Ein französischer Sommer - Jessica Brockmole - E-Book
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Ein französischer Sommer E-Book

Jessica Brockmole

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Beschreibung

Ein leuchtender Sommer in einer unheilvollen Zeit

1911. Die junge Clare wird nach dem Tod ihres Vaters von Schottland nach Frankreich geschickt. Allein in der Fremde findet sie Trost bei Luc, dem Sohn ihrer Gastgeber. Gemeinsam erleben sie einen unvergesslichen Sommer – bis Clare erneut aus ihrer Welt gerissen wird. Jahre vergehen, bevor sie nach Frankreich zurückkehrt. Doch der Krieg hat Lucs Leben unwiderruflich verändert. Ist die Liebe jenes Sommers stark genug, um wieder zueinanderzufinden?

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Seitenzahl: 456

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Roman

1911. Die junge Clare wird nach dem Tod ihres Vaters von Schottland nach Frankreich geschickt. Allein in der Fremde findet sie Trost bei Luc, dem Sohn ihrer Gastgeber. Gemeinsam erleben sie einen unvergesslichen Sommer – bis Clare erneut aus ihrer Welt gerissen wird. Jahre vergehen, bevor sie nach Frankreich zurückkehrt. Doch der Krieg hat Lucs Leben unwiderruflich verändert. Ist die Liebe jenes Sommers stark genug, um wieder zueinanderzufinden?

Zur Autorin

Jessica Brockmole hat seit jeher eine große Leidenschaft für historische Romane. Die Idee zu ihrem Debüt, dem internationalen Bestseller Eine Liebe über dem Meer, entstand während eines langjährigen Aufenthalts in Schottland. Ein französischer Sommer ist ihr zweites Buch. Die Autorin lebt heute mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern in Indiana, USA.

JESSICA BROCKMOLE

EIN FRANZÖSISCHER

SOMMER

ROMAN

Aus dem Amerikanischen von

Susanne Goga-Klinkenberg

Von Jessica Brockmole sind im Diana Verlag bisher erschienen:

Eine Liebe über dem Meer

Ein französischer Sommer

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2016 by Jessica Brockmole

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel At the Edge of Summer bei Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heike Hauf

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotive: © Rekha Garton/Alamy Stock Foto und Oleg Bakhirev, Kiev.Victor/shutterstock.com

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-18545-9

www.diana-verlag.de

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V001

Für meinen Vater, der mir beibrachte,

die Welt mit den Augen einer Künstlerin zu sehen

TEIL 1

Der Sommer

1911

1

Clare

1911

Die Farben in Frankreich waren vollkommen verkehrt.

Ich war an das schottische Grau gewöhnt. Die Granitblöcke von Fairbridge, den bleiernen Himmel, den dunstigen Regen, die schnurgeraden Steinmauern, die die Felder voneinander trennten. Und Vaters stählernen Blick.

Natürlich war Schottland nicht nur grau. Im Sommer trugen die Hügel von Perthshire ein gedämpftes Grün, im Frühling waren sie mit gelbbraunem Ginster gesprenkelt und im Herbst einfach braun. Doch alles war mit Grau überzogen. Diese Farbe war mir am vertrautesten.

In letzter Zeit sah ich jedoch vor allem Schwarz. Es hing über dem Knauf der Haustür, säumte meine Taschentücher, hing als bescheidene Reihe neuer Kleider in meinem Schrank. Sechs Wochen Trauer. Sechs Wochen lang mitfühlende Blicke, blasse wächserne Lilien, flüsternde Unterredungen, was nun aus mir werden solle. Doch dann rauschte Madame Crépet ins Haus, nach Veilchen duftend und in einem Kleid, das die Farbe von Honigwaben hatte, und schickte sich an, alles zu richten. Die Hausangestellten überließen mich ihr nur allzu gerne. Sie wussten ohnehin nicht, was sie mit mir anfangen sollten. Und sobald Madame meine neuen schwarzen Kleider eingepackt hatte, brachen wir nach Frankreich auf.

Frankreich war von Anfang an zu leuchtend. Vom Blaugrün des Kanals, der bei Calais ans Ufer schwappte, über Häuser mit orangefarbenen Dächern und gelben Rapsfeldern bis hin zu einem Château, das sich weiß aus einer smaragdgrünen Wiese erhob. Ein Automobil brachte uns über eine Auffahrt von der Farbe gebrannter Siena, vorbei an golden blühenden Linden und Veilchentupfen im Gras. Madame Crépet beugte sich zu mir und sagte: »Willkommen in Mille Mots, Clare.«

Die Leute, die vor dem Haus warteten, waren auch nicht anders. Zwei junge Hausmädchen, die grün geblümte Kleider statt dunkel Grobgestricktes trugen. Der Butler hatte einen herabhängenden orangefarbenen Schnurrbart. Um den Kopf der Köchin war ein Paisley-Tuch gebunden. Ich hörte das französische Stimmengewirr und fürchtete mich auf einmal, aus dem Wagen zu steigen.

Doch dann ergriff Madame Crépet meine Hand. »Dies hier ist dein Zuhause, solange du es brauchst, ma chère.« Ihre Worte ließen einen Kloß in meiner Kehle wachsen, den ich mühsam hinunterschluckte. Sie nahm die Decke vom Schoß. »Bist du bereit?«

War ich das? Ich wusste es nicht. Noch vor einer Woche war ich in Fairbridge gewesen, im selben Winkel Schottlands, wo ich die vergangenen fünfzehn Jahre verbracht hatte. Als ich mit Madame Crépet aufbrach, hatte ich an ein Abenteuer geglaubt. Ich hatte vergessen, dass artige Mädchen aus gutem Hause keine Abenteuer erleben durften.

Mein Kopf schmerzte vor lauter Farben und Licht und fremd klingenden Worten, denen meine Ohren angestrengt lauschten. Es roch nach Rosen – üppig und träge. War es nicht zu früh dafür? Ein Mann, dessen Weste blau gefleckt war wie ein Rabenei, näherte sich dem Wagen. Er lächelte breit und öffnete die Arme.

»Kann das denn die petite princesse sein? Ich weiß noch, wie du mir bis an die Knie reichtest und uns alle mit deinem Lächeln verzaubert hast.« Er sprach ganz selbstverständlich Englisch, und durch seinen französischen Akzent schimmerte dann und wann ein wenig Glasgow hindurch. »Kannst du dich nicht an mich erinnern?«

Die Frage war nicht fair. Aus der Zeit, in der ich ihm bis an die Knie gereicht hatte, war mir außer dem Kinderzimmer nicht viel in Erinnerung geblieben. Ich stieg aus dem Wagen und lugte unter der Hutkrempe hervor auf den Mann. Er hatte einen weichen braunen Bart, der ihm bis über die Krawatte reichte, und seine Augen waren dunkel wie Rosinen. Vielleicht erinnerte ich mich doch an ihn.

»Sind Sie Monsieur Crépet?«

Sein Grinsen wurde breiter. »Oui!« Er ergriff meine Hände. »Willkommen in meiner Picardie, Mademoiselle.« Er beugte sich vor und drückte mir einen kitzelnden Kuss auf beide Wangen. Vater hatte immer nach Rowlands Makassar-Öl gerochen und leicht holzig wie die Späne eines Bleistifts, doch bei Monsieur Crépet roch ich Kaffee und Knoblauch, Terpentin und Tabak. Seine Krawatte war mit grüner und gelber Farbe bespritzt.

»Ihre Picardie?«

Madame Crépet hakte ihren Mann unter. »Cher Claude, er würde am liebsten die schönsten Teile Frankreichs ganz für sich beanspruchen.«

»Nur lange genug, um sie zu malen.« Er küsste ihren Handrücken, worauf sie wie ein Schulmädchen errötete.

»Und morgen lernst du den noch fehlenden Teil unserer Familie kennen. Unser petit Luc kommt von der Universität nach Hause. An ihn kannst du dich vermutlich auch nicht erinnern.«

Madame war uns jedes Frühjahr in Perthshire besuchen gekommen und hatte zwei Wochen lang die mit rosafarbenem Moiré ausgestattete Gästesuite in Fairbridge bewohnt. Nur einmal, erinnerte ich mich, war ihre Familie mitgereist. Ich hatte ganz vergessen, dass sie einen Sohn hatte.

Eine gefleckte Katze strich aus der offenen Haustür, dicht gefolgt von einem Hund. Die beiden schossen zwischen unseren Beinen hindurch, bevor sie über den Rasen jagten. Ein Hausmädchen schrie auf und sprang beiseite, Madame lachte, und der Butler ließ seine Brille fallen, wobei er etwas ausstieß, das gewiss ein französischer Fluch war.

Auf einmal fühlte ich mich erschöpft. Hier war alles zu hell, zu laut, zu anders. Ich drückte die Hände gegen den kratzigen Krepp meines Rocks. Vor diesem schmerzhaft weißen Château war ich der einzige schwarze Fleck.

Das Schlafzimmer war in einem stillen, verblichenen Blau gehalten.

Es befand sich ganz oben in einem Turm. Runde Steinmauern mit schlaffen Wandteppichen, die aussahen, als hingen sie seit der Zeit von Ludwig XVI. dort; staubige Idyllen mit Schafen und Jungen und übertrieben gekleideten Schäferinnen. Mitten im Raum thronte ein schweres altes Himmelbett mit azurblauen Vorhängen. Es hing in der Mitte durch und war mit Spitze und zu vielen Kissen überhäuft, aber sauber. Ich ließ meinen Koffer darauf fallen und wünschte, ich wäre allein.

Doch die Crépets ließen sich Zeit. Madame jammerte wegen des Handtuchs am Waschtisch, der nicht zur Waschschüssel passte, und Monsieur rückte die schiefen Wandteppiche zurecht.

»Ich schicke Yvette, damit sie deinen Koffer auspackt.«

Monsieur Crépet ließ den Wandteppich los. »Rowena, ich glaube, das Kind möchte sich ausruhen.«

»Gewiss doch, gewiss.« Sie rieb die Hände aneinander. »Und das Abendessen … Soll ich dir ein Tablett hochschicken?«

Ich nickte. »Vielen Dank.«

Bevor sie das Zimmer verließen, hielt Madame auf der Schwelle inne. »Ich hoffe, du wirst Mille Mots so lange wie nötig als dein Heim betrachten, mein Kind. Deine Eltern waren liebe Freunde von uns, und wir trauern mit dir.«

»Vielen Dank, aber ich bleibe nur, bis sie meine Mutter gefunden haben.«

Madame und Monsieur wechselten einen Blick, so, wie Erwachsene seit sechs Wochen über meinen Kopf hinweg Blicke wechselten.

»Vater hat immer gesagt, sie werde für mich zurückkommen.« Da war er wieder, der Kloß in meiner Kehle, den ich seit dem Abend spürte, an dem er gestorben war.

Madame zögerte, und so war es Monsieur, der schließlich sagte: »Das wird sie sicher.«

Als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, warf ich mich aufs Bett und weinte.

Als ich später aufwachte, taten mir die Augen weh. Die Kerze auf dem Nachttisch war fast heruntergebrannt, daneben stand ein Tablett mit dem Abendessen. Ich rieb mir mit einem verknitterten Ärmel über die Augen und zog mich vom Bett hoch. Auf dem Tablett befanden sich einige Scheiben kalte gebratene Ente, die mit Kräutern und schwarzem Pfeffer gewürzt war, ein Stück knuspriges Brot und ein weicher, streng riechender Käse. Miss May, meine Gouvernante, hatte immer gesagt, dass Pfeffer den Körper zu sehr errege. Ich riss das Brot in kleine Stücke und ließ den Rest liegen.

Ich trat kauend ans Fenster und stieß es auf. Wie spät mochte es sein? Der mit Sternen gesprenkelte Himmel war so schwarz wie in Schottland. Vielleicht war Frankreich doch nicht so anders. Im Dunkeln wirkte es weniger einschüchternd.

Nachdem Mutter weggegangen war, hatte ich mich oft aus meinem Schlafzimmer aufs Dach von Fairbridge geschlichen, um mir den nächtlichen Himmel anzusehen. Dann fragte ich mich, wo sie sein mochte. Eines Abends entdeckte ich meinen Vater, als ich auf dem Dach war.

Er trug eine ausgebeulte Strickjacke und Pantoffeln, seine Haare waren ungekämmt. Er beugte sich aus seinem Fenster, die Augen auf den dunklen Himmel gerichtet, so, wie auch ich es jede Nacht tat. Ich wollte schon in mein Zimmer zurückschleichen, doch er fragte, ohne den Kopf zu drehen: »Kennst du die Sternbilder?«

Ich blieb, wo ich war, die Knie unter meinem Nachthemd hochgezogen. »Nein, Sir.«

Er holte tief Luft. »Das da drüben ist Pegasus.« Er deutete auf eine schwache Ansammlung von Sternen. »Siehst du? Dort sind die Vorderbeine. Das Rechteck ist sein Körper. Und ein Stück darüber erkennst du Hals und Kopf.« Er fuhr die Umrisse mit dem Finger nach. Ich konnte sie nicht erkennen, vertraute aber darauf, dass sie da waren.

Ich rutschte näher heran. »Was sonst noch?«

»Neben Pegasus ist Perseus mit seinem Schwert. Dort und dort.«

Ich wollte nicht, dass er hineinging und das leise Gespräch beendete, denn wir hatten seit langer Zeit nicht richtig miteinander gesprochen. »Mir gefallen die Sternbilder.«

»Mir auch.« Er seufzte, weißer Atem stieg in die dunkle Nacht. »Die Welt mag kommen und gehen, aber die Sterne bleiben immer gleich.«

Daran musste ich jetzt denken, als ich mich aus dem Turmfenster von Mille Mots lehnte. Meine kleine Welt hatte sich sehr verändert. Ich hatte den einzigen Menschen verloren, der mir geblieben war. Ich hatte Schottland verlassen. Doch in diesem seltsamen Château, in diesem seltsamen Land breiteten sich die Sternbilder immer noch über mir aus und bewahrten auf ewig ihre Geschichten.

Irgendwo unter meinem Fenster stellte jemand ein Grammophon an. Ich kannte die Melodie nicht – ein lebhaftes, schnelles Klavierstück –, aber mir fiel eine Last vom Herzen.

»Gute Nacht, Vater«, flüsterte ich den Sternen zu und kroch ins Bett, mit der Grammophonmusik an der Schwelle des Schlafs.

2

Clare

1911

Am nächsten Morgen weckte mich mein knurrender Magen. Das Sonnenlicht drängte gegen die Bettvorhänge. Frankreich war immer noch genauso leuchtend wie gestern. Ich setzte mich hin. Mein Kleid war verknittert und voller Brotkrümel. Mein Magen teilte mir unmissverständlich mit, dass ich gestern Abend nicht genug gegessen hatte.

Ich wusch mich und wartete, doch niemand kam herauf, um mich anzukleiden oder zu frisieren. Niemand brachte mir ein neues Tablett. Vielleicht sollte ich mich allein anziehen und ins Speisezimmer gehen. Aßen die Franzosen auch Porridge zum Frühstück? Vermutlich eher solche seltsamen Dinge wie die, die man mir gestern Abend gebracht hatte. Mein Magen knurrte wieder.

Irgendwo vor meinem Fenster hämmerte es rhythmisch. Ich stellte mir Holzfäller mit Äxten vor oder Riesen mit Butterfässern wie in einem Märchen, marschierende Soldaten. Ich lehnte mich hinaus und hielt Ausschau nach der Geräuschquelle, sah aber nur den grünen Rasen, die wuchernden Rosen und das moosbewachsene Schieferdach des Châteaus.

Ich zog Kleid und Unterwäsche aus. Mein Koffer war zur Hälfte ausgepackt worden, während ich schlief, vermutlich von derselben Person, die mir auch das Essen gebracht hatte. Nach frischen Unterröcken und einem Mieder, nach Strümpfen und Strumpfhaltern musste ich suchen, während die verhassten schwarzen Kleider fein säuberlich im Schrank hingen.

Ich hatte sechs Wochen lang Schwarz getragen und vorher mein Leben lang Grau. In Frankreich war die Farbpalette deutlich größer. Seit meiner Ankunft hatte ich Farben gesehen, die ich nur von den unbenutzten Tuben in Mutters Malkasten kannte. Vielleicht war ich deshalb so überwältigt. Ich sah sie nie auf einer Leinwand verteilt. Doch nun, da das Ultramarin und Viridiangrün und Karminrot in eine Landschaft gepinselt waren, an ein Haus, an Menschen, wurde ich nachdenklich. Empfanden die Menschen auch anders, wenn ihr Leben leuchtend bunt wie ein Gemälde war? Konnten sie trauern und wünschen und hassen und träumen, wenn ihre Tage farbig erglühten? Ich erinnerte mich an die Grammophonmusik, die letzte Nacht durch mein Fenster gedrungen war, an die übermütigen Läufe und Triller des Klaviers. Konnte ich fernab von Schottland, dem Leben, das ich immer geführt hatte, auch anders sein? Ich schloss den Kleiderschrank und öffnete meinen Koffer.

Das Kleid, das darin lag, war nicht schwarz und nicht neu. Es war ein altes Kleid meiner Mutter, ein Teekleid, das schon fünf Jahre aus der Mode gewesen war, als sie es in Fairbridge zurückgelassen hatte. Es hatte ein spitz zulaufendes Mieder, einen rüschenbesetzten Rock und Ärmel, die bis zu den Ellbogen reichten und mit winzigen Perlenknöpfen geschlossen wurden. Es war ganz und gar romantisch und grün wie die schottischen Hügel im Frühjahr. Ich hatte es mithilfe meiner Sticknadeln geändert, wenn Miss May nicht hinsah. Es war kein steifer Krepp, kein trauriges Schwarz, nicht still wie ein Klassenzimmer. Es war genau das, was ich brauchte, es war anders.

Ich zog das grüne Kleid an. Es kam mir ein bisschen rebellisch vor, nach nur sechs Wochen etwas so Buntes zu tragen. Meine Gouvernante, Miss May, ein Überbleibsel aus viktorianischer Zeit, wäre in Ohnmacht gefallen. Doch sie war ja nicht hier. Hier waren Madame Crépet mit ihrem honiggelben Kleid und Monsieur mit seinem farbbespritzten Rock und Mille Mots, weiß und grün und mit Blumen berankt, und ich wollte dazugehören. Ich sandte ein rasches, schuldbewusstes Gebet an meinen Vater und hoffte, er würde mir vergeben.

Ich kämmte mir die Haare mit den Fingern nach hinten und betrachtete mich im Spiegel. Ich fragte mich, ob ich älter oder wie ein kleines Mädchen aussah, das sich verkleidet hat. Es gab wohl nur einen Weg, das herauszufinden.

Der Rest des Hauses war ebenso schäbig wie mein Schlafzimmer. In den Fluren löste sich die Tapete von den Wänden, die Möbel passten nicht zusammen. Hier und da standen Skulpturen auf zerschrammten Tischen, manche grotesk, andere von herzzerreißender Schönheit. Ich entdeckte eine Treppe, die mit einem verschlissenen grünen Läufer ausgelegt war und in die Eingangshalle führte. Ich erinnerte mich an den Raum, blasser Stein, dunkles Holz und eine Kakophonie von Gemälden. Man hatte mich noch nicht herumgeführt. Ich wusste nicht, wo das Frühstückszimmer war.

Während ich so in der Halle stand und die vier Türen betrachtete, die in unbekannte Räume führten, flog die Haustür auf. Ein Junge kam pfeifend herein und schwang einen Tennisschläger, mit dem er mich nur knapp verfehlte.

Ich duckte mich. »Verflucht, Frankreich ist ein gefährlicher Ort!«

Der Junge hörte auf zu pfeifen und starrte mich an.

Eigentlich war er kein Junge mehr, das bemerkte ich erst jetzt. Er war einen ganzen Kopf größer als ich. Seine dunklen Haare waren feucht und kräuselten sich, sein Hemd war schweißnass, sein Gesicht rosig von der sportlichen Anstrengung – er sah aus wie ein Mann.

»Pardon«, sagte ich und trat beiseite.

Er neigte den Kopf. Ich fragte mich, warum er mich so anstarrte, immerhin war er auch nicht gerade wie ein Gentleman gekleidet. Vater trug immer ein Jackett, selbst beim Krocket. Es tat weh, an Vater zu denken, der immer so respektabel gewirkt hatte. Dieser junge Mann hingegen trug weder Jackett noch Weste, nur ein weißes Hemd mit offenem Kragen, das in eine lose sitzende Hose gesteckt war. Wie ein Pirat hatte er sich ein scharlachrotes Tuch um die Taille gebunden.

Mein Gesicht brannte, als er mich musterte, und ich schaute auf meine Schuhspitzen hinunter.

»Sie haben recht. Frankreich ist in der Tat gefährlich.« Ich blickte hoch und sah, wie er zwinkerte. Er schwang seinen Schläger wie einen Degen. »Dies ist das Land der drei Musketiere, der Guillotine, der Geister in der Oper. Aber auch das Land der Kunst und der Liebe.«

»Bei uns in Schottland gibt es auch Kunst«, sagte ich ein wenig defensiv.

»Aha, Sie sind Künstlerin, Mademoiselle?«

»Ich bin erst fünfzehn.«

»Und ich bin neunzehn, aber was hat das schon zu sagen?«

Vielleicht würde er die zahlreichen Skizzenbücher in meinem Koffer verstehen.

»Sind Sie denn ein Künstler?«

»Ich zeichne Paris für Touristen. Unter anderem.«

Paris! »Und dennoch spielen Sie hier auf dem Land Tennis?«

»Gelegentlich muss ich meine Maman besuchen.« Er verbeugte sich theatralisch. Die Zipfel des roten Tuchs streiften seine Leinenschuhe. »Luc René Rieulle Crépet.«

Er war nun wirklich nicht der »petit Luc«, den Madame Crépet angekündigt hatte. »Clare Ross. Einfach nur Clare Ross.«

»Clare Ross.« Er probierte es. In seinem Mund klangen die vertrauten Silben meines Namens plötzlich exotisch und verzaubert. Ich wünschte, er würde sie noch einmal aussprechen. »Aber Sie sind sicher nicht durch Mille Mots gewandert, weil Sie hofften, mich zu treffen.«

Mein verräterischer Magen gab die Antwort.

»Ach, Sie haben das Frühstück verpasst, was?« Er stellte seinen Tennisschläger in einen Schirmständer. »Dann gehen wir mal in die Küche, um Ihnen was zu suchen.«

»In die Küche?« In Fairbridge herrschte Mrs. Gowrlay, eine humorlose Frau mit behaartem Kinn, über die Küche. Ich argwöhnte, dass sie eine menschenfressende Riesin war, die sich nur als schottische Köchin verkleidet hatte. »Man kann in die Küche gehen, wann immer man möchte?«

»Als Junge habe ich die meiste Zeit dort verbracht. Marthe hat fünf Söhne und diverse Sittiche. Es hat sie nie gestört, solange ich mich vom Herd fernhielt.« Er ging auf eine Tür zu. »Kommen Sie.«

Ich machte einen Schritt auf ihn zu. »Falls es ihr nichts ausmacht.«

»Sie hat Mitleid mit allen, die hungrig ihre Küche betreten.« Er sagte es mit einem Augenzwinkern. »Es gibt sicher einen Laib ficelle, Maroilles-Käse und Knoblauchwurst. Vielleicht sogar chouquettes mit Mandeln.«

Ich kannte nicht einmal die Hälfte dieser Dinge. »Tee und Toast reichen völlig aus.«

»Unsinn. Sie sind hier in Frankreich, Mademoiselle. Unsere Küche hat viel mehr zu bieten.« Er stieß eine Tür auf, hinter der sich eine Treppe verbarg. »Außer natürlich, Sie fürchten sich.«

Ein Abenteuer, sagte ich mir. »Ich fürchte mich nie.«

Marthe war eine große, langgliedrige Frau mit rosigen Wangen und dichtem Haar, um das sie ein Tuch geknotet hatte. In ihrer Tasche hatte sie Samenkörner für ein halbes Dutzend Sittiche, deren Käfige auf einem Regal aufgereiht standen. Als sie mich bemerkte, schnalzte sie mit der Zunge und verkündete, ich müsse gefüttert werden, ich sei mager wie ein Geist. Luc wirkte ein wenig verlegen, als er übersetzte.

»Sie hat gesagt, die Briten verstünden sich nicht aufs Essen.« Er schaute auf meine schmalen Handgelenke, die aus den Manschetten mit den Perlenknöpfen lugten. Ich versteckte die Hände hinter dem Rücken. »Nur gekochtes Fleisch und zerkochtes Gemüse. Sie brauchen Salz und Kräuter und üppigen Käse. Sie war noch nicht auf dem Markt, aber wenn ihr in diesem Moment die Küche des Präsidenten zur Verfügung stünde, würde Sie Ihnen etwas Warmes, Klebriges machen. Aligot oder garbure mit Wein.«

»Toast reicht völlig aus.« Ich sehnte mich geradezu verzweifelt nach etwas Schlichtem. »Porridge?«

Marthe schnalzte erneut mit der Zunge, doch Luc tat ihre Proteste ab. Er schaute mir in die Augen und fragte: »Vertrauen Sie mir, Mademoiselle?«

Es war eine seltsame Frage von einem Jungen, dem ich gerade erst begegnet war. »Ich denke schon. Sie wollen mich doch nicht vergiften, oder?«

»Nun, wie ich sagte, Frankreich ist gefährlich.« Von dem Dampf in der Küche kräuselten sich seine Haare über den Ohren. »Aber in Marthes Küche sind Sie sicher.« Er klopfte auf einen hohen Hocker. »Bei mir sind Sie sicher.«

Die Küche war von unbekannten Gerüchen erfüllt, doch es beruhigte mich, aufgehende Brotlaibe zu sehen, geschälte weiße Zwiebeln und Kartoffeln. Die Pfanne auf dem Herd zischte. Ich atmete den Duft von Butter, Zwiebeln und Wärme ein. »Ich glaube Ihnen.« Ich strich mein grünes Kleid glatt und setzte mich hin.

Luc grinste rasch und unvermittelt. Er zupfte ein gestreiftes Geschirrtuch von Marthes Schulter und küsste ihre gerötete Wange. »Wenn ich nicht gerade Pariser Touristen zeichne, arbeite ich als Kellner.« Er drapierte das Handtuch über einen Arm und legte einen Finger als Schnurrbart über die Oberlippe. »Mademoiselle«, flötete er übertrieben, »zu Ihren Diensten. Was wünschen Sie heute zu speisen?«

Ich lächelte beinahe. »Sie haben gesagt, kein Toast, aber wie steht es mit Brot? Ich hatte gestern Abend welches auf meinem Tablett.«

Er schnippte mit den Fingern. »Aber das ist nicht nur Brot.« Er nahm einen langen, dünnen Laib und brach am Ende ein Stück ab. »Ficelle.«

Die Kruste war warm und knirschte zwischen den Zähnen. Es war herrlich.

»Schmeckt es Ihnen? Hier, versuchen Sie es mit Lavendelhonig.«

»Im Garten in Fairbridge wächst auch Lavendel.« Der Honig tropfte vom Brot auf meine Handfläche. Er schmeckte nach Blumen und Sommer.

Luc brachte mir eine karierte Serviette, die dünn und weich vom vielen Waschen war. Als ich mir den Mund abwischte, reihte er kleine Gläser und Löffel auf dem Tisch auf. Marthe nickte zustimmend vom Herd herüber.

»Sie sind ein hervorragender Kellner«, sagte ich, als ich einen Löffel mit durchscheinendem Gold entgegennahm.

»Birnengelee. Haben Sie mir vorhin etwa nicht geglaubt?«

Das Gelee war süß und geschmeidig. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Zähne. »Warum sollte jemand nach Paris gehen, um als Kellner zu arbeiten?«

»Und als aufstrebender Künstler, vergessen Sie das nicht.« Er reichte mir einen weiteren Löffel, diesmal mit sonnengelben Schnitzen darin.

»Marmelade?«

»Eingelegter Ingwer. Draufbeißen und einen Moment auf der Zunge behalten.«

Mein Mund prickelte.

»Die Römer haben ihn wegen der Verdauung gegessen, die Griechen wegen der Liebe.«

»Sie kennen sich also nicht nur mit Servieren aus.«

»In meiner Freizeit studiere ich an der Universität.« Er nahm ein einfaches Glas aus dem Regal und füllte es mit Wasser.

Ich hatte nie mit eigenen Augen eine Universität gesehen. Mutter hatte ein Foto in ihrer Frisierkommode versteckt, auf dem sie mit einer jungen, überschwänglichen Madame Crépet zu sehen war. Beide posierten mit Skizzenbüchern in der Hand vor einem seriös wirkenden Gebäude. In der Ecke stand Eena und Mudge, an die Stifte, fertig, los! »Studieren Sie Kunst wie unsere Mütter?«

»Nein, noch besser.« Er löffelte etwas heraus, das dick und braun wie Herbstlaub war. »Die antike Welt. Philosophie. Rhetorik.«

Ich probierte die Marmelade mit der Zungenspitze. »Apfel?«

»Mispel. Man pflückt sie am besten nach dem ersten Frost.«

»Und was sind Sie dann am Ende? Abgesehen von Aristoteles?«

»Ein Lehrer. An der École Normale Supérieure werden die besten Lehrer Europas ausgebildet.«

»Lehrer?« Ich steckte den Löffel in den Mund. »Das ist so …«

»Bürgerlich?« Er zog die Augenbrauen hoch. »Ich weiß.« Er verschwand in der Speisekammer.

»Das hatte ich von einem Künstlersohn nicht erwartet.«

»Maman hat sich gegen ihre Eltern aufgelehnt, indem sie mit einem doppelt so alten Maler in die Picardie durchgebrannt ist. Ich lehne mich auf, indem ich solide werde.«

»Ich weiß nicht, ob Sie mit dieser roten Schärpe jemals solide werden.«

Er kehrte mit in Stoff gewickelten Bündeln und abgedeckten Tellern an den Tisch zurück, ein Messer wie ein Korsar zwischen die Zähne geklemmt. »Einmal Bohème, immer Bohème, nehme ich an.«

»Wollten Sie schon immer Lehrer werden?«

»Natürlich nicht. Ich wollte ein exzellenter Fechter werden. Und Ornithologe. Und einen ganzen Sommer lang ein brillanter englischer Detektiv wie Sherlock Holmes. Am allerliebsten aber wollte ich ein Tennisstar werden.« Er bot mir eine papierdünne Scheibe Schinken auf der Messerspitze an.

Sie zerging fast auf der Zunge. »Der ist ja ganz süß!«

»Bayonner Schinken. Er wird in Meersalz gepökelt und am Meeresufer an der Luft getrocknet.«

Es war, als schmeckte ich die See. »Sind Sie nicht schon Tennisspieler?« Ich kannte mich mit diesem Sport nicht aus, aber er hatte den Schläger vorhin wie ein Experte geschwungen.

»Nicht nur Tennisspieler, sondern ein Star. Wie Paul Aymé oder André Vacherot oder Max Decugis.« Er schob sich eine dunkle Locke aus der Stirn. »Ich will beim Championnat de France spielen, bei der französischen Hallenmeisterschaft, der Riviera Championship. Sie haben jetzt sogar Tennis als olympische Disziplin zugelassen.«

Ich hatte nie von diesen Männern oder Turnieren gehört, doch sein Gesicht glühte, und seine Worte überschlugen sich, als er ihre Namen aussprach. Ich beugte mich vor. »Und werden Sie das? Werden Sie ein Star?«

Er wickelte einen leuchtend orangefarbenen Käsekeil aus. »Solche Träume sind unpraktisch.«

»Wer behauptet denn, Träume müssten praktisch sein? Wenn sie es wären, müssten wir sie nicht mitten in der Nacht verbergen.« Ich brach ein Stückchen Käse ab.

Er schaute mich unter dichten Wimpern an. »Und wovon träumen Sie?«

Der Käse schmeckte süß und nussig und ganz und gar köstlich. »Wovon ich träume?« Ich wischte mir Krümel von der Lippe. »Nun, ich habe noch nie jemandem davon erzählt. Ich nehme an, Sie können es erraten.«

»Mimolette.«

»Verzeihung?«

»Der Käse. Papas Lieblingskäse.« Er schnitt mir noch ein Stück ab, hielt es aber außer Reichweite. »Gestehen Sie, sonst fliegt der Mimolette ins Feuer!«

»Natürlich Kunst.« Ich sprang von meinem Hocker und schnappte mir den Käse. »Die Glasgow School of Art, genau wie bei unseren Müttern. Ich möchte zeichnen lernen, malen, radieren, schnitzen, Bildhauerei … arrangieren und entwerfen. Alles lernen, was man mir dort beibringen kann.« Ich aß den Käse mit einem Biss. »Und ich werde die Schule nicht abbrechen wie meine Mutter. Ich werde nicht alles für eine Ehe aufgeben.«

»Meine Maman hat die Kunstakademie ebenfalls verlassen, um zu heiraten.«

»Hat Ihr Vater auch dort studiert?«

»Noch schlimmer. Er war ihr Lehrer. Ein ziemlicher Skandal.«

»Mutter hat sehr liebevoll von Ihrem Vater gesprochen. Aber die spannenden Dinge hat sie anscheinend ausgelassen.«

»Sie waren alle befreundet. Unsere Mütter, unsere Väter.« Er wischte das Messer am Handtuch ab. »Ich habe einige von Papas Studien aus jener Zeit gesehen. Wilde Dinnerpartys, Cafés, Picknicks, Ruderpartien auf dem Clyde.«

Mutter hatte immer sehnsüchtig von der Kunstakademie gesprochen, nicht aber von ihrem Leben in Glasgow. Hatte sie Zigeunerohrringe getragen wie Madame Crépet? Hatte sie schwarzen Kaffee getrunken und in verräucherten Cafés über Sozialismus diskutiert?

Vater war Teil dieses Lebens gewesen. Eine Zeit lang hatte er über seine Architektenlehre hinausgeblickt, hatte Abendkurse an der Kunstakademie belegt, gerade lange genug, um sich in eine rothaarige Kunststudentin namens Maud zu verlieben. Ich hatte mich immer gefragt, was die beiden zusammengeführt hatte. Ich wünschte, ich hätte ihn danach gefragt. Ich hätte ihn so vieles fragen sollen.

»Und dann haben sie geheiratet und alles hinter sich gelassen. Das Rudern, die Partys, das Studium. Aber sie blieben befreundet. Auch als meine Eltern nach Frankreich gingen.« Er nahm den Deckel von einer Schüssel und schob mit einem Stück Brot etwas Hellbraunes, Cremiges darauf. »Hier, das ist Knoblauchpâté.«

Ich nahm das Brot, aß es aber nicht. »So eng befreundet können sie nicht gewesen sein. Sie lebten in verschiedenen Ländern, führten ein ganz anderes Leben. Sie haben sich nur einmal im Jahr gesehen.« Ich fuhr mit dem Finger durch die Pâté und leckte ihn ab. Sie schmeckte nach Knoblauch und Kräutern, wie ein herbstlicher Wald.

»Ich denke, ich hatte nie einen Freund, mit dem ich mich auseinandergelebt habe«, sagte er.

Ich auch nicht. Nachdem Mutter weggegangen war, behielt Vater mich bei sich. Vielleicht war er einsam. Vielleicht fürchtete er, auch mich zu verlieren. »Man muss immer irgendwo anfangen«, sagte ich, den Geschmack noch auf der Zunge. Und zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte ich mir ein Lächeln.

3

Luc

1911

Clare Ross war nicht die erste Streunerin, die Maman mit nach Mille Mots brachte. Sie schleppte immer irgendwelche elenden Geschöpfe an, die eine wunde Pfote oder einen gebrochenen Flügel hatten, den sie mit ihrem Taschentuch verband. Neben Marthes Sittichen beherbergten wir zahlreiche Hunde, einige magere Katzen, Vögel, ein Mäusebaby und einmal sogar ein dreibeiniges Eichhörnchen. Für mich war ein junges Mädchen ähnlich geheimnisvoll wie ein zahmes Eichhörnchen.

Für Maman wohl auch. Sie schrieb mir von Calais aus und kündigte an, dass sie eine Besucherin mitbringen werde, die Tochter ihrer alten Freundin Maud. Kommst du am Wochenende nach Hause, Luc? Dein Papa arbeitet an dem Fries mit den Schlangen und den Schwänen und ist die meiste Zeit in Reims. Ich bin mir sicher, Clare möchte nicht ganz allein mit mir hier sitzen.

Und obwohl ich studieren und arbeiten musste und in meiner Freizeit lieber Tennis gespielt hätte, gehorchte ich. Mamans Nachricht klang ein wenig verzweifelt. Ich kniff mich von innen ins Handgelenk, so, wie Maman es gemacht hatte, wenn ich als kleiner Junge in der Kirche mit den Beinen zappelte. Ich war ein guter Crépet. Ich komme am Samstagabend, schrieb ich zurück.

Ich wollte nicht das Kindermädchen spielen. Ich rechnete mit Trauerkleidung und Tränen, einer steifen britischen Haltung. Ich rechnete damit, stundenlang höflich sein zu müssen. Stattdessen stieß ich in der Eingangshalle auf ein schüchternes Mädchen mit einer Gloriole aus tizianrotem Haar und einem zarten Kleid, das die Farbe von Sommerlaub hatte. Sie hätte eine von Papas Feenköniginnen sein können. Ihr Gesicht wirkte verschlossen, doch die Augen blickten eindringlich und neugierig und huschten ruhelos umher. Ich fragte mich, wie Mille Mots wohl auf sie wirken mochte.

Auf der Zugfahrt zurück nach Paris versuchte ich zu lernen, aber meine Gedanken wanderten immer wieder zu Clare Ross und ihrem einzigen, vorsichtigen Lächeln. Ich fühlte, dass sie es nicht oft zeigte. Und obwohl ich es nicht geplant hatte, war mir klar, dass ich bald wieder hinfahren würde.

Als ich am folgenden Samstag nach Mille Mots kam, war Mademoiselle Ross nicht im Château. Ich fand sie unter der alten Kastanie, ein Skizzenbuch gegen die Knie gelehnt. Sie trug wieder das blattgrüne Kleid. Neben ihr im Gras lagen zwei Hunde, der eine schnarchte, der andere sah mir mit gespannter Aufmerksamkeit schwanzwedelnd entgegen.

»Da sind Sie ja.« Sie schob sich den Strohhut aus dem Gesicht. »Ich habe Sie seit Tagen nicht gesehen.« Trotz des Hutes war ihre Nasenspitze rosa.

Ich bückte mich, um Bede, den Springer-Spaniel, zu streicheln. Er sprang auf, räkelte sich und leckte mein Handgelenk ab. Der andere, ein dicklicher Köter namens Ripper, gähnte, ohne die Augen zu öffnen. »Paris. Wissen Sie noch?«

Sie nickte. »Sie sind ganz anders angezogen. Auf den ersten Blick habe ich Sie für einen Landpfarrer gehalten.«

Ich schaute auf meinen schwarzen Anzug, die schmale Krawatte und die Manschetten mit den Tintenflecken. »Die inoffizielle Uniform eines Studenten.«

»Mir hat die rote Schärpe besser gefallen. Tragen Sie die immer zum Tennis?« Sie biss auf das Ende ihres Bleistifts. »Mit der haben Sie ausgesehen wie ein Pirat.«

»Sind Sie schon vielen begegnet?«

»Piraten? Weniger als mir lieb wäre.« Sie klopfte aufs Gras, und ich ließ mich neben sie fallen und nahm meine Umhängetasche ab. »Ich habe mir immer vorgestellt, mein Großvater wäre einer. Er ist ständig auf Reisen.«

»Auf den sieben Weltmeeren segeln?«

»Fast. Afrika, Indien, der Ferne Osten. Er ist Linguist.« Sie sagte es, als wäre es eine Beichte, ein schändliches Geheimnis. »Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Ich weiß nicht mal, wo er sich gerade aufhält. Der letzte Brief kam aus Ceylon.«

Ich räusperte mich. »Weiß er von …«

»Ja.« Ihre Haare fielen über die Schultern nach vorn, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen konnte. »Ich habe ihm geschrieben. Ich habe ihm das von Vater berichtet.«

Ein Vogel flatterte vom Baum hoch, und ein Blatt segelte auf Rippers Nase herab. Er nieste und rollte sich herum. »Und Ihre Mutter?«

Sie machte sich an ihrem Skizzenbuch zu schaffen. »Oh, ihr habe ich auch geschrieben. Beinahe jeden Tag in den vergangenen vier Jahren.«

Ihr Stift kratzte so fest über das Papier, dass er abbrach. »Ich wünschte nur, ich hätte ihre Adresse.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was sagt man einem Mädchen, dessen Mutter davongelaufen ist? Maman hatte erzählt, Maud Ross sei leidenschaftlich, eitel, impulsiv und stur gewesen wie eine Ziege. Sie liebte ihre Freundin bedingungslos, wusste aber, dass Maud nie zurückkehren würde.

Grillen zirpten in der Stille. Ich rutschte näher heran. »Was zeichnen Sie gerade?«

»Nichts.« Sie zog die Schultern hoch. »Eine Burg.«

Der Saum von Clares Kleid streifte mein Bein. »Sie zeichnen Mille Mots, nicht wahr?«

»Sehen Sie sonst noch eine Burg?«

Ich streckte mich. »Eigentlich ist es gar keine. Eher die Flause eines albernen Vicomtes vor ein paar Jahrhunderten. Er hegte Thronansprüche.«

Maman hatte sich sofort in das Château verliebt, und Papa stellte seine Staffelei vor der baufälligen Kapelle auf, noch bevor die erste Umzugskiste ausgepackt war. Der Garten blieb auf ihre ausdrückliche Anweisung hin wild und überwuchert, und sie verbrachte den ganzen Sommer damit, die Wildnis sorgfältig zu pflegen. Der Garten war früher mein Klassenzimmer gewesen. Hier lernte ich lesen, umgeben vom Duft der Rosen und des Flusses. Mille Mots war unser kleiner Himmel.

»Mit einem solchen Gebäude hätte ich auch Thronansprüche.«

»Nicht wenn Sie wüssten, was es kostet, es vor dem Einsturz zu bewahren.« Ich bereute meine Worte sofort. Dieses Mädchen mit dem schicken grünen Kleid, den Knöpfstiefeln und dem britischen Landhaus würde das nicht verstehen. Es war so teuer, dieses baufällige Château zu retten, dieses kostbare Stückchen Paradies zu bewahren, dass kein Geld für meine Ausbildung blieb. Ich zwang mich zu lächeln und hoffte, sie würde mich nicht ernst nehmen. »Aber Sie haben recht, es sieht aus wie eine Burg, versunken in der Landschaft.«

»Als wir ankamen, habe ich damit gerechnet, dass man eine Zugbrücke herunterlässt.«

»Und ich war mir immer sicher, dass sich hinter den Rosen und Dornen eine schlafende Prinzessin verbirgt.«

Sie schaute belustigt von ihrem Skizzenbuch auf. »Ich wusste nicht, dass Jungen auch Märchen lesen.«

»Wenn ihre Väter damit berühmt geworden sind, dass sie eine Ausgabe von Perraults Les Contes de Ma Mère l’Oye illustriert haben, schon.« Ich schnitt eine Grimasse.

»Perraults Märchen?« Es roch nach frischem Gras, als sie sich aufsetzte und an einem grünen Fleck auf ihrem Rock rieb. »Natürlich! C. Crépet. Es ist ein hellblaues Buch, nicht wahr?«

Es überraschte mich nicht, dass sie es kannte. Das Buch hatte mich meine ganze Kindheit lang verfolgt. Im Internat nannten mich die Jungen den »Märchenprinzen«. »So ist es.«

»Wie nennt man das heute doch gleich … Jugendstil?«

»Sagen Sie das bloß nicht beim Tee, wenn Sie Streit vermeiden wollen. Es ist natürlich Glasgow School. Können wir das Thema wechseln?«

Sie ließ sich wieder im Gras nieder. »Ich hasse Märchen sowieso.«

»Das ist doch lächerlich. Wer hasst denn Märchen?«

Sie zupfte an ihrem Haarband. »Sie. Sie hätten mal Ihren Gesichtsausdruck sehen sollen, als ich sagte, ich hätte das Buch gelesen.«

Es gefiel mir gar nicht, dass ich so einfach zu durchschauen war. »Sie verblüffen mich.«

Im Gras sitzend, deutete sie einen spöttischen Knicks an. »Danke.«

»War das ein Kompliment?«

»Etwa nicht?«

»Jungen sind viel unkomplizierter. Wir machen einander nie Komplimente. Wir erwarten einfach, dass alles eine Beleidigung ist, und kommen wunderbar damit zurecht.«

Das brachte mir ein Lächeln ein. Nur ein kleines, aber es kam unerwartet. Es ließ ihr ganzes Gesicht aufleuchten. Ich fragte mich, wie ich verhindern konnte, dass es wieder verschwand.

»Ich weiß, wo Papa seine besonderen Stifte aufbewahrt«, sagte ich rasch. »Er wird nicht bemerken, wenn wir uns ein paar davon ausborgen.«

»Stifte?« Sie setzte sich aufrecht hin.

»Conté-Stifte.« Ich stand auf. »Frisch angespitzt.«

Sie folgte mir mit raschen Schritten, ohne weiter nachzufragen, das Skizzenbuch unter den Arm geklemmt, als fürchte sie, ich könnte es mir anders überlegen. Ripper blieb unter dem Baum liegen, doch Bede trottete neben uns her. Ich führte Clare die Treppe hinauf in einen Teil des Châteaus, der tröstlich nach Terpentin und Leinöl roch.

»Gehen wir in Monsieur Crépets Atelier?«, flüsterte sie. »Ist das denn erlaubt?«

»Ganz und gar nicht.« Es gab nur wenige Dinge, die Papa missbilligte. Akademische Kunst. Die Boulevardpresse. Spanien. Gegner von Dreyfus. Und Menschen, die in seinem Atelier herumstöberten. »Was glauben Sie, warum er Duellpistolen besitzt?«

Sie blieb abrupt im Flur stehen.

»Oder Degen? Er wird Ihnen die Wahl der Waffen überlassen.«

»Hören Sie auf, mich zu necken.« Doch sie rührte sich nicht von der Stelle.

»Keine Sorge, ich werde Ihr Sekundant.« Ich zog sie am Arm. »Wissen Sie nicht mehr? Bei mir sind Sie sicher.«

Sie schaute auf meine Hand, bis ich ihren Arm losließ. »Solange Sie mich nicht in Schwierigkeiten bringen.«

»Ich dachte, Damen wären von kühnen Taten beeindruckt?«

»Aber nicht von Überheblichkeit.«

Ich verneigte mich. »Womit Mademoiselle das Duell gewonnen hätte.«

Im Flur vor dem Atelier war es still, aber ich wartete einen Augenblick, nachdem ich die Tür berührt hatte. Ich war nicht so gelassen, wie ich mich gab. Selbst Bede warf nur einen Blick auf die Tür und sauste wieder nach unten, wobei seine Nägel auf den Dielen klickten. Erst als ich mir sicher war, dass kein Geräusch von drinnen zu hören war, stieß ich die Tür auf.

Der Raum war beinahe blendend hell nach dem dämmrigen Flur mit der rubinroten Tapete. Die Fenster reichten von der Decke fast bis zum Boden, und da es keine Vorhänge gab, flutete das Licht förmlich ins Zimmer. Papa liebte das Wechselspiel von Licht und Schatten so sehr, dass ihn das nach Süden gerichtete Fenster nicht störte. An der Decke verliefen Kabel im Zickzack, es gab Fassungen für Glühbirnen. Nur neben der Tür, wo sich Möbel, Hutschachteln und Ballen hauchdünner Stoffe drängten, war es dunkel.

»Das ist großartig«, rief Clare und trat ein.

Obwohl ich den Raum kannte, konnte ich sie gut verstehen. Meine Besuche in Papas Atelier hatten mich stets mit Ehrfurcht erfüllt, auch wenn ich es nie zugegeben hätte. Denn hier hatte ich seine Hoffnung, ich würde die Glasgow School of Art besuchen oder auch nur die »Académie des Beaux-Arts, wenn es denn unbedingt sein muss«, zunichtegemacht. Ich konnte nicht zugeben, dass Papas Atelier wie eine Kathedrale einen Frieden ausstrahlte, den ich mir manchmal wünschte.

Clare fuhr mit dem Finger die geschwungene Lehne des malvenfarbenen Sofas nach, auf dem Papa seine Modelle zu drapieren pflegte. »Hat er dort die Bilder für die Märchen gemalt?«

»Manche davon.« Ich ging an den Schrank, in dem er seine Malutensilien aufbewahrte. »Morgens arbeitet er gerne draußen am Fluss. Nachmittags hier drinnen.«

»Die Staffelei ist leer.« Sie ergriff das Ende eines hauchdünnen Tuches und legte es sich um die Schultern. »Wo bewahrt er die Gemälde auf?«

Ich fand neue Pinsel, Ölkreiden, Farbtuben, aber keine Stifte. »An den Wänden.« Ich spähte nach hinten ins dunkle Regal, sah aber nur weitere Tuben und leere Gläser. »Oder an den Wänden anderer Châteaus. Gelegentlich übernimmt er Aufträge.«

»Aber er malt auch für sich?«

»Schon, aber nicht mehr so viel wie früher. Damit hat er Maman ganz verrückt gemacht. Sie meint, er solle nur das malen, was er auch verkaufen könne.«

Clare blieb vor einem Spiegel stehen und setzte einen grünlichen Zylinder auf. »Er malt um der Kunst willen, nicht für Geld.«

Sie mit dem Zylinderhut zu sehen ließ aus irgendeinem Grund meinen Nacken heiß werden, also zog ich einen Hocker heran und suchte weiter in dem Schrank.

»Verstehen Sie nicht? Manchmal dringt die Kunst ganz unerwartet aus der Tiefe hervor, aus der Seele. Sie hat eine Geschichte zu erzählen, und das Zeichnen, das Malen oder die Bildhauerei sind die Vermittler.«

Das waren große Worte für eine Fünfzehnjährige, doch ihre Augen blickten entschlossen. Sie verstand seine Leidenschaft, diesen Drang, den fieberhaften Schöpfergeist, der Papa gelegentlich ergriff. Ich tat das nicht, aber dieses junge Mädchen, konnte es irgendwie.

ENDE DER LESEPROBE