Ein indisches Mädchen - Margarete Dorn - E-Book

Ein indisches Mädchen E-Book

Margarete Dorn

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Beschreibung

Die Geschichte eines Mädchens, das auf der Schattenseite Indiens geboren wurde und ihr Leben mit Zuversicht und Optimismus meistert. Ihr scheint zu glücken, ihr Elend auszublenden und ein zufriedenes Leben zu führen...

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Seitenzahl: 108

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Die Geschichte eines Mädchens, das auf der Schattenseite Indiens geboren wurde und ihr Leben mit Zuversicht und Optimismus meistert.

Ihr scheint zu glücken, ihr Elend auszublenden und ein zufriedenes Leben zu führen...

Über die Autorin

Die Diplom-Sozialarbeiterin Margarete Dorn arbeitet seit vielen Jahren in Mönchengladbach. Nach ihrem Studium, einer Ehe, einer Scheidung und vier Jahrzehnten Karate vollendete sie ihr erste Buch,

Kristel- Es ist in uns.

Seit 2023 ist der Roman "Ein indisches Mädchen" überall zu erhalten.

FÜR MEINE SCHWESTER HELGA

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Zwischen Pappkarton und Löcherdecke

Kapitel 2: Sadhana, die Angebetete

Kapitel 3: Ratis Leben

Kapitel 4: Das Waisenkind

Kapitel 5: Das Leben bei Gowri

Kapitel 6: Weg von zuhause

Kapitel 7: Besichtigung der Teppichfabrik

Kapitel 8: Die Flucht

Kapitel 9: Begegnung mit Liem

Kapitel 10: Müllhalde und Sandtaucher

Kapitel 11: Auf See

Kapitel 12: Der LKW

Kapitel 13: Das Haus Mutter Maria

Nachtrag

Kapitel 1 Zwischen Pappkarton und Löcherdecke

Das Loch. Das beißende Loch. Es fraß sich immer weiter, wurde größer und strahlte wie ein messerscharfer Dolch in ihre Eingeweide. Sie presste ihre Hände auf den Unterbauch. Der Schmerz war höllisch. Stechend, reißend, klaffend, mitten in ihrem Bauch. So war es jeden Morgen. Sie kannte es nicht anders und dies würde sich, dessen war sie sich sicher, nie ändern. Nie. Dieser quälende, tiefliegende Schmerz in der Mitte ihres zarten Körpers. Warum gewöhnte sie sich nicht daran? Sie versuchte, diesen stetigen Begleiter zu ignorieren. Erfolglos. Wieder mal vom Hunger geweckt. Rati hatte immer Hunger – täglich. Sie konnte sich nur schwach daran erinnern, dass das einmal anders war. Sie, dessen war sie sich durchaus bewusst, war selber dafür verantwortlich, dass sie hungerte. Würde sie mehr arbeiten, hätte sie auch genug zu essen. Sie war selber schuld. Das war ihr klar. Mit einer fahrigen Bewegung streifte sie ihre durchscheinende, löchrige Decke ab und erhob sich von ihrer Pappkartonunterlage, die auch schon einmal bessere Tage gesehen hatte. Diese beiden Teile, Decke und Karton, waren, neben ihrem mittlerweile zu kleinen, kurzen Kleid und den abgelatschten Flipflops, ihr einziger Besitz. Sorgfältig legte sie die beiden Kostbarkeiten zusammen und versteckte sie hinter einem Haufen Bauschutt, der dort überall herumlag.

Gestern hatte sie nicht arbeiten können. War nicht ihre Schuld. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Sie war Zeugin geworden, wie sich Liem erst mit einem Kunden, dann mit einem korrupten Polizisten gestritten und anschließend sogar geprügelt hatte. Er hatte sie gesehen und ihr ein Zeichen gegeben, damit sie abhauen konnte und nicht auch noch erwischt wurde. Da hatte sie aber mal richtig Glück gehabt. Gut das Liem so gutherzig war und ihr ein Zeichen gegeben hatte. Sie hatte solche Angst gehabt und sich deshalb nicht getraut, später nochmal zurückzukommen. Aber für die Müllhalde war es da auch schon zu spät. Sie arbeite schon seit vier Jahren für Liem und wusste, dass er ganz schön heftig zuschlagen konnte, wenn sie nicht spurte. Hoffentlich schlug er sie nicht, weil sie nicht zurückgekommen war. Sie würde ja niemanden was sagen. Wie auch? Wem sollte sie auch was sagen? Hoffentlich ließ er sie heute wieder arbeiten und war ihr nicht böse.

Rati wusste, dass es in Indien eine Schulpflicht gab. Deshalb war sie, immer wenn sie durch die Straßen Surats lief, auf der Hut. Sie war dieser Verpflichtung noch nie nachgegangen. Wenn man sie erwischen würde, würde sie sicher hart bestraft werden, könnte ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen und würde verhungern. Ein paar Stunden später traf sie Liem, ihren Zuhälter, mit einem dicken geschwollenen Auge und einigen Blessuren am Körper. Er war ihr tatsächlich nicht böse und ließ sie wieder arbeiten. So ein Glück.

Spät am Abend war Rati todmüde, erschöpft aber satt. Seit Langem mal wieder, richtig satt. Vier Kunden war kein schlechter Schnitt, wenn auch etwas wenig. Dafür hatte Ratis letzter Freier, ein rosaroter, fetter Engländer mit Sommersprossen, sie mit Süßigkeiten vollgestopft. Richtig leckere, aus England! Hmm. Die Bonbons klebten an ihren Zähnen. Zäh und unheimlich süß. Paradiesisch. Sie durfte süße Limonade, einen Hamburger und kleine süße Feigen essen. Eines der leckeren Karamellbonbons befand sich noch immer von ihren Fingern fest umschlossen in ihrer Faust.Für morgen! Einmal nicht mit dem schwarzen Höllenloch erwachen. Ihre Pappe und die Decke waren – der Götter Dank - da, wo sie sie am frühen Morgen versteckt hatte. Rati zog ihre fadenscheinige Decke über die dünnen Schultern und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf.

Kapitel 2 Sadhana, die Angebetete

Sadhana, der kleinen Prinzessin aus gutem, vornehmen Hause, erwachte durch die ersten Sonnenstrahlen, die wie leuchtende Finger durch das bunte Fensterglas tanzend auf ihr Bett fielen, zum Leben. Ihre Seidendecke glitt mit Leichtigkeit, wie von alleine, zurück. Sadhana erschien in einem leuchtend gelben, seidenen Nachtgewand. Sie schlüpfte in ihre kleinen, mit Perlen geschmückten Pantoffeln und flitzte in das Esszimmer. Vater und Mutter saßen am runden, üppig gedeckten Tisch. Mama in einem dunkelblauen, seidenen Sari und Vater in einem weißen schicken Sommeranzug aus feinstem Leinen.

»Meine Prinzessin!« Mama breitete die Arme aus und umschloss Sadhana. Sie duftete nach Jasmin und gab ihrer einzigen Tochter einen Kuss auf die Stirn.

»Mein Augenstern, möchtest du ein Küchlein?« Papa gab seiner Tochter ein Sahneküchlein vom opulent geschmückten Beistelltisch. Mit großem Appetit verspeiste sie es genüsslich. »Wo will meine Prinzessin denn heute hin? Möchtest du heute reiten? Auf einem weißen Pony?«

Sadhana nickte begeistert. Oh ja, was für eine tolle Idee. Sie, Mama und Papa, fuhren mit dem großen silberglänzenden Wagen zu den Pferden. Aufgeregt aß Sadhana die ganze Fahrt über Karamellbonbons aus England.

Abends schlief sie, unter ihren weichen, seidenen Lacken, lächelnd, satt und glücklich ein.

Kapitel 3 Ratis Leben

Beseelt von ihren Träumen erwachte Rati an diesem heißen Morgen. Kein schwarzes Loch heute. Sie setzte sich auf und schaute panikerfüllt in ihre Hand. Das Bonbon! Das Bonbon war weg! Wo war es? Mit großem Schrecken streifte sie ihre Decke zur Seite und und suchte die Kostbarkeit aus dem fremden abendländischen Land. Da! Sie saß fast drauf. Puh. Langsam packte sie es aus, zog den Karamellduft tief ein und legte die kostbare Süßigkeit mit geschlossenen Augen auf ihre Zunge. Hmmm. Göttlich. Ja, das musste eine Götterspeise sein. Sie lutsche mit angehaltenem Atem. Welch ein Gedicht. Genüsslich zerdrückte sie den weichen Karamell mit ihrer Zunge an ihren Gaumen. Er blieb kleben und löste sich erst wenige Sekunden später. Sie hätte das den ganzen Tag machen können, aber leider, leider löste er sich viel zu schnell auf. Schade, weg war er. Sie musste los. Auf keinen Fall wollte sie Liem einen Grund geben, sauer auf sie zu sein. Ohne Arbeit würde sie verhungern. Auf der Straße, die zur Müllhalde führte, entdeckte sie immer mal wieder verhungerte Menschen. Viele Kinder. Rati würde nicht so enden. Sie arbeitete hart. Ihr würde sowas nicht passieren. Ihr nicht. Also, auf zum Anschaffen.

Liem hatte aber leider an diesem und an dem darauf folgenden Tag keine Arbeit für sie. Ob Liem ihr extra keinen Freier gab? Hatte Rati ihn verärgert? Wollte er sie bestrafen? Für was? Oder war wirklich keine Kundschaft für eine fast Vierzehnjährige da, die aussah wie elf?

Zwei Tage später lief Rati erneut zu Liem. Sie hatte am Tag zuvor nichts verdient und somit auch nichts gegessen. Sie lief schnurstracks zu den Straßen, wo die Touristen frühstückten. Liem würde vielleicht wieder einen Ausländer finden, den er Rati als Jungfrau verkaufen konnte. Das war ihre Spezialität. Sie machte dann auf schüchterne Jungfrau. Sie wurde mit zehn Jahren von Liem auf der Straße angesprochen und später an einen dicken Amerikaner für sexuelle Dienste vermittelt. Sie ahnte damals nicht, was auf sie zukommen sollte. Heute, vier Jahre danach, wusste sie genau, was diese Männer wollten. Liem brachte sie hinter einem Vorhang. Dort befand sich eine Schüssel mit sauberem Wasser und ein Handtuch. Rati wusch sich und zog das saubere, zu enge und zu kurze Kleidchen aus, nur um eine ebensolches, aber sauberes, neueres und schöneres anzuziehen. Ihre Haare durfte sie sich kämmen und bekam zum Schluss eine Schale lauwarme Nudelsuppe. Liem war so lieb. Er gab ihr die Suppe schon vor der Arbeit. Langsam schluckte sie die warme Flüssigkeit und genoss, wie sie ihre Kehle herunterrann. Die ganze Hütte roch nach dieser Suppe.

»Ok, ok Rati, du weißt Bescheid. Gutgläubig und lieb bist du. Verstanden? Dann, wenn er loslegt, strampelst du und schreist.«

»Ja, ja ich weiß Bescheid.« Rati rollte mit den Augen.

»Bin doch keine Anfängerin! Ich bekomme dann aber mehr zu essen! Und nicht nur Nudelsuppe!«

»Halt die Klappe, sonst kriegst´e eine rein!«

»Aber ich habe Hunger. Ich habe seit vorgestern nichts mehr gegessen!«

»Weil du ein faules Miststück bist. Ich weiß nicht, warum ich dir immer wieder n´en Stecher besorge. Wenn du mehr essen willst, dann arbeite mehr. Ich kann schließlich nichts verschenken. Muss selber klar kommen. Ich geb dir ja schon mehr als den anderen Mädchen.«

Da hatte Liem auch wieder recht. Allerdings wusste Rati genau, wie viel die fremdländisch aussehenden Männer für sie zahlten. Und sie bekam nur eine Mahlzeit pro Freier, manchmal auch ein paar Rupien. Sie hatte dagegen auch schon mal protestiert. Wurde dafür aber nur verprügelt und musste als Strafe einen Tag ohne Bezahlung, sprich Essen, arbeiten. Hoffentlich gab der Mann ihr Süßigkeiten. Das taten sie oft. Vorher und nachher, manchmal sogar währenddessen. Trotzdem war es ekelhaft und es fiel ihr nun wirklich nicht schwer, zu schreien, zu strampeln und zu weinen. Es war nur so verdammt anstrengend und es tat immer wieder weh. Daran konnte sie sich einfach nicht gewöhnen.

Aber heute hatte sie Glück. Ein Australier buchte sie den ganzen Tag. Das bedeutete, wenn sie es geschickt anstellte, und das konnte sie, würde sie heute wieder richtig satt werden. Der Tag war lang. Aber, wieder mal hatte Rati Glück. Der Mann wollte sie doch tatsächlich eine ganze Woche mieten. Welch ein Glück! Eine Woche satt essen und in einem richtigen Bett schlafen. Süßigkeiten und kleine Geschenke, die sie allerdings Liem geben musste. Das leckere Essen konnte ihr Liem aber nicht wegnehmen.

Die Woche war leider viel zu schnell um. Sie war nun rechtschaffen müde, wund aber - und das war das Wichtigste - satt. Eine Woche lang brauchte sie nicht zu hungern.

Nun lief sie zu ihrem Versteck. Hoffentlich warteten ihre Sachen auf sie. Gestohlen wurde nämlich sehr viel unter den Ärmsten der Armen. Welch ein Glück! Alles war noch da!

Das Schicksal meinte es gut mit Rati. Schnell huschte sie zu ihren Schlafplatz. Ihre Pappmatte breitete sie sorgfältig aus und legte sich nieder. Die neuen Flipflops, ein Geschenk des Australiers, schob sie lächelnd und ganz vorsichtig am Kopfende unter ihre Pappe. Liem hatte mit den Flipflops nichts anfangen können. Sie waren rosa und ihm viel zu klein, passten aber super zu ihrem neuen rosaroten Rock. Der Rock war lang und sehr bequem. Mit ihrer dünnen, löchrigen Decke bedeckte sie ihren geschundenen Körper. Rati schloss ihre Augen und sank in ihre Traumwelt zu Sadhana.

Die Strahlen der Morgensonne schienen schräg in Sadhanas großes Schlafzimmer und kitzelten ihre Nase. Sie schlug freudig ihre seidene Decke zurück. Vor dem Bett standen ein paar Pantoffeln aus Seide mit einem schneeweißen Federpuschel, in die sie hineinschlüpfte. Ihr Schlafgewand, diesmal aus weißem Leinen, war luftig und locker. Sie zog es aus, um in eine große runde Wanne mit lauwarmen, schäumenden Wasser zu steigen. Der Schaum umspülte ihren makellosen Körper und verbarg dezent die ersten Anzeichen einer sich zu einer Schönheit entwickelnden jungen Frau. Nachdem eine Dienerin ihr beim Anlegen eines mit Blumenmuster geschmückten seidenen Sari geholfen hatte, begab sie sich zum Frühstück.

Kurkuma Goldmilch, Gebäck, Süßigkeiten, Obst, der ganze Tisch war voll. Ihre Mutter, eine wunderschöne indische Ex-Schönheitskönigin mit auffallend heller Haut, nahm Sadhana in die Arme. »Meine Prinzessin. Hast du gut geschlafen? Hier ein Stück vom süßen Gebäck. Iss so viel du möchtest.«

»Ja, Mama.« Zufrieden schaute sie auf das große runde Tablett mit den unzähligen kleinen Schüsseln delikater Kleinigkeiten.

»Guten Morgen, Papa.«

»Guten Morgen, mein Augenstern.« Der graumelierte, schlanke Brahmane küsste seine Tochter zart auf die Stirn. »Heute gehe ich mit dir Elefanten reiten.«

Sadhana applaudierte. »Au ja, auf einen Weißen. Bitte Papa. Geht das?«

»Wir werden sehen. Nun frühstücke erst einmal, nach der Schule werden wir weiter sehen.«

Sadhana war glücklich. Ihr Papa würde alles für sie tun. Er hielt immer seine Versprechen.

Nach der Schule - sie war eine ausgezeichnete Schülerin - fuhr sie mit ihren Eltern zum Elefantenreiten. Natürlich auf einem Weißen.

Müde vom ereignisreichen Tag zog sie spät abends ihr Leinenhemd zum Schlafen an. Diesmal ein rotes. Die Pantoffeln ordentlich vor ihr hohes Bett gestellt schlüpfte sie unter die golddurchwirkte, seidene Bettdecke und schlief augenblicklich ein.

Kapitel 4 Das Waisenkind

»Mensch! Geh raus! Die räudige Katze verscheuchen! Das Wimmern nervt. Scheuch sie weg! Mach schon, elendes, nichtsnutziges Weib!«, brüllte Pradeep ungehalten.

Das Weib