Ein Knödel zu viel - Arnold Küsters - E-Book

Ein Knödel zu viel E-Book

Arnold Küsters

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Beschreibung

Kommissar Robert Mayr steht vor einer Herausforderung. In seinem Heimatort wurde ein Toter gefunden – das Schlimme daran: Ein Preuße! Gestorben an einer vergifteten Portion Schupfnudeln. Als sich ein Zusammenhang mit einem Mord am Niederrhein auftut, bleibt Robertt Mayr nichts anderes übrig, als mit den Gladbacher Kollegen zusammenzuarbeiten, für die das Allgäu Bayern ist und die Borussia die beste Fussballmannschaft der Welt.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Für Jan-Frederick

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2013

ISBN 978-3-492-96087-8

© 2013 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung und -motiv: bürosüd°, München Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Ich frage mich manchmal, warum Menschen so viel Angst vor neuen Ideen haben. Ich persönlich fürchte mich vor den alten.

John Cage

Figuren und Handlung sind natürlich frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären damit rein zufällig. Es sei denn, die lebenden waren mit ihrer Mitwirkung einverstanden. Das betrifft ausdrücklich und besonders die tatsächlichen wie vermuteten Vorgänge um die BLB.

Prolog

Dieser See hat einen Anfang, und dieser See hat ein Ende. Wie auch diese Geschichte einen Anfang und ein Ende hat. Es gibt einen Zufluss, und es gibt einen Abfluss. Wobei der See kein natürlicher See ist, sondern in Wahrheit nicht viel mehr als ein aufgestauter Bach. Angeblich sollte der See das Kühlwasser liefern für ein Atomkraftwerk, das aber nie gebaut wurde. Und angeblich, sagen die Touristen, sieht man bei Niedrigwasser die Spitze eines Kirchturms. Angeblich.

Kommt man von Sulzberg herauf, meint man, Moosbach und Petersthal lägen auf einer Hochebene. Der Rottachsee ist schuld an diesem Trugschluss. Es ist nur die glatte Wasserfläche, die diese beiden Dörfer miteinander verbindet. In Wahrheit liegen die beiden ungleichen Orte auf ungleichen Hügeln. Das Tal dazwischen hat der See verschluckt.

Ein leidlich trainierter Jogger braucht für den fünfzehn Kilometer langen Weg rund um den See eine Stunde und vierzig Minuten, Spaziergänger sind im Schnitt drei Stunden unterwegs.

In sternenklaren Winternächten rumpelt es am Ufer dumpf, dann erhebt der See seine Stimme. Er lockt, knarzt und knurrt und spielt seine dunkelsten Melodien. Wenn das Eis über der abgesenkten Oberfläche reißt, grollt es mit tiefem Bass und knallt wie Peitschenschläge. Unter dem trügerisch glatten Wasserspiegel brodelt es.

Hin und wieder macht der See Beute. Er zieht sie unweigerlich hinab. Sommers wie winters. Hier, diese hellbraun getigerte Katze etwa, ertrunken und im Eis festgefroren, deren leerer Blick den Spaziergänger ins Herz trifft.

Der See hat seine Geheimnisse. Und über allem schweigt der Grünten.

I.

»Für wann braucht’s ihr den Tisch? – Drei Personen? – Aha. – Gut. Dann pfüat di!« Martin Mader legte auf und notierte die Reservierung in die große Kladde, die er aus dem schmalen Fach unter dem Telefon herausgezogen und auf den polierten Tresen gelegt hatte.

Obwohl das Jahr noch lange nicht rum war, hatte das dunkel eingebundene Buch schon etliche Eselsohren. Der Betrieb lief gut. Seit der Rottachsee frei zugänglich war, kamen jedes Jahr mehr Touristen. Geschäftig blätterte der Wirt durch die Seiten, dann legte er die Kladde an ihren Platz zurück.

Während er mit flinken Schritten durch die Pendeltür und über den Flur in Richtung Küche verschwand, blickte Franz Josef Strauß wie immer staatstragend aus seinem Bilderrahmen in die kleine, zu dieser Tageszeit noch leere Gaststube an der Moosbacher Dorfstraße.

Der CSU-Politiker befand sich dabei in durchaus illustrer Gesellschaft, denn aus dem Herrgottswinkel schräg gegenüber schaute als Lithografie der berühmteste Bayernkönig, allem Weltlichen entrückt, ins Irgendwo. Und über der Eckbank stand Martin Mader höchstpersönlich in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme lässig in einer dem Betrachter unbekannten Gasse auf dem Trottoir, einen weißen Schäferhund liegend neben sich. Das Gesicht des Wirtes beschattete ein Strohhut. Ob er auf jemanden wartete? Auf jeden Fall blickte auch der beleibte Wirt ins Irgendwo, aber deutlich entspannter als die erwähnte Prominenz.

»Für was soll ich mich aufregen? Des bringt doch nix«, war seine Devise. Und er tat gut daran, bei dieser Einstellung zu bleiben. Vor allem in diesen Tagen.

Noch lag Ruhe über dem kleinen Dorf im Oberallgäu. Aber die Luft färbte sich schon gelb. Es war still, kein Wind ging. Die Atmosphäre würde sich krachend entladen, noch bevor der Regen einsetzte.

Auf seinem Weg zurück in die Gaststube blieb Martin Mader einen Augenblick an der Eingangstür stehen und sah hinaus. Der Himmel über der schmalen Dorfstraße zog sich zu. Da kommt was, dachte er. Er würde die Sonnenschirme auf der Terrasse vorsorglich zusammenfalten.

II.

»Heute Nacht?«

»Heute Nacht.«

»Ich weiß nicht.«

»Schluss jetzt, die Gelegenheit ist günstig.«

»Es muss gut gehen.«

»Das wird’s auch. Wirst schon sehen.«

»Und wenn uns jemand sieht?«

»Keine Sorge. Es dauert ja nicht lange.«

III.

Krachend fuhr der Blitz in den Dachstuhl. Holz splitterte unter der Wucht des Einschlags. Der Widerschein des nächtlichen Spektakels spiegelte sich grell in seinen aufgerissenen Augen. Sein Blick war ungläubig, als hätte er viel zu spät den Sinn dieses Treffens erkannt.

Er war heuer schon die zweite Rottach-Leiche, wenn man die ersoffene Katze mitzählte.

IV.

Moosbach ist ein guter Ort zum Leben. Zum Sterben auch, dachte er. Wie lange bin ich schon nicht mehr hier gewesen?

Vom Kirchhof aus ging sein Blick ungehindert über das sanfte Ufer und den ruhigen Spiegel des Rottachsees bis hinüber nach Petersthal. Weiter rechts ragte das schroffe Profil des Grünten auf. Zu seinen Füßen legten sich die weiten Wiesen wie frisch aufgeschüttelte Plumeaus über das Allgäuer Nagelfluhgestein.

Kriminalhauptkommissar Robert Mayr nahm mit hörbar tiefen Atemzügen den Duft frisch geschnittenen Grases in sich auf. So roch nur seine Heimat. Viel zu lange war er schon nicht mehr hier oben gewesen. Er hatte fast vergessen, wie ruhig es in Moosbach sein konnte. Im Vergleich war Kempten der reinste Hexenkessel.

Der Ermittler der Kemptener Polizei blinzelte in die Sonne. Er hatte an diesem Morgen dienstlich in dem kleinen Ortsteil oberhalb von Sulzberg zu tun. Die Freiwillige Feuerwehr Moosbach hatte bei Löscharbeiten nach einem Blitzeinschlag einen Toten gefunden. »Ein Preuße«, wie der Einheitsführer diensteifrig über Funk gemeldet hatte. Ernst Büschgens, Unternehmer aus Mönchengladbach.

Robert Mayr war von den Kollegen der Kriminalwache aus dem Schlaf geholt worden. Ohne Martina zu wecken, war er aus dem Bett geschlüpft, hatte sich aus der Warmhaltekanne den Rest lauwarmen Kaffees vom Vorabend eingeschenkt und war nach Moosbach gefahren. Auf der Fahrt den Berg hinauf hatte er die Gänge seines alten Dienstwagens krachend eingeworfen und dabei gedacht: Mönchengladbach. So, so. Borussia. So, so. Die Fohlenelf: lange her und auch schon mal abgestiegen. Ein Gladbacher Unternehmer in Moosbach also. Hatte er schon gehört: Seit ein paar Jahren kamen mehr und mehr Preußen ins Allgäu. Seltsamer Volksstamm. Und jetzt war einer von denen tot.

Mitten im Ort war ein altes Bauernhaus in Flammen aufgegangen. Es war das älteste Haus im Dorf gewesen, ganz aus Holz. Für das Allgäu ein unschätzbares Baudenkmal, hatte ihm einer der Schaulustigen aufgeregt und empört zugerufen.

Als Erstes hatte der Kommissar aus Kempten den Brandort an der Alten Dorfstraße weiträumig absperren lassen. Die Maßnahmen der vor ihm eingetroffenen Streifenwagenbesatzung waren ihm nicht ausreichend erschienen. Erst dann hatte er sich den Toten zeigen lassen. Die Wehrleute hatten den Mann im Untergeschoss gefunden. An einem Strick. Der Körper war nicht vollständig verbrannt gewesen. Und man hatte die Leiche gerade noch rechtzeitig bergen können, bevor die Außenwände aus jahrhundertealten Balken in sich zusammengestürzt waren. Die Feuerwehr hatte den Körper abseits der Trümmer abgelegt und eine Löschdecke darübergebreitet.

Robert Mayr hatte im Schein der nur noch spärlich aufflackernden Flammen und zuckenden Blaulichter nicht viel erkennen können. Der feuerwehreigene Lichtmast schien ausgeliehen oder kaputt zu sein. Der Kriminalhauptkommissar hatte nicht viel mehr tun können, als den Fortgang der Löscharbeiten zu beobachten sowie Spurensicherung und Gerichtsmedizin zu informieren.

Robert Mayr seufzte. Er hätte gerne noch länger das sanfte Panorama betrachtet, das sich jenseits der barocken Kirche St.Johannes auf der anderen Seeseite vor ihm ausbreitete. Aber er musste etwas über diesen Ernst Büschgens erfahren. Falls es sich bei der Leiche tatsächlich um den Unternehmer aus Mönchengladbach handelte. Außerdem hatte Mayr Hunger.

Der Ermittler verließ den kleinen Friedhof und ging am Kriegerdenkmal vorbei die schmale steile Straße hinauf, die in Höhe des Gasthofs Zum Kreuz auf die Dorfstraße stieß. Kurz entschlossen drückte er gegen die Eingangstür. Sie war nicht abgeschlossen. Für einen Augenblick blieb er im Flur stehen, seine Augen mussten sich erst an das Halbdunkel gewöhnen.

»Servus.«

Robert Mayr drehte sich zu der Stimme hin. In der Tür zum Gastraum stand ein kleiner dunkelhaariger Mann, dessen rundliche Figur in einem kurzärmeligen Hemd und einer speckigen Lederhose steckte. An den Füßen trug er graue Wollsocken und Pantoffeln, die mit Kuhfell besetzt waren. Der Mann bemerkte den neugierigen Blick des Kommissars.

»Das sind zum Arbeiten die bequemsten. Bei der Hin- und Herlauferei jeden Tag.«

»Sind Sie der Wirt?«

»Ja, freilich.« Das runde offene Gesicht des Kreuz-Wirtes hatte etwas Vertrautes. Seine kleinen dunklen Augen blitzten freundlich, in den Augenwinkeln saßen tiefe Lachfalten.

»Kann ich bei Ihnen frühstücken? Oder sind Sie nicht auf Frühstücksgäste eingerichtet?«

Der Wirt zögerte kaum merklich und nickte dann. »Freilich. Kein Problem. Ich bring Ihnen Brot, Wurst und an Käs.« Mit einem für seine Statur erstaunlichen, dafür aber umso eleganteren Hüftschwung umrundete der Wirt den Ermittler und verschwand in der angrenzenden Küche.

Robert Mayr blieb einen Augenblick verdutzt im Halbdunkel stehen und betrat dann die kleine Gaststube. Gleich neben der Tür stand die kompakte Theke. Davor ein wuchtiger Stammtisch, der mit seinem hellen Holz nicht recht zum übrigen Mobiliar passen wollte. Links vom Eingang hing der Fächerkasten des örtlichen Sparvereins.

Der Kriminalhauptkommissar durchquerte die Stube und setzte sich an den Tisch im Herrgottswinkel. Der Wirt musste ein Faible für König Ludwig II. haben, denn von seinem Platz über der alten halbhohen Holzvertäfelung hinter ihm übersah der tragische Bayernregent würdevoll die einfachen Tische der kleinen Gaststube. Neben dem »Kini« hingen gerahmte Fotos einer Trachtengruppe und eines Fußballvereins. Auf einem anderen war der Wirt mit lachenden Motorradfahrern zu sehen. Ihre selbstverständlich wirkende Nähe zum Regenten zeugte vom pragmatischen Umgang des gastgebenden Untertans mit dem Andenken an seine Majestät.

»Ein Feriengast sind Sie nicht, oder? Sie sind wegen des Feuers da.« Der Wirt trug mit kleinen schnellen Schritten ein Tablett mit dem bestellten Frühstück an Mayrs Tisch und deckte ebenso bestimmt ein, wie er seine Beobachtung präsentiert hatte.

»Das stimmt. Ich bin der zuständige Ermittler.«

Der Kommissar betrachtete den Brötchenkorb und die ausladende Platte mit Wurst und Käse. Sein Magen begann augenblicklich zu knurren. Es würde ein ordentliches Frühstück werden.

»Schlimme Sache. Ist er tot?« Der Wirt des Gasthofes zog einen Stuhl heran und setzte sich ungefragt zu Robert Mayr.

»Wen meinen Sie mit ›er‹?«

»Na, Ernst Büschgens.«

»Wir können noch nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es sich bei dem Toten um diesen Herrn Büschgens handelt. Das wird die Obduktion ergeben. Kennen Sie Ernst Büschgens?« Dieser Unternehmer schien ein bekannter Mann in Moosbach zu sein. Robert Mayr schnitt sorgsam ein Brötchen auf. Die hausgemachte Blutwurst auf dem Teller sieht ziemlich fettig aus, dachte Mayr, aber für diesen Morgen war sie genau das Richtige. Sie würde er sich bis zum Schluss aufheben.

»Na ja, ich weiß nur, dass er den Hof gekauft hat und umbauen wollte. Und das, was die Leut’ so reden. Was man im Dorf halt verzählt.«

»Dorftratsch?«

»Ja, ja, das Übliche halt.«

»Und was ist das ›Übliche‹?« Der Kaffee schmeckte kräftig.

»Der alte Hof hat lange leer gestanden. Büschgens hat ihn vor einem halben Jahr gekauft. Da hieß es gleich, er tät ihn abreißen lassen und neu aufbauen. Dabei ist das Haus doch mehr als 200Jahre alt gewesen. Das reißt man doch nicht ab.«

»Und? Abgerissen hat er es ja anscheinend nicht.«

»Trotzdem, die Leut’ haben ihn nicht gemocht. Was will ein Preuße in Moosbach?«

»Hat er sich auffällig benommen?«

»Nein.«

»Dann gab es keinen Grund für diese Ablehnung?«

»Er war eben ein Fremder, noch dazu ein Preuße. Das hat viele im Dorf gestört. Auch wenn sie’s nicht offen ausgesprochen haben. Das wäre schlecht fürs Geschäft. Viele leben nämlich mittlerweile ganz gut von den Touristen.«

»Und Sie?«

»Na ja, ich kann auch nicht klagen.«

»Das meine ich nicht.« Mayr betrachtete mit Genuss die goldgelbe Butter und die dicke Scheibe Bergkäse auf seiner Semmel. So was gab’s in ihrer Kantine drunten in Kempten nicht. Auch ein Grund, warum er lieber mit Martina frühstückte, wenn sie nicht gerade mit ihren Freundinnen in aller Herrgottsfrühe zum Walken verabredet war. Martina kannte die besten Adressen für Bergkäse. Sie war Expertin, denn sie hatte das Käsen von ihrer Mutter gelernt. Martina war sowieso Expertin in allen Lebensfragen. Er dachte für einen Augenblick an ihre hellen blauen Augen, die so klug und so schelmisch und so zärtlich schauen konnten.

»Ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Ich habe mich gefreut, dass das alte Haus nicht einfach so verschwindet. Schließlich gehört es zum Dorfbild. Außerdem ist Büschgens oft zum Essen hergekommen. Da hat er immer gesessen, mit seiner Freundin. Da, wo Sie jetzt hocken. Und unser Meckatzer Zwickel hat er gerne gemocht, genau wie die Kässpatzen, die Knödel und die Schupfnudeln mit Kraut. Herr Mader, hat er immer gesagt, Ihre Knödel sie ja schon 1a, aber Ihre Schupfnudeln sind ein Gedicht.« Der Wirt faltete zufrieden die Hände über seinem Bauch und lehnte sich zurück.

»Wann war er das letzte Mal bei Ihnen?«

»Gestern Abend. Da hat er gesessen. Wie immer.« Martin Mader zeigte auf Mayrs Platz und machte ein bekümmertes Gesicht. »Gewohnt hat er in einer kleinen Kammer auf dem Hof. Er hat ja oft am Haus gearbeitet. Mindestens alle sechs Wochen war er hier. Wenn man bedenkt, dass er 600Kilometer fahren musste. Einfache Strecke! Manchmal ist er auch bis Memmingen geflogen und dann mit Bahn und Bus heraufgekommen. – Was für ein Unfug.« Der Wirt horchte seinen eigenen Worten nach.

»War seine Freundin gestern auch dabei?«

»Nein, die ist in Mönchengladbach, nein, in Düsseldorf geblieben, hat er erzählt. Weil sie sich um ihre kranke Tante kümmern wollte.«

»Kennen Sie den Namen der Frau?« Robert Mayr musste sich beherrschen, um vor Wohlbehagen nicht laut zu schmatzen.

»Nein, doch, warten Sie, Marie-Schatz hat er sie immer genannt. Er war ziemlich verliebt.«

»Und sonst war niemand auf dem Hof?«

»Seit die Erben ihn verkauft haben, ist keiner von ihnen mehr hier gewesen. Sie wohnen irgendwo bei Memmingen, glaube ich.«

»Wenn jemand aus dem Dorf wegzieht, weiß man doch, wo er wohnt, oder?«

»Uns hat das nicht interessiert, wir waren froh, dass die beiden Brüder weg waren. Die haben nie dahergepasst, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Nein.«

»Sie hatten den Hof auch nur geerbt und nicht lange dort gewohnt. Ursprünglich kamen sie aus der Gegend von Ottobeuren, haben immer so neureich getan, hatten die Nase weit oben. Aber wenn sie betrunken waren, haben sie gerauft.«

»Hat es Schwierigkeiten gegeben beim Verkauf, Streit mit Nachbarn vielleicht? Haben Sie irgendwas mitbekommen?«

Martin Mader strich bedächtig mit seiner breiten Hand über das karierte Tischtuch und legte den Kopf schief, als ob er seine Antwort abwägen wollte. Er entschied sich, nichts zu sagen.

»Also hat es Streit gegeben.«

Der Gastwirt sah auf die Wanduhr neben der Tür und stand unvermittelt auf. »Der Heimatverein hat das Haus auch kaufen wollen, und einer aus Rettenberg. Aber die haben nicht genug geboten.«

»Bleiben Sie doch noch ein wenig. Das Frühstück ist übrigens wirklich ausgezeichnet.« Robert Mayr sah ebenfalls zur Uhr. »Die Kollegen von der Spurensicherung werden mittlerweile mit ihrer Arbeit angefangen haben.«

Martin Mader blieb stehen. »Soll ich Ihnen noch Brot bringen oder Kaffee? Sie essen ja kaum etwas. Mögen Sie keine Blutwurst? Ist frisch vom Höbel, drunten in Sulzberg.«

»Ernst Büschgens hatte also, sagen wir es vorsichtig, keinen leichten Start in Moosbach.« Er griff zur Blutwurst. Sie würde ihm auch ohne Semmel schmecken.

»Stimmt.«

Eine halbe Stunde später stand Robert Mayr am Seeufer. In einiger Entfernung sah er ein einzelnes Boot über das Wasser gleiten. Das gleichmäßige Eintauchen der Ruderblätter hatte etwas Zuverlässiges. Der Kommissar erinnerte sich: Der See war ein künstlich angelegter Trinkwasserspeicher. Mehrere Häuser waren damals in den Fluten versunken. Aber mittlerweile war der Rottachsee ein beliebtes Ausflugsziel für das gesamte Allgäu. Selbst aus München kamen sie herauf.

Mayr wandte seinen Blick ab. Der Hof und der Preuße. Die Faktenlage war ausgesprochen dünn. Er hatte noch nicht viel. Eigentlich nichts, dachte er. Ein uraltes Bauernhaus geht in Flammen auf, der neue Besitzer hängt an einem Balken. Der Tote konnte Ernst Büschgens sein. Selbstmord bei Gewitter. Eine unpassendere Gelegenheit hätte er sich nicht aussuchen können. Oder hatte das Gewitter die Todessehnsucht erst ausgelöst? Gab es ja. Warum hatte der Mann sich das Leben genommen? Weil er psychisch krank war? Weil seine Freundin ihn verlassen wollte? Weil er finanzielle Schwierigkeiten hatte? Weil er erpresst wurde? Weil ihn der Denkmalschutz zur Verzweifelung gebracht hatte? Der Tote konnte natürlich auch ein Mordopfer sein. Opfer eines Raubmordes vielleicht.

V.

»Seid’s ihr sicher?« Robert Mayr klemmte sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter und versuchte gleichzeitig, sich im Sitzen einen Schuh zu binden. »Was? Ich versteh nicht!« Mayr ächzte leise, denn Telefonieren und dabei Schnürsenkelentknoten, gehörten für ihn für gewöhnlich nicht zusammen. Er hatte nicht bedacht, dass ihm bei der ungewohnten Leibesübung nicht nur das Telefon, sondern auch sein Bauch im Weg war. Wobei Martina statt vom Bauch gerne auch von seiner erweiterten »erotischen Nutzfläche« sprach.

»Was? Nein, mir ist nicht schlecht. Mir geht’s gut. So, ja.« Robert Mayr richtete sich auf. Seine Augen schmerzten. Das Blut war ihm in den Kopf geschossen.

Er nahm das Telefon wieder in die Hand. »Also, Kollege, ich fasse zusammen: Ernst Büschgens hat bisher unauffällig in Mönchengladbach gelebt und in diesem, diesem, also in diesem Nordpark ein Maklerbüro betrieben. Nordpark – sagt mir nix, wo ist das genau? Aha, im Westen. Nein, sagt mir immer noch nichts. Borussia? Aha.«

Robert Mayr zuckte mit den Schultern und suchte Papier und Kugelschreiber, um mitzuschreiben, was die Mönchengladbacher Kollegen bisher ermittelt hatten: Der 52Jahre alte Büschgens war kinderlos, seit zwei Jahren Witwer, hatte eine 37Jahre alte Freundin, mit der er aber nicht zusammenlebte, war seit 25Jahren im Immobiliengeschäft, saß im Stadtrat und hatte entscheidend dazu beigetragen, dass dieser Nordpark mehr und mehr zum Dienstleistungs- und Szenequartier wurde. Büschgens Freundin hatte einen Job an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Die Wissenschaftlerin war in ihrer Oberkasseler Wohnung mit einem Weinkrampf zusammengebrochen, als sie vom Tod ihres Freundes erfuhr.

Offenbar hatte Büschgens sich mit ihr in Moosbach zur Ruhe setzen wollen. Sie wären zusammen in das alte Haus gezogen. Ob Büschgens in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt hatte, wurde noch ermittelt. In seiner großzügigen Wohnung und in seinem Büro waren jedenfalls keine irgendwie auffälligen Unterlagen gefunden worden. Auch die Geschäftskonten waren auf den ersten Blick in Ordnung. Einen Geschäftspartner hatte der Makler nicht gehabt. Büschgens’ Sekretärin war schockiert über den Tod ihres Chefs. Beim Besuch der Ermittler hatte sie vor Aufregung den Glasballon mit dem frisch aufgebrühten Kaffee fallen lassen. Das halbe Büro sei mit Kaffeeflecken versaut worden. Diese Anekdote war der vorläufige Schlusspunkt. Mehr hatten die Kollegen auf die Schnelle nicht ermitteln können.

»Dann danke ich recht herzlich, Herr, äh, wie war Ihr Name? Schrievers? Ah ja. Servus, Kollege Schrievers. Ja, ja, wir bleiben in Verbindung.«

Robert Mayr legte auf. Diese Niederrheiner hatten einen merkwürdigen Singsang-Dialekt. Wie die Kölner. Und für sie war Borussia Mönchengladbach offenbar die einzig erwähnenswerte Fußballmannschaft. Als gäbe es keine Kleeblätter. Er schüttelte den Kopf. Über seine Greuther ging nix. Schon gar nicht wegen Martina, deren Opa väterlicherseits bei der SpVgg Greuther Fürth gekickt hatte. Bevor er ins Allgäu umgezogen war. Mayr seufzte. Nicht wegen des Opas, sondern wegen Martina. Seit er sie liebte, liebte er auch die Greuther.

Er warf den Stift auf die Schreibtischunterlage und rollte mit seinem Stuhl ein Stück zurück. Er legte den Kopf in den Nacken, massierte seine Schläfen und musterte nachdenklich die Zimmerdecke.

Ihm würde keine Wahl bleiben. Er würde zunächst die Mordkommission in Kempten belassen und die kommenden Tage in Moosbach verbringen. Keine schlechte Vorstellung. Martina war die nächste Zeit ohnehin nicht zu Hause. Aber auch sonst wäre sie sicher nicht mitgekommen. Sie zog sich stets zurück, wenn er einen Mord aufzuklären hatte. Sie wollte ihn in Ruhe arbeiten lassen. Außerdem, und das war der wahre Grund, hatte sie einmal im Streit erklärt, wollte sie seine Launen nicht ertragen müssen. Denn die waren während seiner Ermittlungen zugegebenermaßen kaum auszuhalten.

»Wenn du unsere Liebe nicht umbringen willst, dann komm erst zurück, wenn du deinen Mörder hast«, hatte sie bereits ganz zu Beginn ihrer Beziehung gescherzt. Aber er hatte gleich gewusst, dass sie es ernst meinte. Trotzdem war er damals ein bisschen gekränkt gewesen, heute konnte er Martina verstehen.

Robert Mayr stand auf und betrachtete missmutig die Tabelle der 2. Bundesliga, die er aus einem Sportheft herausgerissen und mit Reißnägeln an die Wand geheftet hatte. Die SpVgg stand tatsächlich auf Platz 15. Da gab es nichts zu deuteln.

VI.

»Sind’S schon weiter mit Ihren Ermittlungen?« Der Kreuz-Wirt stand hinter der für seine Figur hohen Theke und trocknete ein Weizenbierglas ab, das er gerade aus der offenen Lade seiner Gläserspülmaschine genommen hatte.

Auch heute trug Martin Mader seine speckige Lederhose und Fellpantoffeln. Neugierig musterte der Wirt den Kommissar der Kemptener Polizei aus seinen kleinen flinken Augen.

»Wirklich weiter sind wir noch nicht. Aber Sie hatten recht. Der Tote ist Ernst Büschgens.«

Martin Mader nickte stumm und nahm sich das nächste Glas aus der Spülmaschine. Für ihn war das keine wirkliche Neuigkeit.

»Haben Sie vielleicht ein Zimmer für mich? Ich würde gerne ein paar Tage bleiben.« Robert Mayr stellte seine Sporttasche ab, in die er das Nötigste gepackt hatte.

»Freilich habe ich das. Aber Sie kommen doch nur von Kempten herauf und wollen trotzdem hier übernachten?« Ein merkwürdiger Vogel, dieser Kommissar, dachte er. Kam daher wie ein Urlauber. Martin Mader war gespannt, wie Mayr den Mord aufzuklären gedachte.

»Ich will mich im Dorf umhören und mir außerdem den Brandort noch einmal genauer ansehen. Vielleicht haben die Kollegen von der Spurensicherung etwas übersehen. Da ist mir das Hin- und Herfahren doch zu lästig. Außerdem tut die Gegend meiner, ähm, Seele gut. Meine Wohnung ist leer. Meine Freundin ist für ein paar Tage an den Rhein gefahren, eine frühere Studienkollegin besuchen.«

Warum erzählte er das? Warum hatte er das Gefühl, dem Wirt sein Leben erklären zu müssen? Vielleicht war es die abwartende Haltung Maders.

»Ja, ja, das sagen alle unsere Gäste. Das mit der Seele.« Martin Mader sagte nicht »Gäs-te«, sondern »Gäsch-te«. Und er lachte dazu meckernd. Es klang allwissend und zufrieden. »Moosbach ist der Himmel auf Erden, sagen sie. Und seit der See da ist, kommen jedes Jahr mehr herauf.«

Die Feuerwehr hatte nichts tun können für das alte Haus. Von dem denkmalgeschützten Bauernhof waren nur verkohlte Balkenreste und ein wenig verrußter Hausrat übrig geblieben. Der etwas abseits abgestellte Mercedes Büschgens’ war wie durch ein Wunder unbeschädigt geblieben. Die Karosserie war lediglich mit einem fettigen Rußfilm bedeckt. Die Löscharbeiten hatten sich darauf konzentriert, die umliegenden Häuser vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen.

Robert Mayr hatte die Hosenbeine seiner Jeans ein wenig hochgekrempelt und stand mitten in den Trümmern. Mit einem Stock stocherte er zwischen den Balken herum und versuchte einen Topf umzudrehen. Er wusste nicht, wonach er suchen sollte. Die Kollegen von der Spurensicherung hätten ihn schon informiert, wenn sie fündig geworden wären. Trotzdem stocherte er weiter. Man wusste ja nie. Und außerdem konnte er so seiner Unruhe ausweichen.

Gesehen hatte er bisher nichts Auffälliges: einige feuchte Wäschestücke, halb verbrannte Schränke, einen alten Elektroherd, Besteck und zerborstenes Geschirr, ein paar aufgeplatzte Konservendosen, eine aufgerissene Chipstüte, einen angekokelten kleinen Fernseher, Töpfe, Werkzeug und eine Schubkarre. Er würde das Gutachten der Brandsachverständigen abwarten müssen und auch das Ergebnis aus der Rechtsmedizin. Robert Mayr warf den Stock zu den Trümmern und stieg vorsichtig über die Balkenreste. Auf der Straße stampfte er ein paarmal mit den Füßen auf, um die Asche von den Schuhen zu klopfen. Der Ort roch immer noch scharf nach frischem Ruß und Holzkohle. Robert Mayr musste an die Küche seiner Kindheit denken, in der seine Mutter jeden Morgen den Holzofen hatte anfachen müssen.

Er fühlte sich ausgebremst. Geduld war nicht gerade seine Stärke. Das wusste er zwar, aber es half nichts. Robert Mayr überlegte kurz. Was hatte Mader gesagt? Der Heimatverein hatte das Haus kaufen wollen. Vielleicht lag da der Ansatz für seine Ermittlungen. Neid und Missgunst. Außerdem Abneigung gegen alles Fremde.

Der Kommissar war schon auf dem Weg zurück zum Gasthof, um den Namen vom Vorsitzenden des Heimatvereins zu erfragen, als er stehen blieb, weil ihm etwas einfiel. Mader hatte noch etwas anderes gesagt.

»Moosbach ist der Himmel auf Erden.«

Genau. Mader hatte recht. Der Heimatverein konnte warten. Dazu war später immer noch Zeit. Spontan drehte sich Robert Mayr um und ging die Dorfstraße entlang Richtung Fußballplatz. Von dort folgte er dem asphaltierten Weg und dem Hinweisschild »Seerundweg«. Er würde genug Zeit zum Nachdenken haben.

Robert Mayr schwitzte. Das Hemd klebte an seinem Rücken. Der Polizeibeamte hatte den größten Teil des Rundwanderwegs schon hinter sich, als auf Höhe des alten Petersthaler Pestfriedhofs sein Handy klingelte.

»Ja?« Mayr schnaufte und rieb sich den Schweiß von der Stirn. »Sicher?« Er blieb stehen. »Danke.«

Brandstiftung! Das alte Holzhaus war nicht vom Blitz getroffen, sondern angezündet worden. Die Kollegen hatten am Eingang Spuren eines Brandbeschleunigers gefunden. Ebenso an zwei weiteren Stellen. Vermutlich Benzin.

Robert Mayr fluchte und verfiel in einen Laufschritt. Er hatte es eilig, denn er wusste, dass er noch ein gutes Stück um den See zu gehen hatte. Nach 200Metern wurde der Kommissar wieder langsamer. Sport war

VII.

Der Vorsitzende des Moosbacher Heimatvereines wurde blass.

»Und warum kommen Sie damit ausgerechnet zu mir?«

»Weil ich gehört habe, dass Sie sich um den Ankauf des Bichler-Hofes bemüht haben.« Robert Mayr saß in der Wohnküche des Vereinsvorsitzenden und sah Adolf Schattenmaier unverwandt ins Gesicht. Bisher hatte er seinen Kaffee noch nicht angerührt.

»Und das soll ein Grund für einen Mord sein?« Adolf Schattenmaier streckte sich. Es krachte, als er mit der flachen Hand auf den Küchentisch schlug.

Robert Mayr blieb ruhig. Er wartete ab. Das half meistens.

»Wissen’S, ich bin ein rechtschaffener Bauer. Meine Familie lebt seit Generationen im Dorf. Wir haben uns nie was zuschulden kommen lassen! Meinen’S, ich bring einen um? Nur wegen ein paar Balken und wurmstichigen Möbeln? Und schon gar nicht, um dem Verein zu helfen. Von den Vereinskollegen tät das auch keiner machen.«

Schattenmaiers Frau kam aus dem dunklen Flur und legte ihm schweigend die Hand auf die Schulter. Sie sah in der niedrigen Stube und in ihrem geblümten Kittel aus wie eine streitbare Walküre.

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Wir haben versucht, mit den Bichler-Brüdern zu reden. Mehrfach. Schließlich haben wir regelrecht gebettelt. Haben ihnen sogar Gemeindegrund dafür angeboten. Aber sie haben den Hof nicht hergeben wollen. Traditionspflege bedeutet denen nichts. Sie wollten nur Geld. Möglichst viel Geld. Dabei wollten wir aus ihrem Haus ein Museum für Oberallgäuer Geschichte machen. Das hätte Moosbach noch mehr Touristen gebracht. Alle hätten wir davon profitiert.« Adolf Schattenmaier legte seine Hand auf die seiner Frau. »Aber das ist jetzt vorbei.« Sein Blick hellte sich auf. »Und überhaupt: Wir wollten den Hof erhalten, als wichtiges Zeugnis unserer Kultur. Da werden wir doch kein Feuer legen, oder, Herr Kommissar?«

Robert Mayr zuckte mit den Schultern. Heimatfreundelogik. Nicht unbedingt zwingend. »Vielleicht hat es Sie geärgert, dass Sie den Zuschlag nicht bekommen haben. Neid, Missgunst, verletzter Stolz? Rache? Wer weiß?«

»Da hätten andere mehr Grund gehabt.« Adolf Schattenmaier sah zu seiner Frau hoch und blickte dann den Ermittler herausfordernd an.

»Wie meinen Sie das?« Robert Mayr beugte sich vor.

»Adolf!« Katharina Schattenmaier zog ihre Hand zurück.

»Ich sag jetzt nichts mehr.« Schattenmaier ließ sich im Stuhl zurückfallen und sah zum Fenster hinaus.

Robert Mayr stand auf. »Ich werde wiederkommen. Oder Sie aufs Revier vorladen. Ganz wie Sie wollen. Auf Wiedersehen, Herr Schattenmaier.«

Adolf Schattenmaier schwieg und blieb sitzen. Seine Frau begleitete den Beamten zur Tür. »Mein Mann und die anderen aus dem Verein haben nichts Unrechtes getan. Das müssen Sie mir glauben. Mit dem Hof sind Adolfs ganze Pläne in Flammen aufgegangen. Der Bichler-Hof war etwas so Besonderes für Moosbach. Das älteste Haus weit und breit. Selbst der Mader hat mitgeboten. Ein exklusives Ferienhaus hat er draus machen wollen. Aber die Bichler-Brüder haben viel zu viel verlangt.«

»Der Wirt vom Kreuz hat sich auch für das Haus interessiert?« Robert Mayr hatte bereits die Tür seines Autos aufgeschlossen. Erstaunt sah er Katharina Schattenmaier an.

»Freilich. Viele hätten es haben wollen.«

Robert Mayr musste nachdenken. Er fuhr auf den Parkplatz vor dem Moosbacher Fußballplatz und stellte den Motor ab. Durch die Windschutzscheibe suchte er den Horizont ab. Irgendwo auf der anderen Seite des Sees musste das Kreuz der Ellegghöhe zu sehen sein. Jedenfalls war das früher so gewesen, wenn er an den Wochenenden mit seinem Vater von St.Mang aus den Weg herauf bis Moosbach gewandert war. Wie lang war das schon her? 20Jahre, 30Jahre? Robert Mayr musste rechnen. Nein, fast 40Jahre.

Auf der höchsten Wiese Moosbachs hatten sie im Gras gesessen und Brotzeit gemacht. Die Brote und der selbstgebackene Kuchen hatten nach der anstrengenden Tour immer besonders gut geschmeckt.

Der Kriminalhauptkommissar konnte das Lederfett förmlich riechen, mit dem die Mutter regelmäßig seine Lederhose eingerieben hatte. Er meinte das helle Läuten der Moosbacher Kirche zu hören. Unwillkürlich sah er sich zum Kirchturm um, so deutlich hörte er den Glockenklang. Aber es war nur seine Erinnerung, die ihm einen Streich spielte. Die Zeiger standen auf kurz nach fünf Uhr.

Das Argument Schattenmaiers, den Hof unter allen Umständen bewahren und nicht vernichten zu wollen, klang plausibel. Blieb noch der Bieter aus Rettenberg. Ihn würde er am nächsten Tag aufsuchen: Franz Xaver Krumthaler, einer der Reichsten in Rettenberg. Abgesehen von den beiden Brauereibesitzern.

Zuerst aber würde er den Wirt vom Kreuz zur Rede stellen. Martin Mader hatte ihm verschwiegen, dass auch er sich für den Hof interessiert hatte. Warum? Robert Mayr nahm sein Handy aus dem Handschuhfach und wählte die Nummer seines Aktenführers.

»Hallo, Schorsch, ich bin’s, Robert. Ja, ich bin noch in Moosbach. Und ich bleibe auch noch. Sei so gut und such zusammen, was du über Martin Mader erfahren kannst. Ja, Mader. Das ist der Wirt vom Gasthof Zum Kreuz in Moosbach. Ich will alles über ihn wissen. Ja, das ganze Programm. Bis wann? Machst du Witze?« Er wollte schon auflegen. »Und noch was, Schorsch. Erkundige dich auch über den Heimatverein Moosbach, besonders interessiert mich der Vorsitzende, ein Adolf Schattenmaier.« Mayr überlegte. »Gibt’s bei euch sonst noch was Neues?«

Robert Mayr musste bei der Nachricht schmunzeln. »Oliver Kahn wirbt jetzt für Abnehmkurse? Na und? Warum erzählst du ausgerechnet mir das? Hab ich nicht nötig. Außerdem bin doch ein Greuther.« Lächelnd trennte er die Verbindung. Die Bayern und ihre ewigen Götter waren Georg Scheuerlein heilig. Er konnte sich gut vorstellen, dass sich das Weltbild seines Kollegen gerade etwas verschob. So gesehen, war der FC Bayern auch eine Art Heimatverein.

Kaum war er auf den Parkplatz des Gasthofs eingebogen, als sein Handy klingelte.

»Martina, Schatz, das ist aber eine Überraschung.« Robert Mayr freute sich tatsächlich. »Um ehrlich zu sein: geht so. Ziemlich undurchsichtig alles. Du bleibst also noch übers Wochenende? Gut. Ja, ich pass schon auf mich auf. Versprochen. Ja, ich liebe dich auch. Ciao.«

Auf dem Weg zum Lokal kam ihm Martin Mader entgegen.

»Einen Augenblick, Herr Mader, ich muss mit Ihnen reden.«

Martin Mader runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Gemeinsam gingen sie in die Gaststätte zurück.

»Möchten Sie eine Halbe? Auf meine Rechnung.«

»Nein danke. Für Bier ist es mir noch zu früh.« Robert Mayr deutete auf den Stuhl neben sich. »Bitte setzen Sie sich.«

»Ist etwas passiert?«

»Ich will nicht lange drum herumreden. Warum haben Sie mir nicht gesagt, dass Sie den Bichler-Hof auch wollten?«

»Ach, die alte G’schicht. Das ist schon so lange her. Das war damals doch schnell klar, dass ich ihn nicht bekommen würde. Den Preis habe ich nicht zahlen wollen. Bei dem Geld, was ich noch in den Umbau hätte stecken müssen.«

Martin Mader wirkte keine Spur nervös. Er fuhr mit beiden Händen über das karierte Tischtuch, so als brauche er eine glatte Fläche, auf der er seine Sätze sauber abstellen konnte. »Wissen’S, der Hof hätte mir schon gepasst. Moosbach hat eine gute Zukunft.«

»Sie hätten es mir sagen müssen. Ihr Schweigen macht Sie verdächtig. Das können Sie sich doch sicher vorstellen.«

»Nein, das kann ich nicht.« Der Wirt klang auf einmal ziemlich förmlich. »Ich habe mir ja nichts vorzuwerfen. So, und jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen. Ich hab mich noch um die Kegelbahn zu kümmern. Der Sparverein kommt heute Abend.« Martin Mader stützte sich beim Aufstehen mit beiden Händen auf dem Tisch ab. Seine Pantoffeln klatschten beim Gehen leicht auf den Holzfußboden.

In dieser Nacht schlief der Kommissar schlecht. In seinen Träumen wurde er von Unbekannten in riesigen Fellpantoffeln verfolgt, die dazu lodernde Fackeln schwenkten. Martina streckte ihm lächelnd die Hand entgegen, aber er konnte sie nicht greifen. Und der See brodelte.

»Sie wissen, dass Sie keine Wahl haben.«

»Sie machen mir doch keine Angst.«

»Gefallen Ihnen die Fotos?«

»Hören Sie …« Er klang mit einem Schlag nicht mehr selbstsicher. Die Fotos! Diese verdammten Fotos!

»Sie können gerne noch welche haben. Wir haben einige wirklich nette Motive für Sie vorbereitet. Insgesamt sehr ausdrucksvoll.« Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang sanft und war voller mitfühlender Wertschätzung.

»Sie wissen, dass ich das nicht tun kann. Das können Sie nicht von mir verlangen.«

»Aber, aber!« Die Stimme klang spöttisch.

»Was Sie da von mir verlangen, ist illegal. Wenn das publik wird, bin ich erledigt.«

»Sehen Sie«, die Stimme klang jetzt geradezu aufgekratzt, »nun verstehen wir uns endlich. Sie haben gar nichts zu verlieren. Ich werde dafür sorgen, dass nichts publik wird. Solange«, der Anrufer zögerte, »Sie uns den kleinen Gefallen tun. Wir verlangen ja nichts Unmögliches. Allerdings, wenn Sie nicht spuren, gehen die Fotos postwendend an Ihre Frau und an die Presse. Und ich weiß nicht, was schlimmer wäre.«

Die Stimme hatte jetzt eine Schärfe, die kalt und tief in sein Selbstbewusstsein schnitt. Er hatte dem nichts mehr entgegenzusetzen und schwieg.

Die Stimme schmeichelte wieder. »Ich nehme Ihr Schweigen als Zustimmung. Wir verstehen uns. Und ich kann Sie beruhigen. Sobald wir diese Informationen von Ihnen bekommen haben, werden wir die Fotos zusammen mit den Dateien vernichten.«

Die Schärfe kam zurück. »Wenn nicht, werden wir das Fotomaterial um aufregende Telefonmitschnitte und nette kleine Filme erweitern. Sie werden Ihre Freude haben. Das verspreche ich Ihnen.«

VIII.

Robert Mayr saß in seinem Zimmer auf dem schmalen Bett und zog sich Socken an. Im Frühstücksfernsehen von ARD und ZDF lief ein Interview mit Oliver Kahn. In der Tat, er hatte in den vergangenen Monaten ordentlich zugelegt, dachte er und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Gab’s denn wirklich keine anderen Probleme? Er stand auf und trat vor den Spiegel.

Fast hätte er über die gleichmäßigen Schergeräusche seines Rasierapparates das Klingeln des Mobiltelefons nicht gehört. Ungehalten legte er den Rasierapparat auf die Ablage unter dem Spiegel. Ihn beim Rasieren zu stören war so etwas wie eine Todsünde. Rasieren war für ihn Meditation pur. Darüber gingen nur noch die ganz speziellen Käseabende und -nächte mit Martina. Er seufzte bei dem Gedanken an den kräftigen Geschmack der jeweils von ihr mit viel Liebe ausgesuchten und mit noch mehr Liebe präsentierten Bergkäsesorten.

»Mayr! – Wer? Ach so, Dr.Schüssler. Entschuldigung, ich habe Sie nicht gleich erkannt. Ich hab mich gerade rasiert, außerdem ist der Fernseher so laut. Grüß Gott, Herr Doktor.«

Der Rechtsmediziner klang wie immer geradezu klinisch steril. Das brachte wohl sein Beruf mit sich, dachte Mayr nicht zum ersten Mal.

Dr.Heribert Schüssler war ein echter Gemütsmensch. Es gab wohl kaum noch etwas, das ihn wirklich bewegen, geschweige denn schockieren könnte. Nur einmal hatte Robert Mayr erlebt, dass der Mediziner aus sich herausging. Das war bei einer gemeinsamen Tagung im Landeskriminalamt gewesen. Damals hatte er abends an der Bar mit seinem Kollegen Schorsch schier endlos über Fußball diskutiert. Dr.Heribert Schüssler war ebenfalls leidenschaftlicher Fußballfan. Von Kindesbeinen an war er Anhänger von Borussia Mönchengladbach. In den ersten Tütchen mit Fußballbildern, die er von seiner Oma geschenkt bekommen hatte, hätten Fotos von Spielern der »Fohlenelf« gesteckt. Das habe ihn »wie ein frisch geschlüpftes Küken« geprägt, hatte er so vehement wie bierselig verkündet. Und dass neben Lex Barker und Pierre Brice vor allem Hacki Wimmer, Herbert Laumen und Manfred Orzessek die wahren Helden seiner Kindheit und Jugend gewesen waren. Köln ging gar nicht, Bayern vielleicht. Nee, auch nicht wirklich. Jedenfalls hatte der Abend in einem gepflegten Besäufnis geendet.

»Haben Sie Ihre Untersuchungen abgeschlossen?« Robert Mayr schaltete den Fernseher stumm.

Der Rechtsmediziner schloss einen Selbstmord mit Sicherheit aus. Allerdings sei der Makler schon tot gewesen, als das Feuer ausbrach.

»Er hat am Balken gehangen. Sonst wäre er vor den Flammen geflüchtet.« Robert Mayr angelte mit einer Hand nach seinem Hemd, das auf den Schuhen vor dem Bett lag. Was faselte Schüssler da? Auf dem Bildschirm sah die lautlose Moderatorin Mayr mit ernster Miene an.

»Er war schon tot, als man ihn aufgehängt hat.« Dr.Heribert Schüssler klang etwas ungehalten. Was machte der Ermittler bloß die ganze Zeit? Frühgymnastik?

»Todesursache?« Das Hemd wollte nicht über seine Arme. Büschgens wurde ihm immer mehr zum Rätsel. Er würde es schon noch knacken, wenn nur jetzt wenigstens mal das Oberhemd mitspielte. Mayr ächzte ungeduldig.

Der Rechtsmediziner ging von Tod durch Vergiftung aus. Er hatte im Magen des Toten vor allem einen Brei aus Kartoffeln, Eiern, Mehl und Fett gefunden. Dazu relativ viel Salz. Und Spuren von Solanin.

»Solanin?« Der Kriminalhauptkommissar war zufrieden. Das Hemd saß endlich an seinem Platz. »Kenne ich nicht.«

Was folgte, war ein ausführlicher Exkurs in Chemie und Biologie. Die Moderatorin steckte mittlerweile in einem scherzhaften, aber lautlosen Dialog mit ihrem Kollegen. Jedenfalls lachten beide.

Solanin, lernte Mayr zu früher Stunde, noch in Strümpfen, Hemd und Unterhose, ist ein Alkaloid und wasserlöslich. Als Giftstoff sitzt Solanin unter der Schale von zum Beispiel Tomaten, Paprika, Auberginen und eben Kartoffeln. Besonders gefährlich sind grüne Kartoffeln. Schon ab 25Milligramm wirkt das Gift, 400Milligramm können für einen Menschen tödlich sein.

»Gift in Kartoffeln? Dann sind sie lebensgefährlich? Mein Gott, da habe ich all die Jahre ja verdammtes Glück gehabt.« Das war kein Scherz. Robert Mayr meinte es ernst, denn er war beim Essen sehr eigen. Er aß längst nicht alles, sehr zum Ärger von Martina. Neben Käse aß der Kommissar am liebsten Kartoffeln. Und das in allen Variationen. Selbstredend ganz besonders aber die Knödel seiner Freundin. »Warum sterben dann nicht mehr Menschen an Kartoffelvergiftung?« Aufgeschreckt durch die potenzielle Bedrohung seines Lebens, stand Mayr auf und sah zum Fenster hinaus. Draußen fuhr langsam ein Traktorgespann mit Mist vorbei.

Schüssler konnte den aufgeregten Polizeibeamten beruhigen, der nun ungeduldig mit dem Handy am Ohr durch das Zimmer wanderte. Das meiste Gift werde beim Kochen ausgewaschen. Allerdings sollte man den Sud nicht trinken und auch nicht den Saft gepresster Kartoffeln.

»Was heißt das nun für meinen Fall? Büschgens wurde mit Kartoffeln umgebracht? Wie soll das gehen, und wie wirkt dieses Solanin? Und außerdem, wer macht sich die Mühe, Büschgens danach noch aufzuhängen wie einen ausgebürsteten Anzug?« Mayr setzte sich wieder aufs Bett. »Aha, es könnten also auch Tomaten gewesen sein. Aber eher unwahrscheinlich, da Sie davon keine Reste gefunden haben. Hm.« Wie ein gelehriger Schüler repetierte Mayr die Anmerkungen des Mediziners.

Der Kommissar sah sich suchend um. Seine Hose lag jenseits des Bettes auf dem Sessel unter dem Fenster. »Wie? Ach. Das Übliche? Übelkeit, Erbrechen, Angstzustände? Durchfall. So, so.« Er beugte sich vor und angelte nach einem Hosenbein. »Furchtbar. Ein ekelhafter Tod. Wie wahr.«

Robert Mayr bedankte sich und legte auf.

Am anderen Ende der Leitung starrte der Rechtsmediziner irritiert auf den Hörer. Verstehe einer die Lebenden.

Robert Mayr murmelte der hübschen Moderatorin zu: Erst vergiftet und dann gehenkt. Sie sah ernst zurück. Dann kam das Wetter.

Dr.Heribert Schüssler konnte ihm vorerst nicht mehr an Ergebnissen und Informationen liefern. Weitergehende Analysen waren noch nicht abgeschlossen. Das Übliche. Es würde noch ein paar Tage dauern, bis er Endgültiges sagen konnte.

Solanin. Kartoffeln. Ernst Büschgens musste etwas gegessen haben, das aus Kartoffeln zubereitet wurde. Robert Mayr runzelte die Stirn. Nach seinen bisherigen Recherchen war Büschgens bereits frühmorgens in Mönchengladbach Richtung Moosbach aufgebrochen und hatte zu Hause wie üblich nur eine Tasse Kaffee getrunken. Das hatte zumindest seine Freundin angegeben. Der Mageninhalt konnte also nur von einem Zwischenstopp stammen beziehungsweise vom Abendessen im Gasthof Zum Kreuz.

Kartoffeln! Robert Mayr wusste endlich, was die ganze Zeit im Dunkel seines Unterbewussten gearbeitet hatte: Knödel – und Schupfnudeln. Er schlug sich an die Stirn und nickte der Moderatorin zu, die aus irgendeinem Grund, den er verpasst hatte, jetzt ganz nah war. Zu viel Schminke, dachte Robert Mayr. Schade.

Natürlich, Schupfnudeln und Knödel! Martin Mader hatte erzählt, dass Schupfnudeln Büschgens’ Lieblingsgericht gewesen waren. Dieser Lederhosen-Wirt wurde ihm zunehmend suspekt. Und die Moderatorin. Mit Bedauern im Blick und einem kräftigen Druck auf die Aus-Taste der Fernbedienung verabschiedete er sich von der jungen Journalistin, die mitten in einer längeren Ansage aus seinem Fernseher verschwand und nur eine dunkle leere Fläche hinterließ.

»Hallo, Herr Mader?« Robert Mayr klopfte an die offen stehende Tür zur Küche.

Es blieb still. Auf den ersten Blick eine ganz normale Gasthofküche: blank geputzte Kochtöpfe, Schöpfkellen, die an der Wand hingen. Regale mit Gewürzen. Der mehrflammige Herd.

Der Kriminalhauptkommissar versuchte es noch einmal. »Herr Mader? Sind Sie da?« Er bekam immer noch keine Antwort. Als er sich umdrehte, stand vor ihm ein junger Mann in karierter Hose und weißer Jacke.

»Mein Vater ist nicht da. Ich bin Gerhard Mader. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

»Ich muss ihn dringend sprechen. Wo kann ich ihn finden?« Mayr zeigte dem Sohn seinen Dienstausweis.

»Ich weiß schon, wer Sie sind. Mein Vater ist in der Früh nach Kempten zum Großmarkt gefahren. Er müsste eigentlich längst zurück sein. Ich weiß auch nicht, wo er steckt. Sie werden sich gedulden müssen.«

»Sind Sie der Koch?« Robert Mayr steckte den Ausweis wieder ein.

»Das bin ich, ja. Warum?«

»Wissen Sie noch, was Herr Büschgens am Abend, bevor er starb, bei Ihrem Vater bestellt hat?«

»Natürlich weiß ich das. Herr Büschgens hat Schupfnudeln bestellt. Er war ganz verrückt nach unseren Schupfnudeln, kann man sagen.« Der Koch lächelte. »Ich weiß eigentlich nicht genau, warum. Wir machen sie ganz einfach. Wollen Sie welche zum Abendessen? Ich bereite sie Ihnen ganz frisch zu.«

»Nein danke.« Mayr musste an die Vergiftungssymptome Angstzustände und Übelkeit denken. Die konnte er jetzt nicht brauchen. »Vielleicht ein anderes Mal. Sagen Sie, wer hat Zutritt zur Küche? Außer Ihnen und Ihrem Vater, meine ich?« Robert Mayrs Stimme klang nun nicht länger sanft und rücksichtsvoll.

Der Koch machte ein besorgtes Gesicht und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Nur das Küchenpersonal, das sind drei Frauen aus der Nachbarschaft, und unsere beiden Kellnerinnen. Sonst niemand. Warum fragen Sie?«

»Die Schupfnudeln.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Die Schupfnudeln waren möglicherweise vergiftet. Ernst Büschgens ist möglicherweise an vergifteten Schupfnudeln gestorben.«

Gerhard Mader musste sich am Tisch festhalten. Sein Gesicht wurde weiß. »Um Gottes willen. Das kann nicht sein. Ich habe doch gehört, dass er sich den Strick genommen hat.«

»Vielleicht wollte jemand ganz sichergehen. Der Bericht unseres Rechtsmediziners ist aber eindeutig. Das Opfer hat Schupfnudeln gegessen und ist mit Solanin vergiftet worden. Ich fürchte, Ihre Küche wird vorläufig kalt bleiben. Sie müssen mit aufs Präsidium kommen.«

Der junge Koch blieb stumm. Die Knöchel seiner Hände waren weiß, so sehr klammerte er sich an den Küchentisch. Er schüttelte immerzu den Kopf. Gerhard Mader stand sichtlich unter Schock.

Robert Mayr zog sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und wählte die Nummer seines Büros. »Schorsch? Nimm dir zwei Kollegen und fahr zum Großmarkt raus. Martin Mader könnte noch dort sein. Nehmt ihn mit und bringt ihn her.« Er deckte mit einer Hand das Handy ab und sah den jungen Mader an. »Gemüse? Lederhose?« Gerhard Mader wischte sich zum wiederholten Mal seine Hände am Handtuch ab, das er vor seinem Bauch zwischen die Bänder seiner Schürze gesteckt hatte, und nickte. Mayr nahm die Hand vom Handy. »Ihr erkennt’s ihn an seiner Lederhose. Kuhfellpantoffeln. Ja, du hast richtig gehört. Klein, rund, Kugelblitz. Was? Nein, bring ihn ins Büro. Ach was, kommt doch lieber mit ihm her. – Was? Jetzt gib schon a Ruah. Erklär ich dir später! Und, Schorsch, schick die Spurensicherung zu mir rauf.«

IX.

»Sie müssen doch zugeben, eine Menge Indizien sprechen gegen Sie. Sie haben auch auf den Bichler-Hof spekuliert, im Mageninhalt von Büschgens wurden Spuren eines Kartoffelgifts gefunden, in den Resten der Schupfnudeln, die Sie Herrn Büschgens serviert haben, um genau zu sein. Das sieht doch alles sehr nach Rache oder Neid aus. Klassische Mordmotive. Sie sollten sich genau überlegen, was Sie jetzt sagen, Herr Mader. Ich denke, Sie brauchen einen Anwalt.« Robert Mayr sah den Wirt eindringlich an.

»Sind Sie wahnsinnig? Das stimmt doch alles nicht! Ich bring doch keine Gäste um! Ich begehe doch keinen Mord! Niemals! Für was denn? Stimmt, ich habe mich für den Hof interessiert. Aber das ist doch nicht strafbar! Ich habe halt Pech gehabt beim Bieten. So ist das im Leben. Deshalb bringt man doch keine Leut’ um! Ich habe mir nichts vorzuwerfen!« Maders dunkle Augen funkelten vor Entsetzen, Empörung und Zorn. »Und außerdem, Ihr Zimmer ist ab sofort belegt. Bitte verlassen Sie mein Haus.«

»Wir werden sowieso zusammen nach Kempten ins Präsidium fahren, Herr Mader. Kein Problem.«

»Hören Sie, das Gift kann doch auf alle möglichen Arten in den Magen des Toten gelangt sein!« Martin Mader versuchte, sich in die Gedankenwelt eines Kommissars hineinzuversetzen. »Vielleicht hat man ihm das Gift ja auch gespritzt. Oder es war ein Unfall, ein unglücklicher Zufall. Das kann doch sein, oder? Kommt das Gift nur in Kartoffeln vor? Nein.« Martin Mader sah Robert Mayr hoffnungsvoll an. »Kann doch sein, dass Büschgens auf dem Weg hierher unterwegs Pommes frites gegessen hat, die verdorben waren? Oder Knödel. Die Raststätten an den Autobahnen sind auch nicht immer astrein. Nicht umsonst hat der ADAC ein Auge darauf. Unsere Kartoffeln sind jedenfalls Eins-a-Qualität. Wir verarbeiten nur beste Zutaten. Die Kartoffeln für die Nudeln waren nicht vergiftet. Nie und nimmer. Darauf wett ich meinen Kopf.«

»Seien Sie vorsichtig mit solchen Äußerungen.« Robert Mayr betrachtete interessiert Maders runden Schädel, um den sich das kurze, fast schwarze Haar wie ein Lorbeerkranz legte. »Ob Büschgens zwischendurch was gegessen hat? Darüber haben wir bisher keine Erkenntnisse. Wir fahren jetzt jedenfalls aufs Präsidium. Ich kann Sie nicht länger hierlassen. Bitte packen Sie ein paar Sachen zusammen. Das Nötigste für die nächsten Tage.« Robert Mayr legte eine Hand auf Maders Arm. »Ich würde Ihnen ja gerne glauben, aber ich das kann im Augenblick nicht.«

Während Martin Mader ungewohnt schwerfällig die Gaststube verließ und im hinteren Teil des Hauses verschwand, hatte Robert Mayr das Gefühl, in dem kleinen Raum keine Luft mehr zu bekommen. Er nickte einem Kollegen zu, was bedeuten sollte »passt’s auf den Mader auf«, und trat vor den Gasthof. Er wollte dem Wirt ein bisschen Zeit geben und ging ein kurzes Stück in Richtung See.

Er roch die Wiesen, das Grün und die Kräuter. Der mächtige Tannenwald sah gesund und dunkel aus. Ab und an hörte man das leise rhythmische Anschlagen von Kuhglocken. Der gleichförmige Klang machte ihn schläfrig. Der Himmel war blau, nur ein paar Wolken waren zu sehen. Aber da war noch etwas anderes in der Luft. Robert Mayr spürte eine kaum merkliche Spannung, die langsam die Hänge des Wertacher Hörnle, der Ellegghöhe und des Grünten herunter und dann über den See auf ihn zuzukriechen schien.

Der Kriminalhauptkommissar verscheuchte den Gedanken. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Martina heraufzukommen. Sie hatten schon so lange keinen gemeinsamen Ausflug mehr gemacht. Er vermisste sie. Ihr verschwenderisches Lachen und den herben Duft ihres dunklen Haares. Er hätte sie jetzt gerne vor dieser Kulisse umarmt und festgehalten.

Stattdessen tastete er in seiner Jackentasche nach dem Handy.

»Hallo, Dr.Schüssler, ich möchte mich bei Ihnen bedanken für Ihre dann doch schnelle Hilfe. Ihr Spürsinn hat uns direkt zum Täter geführt. Mal wieder, möchte ich sagen. Ohne Ihre Arbeit hätten wir sicher noch Wochen im Moosbacher Nebel gestochert.«

Im Gehen schilderte er in knappen Worten den bisherigen Verlauf der Ermittlungen.

Nicht weit vom Ufer des Rottachsees entfernt, hielt er auf halber Höhe des abschüssigen Weges an und setzte sich auf eine Bank, die am Rand einer Wiese stand. Er drückte die Lautsprechertaste seines Mobiltelefons und legte das Handy neben sich. So konnte er es sich auf der verwitterten Holzbank gemütlich machen, mit Blick auf das gegenüberliegende Ufer, ohne das Telefon ans Ohr pressen zu müssen.

»Ich bin mir sicher, dass die Indizien ausreichen, um Mader zu überführen. Das Solanin in seinen Schupfnudeln hat nicht nur für Büschgens’ Tod gelangt, es wird auch für Maders Verurteilung reichen.« Robert Mayr war zufrieden. Selten war ein Fall so schnell gelöst wie diesmal. Er freute sich auf Martina.

»Herr Mayr?« Die Stimme des Mediziners klang diesmal nicht ganz so abgeklärt. »Herr Mayr, ich mache mir Sorgen, dass Sie vielleicht doch ein bisserl vorschnell handeln. Aber das liegt weniger an Ihrem Ermittlungseifer.« Schüssler räusperte sich. »Das liegt eher an mir.«

Mayrs Zufriedenheit war mit einem Schlag dahin. »Was meinen Sie damit? Sagen Sie jetzt bloß nicht, Sie haben sich geirrt.«

»Nein, geirrt habe ich mich nicht. Wir haben im Mageninhalt eine Überdosis Solanin gefunden, das stimmt so. Allerdings«, der Gerichtsmediziner räusperte sich erneut, »allerdings macht mich mittlerweile eines stutzig, und zwar die überaus hohe Konzentration des Giftes.«

»Geht das ein bisschen genauer, Herr Doktor? Noch verstehe ich kein Wort, um ehrlich zu sein.« Robert Mayr hatte jetzt keinen Blick mehr für die schroffe Schönheit des Grünten. Angespannt presste er sein Telefon wieder ans Ohr.

»Mich hat die ganze Zeit die Frage beschäftigt: Wie konnte das Solanin in so hoher Dosis verabreicht werden? Ich habe extra noch einmal die einschlägigen Fachleute hinzugezogen, ich kenne da einen Kollegen am Bodensee, wissen Sie.«

Nein, Robert Mayr wusste nicht.

»Gut, ich hätte vielleicht eher darauf kommen müssen. Jedenfalls ist dieser Kollege davon überzeugt, dass Solanin in tödlicher Konzentration nur in einem äußerst schwierigen chemischen Prozess herzustellen ist. Dazu müssen Sie Experte sein und über ein spezielles, umfangreiches und technisch hochgerüstetes Labor verfügen. Geschweige denn, dass man das Zeug irgendwo kaufen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein einfacher Koch brauen kann.«

Robert Mayr richtete sich kerzengerade auf. »Und das bedeutet?« Er wollte es einfach nicht glauben.

»Finden Sie’s heraus, Herr Mayr. Sie sind der Ermittler. Ich kann nur sagen, dass selbst eine geringe, extrem konzentrierte und damit absolut tödliche Dosis Solanin nur sehr schwierig herzustellen ist.«

Scheiße, dachte Mayr, warum kam Schüssler erst jetzt mit dieser Information? »Okay, danke.« Er war verärgert und wollte schon die Verbindung trennen.

»Herr Mayr?«

Was denn noch? »Ja?«

»Da ist noch etwas.«

Nun mach schon, dachte Mayr. »Ich höre!«

»Büschgens muss sehr salzig gegessen haben. Entweder hat der Koch zu tief in den Salztopf gegriffen, oder der Tote hat nicht nur Schupfnudeln gegessen.«

»Und was könnte das sonst gewesen sein?«

»Auf jeden Fall noch irgendetwas aus Kartoffeln. Denn andere Lebensmittel als die schon genannten habe ich nicht in Büschgens’ Magen gefunden.«

Die Schupfnudeln waren sicher nicht versalzen gewesen. Das hätte Büschgens bestimmt gemerkt und sich bei Mader beschwert. »Knödel?«

»Ja, vielleicht, aber unwahrscheinlich. Eher könnten es Pommes frites gewesen sein.«

»Büschgens muss also vorher schon etwas gegessen haben, das aus Kartoffeln hergestellt wurde.«

»Oder nachher.«

»Kann ich die Leiche freigeben? Büschgens’ Freundin hat schon ein paarmal angerufen. Sie möchte endlich die Beerdigung ausrichten.«

»Ich habe nichts dagegen. Alle Proben sind genommen.«

Robert Mayr vernahm ein dunkles, kaum hörbares Grollen. Es kam nicht aus seinem Telefon. Er blickte zum Himmel und sah, dass sich hinter dem Grünten Wolken wie zu einem Angriff ballten. Ein Gewitter braute sich zusammen. Er musste schleunigst zurück. Nicht nur wegen der Tropfen, die bereits vereinzelt fielen.

Auf dem Weg zum Gasthof versuchte Mayr sich darauf zu konzentrieren, was er als Nächstes tun sollte. Mader konnte also doch unschuldig sein. Oder er hatte sich das Zeug über dunkle Kanäle besorgt? Vielleicht sollte er auf dem Großmarkt ermitteln. Oder es gab sogar eine Verbindung zur Mafia. »So ein Unsinn«, meinte Robert Mayr halblaut zu sich selbst, seine Phantasie fuhr gerade Achterbahn. Aber hatte Mader nicht erzählt, dass er sich gerne in Südtirol aufhielt? Angeblich bei einem guten Freund.

X.

»Fürs Erste können Sie bleiben, Herr Mader. Aber nur vorläufig.«

»Also halten Sie mich doch für unschuldig?« Mit den Händen in den Taschen seiner Lederhose stand Martin Mader vor Robert Mayr, der ihn um mehr als einen Kopf überragte. Selbstbewusst wippte der Wirt in seinen Pantoffeln vor und zurück.

»Für diese Erkenntnis ist es noch zu früh.« Robert Mayr blieb gelassen und klang doch hölzern. »Damit Sie mich nicht missverstehen, ich möchte Ihnen gerne glauben. Aber ich habe noch ein paar Fragen.«

Martin Mader zögerte einen Augenblick und deutete dann auf einen Stuhl. Die Geste hatte wenig Einladendes.

Robert Mayr setzte sich. »Haben Sie Kontakt zu Chemikern? Sie oder Ihr Sohn?«

»Warum fragen’S mich das? Meinen Sie, ich verkehre mit Giftpanschern?« Martin Mader hatte sich ebenfalls an den Tisch gesetzt und musterte den Ermittler argwöhnisch.

»Beantworten Sie mir einfach die Frage.«

»Außer dem Chemiker im Lebensmitteluntersuchungsamt kenne ich keinen, nein. Da muss ich Sie enttäuschen.«

»Wir werden das überprüfen.« Mayr drehte sich zu einem seiner Kollegen um, die an der Tür der Gaststube auf das Ergebnis des Gespräches warteten. »Herr Mader kann seine Tasche wieder auspacken. Und ihr könnt Feierabend machen – für heute. Und, Herr Mader«, Mayr drehte sich zum Wirt und lächelte etwas gequält, »könnte ich mein Zimmer vielleicht doch noch behalten?«

Martin Mader stand auf und verließ wortlos den Raum. Robert Mayr nahm das als Zustimmung.

Krachend entlud sich der Himmel über Moosbach.

Unmittelbar nach dem Abendessen ging Mayr auf sein Zimmer. Die Gaststube war ihm mit einem Mal zu stickig erschienen, und er hatte auch keine Lust auf das komprimierte und bierselige Dorfleben im Kreuz.

Wenn Martin Mader nicht der Täter war, wer war es dann? Maders Sohn, der Koch, etwa? Und wie war der dann an das so hoch konzentrierte Gift gekommen? Wer stellte so etwas her? Und wer bot es an? Robert Mayr würde Unterstützung brauchen. Gleich morgen würde er seine MK über die neue Entwicklung informieren.

Krachend schlug irgendwo im Wald am See der Blitz ein. Der Regen klatschte an sein Fenster.

Mayr lag im Dunkeln angezogen auf dem Bett und starrte an die Zimmerdecke. Plötzlich schreckte er hoch. Er musste eingeschlafen sein. Draußen hatte sich das Gewitter inzwischen verzogen.

Sein Handy klingelte. Mit einem Ruck setzte er sich auf.

»Ja?« Mayr fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. Wo war er? Er zwang sich, nicht verschlafen zu klingen. »Nein, Sie haben mich nicht geweckt.« Er lauschte in den Hörer. »Ja, der Rechtsmediziner hat den Leichnam freigegeben. Sie können die Bestattung arrangieren.« Robert Mayr war immer noch nicht ganz wach. »Was unsere Ermittlungen machen? Wir sind auf einem guten Weg. Na ja, es gibt schon die eine oder andere Spur. Es war Mord. Eindeutig. Aber mehr möchte ich dazu nicht sagen. Noch nicht.«

Robert Mayr überlegte, ob er Marie Schneiders nicht doch mehr anvertrauen durfte. Er dachte an Franz Xaver Krumthaler, Maders Mitbieter aus Rettenberg. »Sie müssen das verstehen, auch wenn Sie, ja, auch wenn Sie die einzige quasi Angehörige sind, ich darf nicht über Ermittlungsergebnisse sprechen. Aber so viel kann ich Ihnen sagen, wir sind schon sehr weit.«

Marie Schneiders klang erschöpft und traurig. Sie tat ihm leid.

»Nein, natürlich können Sie herkommen. Keine Frage. Dann können Sie gleich die Formalitäten mit dem Bestatter regeln.« Robert Mayr überlegte. »Vom Bichler-Hof ist ja nun nicht viel geblieben. Wissen Sie schon, was mit dem Besitz passieren soll? Gibt es ein Testament? Sicher gibt es eines. Sind Sie die Erbin?«

Marie Schneiders erklärte ihm, dass sie noch keine Gelegenheit gefunden hatte, in den Unterlagen ihres Freundes nach Papieren zu suchen. Deshalb habe sie auch keine Ahnung, was mit dem Bichler-Hof passieren werde. Möglicherweise würde sie das Ganze verkaufen. Sie habe ihren Lebensmittelpunkt, wie sie es nannte, ja doch eher in Düsseldorf.

Die beiden verabredeten sich für den folgenden Tag.

Als Robert Mayr kurze Zeit später wieder im Bett lag, konnte er lange nicht wieder einschlafen. Vielleicht lag es am Gewitter, das immer wieder, mal über Petersthal, mal weiter weg, aufflackerte. Moosbach war anscheinend kein Ort, an dem ein Kommissar ruhig schlafen konnte.

Gegen drei Uhr morgens rief er Martina an. Aber seine Freundin hob nicht ab. Er sah aus dem Fenster. Der See lag schwarz und dunkel in der Ferne. Als würde er abwarten. Schließlich schlief Mayr doch noch ein.

Im Traum sah er seinen Vater. Er saß in einem Ruderboot auf dem See und winkte ihm zu. Aber Robert traute sich nicht, zu ihm zu schwimmen. Sein Vater war nicht alleine. Eine hübsche junge Frau stand neben ihm im Boot und fuhr ihm lachend durchs Haar. Er konnte nicht erkennen, wer sie war.

XI.

Er wachte erst spät auf und fühlte sich trotzdem so müde, als hätte er die Nacht durchgesoffen. An seinen Traum konnte er sich nicht mehr erinnern. Noch vor dem Frühstück löste er zwei Aspirin-Brausetabletten in einem Zahnputzglas auf und trank das Kopfschmerzmittel mit großen Schlucken. Aber der Druck in seinem Kopf ließ nicht nach. Schwarzer Kaffee würde ihm helfen, hoffte er.

Aber auch nach dem Frühstück ging es ihm nicht viel besser. Er fühlte sich immer noch wie gerädert. Er starrte das karierte Tischtuch an, als könnten die regelmäßigen Linien ihn beruhigen. Etwas irritierte ihn, etwas stimmte nicht. Aber was und warum? Er wusste nur, dass es nicht allein das Dröhnen in seinem Kopf sein konnte. Und er hatte das Gefühl, dass sich die dunklen Augen des Bayernkönigs in seinen Rücken brannten.

Mayr sah auf seine Armbanduhr. Kurz spielte er mit dem Gedanken, noch mal um den See zu wandern. Aber dafür war es zu spät. Außerdem zogen erneut Regenwolken auf. Und schließlich hatte er einen Mord zu klären. Er musste konzentrierter vorgehen.

Sollte er sofort nach Rettenberg fahren? Nein, dieser Krumthaler würde ihm schon nicht abhandenkommen. Aus dem Oberallgäu verschwand man nicht so einfach, ohne Spuren zu hinterlassen.

Stattdessen ging Robert Mayr noch einmal die wenigen Schritte zum Bichler-Hof, besser gesagt, zu dessen verkohlten Resten. Er wollte nachsehen, ob der Trümmerhaufen noch Verwertbares für Marie Schneiders enthielt. Nicht viel, wie er feststellen musste. Die verkohlten Balken ragten wie abgenagte Spareribs aus dem Schutt.

Der Kriminalhauptkommissar kletterte vorsichtig über die Holzreste. Der Himmel hatte sich noch weiter zugezogen. Gleich würde es zu regnen anfangen.

Ein Heimatmuseum. Robert Mayr konnte sich gut vorstellen, dass am Ortsrand, gleich neben dem alten Baum, ein kleiner Parkplatz angelegt worden wäre und ein geschnitztes Holzschild den Weg gewiesen hätte zum »Museum für Oberallgäuer Alltagskultur«. Aber auch exklusive Ferienwohnungen in dem alten Gemäuer hätte sich der Kemptener Ermittler vorstellen können. Mitten im Ort gelegen, auf historischem Boden sozusagen. Das hätte was gehabt. Touristen hätten sich um diese Adresse gerissen.

Robert Mayr fiel ein, dass er noch immer nicht wusste, was dieser Rettenberger mit dem Hof vorgehabt hätte. Mayr, dachte er, Mayr, du wirst alt und nachlässig. Krumthaler gehörte doch immerhin noch zum Kreis der Verdächtigen. Erst recht nach den jüngsten Ermittlungen. Wer weiß, welche Verbindungen er zu Solanin hatte?

Mayr wurde unruhig. Er war ein Ochse! Statt wie ein Urlauber müßig den Tag zu verbummeln, sollte er lieber seinen Mord aufklären! Mayr, hör auf zu träumen, Abmarsch!