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Philip fühlt sich in der realen Welt nicht wohl. Er ist an Anfang 20 und ein typischer Einzelgänger. Er führt ein bescheidenes Leben in einer kleinen Wohnung und verdient sein Geld als Rezeptionist in einem Hotel. Nur in der Welt alter Filme, besonders des Hollywoods der früheren Zeit, fühlt er sich wohl. Nacht für Nacht flüchtet er aus seinen eigenen vier Wänden in Welten vergangener Zeiten. Eines Tages sieht er sich einen unbekannten Horror-Film aus den 30er Jahren an und entdeckt in einer Nebenrolle einen Schauspieler, der ihm bis auf das Haar gleicht. Nicht nur das Äußere ist identisch, Philip fühlt schnell eine tiefe Verbundenheit zu dem mysteriösen Schauspieler. Er will mehr über den unbekannten Darsteller erfahren und findet er heraus, dass es sich bei seinem Doppelgänger um Oliver Clark handelt, ein junger aufstrebender Schauspieler aus England, der von einem Talentsucher in London entdeckt wurde und 1935 nach Hollywood übersiedelte. Oliver drehte nur einen einzigen Film in seinem Leben und verstarb kurze Zeit darauf auf seltsame Weise. Philip wird schnell bewusst, dass es zwischen ihnen eine Verbindung gibt, die mit Worten nicht zu erklären ist und dass diese Begegnung sein Leben für immer verändern wird. Kurzentschlossen macht er sich auf den Weg, das Rätsel um Oliver zu lösen. Sein Weg führt ihn von Deutschland nach Hollywood und weiter nach London. Er erfährt von der tragischen Liebesgeschichte zwischen Oliver und seinem besten Freund Vincent, seinen schweren Anfängen in Hollywood, seinem Absturz und der schrecklichen Tragödie, die zu seinem viel zu frühen Tod führte. Durch Olivers Schicksal entdeckt sich Philip neu, er wird mit einer Seite konfrontiert, die er bisher nicht kannte und stellt sich zum ersten Mal seinem Leben. Die Verbindung zu dem jungen englischen Schauspieler über Zeit und Raum verändert Philips Leben für immer.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2019
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David Imper
Oliver und Ich
David Imper, 1979 in der Schweiz geboren, zog mit 17 Jahren nach New York. Nach erfolgreicher Schauspielausbildung erhielt er erste Engagements an verschiedenen Theatern in Deutschland, später führte ihn sein Weg auch vor die Kamera, wo er in zahlreichen Filmen und Fernsehsendung auftrat.
„Oliver und Ich“ ist sein erster Roman.
Mehr Informationen unter www.davidimper.net
Himmelstürmer Verlag, part of Production House, 31619 Binnen
www.himmelstuermer.de
E-Mail: [email protected]
Originalausgabe, August 2019
© Production House GmbH
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.
Zuwiderhandeln wird strafrechtlich verfolgt
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Coverfoto: Shotshop, panthermedia
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN print 978-3-86361-777-6
ISBN e-pub 978-3-86361-778-3
ISBN pdf 978-3-86361-779-0
„We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars“
„Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns blicken zu den Sternen“
Oscar Wilde
Er bekam keine Luft mehr. Schweiß drang aus jeder Pore seines Körpers. Nach einem tiefen, langen Atemzug stand er langsam auf. Seine Beine waren wackelig, als gehörten sie nicht zu seinem Körper. Vorsichtig ging er ein paar Schritte auf und ab, um sich zu beruhigen.
Hatte ihm sein Verstand einen Streich gespielt? Er versuchte seine Gedanken zu sortieren und sich zu zwingen, ruhig und rational zu denken. Dann erst bemerkte er das der Film immer noch lief und drehte sich zum Fernseher um. Er hatte sich nicht getäuscht, nein, es war auch keine Halluzination oder eine Einbildung. Sein Gesicht, sein Körper, ja sogar seine Stimme, waren auf dem Bildschirm zu sehen. Er nahm die Fernbedienung in die Hand und drückte die Pause-Taste. Wie hypnotisiert stellte er sich dicht vor den Bildschirm und betrachtete das Gesicht darin. Er verglich die Form des Kopfes, der Augen und des Mundes. Kein einziges Detail unterschied sich von ihm. Dann ließ er den Film weiterlaufen und sah mit fasziniertem Entsetzen, nicht nur das Gesicht, sondern auch die Stimme, der Gang und die ganze Haltung waren vollkommen identisch.
Philip sah sich in einem Film indem er selbst mitspielte, in einem Film von 1937.
„The End“ war in weißer Schrift und großen Buchstaben auf dem Bildschirm zu sehen. Philip stand auf, machte den Fernseher aus, nahm die DVD aus dem Abspielgerät und schaute auf die Uhr an der Wand. Verdammt, dachte er. Wieder einmal hatte er die Zeit vergessen, in einer halben Stunde fing bereits seine Schicht an. Vorher wollte er noch unbedingt in die kleine Videothek, die sich auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle befand. Er nahm den Stapel DVDs vom Tisch, schnappte sich den Schlüssel von der alten Kommode, blickte ein letztes Mal zurück in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Im Treppenhaus war es dunkel, seit Wochen schon funktionierte das Licht nicht. Er tastete sich vorsichtig nach unten bis zur Haustür. Da Philip die letzten Stunden vor dem Fernseher verbrachte, versetzte das Tageslicht ihn zurück in die Realität, als er die Tür öffnete. Er lief zu seinem Fahrrad, schloss es auf und fuhr los. Ihm blieben nur noch 25 Minuten Zeit, aber das musste reichen.
Eine Nacht ohne einen neuen Film konnte er sich nicht mehr vorstellen. Auf manch einen wirkte Philip wie ein Nerd, oder sogar ein Freak, doch er selbst empfand sich gar nicht so. Er saß schließlich nicht dumpf vor einem Computer und spielte mit einer PlayStation, dachte er sich immer wieder. Nein, Philips Leidenschaft waren Filme. Alte Klassiker. Das Hollywood im goldenen Zeitalter, um es genau zu sagen. Gerade eben schaute er noch „Schlingen der Angst“, ein typischer Film Noir der 40er Jahre. Philip konnte sich immer gut ausmalen wie die Filme enden würden und trotzdem faszinierten ihn die Bilder, die Kameraführung, sowie die Schauspieler. Seine besondere Vorliebe für Schwarz-Weiß-Filme konnte er mit Niemandem teilen. Keiner seiner wenigen Freunde zeigte bislang Interesse und von seiner Familie konnte er erstrecht kein Verständnis erwarten. Seit seiner frühesten Kindheit war er für sie „anders“. Philip fühlte sich oft von der Außenwelt abgeschnitten, als würde er nicht dazugehören. Aber er war nicht unglücklich, er war auch nicht einsam, denn jede Nacht tauchte er ab, in seine Filmwelt, dorthin wo er glücklich war.
Mit seinem Fahrrad eilte er durch die grauen und trostlosen Straßen Kölns. Der gleiche Anstrich der Häuser ließ die Straße endlos erscheinen. Er steuerte auf die grüne Ampel zu, doch als er sich dieser näherte, schaltete sie erst auf orange, dann auf rot. Philip trat auf die Bremse, sodass sein Hinterrad blockierte und der Reifen quietschte. Ein Fußgänger, der die Straße überquerte, schaute vorwurfsvoll zu ihm herüber und schüttelte belehrend den Kopf. Völlig unbeeindruckt nahm Philip sein Handy aus der Hosentasche, um auf die Uhr zu schauen. Ihm blieben noch 15 Minuten Zeit bis seine Schicht begann und er versuchte sich gerade eine passende Ausrede für sein Zuspätkommen auszudenken, als die Ampel endlich wieder grün schaltete. Mit Vollgas trat er in die Pedalen und fuhr los. Nach zwei weiteren Kreuzungen und einer engen Kurve war er an seinem ersten Ziel angekommen. Er stieg vom Fahrrad, lehnte es an einen Laternenpfahl vor der Videothek und trat mit großen und schnellen Schritten auf die Ladentür zu. Philip versuchte die Tür zu öffnen, aber sie bewegte sich keinen Zentimeter. Sie konnte doch nicht schon geschlossen sein? Er warf einen Blick hinein, aber es war keine Menschenseele zu sehen und auch die letzte Hoffnung schwand, als er bemerkte, dass alle Lichter ausgeschaltet waren. Sein Blick wanderte zu den Öffnungszeiten an der Fensterscheibe, dabei erblickte er das große, auffällige Schild mit der Leuchtschrift „Geschlossen“, welches er in der ganzen Aufregung übersehen hatte. Sein Blick wanderte zurück auf das Schild der Öffnungszeiten und dann wieder auf die Leuchtschrift mit der ach so niederschmetternden Botschaft. Da stand Philip nun, ohne einen neuen Film, den er sich ausleihen würde, um die endlose, langweilige Schicht hinter dem Empfang, zu überstehen. Enttäuscht und mit hängenden Schultern drehte er sich in Richtung Straße und lief bedrückt zurück zu seinem Fahrrad. Er wollte gerade auf den Sattel steigen, da hörte er eine Stimme hinter sich rufen.
„Ich dachte mir doch, dass du das bist! Ich muss leider heute früher schließen. Mein Kleiner ist krank und ich muss ihn vom Kindergarten abholen.“
Philip fuhr vor Schreck zusammen, drehte sich um, und Sybille, die Besitzerin der Videothek, stand vor ihm.
„Sybille, ich brauche nur einen Film! Bitte! Lässt du mich noch kurz in den Laden? Ich bin in weniger als einer Minute wieder draußen“.
„Na los, komm rein, ich muss sowieso noch einmal ins Büro um meine Sachen zu holen, aber wenn ich wiederkomme, dann hast du hoffentlich etwas in der Hand. Abrechnen können wir ein anderes Mal.“.
Philip folgte Sybille in den Laden und während sie direkt auf ihr Büro zulief, rannte Philip zur Abteilung der Neuerwerbungen. Sybilles Videothek war anders als alle anderen, denn sie spezialisierte sich auf Raritäten und alte Filme. Neuerscheinungen waren also keine Filme, die gerade noch im Kino liefen, sondern Entdeckungen, die sie kürzlich gemacht hatte. Mit geübtem Blick scannte Philip in Sekunden das Angebot, aber die Auswahl war zu groß und Sibylles Gespür für gute Filme zwangen ihn blindlings zuzugreifen. Philip öffnete die Augen und sah sich die DVD an.
„Die Besessenen aus der Park Avenue “, ein Silver Screen Film von 1937. Er hatte noch nie davon gehört und kannte weder die Darsteller noch den Regisseur. Flüchtig überflog er den Inhalt:
„Die noble Familie Jones kommt aus ihrem Sommerurlaub zurück nach New York City. Zunächst erscheinen sie nur den Dienstboten merkwürdig, doch nach und nach beginnt auch das weitere Umfeld daran zu zweifeln, ob es sich um die echte Familie Jones handelte.“
Volltreffer.
„Hast du etwas gefunden?“, fragte Sibylle und schloss die Bürotür hinter sich.
Wie eine Trophäe streckte Philip sein Fundstück mit beiden Armen ausgestreckt in die Höhe.
„Du hast mir den Abend gerettet“, sagte er nur.
Voller Energie verließ er den Laden, setzte sich auf sein Rad und fuhr davon.
Philip betrat das Hotel, indem er mittlerweile seit vier Monaten arbeitete. Es war ein sehr kleiner Betrieb mit gerade einmal zehn Zimmern und fünf Mitarbeitern, mitten im Zentrum der Stadt. Die Gäste waren Geschäftsleute, Städtereisende oder Musical-Besucher. Philip lief hinter die Empfangstheke, grüßte seine Kollegin Ingrid und steuerte auf die dahinterliegende Bürotür zu. Hoffentlich ist sie nicht da, dachte er beinahe laut und meinte damit Frau Löwe, die Hotelchefin. Doch als er die Tür öffnete und das Zimmer betrat, saß sie da, in ihrem Ledersessel, ihm mit dem Rücken zugewandt und starrte auf den Bildschirm des Computers.
„Guten Abend! Wie geht’s Ihnen?“, fragte Philip, doch er erhielt keine Antwort.
Während er sich vorsichtig in Richtung Schreibtisch bewegte, drehte sich Frau Löwe um, setzte in ihre Lesebrille ab und seufzte tief.
„Wir sind nicht ausgebucht“, sagte sie gequält.
Oft dachte Philip sie hätte besser Schauspielerin werden sollen, denn sie war eine hoffnungslose Diva und ihre Auftritte waren Bühnenreif. Ihre Stimmung konnte herzlich sein, im nächsten Moment aber mürrisch, dann in Selbstmitleid zerfließend, um kurze Zeit darauf wieder selbstheilend über ihre eigenen Witze zu lachen. Philip war sich nicht ganz sicher, war es gerade pures Leid oder bahnte sich da gerade etwas Größeres an.
„Vielleicht kommt ja noch eine Buchung herein. Wir könnten auch mal wieder inserieren oder ein Special anbieten.“ sagte Philip in der Hoffnung Frau Löwes Stimmung anzuheben.
„Willst du mir etwa sagen, wie ich mein Hotel zu führen habe?“
Philips Befürchtungen schienen sich zu bewahrheiten und er versuchte schnell zurück zu rudern.
„Das war ja nur so ne Idee. Ich löse jetzt Ingrid ab. Bis später.“
Er nahm sein schwarzes Jackett vom Kleiderhaken und ging zurück zum Empfang, wo Ingrid gerade damit beschäftigt war, eine Liste für die Übergabe fertig zu machen.
„Du kannst gehen, wenn du magst und ähm ... geh besser schnell, ich glaube ich habe den Tiger in ihr geweckt“, sagte Philip mit Blick auf die Bürotür, auf der ein kleines goldenes Schild mit der Aufschrift Büro Löwe hing.
„Tiger? Wohl eher eine Hyäne“, meinte Ingrid und zwinkerte ihm zu.
„Wir haben heute noch zwei Check-In’s. Auf dem Zettel hier habe ich dir alles aufgeschrieben.“
„Danke, und jetzt hab einen schönen Feierabend!“
Nachdem Ingrid das Hotel verlassen hatte, nahm Philip Platz, las das sehr überschaubare Übergabeprotokoll und stellte sich auf eine langweilige Schicht ein.
Stunden später schaute Philip auf die große Uhr über der Eingangstür, als sich diese Punkt elf Uhr öffnete und Sven, der Nachtportier, hereintrat, um ihn abzulösen. Blitzschnell sprang Philip auf, winkte Sven zur Begrüßung zu und verschwand in Löwes Büro, um sich umzuziehen.
Als er wieder am Empfang war, stand Sven schon für die Übergabe bereit.
„Eigentlich gibt es nichts Besonderes, es sind alle da. Mehr als Wache halten ist wohl heute nicht mehr drin.“
„Soso“, sagte Sven. Sven sagte selten mehr.
Er ging um den Tresen herum, nickte Sven kurz zu und verschwand durch die Tür nach draußen.
Endlich Freiheit! Er konnte es kaum erwarten. Zuhause angekommen, schmiss er seine Jacke in die Ecke des Eingangsbereiches und holte die DVD heraus. Er schaute noch einmal auf das Cover und las laut: „Die Besessenen aus der Park Avenue“. Die Bilder auf der DVD schienen vielversprechend, wenn vielleicht auch etwas billig. Dass er noch nie von diesem Film gehört hatte, war für ihn nicht ungewöhnlich, denn in Hollywood wurden zur damaligen Zeit jedes Jahr tausende von Filmen gedreht.
Er zündete sich ein paar Kerzen an, holte eine Flasche Cola und eine Tüte Chips aus der Küche und legte die DVD ein. Es war immer das Gleiche: Sobald der Film startete, tauchte er in eine andere Welt, in eine Welt außerhalb seines runtergekommenen Appartements, ein. Philip befand sich nicht mehr in seiner kleinen Stadt, er war weit weg und alles um ihn herum verschwand im dichten Nebel und verlor an Bedeutung. Aber wohin führte es ihn? Es war das alte Los Angeles der 30er Jahre, es war New York, London oder Afrika. Er ließ sich von der Musik leiten, die manchmal leise und verzagt, dann laut und dramatisch oder furchteinflößend war. Er hörte Melodien, die er nie mehr vergessen würde.
„Die Besessenen aus der Park Avenue“ war unterhaltsam, aber auch ein wenig gruselig. Der Film begann mit einer Großaufnahme auf die Park Avenue in New York. Ein großes herrschaftliches Haus mit einer imposanten Eingangshalle, in der das Personal hektisch und aufgeregt den letzten Schliff vornahm, damit alles strahlte und glänzte für einen würdigen Empfang. Von draußen hörte man das Hupen eines Autos. Das Schwarze Dienstmädchen rannte zum Fenster und stieß einen Freudenschrei heraus. Sie erblickte einen grauen Rolls-Royce, dessen Reifen sich den Weg durch den strahlend weißen Kies suchten, um schließlich vor dem Portal zum Stehen zu kommen. Die Tür öffnete sich, das Personal stellte sich in Reih und Glied auf. Der Butler eilte an der Allee der Bediensteten vorbei zum Wagen und öffnete die schwere Tür. Das Schwarze Dienstmädchen zog ein Stofftuch aus der Tasche ihres schwarzen Kleides und tupfte sich eine Träne von ihrer Wange, die sie aus Freude über die Ankunft ihrer Herrschaften vergoss.
„Mr. und Mrs Jones, wir freuen uns alle so sehr, dass sie wieder da sind! Kommen Sie bitte herein“, sagte der Butler.
Mr. und Mrs Jones schenkten ihm jedoch wenig Beachtung, sie verzogen keine Miene und ihre Gesichter wirkten ausdruckslos. Ihre Augen waren starr, als wären sie nicht fähig zu blinzeln oder in der Lage, die Wimpern zu schlagen. Nun stiegen auch Mason und Madeleine aus. Die zwei jungen Erwachsenen sahen sich das Haus mit ebenso leeren Augen an, wie ihre Eltern.
Philip war begeistert. Ein typischer Film Noir. Möglicherweise waren sie im Urlaub Opfer einer Sekte oder Ähnliches geworden. Seine Vermutung war, das Schwarze Dienstmädchen würde das erste Opfer der „neuen“ Familie sein.
Nach den ersten Irritationen der Dienstboten über die deutlich veränderte Familie, beschloss diese am nächsten Morgen, ein großes Wiedersehen mit allen Freunden zu feiern. Alle Vorbereitungen wurden in der Schnelle getroffen und in der nächsten Szene öffnete der Butler auch schon den zahlreichen Gästen die Tür, die mit großer Vorfreude und Erwartungen der Einladung von Mr. und Mrs Jones gefolgt waren.
Die Feier fand in der imposanten Eingangshalle statt und nach und nach erschien die ganze High Society von New York. Die Frauen trugen alle traumhafte Roben, die Männer Smoking oder Frack. Der Champagner floss in Strömen, es wurde getanzt und gelacht und die ausgelassene Stimmung täuschte über die Veränderung der Familie Jones hinweg. Die Türglocke erklang und Madeleine rief aufgeregt: „Das wird Larry sein!“, und der Butler öffnete dem Gast mit den Worten „Willkommen, Sir“.
Was Philip dann sah, konnte einfach nicht wahr sein. Er traute seinen Augen nicht, denn der Gast, der soeben das Haus betrat, war kein anderer als er selbst.
Die lange Schlange ging um die Ecke herum, und zog sich weit bis in die nächste Straße hinein. Oliver blieb stehen und atmete enttäuscht aus. Das kann doch nicht wahr sein, dachte er. Langsam schritt er an den Männern, die an der Häuserzeile entlang warteten, vorbei und grüßte dabei das ein oder andere bekannte Gesicht. Am Ende der Schlange angekommen, reihte auch er sich ein. Öffentliche Vorsprechen waren nicht nur grauenhaft, sondern auch undankbar. Zwar bekam jeder die Chance in einer großen Theaterproduktion mitzuwirken, aber in der Regel nahmen sich die Produzenten nur wenige Minuten Zeit, manchmal nur Sekunden, um der Schar der Bewerber gerecht zu werden. Oliver hatte noch nie bei derartigen Vorsprechen Erfolg gehabt, er versuchte es aber trotzdem hartnäckig, immer wieder aufs Neue. Seit drei Monaten suchte er inzwischen Arbeit als Schauspieler. Seine letzte Produktion war eine Tournee durch Südengland mit Shakespeares „Romeo und Julia“. Unglücklicherweise spielte Oliver weder Romeo noch Mercutio, sondern Benvolio, eine kleinere Nebenrolle. Immerhin war er die Zweitbesetzung des Romeo, doch der ehrgeizige Hauptdarsteller fiel kein einziges Mal aus. In den letzten Monaten arbeitete Oliver in einem Pub in der Dean Street in Soho. Fünf Mal die Woche zapfte er Bier von vier bis zehn Uhr abends.
Hinter Oliver wuchs die Schlange weiter und weiter. Es ging nur schleichend vorwärts und er sah auf seine Taschenuhr. Es war bereits halb zwei und er befürchtete, er würde es nicht einmal bis in das Theater hineinschaffen, geschweige denn die Möglichkeit bekommen, vorsprechen zu dürfen. Nun fing Oliver auch noch an zu frieren und Langweile schlich sich ein. Im Kopf ging er noch einmal seinen Monolog durch, den er gleich im Theater vortragen würde. Mit einem Ohr hörte er den Gesprächen der Anderen zu und bemerkte schnell, alle redeten nur über das Gleiche. Wer wo gerade gespielt hat, welche Rollen in dieser Saison noch zu besetzen waren und warum immer dieselben Gesichter auf Londons Bühnen zu sehen sind. Oliver verabscheute solche Gespräche, sie machten ihn regelrecht wütend, denn er wollte positiv und optimistisch den Produzenten gegenübertreten. Heute ging es um eine Rolle in einem neuen Stück von Noel Coward, einer Uraufführung. Wahrscheinlich war deshalb der Andrang so groß, denn so eine Rolle könnte glatt einen Durchbruch bedeuten. Die Uhr zeigte halb drei und Oliver wurde langsam nervös. Er durfte nicht zu spät auf der Arbeit erscheinen. Sein Chef war sowieso nicht gut auf ihn zu sprechen, denn erst letzte Woche ließ Oliver versehentlich einen Gast, ohne zu bezahlen, verschwinden. Langsam näherte er sich der Tür zum Bühneneingang. Das Ziel schien nun fast greifbar und Oliver wurde immer ungeduldiger. Endlich! Zehn Minuten später stand er vor der Empfangsdame, die routiniert alle Personalien aufnahm. Mit seinem freundlichsten Lächeln und einer großen Portion Charme beantwortete er alle Fragen, als plötzlich die Tür hinter ihr aufsprang und eine ältere Dame, ganz in schwarz gekleidet, hinaustrat.
„Es tut mir leid, mehr Schauspieler können wir heute leider nicht sehen“, sagte sie.
Die Frau drehte sich blitzschnell um und so schnell die Tür sich öffnete, war sie auch wieder geschlossen.
Die Dame am Empfang senkte den Kopf und Oliver spürte, dass es ihr unangenehm war. Sie nahm ihren Stapel Unterlagen vom Tisch und folgte der älteren Dame durch dieselbe Tür.
Das darf doch jetzt nicht wahr sein, dachte Oliver enttäuscht. Hinter ihm wurden Stimmen laut, die anderen Bewerber beschwerten sich lautstark, aber der Ärger ebbte schnell ab, negativ auffallen wollte hier keiner. Die Schlange löste sich langsam auf, bis auch der letzte von der Nachricht erfuhr. Oliver hörte noch wie sich eine kleine Gruppe zusammentat, um sich im nächsten Pub ordentlich zu besaufen. Wenigstens kam er nun pünktlich zur Arbeit, ein kleiner, aber schwacher Trost. Er schlenderte die Old Compton Street entlang und überlegte sich, ob er sich noch etwas zu essen zu kaufen sollte, bog aber dann doch direkt in die Dean Street ab.
„Oliver!“
Oliver drehte sich um und blickte in das strahlende Gesicht von Vincent Leo. Vor zwei Jahren lernten sie sich bei einem Theaterengagement in Manchester kennen und waren seitdem gute Freunde. Damals spielten sie zusammen in „Oliver Twist“. Zwei Vorstellungen am Tag bei einer miserablen Gage in einer fremden Stadt schweißte beide zusammen. Doch für Oliver war es mehr als nur eine Freundschaft. Während der gemeinsamen Zeit verliebte er sich Hals über Kopf in Vincent. Sie wohnten damals gemeinsam in einem winzigen Appartement, bekochten sich, erledigten zusammen ihre Einkäufe und schliefen ab und an auch im selben Bett. Vincent wartete sehnsüchtig darauf, dass zwischen ihnen endlich etwas passieren würde, hätte sich aber nie gewagt den ersten Schritt zu machen. Vincent war damals schon mit Ruth zusammen, einer Tochter aus besserem Hause, die ständig auf ihn einredete die Schauspielerei zu beenden, um etwas Vernünftiges zu lernen.
Mittlerweile wohnten Vincent und Ruth zusammen, was jedoch bedeutete, dass Oliver Vincent kaum noch zu Gesicht bekam. Umso glücklicher war er, ihn endlich einmal wieder zu sehen.
„Wo zum Henker warst du die letzten Wochen? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen!“, sagte Oliver.
„Bei meinen Alten im Norden. Ich musste dort ein paar Dinge regeln. Bist du auf dem Weg zur Arbeit?“
„Ich war bei einem öffentlichen Vorsprechen“.
Kurz schilderte ihm Oliver sein frustrierendes Erlebnis.
„Das klingt ja echt mies! Du, ich habe gar keine Lust mehr Theater zu spielen. Weißt du Oliver, ich bin dazu geboren, Großes zu erreichen! Stell dir mal vor, ich habe morgen Probeaufnahmen für ein Filmstudio!“, berichtete Vincent stolz.
„Ein Filmstudio? Hier in London?“
„Nein, nur die Probeaufnahmen sind hier, das Studio liegt natürlich in Hollywood, du Dummkopf.“
„Hollywood ...“ murmelte Oliver vor sich hin. Daran hatte er eigentlich noch nie gedacht. Er war zufrieden in London und am Theater. Aber durch Vincent war nun etwas ganz nah gerückt, was zuvor in weiter Ferne zu sein schien. Hollywood, der große Traum.
Vincent würde dann aber ganz weg sein, weg von ihm. Dieser Gedanke legte ein Schatten über Olivers Gemüt und er versuchte seine Traurigkeit zu unterdrücken und sich für Vincent zu freuen.
„Wow, das ist ja echt toll, Vince. Ich bin stolz auf dich“, sagte Oliver. Vincent hatte plötzlich eine Idee.
„Weißt du was, komm doch einfach morgen mit! Stell dir mal vor, die würden uns beide nehmen, dann ziehen wir zusammen nach Hollywood!“
Oliver musste lachen. Dafür liebte er Vincent, denn er kannte einfach keinen Konkurrenzkampf. Er war so unglaublich selbstlos und wollte immer nur das Beste für den Anderen.
„Aber ich hab´ doch überhaupt keine Einladung! Die werden mich erst gar nicht hineinlassen“, entgegnete Oliver.
„Oliver, du bist ein talentierter junger Schauspieler. Die wären schön blöd, wenn sie dich nicht vorsprechen lassen würden. Also, nur Mut! Was sagst du?“
Oliver musste nicht lange überlegen, er sah in das strahlende Gesicht von Vincent und wurde wie immer schwach. Und wenn es am Ende nur Zeit war, die er mit Vincent verbringen würde, es wäre den ganzen Aufwand wert.
„Na gut, einverstanden. Ich komme mit! Ein bisschen Zeit bis zu meiner Schicht hab ich ja noch.“
Vincent strahlte, nahm ihn in die Arme und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ich wusste, ich kann auf dich zählen. Los komm, wir müssen uns was zum Anziehen kaufen, schließlich fahren wir beide bald nach Hollywood!“
„Was sagt eigentlich deine Liebste dazu?“, fragte Oliver.
„Die hat nichts mehr zu sagen, die bin ich endlich los! Komm, alter Knabe!“
Oliver konnte kaum glauben, was er gerade gehört hatte. Es schien, als würde es doch noch ein guter Tag werden.
Oliver wartete am nächsten Tag pünktlich vor dem Eingang der Chelsea Studios, einem von Londons führenden Filmateliers. Er hatte wenig geschlafen, da er im Pub lange arbeiten musste und seine Gedanken sich um das mögliche Vorsprechen und um Hollywood kreisten. Außerdem war er nach dem gestrigen Tag wieder völlig verwirrt was seine Gefühle für Vincent anging und er musste sich eingestehen, dass er nach wie vor in Vincent verliebt war. Vincent brauchte ihn nur mit seinen grünen Augen anzusehen, schon wurde Oliver schwach.
