Ein Herzschlag voller Hoffnung - T. D. Schillerhof - E-Book
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Ein Herzschlag voller Hoffnung E-Book

T.D. Schillerhof

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Beschreibung

Selbst durch die Risse eines gebrochenen Herzens dringt immer noch Licht.

Zwei Jahre sind seit den dramatischen Ereignissen in Babelsberg vergangen. Lina träumt weiterhin von der großen Filmkarriere, lässt dabei jedoch ihre Beziehung mit Draufgänger Mike schleifen, was immer häufiger für Spannungen sorgt. Tatsächlich scheint sich Linas Wunsch endlich zu erfüllen, als man ihr die Hauptrolle in einem Ehedrama anbietet. Sie überlegt nicht lange und nimmt die Rolle an - zum Ärger von Mike. Als er Lina dann auch noch beim Dreh von intimen Szenen mit ihrem Drehpartner Baris erwischt, scheint ihre Beziehung endgültig zu zerbrechen.

Auch Isa, Linas beste Freundin, steht am Scheideweg. Sie steckt in einer lieblosen Ehe fest und fühlt sich vom Alltag erdrückt. Einzig ihr humorvoller Kollege Finn, leidenschaftlicher Sammler von Büchern und Buchblogger mit großem Herzen, schafft es, ihr neue Hoffnung zu schenken. Als Isa endlich bereit ist, ihren Gefühlen nachzugeben, ahnt sie noch nicht, dass Finn hinter seiner fröhlichen Fassade ein dunkles Geheimnis verbirgt.

Beide Romane der Herzenswunsch-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

Der Roman ist eine Neuauflage und erschien ursprünglich unter dem Titel A Heartbeat of Hope.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Erster Akt
Prolog
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
Zweiter Akt
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
24.
25.
26.
27.
28.
29.
30.
31.
Dritter Akt
32.
33.
34.
35.
36.
37.
38.
39.
40.
41.
Epilog
Danksagung
Leseprobe »Sieben Tage für die Liebe«
1.
Band 1 der Herzenswunsch-Reihe »Ein Herzschlag voller Träume«

 

 

Ein Herzschlag voller Hoffnung

 

 

T. D. Schillerhof

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über das Buch:

 

Selbst durch die Risse eines gebrochenen Herzens dringt immer noch Licht.

 

Zwei Jahre sind seit den dramatischen Ereignissen in Babelsberg vergangen. Lina träumt weiterhin von der großen Filmkarriere, lässt dabei jedoch ihre Beziehung mit Draufgänger Mike schleifen, was immer häufiger für Spannungen sorgt. Tatsächlich scheint sich Linas Wunsch endlich zu erfüllen, als man ihr die Hauptrolle in einem Ehedrama anbietet. Sie überlegt nicht lange und nimmt die Rolle an - zum Ärger von Mike. Als er Lina dann auch noch beim Dreh von intimen Szenen mit ihrem Drehpartner Baris erwischt, scheint ihre Beziehung endgültig zu zerbrechen.

 

Auch Isa, Linas beste Freundin, steht am Scheideweg. Sie steckt in einer lieblosen Ehe fest und fühlt sich vom Alltag erdrückt. Einzig ihr humorvoller Kollege Finn, leidenschaftlicher Sammler von Büchern und Buchblogger mit großem Herzen, schafft es, ihr neue Hoffnung zu schenken. Als Isa endlich bereit ist, ihren Gefühlen nachzugeben, ahnt sie noch nicht, dass Finn hinter seiner fröhlichen Fassade ein dunkles Geheimnis verbirgt.

 

Beide Romane der Herzenswunsch-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

 

Der Roman ist eine Neuauflage und erschien ursprünglich unter dem Titel »A Heartbeat of Hope«.

 

Ein Herzschlag voller Hoffnung

 

 

T. D. Schillerhof

 

 

 

 

Band 2

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman

 

 

November 2022 © 2022 Empire-Verlag

Empire-Verlag OG, Lofer 416, 5090 Lofer

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit

Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

 

Lektorat: Nicole Siemer

Korrektorat: Peter Wolf

 

Covergestaltung: Chris Gilcher für Buchcoverdesign.de https://buchcoverdesign.de

 

Coverabbildungen: Adobe Stock ID 124712720, Adobe Stock ID 34642909, Adobe Stock ID 215259527, Adobe Stock ID 74737687, Adobe Stock ID 9134675, Adobe Stock ID 111938461 und freepik.com

 

Für die Außenseiter.

Die Verliebten.

Die Vergessenen.

 

Erster Akt

 

 

Ihr Herz setzte aus, aber sie nicht.

Sie ging geradewegs durchs Feuer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog

 

 

Eine schier endlose Wolkendecke tauchte den Himmel in ein tiefes Schwarz. Gerhard Fichtner klemmte sich seinen Regenschirm unter den Arm, zog die Haustür hinter sich zu und drehte den Schlüssel im Schloss genau zweimal um. Prüfend rüttelte er daran, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich verschlossen war. Als er im Anschluss das kleine Zauntor passierte, das er erst eine Woche zuvor in Weiß gestrichen hatte, konnte er für wenige Sekunden den sichelförmigen Mond erkennen, der inmitten der Wolken aufleuchtete und dann wieder von der Dunkelheit verborgen wurde.

Ein eisiger Wind wehte über den Gehweg und erfasste Herrn Fichtners Kleidung. Er klappte den Kragen seines Mantels hoch, vergrub seine Hände in den Taschen und machte sich auf den Weg. Die ganze Stadt schien noch in einem seligen Schlummer zu liegen. Er mochte es genau so, diesen Frieden und die Frische des frühen Morgens, wenn die Straßen wie leergefegt waren und er keiner Menschenseele begegnete. Nur vereinzelt kreuzte ein Auto seinen Weg, während seine Schritte durch die Wohnviertel hallten.

Zielstrebig überquerte er mehrere Fußgängerüberwege und marschierte durch enge Gassen, bis er irgendwann einen Anstieg erreichte. Zeitgleich trafen die ersten Tropfen den Boden. Herr Fichtner ließ sich ein paar auf Gesicht und Haupt prasseln und spannte seinen Regenschirm auf.

Der Anstieg wurde immer steiler, doch er hatte sich daran gewöhnt. Er sah diesen beständigen Fußmarsch als willkommene, frühsportliche Aktivität an, die ihn bei Kräften hielt – ganz gleich, ob die Sonne schien, es regnete oder stürmte.

Etwa zwanzig Minuten später erreichte er schließlich sein Ziel, vollkommen in sich gekehrt. Das Metalltor zum Friedhof quietschte, als Herr Fichtner es öffnete. Wie immer begrüßte er im Stillen die Pan-Statue mit der Flöte samt Hirtenstab, die im Eingangsbereich stand. Der Regen hatte inzwischen an Intensität zugelegt. Während die Tropfen hart auf den Schirm trommelten und der nasse Kies unter den Schuhen knirschte, schritt er den Hauptpfad entlang, vorbei an dem Gräbermeer, das im Schein der hellen Laternen ruhte. Der Wind ließ die kahlen Äste der Bäume hin und her tanzen. Sie wirkten wie dunkle, knorrige Hände, die ihm zur Begrüßung zuwinkten.

Nachdem Herr Fichtner ein paar Querwege eingeschlagen hatte, näherte er sich einem schneeweißen Grabstein, vor dem er schließlich innehielt. Der Stein trug die Inschrift von Marie Fichtner und unter ihrem Namen war der Satz »Liebe ist unsterblich« eingraviert.

Kurz bekreuzigte er sich und flüsterte »Guten Morgen, mein Schatz«, nur um direkt wieder zu verstummen. So konnte er sich ganz den Gefühlen hingeben, die ihn bei jedem Besuch aufs Neue überkamen, diese spezielle Mischung aus Trauer und Glückseligkeit. Glückseligkeit, weil es ihm vergönnt gewesen war, viele Jahrzehnte mit dieser wunderbaren Frau verbringen zu dürfen; Seite an Seite alle Lebenslagen, Feste und Krisen zu meistern, mit seinem Lieblingsmenschen, den er seit jeher als Engel ansah, als Gottesgeschenk. Gleichzeitig erfasste Herrn Fichtner eine tiefe Traurigkeit bei dem Gedanken daran, dass sein Engel vor einigen Jahren zurück in den Himmel gerufen worden war.

Er atmete die kühle Luft ein und schwieg so lange, bis der Regen nur noch vereinzelt auf seinen Schirm tröpfelte und dann ganz aufhörte. Herr Fichtner klappte den Schirm zusammen und schüttelte die Nässe ab. »Das war ein kurzer Schauer, nicht wahr, Liebes? Aber frisch ist es heute Morgen, mein lieber Mann. Die haben im Wetterbericht angekündigt, dass um die Mittagszeit mal wieder für paar Stunden die Sonne scheinen wird. Bei diesen Aussichten freut man sich richtig auf den neuen Tag, doch erst mal abwarten, ob die recht behalten. Du kennst ja diese Wetterfrösche, die reden ständig solchen Mumpitz daher. Und am Ende steht man mit Badehose im Schneesturm und versteht die Welt nicht mehr.«

Vorsichtig kniete er sich zu der verzierten Grableuchte und entzündete die kleine weiße Kerze. »Wie es mir geht, willst du wissen? Ach, ganz gut. Ich glaube, ich habe mir gestern Nacht beim Schlafen ein wenig den Hals verrenkt. Der ist etwas steif. Das ist nichts weiter, also mach dir keine Sorgen.«

Mühsam richtete er sich wieder auf und sah den Ästen dabei zu, wie sie sich im Wind bogen. »Aber ich muss dir ehrlich gestehen, dass ich mich dieses Jahr ganz besonders auf den Frühling freue. Diese elende Kälte all die Monate hält doch auf Dauer kein Schwein aus. Ich will endlich wieder sehen, wie die Sonne um diese Uhrzeit am Himmel steht und die Narzissen, Hyazinthen und Stiefmütterchen bescheint, die in all ihrer Farbenpracht durch den eisigen Frost brechen. Wenn die Bäume Knospen kriegen und das Leben von Neuem erwacht. Wenn alles wieder im Fluss ist. Ein frischer Beginn eines neuen Kreislaufs.«

Herr Fichtner ließ den Blick in den Himmel schweifen.

»Die Vögel im Garten werden sich auch freuen, dann können die mich den ganzen Tag mit ihrem grässlichen Gezwitscher terrorisieren. Erinnerst du dich daran? Wie ist mir dieses Geplärre auf die Nerven gegangen, als wir bei einem schönen Stück Kirschkuchen zusammen im Garten gesessen haben. Geht es heute noch, doch wie ich zugeben muss, nicht mehr ganz so schlimm. Vielleicht ist es auch diese seltsame Altersmilde, von der alle schwadronieren. Manchmal kann ich sowieso nicht glauben, dass ich Esel mittlerweile die Siebzig überschritten habe. Ich bin gespannt, wie viele Jahre mir noch vergönnt sind. Vielleicht sollte ich anfangen, gesünder zu essen, was meinst du? Ein bisschen mehr Grünzeug und ich schaffe es möglicherweise, die Hundert voll zu kriegen.«

Durch einen Spalt zwischen den Büschen konnte Herr Fichtner die Dächer und Straßenlaternen der Stadt sehen, das magische Lichtermeer, das wirkte, als stemme es sich gegen eine allumfassende Dunkelheit. Diesen Ausblick genoss er jeden Tag aufs Neue.

»Nun denn, gleich öffnet der alte Erich seinen Kiosk, da werd ich mir meine druckfrische Zeitung holen. Du weißt, ich will immer wissen, was es Neues in der Welt gibt, selbst wenn ich davon jedes Mal einen mittelschweren Tobsuchtsanfall bekomme. Kannst du dir vorstellen, dass die Menschen es noch immer nicht geschafft haben, einigermaßen friedlich miteinander auszukommen? Eine Schande! Es liegt wohl in der Natur des menschlichen Geistes, all diese Wunder, die ihn umgeben, mit Füßen zu treten. Dabei steht uns alles offen, um in diesem Leben so etwas wie Glück zu erfahren. Viele suchen es in den großen Dingen, doch diese Blindgänger haben ja keine Ahnung. Es sind die kleinen Dinge, auf die es ankommt. Beispielsweise ohne Rückenschmerzen aufstehen zu können, frische Luft in freier Natur zu atmen oder einfach nur Frühstücken zu gehen. Genau das werde ich gleich tun. Sich bei Kaffee und Brötchen aufzuwärmen, ist bei diesen elenden Temperaturen das einzig Richtige.«

Im Folgenden schnallte Herr Fichtner den Regenschirm um seinen Arm und zog ein grünes Büchlein aus der Innenseite seines Mantels. Von der Liebe zur Lyrik in vier Jahreszeiten stand in goldenen Lettern auf dem reichlich abgegriffenen Einband. »Bevor ich mich für heute von dir verabschiede, möchte ich dir natürlich noch aus deinem Buch vorlesen.«

Herr Fichtner befeuchtete seinen Finger mit der Zunge und blätterte eine Weile in dem Büchlein. Dann räusperte er sich und sagte:  »Das hier ist gut. Es heißt ›Wohin der Wind uns trägt‹.«

 

Wohin der Wind uns trägt

 

Es ist Mitternacht und wir sind zum Rendezvous verabredet. Hörst Du dieses Lied, das sie dort draußen spielen? Es klingt wie die Sterne, die sich in Deinen Augen spiegeln. Es klingt wie Dein Lächeln, das mich zu einem Tanze einlädt, Wange an Wange. Moment für Moment.

 

Es ist Mitternacht und wir sind zum Rendezvous verabredet. Hörst Du dieses Lied, das sie dort draußen spielen? Das ist unser Lied. Wir haben es geboren und die Melodie gelebt. Ich mache ein paar Schritte und berühre Deine Hände. Geschickt gleitest Du in meine Arme. Stilvoll, unbekümmert und schwerelos.

 

Es ist Mitternacht und wir sind zum Rendezvous verabredet. Hörst Du dieses Lied, das sie dort draußen spielen? Nun ist es fast vorbei. Ein letztes Mal fordere ich Dich zum Tanze auf und führe Dich, als ob ein Augenblick niemals vergeht.

 

Doch alles vergeht einmal, selbst die Berührung zweier Menschen, selbst der Wind, der uns fortträgt, der uns umblättert, wie die handverzierten Seiten eines Buches. Nur unsere Tränen verweilen und erschaffen gebrochene Landschaften aus Eis.

 

Unser Traum lebt von diesen Nächten, die uns als Denkmal erhalten blieben. Durch Dich lernte ich den Sonnenschein kennen, den Himmel gar lieben. Durch Dich kommen sie mir wieder in den Sinn, all die Geschichten vom Leben, Träumen und Vergehen.

 

Die Musik spielt nicht mehr, aber ich erinnere mich noch gut an unsere Melodie. An jedes Wort. An jeden Kuss. An jede Idee von Liebe. Und sollte mich einst die Trauer erfüllen, wenn die Blätter verwehen, möchte ich keinen einzigen Tag davon missen.

 

Nachdem er die letzten Zeilen gelesen hatte, klappte Herr Fichtner das Buch zusammen und verstaute es wieder in seinem Mantel. Dann blickte er in den Himmel, wo sich die Wolkendecke über ihm wie ein Vorhang öffnete. »Na, wer sagt’s denn?« Mit einem Lächeln näherte er sich dem Grabstein und strich mit seiner Hand sanft über die kalte Fläche. »Bis bald, mein Engel.«

1.

 

 

17 Jahre zuvor

 

So ein verdammter Mist! Isa blickte nervös auf die Uhr, mittlerweile das sechste Mal während der Fahrt. Das kann doch echt nicht angehen, dass dieser Scheiß-Bus heute überhaupt nicht durchkommt. Es gibt einfach Tage, da kommt alles zusammen, als ob jemand da oben auf einer verdammten Wolke sitzt und einen Eimer mit Pech und Schwefel auf mich ausschüttet.

Unruhig rutschte Isa auf ihrem Sitz herum und fluchte weiter in sich hinein. Jeder schien heute besonders lange zu brauchen, um beim Busfahrer ein Ticket zu ziehen. Die anderen Autofahrer ließen den Bus sich nicht wieder in den Verkehr einordnen. Jede Ampel schien auf Rot zu stehen. Ein Müllwagen fuhr auf einem Viertel der Strecke voraus, den der Bus nicht überholen konnte. Und überall gab es Baustellen, die für volle Straßen sorgten.

»Mach das nicht noch mal«, hatte ihr der Chef gedroht. »Dies ist meine letzte Verwarnung an dich.«

Isa hatte genickt und mit fester Stimme geantwortet: »Ich versichere Ihnen, dass das nie wieder vorkommt.« Und nun zeigte der Zeiger der Uhr bereits 08:15 Uhr an. Vor exakt 15 Minuten hätte sie hinter der Verkaufstheke stehen müssen. Isa hielt es nicht länger an ihrem Platz aus und klammerte sich an einer Stange fest. Irgendwas musste sie gerade quetschen. Hätte sie sich lieber mal krankgemeldet – oder tot.

Nach weiteren fünf Minuten, die Isa wie eine gefühlte Ewigkeit vorkamen, kam der Bus endlich bei der Endhaltestelle zum Stehen. Kaum klappten die automatischen Schiebetüren auf, sprang Isa förmlich über die Stufen. Sie klammerte ihre Handtasche fest an ihren Körper, sprintete durch die Straßen, wich den anderen Fußgängern aus, ignorierte sämtliche Ampeln und kam nach einem Fünf-Minuten-Marathon abrupt zum Stehen. Hastig versuchte sie noch, in der Reflexion eines Schaufensters ihre zerzausten Haare zu glätten, ehe sie endlich in den Laden stiefelte.

Ohne sich ihre innere Anspannung anmerken zu lassen, huschte sie möglichst unauffällig an den Regalen vorbei. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie Tami, die gerade dabei war, eine Kundin zu bedienen. Beim Anblick von Isa legte Tami die Stirn in Falten, was nichts Gutes erahnen ließ.

Im Personalraum warf Isa ihre Klamotten in eine Ecke, streifte schnell ihre Arbeitskleidung über und trat sofort wieder nach draußen. Schon nahm sie ihren Platz neben Tami ein, ging die Kunden-Bestellungen durch und fing damit an, Tami zuzuarbeiten. Es dauerte nicht lange, da zischte ihre Kollegin: »Wo zum Teufel hast du denn gesteckt?«

»Ich hab dir vor einer halben Stunde ›ne SMS geschickt, dass der Bus Verspätung hatte«, raunte Isa zurück. »Hast du dem Chef nix gesagt?«

»Ich guck doch nicht dauernd aufs Handy. Außerdem halte ich nicht mehr den Kopf für dich hin, damit der Chef seine ganze Wut bei mir abladen kann. Der Alte ist deinetwegen auf hundertachtzig.«

Isa schluckte. Nicht, dass es sie überrascht hätte, aber es jetzt offiziell aus Tamis Mund zu hören, ließ ihr das Herz in die Hose rutschen. »Wie schlimm ist es denn?«

»Auf einer Skala von eins bis zehn? Also wenn eins lammfromm bedeutet und zehn kurz vor der Explosion, dann bist du definitiv bei elf.«

»Hey«, protestierte Isa, »das gilt nicht, du hast gesagt, die Skala geht nur bis zehn.«

Tami seufzte. »Am besten, du duckst dich heute lieber den ganzen Tag weg. Vielleicht hast du ja Glück und der Chef vergisst die Sache bis zum Abend wieder.«

Isa lächelte besorgt. »Oder ich schrumpfe mich auf Mäusegröße und krieche durch ein Mauseloch. Jetzt fehlt mir nur noch der passende Schrumpfstrahler.«

»Isabell!«

Isas Lächeln gefror auf der Stelle. Wie konnte eine einzelne Stimme nur so furchteinflößend sein?

Der Chef baute sich vor ihr auf. Eine Ader an seinem kahlen Kopf pulsierte heftig. Sogar seine rote Krawatte schien bedrohlich zu leuchten. »Komm mal bitte mit«, presste er durch seine Zähne.

Isa und Tami sahen sich an. Sie wussten beide genau, was das bedeutete. »Ich bete für dich«, flüsterte Tami. Als Geste der Aufmunterung klopfte sie Isa auf die Schulter und widmete sich dem nächsten Kunden.

Ohne zu sprechen – oder zu atmen – trottete Isa hinter ihrem Chef her, bis sie in dem kleinen Nebenraum angekommen waren, der ihm als Büro diente. Sobald Isa eintrat, knurrte der Chef auch schon »Setz dich«, deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und schloss die Tür hinter Isa zu. Nun war es mucksmäuschenstill. Abermals wünschte sie sich einen Schrumpfstrahler herbei – oder einen Rettungshubschrauber.

Schnaufend setzte sich ihr Chef an den Schreibtisch. »Isabell, ich habe eine Frage an dich, eine einzige Frage nur: Was zum Teufel tust du hier?«

Sie hatte Mühe, mit fester Stimme zu antworten: »Hören Sie, Chef, ich weiß, dass ich zu spät bin, aber …«

»Nein, nein, nein«, unterbrach er sie. »Komm mir jetzt nicht mit ›Aber‹, es gibt kein ›Aber‹, keine Ausreden mehr. Fakt ist, du bist mal wieder zu spät.« Im nächsten Moment deutete er auf die roten Markierungen seines Wandkalenders, die Isas Verspätungen aufzeigten. Dann zückte er einen dicken Rotstift und fügte eine weitere Markierung hinzu. »Wie du hier unschwer erkennen kannst, ist es bereits das dritte Mal in diesem Monat. Du weißt genau, was ich dir beim letzten Mal gesagt habe. Noch einmal zu spät und das war’s. Und nun sage ich dir: Das war’s. Zieh bitte deine Arbeitskleidung aus, du kannst gehen. Ich schick dir deine Arbeitspapiere per Post.«

Isa saß wie angewurzelt auf ihrem Stuhl. Jedes Wort ihres Chefs wirkte wie ein Stich ins Herz. Schon merkte sie, wie sich Tränen in ihren Augen sammeln wollten, doch Isa versuchte, dagegen anzukämpfen. »Hören Sie, es ist … ich war … was soll ich denn machen? Bei uns daheim herrscht das pure Chaos. Nachdem ich heute meine Geschwister schnell zur Schule begleitet habe und noch einmal in die Wohnung gegangen bin, habe ich meinen Vater regungslos auf dem Sofa vorgefunden. Ich habe mich erst vergewissern müssen, dass er nicht ins Krankenhaus muss und all das hat diesmal länger gedauert. Dann hat auch noch der Bus Verspätung gehabt und … Ach, alles ist heute schiefgegangen.«

Ihr Chef sah sie mit versteinerter Miene an.

»Hören Sie, ich brauche diesen Job. Ehrlich! Meine Familie zählt … Ich verspreche Ihnen, es kommt nie wieder …«

»Nein, Isabell, jetzt hörst du mir mal zu. Es gibt eine ganz simple Tatsache in diesem Leben, die du dir merken solltest: Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen, möge es auch noch so schwer sein. Trotzdem muss man irgendwie weiter durch den Tag kommen. Professionell bleiben.« Der Chef erhob sich und griff zu seinem Telefon. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen sagte er: »Meine Entscheidung steht. Ich wünsche dir alles Gute.«

Kaum hatte ihr Chef die Wörter ausgesprochen, sprang Isa auf und hastete zur Tür raus. Sie wollte diesem Stiernacken nicht die Genugtuung geben, sie weinen zu sehen. Im Personalraum streifte sie ihre Arbeitskleidung ab, knüllte sie zu einem Bündel zusammen und schmetterte sie in einen Abfalleimer. Dann marschierte sie durch den Laden auf direktem Weg zum Ausgang raus und drehte sich auch nicht mehr nach Tami um.

Draußen an der frischen Luft hätte das Wetter nicht schöner sein können. Die Wolken hatten sich inzwischen verzogen, sodass die Sonne von einem tiefblauen Himmel strahlte und die Stadt mit Goldfarbe überzog. Isas Gedanken wummerten im Leerlauf. Sie ging ein paar Schritte bis zur nächsten Kreuzung und dann überkam er sie, dieser Strom aus Emotionen, der all ihre Tränen an die Oberfläche sprudeln ließ wie ein Geysir.

So eine verdammte Scheiße.

Sie konnte doch nichts für den jämmerlichen Zustand ihres Vaters, für die Verspätung des Busses, dafür, dass sie kein Geld hatte, um sich ein Auto leisten zu können, für das ganze, elende Schlamassel, das sie ihr Leben nannte. Sie blieb wie angewurzelt mitten in der Fußgängerzone stehen, sodass die anderen Passanten ihr ausweichen mussten. Eine junge Frau mit kleinem Hund sah erst ein Schaufenster und dann sie an. Der Hund bellte sie an. Isa wollte schon zurückknurren, da wurde er aber schon weitergezerrt.

Ärgerlich wischte sie sich durchs Gesicht und zog ihre Sonnenbrille auf. Mit hängenden Schultern ging sie durch die Gassen, die sich allmählich mit Menschen und Leben füllten. Die Welt erwachte zu einem neuen, frischen Tag. Isa dagegen fühlte sich von der Welt vor die Tür gesetzt. Ziellos, hilflos, vollkommen auf sich allein gestellt. Und mit jedem Schritt wuchs das Gefühl des Versagens.

Jetzt war genau die Uhrzeit, wo die meisten Läden ihre Pforten öffneten. Der Imbiss. Der Kiosk. Der kleine Buchladen an der Ecke. Der Reihe nach wurden schwere Rollos aus Metall unter lautem Getöse nach oben geschoben. Der Inhaber eines Uhrengeschäfts wischte seine Schaufensterfassade spiegelblank und winkte dann freundlich einem älteren Herrn zu. Beide trafen sich zu einem Plausch und schüttelten sich freudig die Hand.

Isa beschlich das Gefühl, von jedem angestarrt zu werden, als ob alle darüber Bescheid wüssten, was ihr zuvor widerfahren war, und sich insgeheim lustig über ihr Elend machten. Sogar ihr eigener Schatten, der auf dem Kopfsteinpflaster neben ihr herlief und sonst eher diffus und flüchtig aussah, schien sie heute in intensiver Dunkelheit zu begleiten.

Du wirst jetzt nicht ausflippen, mahnte sie sich im Innern. Du musst erst einmal einen klaren Kopf bekommen. Scheiß auf den Chef, scheiß auf alle anderen. Du bist jung. Du hast alle Möglichkeiten. Überhaupt kein Problem.

Irgendwann kam sie an einer Bäckerei mit Außenbestuhlung vorbei. Isa ließ sich auf den nächstbesten Stuhl nieder, knallte ihre halbvolle Schachtel Zigaretten auf den Tisch und zündete sich eine an. Bereits nach ein paar Zügen konnte sie spüren, wie das Nikotin sie mit Gelassenheit erfüllte. Möglicherweise war es auch Gleichgültigkeit.

Sie beobachtete ein paar Tauben dabei, wie sie über das Kopfsteinpflaster irrten und auf der Suche nach etwas Essbarem mit ihren Schnäbeln auf den Boden pickten. Ab und zu erwischten sie einen Zigarettenstummel.

In einiger Entfernung saß ein junger Mann an einem der Nebentische. Durch ihre Sonnenbrille konnte Isa sehen, wie er in regelmäßigen Abständen möglichst unauffällig zu ihr rüber lugte.

Ach nee, dachte sie. Was ist denn das für einer? Wehe, wenn der mich irgendwie dumm von der Seite anquatscht. Dann rüttelt der aber ganz schnell am verdammten Ohrfeigenbaum.

Prompt wurde Isa aus ihren Gedanken gerissen. »Guten Morgen, was darf ich Ihnen bringen?«, fragte der Kellner.

Isa blickte ihn erschrocken an. Mit einer Bedienung hatte sie gar nicht gerechnet. »Mir bringen? Ähm, tja, gute Frage, nächste Frage. Dann nehme ich wohl eine Tasse Kaffee. Schwarz bitte.«

»Sehr gern. Sonst noch einen Wunsch?«

»Danke, nein.« Sie legte ihre Sonnenbrille ab, nahm eine Serviette und rubbelte sich mehrmals durch die feuchten Augen. Schon war die Serviette voll von schwarzer Wimperntusche, die sie morgens innerhalb einer halben Minute aufgetragen hatte. Hätte ich lieber nur mal die wasserfeste Variante genommen, ärgerte sie sich. Oder die gegen Jobverlust. Schnell setzte sie die Sonnenbrille wieder auf.

»Verzeihung«, hörte sie plötzlich jemanden sagen. Der junge Mann, der sie vorhin so verstohlen angesehen hatte, stand nun direkt vor ihrem Tisch.

O Fuck!

»Tut mir leid, falls ich Sie störe, aber wissen Sie, ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass Sie traurig aussehen. Da möchte ich mich nur erkundigen, ob alles in Ordnung ist.«

»Wie?« Isa wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sah sie so verräterisch traurig aus? Spontan stammelte sie eine Antwort aus dem Ausredenbaukasten: »Ja, alles super, alles bestens.«

Der Mann indes schien die Ausrede nicht ganz zu schlucken. »Sicher?«

»Ja, klar«, sagte sie und setzte ein falsches Lächeln auf. »Danke der Nachfrage.«

Der Mann sah dies als Wink mit dem Zaunpfahl, freundlich zu nicken und an seinen Tisch zurückzukehren.

Isa grummelte in sich hinein. Das hatte sie nun davon, mitten in der Stadt in aller Öffentlichkeit zu hocken. Klar, es war eine nette Geste von dem Mann, aber manchmal gab es Augenblicke, da wollte man einfach von nichts und niemandem etwas hören, nur ein bisschen Ruhe – war das zu viel verlangt?

Schon kam der nächste Störenfried um die Ecke. »So, Ihr Kaffee. Bitteschön.«

Isa bedankte sich beim Kellner und schielte auf den kleinen Keks, der neben dem Kaffee auf der Untertasse lag. Sie brach sich ein Stück ab und warf den Rest zu den Tauben auf den Boden, die sich sofort auf die Krümel stürzten. Danach nippte sie an dem Kaffee, rauchte die Zigarette zu Ende und zündete sich gleich die nächste an. Während sie den Rauch aus ihren Lungen blies, beobachtete sie die vorbeilaufenden Passanten und verfluchte jeden einzelnen. Ihre Gesichter, ihre Klamotten, ihren Gang, ihre Fröhlichkeit.

Sie hatte es alles so satt. Tagaus, tagein die gleichen hohlen Fratzen, diese menschlichen Witzfiguren auf zwei Beinen, wie sie durch ihr Leben schlafwandelten, vollkommen berauscht von ihrem oberflächlichen Lifestyle. Wobei es in dieser Gesellschaft in Wirklichkeit vornehmlich darum ging, seinen Nächsten fertigzumachen, anderen das Wasser abzugraben, immer schneller, härter und gnadenloser zu sein. Sie nahm einen tiefen Zug und schnaufte den herausströmenden Rauch voller Verachtung aus ihrer Nase. Zum Teufel mit denen.

Als Isa den Kaffee ausgetrunken hatte, lagen fünf ausgedrückte Kippen im Aschenbecher. Sie holte ihre Geldbörse aus der Tasche, winkte dem Kellner zum Zahlen, verzichtete auf Trinkgeld und machte sich wieder auf den Weg. Nur wohin?

Nach Hause wollte sie nicht. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, für ihre 55-jährige versoffene wie verlorene Karikatur eines Vaters bereits so zeitig Kindermädchen zu spielen. Der Anblick, wie er da bis mittags herumlag und sich in unflätiger Weise den lieben langen Tag beklagte, ekelte sie schon an, wenn sie nur daran dachte.

»Entschuldigen Sie.«

Isa fuhr herum. Erneut stand der junge Mann vor ihr und es war offensichtlich, dass er ihr gefolgt war.

Was zum Teufel?

Isa wollte gerade zu einer Tirade ansetzen und diesem Stalker eintrichtern, dass er ihr gefälligst aus der Sonne gehen sollte, da bemerkte sie ihre Geldbörse in seiner Hand.

»Die haben Sie eben liegenlassen.« Mit einem Lächeln gab er sie ihr zurück.

»Ach herrje«, sagte Isa. Doch kein Stalker. Nur ein aufmerksamer Kerl, den du mitsamt seiner Nettigkeit fast zum Teufel gewünscht hättest. »Das ist echt lieb, haben Sie vielen Dank.« Hastig verstaute sie die Geldbörse in ihrer Handtasche und merkte gleichzeitig, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Vielleicht, weil ihr die Situation peinlich war – oder deswegen, weil sein freundliches, warmes Lächeln sie umhaute. Es war überhaupt das erste Mal seit Langem, dass jemand freundlich zu ihr war. »Wäre scheiße gewesen, hätte ich mein Geld und all meine Karten da liegenlassen. Obwohl es zum bisherigen Tag gepasst hätte. Heute läuft sowieso alles schief.«

»Nicht alles, schließlich war ich ja zur Stelle, stimmt’s?«

»Stimmt.« Isa sah ihn verlegen an. Sollte sie einfach gehen? Ihm Trinkgeld geben? Ihn fragen, warum er nur so unverschämt gut aussah?

»Okay«, sagte sie letztlich, »ich muss dann mal weiter. Danke noch mal für Ihre Hilfe.« Kaum hatte sie die Wörter ausgesprochen, wollte sie sich dafür schon in den Hintern beißen. Warum hatte sie es nur so eilig?

»Moment noch«, sagte der Mann.

Isa gab sich Mühe, nicht allzu erleichtert über diesen Einwand auszusehen. »Ja?«

»Ich habe Sie vorhin gefragt, ob alles in Ordnung ist, doch anscheinend ist das nicht der Fall. Wissen Sie, ich hätte noch eine halbe Stunde Zeit, bevor der Sklavendienst in meiner Firma beginnt. Hätten Sie vielleicht Lust auf einen Crêpes?«

»Einen Crêpes?« Isa bemerkte den Crêpes-Verkäufer mit sauerstoffblonden Haaren, roter Schirmmütze und Hornbrille, der nicht weit entfernt von ihnen die Herdplatten seines mobilen Verkaufsstands zum Glühen brachte.

»Nun ja, ich würde Kaffee vorschlagen, aber den haben wir ja beide schon getrunken.« Er grinste. »Kommen Sie, ich lade Sie ein.«

Isa zögerte, willigte jedoch schließlich ein. Ihr Tag musste unbedingt besser werden. Außerdem hatte sie in der Eile des Morgens noch nicht gefrühstückt.

Zusammen mit dem jungen Mann stellte sie sich hinter eine ältere Dame, die dem Crêpes-Verkäufer gerade Kleingeld in die Hand drückte.

»Also mir steht der Sinn nach einem Crêpes mit Erdbeermarmelade«, sagte der Mann. »Und was nehmen Sie?«

»Hm, gute Frage.« Isa studierte die Liste mit den unterschiedlichen Crêpes-Variationen. »Ich denke, ich nehme Nougatcreme. Ja, das muss heute mal sein.« Dann waren sie auch schon an der Reihe und gaben ihre Bestellung auf.

Interessiert sahen sie im Folgenden dem Verkäufer dabei zu, wie er mit seiner Kelle nacheinander Teig aus einem Eimer schöpfte, auf die heißen Platten schüttete und mit einem Holzstäbchen zu zwei großen Kreisen formte. Der Teig dampfte, erhärtete binnen Sekunden und verströmte ein köstliches Aroma.

»Danke Ihnen für die Einladung«, sagte Isa.

»Keine Ursache«, sagte der Mann und streckte seine Hand aus. »Wir haben uns ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Peter.«

»Und ich bin Isa«, stellte sie sich vor und schüttelte Peters Hand. Ihr Mund formte sich zu einem Lächeln und sie konnte sich nicht dagegen wehren.

 

2.

 

 

Gegenwart

 

Der schrille Alarm des klapprigen Funkweckers machte ein widerwärtiges Geräusch, das Isa aus einem unruhigen, traumlosen Schlaf schreckte. Es war Montagmorgen. Schon wieder. Mit kleinen Augen tippte sie wahllos auf dem Gerät herum, auf der Suche nach dem Aus-Knopf. Leise fluchte sie in sich hinein, bis sie ihn fand und das Klingeln erstickte.

Isa stöhnte in ihr Kissen. Wie oft hatte sie sich schon vorgenommen, eine andere Weckmethode auszuprobieren, schließlich gab es mittlerweile viele moderne Geräte, die ein pfiffiges Lied spielten, Meeresrauschen und Kaminflackern simulieren konnten oder automatisch die Nachrichten vortrugen. Doch vielleicht war nicht die Art des Weckens das Problem, sondern, dass man überhaupt geweckt werden musste. 05:30 Uhr war ein hartes Brett. Seit Jahren schon dieselbe Uhrzeit – und all die Jahre hatte Isa sich nie daran gewöhnen können.

Jeden Morgen fragte sie sich aufs Neue, weshalb die Menschheit sich selbst geißeln musste, wo doch jeder genau wusste, wo die Reise am Ende hinging. Warum also nicht das Leben genießen? Stattdessen hatte sie das Gefühl, in einer Endlosschleife festzustecken, in einem Karussell von lauter Montagmorgen, das sich immer weiter und immer schneller drehte, bis es eines Tages zwangsweise aus den Angeln fliegen würde.

Frustriert zog Isa den Zipfel ihrer Decke über ihre Schulter und genoss ein letztes Mal die flauschige Wärme ihrer kleinen Höhle, die sie so ungern verlassen wollte. Sie schloss die Augen und lauschte dem Geräusch, wie der Regen gegen die Fenster prasselte. Es hörte sich an, als würden Silbermünzen auf den Boden fallen.

Nach wenigen Sekunden überwog jedoch ihr schlechtes Gewissen. Zu groß war die Angst, mit diesem sanften Geräusch im Ohr ungewollt wieder ins Schlummerland abzutauchen und ihre Schicht zu verschlafen. Also schlug sie die Decke zurück, richtete sich vom Bett auf und kam sich vor wie eine Aufziehpuppe. Gähnend streckte sie ihre Glieder durch, kurbelte das Rollo hoch und kippte das Fenster. Draußen war es noch dunkel, nur vereinzelt waren ein paar Vögel zu hören. Das helle Licht des Mondes vermischte sich mit dem der Straßenlaternen, die das Feld vor dem Haus in ein milchiges Weiß tauchten. Isa beachtete es nicht weiter, schlurfte ins Bad und riegelte die Tür ab. »Der frühe Vogel würgt den Wurm … oder so ähnlich«, murmelte sie.

Der Blick in den Spiegel besserte ihre Laune nicht, im Gegenteil. Der Mangel, den sie sah, erschien ihr so eklatant, dass er sich nicht einfach während ihrer Morgenroutine beiseite kämmen oder wegwaschen ließ. Es kam ihr vor, als wäre ihr Leben im Lauf der Jahre schleichend von Dur zu Moll gewechselt, als würde sie jeden Morgen auf eine dunkle Reflexion ihrer selbst blicken. Sie kannte es nicht mehr anders. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Erbärmlichste im ganzen Land?

Isa seufzte und stellte sich unter die heiße Dusche. Das half ihr nicht unbedingt dabei, wach zu werden, doch war es zumindest ein angenehmer Start für diesen bitterkalten Montag. Sie shampoonierte sich die Haare und hielt ihren Kopf lange unter Wasser.

Nach zehn Minuten war der Spaß auch schon wieder vorbei. Schnell trocknete sie sich ab und verteilte Creme auf ihrem Körper. Anschließend föhnte und türmte sie ihre roten Haare zu einer Palme auf. Sie mochte diesen Look – er machte sie unverwechselbar. Sie liebte es, in irgendeiner Form herauszustechen. Nichts war für sie grausiger als homogene Gleichförmigkeit.

Auf einmal fielen ihr drei graue Haare auf, die sich hinter ihrem Ohr kräuselten. Kurz hatte sie die Hoffnung, dass sie sich infolge der schlechten Lichtverhältnisse im Bad täuschen könnte, musste sich jedoch eingestehen, dass die Haare tatsächlich grau waren – inmitten ihrer glorreichen, rötlich schimmernden Palme.

Fuck, du wirst alt, Isi, dachte sie.

Isi – so hatte ihre Mama sie immer genannt, als sie noch gelebt hatte. Ein Spitzname, der nicht mehr zu der Frau passte, die sie im Spiegel sah.

Isi hatte definitiv nicht so viele Krähenfüße um die Augenpartien.

Voller Abscheu dachte sie an ihren baldigen vierzigsten Geburtstag. Das verhasste Datum. Was hätte sie dafür gegeben, diesen Tag einfach überspringen zu können. Zurück auf Los.

Bereits im Alter von zwanzig hatte sie sich nicht vorstellen können, jemals dreißig zu werden. Als sie es dann geworden war, hatte es ihr schon vor dem Tag gegraut, die Vierzig zu erreichen. Und nun war es so weit. Wie würde sie sich wohl an ihrem Fünzigsten fühlen? Vermutlich wie immer – als ob alles nur ein dummer Scherz wäre.

Mit diesen ganzen Zahlenspielereien wusste sie sowieso wenig anzufangen. Vielmehr hatte sie das Gefühl, als würde jeder Mensch in der Seele ewig bei zwanzig hängenbleiben, während die äußere Hülle verfiel. Als würde man erwachsen, ohne sich je erwachsen zu fühlen.

Isa erinnerte sich daran, wie sie als Kind Peter Pan verschlungen hatte – ihr absolutes Lieblingsbuch. Schon damals hatte sie den Wunsch verspürt, auf ewig in Nimmerland zu verweilen und zusammen mit Peter Pan und den Verlorenen Jungs die Piraten zu bekämpfen. Spaß zu haben, Abenteuer zu erleben, lebendig zu sein. Um nicht irgendwann selbst Pirat zu werden.

Von draußen nahm sie das Geräusch von knirschenden Dielen wahr. Ihr Mann lauerte offenbar bereits ungeduldig vor der Tür. Wenige Augenblicke später klopfte es dreimal an der Tür.

»Ich bin gleich so weit«, rief Isa. »Bin vorhin erst rein.«

»Ich muss mal dringend«, antwortete Peter.

Es hörte sich an wie ein Vorwurf. Wie oft hatte sie ihm schon gesagt, dass er für diesen Fall einfach die Treppe runtergehen und die Gästetoilette benutzen konnte? Doch er wollte es partout nicht einsehen, sich in den kleinen Raum zu zwängen.

Sofort beschlich Isa eine Unruhe. Hastig überkämmte sie die grauen Haare, zog frische Klamotten über und drehte das Türschloss zur Seite.

»Na endlich«, sagte Peter. Sein Gesicht sah aus wie zerknittert und war mit gräulichen Stoppeln übersät, die Haare zerzaust wie Zuckerwatte. Ohne seine Frau eines Blickes zu würdigen, quetschte er sich am Türrahmen an ihr vorbei und drückte hinter sich die Tür zu.

»Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, mein Schatz«, sagte Isa zähneknirschend und ging die Treppe runter.

In der Küche setzte sie eine Kanne Kaffee auf und stellte das Radio an. Während das Wasser blubberte und zischte, deckte sie den Tisch und bemerkte die Packung mit den Eiern. Prompt kam ihr der Gedanke, Pfannkuchen zu machen. Vielleicht würde damit der Start in den Tag angenehmer werden. Das war wichtig für sie – kleine Highlights zu schaffen, an denen sie sich durch die Tage hangeln konnte.

Während sie schnell den Teig zusammenrührte, berichtete der Nachrichtensprecher mit emotionsloser Stimme, dass eine junge Frau ihr drei Monate altes Baby aus dem Fenster des dritten Stocks geworfen und der Säugling wie durch ein Wunder überlebt hatte. »O mein Gott«, stieß Isa hervor. Sofort kochte die blanke Wut in ihr hoch. Währenddessen ging der Nachrichtensprecher schon zur nächsten Meldung über und berichtete mit gleicher Stimmlage vom Wetter, das nichts weiter versprach als Kälte und wechselnde Wolkendecken. Anschließend tönte ein fröhliches Lied aus den Boxen.

Was für ein Übergang. Was für eine Welt.

Sofort drehte sie das Radio leiser. Für Isa war es schwer vorstellbar, sich eine positive Sicht aufs Leben zuzureden, während man jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert wurde, wie geisteskrank die Menschheit in vielerlei Hinsicht war. Energisch wirbelte sie den Schneebesen durch die Schüssel. Dann ließ sie den Teig ruhen, zog überall die Rollos hoch und sammelte im Wohnzimmer Peters zurückgelassenes Geschirr samt Plastikmüll vom Vorabend ein. Manchmal unterließ sie das auch und bat ihn, seinen Müll selbst wegzuräumen, was nicht selten in einer Grundsatzdiskussion über die Pflichten des Einzelnen im Haus endete. Doch heute war ihr nicht nach Grundsatzdiskussion, also räumte sie es lieber kommentarlos selbst weg.

Da der Plastikmüll wieder voll war, nahm sie den Sack aus der Tonne, zog sich ihre Schlappen über und ging nach draußen. Zum Glück hatte es mittlerweile zu regnen aufgehört.

Kaum, dass sie vor der Tür war, bemerkte sie auch schon Frau Rubens von Gegenüber, die sich bereits an ihren eigenen Abfalltonnen zu schaffen machte. Isa verfluchte sich, dass sie nicht vorher aus dem Fenster gesehen hatte, um nachzuprüfen, ob die Luft rein war. Jetzt musste es zügig gehen. Vielleicht würde sie es schaffen, den Sack so schnell zu leeren, dass sie sofort wieder ins Haus flüchten konnte.

Doch gerade in dem Moment, als sie den nassen Deckel der Tonne emporhievte, hörte sie auch schon ein schrilles »Schönen guten Morgen, Frau Winter!« durch die Nachbarschaft hallen.

Schöne Scheiße.

Isa biss sich auf die Lippen, drehte sich um und bemühte sich, ein freundliches Gesicht zu machen. »Guten Morgen.«

»Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viele Leute um dieselbe Uhrzeit genau dasselbe tun, finden Sie nicht?«

»Kann schon sein«, antwortete Isa. Immer schön in Hauptsätzen antworten, dachte sie. So konnte sie sich der unfreiwilligen Unterhaltung vielleicht schnell wieder entziehen. Erneut widmete sie sich ihrer Mülltonne und leerte den Sack aus.

»Oh, das muss ich auch mal probieren«, hörte sie Frau Rubens sagen.

»Probieren? Was meinen Sie?«

Verdammt, Isa, jetzt bist du in die Falle getappt. Du wolltest doch keine Fragen stellen. Nur Hauptsätze, du Doofnuss!

»Na, wenn ich das von hier aus richtig gesehen habe, haben Sie doch gerade diesen neuartigen Milchreis weggeworfen, den sie in der Werbung so anpreisen. Wie ging der Slogan noch gleich? ›Mir wird der Magen heiß bei Michi Milchreis.‹« Frau Rubens lachte, als hätte sie einen tollen Witz gerissen.

Isa lächelte gequält. »Super Slogan, stimmt.« Augenblicklich verspürte sie das Bedürfnis, Frau Rubens einen Michi Milchreis ins Gesicht zu klatschen.

»Nicht wahr? Ich habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, den kleinen Michi zu kaufen. Darf ich fragen, wie der Milchreis geschmeckt hat? Kann die Werbung das Versprechen halten?«

Wie konnte man morgens nur so viel reden? Und dann auch noch so viel Stuss? Irritiert blickte Isa auf die leere Packung Milchreis in der gelben Tonne. Michi, eine Comicfigur mit überdimensionalem Löffel in der Hand, grinste über beide Ohren. »Ähm, ich kenne die Werbung nicht, aber Peter hat’s anscheinend geschmeckt. Keine Ahnung. Hat nichts drüber gesagt.«

»Ich werd mal bei meinem nächsten Einkauf dran denken und dann gebe ich Ihnen Bescheid. Na ja, ich muss dann wieder rein. Tüdelü!«

»Tüdelü du mich auch«, murmelte Isa und schlug den Deckel mit einem harten Knall zurück auf die Tonne. Im nächsten Moment sah sie Molly um die Ecke wanken, die Katze von Frau Rubens. Zwar kam ihr Humpeln durch ein verkürztes Bein zustande, trotzdem hatte Isa dem Tier vor langer Zeit den Spitznamen Wasted Molly gegeben. Gern wollte sie sich vorstellen, dass die Katze aus Frust über ihre Besitzerin heimlich trank.

Zeitgleich kam ein anderer Nachbar aus seinem Haus und fing mit stoischem Gesichtsausdruck damit an, den Gehweg zu fegen.

Das Leben imitiert nicht die Kunst, sondern eine Sitcom, dachte Isa. Ungläubig schüttelte sie den Kopf.

Nachdem sie die Morgenzeitung aus dem Briefkasten geholt hatte, stiefelte sie ins Haus zurück und begann damit, den Teig in die Pfanne zu gießen und kleine Apfelstücke darin zu verteilen. Währenddessen bemerkte sie eine Taube vor ihrem Fenster. Eine Taube müsste man sein, dachte sie. Den ganzen Tag essen, schlafen und durch die Gegend fliegen.

Auf einmal trudelte die erste Textnachricht des Tages auf ihrem Smartphone ein. Jemand von dem Online-Flohmarkt-Portal, auf dem Isa allerlei Kleidung und Waren verkaufte, beschwerte sich darüber, dass die Hose, die sie neulich verschickt hatte, an einer Stelle einen Fleck hätte. Der Teig in der Pfanne brodelte über dem Fett. Mit saurem Gesichtsausdruck hämmerte Isa die für sie passende Antwort in ihr Display. Bevor sie den Text jedoch abschickte, markierte sie einzelne Wörter, milderte sie ab oder löschte sie ganz. Abschließend fügte sie einen Smiley ans Ende der Nachricht ein. Direkt, nachdem sie den Text abgeschickt hatte, kam sie sich schäbig vor. Feige.

Geschickt wendete sie den Pfannkuchen. Während sie noch ein paar Orangen auspresste, hörte sie Peter die Treppe herunterkommen – mit frisch rasiertem Gesicht, randloser Brille und einer Frisur, die durch das viele Haargel wie festbetoniert aussah.

Sein blütenweißes, frisch gebügeltes Hemd wurde an den Ärmeln von zwei glänzenden Manschettenknöpfen zusammengehalten, während die gepunktete Krawatte mit einer Krawattenklammer fixiert wurde. Isa dachte daran, wie ihre Freundin Lina diese Kleiderordnung einst als »die Verkleidung der vermeintlich Tüchtigen« bezeichnet hatte, als »Symbol für lähmende Gleichförmigkeit«.

Ohne ein Wort setzte Peter sich an den Tisch und schlug die Zeitung auf.

Isa drehte das Radio wieder lauter. Aktuell lachte der Moderator über Telefonstreiche, die offensichtlich gestellt waren. Um Musik ging es nur noch selten, sie wurde zum Gedudel degradiert, zu einem Nebenprodukt, das möglichst harmlos und unaufdringlich den starren Hörgewohnheiten der Generation Streaming entsprechen sollte. Beherzt legte Isa den fertigen Pfannkuchen auf einen Teller, ließ eine Wolke Puderzucker auf ihn regnen und stellte ihn samt Orangensaft vor Peter auf den Tisch. Der musterte den Pfannkuchen kritisch und fing damit an, ihn mit reichlich Butter und Marmelade zu bestreichen.

Isa berichtete ihm währenddessen von der Käuferbeschwerde. »Da macht die Trulla sich echt wegen einem kleinen Fleck ins Hemd und unterstellt mir noch, ich hätte das mit Absicht getan – dabei habe ich den Fleck nicht mal bemerkt«, schimpfte sie. »Wahrscheinlich hat sie ihn selbst auf die Hose gekleckert. Kann doch sein, oder? Was denkst du?«

Peter legte das Besteck auf den leeren Teller und widmete sich wieder seiner Zeitung. »Ich denke, dass du den Pfannkuchen zu lange in der Pfanne gelassen hast.«

 

3.

 

 

Mike erwachte aus einem erholsamen Schlummer. Er rollte sich in seiner Decke ein, machte einen zufriedenen Seufzer und schnalzte mit der Zunge. Doch kaum, als er es schaffte, seine Augen einen Spalt weit zu öffnen, merkte er auf einmal, dass der Platz neben ihm leer war. Warum war Lina schon aufgestanden? Da fiel es ihm wieder ein. Heute war der Montag. Ihr wichtiger Tag, an dem sie früh zu den Proben aufbrechen wollte.

Mit einem herzhaften Gähnen fuhr Mike sich durch die Stoppeln, noch nicht bereit für die neue Woche. Während er im Folgenden seine Augen ans Licht zu gewöhnen versuchte und mit schweren Lidern an die Decke starrte, beschlich ihn das komische Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Er kämpfte gegen den Gedankensalat an, der wie gewöhnlich um diese Uhrzeit in seinem Kopf herrschte, ließ aber schnell davon ab. Zum Nachdenken war es viel zu früh. Wie gern wäre er einfach liegengeblieben, doch es half ja nichts – die Lieferungen des Tages würden sich nicht von allein ausliefern.

Schade eigentlich, dachte er. Wird Zeit, dass wir vom Kurierdienst durch Roboter ersetzt werden.

Benommen machte er sich auf die Socken, schlurfte ins Bad und vom Bad in die Küche. Zum Glück blieb noch genug Zeit, um ausgiebig zu frühstücken. Mit kleinen Augen blickte er in den Kühlschrank. Seit Lina bei ihm eingezogen war, hatten sich seine Essgewohnheiten definitiv verändert. Der Tiefkühler war prall gefüllt mit Brötchen aus der Bäckerei Delacroix, die der Chef Mike bei jedem Besuch kostenlos in die Hand drückte. Dazu bot der Kühlschrank Obst und Gemüse in rauen Mengen und zahlreichen Varianten. Was wären die Männer nur ohne ihre Frauen?, dachte Mike. Wilde mit Vitaminmangel.

Er brühte sich einen Kaffee auf und schnitt sich einen Apfel zurecht. In seinem Tran musste er achtgeben, sich nicht mit dem scharfen Messer einen Finger abzusäbeln. Kater Martini lag noch immer eingerollt in seinem Körbchen und machte keinen Mucks. Na, du hast’s gut, Kumpel, dachte Mike und erinnerte sich an einen Witz. Warum zwitschern die Vögel so fröhlich jeden Morgen? Weil sie nicht zur Arbeit müssen.

Mitsamt Apfel und Kaffee setzte sich Mike an seine Küchenbar. Auf einmal fiel ihm ein kleiner Zettel ins Auge, der direkt vor ihm auf dem Holz klebte. Was hatte das zu bedeuten? Mike riss den Zettel ab und versuchte, die handschriftlich verfasste Notiz zu entziffern.

 

Lieber Schatz,

 

bitte denk dran, dass du Martini vor der Arbeit zum Impftermin beim Tierarzt bringen wolltest. Martinis Transportbox steht bereits im Flur. Und denk bitte auch an die Tickets, ich hab sie dir in die Schuhe gelegt.

 

PS: Du hast alles vergessen, stimmt’s? ;)

Love, Lina

 

»O Shit!« Wie von der Tarantel gestochen sprang Mike vom Stuhl auf, während Linas Zettel an seinem Daumen klebenblieb. »Hab ich doch gewusst, dass heute irgendwas war! Martini, du faule Socke, steh gefälligst auf, wir müssen zum Tierarzt!«

Eilig stürzte Mike ins Schlafzimmer, zog sich eine Jeans über und stolperte fast über ein Hosenbein, während er sich gleichzeitig den Gürtel umschnallte.

»Martini?« Er stakste zum Körbchen, wo der Kater vorhin noch so selig geschlummert hatte. Nun war das Körbchen verlassen. »Fuck, Martini, wo steckst du denn? Mach keinen Scheiß jetzt.«

Mike sah unterm Sofa und Esstisch nach. Keine Spur von dem Kater. Nur der Pappaufsteller von Audrey Hepburn neben dem Sofa schien ihn belustigt zu beobachten.

Hatte Lina Martini vielleicht so trainiert, dass er von allein in die Transportbox ging? Mike eilte in den Flur und untersuchte sie. Leer. Das wäre ja auch zu schön gewesen.

Kurzerhand nahm er die Box und trug sie quer durch die Wohnung. Im Geiste hörte er das Gespräch aus der Vergangenheit, als er zu Lina gesagt hatte: »Natürlich kann ich das mit Martinis Impftermin übernehmen. Was soll schon dabei sein? Der Kater und ich schlendern morgens ganz lässig zum Tierarzt und hauen uns die Spritze rein. Dann kann Frauchen in aller Ruhe ihr Ding machen. Überhaupt kein Problem.«

»Oh, das wäre so lieb von dir«, hatte Lina gesagt und ihm einen dicken Kuss gegeben. »Du bist mal wieder mein Retter in der Not.«

Nun stolperte Mike, der ›Retter in der Not‹, barfuß und mit dem Katzenkorb in der Hand über den Teppich und hatte keine Ahnung, was er da eigentlich veranstaltete. Es kam ihm immer noch so vor, als würde er träumen. Ja, vielleicht ist das ja nur ein böser Traum, dachte er. Aus den Augenwinkeln blickte er auf den Kaffee an der Bar, der inzwischen abgekühlt sein musste. An ein beschauliches Frühstück war nicht mehr zu denken.

»Martini, jetzt komm endlich. Die Box ist doch toll. Schön groß und im Innern sogar mit einer bequemen Decke ausgelegt. Perfekt für Stubentiger mit erhöhtem Anspruch. Also, wenn ich ein Kater wäre, würde ich da ohne Murren reingehen und mich liebend gern von meinem Fahrer herumkutschieren lassen. Ist total geil! Kein Grund, irgendwelche Zicken zu machen.«

Martini schien wie vom Erdboden verschluckt. Mike kratzte sich am Kopf. Das konnte doch nicht sein. Konnte dieser Kater wirklich so klug sein und den Termin beim Tierarzt auf geheimnisvolle Weise wittern?

»Okay, Mike«, sagte er zu sich selbst. »Ganz cool jetzt. Es ist früh am Morgen. Denken wir logisch. Wo würdest du dich verstecken, wenn du ein verrückter Kater wärst, der bei alten Bonanza-Folgen gespannt mit auf den Fernseher starrt?«

Plötzlich hatte er eine Idee. Statt weiter sinnlos nach Martini zu rufen, änderte er seine Taktik in Operation Leckerchen. Er ging zum Kühlschrank, nahm eine Scheibe Schinken aus der Packung und wedelte damit herum. Diesem Duft konnte kein Kater widerstehen. »Guck mal, Martini, was ich in der Hand habe. Na, was ist das? Parmaschinken, frisch eingeflogen aus Parma, extra für dich.«

Doch offensichtlich war Martinis Scheu vor dem Tierarzt größer als sein Appetit. Kein Laut war zu hören. Mike schnaufte lautstark und biss selbst ein Stück vom Schinken ab. Martini war gut. Sogar sehr gut.

Immer wieder checkte Mike die Uhrzeit. Langsam musste er sich sputen, wenn er rechtzeitig zur Arbeit kommen wollte. »Scheiße, Martini, guck mal auf die Uhr!«, rief er. »Willst du, dass ich meinen Job verliere?« In Gedanken malte er sich aus, wie er zum Chef gerufen wurde und sich entschuldigen musste: »Sorry, Chef, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass der Kater meiner Freundin schlauer ist als ich.«

Endlich hatte Mike soweit alles abgesucht, dass als logische Folge nur noch das Bad übrigblieb. Langsam öffnete er die quietschende Badezimmertür und tapste so lautlos wie nur möglich hinein. Auf den ersten Blick schien es verdächtig ruhig, doch dann wurde Mike plötzlich auf den Duschvorhang aufmerksam, der fast unmerklich flatterte. Entweder handelte es sich um einen Luftzug oder … konnte das wirklich sein?

Mike wagte kaum, zu atmen, bereit für seinen Überraschungsangriff. Ruckartig riss er den Vorhang beiseite und rief: »Hab ich dich, du falscher Tiger!« In der nächsten Sekunde schoss Martini aus der Badewanne, sprang auf die Kante, räumte ein paar Duschgelflaschen aus dem Weg und versuchte, durch Mikes Beine zu entwischen. Aus einem Reflex heraus zog Mike blitzschnell die Tür hinter sich zu, sodass Martini verdutzt vor verschlossener Tür stand. Die Falle hatte zugeschnappt. Der Kater dachte allerdings nicht daran, kampflos unterzugehen. Als Mike ihn hochnehmen wollte, biss er ihm in die Hand, kratzte in seinen Arm, zeterte und schimpfte. Auch Mike schimpfte: »Du irre Katze!«

Wenige Augenblicke später stellte Mike die Transportbox mitsamt kläglich miauendem Martini im Flur ab. Ärgerlich strich Mike über seinen zerkratzten Arm. »Na, vielen Dank auch, Martini. Deinetwegen waren wir jetzt fast zwanzig Minuten beschäftigt. Verdammte Axt, was für eine Aufregung am frühen Morgen.«

Schnell streifte er sich die Arbeitskleidung über, nahm die Tickets aus seinen Schuhen und fuhr sich vor dem Flurspiegel noch hastig durch die Haare, um so etwas wie eine Frisur zu imitieren.

Nachdem er Martini ins Auto gepackt hatte, drückte Mike das Gas durch. Endlich konnte es losgehen. Doch das Glück sollte nur von kurzer Dauer sein. Sobald er um die nächste Kurve bog, musste er hart auf die Bremsen treten. »O Shit!«, rief er. Vor seinen Augen flackerte die ganze Straße im orangenen Licht. Dazu zerrte ein Mann in orangefarbener Kleidung eine frisch entleerte Mülltonne über den Gehweg, ließ sie über einen Bordstein knallen und stellte sie wieder zurück in die Einfahrt.

»Nein, nein, nein!«, rief Mike und haute den Rückwärtsgang rein. Doch weit kam er nicht. Hinter ihm tauchten zwei Fahrzeuge auf. Erneut wurde er zum Bremsen gezwungen und knallte voller Frust seine blanke Faust auf die Hupe, er hupte gegen den Montagmorgen, hupte gegen Martini und die Müdigkeit. Trotz Hup-Protests deutete der Mann hinter Mike an, kein Stück von der Straße weichen zu wollen. Sie saßen in der Falle.

»Schöne Scheiße.« Grimmig beobachtete er den Müllwagen, wie er ein kleines Stück vorwärtsfuhr, erneut abbremste und weitere Tonnen entleert wurden. Martini miaute kläglich.

»Ja, sieh es dir ruhig an, das ist alles deine Schuld«, sagte Mike. »Ich hoffe, du bist zufrieden. Warum musst du auch so einen Aufstand machen?« Er kam sich vor wie der Protagonist aus dem Film Die Truman Show. Als ob fremde Kräfte ihn davon abhalten wollten, einfach nur ruhig in die Woche zu starten. »Gib’s zu, Martini, du bist in Wirklichkeit ’ne bezahlte Schauspielkatze, die darauf angesetzt wurde, mich in den Wahnsinn zu treiben. Wahrscheinlich ist dein Name gar nicht Martini, sondern Eugen.«

Genervt drehte er das Radio auf, wo aktuell »Good Morning Life« von Dean Martin gespielt wurde. Und während ihn die beschwingte Melodie regelrecht zu verhöhnen schien, versank Mike mehr und mehr in seinem Sitz.

4.

 

 

Die Ampel sprang auf Rot. Kaum hatte Peter den Wagen an der Kreuzung zum Stehen gebracht, nahm Isa ihre Handtasche von ihrem Schoß und stieg aus.

»Bis heute Abend dann«, sagte Peter, den Blick noch immer zur Ampel gerichtet.

Isa gab keine Antwort und knallte die Autotür zu. Sie schnallte ihre Handtasche um und atmete tief aus. Ein weiterer Acht-Stunden-Tag lag vor ihr.

Sie schlängelte sich durch die Horde emsiger Fußgänger und öffnete die Tür der Bäckerei Delacroix. Wie immer bimmelte das Glöckchen beim Eintreten. Isa konnte es nicht ausstehen, das lästige Gebimmel den ganzen Tag, das ihr schon seit Jahren auf die Nerven fiel. Wie oft hatte sie bereits mit dem Chef darüber diskutiert, dass sie kein Glöckchen brauche, um zu bemerken, dass Kunden die Bäckerei betraten. Doch er beharrte auf sein Glöckchen. Für ihn war es ein wichtiger Bestandteil der alten Delacroix-Tradition.

»Mein französischer Großvater Maurice Delacroix persönlich – der Herrgott habe ihn selig – hat dieses Glöckchen zur Einweihung aufgehängt«, pflegte er immer zu sagen. »Als eine Art Glücksbringer. Als Talisman für gute Geschäfte. Seither haben es die Kunden vieler Generationen lieben gelernt und verbinden es mit ihrer Lieblingsbäckerei, die sie schon als Kind gekannt haben. Es wäre daher nicht recht, wenn ich die Tradition meines Großvaters einfach mit Füßen treten würde.«

Doch Tradition hin oder her, malte Isa sich gelegentlich aus, ein Brotmesser aus der Schublade zu nehmen und das Mistding einfach abzuschneiden. Solche Gedanken sorgten für gute Laune.

Noch immer lief im Hintergrund der Musik-Mix, den Lina einst für die Bäckerei zusammengestellt hatte. Aktuell erklang das Lied »Douce France« von Charles Trenet und untermalte eine hitzige Diskussion zwischen Finn und dem Chef. Finn war gerade dabei, einem Kunden eine Laugenstange einzutüten, während der Chef auf ihn einredete und wild gestikulierte.

---ENDE DER LESEPROBE---