Ein Kätzchen für drei Mountain Daddies - Laura Paroli - E-Book

Ein Kätzchen für drei Mountain Daddies E-Book

Laura Paroli

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Beschreibung

Ein neugieriges Mädchen, eine abgeschiedene Berghütte und drei Männer mit düsterer Vergangenheit ... Ich dachte, es wäre eine gute Idee, meinen Verlobten in die verschneite Bergwelt zu begleiten, um den Streit mit den Parkrangern zu schlichten. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es um weitaus mehr geht, als bloß um eine fehlende Genehmigung. Die Ranger haben seit langem eine Rechnung mit meinem Verlobten offen und, um sie zu begleichen, fordern sie ein Tribut: mich.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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EIN KÄTZCHEN FÜR DREI MOUNTAIN DADDIES

LAURA PAROLI

Originalausgabe 12/2024

Copyright © 2024 by Laura Paroli

Alle Rechte vorbehalten.

Alle in diesem Buch beschriebenen Personen sind fiktiv. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist nicht beabsichtigt und rein zufällig.

www.lauraparoli.com

1

AVA

»Komm schon Rayan. Alles hat seinen Preis. Nenn uns doch einfach deinen, damit wir diese leidige Verhandlung abschließen können.«

Gordon gibt sich Mühe, ruhig und gelassen zu klingen. Aber an der Tatsache, dass seine Augen ständig zwischen seiner Rolex und der immer tiefer sinkenden Sonne hin und her springen, kann ich sehen, dass er allmählich nervös wird. Er hat oft genug betont, dass wir unbedingt aufbrechen müssen, solange es noch hell ist. Mit den frischen Schneemassen ist der Bergweg schon bei Tag schwer zu bewältigen, selbst mit dem Range Rover. Wie man mit den vielen Kurven und der kaputten, spiegelglatten Straße in der Nacht klarkommt, will ich mir lieber gar nicht erst vorstellen.

Parkranger Rayan lacht laut auf. Es ist ein sympathisches, authentisches Lachen, das mich unter anderen Umständen bestimmt mitgerissen hätte. Momentan ist mir aber ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Ich will heim, einfach nur heim. Mit jeder Minute, die wir hier draußen in der Kälte herumstehen, wird mir deutlicher bewusst, dass es ein Fehler war, Gordon hier rauf auf den Berg zu begleiten. Zuhause fand ich den Gedanken noch romantisch. Schließlich habe ich meinen Verlobten in letzter Zeit kaum zu Gesicht bekommen und da wollte ich zumindest das Wochenende mit ihm gemeinsam verbringen. Inzwischen habe ich aber eher das Gefühl, dass ich ihm ohnehin nur im Weg bin und ihn bei den Verhandlungen störe. Ich weiß, dass er ohne mich viel aggressiver an die Sache herangehen würde.

Wenn ich ehrlich bin, war Gordon von Anfang an nicht begeistert, von meiner Idee, mitzukommen. Zuerst fand er meine Stiefel unpassend für den massigen Schnee. Dann störten ihn meine langen, offenen Haare. Und zum Schluss warf er mir noch vor, zu viel Make-up zu tragen. Also wischte ich es mir ganz aus dem Gesicht, aber das passte ihm auch nicht.

»Du kapierst es wirklich nicht oder?« Rayan schüttelt den Kopf, während Gordon ihn verständnislos anstarrt. »Es geht hier doch nicht ums Geld! Das, was du vorhast, ist einfach … völlig indiskutabel! So einen riesigen Hotelkomplex direkt am Nationalpark anzusiedeln, das wäre ein Supergau fürs Ökosystem! Der Abfall, der Lärm, der enorme Ressourcenverbrauch … Und da rede ich nur von der Bauphase, noch nicht einmal von dem Besucheraufkommen danach!«

Gordon verdreht die Augen. »Das haben wir alles bedacht. Mit dem Konzept meiner Firma sind all diese Bedenken ausgeräumt worden, nicht einmal das County Planning Board sieht da ein Problem. Das Einzige, das der Schaffung von unzähligen Arbeitsplätzen und dem wirtschaftlichen Aufschwung unserer Region im Weg steht, ist dein völlig unverständliches Gutachten. Deine Einwände machen überhaupt keinen Sinn! Das was du schreibst, ist völlige … Willkür.« Gordon schnappt nach Luft, bevor seine Stimme gefährlich leise wird. »Oder kann es sein, dass es hier um etwas anderes geht? Um etwas … Persönliches?«

Jetzt ist es Rayan Blackwolf, der die Augen verdreht. »Meinst du etwa … Veronica? Das ist doch lächerlich.«

»Wer ist Veronica?«

Gordon gibt mir mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass ich den Mund halten soll, aber so leicht lasse ich mich nicht ruhig stellen. »Wovon sprecht ihr?«

Der Ranger setzt an, etwas zu sagen, aber Gordon fährt dazwischen.

»Das ist es, oder? Ich habe mir den Kopf zermartert, warum du es mir mit deinem verfluchten Öko-Gutachten so schwer machst, dabei ist die Antwort so einfach! Der ganze Umweltzirkus ist bloß eine perfide, völlig geschmacklose Art und Weise, um dich an mir zu rächen, nicht wahr?«

»Du bist verrückt. Den Schwachsinn hör ich mir nicht länger an.« Rayan nickt mir ein letztes Mal zu, bevor er sich abwendet, um zu gehen. »Hat mich sehr gefreut, dich kennenzulernen, Ava.«

»Bleib stehen, Rayan. Sofort! Wir beide sind noch nicht fertig!«

»Doch, sind wird.«

»Wenn ich unsere kleine Differenz von damals ausräumen kann, gibst du mir dann dein Okay?«

Rayan schüttelt den Kopf, aber dann bleibt er doch stehen und dreht sich noch einmal zu uns um. Als er erst Gordon, dann mich ansieht, liegt Neugierde in seinem Blick und ein teuflisches Funkeln in seinen dunklen Augen. »Und wie Bitteschön, könntest du diese sogenannte Differenz ausräumen? Willst du mir deine Verlobte anbieten?«

Rayan verzieht seinen Mund zu einem spöttischen Grinsen, während Gordons Gesichtszüge langsam entgleisen. Zwischendurch sieht er zu mir rüber und schickt dabei einen kleinen Schauer über mein Rückgrat.

Ich schlucke. Ich weiß, dass der Mann bloß einen blöden Witz gemacht hat, um meinen Verlobten zu provozieren. Trotzdem spüre ich, wie ich schön langsam nervös werde und wie kleine Schweißtropfen auf meine Stirn treten … vor allem, weil Gordon noch immer nicht geantwortet hat.

»Sag bloß, jetzt hat es dir die Sprache verschlagen«, stichelt der Parkranger weiter. »Findest du den Vorschlag nicht fair? Ein Mädchen für ein Mädchen … Würdest du das für meine Unterschrift tun?«

Bevor ich mich versehen kann, nimmt der Kerl meine Hand und wirbelt mich herum, so dass ich direkt in seinen Armen lande. In der Position hält er mich einen Augenblick lang fest. Einen nervenaufreibenden, verdammt langen Augenblick, der dafür sorgt, dass mir das Herz bis zum Hals klopft und dass mir verdammt schwindelig wird. Ich will mich befreien, aber das ist gar nicht so einfach. Der Ranger ist mindestens einen Kopf größer als ich, und selbst neben meinem sportlichen Verlobten sieht er aus wie ein Bär. Ein verdammter Grizzly, der gar nicht daran denkt, mich loszulassen.

Sag doch endlich was, Gordon, verdammt!

Mein Verlobter steht immer noch da und starrt uns ausdruckslos an. Er ist inzwischen ziemlich rot im Gesicht und ich bin sicher, dass das nicht allein der Kälte geschuldet ist. Sein Mund geht auf, klappt dann wieder zu, ohne dass irgendwas kommt. Die Bewegung erinnert an einen Fisch. Das bringt mich zum Grinsen. In einem dummen und völlig unpassenden Moment.

»Ich glaube, Ava findet meinen Vorschlag gar nicht so schlecht.«

Der Ranger dreht mich noch ein kleines Stück weiter, damit ich ihm ins Gesicht sehen muss. In sein durchaus attraktives Gesicht, mit den obsidianfarbenen Augen und mit dem dichten, dunklen Bart, der seine Kinnpartie gleich noch markanter erscheinen lässt, als sie ohnehin schon ist.

Ich atme erleichtert auf, als mein Verlobter endlich den Mund aufmacht: »Du bist verrückt.« Gordon schüttelt sich so, als müsste er erst einmal all die aufgestaute Wut vertreiben, bevor er ernsthaft weitersprechen kann. Der Druck wegen dem Bauprojekt, setzt ihm schon genug zu. Das unverschämte Gerede des Rangers trägt das Übrige bei.

»Komm schon, Gordon«, streut Rayan nun Salz in die Wunde. »Es wäre doch ganz einfach für dich. Du bräuchtest nur alleine in deinen Wagen steigen und die süße Ava hier oben bei mir lassen. Sagen wir für drei oder vier Tage, das sollte ausreichen, damit ich und die anderen Bergleute ein bisschen Spaß mit ihr haben. Danach kannst du sie auch gerne wieder zurückhaben. Was denkst du?«

Gordon hat seine Hände zu Fäusten geballt. Als er einen Schritt auf uns zumacht, bin ich sicher, dass er Blackwolf gleich einen ordentlichen Haken verpasst. Ich schließe die Augen, mache mich gefasst, zur Seite zu springen, falls gleich eine heftige Rauferei entstehen sollte. Aber als ich sie nach dreißig langen Sekunden wieder öffne, steht Gordon immer noch vor uns und sieht mit zusammengekniffenen Augen zu seinem Kontrahenten nach oben.

»Also gut«, sagt er.

»Du bist einverstanden?« Rayan sieht Gordon überrascht an und runzelt die Stirn, so als ob er sich nicht sicher wäre, ihn richtig verstanden zu haben. »Du weißt, was dem Mädchen hier oben blüht oder? Ich meine, wir sind drei ausgehungerte Männer. Drei Kerle, die schon seit Wintereinbruch hier oben in der Kälte hocken, ohne Außenkontakt. Ohne Sex. So ein junges, hübsches Mädchen wie Ava käme da äußerst gelegen, um die aufgestauten Spannungen abzubauen. Ich nehme an, dass sie da ordentlich herhalten müsste. Wir sind nicht gerade zimperlich, wenn du weißt, was ich meine.«

Gordon wird noch roter, als er ohnehin schon ist und streicht sich nervös über den Bart. »Wenn es das ist, was nötig ist, dann soll es so sein.«

»Was?«

»WAS?«

»Gordon? Das ist nicht witzig!«

Rayan lässt mich los und ich stürze mich in derselben Sekunde auf Gordon. Auf meinen Verlobten, der mich auf Händen tragen, mich beschützen und vor allen Gefahren dieser Welt abschirmen sollte … und nicht bei erster Gelegenheit den Wölfen zum Fraß vorwerfen!

»Über so etwas macht man keine Witze!«, kreische ich und stoße ihn gegen die Schulter. Dann nochmals. »Entschuldige dich gefälligst! Das ist geschmacklos!«

Weil er noch immer stumm bleibt, haue ich auf ihn ein. Immer fester. Erst, als ich tatsächlich mit voller Kraft gegen seine Brust hämmere, greift er nach meinen Armen und hält sie fest.

»Hör auf!«, fährt er mich an.

»Hör DU auf! Du gemeiner Scheißkerl! Das ist nicht witzig!«

»Das war auch kein Witz.«

Mein Verlobter sieht mir mit einem Mal todernst ins Gesicht. »Versteh mich bitte, Ava, das Projekt ist wichtig. Das ist mein Leben! Da hängen tausend Arbeitsplätze dran!«

»Und was bin ich? Ein unwichtiges Spielzeug? Das meinst du nicht ernst!«

Ich kämpfe mich frei und haue erneut auf ihn ein. Jetzt sehe ich richtig rot. Gordon hat keine Chance mehr, mich zu bändigen. Oder gar festzuhalten. Als er das einsieht, wechselt er seine Taktik und verpasst mir ebenfalls einen Stoß gegen die Brust. So schnell und so fest, dass ich im Schnee lande.

»Verrücktes Weib!«

Gordon putzt sich ab, dann stapft er zu seinem Wagen rüber.

»Ich hoffe du hältst dein Wort!«, ruft er dem Parkranger zu, dann steigt er ein.

»Warte. WARTE!!!«

Ich schreie so laut, dass die kalte Luft in meiner Kehle brennt. Ich schreie nach meinem Verlobten, als ich die Bremslichter des SUVs aufleuchten sehe. Und ich schreie noch hysterischer, als sich der Wagen in Bewegung setzt.

Das hier muss ein Witz sein. Oder ein Alptraum. Irgendwie erwarte ich, dass Gordon gleich auf die Bremse tritt, wieder aussteigt und lacht. Dass er von einem dummen Scherz, einem Missverständnis oder von was auch immer spricht, und wir drüber lachen, während wir uns zusammen auf den Nachhauseweg machen. Aber Gordon kommt nicht zurück. Seine verfluchte Karre fährt einfach durchs Tor.

Im ersten Moment bin ich starr wie eine Statue, weil ich nicht glauben kann, was gerade passiert. Aber als ich den Kopf drehe und von der Seite her Rayan Blackwolf mit langsamen, siegessicheren Schritten auf mich zukommen sehe, wird mir klar, dass das hier tatsächlich Realität ist. Meine Realität! Und der Kerl sieht jetzt mit einem Mal wie ein verdammtes Raubtier aus, das auf Beutezug ist. Mir fallen die Gerüchte ein, die man sich unten im Dorf über die Männer des Berges erzählt und ein kühler Schauer huscht meinen Rücken hinunter. Die Schockstarre weicht binnen Sekunden einem anderen Trieb und ich spüre neue Energie in meine Knochen schießen. Es ist der pure Überlebenstrieb, der mich aufspringen und los sprinten lässt. Weg von dem verfluchten Raubtier und dem Wagen meines Verlobten hinterher.

»Warte, Gordon«, kreische ich wieder und renne, so schnell meine Beine mich tragen. »Bleib stehen!«

Ich trete auf eine Eisplatte, rutsche weg und kann mich gerade noch fangen. Gordons schwarzer SUV ist keine zwanzig Meter von mir entfernt. Ich kann es immer noch schaffen. Ich reiße mich zusammen, mobilisiere meine gesamte Kraft und renne noch schneller. Doch im selben Moment steigt Gordon aufs Gas. Der Motor heult auf, der Wagen schlenkert ein wenig. Aber dann zischt er los und fährt mir davon.

Panisch laufe ich weiter. Schreie. Schimpfe. Und verzweifle zusehends, weil der Abstand immer größer wird.

»Lass es gut sein«, höre ich die Stimme des Rangers, der mir gefolgt ist. »Der kommt nicht mehr wieder. Los, komm jetzt mit. So wie ich das sehe, bleibst du vorerst bei mir.«

Ich drehe mich zu ihm um, starre ihn einen Augenblick an. Seine schwarze Mütze, die er sich tief in die Stirn gezogen hat. Die dicke graue Jacke und den dunklen Bart, der ihn unheimlich aussehen lässt. Rau und verwildert. Das, mit den Wochen ohne Sex war mit Sicherheit nicht gelogen. Der Kerl sieht mich an wie ein hungriger Berglöwe. Und wie die anderen Männer drauf sind, will ich mir lieber gar nicht erst vorstellen. Ein Rudel Wilder, das über mich herfallen wird!

Ohne noch eine weitere Sekunde zu verschwenden, laufe ich weiter. Gordon hin oder her, ich muss hier weg. Lieber alleine im Wald, als hier bei diesen … Tieren!

Immer wieder versinke ich mit meinen Lederstiefeln im Tiefschnee, was das Vorwärtskommen ziemlich erschwert. Vielleicht hätte ich wirklich auf Gordon hören sollen, als er heute Morgen so auf mein Schuhwerk geschimpft hat. Aber da hatte ich auch nicht damit gerechnet, später in den verdammten Dingern durch den Schnee gejagt zu werden.

»Bleib stehen, Ava«, höre ich die aufgebrachte Stimme des Rangers hinter mir. »Bleib jetzt stehen!«

Natürlich höre ich nicht auf ihn. Ich laufe, bis meine Füße schmerzen und meine Lunge brennt. Und selbst dann, laufe ich weiter.

Erst, als ich einen Ast übersehe, stolpere, und unsanft mit dem Gesicht voran im Schnee lande, hat meine Flucht ein Ende. Sofort ist Blackwolf bei mir, hebt mich hoch und wirft mich wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter.

»Na endlich«, brummt er.

»Lass mich runter. Lass mich sofort runter, du Tier!«

Ich kreische, trete und haue, alles zugleich. Aber gegen den Ranger habe ich keine Chance. Er stapft mit mir durch den Schnee, so als ob ich überhaupt kein Gewicht hätte. Und meine Gegenwehr scheint ihn noch nicht einmal zu stören.

»Du kannst aufhören, zu schreien, Kleines«, sagt er ganz ruhig und sachlich, während er mich gegen meinen Willen zurück zum westlichen Parkende schleppt. »Dein Verlobter ist weg. Und hier oben hört dich sowieso keiner.«

2

RAYAN

Sie zappelt wie verrückt, als ich sie zurück zum Parkeingang und weiter zu der kleinen Anlage trage, wo die Hütten für Ranger, Bergführer und Gäste halbkreisförmig um das Besucherzentrum angelegt sind. Im Sommer sind hier mindestens zwanzig Mitarbeiter untergebracht und noch einmal so viele Besucher. Jetzt, im Winter sind alle Häuser, bis auf eines, leer und verlassen.

»Lass mich runter, du Tier«, kreischt sie, dabei sollte sie eigentlich dankbar sein, dass ich sie nicht den ganzen Weg mit ihren rutschigen Stiefeln zurücklaufen lasse. Ihre kleinen Fäuste hämmern unablässig gegen meinen Rücken. Sie schimpft und flucht noch immer und lässt die ganze Wut, die sich eigentlich gegen ihren Arschloch-Verlobten richten sollte, an mir aus.

»Du Wilder. Du Dreckschwein. Du Monster!« Das sind noch die netteren Bezeichnungen, die sie für mich hat.

Für ihre Frechheiten sollte ich sie eigentlich zurück in den Schnee werfen, aber ich bin mir sicher, dass die kleine Furie dann sofort wieder losstürmen würde. Und ich habe keine Lust mehr, Fangen zu spielen. Oder zu riskieren, dass ich sie am Ende tatsächlich noch im Wald verliere, wo sie sich vermutlich in der Dämmerung verlaufen würde, sollte sie nicht vorher erfrieren. So, wie die Kleine angezogen ist, hat sie wohl keinen Schimmer, wie eiskalt die Winternächte hier oben in den Rocky Mountains werden können. Vermutlich rette ich sie gerade vor dem sicheren Tod. Auch, wenn sie das momentan noch nicht einsieht.

Ava hält kurz inne, als wir den Park in Richtung Besucherzentrum verlassen und ich kann förmlich spüren, wie ihre Gedanken wieder zu rattern beginnen. Ihre Schimpftiraden haben aufgehört, dafür schreit sie jetzt wieder aus Leibeskräften um Hilfe.

»Hör auf.«

»Hör schon auf, Mädchen!«

Die Kleine brüllt mir so laut ins Ohr, dass ich drauf und dran bin, einen Gehörsturz zu bekommen.

»Siehst du denn nicht, dass hier alles dunkel ist? Das Besucherzentrum ist zu, so wie alles hier oben. Es macht überhaupt keinen Sinn so zu schreien!«

Ava ignoriert mich komplett, während ihre Fäuste ungehemmt weiter auf meinem Rücken landen. Ich denke, sie hört noch nicht einmal, was ich sage.

Erst, als ich meinen Schlüssel aus der Tasche ziehe, und die größte der Holzhütten damit öffne, wird sie schlagartig still. Dafür spreizt sie sich, wie eine Katze, als ich mit ihr durch den Eingang will, und krallt sich am Türrahmen fest.

»Lass das«, fahre ich sie an und stelle sie runter. »Willst du die Nacht lieber bei minus fünfzehn Grad in der Kälte verbringen?«

»Lieber, als hier drinnen mit dir!«

Ihr Blick ist voller Hass, als sie mich ansieht, aber zumindest versucht sie nicht sofort wieder, wegzulaufen. Vielleicht hat sie ja endlich begriffen, wie das für sie ausgehen würde. Nur zur Sicherheit bleibe ich hinter ihr und schiebe sie weiter durch die Tür. Als sie trotz Gegenwehr einen Schritt über die Schwelle gemacht hat, sperre ich hinter uns ab. Das sollte sie fürs Erste davon abhalten, irgendeinen Unsinn zu machen. Dass sie noch immer vor lauter Wut zittert, ändert es allerdings nicht.

»Ich werde jetzt einen Kessel Tee aufsetzen«, kündige ich an. »Und du ziehst dich am besten gleich aus.«

»Sicher nicht.«

Als ich sie ansehe, schiebt mir Ava trotzig ihr Kinn entgegen und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Sie ist noch immer so in Rage, dass sie die Nässe ihrer Kleidung vermutlich nicht einmal wahrnimmt. Vielleicht spürt sie gar nicht, wie sich die Kälte Schicht für Schicht durchfrisst, und ihre Glieder verschlingt. Aber Tatsache ist, dass so gut wie nichts an ihr trockengeblieben ist, bei dem kleinen Sturzflug durch die verschneite Wildnis. Ihre engen Jeans schimmern feucht, die Stiefel sind mit ziemlicher Sicherheit durchnässt, und selbst die langen karamellbraunen Haare hängen ihr feucht und halb eingefroren ins Gesicht.

»Dort hinten ist das Badezimmer.« Ich deute zur letzten Tür am Ende des Gangs. »Dort gibt es eine Dusche mit heißem Wasser. Trockene Kleidung hängt im Schrank um die Ecke.«

Ava starrt mich noch immer mit ihren großen braunen Rehaugen an, als wäre das hier bloß eine Falle. Sie fürchtet sich vor mir, das kann ich ihr kaum übel nehmen. Im Dorf erzählt man sich schlimme Sachen über mich. Außerdem hätte ich wohl von Anfang an etwas sanfter mit ihr umspringen müssen. Immerhin hat ihr Arschloch-Freund sie gerade auf einem Berg ausgesetzt.

Aber dafür bin ich einfach zu wütend. Wütend auf ihn, wütend auf sie, wegen der sinnlosen Flucht, und vor allen Dingen wütend auf mich selbst. Musste ich den Kerl unbedingt provozieren? Warum konnte ich nicht einfach meine dämliche Klappe halten? Dass Gordon, der verdammte Scheißkerl, mir seine Verlobte tatsächlich überlassen würde, damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Ich meine, das Ganze war nur ein Machtspiel. Ein dummer Witz, um den Spinner zu reizen. Aber er ist tatsächlich darauf eingestiegen. Ava ist hier. Und jetzt … habe ich sie am Hals.

Ich reiße meinen Blick von ihr los und drehe mich wieder um, um in den Wohnraum zu gehen. Es braucht bloß ein paar Handgriffe, den Tee aufzusetzen, fünf Minuten später halte ich eine Tasse davon in meiner Hand und leere eine Portion Rum mit dazu. Ich muss nachdenken. Verarbeiten, was gerade passiert ist. Und zwar am besten noch bevor die anderen kommen.

Ich nehme einen großen Schluck Tee, während sich die Gedanken in meinem Kopf zu drehen beginnen. Maxwell war schon immer ein Frauenversteher. Früher, als wir gemeinsam die Schulbank drückten, bekam er haufenweise Liebesbriefe zugesteckt. Später legten die Damen extra Lippenstift auf, wenn er im Krankenhaus als Arzt zur Visite antrat. Und seit er hier oben bei mir im Nationalpark arbeitet, ist der Anteil unserer weiblichen Besucherinnen deutlich gestiegen. Es kann also gut sein, dass ihm auch Ava verfällt … Und Hudson? Er ist Maxwells jüngerer Bruder und steckt voller Hormone, das macht ihn unberechenbar. Seit er als Bergführer bei uns im Besucherzentrum tätig ist, bringt er ständig Frauen mit auf sein Zimmer. Zuvor, als Skilehrer, war es noch schlimmer. Seit Saisonende kommen natürlich kaum noch Frauen hoch in die Berge und die Enthaltsamkeit macht ihm zu schaffen. Das macht ihn zu einer tickenden Zeitbombe. Wer weiß also schon, wie er reagiert, wenn er Ava begegnet?

Der Gedanke macht mich nervös, lässt mich die Hände zu Fäusten ballen, bis meine Knöchel weiß hervortreten. Es ist ein riesiger Fehler, dass ich Ava in unsere Hütte gebracht habe. Aber natürlich kann ich ihr keinen Vorwurf draus machen.

»Willst du auch Tee?«

Mit der zweiten Tasse in der Hand drehe ich mich zu ihr um, doch sie steht nicht mehr da, wo sie eben noch war. Alles, was ich sehe, ist ein Haufen nasser Klamotten am Boden. Dafür kann ich jetzt das Wasser im Badezimmer hören. Gut, sie ist also duschen gegangen. Oder …

Mich überkommt ein anderer Gedanke, der mich sofort aufstöhnen lässt. Das Fenster. Ich habe vollkommen auf das Fenster im Badezimmer vergessen! Was, wenn sie nochmals weglaufen will?

Meine Schritte werden schneller als ich zum Badezimmer eile. Sie hat abgeschlossen, aber die Verriegelung lässt sich ziemlich leicht von der Außenseite öffnen, also drücke ich kurzentschlossen die Tür auf und stürme hinein. Erleichterung überkommt mich, als ich sehe, dass das Fenster immer noch zu ist. Aber dann fällt mein Blick auf die Dusche und ich reiße die Augen auf.

Ava hat mich noch nicht bemerkt, sie hat die Augen geschlossen. Und sie tut etwas, das mich völlig aus dem Konzept bringt: Sie singt. Es ist ein melancholisches, stimmungsvolles Lied, zu dem sie sich ruhig und sinnlich unter dem Regenstrahl bewegt. Es ist fast, als würde sie unter einem Wasserfall tanzen. Der Anblick hypnotisiert mich. Einen Moment lang bleibe ich im Türrahmen stehen, beobachte sie und lausche ihrem Lied. Ihre schönen, vollen Lippen zittern ein wenig, während sie singt. Und ihr Körper … ihr Körper ist noch viel sinnlicher und verführerischer, als man durch die dicken Winterklamotten erahnen hätte können. Meine Augen kleben an ihrer samtenen Haut, die im spärlichen Badezimmerlicht bronzefarben schimmert. An den langen Beinen und ihrem runden Becken, das immer wieder verführerisch vor und zurück wippt. Und natürlich sind da noch ihre schönen, vollen Brüste, die jedes Mal schaukeln, wenn sie tief Luft holt. Die Erotik, die Ava ausstrahlt, trifft mich völlig unvorbereitet. Vielleicht bin ich hier oben tatsächlich schon viel zu lange alleine.

Ich hatte nie vor, dem Mädchen zu nahe zu kommen, auch wenn ich ihren Verlobten mit dieser Vorstellung gerne in den Wahnsinn treiben wollte. Aber sie anzufassen, war sicher nicht mein Plan. Jetzt, allerdings, wo ich sie nackt vor mir sehe, und sie sich so sinnlich bewegt, schaffe ich es nicht, die Augen von ihr zu lassen. Ich bin so in meine Gedanken versunken, dass ich um eine Hundertstelsekunde zu spät bemerke, dass sie aufgehört hat, zu singen.

»Verfluchter Spanner!«, fährt sie mich an und schnappt sich das große Handtuch, das neben der Dusche hängt, um es eilig um ihren nackten Körper zu schlingen.

»Ich bin nur gekommen, um sicherzugehen, dass du nicht aus dem Fenster springst und einen neuen Selbstmordversuch unternimmst.«

---ENDE DER LESEPROBE---