte überraschend klar: »Bitte sprechen!«

Noch bevor Trimmel sprechen konnte, dröhnte ihm die Stimme von Karl Lincke, einem mittleren Beamten des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik, ins linke Ohr: »Das muß doch Paule sein, das gibts doch gar nicht! Das ist ja irre … Mensch, Paule, wo brennt’s denn? Wie geht’s dir denn?«

»Hallo, Karl!« sagte Trimmel. »Gut geht’s, hoffentlich dir und deiner Familie auch …«

»Danke, danke …«

Dann kam Trimmel zur Sache. »Du, ich will nicht lange stören, ich wollt dich nur mal fragen, ob du mir einen Gefallen tun kannst …«

»Und?« fragte Lincke wachsam. Er lachte gleich darauf mit etwas falscher Herzlichkeit. »Willste türmen?«

Trimmel lachte zurück.

»Nee, nee … ich wollt nur ’ne Auskunft, wenn’s keine Schwierigkeiten macht …«

Lincke, der offenbar damit rechnen mußte, daß die Leitung nicht sauber war, sagte sofort: »Schwierigkeiten gibt’s bei uns überhaupt nicht!«

»Um so besser!« sagte Trimmel. »Also, da kam ne komische Anfrage von eurem Generalstaatsanwalt wegen nem toten Kind bei Leipzig, und ich hab mir gedacht, wenn ich son Menschen wie dich kenne …«

»Ja, ich kenn den Fall!« sagte Lincke. Er galt als absolut linientreu und wußte in der Regel über sämtliche DDR-Vorgänge mit BRD-Bezug Bescheid. Aber er war auch Profi, wie Trimmel wußte, und deshalb sagte er hin und wieder die Wahrheit und noch einiges mehr. »Was willste wissen?«

»Wie heißt der Kindsvater?«

»Erich Landsberger. Stand das nicht in dem Telex?«

»Nee …«

»… na, wenn schon, ist ja kein Staatsgeheimnis. Der Mann wohnt bei dir um die Ecke, jedenfalls in Hamburg …«

»… ja, das stand drin …«

»… Chemiker ist er, außerdem soll er Millionär sein. Die Schuhe hat er dem Jungen geschickt, der ist unehelich. Konzeption und Gravidität der betreffenden DDR-Bürgerin waren ein Erfolg der damaligen Leipziger Messe …«

»Und wie heißt das Kind?« fragte Trimmel.

Lincke zögerte. »Muß das sein?«

»Ja!« sagte Trimmel.

»Also gut. Chris … Christian Billsing …«

»Billsing mit einmal oder zwomal Ludwig?«

»Zwo. Wohnte bei seiner Mutter Eva in Markkleeberg …«

»Markkleeberg?«

»Ja. Hier bei Leipzig. Besserer Wohnvorort im Süden …«

»Aha. Und sonst? Sauerei?«

»Was Sexuelles, meinst du? Nee, nee, is nicht! Gestorben ist das Kind an einer Art Leukämie. Hätte Medikamente gebraucht, dann hätt’s noch ’ne Weile gelebt … Moment mal …«

Trimmel hörte, daß er mit einer Person im Hintergrund redete. »Schulungsabend?« fragte er. »Wann kommste denn wieder?«

»Um elf oder so!« sagte eine Frauenstimme.

»Na, viel Spaß!« Lincke redete wieder in die Sprechmuschel. »Tschuldigung – war nur meine Frau! Noch was?«

»Ja, sicher!« sagte Trimmel. »Was sagt denn die Mutter … wie ist der Junge verschwunden?«

Lincke zögerte länger. »Die Mutter ist aus dem Schneider. Soll übrigens ein bildhübsches Weib sein … das Ganze ist wahrscheinlich ein Entführungsfall. Der Entführer hat von der Krankheit nichts gewußt – das hängt aber alles noch in der Luft, die Volkspolizei kommt nicht so recht weiter. Aber mehr kann ich dir beim besten Willen …«

»Warte«, sagte Trimmel hartnäckig, »irgendwas fehlt mir noch … der Todeszeitpunkt?«

»Vermutlich zwei Tage vor der Auffindung!«

»Also der Neunzehnte? Montag?«

»Ja … Montag nachmittag oder spätestens in der Nacht zum Dienstag. Aber nu ganz im Ernst, Paul … was da jetzt noch läuft, wenn was läuft – das ist unsere Angelegenheit! Für euch ist der Fall tot – mach da keine Zicken!«

»Ich und Zicken?« fragte Trimmel entrüstet. »Nee, du – ich wollt’s nur mal genauer wissen. Jedenfalls schönen Dank … meinen Vornamen kannste übrigens immer noch haben!«

Karl Lincke lachte, bis es klick machte. Das Leben geht seltsame Wege, dachte Trimmel: mit seinem Vornamen hätte Karl ja tatsächlich Paul Lincke geheißen, wie der Erfinder von Frau Luna. Und ob man nun darüber lachen kann oder nicht: der Kalauer hatte zwei Jahre zuvor immerhin bewirkt, daß sie beide sich am Urlaubsstrand von Varna in Bulgarien menschlich nähergekommen waren.

»Unser System ist das einzig Wahre«, hatte der Ostdeutsche spät nachts und mit schwerer Zunge argumentiert, »eure P … Polizisten sind doch Ha … Hampelmänner!«

»Und?« hatte der Westdeutsche gefragt. »Was ist denn besser? Hampelmänner oder Gestapo?«

»S … so kommen wir nie zusammen!« protestierte Lincke.

»Wollen wir’s denn überhaupt?« fragte Trimmel.

»Nu ja«, sinnierte der Ostdeutsche, »die Rasierklinge gestern, die du mir geschenkt hast, die war ja g … ganz schön scharf … man könnt sich manchmal eigentlich doch mehr unter die A … Arme greifen!«

»Ja, dann tun wir’s doch!« sagte der Westdeutsche.

Betr.: Förmliche Anfrage des Generalstaatsanwalts der DDR an die Strafverfolgungsbehörden in der Bundesrepublik …

So weit war’s diesmal ja sogar schon amtlich gewesen. Und nun, auf einmal, reklamierten sie den Fall mit dem toten Jungen von Leipzig wieder ganz für sich! dachte Trimmel. Nun igelt sich selbst Karl Lincke nach drei Auskünften wieder ein … warum eigentlich, wenn ich mir schon die Mühe mache ihnen zu helfen?

Trimmel ging vom Telefon durch die Schwingtür zurück in den Gastraum, setzte sich wieder an den Stammtisch und merkte, daß ihm acht Bier und Korn doch erheblich in den Kopf gestiegen waren. Er trank gleichwohl einen neunten Korn und ein neuntes Bier, denn auf acht Beinen steht man nicht. Außerdem suchte er sich die Nummer von Erich Landsberger aus dem Telefonbuch, das er sich von seinem Duzfreund, dem Gastwirt, bringen ließ, widerstand allerdings mannhaft der Versuchung, Landsberger jetzt noch anzurufen. Gute Adresse übrigens. Elbchaussee …

Er zahlte neun Runden Kornpils und ein Telefonat mit Ostberlin. Er war mit der U-Bahn gekommen und fuhr mit der U-Bahn nach Hause. Er war müde wie ein Hund, schlief wie ein Stein und zog sich erst morgens, ziemlich verkatert, den linken Socken aus.

Den Hammer im Kopf behielt er, bis ihn der hereinbrechende Feierabend erlöste. Dann setzte er sich in seinen alten Ford, fuhr zur Elbchausee und stellte fest, daß an der Tür der komfortablen Zweifamilienvilla mit Blick auf Övelgönne gar kein Namensschild Landsberger angebracht war. Nur ein heller Fleck unten … also klingelte Trimmel oben bei Elvira Kniebel, Ob. Stud. Direktorin.

»Sie wünschen?« fragte die gepflegte Mittfünfzigerin, die gleich darauf öffnete.

»Tja, gnä Frau … entschuldigen Sie die Störung!« sagte Trimmel. »Ich suche Herrn Landsberger. Ich komm nämlich von weit her, und im Telefonbuch stand …«

»Herr Landsberger wohnt nicht mehr hier!« sagte Frau Kniebel streng. Der Landsberger hat aber komische Freunde, schien sie zu denken … immerhin, sie fand es möglicherweise ja auch ganz amüsant, wie der stämmige, ziemlich zerknitterte Mann vor der Tür verzweifelt und vergeblich versuchte, sie anzulächeln.

»Das ist aber ein Jammer«, sagte Trimmel, »nun hab’ ich den Erich eine Ewigkeit nicht gesehen, und nun seh’ ich zufällig, daß er hier in Flottbek wohnt, und nun ist er auch noch ausgezogen! Ist Erich eigentlich verheiratet?«

»Das«, sagte die Ob. Stud. Direktorin, »geht Sie eigentlich doch gar nichts …«

»… gar nichts an!« unterbrach Trimmel. »Sehr richtig, gnä Frau. War auch nur wegen der Blumen!«

»Wieso Blumen?«

»Na ja … ich dachte gerade, wenn der Erich verheiratet ist und ich hab nicht mal Blumen dabei …«