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Gestern war ein Fremder an meiner Tür. Ich brachte Speisen an den Tisch, Getränke an den Tisch, Geschichten, Lieder und Musik zu Gehör. Und der Fremde? Er segnete mich, meine Lieben, meinen Kessel und mein Haus, denn oft, oft, oft, so singt die Lerche in ihrem Lied, reist der Herrgott in des Fremden Gestalt. (Keltisches Gedicht von der Gastlichkeit) Ein Fremder ist ein Freund, den du noch nicht getroffen hast ... will uns unsere Gäste in 27 Märchen und 14 Kochrezepten als potentielle, neue Freunde näherbringen. Während die Märchen zum Träumen, Lachen, Weinen und Nachdenken anregen, laden die Rezepte zum Nachkochen und Genießen ein - ganz im Sinne des keltischen Gedichts von der Gastlichkeit. Viele der ausgewählten Märchen zeigen außerdem, dass unsere Gäste und neuen Mitbürger trotz aller religiösen Unterschiede gar nicht so verschieden von uns sind. Ein Euro von jedem verkauften Exemplar geht an den Verein "Über den Tellerand e.V."
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Yesterday a stranger was at my door
I put food in the eating place
Drink in the drinking place
Stories, songs and music in the listening place
And the stranger he blessed
Me, my dear ones, my kettle and my home
For often, often, often sings the lark in its song
Goes the lord of all in the strangers guise
(Celtic Rune of Hospitality)
Gestern war ein Fremder an meiner Tür.
Ich brachte Speisen an den Tisch,
Getränke an den Tisch,
Geschichten, Lieder und Musik zu Gehör.
Und der Fremde? Er segnete
mich, meine Lieben, meinen Kessel und mein Haus.
Denn oft, oft, oft, so singt die Lerche in ihrem Lied,
reist der Herrgott in des Fremden Gestalt.
(Keltisches Gedicht von der Gastlichkeit).
David Campbell, Edinburgh, Schottland, 2014
Vorwort
Prolog: Ein Bauer erhält Besuch
Der Blinde Mann und der Jäger (Ostafrika)
Die Kuhschwanzgerte (Liberia)
Anansi und die Weisheit (Ghana)
Der Dorfheld (Äthiopien / Eritrea)
Wie der Schakal zu seinem Recht kam (Äthiopien / Eritrea)
Huhn äthiopisch
Rindfleisch-Kürbis-Eintopf mit Grieß
Das schöne Mädchen und der Riese (Afghanistan)
Der Traum der Prinzessin (Afghanistan)
Der Baum des Lebens (Afghanistan)
Das Geschenk der Löwin (Afghanistan)
Die kleine Schwalbe und der Tannenbaum (Afghanistan)
Würzige Kartoffelpuffer mit Joghurt
Cremige Gemüsesuppe
Frischkäse mit Rosinen
Die kluge Tochter des Padischahs und der Perlendieb (Iran, Persien)
Auch dies wird vergehen (Iran / Persien)
Der Kaufmann und der Papagei (Iran / Persien)
Der Mullah und der Esel (Iran / Persien)
Joghurtsuppe mit Kräutern und Hackbällchen
Sellerie-Lamm-Eintopf
Der Eseltreiber und die zwei Diebe (Irak)
Die singende Rose (Irak)
Der Mäusevertilger (Syrien)
Die Frau, die den Himmel betrog (Syrien)
Die Edelsteinschärpe der Tochter des Löwenkönigs (Syrien)
Irakisches Lammragout mit Okra
Mangold – Linsensuppe mit Sumach
Die Blume des Glücks (Sinti und Roma)
Der Teufel und die drei Töchter des Grafen (Sinti und Roma)
Das dumme Weib (Albanien)
Der Vogel in der Brust des Königs (Mazedonien)
Die zwei Groschen (Bosnien)
Mazedonischer Salat
Zucchiniauflauf
Gratiniertes Kalbs- oder Lammragout Elbasaner Art
Der Drachentöter (Deutschland)
Der Geist im Glas (Deutschland)
Die kluge Bauerntochter (Deutschland)
Würziges Hühnerfrikassee
Lammragout mit buntem Gemüse
Epilog: Finn und die süßeste Musik
Quellen
Nachgedacht: Integration, wir schaffen das!
Das Jahr 2015 hat uns schätzungsweise 1 Million neuer Menschen ins Land gebracht. Flüchtlinge aus den Ländern der Levante (Syrien, Irak), aus Persien, aus Afghanistan, aus Afrika und vom Balkan. Jetzt gilt es, diejenigen, die das Recht haben, bei uns zu bleiben, zu integrieren. Das bedeutet für mich, dass wir zuerst zwei Fragen stellen sollten. Die erste Frage lautet: „Wie können diese Menschen uns kennenlernen?“ Die zweite Frage lautet: „Wie können wir diese Menschen kennenlernen?“ Es gibt einen einfachen Weg, Menschen kennenzulernen. Das drückt das folgende keltische Gedicht aus:
Gestern war ein Fremder an meiner Tür.
Ich brachte Speisen an den Tisch,
Getränke an den Tisch,
Geschichten, Lieder und Musik zu Gehör.
Und der Fremde? Er segnete
mich, meine Lieben, meinen Kessel und mein Haus,
Denn oft, oft, oft, so singt die Lerche in ihrem Lied,
reist der Herrgott in des Fremden Gestalt.
(Keltisches Gedicht von der Gastlichkeit).
Mit dieser Sammlung an Geschichten und Rezepten aus den Heimatländern unserer Gäste und neuen Mitbürger versuche ich, einen Beitrag dazu zu leisten, diese möglichen neuen Freunde kennenzulernen. Ich möchte mit einer Geschichte beginnen:
Ich war vor nicht allzu langer Zeit auf einer Hochzeit. Wir feierten im Erdgeschoss eines großen, noblen Hotels, mitten in der Stadt. Der Ballsaal hatte eine Tür, die hinausführte auf die Straße. Wir waren ungefähr 120 Gäste auf dieser Hochzeit.
Während wir aßen, tranken, lachten, das Brautpaar hochleben ließen und tanzten, spielte sich draußen auf der Straße ein Drama ab.
Eine Familie, fremdländisch aussehend, ein Mann, eine Frau und ein kleiner Junge, wurde von einer Gruppe Skinheads durch die Straßen gejagt. Wir bemerkten zunächst nichts davon. Wir waren damit beschäftigt, zu feiern. Draußen in den Straßen dagegen brüllten die Skinheads: „Schlagt dieses Pack tot. Wir wollen die hier nicht!“ Dabei wollte diese Familie an einem wunderschönen Samstagnachmittag nur ganz einfach und ruhig einkaufen. Jetzt flüchteten sie durch die Straßen vor einer wilden, brüllenden Horde: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus! Weg mit diesem dreckigen Pack. Wir müssen das Ungeziefer vernichten!“ Schließlich schaffte es die Familie bis zu der Tür des Ballsaales, in dem wir feierten. Die Tür flog auf. Abgekämpft und keuchend traten die drei ein. Die Frau hatte mittlerweile auf der Flucht ihr Kopftuch verloren. Der kleine Junge war gestürzt. Er weinte, weil ein Knie aufgeschlagen war.
Die Musik hörte auf zu spielen und 120 Augenpaare richteten sich auf die Tür. Einige von uns wollten den drei armen Menschen helfen. Andere dagegen empörten sich: „Was fällt denen ein, unsere Feier zu stören!“ Diejenigen, die sich empört hatten, mokierten sich obendrein: „Seht doch nur, wie sie aussehen. Ja wenn sie wenigstens einigermaßen angemessen gekleidet wären. So aber passen die nicht in unsere Gesellschaft.“ Und der nächste sprach: „Und überhaupt, nachher wollen die noch mit uns essen! Aber wir sind 120 Leute und haben 120 Gedecke bestellt. Da ist nichts übrig für Fremde!“ An dieser Stelle konnte ich nicht anders, als mich zu fragen, was denn das für eine Küche sein soll. Als ob es einen Unterschied bedeutet, ob man 120 oder 123 Gedecke zubereitet.
Glücklicherweise dachten die meisten so wie ich. Und so wurden drei Stühle herbeigeholt und Platz für die drei Neuankömmlinge geschaffen. Die Feier ging fröhlich weiter. Eine der Damen gab der fremden Frau ihr Halstuch, damit sie es als Kopftuch benutzen und ihre Haare bedecken konnte - wie es bei den Fremden offenbar üblich war. Es wurde viel gelacht, viel gesungen und viel getrunken. Im Laufe des Abends wurden auch Lieder der Neuankömmlinge gespielt und dazu gesungen und getanzt. Selbst diejenigen, die sich zu Anfang noch gestört gefühlt hatten, mussten am Ende zugeben, dass dies ein wunderbares Fest war. Es sind an diesem Tag bestimmt auch neue Freundschaften zwischen einigen Gästen und den Fremden entstanden und man beschloss, sich wieder zu sehen. So stelle ich mir eine schöne Hochzeit vor ...
Wenn man jetzt bedenkt, dass wir 120 Gäste waren, dann haben diese drei Neuankömmlinge in keiner Weise gestört. Wenn wir jetzt ferner annehmen, dass es uns auch im letzten Jahr (2016) nicht gelungen wäre, die Flüchtlingsströme einzudämmen, dann hätten wir noch einmal 1 Million neuer Flüchtlinge bekommen und die Zahl der Flüchtlinge wäre auf 2 Millionen angewachsen. Wir sind 82 Millionen Menschen in Deutschland. Wenn man jetzt rechnet 2 Millionen durch 82 Millionen und diesen Anteil nimmt und auf 120 Leute hochrechnet, dann kommt man auf die Zahl 2,44! Das entspricht nicht einmal drei Menschen, also einer kleinen Familie, so, wie sie auf unsere Feier kam. Ich frage mich jetzt, ob es tatsächlich Menschen gibt, die ernsthaft daran glauben, dass drei Menschen, zwei Erwachsene und ein Kind - und seien es auch Muslime, Buddhisten, Juden oder Zahnfeegläubige - in der Lage sind, eine Hochzeit oder die Kultur von 120 Leuten ernsthaft zu gefährden. Auf unserer Feier jedenfalls erwiesen sich die drei Neuankömmlinge eher als Bereicherung.
Und seien wir doch einmal ehrlich. Drei zusätzliche Plätze an einer Tafel für 120 Leute? Drei zusätzliche Gedecke? Das sollte doch wohl allemal möglich sein!
Und was erhalten wir für diese drei zusätzlichen Gedecke? Während dieses Buch entsteht, sind die Medien voll von Berichten über den Islam. Parallel dazu hat eine rechtspopulistische Partei einen enormen Zulauf. Obendrein hat sich eine Initiative gebildet, die in Großkundgebungen versucht, unsere Kultur vor einer Islamisierung zu retten. Man hat also den Eindruck, dass der Islam mehr und mehr unsere Kultur bestimmt. Dabei wird übersehen, dass die Religion lediglich einen – mehr oder weniger bedeutenden - Beitrag zur Bildung einer Kultur beiträgt. Das gilt sowohl für den Islam als auch für das Christentum, das Judentum, den Hinduismus, den Buddhismus, den japanischen Shintoismus. Daneben wird die Kultur aber auch bestimmt durch die Geschichten, Lieder und die Musik einer Gesellschaft. Und dann ist da noch das, was in einer Gesellschaft gegessen wird. Wobei dies sehr stark vom regionalen Nahrungsangebot abhängt. Womit wir wieder beim Kern der Geschichte wären.
Die Neuankömmlinge haben unsere Hochzeit mit ihren Liedern, ihrer Musik und ihren Tänzen bereichert. Und wenn Freundschaften entstanden sind, kann man sich gut vorstellen, dass sich diese neuen Freunde gegenseitig eingeladen und bewirtet haben. Das, was an diesem Tag geschehen ist, stellt sich für mich als eine willkommene Bereicherung unserer Kultur dar. Und natürlich wirkt dieser Mechanismus in beide Richtungen. Nichts Anderes beschreibt das keltische Gedicht von der Gastfreundschaft. Daher habe ich mich entschieden, diese Sammlung von Geschichten und Rezepten aus den Ursprungsländern der Flüchtlingsströme zusammenzustellen.
Für diese Sammlung habe ich Geschichten aus den Ländern Afrikas, aus Afghanistan, aus dem Iran (Persien), aus Syrien und dem Irak sowie vom Balkan ausgewählt. Außerdem habe ich zwei Märchen der Brüder Grimm und ein klassisches Zaubermärchen aus dem deutschsprachigen Raum aufgenommen. Besonders interessant sind dabei die orientalischen Geschichten. Denn sie zeichnen ein ganz anderes Frauenbild, als das, was man gemeinhin mit dem Islam in Verbindung bringt. Augenfällig ist, dass sehr viele Geschichten davon handeln, dass die kluge Frau den dummen Mann aus einer misslichen Lage rettet. Oder sie überlistet den dummen Mann mit weiblicher Raffinesse. Im Gegensatz zur vermeintlichen oder vielleicht auch tatsächlichen Frauenfeindlichkeit des Islams, zeichnen diese Geschichten ein Frauenbild voller Respekt und Ehrfurcht. Das gleiche Bild zeigt sich auch im grimmschen Märchen „Die kluge Bauerntochter“, dass ich im deutschen Teil dieser Sammlung aufgenommen habe.
Der größte Teil der Geschichten stammt aus meinem eigenen Erzählrepertoire. Viele dieser Geschichten habe ich von anderen Erzählerinnen und Erzählern gehört. Einiges stammt auch aus verschiedenen Internetquellen oder aus meiner eigenen Bibliothek an Märchen- und Geschichtenbüchern. Ich habe Fabeln, Zaubermärchen, Schwankmärchen und kleine Weisheitsgeschichten in diese Sammlung aufgenommen, um die Vielfalt der Geschichten unserer neuen Mitbürger und Gäste aufzuzeigen. Diese Geschichten wollen befreit und weitererzählt werden, so wie es in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge und Migranten noch heute weit verbreitet ist.
Die Rezepte sollen einen ersten Eindruck der Geschmackserlebnisse der Gerichte aus den Ländern unserer neuen Mitbürger geben und zum weiteren Forschen anregen.
Sie stammen aus meiner eigenen Bibliothek an Kochbüchern sowie zu einem guten Teil aus verschiedenen Internetquellen wie zum Beispiel Chefkoch.de.
Dabei mag ein relativ hoher Anteil an Suppen und Eintöpfen auffallen. Ich erwähnte eingangs, dass die Speisen unserer Gäste sehr stark von den jeweiligen Lebensumständen abhängen. In den Heimatländern unserer Gäste gibt es für Frauen sehr wenig geeignete Arbeitsplätze. Eine institutionalisierte Kinderbetreuung ist so gut wie gar nicht vorhanden. Dadurch herrscht in diesen Ländern noch eine traditionelle Rollenverteilung, wie sie bei uns bis in die fünfziger Jahre mehr als üblich war. Die zusätzliche Zeit, die den Frauen dabei zur Verfügung steht, sowie die Vorliebe für gute und vielfältige Zutaten und schonende Garmethoden führen dann dazu, dass die Zubereitung beispielsweise eines persischen Gerichtes leicht einmal 3-4 Stunden, wenn nicht gar einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Eine Ausnahme bilden hierbei die Suppen und Eintöpfe. Die Auswahl ist so gewählt, dass man in der Regel mit einer bis anderthalb Stunden für die Zubereitung auskommt. Teilweise sind diese Gerichte sogar dazu geeignet, am Abend nach der Arbeit zubereitet zu werden. Die Zutaten für die hier vorgestellten Gerichte sind auf gut sortierten Wochenmärkten, in gut sortierten Supermärkten sowie im türkischen Lebensmittelhandel problemlos erhältlich.
Ich wünsche Ihnen jetzt viel Spaß beim Lesen, Bearbeiten und Nacherzählen der Geschichten und beim Nachkochen und Genießen der Gerichte aus dieser Sammlung.
Kay Lorenz, Januar 2017
Beginnen möchte ich diese Sammlung mit einer kleinen Geschichte, die möglicherweise vielen eigenartig bekannt vorkommen mag, obwohl sie von mir stammt und bisher nirgends veröffentlicht wurde. Diese Geschichte hat für mich einen allgemein gültigen Charakter und sollte für alle Menschen gelten, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer Kultur, denn sie spiegelt das wieder, was als Grundlage jeder Ethik und Moral gelten kann…
Ein Mann ging einmal eine Straße entlang. An seiner bunten Kleidung und dem kleinen, bunten Pferdekarren mit dem Pony davor konnte man erkennen, dass es ein Zigeuner war. Er ging eine ganze Weile, ohne dass ihm jemand begegnete. Schließlich aber kam ihm ein junger Mann entgegen. Der junge Mann lächelte ihn freundlich an und grüßte ihn. Und dann ging er seines Weges. Die Begegnung mit dem jungen Mann erfreute unseren Wanderer. Kam es doch nicht häufig vor, dass er so freundlich begrüßt wurde. Meistens störten sich die Leute an seinem etwas merkwürdigen, bunten Aussehen. Sie tuschelten: „Da ist wieder einer von diesem Zigeunerpack.“ „Schließt lieber euer Hab und Gut weg, Diebesbande.“ Und also freute es den Wanderer, dem freundlichen, jungen Mann begegnet zu sein und er ging fröhlich ein Stück weiter des Weges.
Er war noch nicht lange gegangen, hinter einer Wegbiegung, da kam er zu einem winzigen Stück Land mit einer kleinen Hütte darauf. Und was sah er dort auf der Straße? Einen anderen Mann, der versuchte einen Toten fortzuschleppen! Da ging unser Wanderer zu dem Fremden und sprach: „Du sollst doch nicht töten.“
Der Mann aber entgegnete: „Nicht ich habe diesen hier getötet. Ist dir nicht gerade eben ein junger Mann entgegengekommen? Er war es, der diesen Mann getötet hat, nicht ich.“ „Ja, er kam mir entgegen. Aber er war so freundlich, dass er diesen hier mit Sicherheit nicht getötet hat. Es kann nichts Gutes daraus entstehen, wenn du deinen Nächsten verleugnest.“ Der Bauer schluckte verlegen: „Ja schon, ich habe diesen Mann getötet. Aber er war so anders. Er sah so anders aus – genau wie du! Und ich konnte nicht in seinem Gesicht lesen. Bestimmt hat er Schlimmes im Schilde geführt. Ich hasse diese fremden Menschen.“ Der Zigeuner entgegnete: „Es gibt keinen Grund, die Anderen zu fürchten. Sieh mich an, mich mögen die Leute auch nicht, obgleich ich keiner Fliege jemals etwas zu Leide getan habe und friedlich meiner Wege ziehe. Und ich hasse niemanden. Aus deiner Angst wird Wut, aus deiner Wut wird Hass. Und Hass vergiftet dein Leben und führt dich geradewegs ins Dunkel.“ „Aber was, wenn einer wirklich Schlimmes getan hat? So Schlimmes, dass er wirklich den Tod verdient?“ „Du hast ganz Recht, es mag einige wenige geben, die für das, was sie getan haben, den Tod verdienen. Aber so viele, die tot sind, verdienen für ihre Taten das Leben. Kannst du es ihnen wiedergeben? Also sei vorsichtig mit deinen Todesurteilen. Aber ich will dir verzeihen, denn du wusstest es nicht besser. Ich werde jetzt weiter wandern. Aber sei gewiss, ich werde wiederkommen und dich besuchen.“ Dann setzte der Zigeuner seine Wanderung fort.
Es vergingen zwei Jahre, da kam er wieder in diese Gegend. Und er kam bei dem Bauern vorbei, mit dem er schon vor Jahr und Tag gesprochen hatte. Und was musste er sehen? Er sah, wie der Bauer auf das Grundstück seines Nachbarn schlich und einen wunderschönen Truthahn stahl! Da sprach er: „Was soll das denn? Du sollst doch nicht stehlen.“
Der Bauer erwiderte: „Ja, aber mein Nachbar hat die schönsten Hühner und die schönsten Kühe. Er hat das schönste Land und sehr viel Gold. Und obendrein hat er eine wunderschöne Frau. Und ich? Ich habe keine Frau. Ich habe nur dieses kleine Stück Land und nur eine kleine schäbige Hütte.“ Der Zigeuner erklärte: „Du sollst doch nicht begehren deines Nachbarn Weib und Vieh und sonstiges Hab und Gut. Sei doch zufrieden, mit dem was du hast. Dir geht es doch gut. Warum willst du immer mehr?“ Der Bauer konnte nicht antworten. Da sprach unser Zigeuner: „Bedenke wohl, was ich dir gerade gesagt habe. Ich werde jetzt weiter wandern. Aber sei gewiss, ich werde wieder vorbeikommen und sehen, wie es dir geht.“ Und mit diesen Worten setzte er seine Wanderung fort. Nicht ohne vorher noch zu bemerken: „Nicht nur der Hass vergiftet dein Leben, sondern auch der Neid.“
Jetzt vergingen Jahre – ich weiß nicht wie viele - bis unser Wanderer wieder in diese Gegend kam. Er hatte sich sehr verändert. Er trug jetzt ein langes, weißes Gewand und einen langen, weißen Bart. Auch sein Haar weiß geworden und sein Gesicht faltig. Sein weißes Haar hing ihm lang und etwas wirr vom Kopf auf die Schultern. Beim Gehen stützte er sich auf einen langen, schön geschnitzten Stab. Er schaute bei seinem Freund vorbei und sah, dass dieser und all seine Sklaven am Arbeiten waren. Aber es fiel ihm auf, dass die Leute alle wie sie da waren sehr müde aussahen. Ja die Leute sahen regelrecht ausgemergelt aus. Dafür stand auf dem Grundstück jetzt ein wunderschönes Haus. Da ging unser Wanderer zu dem Bauern und sprach: „Ich sehe, du hast nicht getötet und nicht gestohlen. Du hast fleißig gearbeitet. Aber sage mir, warum seht ihr alle so müde und ausgemergelten aus?“ Der Bauer erzählte: „Ich habe wohl bedacht, was du mir beim letzten Mal gesagt hast. Und mir ist klargeworden, dass mein Nachbar seinen Wohlstand durch rechtschaffene Arbeit erworben hat.
Und da habe ich mir gedacht, ich will auch so reich werden, in dem ich viel arbeite. Und seit du das letzte Mal hier warst – noch jung und stark - habe ich gearbeitet. Und so habe ich Wohlstand und Sklaven erlangt. Und auch meine Sklaven müssen arbeiten.“ Der Wanderer fragte: „Müssen alle bei dir arbeiten? Du, deine Sklaven und wer sonst auch immer?“ Da sprach der Bauer: „Ja, damit wir zu Wohlstand kommen, müssen alle arbeiten. Meine Sklaven, ich, ja selbst meine Eltern.“ Der weißhaarige Wanderer sprach: „Zunächst einmal sollst Vater und Mutter ehren, denn sie gaben dir das Leben und zogen dich auf. Sie sollten nicht für dich arbeiten müssen. Und dann ist es wunderbar und recht, wenn du arbeitest. Sechs Tage die Woche. Aber es tut dir nicht gut - bei allem Wohlstand den du erlangst - wenn du nur arbeitest. Auch du brauchst Erholung genau wie deine Sklaven. Seht euch doch nur an. Und darum sollt ihr nach getaner Arbeit am siebten Tage ruhen. Sei nicht zu gierig, denn mit der Gier ist es wie mit dem Neid und dem Hass. Sie führt dich ins Dunkel.“
Da fragte ihn der Bauer: „Sage mir einmal, wer du eigentlich bist!“ Der Wanderer entgegnete: „Denken wir einfach, ich wäre ein Freund, dem es daran gelegen ist, dass es dir gut geht.“ Das aber konnte den Bauern nicht zufriedenstellen. Und so sprach er: „Ich darf diejenigen, die mir vielleicht gefährlich werden könnte, nicht hassen und töten. Ich darf mir nicht das nehmen, was ich mir wünsche. Ich darf nicht neidisch sein auf das schöne Haus, das schöne Land, das Hab und Gut und das Weib meines Nachbarn. Ich darf arbeiten, aber nicht so viel ich will. Und ich darf noch nicht einmal andere für mich arbeiten lassen. Gott sei's verflucht, wer bist du, Fremder?“ Der weißhaarige Wanderer sprach: „Alles, was du mir bisher erzählt hast, zeugt von einer unheiligen Verblendung. Hüte dich vor der Verblendung und nimm die Dinge, wie sie sind. Denn auch die Verblendung führt ins Dunkel.“
Dann fuhr er fort: „Du magst mich nennen, wie du willst. Du kannst mich gerne Gott nennen, solange du nicht in diesem Namen fluchst. Und lass dir gesagt sein, alles was du brauchst, damit es dir in Zukunft gut geht, ist, dass du meine Ratschläge wohl befolgst. Mehr wirst du nicht brauchen. Und ich verspreche dir, wenn du in Not gerätst, dann bin ich da. Ich werde dir helfen.“
Und dann? Der Bauer sah für einen Augenblick stirnrunzelnd zum Himmel und als er seinen Blick wieder senkte, war der fremde Wanderer verschwunden. Von diesem Tage an lebte der Bauer glücklich und zufrieden bis zu seinem Ende - oder vielleicht lebt er sogar noch heute …
(Kay Lorenz, 2016)
Diese Geschichte habe ich vor einiger Zeit von einer sehr geschätzten Kollegin aus Kempten gehört. Sie kann (am Ende) als gelungenes Beispiel für Inklusion dienen. Das Konzept „Was können wir von ihnen lernen“ wird hier sehr schön deutlich ….
Es war vor langer Zeit, da lebte ein blinder Mann mit seiner Schwester in einer Hütte am Rande des Waldes. Der blinde Mann war sehr klug. Obgleich er mit den Augen nicht sehen konnte, schien er mehr über die Welt zu wissen, als manch anderer, dessen Blick scharf wie der eines Adlers war. Er redete mit den Menschen, die an der Hütte vorüber kamen. Wenn Sie in Schwierigkeiten waren, so fragten sie ihn und er wusste immer einen weisen Rat. Wenn sie ihn fragten, dann gab er immer die richtige Antwort. Die Menschen schüttelten den Kopf vor Erstaunen. Sie fragten ihn: „Blinder Mann, wie kann es sein, dass du so weise bist?“ Dann lächelte der blinde Mann und sprach: „Das ist so, weil ich mit den Ohren sehe.“
Eines Tages geschah, was geschehen musste. Die Schwester des blinden Mannes, eine wunderschöne, junge Frau, verliebte sich. Sie verliebte sich in einen jungen prächtigen Jäger aus dem Nachbardorf. Bald schon wurde Hochzeit gehalten. Und als das Fest vorüber war, zog der Jäger zu der Frau in die kleine Hütte am Rande des Waldes, um mit seiner neuen Frau zusammenzuleben. Aber er hatte keine Zeit für den Bruder der Frau. Er hatte keine Zeit für den blinden Mann. „Zu was ist ein Mann gut, der nicht sehen kann?“ pflegte er zu fragen. Die Schwester des Blinden aber sprach: „Mein Mann, er weiß mehr über die Welt, als mancher, der sehen kann.“ Da lachte der Jäger: „Was kann ein blinder Mann wissen, der nicht sehen kann?“
Jeden Morgen nahm der Jäger seine Pfeile und seinen Bogen, seinen Speer und seine Fallen und er ging in den Wald auf die Jagd. Jeden Abend, wenn er in das Dorf zurückkam, fragte der blinde Mann: „Kann ich morgen mit dir auf die Jagd gehen?“ Der Jäger aber antwortete immer wieder: „Zu was kann ein Mann auf der Jagd nutze sein, der nicht sehen kann?“ Es vergingen Tage, Wochen, ja Monate. Jeden Abend fragte der blinde Mann den Jäger: „Kann ich morgen mit dir auf die Jagd gehen?“ Aber der Jäger schüttelte jedes Mal den Kopf und sprach: „Zu was kann ein blinder Mann auf der Jagd nutze sein?“
Eines Tages kam der Jäger gut gelaunt aus dem Wald zurück. Er hatte eine schöne Beute gemacht, eine große Gazelle. Seine Frau bereitete das Essen und kochte das Fleisch und als die drei zusammen saßen, siehe da, sprach der Jäger: „Gut, wenn du willst, kannst du morgen mit mir auf die Jagd gehen.“ Am nächsten Morgen nahm der Jäger seine Pfeile und seinen Bogen, seinen Speer und seine Fallen und er führte den blinden Mann an der Hand hinaus in den Wald. Sie wanderten Stunde um Stunde. Plötzlich blieb der blinde Mann stehen: „Sch ... da ist ein Löwe.“ Der Jäger sah sich um, doch er konnte nichts entdecken. "Da ist ein Löwe, aber es ist gut, er wird uns nichts tun. Er hat gefressen und hat sich zum Schlafen gelegt.“ Sie wanderten weiter, und siehe da, ein großer Löwe hatte sich unter einem Baum zum Schlafen gelegt. Vorsichtig gingen sie an dem Löwen vorbei und als sie ein kleines Stück weit gegangen waren, fragte der Jäger: „Woher wusstest du von dem Löwen?“ Der blinde Mann antwortete: „Weil ich mit den Ohren sehe.“
Sie gingen weiter und plötzlich blieb der blinde Mann wieder stehen: „Sch ... Da ist ein Elefant.“ Der Jäger sah sich um, doch er konnte nichts sehen.
„Da ist ein Elefant, aber es ist in Ordnung. Er wird uns nichts tun. Er sitzt in einem Wasserloch und badet.“ Als sie ein Stück weiter des Weges gegangen waren, entdeckte der Jäger einen Elefanten, der in einem Wasserloch saß und sich mit dem Rücken im Schlamm suhlt. Vorsichtig gingen sie vorbei und als sie ein Stück des Weges gegangen waren, fragte der Jäger: „Woher wusstest du von dem Elefanten?“ „Weil ich mit den Ohren sehe.“ Als sie noch ein Stück gewandert waren, kamen sie zu einer Lichtung. Der Jäger sprach: "Hier werden wir unsere Fallen aufstellen.“ Und dann stellte er seine Fallen auf und zeigte dem blinden Mann, wie er es tun sollte. Und dann sprach er: "Morgen werden wir hierher zurückkommen und sehen, was wir gefangen haben.“ Dann gingen sie zurück in ihr Dorf.
Am nächsten Morgen machten sie sich wieder auf in den Wald. Der Jäger bot dem blinden Mann seinen Arm. Aber der blinde Mann sprach: „Nein, ich kenne den Weg jetzt.“ Sie gingen durch den Wald und der blinde Mann stieß sich an keiner Baumwurzel noch verpasste er einen einzigen Abzweig. Sie gingen und gingen, bis sie zu der Lichtung kamen, auf der sie ihre Fallen aufgestellt hatten. Der Jäger kontrollierte die Fallen und siehe da, in jeder war ein Vogel. Der Jäger sah sogleich, dass er einen kleinen und grauen Vogel gefangen hatte. Der Vogel in der Falle des Blinden Mannes aber war sehr schön, mit grünen, karmesinroten und goldenen Federn. Der Jäger sprach: „Wir haben beide einen Vogel gefangen.“ Und dann ging er zu den Fallen, um die Vögel zu holen. Und während er ging, da dachte er bei sich: "Ein blinder Mann, der nicht sehen kann, wird niemals den Unterschied bemerken." Was tat er? Er gab dem blinden Mann den kleinen grauen Vogel. Den schönen mit den karmesinroten, grünen und goldenen Federn aber behielt er für sich. Dann machten sie sich auf den Heimweg.
Sie gingen und gingen und dann fragte der Jäger den blinden Mann: "Blinder Mann, wenn du so weise bist und mit den Ohren siehst, dann beantworte mir meine Frage! Warum gibt es so viel Ärger, Hass und Krieg auf der Welt?“ Da erwiderte der blinde Mann: „Weil viele Menschen so handeln wie du und sich nehmen, was ihnen nicht gehört.“ Der Jäger vernahm es und schämte sich. Dann nahm er den kleinen grauen Vogel aus der Hand des Blinden Mannes und legte den schönen mit den karmesinroten, grünen und goldenen Federn hinein. „Verzeih mir!“ sprach er. Und sie gingen und gingen und der Jäger fragte schließlich: „Wenn du so weise bist und mit den Ohren sehen kannst, dann gib mir Antwort auf meine Frage! Warum gibt es so viel Freundlichkeit, Güte und Liebe auf der Welt?“ „Weil es so viele Menschen gibt, die so handeln wie du und die aus ihren Fehlern lernen.“ Und dann kehrten sie heim in ihr Dorf.
Von nun an gingen sie jeden Tag gemeinsam in den Wald auf die Jagd. Sie waren so eng miteinander, dass kein Blatt dazwischen passte. Und wenn von nun an jemand fragte: „Wie kommt es, dass du so weise bist?“, dann legte der Jäger seinen Arm um den blinden Mann und sprach: "Das ist so, weil er mit den Ohren sieht ... und mit dem Herzen hört.“
(Annika Hoffmann, Kempten)
Dieses Märchen aus Liberia habe ich im Herbst 2012 von Dr. Christel Lukoff, Psychologin aus Petaluma, Kalifornien, gehört. Dr. Lukoff arbeitet als Psychologin in einem Hospiz in der San Franzisco Bay Area und gibt weltweit Workshops zu den Themen Sterben und Trauer.
In dieser Geschichte geht es um ein typisches Problem, dass es auch in unserer Gesellschaft schwermacht, richtig um einen geliebten Menschen zu trauern – der allzu schnelle Übergang zu unseren Alltagsgeschäften …
Am Rande des Regenwaldes auf einem Hügel über einem Fluss lag das kleine Dorf Kundi. Um das Dorf gab es Reis- und Maniokfelder. Kühe grasten im Grasland. Und von dem Hügel konnte man den Rauch der Feuer in den Hütten, die mit Palmenwedeln gedeckt waren, sehen. In dem Fluss planschten die Kinder in der Nähe der Männer, die mit großen Netzen fischten. Und man konnte die Frauen sehen, die Getreide droschen. In dem Dorf lebte ein Mann namens Ogalusa, der war weit bekannt als großer Jäger. Er lebte dort mit seiner Frau und seinen Söhnen.
Eines Tages nahm Ogalusa seine Waffen von der Wand, um jagen zu gehen. Seine Söhne begleiteten ihn an das Ufer des Flusses. Er setzte über und ging in den Regenwald. Der Tag verging. Seine Frau und die Söhne führten das Vieh auf die Weide und kümmerten sich um die Getreidefelder. Als der Abend kam, war Ogalusa noch immer nicht zurück. Da setzten sich seine Frau und seine Söhne an den Tisch und aßen ihr Abendessen, das aus Fisch und Maniok bestand. Auch der nächste Tag verging und die Tage, die folgten,
