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New York, 1966. Harold Klein, ein renommierter Broadway-Produzent ist gelangweilt vom modernen Theater. Eines Tages wird ihm ein Stück mit dem Titel "Bernhardt / Duse" eines jungen Autors vorgeschlagen. Das Stück handelt von den beiden Theatergrößen Sarah Bernhardt und Eleonora Duse, ihrem Lebenslauf und dem ewigen Konkurrenzkampf. Nun braucht er nur zwei Hauptdarstellerinnen, die die Magie dieser Legenden auf die Bühne bringen. Greta Garbo steht seit einem viertel Jahrhundert nicht mehr im Rampenlicht und hat sich vollkommen in die Einsamkeit zurückgezogen. Tagein und tagaus wandert sie die Straßen New Yorks auf und ab. Ohne Ziel. Ohne Plan. Aber ist sie glücklich? Gibt es nicht doch etwas, tief in ihr, dass sie vermisst? Als ihr ein Fan das Stück über Sarah Bernhardt zu lesen gibt, löst es etwas in ihr aus. Sollte sie vielleicht doch wieder zurück ins Rampenlicht kommen? Marilyn Monroe ist gerade 40 Jahre alt geworden. Ihre besten Jahre hat sie ihrer Meinung nach hinter sich. Eine unglückliche Affäre mit einem Präsidenten, zahlreiche Flops und der Hang zum Alkohol haben aus dem strahlenden Star eine unglückliche Frau gemacht. Die Filmangebote bleiben aus. Hollywood hat sie fallen gelassen. Ihr einziger Ausweg: Ein Umzug nach New York. Dort, inmitten von Künstlern, blüht sie wieder zum Leben auf und ihr wird sogar eine Rolle am Broadway angeboten...Ist das der Aufbruch in ein neues Leben? Eine alternative Zeitgeschichte, die uns erträumen lässt, was alles hätte geschehen können, hätten diese Jahrhundertfrauen ein anderes Schicksal erlitten. Spannend. Innovativ. Ergreifend.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2022
EIN
GÖTTLICHES COMEBACK
Ein göttliches Comeback
DAVID IMPER
© 2022 David Imper
Lektorat: Manuela Tengler - manuscript - Lektorat, Korrektorat Manuela Tengler (www.manuela-tengler.at)Coverdesign von: Michael Stadelmann
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
Verlagslabel: East 52nd Street
ISBN Softcover: 978-3-347-54562-5ISBN Hardcover: 978-3-347-54567-0ISBN E-Book: 978-3-347-54569-4ISBN Großschrift: 978-3-347-54574-8
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung
Kapitel 1
New York, 1966
Sie war auf der Suche nach einem Pullover. Beschreiben konnte sie ihn nicht, wusste aber, dass sie ihn sofort erkennen würde, sollte sie ihn sehen. Seit fast zwanzig Jahren suchte sie ihn nun schon, lief die Straßen New Yorks auf und ab, blickte in jedes Geschäft, in der Hoffnung, den Pullover heute zu finden. Und wurde doch jeden Tag enttäuscht. Seit zwanzig Jahren. Auch heute verließ sie das Haus wie jeden Tag gegen elf Uhr vormittags. Um acht Uhr früh war sie aufgestanden, hatte ein Ei mit einem Stück Brot gegessen, geduscht und sich angezogen. Alles in Ruhe. Alles zu ihrer Zeit. Es gab niemanden, der sie hetzte oder antrieb, das würde sie auch nie wieder zulassen. Alles musste so gemacht werden, wie sie es wollte. Ohne Kompromisse.
Nun lief sie zügig die Lexington Avenue herunter und blendete ihre Mitmenschen völlig aus. Sie trug eine Sonnenbrille und einen langen, dunklen Mantel, denn es gab tatsächlich immer wieder Menschen, die sie erkannten. Auch nach all den Jahren. Es war ein kalter Tag und sie wickelte ihren Schal enger um ihren Hals. Kälte machte ihr nichts aus, aber sie hasste diesen böigen Wind. An der 56. Straße musste sie stehen bleiben, da die Ampel gerade auf Rot umgeschaltet hatte. Oh, wie sie das hasste! Es war viel los auf den Straßen. Daher konnte sie es nicht riskieren, bei Rot über die Straße zu gehen. Sie ärgerte sich, da ihr Rhythmus nun unterbrochen wurde. Auf der anderen Seite bemerkte sie zwei junge Männer, die sie anstarrten. Sie überlegte die 56. Straße entlangzugehen und später südlich der Park Avenue, aber ein Blick in die Straße reichte aus, um sich dagegen zu entscheiden. Die Straße war unbelebt. Im Zweifel würden ihr die beiden Männer folgen. Also blieb sie lieber auf der belebteren Lexington Avenue, wo mittlerweile schon einige Passanten mehr an der roten Ampel warteten. Die Lichtanlage wechselte auf Grün und sie lief los. Die beiden Männer starrten sie unverhohlen an, als sie an ihr vorbeigingen. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie einer den anderen am Arm packte und rief: „Sie ist es!“
Ohne sich umzudrehen, lief sie weiter und verschwand in der Menge. Bei Bloomingdale’s blieb sie stehen und betrachtete die aufwändig dekorierten Schaufenster. Ohne Eile schlenderte sie an allen Fenstern vorbei und betrachtete sorgfältig die Auslagen. Obwohl sie normalerweise Kaufhäuser mied, ging sie, ohne groß darüber nachzudenken warum, hinein.
Es herrschte viel Betrieb, besonders im Erdgeschoss, wo es nur so von Parfümständen und Kosmetikartikeln wimmelte. Sie gab nie Geld für solche Dinge aus, hatte weder Parfüm noch Make-up bei sich im Schrank stehen. Solche Dinge gehören der Vergangenheit an. Trotzdem fühlte sie sich auf merkwürdige Weise angezogen von den blumigen Düften, den verführerischen Werbeplakaten und den jungen Damen, die sie freundlich einluden, sich beraten zu lassen. Gerne hätte sie ihre Sonnenbrille abgenommen, traute sich aber nicht. Erst am hinteren Ende der Abteilung drehte sie sich um und ging wieder zurück, um auf der anderen Seite alles anzusehen. Das Potpourri der Parfümdüfte betörte sie, ihr wurde fast ein wenig schwindelig. Ein großes Plakat mit einer jungen Frau, die verführerisch in die Kamera blickte und dabei ihren neuen Lippenstift präsentierte, faszinierte sie besonders. Irgendetwas an diesem Bild fesselte sie. Sie konnte sich nicht losreißen. Hatte sie damals auch so in die Kamera geblickt?
„Möchten Sie unsere neuen Produkte ausprobieren?“
Eine Stimme, jung und unbedarft, sprach sie freundlich von der Seite an.
„Bitte?“ Das war alles, was sie im ersten Moment sagen konnte, da sie noch immer mit dem Plakat beschäftigt war und nicht damit gerechnet hatte, angesprochen zu werden.
„Darf ich Ihnen unsere Produkte präsentieren? Ich kann Ihnen gerne ein Tages-Make-up auflegen, wenn Sie möchten.“
Sie sah der jungen Frau ins Gesicht. Ihre völlig unschuldige Art wirkte so arglos, dass sie fast keine Wahl hatte, als ein leises Ja zu stammeln.
„Oh, schön, setzen Sie sich.“
Nachdem sie auf einem erhöhten Hocker Platz genommen hatte, lächelte die junge Frau sie an. „Sie müssen Ihre Brille abnehmen.“
„Oh, natürlich.“ Sie sprach nie mit Fremden, niemals. Ihre Stimme hörte sich seltsam an, rostig, sie hatte heute noch kein Wort laut gesagt. Hatte sie gestern ihre Stimme benutzt? Es fiel ihr gerade nicht ein. Noch viel seltener ließ sie sich berühren. Sie hatte keine Ahnung, was in sie gefahren war, warum sie in dieses Kaufhaus gegangen war um sich von einer jungen, fremden Frau schminken zu lassen. Absurd! Sie musste diese Charade beenden, sofort. Sie wollte aufstehen, ihre Sonnenbrille anziehen und so schnell wie möglich wieder an die frische Luft, war schon fast dabei wieder vom Hocker zu gleiten, da fing sie den Blick der jungen Verkäuferin ein. Diese blickte sie so unschuldig an, so glücklich endlich etwas zu tun zu haben, dass sie wie versteinert war. Erinnerte dieses Mädchen sie an sich selbst, damals vor vielen Jahren? Wie sie in einem ähnlichen Kaufhaus Hüte verkauft hatte? Damals, in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit.
„Sie haben ein sehr schönes Gesicht“, sagte die junge Frau ohne Koketterie. „Ich werde nicht viel machen müssen. Eine leichte Creme, um Ihrer Haut etwas Feuchtigkeit zu schenken. Dann werde ich die Augen ein wenig betonen und einen dezenten Lippenstift verwenden. Wie klingt das für Sie?“
„Gut, vielen Dank.“
Die Berührungen der jungen Frau, ihr so nah zu sein und ihren Duft einzuatmen überwältigten sie. Wann war sie das letzte Mal einem Menschen so nah gewesen? Es war intim, fühlte sich aber keineswegs falsch an. Im Gegenteil: rein und sanft, nicht schmutzig oder aufdringlich. Immer wieder schloss sie ihre Augen und genoss die zarten Pinselstriche, das Gefühl der geschickten Hand auf ihrer Haut. Wenn sie die Augen öffnete, sah sie, wie die junge Frau sich konzentrierte. Dabei kniff sie ihre Augen leicht zusammen und ließ ihren Mund dabei einen Hauch offen.
Beruhigter saß sie inzwischen in dieser Ecke, abgeschirmt vom Trubel des Kaufhauses und verlor ihre Sorge erkannt zu werden. Auch das Mädchen hatte sie nicht erkannt, dafür war sie viel zu jung. Sie war plötzlich richtig entspannt, ja geradezu glückselig. Ein seltenes Gefühl, ungewohnt, aber schön. Nach einer viel zu kurzen Viertelstunde drehte das Mädchen sie auf dem Hocker um, damit sie sich im Spiegel betrachten konnte.
Es gab noch Anzeichen. Anzeichen ihres früheren Selbst. Jenem Gesicht, dass Millionen Menschen in den Bann zog und sie zu einem der berühmtesten Menschen der Welt machte. Dasselbe Gesicht, das sie davon abhielt, sie selbst zu sein.
Sie betrachtete sich selten im Spiegel, höchstens um sich einen Zopf zu machen oder nachdem sie ihre Zähne geputzt hatte, um sich zu vergewissern keine Zahnpasta Reste im Gesicht zu haben. Aber nun musterte sie sich eingehend. Sie hatte sich gut gehalten. Ein paar Fältchen um die Augen und eine Linie neben ihren Mundwinkeln, waren die einzigen Spuren, die das Leben bei ihr hinterlassen hatte. Nun, mit den schön geschminkten Augen und dem Lippenstift, erinnerte sie sich wieder daran, wer sie einmal war. Jemand, der sie nie sein wollte: eine Figur, geschaffen von anderen Menschen. Ein Gesicht modelliert auf ihrer Seele, dass sie reich und berühmt machte, aber auch einsam und eigenwillig. Sie dachte nie an die Vergangenheit oder verdrängte sogar jeden Gedanken daran, wenn er sie überkam. Nein, sie wollte nicht mehr diese Person sein. Sie wollte sie sich vom Gesicht reißen und in den Müll werfen. Wie Abfall.
„Gefällt es Ihnen?“, fragte die junge Frau freundlich.
„Danke“, war alles, was sie sagte. Sie sah die junge Frau neben sich im Spiegel an, die ihr aufmunternd zulächelte.
„Möchten Sie eines der Produkte kaufen?“
Sie hatte natürlich mit dieser Frage gerechnet, denn nichts im Leben war umsonst. Alles hatte seinen Preis. Sie wusste, sie würde nichts davon jemals benutzen, wollte aber nicht unhöflich sein, denn das junge Mädchen hatte sich solche Mühe gemacht.
„Ich nehme den Lippenstift“, erwiderte sie.
Das junge Mädchen strahlte über das ganze Gesicht, ging zu einer Schublade, schloss sie auf und holte eine kleine Verpackung hervor. „Eine gute Wahl, die Farbe steht Ihnen sehr gut“, sagte sie begeistert.
Sie bezahlte die Ware, steckte den Lippenstift in ihren Mantel und ging, ohne sich zu verabschieden, davon. Sie hatte genug. Sie musste raus, so schnell wie möglich. Plötzlich war es stickig geworden, laut und hektisch. Inzwischen waren viel mehr Menschen unterwegs. War das vorhin schon so gewesen? Sie lief und lief, fand aber den Ausgang nicht, rempelte einen älteren Herrn an, entschuldigte sich aber nicht, sondern ging einfach weiter. Panik überkam sie, als sie merkte, dass sie völlig die Orientierung verloren hatte. Die vielen Menschen, die Werbeplakate, die stickige Luft, der Lärm. Ihr wurde schwindelig und gerade, als sie dachte, sie würde umkippen, spürte sie eine frische Brise auf ihrer Wange und sah eine Tür, die zum Ausgang führte. Sie rannte darauf zu ohne den Portier, der ihr die Tür öffnete, anzusehen, und lief auf die Straße hinaus. Die kalte Luft traf sie wie ein Schock, aber endlich konnte sie wieder atmen. Gierig sog sie die Luft ein und hielt sich an einem Ampelmast fest. Nach ein paar Sekunden ging es ihr deutlich besser und sie machte sich wieder auf den Weg zurück in ihre Wohnung. Sie hatte genug für heute erlebt, genug für die ganze Woche. Rasch steckte sie ihre Hände in die Jackentasche und fand den Lippenstift, den sie eben gekauft hatte. Sie nahm ihn heraus, sah ihn an und warf ihn in den nächsten Mülleimer. Greta Garbo würde keinen Lippenstift mehr benutzen. Nie wieder.
Kapitel 2
Los Angeles, 1965
Die blonde Schauspielerin betrachtete sich im Spiegel. Minutiös musterte sie ihr Gesicht, ihre Haare, ihr Outfit. Dann nahm sie erneut den Lippenstift in die Hand und fuhr, mittlerweile zum zehnten Mal, ihre Lippen nach. Nun nahm sie ihr Gesicht wieder in Augenschein, drehte ihren Kopf von rechts nach links. Sie war nicht zufrieden. Mit dem Pinsel legte sie mehr Rouge auf die Wangen, zwei Mal, drei Mal. Plötzlich war es zu viel und sie musste mit einem Tuch über ihre Wange wischen, um ein wenig davon wieder wegzunehmen. Das passierte ihr immer wieder. Sie hätte heulen können. So konnte sie sich doch niemandem zeigen. Erschöpft legte sie den Kopf in ihre Hände.
Sie war spät dran. Viel zu spät. Bereits zwei Mal hatte es an ihrer Garderobentür geklopft, aber sie hatte keinen Laut von sich gegeben. Nun hörte sie erneut Schritte auf dem Flur in ihre Richtung kommend. Bestimmt war das wieder der Aufnahmeleiter, der sie zum Set bringen sollte. Sie hörte das Klopfen, bevor er überhaupt die Tür berührte. Ein Klang, der ihr durch Mark und Bein ging und sie wie versteinern ließ.
„Marilyn, Sie sind dran. Bitte kommen Sie sofort zum Set. Wir warten alle nur auf Sie!“ Die Stimme klang nicht unhöflich, aber durchaus bestimmt. „Marilyn? Hören Sie mich?“
Sie versucht Ja zu sagen, aber es kam kaum mehr als ein Krächzen über ihre Lippen.
„Marilyn?“ Erneutes Klopfen, diesmal kräftiger.
Sie versuchte wieder zu antworten, und dieses Mal gelang es ihr, ein bisschen mehr Kraft in ihre Stimme zu legen. „Ja?“
„Haben Sie mich gehört? Marilyn, darf ich reinkommen?“
Sie betrachtete sich im Spiegel, versuchte ein Lächeln aufzusetzen, schloss kurz die Augen und rief: „Kommen Sie herein!“
Schüchtern, fast zaghaft öffnete sich die Tür und der junge Aufnahmeleiter blickte in die Garderobe. Er sah zu der schönen Schauspielerin, die an ihrem Garderobentisch saß und ihn mit einem leicht gequälten Lächeln ansah. Sie sah so traurig aus. Obwohl er den Auftrag des Regisseurs hatte, mit äußerster Strenge vorzugehen, verließ ihn der Mut. Er konnte einfach nicht streng mit ihr sein. Behutsam sagte er stattdessen: „Marilyn, es wäre toll, wenn Sie jetzt kommen würden. Wir sind im Verzug und warten alle auf Sie.“
„Gefällt sie Ihnen?“, fragte sie ihn.
„Wen meinen Sie?“
Sie zeigte auf ihr Spiegelbild. „Marilyn. Gefällt sie Ihnen?“
Der junge Mann war für ein paar Sekunden irritiert, wusste nicht, was er sagen sollte. Er sah Marilyn im Spiegelbild an, sie war immer noch wunderschön. Es zeigten sich zwar die ersten Spuren des Alters in ihrem Gesicht, aber dadurch wirkte sie seiner Meinung nach nur interessanter. Er mochte sie, auch wenn das Arbeiten mit ihr eine absolute Katastrophe war.
„Sie ist die schönste Frau, die ich jemals gesehen habe“, sagte er leise.
Die Schauspielerin lächelte ihn an, streckte ihre Hand aus und ließ sich von dem jungen Mann aus der Garderobe eskortieren. Behutsam wie einen verletzten Vogel führte er sie den dunklen Gang entlang in Richtung Studio 3. Kurz bevor er die Tür zum Set öffnete, blieb sie stehen, fasste ihn an der Schulter, sah ihn mit großen Augen an und fragte: „Sind alle sauer auf mich?“
„Niemand ist sauer auf Sie, Marilyn, wir sind einfach nur glücklich, dass Sie zum Set kommen“, versprach er ihr.
Er öffnete die Tür und geleitete sie zum Set, wo eine Gruppe von 30 Menschen stillstanden und die blonde Schauspielerin vorwurfsvoll ansahen. Man konnte die Feindseligkeit förmlich spüren. Niemand sagte etwas, man starrte sie einfach nur an.
Aus der Menge schoss plötzlich ein kleiner, dicker Mann hervor und brüllte sie an. „Na endlich! Wurde auch Zeit, dass diese alte Kuh endlich ihren Arsch zum Set bewegt.“
Marilyn sah den jungen Mann an und erkannte die Lüge, die er ihr noch vor einer Minute erzählt hatte. Tränen standen in ihren Augen und sie rannte wieder zurück in ihre Garderobe.
„Verdammt!“, rief der kleine dicke Mann, der Regisseur des Films.
Die Dreharbeiten liefen nun schon seit fast einem Monat. Jeder Tag bedeutete Kampf. Ein Kampf sich die schlechten Dialoge zu merken, ein Kampf diese Figur glaubhaft darzustellen. Ein Kampf, überhaupt zum Set zu kommen. Für Marilyn fühlte es sich jeden Tag an, als müsste sie einen Berg erklimmen und kaum ist sie oben angekommen, gibt ihr irgendjemand einen Stoß und sie fällt wieder herunter. Und jedes Mal verletzt sie sich dabei. Und diese Blessuren und Prellungen erschweren jeden erneuten Aufstieg.
Eigentlich sollte sie froh sein drehen zu dürfen. ‚My Mothers Nightmare’ war ihr erster Film seit zehn Monaten. Lange hatte sie sich geweigert mitzuspielen – das Drehbuch war einfach schlecht, ein kleiner B-Horrorfilm. Aber ein Blick auf ihr Bankkonto hatte sie schließlich überzeugt. Entweder den Film drehen oder ihr Haus am Fifth Helena Drive aufgeben und in eine kleine Wohnung ziehen müssen. Mittlerweile war sie sich nicht sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hatte, denn die Dreharbeiten waren die reinste Qual. Der Regisseur hasste sie und ließ keine Gelegenheit aus, sie das spüren zu lassen. Die junge Schauspielerin, die ihre Tochter spielte, hatte ebenfalls nichts für sie übrig, obwohl sich Marilyn zu Beginn große Mühe gegeben hatte, ein gutes Verhältnis aufzubauen. Aber nachdem sie mehrere Tage wegen Krankheit die Dreharbeiten aufhielt und an Tagen, an denen sie da war, das Team immer stundenlang warten ließ, kühlte auch diese Beziehung schnell ab. Sie spürte wie alle sie als ‚Versagerin’, als eine ‚Schauspielerin von gestern’ behandelten. Es war ein demütigendes Gefühl.
Vielleicht hatten sie ja sogar recht? Nachdem sie 1962 den Film ‚Somethings Got to Give’ komplett platzen ließ und das Studio damit beinahe in den Ruin trieb, weigerte sich fast ganz Hollywood sie anzustellen. Marilyn war nicht nur Kassengift, sondern galt auch als unzuverlässig. Sie würde zu viel trinken und jede erdenkliche Pille schlucken, die es gibt. Ein Jahr lang versuchte sie ihren Ruf wiederherzustellen, trank weniger, wurde wieder fitter, ließ sich für alle Zeitschriften der Welt ablichten, um allen zu zeigen, dass sie noch existierte, dass sie immer noch das Sexsymbol war. Aber kaum etwas half, denn sie bekam keine Rollenangebote. Kein einziges.
Es dauerte über ein Jahr, bis sie endlich eine Rolle in einer Fernsehserie angeboten bekam. Fernsehen. Noch Anfang der 60er-Jahre hätte sie nie damit gerechnet, im Fernsehen aufzutreten. Aber nach der langen Durststrecke schien das ihre einzige Option, also nahm sie an und spielte über ein Jahr lang die dumme, naive Frau eines Gebrauchtwagenhändlers. Die ersten Monate verliefen gut, die Serie entpuppte sich als Erfolg, aber nach und nach wurde Marilyn zunehmend frustrierter. Sie ließ sich immer öfter krankschreiben, erschien zu spät am Set, wollte ihre Dialoge ändern, hatte ständig Anmerkungen zu ihrer Rolle und verbreitete stetig schlechte Stimmung. Nach der ersten Staffel wurde sie durch eine andere Schauspielerin ausgetauscht. Die Serie blieb nach wie vor ein Erfolg, auch eben ohne Marilyn.
Mit 39 Jahren kam dann das Angebot, die von Außerirdischen besessene Mutter in ‚My Mothers Nightmare’ zu spielen. Ein billiger Horrorfilm, in dem sie am Ende von ihrer 18-jährigen Tochter umgebracht wird, nachdem sie sich in ein Reptil verwandelt hatte. Marilyn hatte selten ein schlechteres Drehbuch gelesen und schämte sich geradezu, dafür jeden Tag vor der Kamera zu stehen. Sie wollte auch nicht die Mutter einer 18-Jährigen spielen, fühlte sich mit ihren 39 Jahren noch viel zu jung dafür. War sie nicht vor drei Jahren noch ein Sexsymbol gewesen? Hatte sie nicht noch vor Kurzem für den amerikanischen Präsidenten gesungen? Drei Jahre können im Leben einer Schauspielerin wie dreißig Jahre sein.
Schließlich, mit zwei Wochen Verzug und Kosten von fast 100.000 Dollar mehr, fiel die letzte Klappe für ‚My Mothers Nightmare’. Sie spielte in der Szene nicht mit, hatte ihren letzten Drehtag am Tag davor gehabt. Marilyn war überzeugt davon, dass man sie nicht dabeihaben wollte und absichtlich so disponierte, damit man ohne sie den Abschluss der Dreharbeiten feiern und gemeinsam anstoßen konnte. Sie war schließlich der Grund für alle Schwierigkeiten in der Produktion, hatte alles vermasselt. Zwar stand mit ihr der einzige berühmte Name auf dem Plakat, aber auch das würde den Film nicht zum Erfolg machen, davon war mittlerweile jeder überzeugt.
Nach ihrer letzten Szene gab es keinen Applaus wie üblich, niemand bedankte sich bei ihr oder sagte ein paar nette Worte zum Abschluss. Eisige Stille erwartete sie, nachdem die letzte Szene im Kasten war. Nach ein paar qualvollen Sekunden, in denen sie tatsächlich dachte, gleich würde bestimmt jemand mit einem Blumenstrauß kommen, hörte sie den Regisseur nur rufen: „Danke, das war es für heute. Bis morgen.“
Kein Wort zu ihr. Niemand sah sie an. Allein ging sie in ihre Garderobe und packte ihre Sachen. Immer wieder dachte sie, dass bestimmt gleich jemand an ihre Tür klopfen würde, um sie zu verabschieden. Aber niemand kam.
Marilyn musste zwei Mal mit ihrem Gepäck zu ihrem Auto laufen, da ihr keiner zu Hilfe eilte beim Tragen der Taschen. Kurz bevor sie die Tür zu ihrer Garderobe schloss, hatte sie eine Idee. Sie lief zum Spiegel, holte ihren Lippenstift heraus und schrieb „I´m sorry. Love, Marilyn“ darauf.
Auf dem Parkplatz, gerade als sie ihren Wagen aufschließen wollte, sah sie ihre Filmtochter. Marilyn hob ihre Hand, aber die junge Schauspielerin blickte sie nur teilnahmslos an und ging weiter. Marilyn blieb ein paar Sekunden wie angewurzelt stehen und stieg dann in ihr Auto ein. Schon wieder wurde sie gehasst, begegneten ihr die Leute mit Abneigung. Wie konnte es so weit kommen? Wussten die Leute nicht, dass sie das alles nicht mutwillig tat? Dass sie sich von Herzen wünschte, morgens aufzustehen, sich anzuziehen und einfach auf das Set zu kommen und zu arbeiten? Sie wollte es ja. Und manchmal schaffte sie es, aber an vielen Tagen war da dieses Etwas, dieses Schwarze, das sie innerlich auffraß, und ihr sagte sie sei schlecht, nichts wert, hässlich und nutzlos. An solchen Tagen kostete es sie unendlich viel Kraft aufzustehen, geschweige denn vor eine Kamera zu treten und Leistung abzuliefern.
Nun hatten also auch diese Dreharbeiten in einer Katastrophe geendet. Wie oft hatte sie es in den letzten Jahren vermasselt? Würde sie jemals wieder spielen dürfen? Wahrscheinlich nicht. Hollywood verzieh einem nicht oft. Und sie hatte es definitiv überstrapaziert. Gestern noch ein gefeierter Star, heute eine knapp 40-jährige Schauspielerin, die nur Ärger verursachte.
Zu Hause angekommen ließ sie alle Rollos herunter, mixte sich einen Drink, legte eine Frank-Sinatra-Platte auf und setzte sich auf die Couch. Sie hatte ihre Wohnung hübsch eingerichtet. An den Wänden hingen Kunstdrucke und auf dem Tisch lagen Bücher über Sigmund Freud oder Schopenhauer. Sie nahm eines dieser Werke in die Hand, vertiefte sich darin, starrte an die Decke und nippte an ihrem Drink. Stunden vergingen, in denen sie so einfach so da saß, in ihrem Buch blätterte, ohne tatsächlich ein Wort zu lesen und ins Leere blickte. Draußen dämmerte es bereits, aber Marilyn bekam davon nichts mit. Sie hatte sich angewöhnt, alles abzudunkeln, nur so konnte sie entspannen. Auch hatte sie keine Pläne für den Abend. Oder den Tag darauf. Oder die kommenden Wochen. Sie blieb auf ihrem Sofa sitzen und schenkte sich einen zweiten Drink ein. Es würde nicht der Letzte bleiben.
Kapitel 3
New York, 1966
Der ganze Tag begann schon unheilvoll. Im Nachhinein dachte Harold, ob es wohl eine Art selbsterfüllende Prophezeiung war, was sich dann abends ereignete. Er war schon schlecht gelaunt aufgestanden, hatte miserabel zu Mittag gegessen und überhaupt keine Lust, sich abends unter Menschen zu mischen. Harold hatte schlechte Laune, aber okay: Es war nun mal sein Job und somit biss er auf die Zähne, verfluchte sein Leben, während er sich seine Krawatte band und verabschiedete sich mürrisch von seiner Frau. Sie würde ihn nicht begleiten. Das tat sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. Er winkte sich ein Taxi und während der Fahrt von der Upper West Side zum Times Square fing es an zu regnen. Damit hatte Harold nicht gerechnet und er ärgerte sich, dass er keinen Schirm dabei hatte.
Als er vor dem Theater ankam, sah er schon die ersten bekannten Gesichter. Sie würden sich bestimmt wie Aasgeier an ihn heften, in der Hoffnung auf Arbeit. Am liebsten hätte er dem Taxifahrer gesagt, er solle wieder umdrehen, aber Pflicht war Pflicht. Harold wusste das. Am Eingang winkte er einigen Bekannten zu, man würde sich auf der Feier danach bestimmt noch begegnen. Zielstrebig lief er durch das Foyer, ohne nach rechts und links zu blicken und reihte sich in die Schlange, die in den Theatersaal führte. Endlich im Zuschauerraum angekommen, setzte er sich an seinen Platz und blätterte in seinem Playbill-Programmheft. Da er keine Lust auf Small Talk hatte, blickte er nicht auf und vermied so jeglichen Blickkontakt mit Schauspielern, Regisseuren oder anderen Produzenten. Das Programmheft versprach ein Drei-Personen-Drama um soziale Gerechtigkeit und die Rolle der Frau. Von den Schauspielern kannte er zwar alle mit Namen, hatte aber noch keinen davon auf der Bühne gesehen. Der Regisseur stammte aus San Francisco und galt angeblich als ein „heißes Eisen“. Endlich, nachdem Harold das Heft gefühlte zehn Mal durchgeblättert hatte, ohne wirklich etwas darin zu lesen, gingen die Lichter aus. Er konnte wieder aufschauen, ohne in Gefahr zu geraten, reden oder winken zu müssen. Das müsste er sowieso alles auf der Premierenfeier machen. Ihm graute jetzt schon davor. Besonders heute, wo er schlechte Laune hatte.
Der Vorhang öffnete sich und auf der Bühne war nur ein Stuhl zu sehen. Minutenlang passierte nichts. Dann betraten die drei Schauspieler die Bühne und fingen an im Chor zu sprechen. Immer wieder wiederholten sie Sätze wie „Es ist Zeit!“, „Das Jetzt ist Jetzt!“, „Wer bin ich und wer bist Du?“
Harold ahnte, es würde ein langer Abend werden.
Zwei Stunden ohne Pause später hatte Harold jeglichen Lebensmut verloren. Hätte er Zyankali dabei gehabt, er hätte es geschluckt. Wider Erwarten fiel der Applaus frenetisch aus. Zahlreiche Menschen standen auf und riefen „Bravo!“, während ein Mann mit Schal hinter ihm immer wieder zu seiner Begleiterin sagte, wie tiefschürfend und ehrlich dieses Stück wäre. Harold war geschockt. Er hatte selten etwas Dämlicheres, pseudowichtiges und schlecht Gespieltes gesehen. Ihm war klar, dass er auf keinen Fall auf die Feier gehen konnte. Er wollte sich mit niemandem unterhalten, gar nicht erst in Versuchung kommen zu diskutieren - womöglich wäre er ausfallend geworden. Noch während der Applaus in vollem Gange war, stand er auf und verschwand aus dem Theater.
Draußen angekommen musste er erst einmal so laut fluchen, dass er dabei von ein paar Theaterfans, die auf Autogramme aus waren, schräg angeguckt wurde. Es war ihm egal, er musste seinen Frust entladen. Er entschied sich, zu Fuß nach Hause zu laufen, denn er braucht dringend einen klaren Kopf und musste sich abreagieren, der Spaziergang würde ihm guttun.
Was war nur mit dem Theater passiert? Seinem geliebten Broadway? Seit zwanzig Jahren arbeitete er nun schon als Produzent und hatte von Tennessee Williams, Arthur Miller über Ibsen oder Strindberg schon alles produziert. Sogar ein paar kleinere Musicals waren dabei. Er war der Meinung immer Unterhaltung mit Tiefgang auf der Bühne produziert, die Menschen immer zum Lachen, weinen, inspirieren, aber auch zum Nachdenken gebracht zu haben. Aber seit einiger Zeit hatte er nur Flops oder mäßige Erfolge gehabt. Als ob er den Geschmack des Publikums nicht mehr treffen würde. Ein Abend wie dieser war für ihn dann völlig desillusionierend. Wenn das Publikum nicht noch so frenetisch applaudiert hätte und diese Langeweile somit gefeiert hätte! Was war nur los mit den Zuschauern in dieser Stadt? Er würde auf jeden Fall die Verkaufszahlen dieses Stückes beobachten. Vielleicht fanden ein paar Möchtegern-Intellektuelle aus New York so etwas ja gut, aber er bezweifelte, dass sich dieses Stück lange halten würde. Die meisten Stücke am Broadway waren in letzter Zeit nur von kurzer Dauer. Musicals liefen immer gut, aber Harold wollte Schauspiel sehen, Schauspiel produzieren. Figuren, Charaktere und Konflikte auf der Bühne erleben, keine langweiligen Monologe, die von einem Chor gesprochen wurden.
Als er zu Hause ankam, schenkte er sich ein Glas Whiskey ein und blätterte lustlos in der New York Post. Was für dumme, billige Zeitung, aber seine Frau las sie jeden Tag. Auf der Rückseite war ein unscharfes Foto abgedruckt, dass angeblich Greta Garbo zeigte, wie sie sich bei Bloomingdale’s schminken lässt. Absurd! Das hätte jede ältere Frau sein können, so unkenntlich war das Foto. Und warum interessierten sich die Menschen immer noch für einen Filmstar, der seit einem Vierteljahrhundert nichts, absolut nichts getan hatte? Harold schüttelte den Kopf. Was war nur mit der Welt los? Er verstand sie nicht mehr.
Als Harold am nächsten Tag in sein Büro kam, erwartete ihn seine Sekretärin Hazel schon aufgeregt. Er hatte noch nicht einmal seinen Mantel oder seinen Hut absetzen können, schon fing sie an, auf ihn einzureden: Wen er zurückrufen musste, welche Verträge noch zum Unterzeichnen auf dem Schreibtisch lägen, wer ihn zum Lunch sehen möchte und dass er seine Pillen pünktlich um zwölf Uhr nehmen musste – das hätte ihr seine Frau ausdrücklich aufgetragen weiterzugeben.
Harold sagte zu allem ja, ja und ja, ging in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Er hatte sich noch nicht auf seinen Stuhl gesetzt, schon klopfte es wieder und Hazel streckte ihren Kopf herein.
„Ach ja, und dieser junge Autor kommt gleich.“
„Welcher junge Autor?“
Hazel sah auf ihren Notizblock. „Simon Goldberg, Sie haben einen Termin mit ihm in zehn Minuten.“
Harold fluchte. Hätte er sich doch bloß nicht zu diesem Termin von Agnes, einer befreundeten Agentin, überreden lassen. Sein Tag begann so, wie der gestrige Tag aufhörte: anstrengend und unbefriedigend.
Genau zehn Minuten später klopfte es wieder und Hazel kam mit einem leicht übergewichtigen jungen Mann mit dicker Brille zur Tür herein. Das sollte der begabte Autor sein? Harold vermutete, dass er gerade erst die Highschool abgeschlossen hatte.
„Sir, das ist Simon, ich lasse Sie zwei nun allein“, sagte Hazel verschmitzt und schloss die Tür hinter Simon, der noch kein Wort gesagt hatte und sich kaum traute, einen Schritt weiter in das Zimmer zu machen.
Der große Eichentisch, voll beladen mit Büchern und Theaterstücken und dem dahinter sitzenden, grimmigen älteren Mann machten ihm offensichtlich Angst.
„Junge, was kann ich für dich tun?“
Simon machte zwei Schritte in den Raum hinein, nahm all seinen Mut zusammen und fing an zu sprechen. „Ich, ich …“
„Ja?“ Harold wurde ungeduldig und starrte ihn an, sodass Simon errötete. „Nun sprich schon, ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“
„Ich habe ein Stück geschrieben, Sir.“
„Worüber?“
„Über Sarah Bernhardt und Eleonora Duse.“
„Worum geht es?“
„Nun, ich … also … Es geht um die Rivalität der beiden Frauen, obwohl sie sich im wahren Leben nie begegnet sind. In meinem Stück treffen sie sich immer wieder. Im Traum.“
„Im Traum?“ Harold lehnte sich in seinem großen Sessel zurück.
„Wer soll sich so etwas ansehen?“
„Ich denke, alle, die das Theater, die Schauspieler, die Bühne lieben. Menschen wie Sie und ich, Sir.“
„Davon gibt es viele in New York, aber das reicht nicht aus, um ein Theater über Monate zu füllen. Sie müssen auch an die Leute aus Kansas oder New Jersey denken, die Touristen, die in die Stadt kommen. Was wollen solche Leute sehen?“
Simon wusste im ersten Moment nicht, was er sagen sollte, er hatte mit dieser Frage nicht gerechnet.
„Man müsste berühmte Schauspielerinnen besetzen. Richtige Stars.“
Harold hatte viel zu viele „richtige Stars“ schon in seinen Stücken besetzt und wusste, welche Probleme das mit sich brachte. Sie waren teuer, launisch, faul und die meisten konnten nicht spielen. Vor allem nicht acht Mal die Woche. Und ein Stück mit nur zwei Personen? Welche verwöhnte Hollywood- Schauspielerin würde das kräftemäßig können? Keine. Für so ein Stück brauchte er erfahrene Bühnenschauspielerinnen, und die würden kein Theater füllen für ein neues, unbekanntes Stück, in dem nur zwei Personen vorkamen. Aussichtslos. Harold sah den jungen Mann an. Irgendetwas an ihm mochte er. Vielleicht war es seine Ehrlichkeit, sein Mut oder sein Enthusiasmus.
„Simon, ich will ehrlich mit dir sein. Ich finde deine Idee gut und bin überzeugt, irgendwo in diesem Land wird dein Stück irgendwann gespielt, aber ich bin nicht sicher, ob der Broadway der richtige Ort ist.“
Simon sah nicht im Geringsten enttäuscht aus, fast, als ob er mit viel Schlimmerem gerechnet hätte. „Würden Sie es wenigstens lesen?“, fragte er hoffnungsvoll. Harold sah ihn an. Er wollte ihn nicht verletzen und musste ihn nun wohl oder übel doch anlügen. „Ja, Simon, das werde ich.“
Einige Wochen später, Harold saß in seinem Ledersessel und las die New York Times, fiel ihm das Stück des jungen Autors wieder ein. Er hatte es damals mit nach Hause genommen, aber nie einen Blick hineingeworfen. Es schien ihm aussichtslos. Wer wollte denn so etwas sehen? Stücke mit so wenig Personal waren für kleinere Theater, vielleicht in Downtown angebracht. Warum musste er plötzlich an dieses Stück denken? Er blätterte in seiner Zeitung, um vielleicht einen Anhaltspunkt zu finden, aber ohne Erfolg. Dann klappte er die Zeitung zu und sah oben rechts auf der Titelseite einen Hinweis für einen Artikel mit dem Titel „Sarah Bernhardt Retrospektive im MoMa“. Sein Unterbewusstsein muss die Worte registriert haben, als er die Zeitung in die Hand nahm. Solche Dinge faszinierten Harold immer wieder. Er blätterte auf die Seite mit dem Artikel und las ihn durch. Er wusste zwar, wer Sarah Bernhardt war, kannte aber keine Details. Genauso wenig über Eleonora Duse, ihre große Konkurrentin. Als er fertig gelesen hatte, legte er die Zeitung zur Seite und suchte das Stück des jungen Autors, das er irgendwo in seinem Zimmer auf einen Stapel gelegt hatte. Er goss sich ein Glas Whiskey ein und begann zu lesen. Schon nach den ersten Seiten zog ihn diese Geschichte in den Bann. Harold bekam kaum mit, dass seine Frau nach Hause gekommen war, er hörte nur die Tür auf und zu gehen und Schritte nach oben in ihr Zimmer tapsen. Harold und Sybil hatten sich kaum noch etwas zu sagen, sie lebten komplett aneinander vorbei. Scheidung kam für sie nicht in Frage und da sie Harold alle Freiheiten ließ, die er sich nur wünschen konnte, hatte er sich mit der Situation arrangiert. Manchmal sah er sie an und entdeckte Spuren der jungen Frau, die er einmal geliebt hatte, und wurde traurig, aber meistens war sie eine Fremde für ihn.
Das Stück fesselte ihn mehr, als er zuerst zugeben wollte. Es war gut geschrieben, mit spannenden, feurigen Dialogen. Auch ohne zu wissen, wer diese beiden Jahrhundert-Schauspielerinnen waren, war man fasziniert von ihrem Können, ihrem Weg und ihrem unerbittlichen Konkurrenzkampf. Harold las das Skript in einem Zug durch und nach dem letzten Satz überkam
