The Project Gutenberg EBook of Ein Geschlecht, by Fritz von UnruhThis eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and withalmost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away orre-use it under the terms of the Project Gutenberg License includedwith this eBook or online at www.gutenberg.org/licenseTitle: Ein GeschlechtAuthor: Fritz von UnruhRelease Date: October 24, 2014 [EBook #47189]Language: German*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN GESCHLECHT ***Produced by Gerard Arthus, Reiner Ruf and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (Thisbook was produced from scanned images of public domainmaterial from the Google Print project.)
Original-Bucheinband
Ein Geschlecht
Tragödie
von
Fritz von Unruh
1918
Kurt Wolff Verlag
Das Recht der Aufführung ist zu erwerben durch die
Vereinigten Bühnenvertriebe
Drei Masken — Georg Müller — Kurt Wolff Verlag
Berlin W 50
Siebentes bis achtzehntes Tausend
Druck von E. Haberland in Leipzig-R.
Copyright 1917 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Dem Andenken meines Bruders
Erich
* 1888, gefallen 1915
Personen
MutterÄltester Sohnihre KinderFeiger SohnJüngster SohnTochterEin SoldatenführerDer andere SoldatenführerMannschaft
Die Tragödie ist an kein Zeitkostüm gebunden; ihre Handlung spielt vor und in einem Kirchhof auf Bergesgipfel.
Helle, warme Nacht über der Rasendecke eines Berggipfels, der einen alten Kirchhof trägt. Durch ein Gittertor sieht man auf Gräber.
Ein Soldatenführer
beobachtet durch das Tor zwei Kerzen haltende Frauen und einen Jüngling, der ein Grab schaufelt
UNSELIGES Weib, gesegnet und verflucht,
indessen Du mit Deinem jüngsten Sohn
den schlachtgefallnen Liebling fromm beerdigst
und Flammenglanz von Tapferkeit beschwörst,
steigt aus dem Tal, gefesselt und bespuckt
ein Zwillingspaar auch Dir entboren auf,
das besser Du im ersten Bad ersäuft!
Der andre Soldatenführer
hat zu beiden Seiten des Tores Ringe befestigt
Die Eisen halten!
Ein Soldatenführer
zu wartender Mannschaft
So bringt sie her, für die der Platz bestimmt.
Wer faßt Natur, die solchen Zwiespalt schuf!
Jüngster Sohn
aus dem Kirchhof
Von meiner Schwester Tränen ausgelöscht
halt ich die Kerzen noch?
wirft sie fort
Entsetzlich Bild
für meines ganzen Bluts Verfinsterung.
will fliehn
Ein Soldatenführer
hält ihn auf
Eh Du mit uns zum Kampftal niedereilst,
erfülle, was Du ernst geschworen.
Jüngster Sohn
Von Sinnen war ich, als ich’s tat.
Ein Soldatenführer
zeigt auf das Grab
Was Du dem Toten schuldig bist und Dir
und uns, wie allen, die heut kniegebeugt
zum Machtgeist unsres mächtgen Volkes beten,
versäum es nicht. Entsühne schwere Schuld,
eh Gott auf uns die Wucht der Strafen schleudert!
Zwei halbentblößte Männer werden angeschleppt
Die beiden, wildzersträubt, sind Deine Brüder,
vom Vaterland, dem sie getrotzt, verstoßen.
Der andre Soldatenführer
packt sie
Der Du geschändet, Kerl, sei festgebunden,
daß Deine Gier nicht weiter Unheil stifte
und unsern Sieg entehre. Sterbe hier
bei Deinem Bruder, der Gehorsam weigert
und sich der Feigheit Ekel aufgeladen.
Jüngster Sohn
am Tor
Seht meine Mutter, ein verhülltes Bild!
Der andre Soldatenführer
Du zauderst?
zur Mannschaft
Stricke her!
Er bindet die Verurteilten fest
Jüngster Sohn
zu den Führern
Ihr habt es leicht
Vergeltung rasch von meinem Arm zu fordern.
Gemeinsinn wills, und er beherrscht die Zeit.
vor seinen Brüdern
Ich fühl es schaudernd, wie die Leidenschaft
den Edlen selbst zum Schwindelabgrund reißt;
zu den Führern
denn adlig waren sie, nur allzuheiß
vom eignen Kraftrausch ihres Lebenswunders.
Der andre Soldatenführer
zum jüngsten Sohn
Entschuldigung starb. Vor jeder Einzelgier
hat uns das Feuerbad des Kriegs geheilt,
und wo wie hier noch Aussatz an den Gliedern,
sei er von unserm Körper abgehackt!
Jüngster Sohn
erstarrt
Was heißt das; abgehackt?
Der andre Soldatenführer
Notwendigkeit!
Wie dem Gewölk erlauchter Ahnen heut
der Flammstrahl auf den Völkerknäul entblitzte,
der sich aus Lügen gegen uns geballt,
so würgen wir an uns die eignen Greuel.
Jüngster Sohn
eingeschüchtert
Wehrlose Kraft zu meistern! Gebt das Beil.
Er läßt es fallen
Die gleiche Form, von mir so rein verehrt,
schuf Euch, wie mich — und das zerfleischt mein Herz.
Der andre Soldatenführer
Dein Seufzer prallt an unsren Rippen ab,
die ehern wie der Bau des Vaterlands
nur opfermutge Seelen in sich dulden.
Jüngster Sohn
Ach, hättet Ihr sie auf der Tat erschlagen!
Wer ist die Macht, die alle Wesen beugt,
bis sie den eignen Willen ganz verlieren?
Der andre Soldatenführer
Glaub: sie zerstampft Dich, wenn Du also lästerst!
Jüngster Sohn
Brecht mein Genick! Ein Alp quetscht mir die Lungen!
fällt ohnmächtig um
Ein Soldatenführer
So stürzt ein Baum, der sich vom Erdreich löst.
Im Tor werden Mutter und Tochter sichtbar
Seht Eure Söhne an!
Der andre Soldatenführer
Wirft sie der Anblick der Empörer um?
Tochter
Da sind sie! Festgeknebelt wie Verbrecher!
zum Feigen
Der Du die Wolken sonst mit Träumen fülltest,
wenn Erika in Mittagsweiten glühte, —
wie jämmerlich hängt jetzt Dein Kopf zur Brust.
zur Mutter
Du duldest es, daß sie die Brüder morden?
Ein Soldatenführer
sieht die Mutter an
Ihr teilnahmloses Schweigen wächst ins Dunkel?
Der andre Soldatenführer
Wir stehn nicht hier, um Rätsel aufzulösen.
Ein Soldatenführer
zum andern Soldatenführer
Laß dieses Weib allein. Ich bürge Dir,
daß die nicht leben, wenn der Morgen dämmert.
Der andre Soldatenführer
stößt an den jüngsten Sohn
Doch den schleppt mit!
Mannschaft nimmt ihn auf
Ein Soldatenführer
Er werde in der Schlacht
zum würdigen Glied des großen Volks gehämmert.
Das Vaterland bleib ewig eine Kraft,
die unsrer Willkür wehrt, wie jene Mauer
die Heldenleiber schützt vor Pflug und Egge.
Außer den beiden Verurteilten, der Mutter und der Tochter gehen alle in das Kampftal zurück
Mutter
den Boden streichelnd
WIR, die wir vieles wissen, müssen schweigen.
Hier fielst Du um. Der jüngste meiner Schmerzen,
gebändigt durch die Faust des Muß.
Dein liebes Auge war auf mich gerichtet.
Jetzt spricht das Schicksal. Wirklichkeit steht auf
und gibt den Himmelsträumen Zweck und Namen.
Als Qual und Glück Euch still in uns gebildet,
der erste Laut aus Eurem Mäulchen schrie
und Ihr die Beinchen an die Brüste stemmtet,
die Euch gesäugt, da glaubten wir an Dauer;
verlachten das Gesetz, das heimlich wuchs
und Müttern heute ernste Sorgen bringt.
Sie wendet sich zu den Verurteilten
Ja, als Ihr jung wart, meine Söhne, wahrlich,
da baute Phantasie aus Euren Leibern
mir einen Tempel auf.
Nun steh ich unter Trümmern, gleich der Nacht,
besorgt den Schutt zu bergen, eh es tagt.
Tochter
Ach, meine Mutter!
Mutter
Brüll den Namen nicht.
Ich höre einer Unke Quaken lieber
als die zwei Silben, die mich niederschlagen.
Zur Wiege geh ich, die der Tod gebaut,
und rüste sie.
Sie wankt auf den Kirchhof
Tochter
vor den Brüdern in Entfernung
Sah ich Verbrechen sonst vorübergehn,
drängt’ Neugier mich an Wach und Gitter an,
um auf dem kurzen Weg vom Tor zum Wagen
den Flackerblick des Bösen nah zu sehn.
Nun quillt er auf im eignen Blut. O Brüder,
wir sind geheimnisvoll durch Lust verstrickt.
Die Fesseln, die Euch in das Fleisch getrieben,
erdrosseln mich, denk ich an mein Geschick.
Die Mutter kniet. Hier hocken Würgegeister!
will fort
Ältester Sohn