Ein Gefühl der Zuneigung - Mareike Kleber - E-Book

Ein Gefühl der Zuneigung E-Book

Mareike Kleber

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Beschreibung

Die junge Psychologie Studentin Sam steht in der Blüte ihres Lebens. Sie hat den Mann ihrer Träume geheiratet, auch wenn ihre Familie nicht damit einverstanden war, ist sie überglücklich. Doch plötzlich ereignen sich eine Reihe mysteriöser Dinge, die ihr Leben und das ihrer Familie auf den Kopf stellen, und sie an ihrer Ehe zweifeln lassen. Als wäre das nicht genug, wird kurz nach ihrer Hochzeit ein geliebter Mensch getötet. Sam weiß nicht wem sie noch trauen kann. Zwischen ihrer besten Freundin, ihrem Ehemann und ihrer Kernfamilie gilt es nun, Frieden zu finden und dabei richtig zu handeln. Das Buch, man könnte es als Liebeskrimi bezeichnen, handelt von den Werten der Ehe im Islam im Konflikt mit den Werten der heutigen Zeit, Freundschaft und Vergebung, Psychologie und Religion.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Erster Teil

Das Weiß des Kleides

Ein Gefühl der Zuneigung

Das Ach unter dem Dach

Zwischen Rosen und Orchideen

Tunesien

Zeit für die Flitterwochen

Unerwartet

Die Trauer

Die Zukunft

Ermittlungen und Beziehungsarbeit

Die Schnauze des Hundes

Die Freundschaft

Das Weiß des Schnees

Zweiter Teil

Susan

Liebe und Amerika

Untersuchungshaft

Wer ist hier verrückt?

Haft und Lügen

Tante Amy

Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter

Dr. Ralf Ruben

Mohamed

Das Weiß des Kleides

Impressum

Erster Teil

Das Weiß des Kleides

Das Weiß ihres Kleides strahlte so schön wie das Lächeln in ihrem Gesicht. Samanthas Lidschatten war schlicht und ihre Lippen trugen ein leichtes Rot. Die Kosmetikerin meinte, es sei noch zu früh für ein knalliges Make Up. Samantha war überglücklich, als sie mit ihrem zukünftigen Ehemann vor den Altar trat, um den ewigen Bund der Ehe einzugehen. Die Standesbeamte wirkte gesetzt, und etwas streng. Mohamed hatte keine deutsche Staatsangehörigkeit, und auch Samantha war keine Deutsche. Sie dachte, die Mentalität der Deutschen rührt von ihrer verbissenen Arbeitsmoral her, der sie selbst nur wenig abgewinnen konnte. Ihre Mutter und ihr Bruder waren nicht gekommen, aber ihr Vater saß in den hinteren Reihen des wunderschönen hellen Saals. Die Stühle waren türkis gepolstert. Alles schien hell und einfach richtig. Mohamed hatte keine Familie in Deutschland. Er stammte aus Ägypten. Angesichts der Zeiten war es für die Familie schwierig, ein Visum zu bekommen. Seine Mutter war sehr traurig darüber gewesen – während Samanthas Mutter sich hochmütig von ihr abgewandt hatte. Sie sagte sie müsse arbeiten. Mohamed hatte einen Freund als Trauzeugen mitgebracht. Ismail, ein Kollege von ihm, den auch Samantha kannte. Sie kannte nicht viele Freunde von ihm, aber sie wusste, dass er viele hatte, angesichts der unzähligen Telefonate, die er den Tag über so führte.

Die Standesbeamte machte eine schnippische Bemerkung über die Anzahl der Gäste. Allerdings wusste Samantha, dass es ausreichte, zwei Trauzeugen und einen Wali1 zur Hochzeit mitzubringen, damit die Ehe gültig war. Darüber hinaus, hatte sie Mohamed schon in der Moschee geheiratet, was bedeutete, dass er eigentlich schon ihr Mann war.

Ging es am Ende nicht um das Glück in der Ehe, und nicht um das drum herum oder um das, wonach es aussah?

Haben oder sein, eines der Bücher, die Samantha gelesen hatte. Sie war Studentin und früher ging sie immer davon aus, dass man als Studentin gern lesen müsse, aber jetzt an der Uni merkte sie, dass es auch ohne Interesse an Büchern ging. Wenn es auch manchmal mühsam war.

Sams Brautstrauß bestand aus weißen Rosen durchmischt von leicht rosa Gerbera. Ihn zu werfen würde keinen Sinn machen, da auch keine ihrer Freundinnen heute Zeit gehabt hatte.

Verständlich an einem Freitagmorgen. Dazu kam, dass sie den Termin ziemlich kurzfristig bekommen hatten.

„Hiermit erkläre ich sie zu Mann und Frau.“, sagte die Standesbeamte und quälte sich endlich mal ein Lächeln heraus.

„Ich wünsch euch alles Gute meine Liebe!“, ihr Vater umarmte sie herzlich, er war den Tränen nah, aber das verbarg er geschickt. Er würde es nicht wagen in der Öffentlichkeit zu weinen, dafür war er zu stolz. Er drückte sie fest, sah ihr in die Augen, und hielt ihre Schultern. Dann gab er ihr einen Umschlag in die Hand.

„Das ist von mir für euch. Ich glaube an eure Ehe, ich bin sehr dankbar, dass du einen Mann wie Mohamed gefunden hast und dass er jetzt Teil unserer Familie ist. Es ist nicht viel, aber es soll euch helfen, für den Anfang.“, Claudius lächelte zuversichtlich.

Sam bedankte sich. Sie war sich sicher mit Mohamed, aber durch die Abwesenheit ihrer Familie, konnte sie die Vollkommenheit ihrer Familie nicht spüren. Ihr Vater gab ihr ein Stück davon und sie empfand dadurch eine Sicherheit, für die sie ihm sehr dankbar war.

Sie hatte ihrem Vater immer nahegestanden. Er arbeitete viel und war selten zu Hause, aber sie wollte immer, dass es ihm gut ging, denn Sam war verständnisvoll. Sie war ihm dankbar für das, was er für die Familie tat.

Die beiden Gäste kannten einander nicht, aber Sam und Mohamed war es wichtig, dass sie noch gemeinsam etwas essen gingen, da es noch früh war, sollte ein Frühstück ausreichen.

1 Muslimischer Vormund

Ein Gefühl der Zuneigung

Wenigstens hatte sie nicht sein Alter erwähnt, dachte Samantha als sie ihre Mutter so ansah. Sam saß mit dem Gesicht zum Fenster gedreht am Küchentisch, als würde sie nachdenken. Dabei wollte sie einfach dem aus dem Weg gehen, was jetzt kommen würde.

„Ich hoffe du kannst mich eines Tages verstehen Mama.“, Samantha sah demütig zu Boden. Sie fühlte sich nicht gut. Ihr wäre es auch lieber gewesen, ihre Mutter stünde hinter ihrer Entscheidung.

„Ich kann nicht verstehen, dass du einen Mann geheiratet hast, der dein Vater sein könnte.“

Jetzt erwähnte sie doch sein Alter. Samantha wollte das nicht mehr hören. Lange genug hatte sie versucht, ihrer Mutter alles recht zu machen. Es war das erste Mal, dass sie das Gefühl hatte, nur auf ihr eigenes, Innerstes zu hören. Es fühlte sich richtig an.

„So alt ist er nun auch wieder nicht.“, erwiderte Samantha genervt.

„Weißt du Samantha…“, fing ihre Mutter mit zittriger Stimme an, zu erzählen.

Samantha war sich nicht sicher, ob sie wusste oder ob sie das hören wollte, aber jetzt gehen konnte sie auch nicht. Abschiede sind immer schwer und es ist besser mit einem guten Schlusswort zu gehen. Aber war das möglich? Zumindest sollte man es versuchen. Das war Sams Anspruch an sich selbst.

„Mann ist nicht gleich Mann. Jeder tickt anders. Ich traue diesem Mann nicht. Sieh mal, er ist schon einmal geschieden. Hast du mal seine Ex Frau gefragt, was der Grund dafür war?“, fragte Sams Mutter mit einer Dreistigkeit, die Sam befremdlich fand.

„Wieso sollte ich denn sowas tun?“, unterbrach Samantha sie aufgebracht.

Sie schüttelte den Kopf. Nein, es konnte nicht besser werden. Es konnte nur schlimmer werden. Und bevor es schlimmer würde, beschloss sie, lieber zu gehen. Sie nahm ihre Tasche und stand auf.

„Warte mein Liebes.“, ihre Mutter hielt sanft ihren Arm fest, stand auf und umarmte Samantha. Sie roch wie früher. Samantha musste kurz daran denken, wie sie einmal mit ihrer Mutter ganz allein einkaufen war. Seit ihr kleiner Bruder James auf der Welt gewesen war, stand er immer im Mittelpunkt. Aber nicht an diesem Tag. Sie kauften Kuchen und Erdbeeren und als sie zu Hause waren aßen sie gemeinsam und anschließend hatte ihre Mutter ihr gezeigt, wie man eine Schleife macht. Samantha muss sechs Jahre alt gewesen sein.

„Ich liebe dich.“, sagte ihre Mutter.

„Ich liebe dich auch.“ Erwiderte Samantha, die jetzt den Tränen nahestand. Den warmen Worten folgte eine weitere, kurze Umarmung. Dann verließ Samantha den Raum, ging durch den Flur. Ohne sich noch einmal umzudrehen öffnete sie die Haustür ihres Elternhauses und ging entschlossen hinaus auf die Straße.

Es war schon dunkel draußen. Der Wind wehte leicht, aber stark genug, um ein paar Blätter vom Boden aufzuwirbeln. Die Straßenlaternen beleuchteten den Weg mit abgedämpftem Licht. Es sah sehr romantisch aus. Samantha fühlte sich wohl. Es war eine laue Spätsommernacht und das erste Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl ganz autonom gehandelt zu haben.

Sie nahm den Bus, er fuhr sie direkt zu ihrem Mann in ein neues Leben. Mohamed hatte sie abholen wollen, aber Samantha wollte nicht, dass er und ihre Mutter aufeinandertrafen.

Er war ein guter Mann. Er war ehrlich, treu und humorvoll. Samantha dachte daran, wie er sie immer aufmunterte, wenn sie mit ihm Probleme machte. Er gab ihr eine Leichtigkeit, die sie von ihrer Familie nie erfahren hatte. Und auch, wenn Mohamed schon eine Ehe hinter sich hatte, hieß das nicht, dass er ein schlechter Kerl war. Viel eher könnte er daraus gelernt haben. Und wenn sie so weiterdachte, wusste man doch nie, ob die Entscheidungen, die man trifft, die richtigen sind. Und schon gar nicht, wenn es um den Mann geht, mit dem man sein Leben verbringen will. Mohamed gab ihr keinen Anlass, an seiner Liebe zu ihr zu zweifeln. Davon abgesehen hatte sie ein Gefühl ihm gegenüber, ein Gefühl, dass sie stark zu ihm hinzog. Ein Gefühl der Zuneigung.

„Windröschen Weg.“

Hörte sie den Busfahrer sagen. Er hatte eine angenehme Stimme. Samantha fühlte sich gut. Sie nahm ihre Tasche und stieg aus dem Bus. Die Gegend, in der Mohamed wohnte war nicht gehoben aber auch nicht ghettoisiert. Man könnte sagen es war eine Mittelklasse Wohngegend, in der es viele Familien und ältere Menschen gab. Sie überquerte die Straße, die um diese Zeit nicht mehr so stark befahren war. Es war sehr ruhig jetzt hier draußen. Links und rechts von der Straße raschelten die zahlreichen und satten Baumkronen, angelegt als eine Art Allee. Hier in der Nähe befand sich auch der Britzer Garten. Eine Wohlfühloase, wie Samantha fand. Er umfasste eine riesige Grünfläche mit vielen angelegten Wiesen und Blumen, die je nach Jahreszeit variierten. Sicher würde sie ihn öfter besuchen, jetzt wo sie seine Nachbarin seine würde. Auf der rechten Seite der Allee befanden sich Schrebergärten. Auf der linken Seite war viel Grünfläche und nach ca. 500m Fußweg erreichte sie eine kleine Wohnsiedlung. Hier gab es ca. zehn Mehrfamilienhäuser, mit jeweils neun Mietparteien.

Samantha klopfte das Herz vor Aufregung. Sie spürte einen Adrenalinstoß als sie zu Mohameds Wohnhaus kam. Sie freute sich wahnsinnig auf ihn und war gespannt, was sie erwartete. Es dauerte etwas, bis er ihr die Tür öffnete. Der Fahrstuhl war sauber und sah zuverlässig aus. Samantha war sehr aufgeregt. Schließlich sollte das ihr neues Heim werden. Mohamed wohnte ganz oben im dritten Stock. Als sie aus dem Fahrstuhl kam, empfing er sie an der Tür mit seinem breiten, charmanten Lächeln, das ihr ein Gefühl von Geborgenheit vermittelte. Er lächelte immer.

„Mein Schatz.“, sagte er zärtlich und begrüßte sie mit einer innigen Umarmung.

Sie betraten seine Wohnung. Es roch nach Essen. Er hatte gekocht. Sie setzten sich auf das rote Sofa, das inmitten des großen Zimmers stand. Die Wohnung hatte nur einen Raum, sodass, das Schlafzimmer nur eine kleine Nische, abgetrennt durch gelbe Satinvorhänge, im Wohnzimmer bildete. Der Fernseher lief. Es kamen die Nachrichten. In der Küche köchelte das Essen, das Licht war leicht gedämpft, ähnlich wie das der Straßenlaternen und Samantha hatte das Gefühl, sehr willkommen zu sein.

„Wie geht’s dir? Ist alles gut mit deiner Mutter?“, fragte Mohamed.

„Mir geht’s es gut. Meine Mutter ist nicht begeistert, dass ich hier bin, aber was soll ich machen? Sie hat Zweifel, aber das sind ihre eigenen Zweifel. Vielleicht ist sie selbst nicht mit ihrem Leben zufrieden. Vielleicht hat sie aber auch einfach Angst, mich loszulassen. Vielleicht hat sie Angst davor, allein zu sein. Dabei ist sie das gar nicht. Sie hat meinen Vater und mein Bruder wohnt auch noch bei ihr. Mir geht es gut. Ich bin froh, dass ich jetzt bei dir bin.“

Wieder lächelte er, denn er mochte was sie sagte.

„Mein Habibi.“, sagte er.

Habibi ist arabisch und heißt „mein Schatz“. Er war ein schöner Mann, mit sehr schönen, dunkeln Augen. Er war Araber. Vielleicht war es auch das, was ihre Familie an ihm störte. Sie redeten zwar nicht offen darüber, aber seit Samantha Mohamed kannte, war es ihr schon öfter passiert, dass die Menschen ihnen mit Rassismus begegneten, auch wenn er perfekt deutsch sprach. Rassismus war schon immer Samanthas Feind gewesen. Ihre Mutter stammte aus Amerika und Samantha hatte sich lange mit der Geschichte Amerikas beschäftigt. Vor allem aber mit der Geschichte des Rassismus in Amerika, der Sklavenhaltung und damit, wie stark das noch heute in den Köpfen der Menschen verankert war. Sie glaubte, wenn es den Menschen nur schlecht genug ginge, dann könnte sich so eine Geschichte wie sie damals im dritten Reich sich abgespielt hatte, jederzeit wiederholen. Spätestens seit sie Mohamed kannte, erlebte sie, wie sehr Rassismus noch immer in Deutschland verbreitet war.

„Es gibt Hähnchen. Magst du?“, fragte Mohamed.

„Ja natürlich. Ich habe großen Hunger.“ Sam liebte sein

Essen.

„Hast du doch immer.“, sagte er schelmisch mit einem Augenzwinkern und verließ den Raum, um nach dem Essen zu sehen.

„Kann ich meine Sachen irgendwo lassen?“, rief Samantha ihm nach. Sie hatte nicht viel eingepackt. Nur das Nötigste. Einen Tag würde sie nochmal nach Hause gehen, um ihre restlichen Sachen abzuholen.

Mohamed kam aus der Küche mit einem dampfenden Topf.

„Warte meine Süße, das machen wir nicht jetzt. Setz dich. Lass uns erst zusammen essen!“

Sie liebte was er tat. Er war so herzlich und die Atmosphäre, wenn sie mit ihm zusammen war, war immer von Wärme und Geborgenheit geprägt. Er tat gar nicht so viel, aber was er tat war gut und richtig.

Nach dem Essen räumte er den Tisch ab. Samantha wurde müde und wollte sich bettfertig machen.

„Im Bad ist so ein lachsfarbenes Handtuch. Das hat meine Mama geschickt. Alhamdulilahh2, das wird noch nicht alles gewesen sein. Sie ist überglücklich, dass du mich geheiratet hast.“

An diesem Abend schlief Samantha überglücklich in Mohameds Armen ein.

2 Arabische Lautschrift: Alles Lob gebührt Allah

Das Ach unter dem Dach

Manchmal hatte Samantha ein schlechtes Gewissen, glücklich zu sein. Ihre Familie hatte eine schwierige Geschichte hinter sich, auch wenn sie nach außen hin nicht so wirkten. Aber wie hieß es so schön? Unter jedem Dach ein Ach, wenn nicht sogar ein sorgenvolles Seufzen. Samanthas Mutter war sehr früh schwanger geworden. Da ihre Eltern in Amerika lebten, hatte sie keinerlei Unterstützung gehabt. Mit ihrer Schwiegermutter hatte sie große Schwierigkeiten gehabt. Samantha selbst empfand ihre Oma als zugewandt und offen, während ihre Mutter kein gutes Haar an ihr ließ. Sie redete immer schlecht über sie, sogar vor Samanthas Vater. Manchmal, wenn sie das tat, fühlte Samantha eine riesige Wut in sich aufsteigen. Sie hatte das Gefühl, ihre Mutter tat ihrer Oma Unrecht und oft, versuchte sie auch, ihre Oma zu verteidigen, allerdings artete das meistens in Streit aus. Samanthas Mutter begann stark zu trinken, als Samantha acht Jahre alt war. Immer wieder gab es Streitereien, manchmal blieb sie die Nacht über weg und kam erst am nächsten Morgen wieder. James war damals fünf gewesen. Sam brachte ihn sehr oft ins Bett zu dieser Zeit, weil ihr Vater immer viel arbeitete. Jetzt fragte Sam sich, wie und warum ihr Vater das alles mitgemacht hatte. Sie liebte ihren Vater sehr, und nicht nur, weil er alles für seine Familie tat, sondern auch weil er sie liebte. Und auch wenn er viel arbeitete, oft Stress mit seiner Frau hatte, so zeigte er Sam immer, dass er sie liebte. Er war nie böse oder unfair, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Ihre Mutter dagegen wurde oft unfair, aber trotzdem war sie eine liebevolle Frau. Sam hatte immer das Gefühl, sich um sie kümmern zu müssen. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie Psychologie studierte. Vielleicht war es aber einfach auch ganz normal, dass man für seine Mama Fürsorge empfand.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war Mohamed schon im Bad und machte sich fertig. Er war schon fertig mit dem Studium und arbeitete zurzeit in einer Psychiatrie. Sam hatte dasselbe Ziel.

Die Sonne schien durch die hellblauen Vorhänge, die Mohamed ihr zuliebe noch zugelassen hatte.

„Hamoudi?“, das war sein Spitzname, rief sie, um sich zu vergewissern, dass er noch da war, obwohl sie seine Geräusche im Bad deutlich vernahm.

Keine Antwort.

Vermutlich war er selbst zu laut, sodass er sie nicht hören konnte. Sie sah auf ihr Handy. Drei Anrufe in Abwesenheit von James. Was wollte er denn? Der erste war um vier Uhr morgens. Die anderen beiden von heute früh um sieben Uhr. Mailbox, sie rief ihre Mailbox an.

„Sam, wenn du das abhörst, ruf mich bitte sofort zurück. Es…es geht um Mama. Bitte Sam. Ich weiß du bist noch sauer auf mich, aber es ist dringend.“ Seine Stimme klang besorgt.

„Habibi.“ Mohamed kam aus dem Bad mit einem großzügigen Lächeln. Er sah sehr schön aus. Fertig für die Arbeit. Er trug eine dunkelblaue Jeans und dazu ein himmelblaues Hemd. Seine schwarzen Haare waren gegelt und nach hinten gekämmt. Er duftete nach Parfüm. Er setzte sich neben sie auf die Bettkante.

„Ich muss leider schon los, Schönste.“ Für einen Moment vergaß Sam alles und legte ihren Kopf auf seinen Schoß.

„Ich liebe dich so sehr.“ Sie umarmte ihn. Er küsste ihre Stirn. Sam fühlte nichts als reine Liebe. Geborgenheit. Sie hätte ewig so mit ihm liegen können. Wenn er bei ihr war, hatte sie das Gefühl, dass alles vollkommen war, sie begehrte nichts darüber hinaus.

Mit einem sanften Kuss auf die Stirn verabschiedete er sich und verließ die Wohnung. Seine Wärme und das Gefühl, das Sam hatte, blieben noch bis nach dem Frühstück.

Dann machte sie sich auf den Weg dahin, wo sie gestern hergekommen war – nach Hause, wobei, das ja gar nicht mehr ihr zu Hause war.

Als sie vor ihrem Haus stand, erschrak sie. Die Fensterscheibe der Küche war eingeschlagen. Sie beschleunigte ihren Schritt, sie hatte ja nicht mit ernsthaften Problemen gerechnet. Sie schloss die Tür mit unruhiger Hektik auf und das dauerte natürlich entsprechend länger.

„Hallo?“, rief sie laut, als sie das Haus betrat. Es war leer. Bis auf das kaputte Fenster war alles wie immer. Der weiße Wohnzimmertisch war bis auf ein Weinglas komplett abgeräumt. Die Zierkissen auf dem Sofa sahen so aus, als wären sie gerade erst aufgeschüttelt worden. Ihre Mutter räumte immer genauso auf, bevor sie das Haus verließ.

„Hallo?!“, rief sie nochmals etwas lauter. Sie durchsuchte alle Räume im Erdgeschoß und ging dann die Treppe hinauf. Es schien leer zu sein im Haus. Samantha war beunruhigt. Was war nur passiert? Vielleicht hatte jemand eingebrochen und ihrer Mutter etwas angetan.

Mit zittrigen Händen kramte sie ihr Handy aus der Handtasche und rief ihren Bruder an. Nach zwei Freizeichen erschien ein Besetztzeichen. Was sollte das denn jetzt?! Spielte er mit ihr? Sie versuchte es nochmal.

„Ja?“, diesmal nahm er ab.

„Hey, hier ist Sam. Ist alles ok bei euch? Ich bin zu Hause. Ich habe das Fenster gesehen und deinen Anruf. Ich mach mir Sorgen.“

„Ja, warum rufst du so spät zurück? Mama geht es nicht gut. Sie ist im Krankenhaus.“

Sam schoss das Adrenalin durch den ganzen Körper.

„Was ist passiert?!“

„Heute Nacht kamen irgendwelche Leute, sie haben einen Stein in die Küche geworfen.“

„Wo genau seid ihr jetzt?“, fragte Samantha mit Entschlossenheit.

„Im Klinikum am Berg. Psychiatrische Station 81. Mama liegt in Zimmer 12.“James legte auf.

Er war so unberechenbar. Manchmal war er nett, manchmal war er einfach nur fies. Typisch kleiner Bruder.

Sie nahm den Bus und anschließend die U-Bahn. Wieso waren sie denn soweit weggefahren? Es gab ein Krankenhaus, das war mit dem Bus nur fünfzehn Minuten entfernt, das hatte auch eine psychiatrische Station. Das Klinikum am Berg lag mitten in der Stadt. Sam würde sicher eine Stunde dorthin brauchen. Und wo war ihr Vater eigentlich? Sie rief ihn an, aber er nahm nicht ab. Eigentlich war er um diese Zeit arbeiten, aber wenn es Mama nicht gut ging, dann würde er sicher bei ihr im Krankenhaus sein.

Auf dem großen Krankenhausgelände entdeckte sie James, glücklicherweise sofort. Er stand an einer Bank und rauchte eine Zigarette. Sie war froh, ihn zu sehen.

„Na, wie geht es der frisch Vermählten?“, fragte er mit einem Lächeln.

„Woher weißt du eigentlich, dass ich vermählt bin? Zeuge warst du offensichtlich nicht.“ Entgegnete sie. „Mir geht es gut.“ Ergänzte sie und umarmte ihren Bruder zur Begrüßung.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht früher zurückgerufen habe.“, sagte sie.

„Ist schon ok.“, James schüttelte den Kopf und machte mit der Hand eine winkende Bewegung, damit Samantha sich nicht schuldig fühlte. Er zog an seiner selbstgedrehten Zigarette.

„Wann hörst du endlich auf mit dem Mist? Das macht dich noch krank.“ Ermahnte Sam ihren kleinen Bruder.

„Sind wir nicht alle ein bisschen krank?“, James zwinkerte ihr zu und trat dann die Zigarette aus, nachdem er noch ein letztes Mal mit einem intensiven Zug den Rauch inhalierte.

„Wie geht’s Mama?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist ok, aber sie wirkt sehr müde. War gestern irgendwas?“, fragte James.

„Was meinst du?“ Woher sollte Sam das denn wissen, sie war doch schließlich gar nicht da gewesen.

„Na zwischen euch? Habt ihr euch gestritten? Ihr streitet doch öfter mal. Du bist gestern ausgezogen, das ist nicht leicht für sie. Keine Ahnung, sie hat schon lange nicht mehr getrunken.“, sagte er mit ernstem Ton.

„Was willst du denn damit sagen? Was meinst du? Hat sie etwa getrunken?“, Sam war verwirrt.

„Lass uns erstmal zu ihr gehen. Ich erzähl dir später alles.“ James lief schnellen Schrittes vor und Sam folgte ihm. Das Krankenhausgelände war einladend, gerade wie ein Schlosspark, gepflegt und hübsch angelegt. Durch die Mitte verlief ein kleiner Fluss, überall standen Bänke und es herrschte eine angenehme Ruhe auf dem gesamten Gelände.

Als James und Sam das Krankenhaus betraten verschwand das angenehme Gefühl, das durch den einladenden Garten entstanden war, sofort schlagartig, als hätte es jemand desinfiziert und eliminiert.

Alles war weiß und kahl. Der Geruch von Desinfektionsmittel zog sich durch den gesamten Flur der großen Eingangshalle. Das musste so sein, das war Sam bewusst, dennoch mochte sie es nicht.

„Wir müssen in den zweiten Stock.“, sagte James und holte den Fahrstuhl.

Auf Station angekommen gingen sie ins Zimmer, in dem ihre Mutter lag. Es war ein Einzelzimmer. Ihre Mutter hatte einen weiß-blauen Krankenhauskittel an und lag im Bett, sie hatte aus dem Fenster gesehen, als Sam und James das Zimmer betraten, lächelte sie erleichtert.

„Sam, meine Liebe.“, sagte sie mit sanfter Stimme.

Sam ging auf sie zu und umarmte sie. Sie roch nach Erbrochenem. Sam wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, deswegen erwähnte sie es nicht.

„Wie geht’s dir Mama?“, Sam nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben ihre Mutter an das Bett.

„Mir geht es jetzt gut. Ich musste mich mehrmals übergeben, aber es ist alles okay. Sie werden mich bis morgen noch hierbehalten. Ich hab nicht nachgedacht.“

„Warum bist du hier?“, Sam konnte mit der Frage nicht zurückhalten, obwohl sie ihre Mutter nicht aufwühlen wollte, wollte sie trotzdem wissen, was passiert war. James warf ihr einen bösen Blick zu.

„Mama, ich habe dir von unten eine Cola mitgebracht.“, sagte er, bevor seine Mutter auf Sams Frage antworten konnte und überreichte ihr eine Dose Cola, die er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. Sie dürfte mittlerweile warm sein, dachte sich Sam.

„Danke mein Süßer das ist lieb von dir.“, antwortete sie.

„Brauchst du noch etwas Mama?“, wollte Sam wissen und nahm ihre Hand.

„Nein, bitte mach dir keine Sorgen, es ist alles gut. Ich liebe dich sehr Sam, das musst du wissen. Ich möchte nicht mit dir streiten.“

„Alles okay, Mama mach dir keine Gedanken.“

James stand am Fenster und sah nach draußen.

„Sam und James, bitte erzählt eurem Vater nichts davon. Es ist mir sehr unangenehm, was passiert ist. Ich will ihn nicht unnötig beunruhigen.“, sagte ihre Mutter.

Sam sah James besorgt an und musste sich auf die Zunge beißen, um nicht noch weitere Fragen zu stellen.

„Natürlich Mama.“, sagte James.

„Es ist sehr nett von euch, dass ihr gekommen seid. Ich werde morgen entlassen, vielleicht könnt ihr Papa sagen, dass ich bei einer Freundin bin, weil ihr Hund gestorben ist?“

James musste lachen. „Das ist ja eine glaubwürdige Geschichte.“, sagte er mit ironischem Ton.

Jetzt mussten alle drei lachen.

„Ich lass mir was einfallen.“, beruhigte sie James.

„Ich bin sehr müde, es ist besser, wenn ihr jetzt geht.“

Sam drückte ihre Mutter fest und dann verließen sie das Zimmer.

Auf dem Gang kam ihnen eine Schwester entgegen.

„Seid ihr die Kinder von Susan Logan?“

„Ja, können sie mir sagen, was passiert ist?“ endlich konnte Sam ihre Fragen stellen. Sie war fast geplatzt vor Sorge und Neugier.

„Hallo, ich bin Schwester Helena.“ Die Schwester schüttelte Sam die Hand, „Es ist halb so wild. Eure Mutter hat gestern Abend ein Schlafmittel eingenommen und dann zu viel Rotwein getrunken. Aber es ist jetzt alles okay, sie schwebt nicht in Gefahr oder so. Den Magen mussten wir nicht auspumpen. Sie hat sich von allein übergeben. Wir mussten einen Selbstmordversuch ausschließen, deswegen ist sie hier und soll noch bis morgen bleiben. Der Doktor hat allerdings eher den Eindruck, dass es keine Absicht war. Oder habt ihr noch etwas dazu zu sagen?“, die Schwester redete sehr schnell.

Wie bitte? Einen Selbstmordversuch ausschließen? Hatte Sam ihrer Mutter das angetan? War ihre Mutter durchgedreht, weil Sam ausgezogen war? Sam fing an, sich große Sorgen zu machen.

„Können wir mit dem Doktor sprechen?“, fragte Sam.

„Das ist jetzt schlecht, er hat Visite. Heute Nachmittag wäre es möglich, oder morgen, wenn ihr sie abholt. Sie braucht viel Ruhe und soll sich gut ausschlafen. Morgen Vormittag könnt ihr sie dann abholen.“

„Ich danke ihnen.“, Sam gab der Schwester nochmals die Hand, dann gingen sie den Flur entlang zum Fahrstuhl.

Unten angekommen im Schlosspark des Krankenhauses zündete sich James wieder eine Zigarette an. Sie liefen gemeinsam Richtung U-Bahn. James war mit dem Auto und parkte in der Nähe des U-Bahnhofes. Bis zu seinem roten BMW herrschte ein unbehagliches Schweigen.

„Was ist passiert James?“, fragte Samantha ein letztes Mal.

„Also Sam, ehrlich gesagt ich war gestern sehr spät zu Hause. Besser gesagt war ich erst heute Morgen zu Hause, also ich wollte einfach Mama nicht begegnen, sie war ein bisschen traurig wegen deinem Auszug und so. Sie hatte mich abends angerufen, weil ich noch nicht zu Hause war und ich hatte schon an ihrer Stimme gehört, dass sie etwas getrunken hat. Deswegen wollte ich nicht nach Hause gehen.“ James zog an seiner Zigarette während er zu Boden sah.

Samantha spürte, dass er sich schämte.

„Und dann?“, fragte sie.

„Ja als ich heute Morgen dann gegen 4:30 Uhr nach Hause kam, da war diese Fensterscheibe eingeschlagen. Mama lag im Bett und hat geschlafen. Ich habe sie kaum wach bekommen, sie war total benommen. Ich hatte keine Ahnung, dass sie auch ein Schlafmittel genommen hatte, das habe ich selbst auch eben erst von der Schwester erfahren. Ich hab sie dann gleich in die Klinik gefahren.“

„Darf ich mal erfahren wo du die ganze Nacht gewesen bist?“, fragte Sam vorwurfsvoll.

„Bist du jetzt meine Mutter oder was?!“, James schüttelte den Kopf und trat seine Zigarette aus.

„Und was ist mit Papa? Wo ist denn Papa?“, wollte Samantha wissen.

„Der ist doch dieses Wochenende in Magdeburg auf Fortbildung. Das muss Mama vergessen haben vorhin. Ich hatte ihn auch erst angerufen, aber dann wollte ich ihn nicht beunruhigen und hab es nicht nochmal versucht.“, antwortete James.

„Was ist das mit der kaputten Fensterscheibe? Sollten wir nicht die Polizei rufen?“, Sam wusste nicht was sie denken sollte. Sie war sehr besorgt und beunruhigt. So etwas war ihr noch nie passiert. So viele Dinge auf einmal, sie wusste nicht, wo ihr der Kopf stand.

„Nein komm schon Sam, das ist übertrieben, das waren bestimmt nur irgendwelche Kinder, die lange Weile hatten. Mama hat das ja nicht mal mitbekommen. Ich hab‘ schon einen Fensterbauer angerufen, der kommt heute am frühen Abend und dann setzt er eine neue Scheibe ein. Ach so, du musst mir Geld leihen.“, erwähnte er nebenbei.

Sam unterbrach ihn. „James, wäre es nicht besser, wenn wir die Polizei rufen? Die können vielleicht herausfinden wer das war. Was wenn ihr in Gefahr seid?“

James lächelte. „Sam, ich glaub du guckst zu viele Krimis. Wer sollte uns denn etwas anhaben wollen? Ich hab keine Feinde, du etwa? Mohamed vielleicht. Vielleicht war das ja seine Ex Frau, die von eurer Hochzeit erfahren hat.“

„Haha, sehr witzig.“ Sam hatte keine Nerven für seine Witze. Sie brauchte Ruhe, um alles sacken zu lassen.

„Bitte Sam! Lass es uns so machen. Ich hab mich um alles gekümmert. Wenn Mama und Papa morgen nach Hause kommen, werden sie von nichts erfahren und die Sache ist erledigt.“

Sam seufzte tief. „Du tust ja geradezu so als wäre das alles deine Schuld.“ Sie hielt kurz inne. „Was denkst du denn wird der Fensterbauer kosten?“

„Er sagte am Telefon etwas von 550 bis 650€“

„Wie bitte?!!“, Sam erschrak.

„Ja, Wochenendzuschlag, und noch einen Aufpreis weil er so kurzfristig kommt. Ich weiß das ist viel Geld, aber vielleicht können wir es teilen, ich geb dir die Hälfte dann zurück. In Raten.“ James wirkte verzweifelt.

Samantha hatte von ihrem Vater zur Hochzeit 2000€ bekommen, davon konnte sie das Geld erstmal nehmen.

„Ja okay, aber dann fahr mich nach Hause, ich hab das Geld zu Hause.“

Im Windröschenweg angekommen parkte James auf dem Mieterparkplatz. Sie stiegen aus dem Auto und James zündete sich eine Zigarette an. „Ich warte hier.“, sagte er.

„Mannomann du rauchst ja Kette mein Lieber.“, Sam machte sich schnell auf den Weg nach oben. In der Wohnung war noch niemand. So ohne Mohamed wirkte sie ganz anders die Wohnung. Still und staubig. Sie ging an den Nachtschrank, holte den Umschlag mit dem Geld und nahm 700€ heraus. Dann ging wieder zu James nach unten.

„Hier James hast du 700€. Wir sagen Mama und Papa erstmal nichts von dem kaputten Fenster, aber bitte sag mir Bescheid, wenn dir noch etwas auffällt oder so. Ich mach mir Sorgen.

Auch um Mama. Ich komm morgen Nachmittag und sehe nach ihr.“

„Alles gut, ich glaub das waren Jugendliche. Manchmal, gerade am Wochenende kommen die auf so dumme Ideen.“, James wollte seine Schwester beruhigen. „Morgen ist ja auch Papa wieder da.“, ergänzte er und machte die Beruhigung komplett.

„Okay. Wir sehen uns morgen.“ Sam verabschiedete ihren Bruder mit einer Umarmung und ging in die Wohnung.

Am Abend kam Mohamed spät nach Hause.

„A salam aleikum3.“, sagte er, als er die Wohnung betrat.

Sam hatte sich hingelegt und den ganzen Tag nichts mehr gemacht. Sie hatte schon auf Mohamed gewartet.

„Wa aleikum Salam4.“, erwiderte sie seine Begrüßung. Sie lag auf dem roten, gemütlichen Sofa und hatte sich in eine Decke eingekuschelt. Sie fühlte sich erschöpft nach allem was passiert war.

„Habibi, ich hab‘ Hunger, haben wir was zu essen?“, Mohamed zog seine Schuhe im Flur aus, und kam mit seiner Arzttasche in das Wohnzimmer. Er lehnte am Türrahmen und lächelte. Er lächelte immer. Samantha liebte das. Er sah so schön aus, wenn er lächelte.

„Ja, nein ich war nicht einkaufen heute, es ist so viel passiert.“, antwortete sie mit einem müden Lächeln.

„Was ist passiert Habibi? Warte erzähl es mir gleich, ich bestell uns erst eine Pizza.“

3 Arabische Lautschrift heißt: „Friede sei mit dir.“ Das ist die Begrüßung unter Muslimen

4 Erwiderung des Friedensgruß; Übersetzung: „Und Friede sei mit dir.“

Zwischen Rosen und Orchideen

James saß im Zimmer des Oberarztes der psychiatrischen Station des Klinikums am Berg. Dr. Ruben also, Ruben hatte ein alter Klassenkamerad von ihm geheißen. Ob er das war? Wohl kaum, schließlich konnte der auch nicht älter als achtzehn sein so wie James. Außerdem war er in der Schule immer sehr chaotisch gewesen, so wie James. Vielleicht war er hochintelligent, jemand, der mehrere Klassen übersprungen, und dann sehr schnell promoviert hatte. Nein, das war eher unwahrscheinlich. James dachte über seine Mutter nach. War sie wirklich so nachlässig mit selbst, dass sie den Tod riskieren würde? Schließlich ging es ihr schon immer ein wenig schlecht. Seit James denken konnte, war sie labil. Sie war nicht immer traurig, aber sie war auch nicht immer glücklich. Wer war das schon? Sie hatte manchmal sehr negative Gedanken, das war James schon aufgefallen, aber sollte er mit dem Arzt wirklich darüber reden? Das waren schließlich private Familienangelegenheiten, zudem noch von seiner geliebten Mutter. Seine Mutter hatte sich immer gut um ihn gekümmert. Er liebte sie über alles. Er nahm es Sam übel, dass sie so plötzlich geheiratet hatte und ausgezogen war. Das machte seiner Mutter schwer zu schaffen, umso schlimmer von ihm selbst, dass er gestern Abend nicht bei ihr gewesen war, um ihr beizustehen.

„Guten Tag, mein Name ist Dr. Ruben.“, der Oberarzt hatte das Zimmer betreten und riss James aus seinen Gedanken.

James erschrak.

„Hallo, James Regenhardt.“ James und Samantha trugen den Nachnamen ihres Vaters. Er erhob sich kurz von seinem Stuhl, schüttelte Dr. Ruben die Hand und setzte sich wieder. Es war nicht sein Klassenkamerad, er war sehr groß, sicher 1,90m oder noch größer. Er war noch jung, ein Anfänger vielleicht. James war noch nie bei einem Psychiater gewesen, er kannte sich nicht aus, was auch der Grund dafür war, dass er sich etwas unwohl fühlte.

„So, sie sind also der Sohn von Susan Logan.“, Dr. Ruben setzte sich hinter seinen Schreibtisch und sah in eine Akte.

„Ja.“, antwortete James kurz. Er wollte nichts Falsches sagen.

„Susan Logan…“, der Arzt machte eine nachdenkliche Geste, während er die Akte durchsah. „Aaahja.“, fuhr er fort. „Frau Logan wurde gestern von ihnen gebracht, weil sie ein Schlafmittel zusammen mit zu viel Alkohol eingenommen hatte.“, begann der Doktor.

„Ja genau.“ James blieb wortkarg. Was für eine Show, dachte er sich.

„Folgendes Herr Regenhardt. Ich kann ihre Mutter heute entlassen. Ich habe aber Bedenken. Ich habe mit ihr gestern Gespräche geführt und auch einige Tests gemacht. Sie ist eine sehr liebe Frau. Aber ich habe den Eindruck, dass sie leicht depressive Züge hat.“, merkte der Doktor an.

Seine Mutter war nicht immer glücklich, aber wer war das schon? Es kam ihm komisch vor, dass der Arzt so redete, er kannte sie doch gar nicht. Woher wollte er das nach einem Tag wissen?

„Wie kommen sie darauf?“, fragte er vorsichtig und hielt seinen aufsteigenden Zorn zurück.

„Ich habe sie befragt nach ihrem Leben nach ihren Gefühlen. Sie scheint mir sehr belastet zu sein, etwas, das sie selbst nicht so genau sagen kann. Das ist das Schwierige, wissen sie, wenn wir unseren Gefühlen nicht unmittelbar Ausdruck verleihen, kann es dazu kommen, dass sie durch andere Handlungen ans Tageslicht kommen, unsere Gefühle. Verstehen sie?“, versuchte Dr. Ruben zu erklären.

„Worauf genau, wollen sie hinaus? Also was wollen sie jetzt von mir?“, James wusste, dass er unhöflich war, aber er hatte das Gefühl, dass sich jemand in etwas reindrängte, was ihn nichts anging.

„Ich wollte sie zum einen darüber informieren und sie zum anderen fragen, ob in den letzten Tagen oder Wochen etwas vorgefallen ist, was diese starke emotionale Reaktion ihrer Mutter ausgelöst haben könnte.“, Dr. Ruben blieb erstaunlich ruhig, während James mit seinen Gefühlen in einen Zweikampf geriet. Natürlich war etwas vorgefallen, Sam war weg, sie war jetzt verheiratet mit jemandem, den sie alle kaum kannten. Sie hatte nicht auf die Worte ihrer Mutter gehört. Aber ging es diesen Psychodoktor etwas an?! Nein sicher nicht.

„Also, ehrlich gesagt, ist alles wie immer.“, entgegnete James und bemühte sich um ein Poker Face.

Dr. Ruben notierte sich etwas in seiner Akte. „Hm, okay, haben sie erstmal vielen Dank. Ich habe mit ihrer Mutter besprochen, dass sie zu mir zu regelmäßigen Gesprächen kommt. Den ersten Monat werden sie zweimal wöchentlich stattfinden, danach sehen wir weiter. Ich fände es schön, wenn sie ihre Mutter dahingehend unterstützen, um zu vermeiden, dass so etwas nochmal passiert.“ Dr. Ruben sah von seiner Akte auf und James in die Augen. James fühlte sich ertappt. Er fühlte sich schuldig. Er fühlte sich schuldig und ertappt.

„Wissen sie, die meisten schämen sich, wenn es um psychische Krankheiten geht. Besonders Menschen, wie ihre Mutter, die ansonsten immer erfolgreich im Leben waren. Es ist keine Schande, Schwäche zu zeigen. Es wäre schön, wenn sie ihrer Mutter das vermitteln würden. Ich habe ihr außerdem empfohlen, sich zunächst krankschreiben zu lassen. Sie ist ja Grundschullehrerin, wenn ich richtig informiert bin. Das ist eine sehr belastende Arbeit und kaum zu meistern, wenn man nicht 100%ig fit ist. Die Familienangehörigen spielen in so einer Krise eine große Rolle. Vermitteln sie ihr, dass sie hinter ihr stehen und dass sie Geduld mir ihr haben.“ Dr. Ruben klappte die Akte zu. Das war wohl sein letzter Satz. Sehr eindringlich wie James fand. Als würde er seiner Mutter nichts Gutes vermitteln. Er hatte das Gefühl, dass jemand in sein Privatleben eingedrungen war. Und was sollte das mit der Krise bedeuten? Seine Mutter hatte doch keine Krise.