Schweineblut - Arnold Küsters - E-Book

Schweineblut E-Book

Arnold Küsters

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Beschreibung

Beim traditionellen »Schweineblut«-Abend einer Schützenbruderschaft wird ein Brauereiangestellter brutal erstochen. Ein schwieriger Fall für die Mönchengladbacher Kriminalhauptkommissare Borsch und Eckers, denn nicht nur der Brauchtumsverein bereitet Probleme, sondern auch die Tatsache, dass der Ermordete Kontakte zur Drogenszene unterhielt. Um die Ermittlungen voranzutreiben, wird die junge Kommissarin Viola Kaumanns in das Drogenkartell eingeschleust, doch die Sache geht schief …

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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Meinen Eltern

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage August 2010

ISBN 978-3-492-95269-1

© Piper Verlag GmbH 2012 Umschlag: semper smile, München Umschlagmotive: plainpicture / Millenium und Franz Pfluegl / Fotolia Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

»Im Laufe des Lebens erfindet man Strategien, sich die Wirklichkeit vom Leib zu halten. Manche Leute gucken Fußball, andere malen oder töpfern. Man erschafft sich seine eigenen dummen kleinen Probleme. Selbst wenn man mit seiner Frau eine wunderbare Beziehung hat, erschafft man sich Schwierigkeiten, die man überwinden zu müssen glaubt. Das beschäftigt einen und lenkt ab von den unlösbaren Problemen der Welt.«

Woody Allen

Sonor surrend schob sich das Seitenfenster in den Rahmen zurück. Sie hatte genug gesehen. Entschlossen drückte sie die Zigarettenkippe in den Aschenbecher. Dann tastete sie mit einer Hand nach dem Messer. Der schmale Stahl auf dem Beifahrersitz war so kalt, dass sie fröstelte. Zufrieden legte sie die Hand zurück auf das Lenkrad. Es würde ganz leicht sein.

»Na, ihr habt doch wohl noch nicht genug, oder?« Hans Didden wedelte auffordernd mit den restlichen Karten.

Die Männer an den blank gescheuerten Tischen unterhielten sich lachend, manche rauchten. Der verwinkelte Schankraum war gut besucht. Es war laut und warm, Zigarrenqualm stand in der Luft. Ein dünner Kellner räumte wortlos leere Biergläser auf ein Tablett. Im Hintergrund klapperte der schwitzende Wirt beim Zapfen mit den Gläsern auf der Tresenplatte.

»Immer noch nur fünfzig Cent die Karte! Ein halber Euro, eine alte Mark, und ihr könnt eure Kühltruhe quasi zum Nulltarif füllen. Eure Frauen werden heute Nacht ausnahmsweise mal nicht mit dem Nudelholz über euch herfallen, denn ihr kommt mit fetter Beute nach Hause. Sie werden euch auf Händen ins Bett tragen. Seid ehrlich, das habt ihr lange nicht erlebt, Männer!«

Statt Karten aus dem Skatblatt zu verkaufen, erntete der Kassierer der St.-Lambertus-Bruderschaft Gelächter und einige Zwischenrufe über die Höhen und Tiefen einer Ehe.

Hans Didden konnte sich die Zurückhaltung nicht erklären. Dabei war der Hauptpreis an diesem Abend äußerst verlockend: Ein Spanferkel wartete im Kühlhaus des Wirtes auf den Gewinner.

Und die Bruderschaft konnte im Moment jeden Cent gebrauchen. Die Einnahmen aus dem Schützenfest hatten kaum die Ausgaben gedeckt. Einzig die Mallorca-Fete war halbwegs erfolgreich gewesen.

Nein, heute Abend war Hans Diddens ganzer Einsatz gefragt, für Glaube, Sitte, Heimat, zum Wohl der Bruderschaft St. Lambertus. Schließlich musste der im kommenden Jahr anstehende Vogelschuss finanziert werden.

»Was ist, Hermi? Hat deine Mia keinen Platz mehr im Kühlhaus? Oder isst du den Panhas und die Leberwurst der Konkurrenz nicht?«

Noch bevor der Metzgermeister auf den Spott antworten konnte, meldete sich Kurt Thofondern, der im hinteren Teil des Gastraumes saß, mit dröhnendem Bass. »Hermi mag den Panhas bestimmt deshalb nicht, weil er weiß, was da alles drin ist. Komm, Hans, gib mir mal drei Karten.« Der Viehhändler warf drei Münzen auf den Tisch. Dann winkte er den Kellner herbei. »Und du, Tünn, bring dem Hans noch ein Bier.«

»Eine weise Entscheidung.« Hans Didden trat zu Thofondern an den Tisch und hielt ihm die Karten hin. »Zieh.«

Der Viehhändler setzte sich in Pose und rückte seine Strickjacke über seinem karierten Wollhemd zurecht.

»Karo-König, Herz-As und Kreuz-Sieben. So sehen Siegerkarten aus.« Thofondern zeigte die gezogenen Karten in die Runde.

Seine Freunde am Tisch nickten beifällig.

»Die Panhas-Pakete sind mein. Hm, Panhas mit Schwarzbrot und Rübenkraut: Es gibt nichts Leckereres auf dieser Erde.«

»Doch, deine Tochter.«

Thofonderns selbstgefällige Miene versteinerte. »Lass gefälligst meine Tochter aus dem Spiel, Frank.«

Der untersetzte Schaufensterdekorateur hob entschuldigend die Hände. »War nur ein Scherz, Kurt.«

Es wurde schlagartig still im Schankraum von »Haus Berten«.

Thofondern nickte dem Wirt gönnerhaft zu. »Eine Runde für alle.«

Hans Didden atmete auf. Das hätte noch gefehlt, ein Streit an diesem Abend. Dann hätten sie die Verlosung sofort abbrechen können. Was war nur in den Dekorateur gefahren? Jeder wusste, dass Kurt Thofondern äußerst sensibel reagierte, wenn es um seine Tochter ging. Seit er Witwer war, klammerte er sich richtig an seine Barbara.

»Was ist nun?« Didden wollte die Gunst der Stunde nutzen und auch die restlichen acht Karten an den Mann bringen.

Frank Gierth zog seine Geldbörse. »Komm her, Didden. Ich nehm den Rest.«

»Macht genau vier Euro, Frank. Dem edlen Unterstützer unserer Bruderschaft sei gedankt. Viel Glück!«

Hans Didden brauchte jetzt wirklich eine Auszeit. Er war für die Finanzen zuständig, penibel und ehrlich, aber er war kein Marktschreier. Der Kassierer wollte sich gerade ein frisches Pils vom Tablett nehmen, als krachend die Tür aufflog, hinter der der Flur zu den Toiletten, zur Kegelbahn und zum Hof von »Haus Berten« abging.

»Da draußen. Da draußen.« Mehr brachte Wilfried Tüffers in seiner Aufregung nicht hervor. Der Steuerprüfer deutete mit ausgestrecktem Arm in die Richtung, aus der er gekommen war. Tüffers war weiß im Gesicht, und das hatte nicht das Geringste mit einer Betriebsprüfung zu tun.

Die Gäste im »Haus Berten« sahen Wilfried Tüffers neugierig an. Den meisten waren Steuerprüfer suspekt. Menschen, die mit Formularen, Verordnungen und unverständlichen Gesetzestexten in langweiligen, mit Akten überladenen Finanzämtern und im ständigen Kampf mit säumigen Zahlern lebten, mussten entweder verrückt oder auf geheimnisvolle Weise allwissend sein. Wilfried Tüffers hatte sich heute Abend offenbar für verrückt entschieden.

»Keine Chance. Scheißregen.« Ecki suchte mit den Augen den düsteren Parkplatz ab.

»Reifenspuren kannste hier wirklich vergessen.« Frank hatte sich neben seinen Freund und Kollegen gestellt. »Nichts als Matsch.«

»Und jetzt?«

»Das ganze Programm.« Kriminalhauptkommissar Frank Borsch trat einen Schritt zurück unter das Vordach des flachen Anbaus. Dabei stieß er mit den Fersen gegen einen Stapel Bierkästen. Die leeren Weizenbierflaschen schepperten. »Mir ist saukalt.«

»Schlechte Laune?« Ecki blies in seine Hände, die er zu einem Hohlraum geformt hatte.

Statt zu antworten, schlug Frank den Kragen seiner Jeansjacke hoch. Der Leiter der Mönchengladbacher Mordkommission sprang drei Schritte um Pfützen herum zu dem kleinen weißen Pavillon, den die Spurensicherung über dem Tatort errichtet hatte.

Der Mann war tot. Offensichtlich war er erstochen worden. Sein niederrheinisches Blut hatte sich auf dem weißen Hemd mit dem niederrheinischen Regen gemischt.

»Ich gehe davon aus, dass die Bauchschlagader glatt durchtrennt wurde.«

Frank hatte keine Lust auf ein Gespräch mit dem Gerichtsmediziner, der bei der Mönchengladbacher Polizei als Mad Doc bekannt war und in seinem weißen Einmaloverall nicht nur heute wie ein Wesen von einem anderen Stern wirkte.

»Hatte eigentlich Konzertkarten.«

Es dauerte einen Augenblick, bis Frank die Bedeutung der Worte begriffen hatte: Mad Doc hatte doch tatsächlich ein persönliches Wort an ihn gerichtet!

»Konzertkarten?« Frank wollte nicht unhöflich sein.

»Grefrath, Eissporthalle. Schürzenjäger.« Leenders sah den Leiter der Mordkommission herausfordernd an. »Die Band hat eine unglaubliche Art, Musik zu machen. Echtes Gänsehaut-Feeling.«

Frank wusste nicht, was er schlimmer finden sollte: an Leichen rumzuschnippeln oder die schnulzige Stimme von Peter Steinlechner zu mögen.

»Schade nur, dass sich die Band auflöst. Von mir aus hätten die Rolling Stones schon längst Schluss machen können. Echt. Aber die Schürzenjäger?«

»Kümmer dich besser um die Leiche als um die Stones.« Frank wollte das Gespräch wieder auf den eigentlichen Anlass ihres Zusammentreffens zurückbringen. »Was könnte das für ein Messer sein?«

»Hm. Sieht aus wie eines der Modelle, die heute bei jedem Kochduell im Einsatz sind. Es könnte aus der Kneipe hier stammen oder aus einer Metzgerei. Das müssen die Kollegen von der Spusi klären.«

»Michael Voogt, 33, ledig. Sagt der Wirt. Arbeitete in einer Brauerei. In Neersbroich. Bolten.« Mehr gaben Eckis Notizen noch nicht her.

»Was hat er hier gemacht?« Frank deutete in Richtung Gaststätte.

»Er ist hier im Dorf geboren. Seine Papiere stecken in seiner Regenjacke, die drinnen an der Garderobe hängt.«

»Sonst schon was gefunden?«

Ecki schüttelte den Kopf. »Wie du siehst, die Kollegen sind noch auf dem Parkplatz unterwegs.«

Frank beobachtete nachdenklich die Mitarbeiter der Spurensicherung, die Schritt für Schritt und mit gesenkten Köpfen das Gelände absuchten.

Die Männer blickten auf, als sie den Schankraum betraten. Frank sah auf einigen Tischen Spielkarten liegen. Der Wirt stand mit aufgestützten Armen hinter seinem Tresen.

»Sie kannten den Mann also«, Ecki sprach ihn an.

Walter Mertens richtete sich auf und griff nach einem Handtuch, das auf dem Tresen lag. »Ja. Michael Voogt ist hier groß geworden. Ich kenne ihn, seit er klein war. Jeder hier im Dorf kannte ihn.«

Einige Gäste nickten zustimmend.

»Hatte er Feinde? Oder in der letzten Zeit mit jemand Streit?« Ecki schlug sein kleines Notizbuch auf.

»Nein, Michael hatte keine Feinde. Nicht bei uns im Dorf.« Mertens schüttelte den Kopf.

»Hat jemand von Ihnen den Raum zwischendurch verlassen? Oder ist jemand nicht mehr da, der vor einer Stunde noch mit Ihnen am Tisch gesessen hat?« Frank sah beim Sprechen von einem Tisch zum anderen.

Niemand antwortete.

»Hören Sie, Herr Kommissar«, meldete sich Walter Mertens in Franks Rücken, »Sie glauben doch nicht, dass einer von uns was mit dem Mord zu tun hat?«

»Noch glaube ich gar nichts. Kann ich ein Bier haben?«

»Natürlich.« Geschäftig hielt Mertens ein Glas unter den Zapfhahn.

»Fehlt ein Messer in Ihrer Küche?«

»Sie meinen das Messer, mit dem Michael …?« Der Wirt drehte den Kopf Richtung Küchentür. »Yüksel, zähl mal die Messer, ob eins fehlt!«

»Haben Sie etwas Auffälliges beobachtet? War Herr Voogt nervös? Ist er vielleicht öfter zur Tür hinaus?«

»Nee, ist mir nicht aufgefallen. Er hat da hinten gesessen. In der Ecke. Am Tisch von Kurt. Kurt Thofondern.«

Der Viehhändler hob erstaunt die Augenbrauen, als Frank an den Tisch trat.

»Darf ich mich setzen?«

»Bitte.« Außer Thofondern saßen zwei weitere Männer an dem Tisch. Sie rückten respektvoll ein wenig von Frank ab.

»Mein Name ist Borsch, Frank Borsch. An der Theke, das ist mein Kollege Michael Eckers. Sie kannten den Toten?«

Thofondern zog an seiner Jacke. »Natürlich.«

»Ist Ihnen etwas aufgefallen, heute Abend?«

Der Viehhändler lehnte sich zurück. »Nein. Michael war wie immer. Er hat seine Späße gemacht.« Thofondern sah seine Tischnachbarn an. Die beiden nickten.

»Schlimme Sache.« Der Viehhändler griff in seine Hemdtasche und zog eine Zigarre hervor. Er biss eine Spitze der Zigarre ab, spuckte das Tabakstückchen achtlos auf den Boden und hielt dann sein Feuerzeug an das andere Ende. Zufrieden sah er zu, wie das Deckblatt unter leichtem Drehen langsam Feuer fing. Schließlich blies er die Flamme aus und steckte sich die Zigarre umständlich zwischen die Lippen.

»Ich habe bisher immer gedacht, die Polizei in Viersen ist für uns hier auf dem Land zuständig.«

»Ja. Aber bei Kapitaldelikten sind wir zuständig.«

»Sososo. Die Mordkommission kommt also aus Gladbach. Interessant. Man lernt doch immer wieder etwas Neues.«

Seine Körpersprache ließ keinen Zweifel daran, dass er im Dorf ein wichtiger Mann war.

»Was haben Sie heute Abend hier gespielt?« Frank deutete auf die Spielkarten, die vor Thofondern lagen.

»Schweineblut.«

»Bitte?« Frank meinte, sich verhört zu haben.

»Schweineblut. Sie sind nicht von hier, nicht wahr?«

»Ich bin nicht allzu weit von hier geboren. In Breyell.«

»Breyell? Aha. Dann müssten Sie ›Schweineblut‹ doch eigentlich kennen.«

»Natürlich weiß ich, was Schweineblut ist. Ich war im Augenblick nur nicht darauf vorbereitet.«

»Haben Sie das Plakat nicht gesehen? ›Heute Schweineblut‹. Wir haben Anfang November, Herr Kommissar.«

Thofonderns schulmeisterliche Art ging Frank langsam auf die Nerven.

Walter Mertens trat zu ihnen an den Tisch und stellte ein Pils vor Frank. »Meine Köchin hat nachgezählt. Es fehlt kein Messer. Hätte mich auch gewundert.«

»Können wir weitermachen?«

Frank drehte sich um.

»Ich meine, mit unserem Schweineblut. Wir haben noch längst nicht alle Hasen und Fasane ausgespielt. Und das Spanferkel muss auch noch weg.« Hans Didden machte ein besorgtes Gesicht.

»Ich fürchte, wir müssen Ihre Verlosung unterbrechen, bis wir mit unserer Arbeit fertig sind.« Der letzte Satz löste bei den Anwesenden ein Murren aus.

Frank erhob seine Stimme. »Meine Herren, bitte. Es geht immerhin um Mord und nicht um einen harmlosen Unfall.«

Frank stand auf und stellte sich zu Ecki an die Theke.

Ecki räusperte sich und sprach dann laut in den Raum hinein. »Also, um ganz ehrlich zu sein, Sie alle machen auf mich nicht den Eindruck, als ob Ihnen der Tod Ihres Schützenbruders Michael Voogt sonderlich naheginge.«

Bevor Ecki weitersprechen konnte, übertönte Kurt Thofondern die aufgeregten Stimmen.

»Was wollen Sie uns denn da unterstellen? Michael war ein guter Kamerad und ein zuverlässiger Freund. Wir stehen alle unter Schock.« Thofondern stand auf. »Ich möchte euch bitten, liebe Kameraden, erhebt euch von euren Plätzen und lasst uns einen Augenblick seiner gedenken, wie wir auch aller verstorbenen Mitglieder unserer geliebten St.-Lambertus-Bruderschaft gedenken.«

Nur das Scharren der Stühle und Füße war zu hören.

Mitten in die andächtige Stille hinein öffnete sich quietschend die Tür zum Flur.

»Was …?« Irritiert hielt Klaus Peters von der Spurensicherung Frank und Ecki einen kleinen durchsichtigen Plastikbeutel entgegen. Darin schimmerte grün und silbern ein ovales Abzeichen.

»Wo habt ihr das gefunden?« Frank nahm den Beutel neugierig in der Hand.

»Lag nicht weit von dem Toten im Matsch. ›Historische Deutsche Schützenbruderschaft‹. Siehst du den silbernen Lorbeerkranz und die 25? Außerdem haben wir in Voogts Hemdtasche eine Spielkarte gefunden. Ein Herz-As.«

Frank zuckte mit den Schultern und reichte den Beutel an Ecki weiter. »Die Spielkarte ist leicht zu erklären. Schweineblut.«

Klaus Peters zog eine Augenbraue hoch.

»Ist ganz einfach, Peters, jeder kann eine oder mehrere Spielkarten ›kaufen‹. Bis das ganze Kartenspiel weg ist. Dann werden aus einem anderen Spiel Karten gezogen. Stimmen sie mit deinen überein, hast du gewonnen: eine Blutwurst, ein Karnickel oder sogar ein Schwein.«

»Steht ein Name drauf. Hinten.« Peters deutete auf den Beutel.

Ecki drehte den Beutel um. »Raimund Kamphausen.« Er hielt den Beutel hoch. »Kennt jemand von Ihnen Raimund Kamphausen?«

Die Mitglieder der St.-Lambertus-Bruderschaft Bracht sahen stumm zu Boden.

Frank warf Ecki über den Schreibtisch hinweg den Plastikbeutel mit dem Abzeichen zu. Die Untersuchung in der KTU hatte wenig gebracht. Der Regen hatte mögliche Faseranhaftungen abgewaschen, auch Fingerabdrücke gab es keine. Lediglich der eingeprägte Name und die Abbildung des von vier Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian boten einen ersten Ermittlungansatz.

»Lass uns zu Voogts Arbeitsstelle fahren. Vielleicht wissen seine Kollegen etwas.«

»Ist doch merkwürdig, just an dem Abend, an dem Voogt erstochen wird, taucht dieser Kamphausen nicht bei seiner Bruderschaft auf. Angeblich ist er krank. Und dann macht niemand auf, wenn wir an seiner Wohnungstür klingeln.«

»Du meinst, Kamphausen könnte auf dem Parkplatz auf sein Opfer gewartet haben? Es kommt zum Kampf, und dabei verliert er sein Abzeichen? Nee. Warum sollte er ausgerechnet an diesem Abend seine Medaille tragen? Ich habe in der Kneipe niemanden mit so einem oder einem anderen Abzeichen gesehen. Das wurde absichtlich dort abgelegt. Ich weiß von meinem Vater, dass man die meisten Orden und Ehrenzeichen nur zur Uniform trägt.«

Auf dem Weg zu ihrem Dienstwagen begegneten sie Ingo Thiel und Bean Paulert von der MK Bruderschaft. Nach einem kurzen Abgleich der neuesten Informationen und der Verabredung zu einer ausgiebigen Besprechung mit der gesamten Mordkommission für den späten Nachmittag verabschiedeten sich Frank und Ecki.

»Was hat Ingo noch mal gesagt, wo arbeitet Kamphausen?«

»In einem Landhandel, in Niederkrüchten. Dort kaufen die Bauern ein: Saatgut, Maschinen, Dünger, Mistgabeln.«

»Und weiter?« Frank bog von der Umgehungsstraße ab.

»Nix weiter.«

»Wenn ich das richtig verstehe: Kamphausen ist in Breyell geboren, lebt in Bracht und arbeitet in Niederkrüchten?«

»So ist es. Ist bis jetzt ziemlich herumgekommen in der Welt, der Mann, was?«

Aus der Entfernung sah die Brauerei wie eine Mischung aus altem Großbauernhof und Burg aus.

Frank parkte gegenüber dem großen Eingangstor auf dem geteerten Platz, der bis auf wenige Fahrzeuge leer war.

»Da lang.« Ecki zeigte auf die breite Glasfront.

Hinter den betagten Fenstern waren zwei offene Büros zu erkennen, in denen das geordnete Chaos eines prosperierenden Unternehmens herrschte. Auf den breiten Schreibtischen stapelten sich Papiere, die Ablagekästen quollen über, dazwischen lagen und standen Musterstücke von Wasserflaschen, Bierseideln und Bierdeckeln.

»Wir hätten gerne Ihren Chef gesprochen.« Frank stellte Ecki und sich vor und zeigte seinen Dienstausweis. Abrupt erstarb jede Aktivität. Einer der Angestellten führte sie durch einen kurzen dunklen Flur in den rückwärtigen Bereich.

»Ich habe Sie schon erwartet. Bitte, nehmen Sie doch Platz, meine Herren. Eine schreckliche Geschichte. Was kann ich für Sie tun? Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten? Wasser, Limo, Cola? Oder lieber ein Bier?«

»Danke. Kaffee wäre nicht schlecht.« Ecki und Frank setzten sich.

Ulrich Böhling griff zum Telefon und orderte drei Tassen Kaffee.

»Sie müssen entschuldigen«, der Unternehmer beschrieb mit einer Hand einen Halbkreis, »ich habe die Brauerei erst vor relativ kurzer Zeit übernommen und bin noch nicht dazu gekommen, ein ordentliches Büro zu beziehen.«

Frank sah sich um. Die klobigen Eichenmöbel, die Bilder und die Seidel entsprachen eher dem Ambiente eines alten Jagdhauses.

»Ist doch ganz nett.« Ecki fand, die Einrichtung passte auch heute noch zu einer Altbierbrauerei.

»In meinen Augen ist das eher eine düstere Gruft als ein Ort kreativer Arbeit.« Böhling sah Ecki ernst an. »Aber bitte, ich möchte mehr erfahren über den Tod von Michael Voogt.«

»War er schon lange bei Ihnen?« Ecki hatte sein Notizbuch gezückt und nickte der Sekretärin, die den Kaffee brachte, freundlich zu.

»Ja. Ich habe ihn sozusagen vom Vorbesitzer übernommen.«

»War er am Freitag im Büro?«, fragte Frank und rührte in seinem Kaffee.

»Natürlich, wie üblich. Warum fragen Sie das?«

Die beiden Ermittler schilderten kurz die Vorfälle in Bracht und erwähnten dabei auch das Abzeichen des Schützenverbandes.

Böhling hörte mit leicht zur Seite geneigtem Kopf aufmerksam zu.

»Und nun wollen Sie von mir sicher wissen, ob dieser Herr Kamphausen etwas mit dieser schrecklichen Tat zu tun haben könnte? Aber ich muss Sie enttäuschen, ich kenne den Mann gar nicht. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass Herr Voogt den Namen je erwähnt hat.«

»Sind Sie sicher?«

Ulrich Böhling nickte. »Ja, schon. Andererseits, Kamphausen ist ein Allerweltsname. Möglich, dass Kamphausen und Voogt befreundet waren. Aber ich kenne das Privatleben meiner Mitarbeiter nicht.«

Frank trank einen Schluck Kaffee. »Was war denn Michael Voogts Aufgabe?«

»Voogt war zuständig für den Einkauf unserer Rohstoffe, in der Hauptsache Hopfen und Sommergerste. Ein echter Profi, was die Verhandlungen mit den Bauern betrifft, und ein absoluter Fachmann, was die Qualität der Rohstoffe anbelangt. Voogt war neben dem Einkauf auch für die Qualitätssicherung zuständig. Das hat in unserem Gewerbe oberste Priorität. Nirgendwo sonst gibt es solch strenge Qualitätsanforderungen wie beim Bier.« Böhling griff in einen Stapel von Unterlagen, die auf dem Tisch lagen, und zog mehrere Blätter hervor. »Das sind die Analyseergebnisse der letzten Lieferungen.«

Frank nahm die Zettel in die Hand und überflog die Tabellen. Allerdings konnte er mit den chemischen Bezeichnungen und langen Zahlenkolonnen wenig anfangen.

»Und Voogt hat immer den günstigsten Preis ausgehandelt?«

»Er hatte beste Kontakte zu unseren Lieferanten. Weitgehend sind das Landwirte aus der Umgebung. Die meisten kannte er schon lange. Wissen Sie, neben seiner Schlitzohrigkeit war Voogt auch für seine Zuverlässigkeit bekannt. Das hat ihm bei den Bauern viel Vertrauen eingebracht. So werden Preise gemacht. Und vor allem langfristige Lieferverträge. Wir müssen jeden Tag aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten, damit uns die Lieferanten nicht von der Fahne gehen. Dieser subventionierte Biodieselraps ist ein echtes Problem. Der blockiert immer mehr Flächen, die wir für die Gerste dringend brauchen.«

Ecki nickte. »Hatte Herr Voogt trotzdem möglicherweise Feinde? Hat sich jemand von ihm betrogen gefühlt? Oder hat es hier in der Firma Streit gegeben?«

Der Brauereidirektor faltete seine Hände und legte sie auf die Tischplatte. »Das kann ich für beide Bereiche verneinen. Michael Voogt war beliebt, bei seinen Kolleginnen und Kollegen und bei unseren Partnern. Ich habe einen meiner besten Mitarbeiter verloren.«

»Wir müssen trotzdem mit seinen Kollegen sprechen.«

»Natürlich. Soll ich sie holen lassen?«

Frank stand auf. »Bemühen Sie sich nicht.«

Ihre Nachfragen blieben ohne Ergebnis. Michael Voogt war ein beliebter Kollege gewesen, und alle waren sichtlich schockiert über seinen gewaltsamen Tod.

Auf dem Parkplatz blieb Ecki kurz stehen und hob schnuppernd die Nase. »Riecht nach frischem Bier. Hm. Ein Stück die Straße hinunter ist Huppertz. Lass uns anhalten und ein paar Teilchen kaufen.«

»Überleg lieber, was wir mit den Aussagen anfangen. Zumindest scheint es so, dass es bei Bolten noch so etwas wie eine heile Arbeitswelt gibt. Allein das sollte uns nachdenklich stimmen.«

»Was du gleich denkst. War immerhin jahrhundertelang ein Familienunternehmen. Lass uns lieber Teilchen kaufen und Kamphausen suchen.«

»In dieser Reihenfolge?« Frank wusste, dass Ecki ohne seine geliebten Hefeteilchen zu keinem klaren Gedanken fähig sein würde.

»In dieser Reihenfolge«, nickte Ecki beim Einsteigen und drückte den Startknopf des CD-Players, den sie, zumindest aus Sicht der Verwaltung, illegal in ihren Dienstwagen eingebaut hatten. Aus den Boxen plärrte laut Rock’n’Roll muass sei.

»Oh, Gott, was ist das denn?« Frank verdrehte die Augen.

»Die Klostertaler.« Ecki bewegte seinen Kopf im Takt.

»Das ist ja grausam. Mach aus. Hast du nichts anderes dabei?«

»Doch. Einen Stern, der deinen Namen trägt, hoch am Himmelszelt, den schenk ich dir heut Nacht. DJ Ötzi.«

Frank warf einen flehenden Blick gegen den Autohimmel.

Aber Ecki forderte während der gesamten Fahrt gnadenlos sein Recht auf Volksmusik ein.

Das Büro des Landhandels war nur über eine steinerne Treppe zu erreichen, die auf eine breite Laderampe führte. Auf der überdachten Fläche standen ein offener Sack mit Futtermöhren und eine Palette mit abgepacktem Rindenmulch. Zu sehen war niemand. Eine staubige Tür mit der Aufschrift Büro war abgeschlossen.

»Keiner da.« Ecki rüttelte an der ausgeleierten Klinke.

»Hallo?« Frank war an der Bürotür vorbei in den scheunenartigen Raum getreten. Durch die offenen Holz- und Metallregale, in denen in Schütten und auf Brettern Saatgut, Dünger, Schaufeln, Motorsägen und Spaltäxte lagerten, zog ein kalter Wind.

»Hallo?«

»Was kann ich für Sie tun?«

Aus einem dunklen Zwischengang tauchte wie aus dem Nichts ein untersetzter Mann auf, dessen fülliger Körper in einem viel zu engen, ausgewaschenen Arbeitsoverall steckte. Sein rundes Gesicht wurde von einer alten Wollmütze gekrönt. Der Mann rieb sich mit einem öligen Lappen über seine dicken Finger.

»Ich habe Sie nicht gehört. Ich bin draußen mit einer Ballenpresse beschäftigt. Die Mechanik, wissen Sie.«

»Raimund Kamphausen?« Ecki sah sein Gegenüber prüfend an.

»Nein, Raimund, ich meine, Herr Kamphausen, ist nicht hier.« Der Mann trat einen Schritt zurück und sah die beiden argwöhnisch an. »Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«

»Mein Name ist Borsch, Frank Borsch. Kriminalpolizei Mönchengladbach. Und das ist mein Kollege Eckers.« Frank hielt ihm seine Ausweiskarte entgegen. »Wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«

»Peter Fischermanns. Ich bin alleine hier. Um diese Jahreszeit ist nicht viel los.«

»Sind Sie der Mechaniker?« Frank deutete vage in die Runde.

»Ich bin Mädchen für alles, wenn Sie so wollen.«

»Können Sie uns sagen, wo wir Herrn Kamphausen finden?«

»Der ist zu Hause, nehme ich an. Raimund hat sich krank gemeldet. Er ist schon die ganze letzte Woche nicht hier gewesen. Ich meine, ich habe seither nichts von ihm gehört.«

»Ist das üblich?«

»Wie meinen Sie das?«

»Hören Sie, können wir vielleicht in Ihr Büro gehen?«

»Meinetwegen. Kommen Sie.« Fischermanns ging voraus, ohne auf die Beamten zu warten.

Im Büro standen auf viel zu dünnen Regalböden prall gefüllte Aktenordner. Aus Ablagen quollen verschiedenfarbige Zettel, neben eselsohrigen Notizblöcken lag eine Sammlung Kugelschreiber. Auf einem einst weißen Aktenschrank stand eine fleckige Kaffeemaschine, und zu allem Überfluss war die Heizung voll aufgedreht.

»Sie müssen die Unordnung entschuldigen. Aber Raimund fehlt an allen Ecken und Enden. Möchten Sie einen Kaffee?«

Die beiden Ermittler lehnten dankend ab.

»Wir wollen es kurz machen. Wir haben Herrn Kamphausen bisher nicht erreichen können.« Frank begann zu schwitzen.

»Ist es wegen dieser Sache? Sind Sie deshalb hier?«

»Welche Sache?« Frank und Ecki wechselten einen Blick.

Fischermanns zog den Lappen wieder hervor und begann erneut seine Hände abzuwischen. »Also, Herr Kamphausen soll Gelder der Genossenschaft veruntreut haben. Aber bisher hat die Polizei nichts finden können. Ich glaube ja auch nicht, dass da was dran ist.«

»Was hat er denn so abgerechnet, der Herr Kamphausen?« Ecki fuhr sich mit einem Finger zwischen Hals und Hemdkragen.

»Ich bin ja nur für das Zusammenstellen und das Ausliefern der Waren zuständig. Raimund hat den Einkauf gemacht.«

Frank knöpfte seine Jacke auf. »Wie sind die Kollegen auf Herrn Kamphausen aufmerksam geworden?«

Fischermanns rieb heftiger über seine Finger. »Anonym. Raimund ist angezeigt worden. Aber Sie sind nicht vom Betrugsdezernat, oder?«

»Ist Herr Kamphausen Mitglied der St.-Lambertus-Bruderschaft in Bracht?« Auf Franks Rücken bildete sich ein feines Rinnsal aus Schweiß.

»Einen verrückteren Schützen gibt es am ganzen Niederrhein nicht. Die Bruderschaft ist sein Ein und Alles.«

»Er hat also alle Termine der Bruderschaft wahrgenommen?«

»Die Bruderschaft ist so was wie seine Familie.«

»Dann war er am Wochenende auch beim Schweineblut?«

»Wenn er krank war, vermutlich nicht. Hat er was mit der Sache in Bracht zu tun?«

Die Ermittler ignorierten die Frage, und der Mechaniker fuhr sich mit dem Lappen über die Stirn, der dort einen dunklen Streifen hinterließ.

»Wollen Sie uns vielleicht noch etwas sagen?« Frank hatte das Gefühl, langsam zu ersticken.

Peter Fischermanns schüttelte nur langsam den Kopf.

»Ich versteh’s nicht.« Ecki biss in eine Nussschleife. Der Rest seiner Worte ging im Kauen unter.

»Was verstehst du nicht?« Frank sah seinem Freund interessiert zu. Es war schon erstaunlich, welche Mengen frischer Hefeteilchen dieser Mann verdrücken konnte, ohne zuzunehmen. Neben der Vorliebe für klebrige WDR-4-Musik hatte Ecki eine Schwäche für Gebäck, die durch nichts zu toppen war.

»Hör mal auf zu kauen, und was verstehst du nicht?«

»Also«, Ecki legte die Nussschleife beiseite und leckte genüßlich jeden Finger einzeln ab, »dieser Kamphausen verschwindet doch nicht so einfach spurlos. Wir sollten Wirtz bitten, eine Suchmeldung abzusetzen.«

»Habe ich schon erledigt, während du beim Bäcker warst.«

»Prima. Wann ist Schmitz wieder im Dienst? Ich möchte zu gerne wissen, was er in Sachen Landhandel in Erfahrung gebracht hat.«

»Seit heute. Und er weiß, dass er sich bei uns melden soll. Ich habe schon überlegt, ob es eine Verbindung geben könnte zwischen der anonymen Anzeige und Voogts Tod. Mal rein hypothetisch: Voogt hat von illegalen Geschäften Kamphausens gewusst, ihn erpresst und musste deshalb sterben?«

»Möglich.« Ecki griff nach dem Rest des Teilchens.

»Vielleicht hat einer der Schützen irgendwas mitbekommen.«

»Ich besorge mir die Liste von den Vereinsmeiern. Die kann Bean abarbeiten. Oder sollen wir Viola auf die Herren ansetzen?« Ecki grinste bei dem Gedanken, dass Kommissarin Kaumanns die St.-Lambertus-Bruderschaft aufmischen könnte.

»Lass das lieber Bean machen. Der kommt mit den älteren Herren sicher besser klar.« Frank rutschte auf seinem Drehstuhl unruhig hin und her.

»Is was?«

»Nee.«

Frank wusste, Kurt »Bean« Paulert würde sie nicht enttäuschen. Der Mittvierziger war ein erfolgreicher Drogenfahnder, ließ aber keine Gelegenheit aus, bei der Mordkommission auszuhelfen.

»Du hast doch was?«

»Hab ich nicht.«

»Was wackelst du denn so auf deinem Stuhl hin und her? Willst du ein Teilchen?«

Frank nickte stumm.

»Dann nimm. Ist noch eine Nussecke drin.«

Dankbar griff Frank zu. Er hatte den Tag über noch nichts Richtiges gegessen. Viola! Er hatte seine Kollegin schon einige Zeit nicht mehr gesehen. Sie saß derzeit meist in langen Sitzungen, in denen es um eine engere Verzahnung der Mönchengladbacher Polizei mit der Nachbarbehörde im Kreis Neuss ging.

Frank musste an ihr unbekümmertes Lachen denken. Mit ihrer häufig wechselnden Haarfarbe und ihren oft ungewöhnlichen T-Shirts erfüllte Viola so gar nicht das Klischee einer pflichtbewussten Hüterin von Recht und Ordnung.

Mit Getöse flog die Bürotür auf.

»Hallo, Jungs. Pause?«

Heinz-Jürgen Schrievers: das Fleisch gewordene Gedächtnis der Gladbacher Polizei. 120 Kilogramm geballte Archiv-Erfahrung. Wie ein Fels in der aufgewühlten See des Polizeialltags stand Schrievers auf seinen stämmigen Beinen im Raum. Wären da nicht die Filzpantoffeln an seinen Füßen, man hätte richtig Ehrfurcht vor diesem Koloss in Strickjacke haben müssen. Braunkarierte Filzpantoffeln im Dienst! Das konnte sich bei der Mönchengladbacher Polizei nur Heinz-Jürgen »Heini« Schrievers erlauben.

»Mensch, Heini, äh, Heinz-Jürgen, musst du mich so erschrecken?«, beschwerte sich Frank hustend. Er hatte sich an Krümeln seiner Nussecke verschluckt.

Schrievers grinste. »Das ›Heini‹ habe ich jetzt überhört. Dafür habe ich läuten hören, dass ihr im Umfeld des Sommerbrauchtums ermittelt?«

Frank hustete immer noch und nickte.

»Oh, oh, das wird nicht einfach für euch.« Schrievers schielte auf die Gebäcktüte. »Bruderschaft: Der Name sagt doch schon alles. Glaube, Sitte, Heimat. Das ist eine Art Geheimbund. Vor allem auf dem Dorf.« Schrievers räusperte sich und ließ die Tüte nicht aus den Augen.

»Sorry, nix mehr drin.« Ecki nahm die Tüte und zerknüllte sie raschelnd.

Enttäuscht streckte Schrievers seinen massigen Körper. »Jedenfalls wünsche ich euch noch alles Gute für eure Ermittlungen.«

»Kennst du rein zufällig jemanden in Bracht?«

Bracht. Das war das Stichwort für den Archivar. Bereitwillig zog er einen Stuhl zu sich. Frank hielt den Atem an, denn für geschätzte zweieinhalb Zentner Lebendgewicht waren die meisten Bürostühle nicht gemacht. Das Sitzmöbel knirschte dann auch ein wenig, als Schrievers seine ganze Last auf der Sitzfläche verteilte.

»Ich habe einen Cousin mütterlicherseits, Elektriker, der ist nach Bracht gezogen. Den kann ich mal fragen.«

»Ist der zufällig in der St.-Lambertus-Bruderschaft?«

»Soweit ich weiß, nicht. Und wenn es in Bracht so ist wie in Amern, dann wird es sowieso schwer für euch.«

Frank stöhnte innerlich, Ecki hatte nicht aufgepasst!

»Ich bin ja schon seit meiner Jugend in der Bruderschaft! Wie sich das im Dorf so gehört. Und bei aller Bescheidenheit, liebe Kollegen, vor zehn Jahren, nee, es ist schon zwölf her, war ich sogar Minister. Das war eine wirklich schöne Zeit für mich und Gertrud. Wir haben sehr viel Spaß gehabt. Alle haben mit angepackt. Die Leute reden noch heute davon, was wir alles auf die Beine gestellt haben. Das Zelt war jeden Abend brechend voll. Wir hatten aber auch echte Granaten verpflichtet für den Krönungsball und den Weinball. Eddi’s Moonlight-Dancers. Und Lovely Mendy mit ihrem Sextett. Echt klasse. Und Fips Asmussen! Das muss man uns erstmal nachmachen!« Heinz-Jürgen Schrievers’ Wangen glühten. »So schön war es seither nicht mehr. Das sagen alle. Ich habe gerade vorgestern noch mit Gertrud bei einem leckeren Weinchen die Fotos rausgekramt. Wirklich schön, Gertrud in diesem unglaublich vornehmen Festkleid, zusammen mit den anderen Frauen. Und dann der Klompenball! Die Frauen aus unserem Zug haben natürlich den ersten Preis gemacht. Wenn ihr wollt, bringe ich die Fotos mal mit. Oder, noch besser, wir essen was zusammen und gucken uns nachher die Fotos und den Film an, den wir damals gedreht haben!«

Genau das hatte Frank vermeiden wollen. »Können wir ja mal machen.« Er hoffte inständig, dass auch Ecki vage bleiben würde.

»Echt gute Idee, hei …, äh, Heinz-Jürgen. Wir kommen gerne. Nicht wahr, Frank?«

Frank nickte gequält.

»Gut. Gertrud kocht uns was Leckeres, und dann machen wir es uns im Wohnzimmer gemütlich.«

Frank startete einen letzten Versuch. »Macht bloß keine Umstände wegen uns.«

»Quatsch. Gertrud freut sich garantiert. Und das Raussuchen der Fotos macht wirklich keine Mühe. Sind doch bloß acht Diakästen. Aber der Film erst! Gut anderthalb Stunden, mit jeder Menge Knallern und lustigen Szenen. Wie der Marc nachts auf dem Weg nach Hause besoffen im Graben gelandet ist! Noch zwei Tage später hat er seinen Säbel und seinen Hut im Feld gesucht.«

Bevor Frank darauf antworten konnte, klingelte das Telefon. Eine Kollegin von der Wache am Haupteingang an der Theodor-Heuss-Straße hatte eine Frau in der Leitung, die dringend eine Aussage zum Mord in Bracht machen wollte.

Was die Frau erzählte, ließ Frank aufhorchen. Sie habe an jenem Freitagabend mit ihrem Golden Retriever einen Spaziergang gemacht. Wie jeden Abend. Und dabei sei sie auch am »Haus Berten« vorbeigekommen. Auf dem Parkplatz habe im hinteren Teil ein Auto gestanden, in dem eine Frau saß. Die Frau sei ihr nur aufgefallen, weil ihr Robin schnurstracks auf den Parkplatz getrottet war, um am Rand des matschigen Platzes an den Büschen und dann weiter an den Reifen der Autos zu schnuppern. Sie habe sich über ihren Hund geärgert, erzählte die Anruferin, weil er auf ihr Pfeifen und Rufen nicht hörte und sie hinter ihm herlaufen musste.

Die Frau sei ihr auch deshalb aufgefallen, weil sie trotz des Regens und der Kälte das Seitenfenster geöffnet hatte. Und weil sie die Frau auf dem Rückweg immer noch im Auto hatte sitzen sehen. Sie hatte sich noch gewundert, warum sie nicht längst ausgestiegen und in die Kneipe gegangen war.

»Und diese Frau. War sie jung oder schon älter?« Frank hatte das Telefon längst auf Lautsprecher gestellt.

»Nein. Ich habe nur gesehen, dass sie dunkle Haare hatte und geraucht hat.«

»Haben Sie mit ihr gesprochen?«

»Nein. Robin ist ja dann doch zurückgekommen, und ich konnte endlich weitergehen. Wissen Sie, es war ja ziemlich usselig draußen.«

»Haben Sie den Wagentyp erkannt?«

»Ich glaube, das war so ein großer, dunkler Wagen.«

»Ein Geländewagen?«

»Nein, nicht so einer, wie ihn unser Förster fährt. Eher so ein moderner.«

»Deutsches Fabrikat?«

»Kann sein. Ich kenne mich mit den Marken nicht so aus, Herr Kommissar, wissen Sie. Er sah jedenfalls teuer aus.«

»Das Kennzeichen. Haben Sie auf das Kennzeichen geachtet?«

»Nein. Ein Viersener Kennzeichen, glaube ich. Nichts von außen, Kreis Heinsberg oder Mönchengladbach, meine ich.«

»Und der Wagen stand ganz sicher nicht bei den anderen?«

»Sagte ich doch. Weiter hinten, im Dunkeln. Ich habe die Zigarette glühen sehen, sonst wär’s mir vielleicht gar nicht aufgefallen.«

Sicherheitshalber nahm Frank die Personalien der Frau auf.

»Sagen Sie, gibt es eigentlich eine Belohnung für den Fall? Ich meine, das gibt es doch immer bei Mord, oder?«

»Das wird der Staatsanwalt entscheiden. Aber ich glaube derzeit nicht, dass Sie mit einer Belohnung rechnen können.«

Kopfschüttelnd legte Frank auf.

Ecki kramte in seinen Unterlagen. »Wir haben auf dem Parkplatz ein Dutzend Autos gezählt, meist Mittelklasse und ältere Gebrauchte. Bis auf den silberfarbenen Mercedes, Baujahr 2006, von Thofondern. Ein dunkler Geländewagen steht nicht auf der Liste.«

Frank lag schon lange wach. Er vermisste Lisa. Ursprünglich hatte sie schon vor mehr als zwei Wochen wieder bei ihm sein wollen, hatte aber ihre Rückkehr dann mehrfach verschoben. Ihr letztes Lebenszeichen war eine Postkarte aus dem Alten Land gewesen, die blühende Obstbäume vor blauem Himmel zeigte. Sie war vor zwei Tagen angekommen. Frank hatte sich über die Karte gefreut. Aber dann hatte er den Text gelesen: In einem meiner schlimmsten Albträume kippt die Struktur der Zeit – nichts geschieht mehr hintereinander, sondern gleichzeitig. Raum und Zeit stürzen in die Sonne und verbrennen. Ich bin an allem schuld! – Blixa Bargeld.

Über Wochen hatte Frank nur Postkarten bekommen mit nicht mehr als einem flüchtigen Gruß. Lebenszeichen, die doch keine waren. Lisa war immer schon ein Fan von Zitaten gewesen.

Frank stand schließlich auf und ging in die Küche. Er trank ein Glas Apfelsinensaft in kleinen Schlucken. Dann ging er ins Wohnzimmer und setzte sich in einen Sessel. Sein Blick fiel auf Lisas Strickzeug, das in einem Korb neben dem Sofa stand. Der Anblick der bunten Wollknäuel und des schmalen Bündchens, das bereits auf den Stricknadeln saß, ließ Frank schlucken.

Er stand auf und ging zur Musikanlage. Frank zog aus dem Stapel CDs, der neben dem CD-Player lag, Full Circle von Walter Trout. Er wollte jetzt Can’t help falling apart hören, und das möglichst laut.

Bei Clouds on the horizon schreckte Frank auf. An seiner Wohnungstür hatte es geklingelt. Statt zu öffnen, stand er auf, schaltete den CD-Player aus und legte sich wieder ins Bett. Vor der Tür konnte nur der alte Dorthausen stehen. Der Nachbar konnte ihm gestohlen bleiben. Frank schlief ein und träumte von Lisa, die in einer Blumenwiese saß und ihm von Ferne zuwinkte.

Als er am Morgen aufwachte, hatte er Kopfschmerzen. Sie blieben, obwohl er lange duschte. Er vermied es, auf Lisas Postkarten zu sehen, die er nebeneinander auf dem großen alten Küchentisch ausgebreitet hatte. Ohne Frühstück machte er sich auf den Weg ins Präsidium. Sein MGB brauchte eine Weile, bis er ansprang.

Markus Schmitz hatte eine dünne Akte aufgeschlagen auf seinen Knien liegen.

»Viel ist es nicht. Der Anrufer hat behauptet, dass in dem Landhandel krumme Geschäfte laufen.«

»Was hat er denn gesagt?« Ecki drehte sich auf seinem Stuhl ungeduldig hin und her.

»Kamphausen soll unter der Theke illegales Zeug verkauft haben. Auf eigene Rechnung. Pestizide. Giftspritzen gegen Bares, ohne Beleg. Wundermittel für den Acker. Wir haben die Bücher geprüft. Kamphausen hat uns bereitwillig durch das Lager geführt. Auf den ersten Blick war alles sauber. Aber wir haben auch nicht wirklich gewusst, wonach wir suchen sollten. Und einen Durchsuchungsbeschluss haben wir bei diesem dünnen Anfangsverdacht natürlich nicht gehabt.«

»Also, nur dummes Geschwätz oder hat euer Anrufer Beweise angekündigt?« Frank reckte sich.

»Nee. Keine Chance. Der Mann hat lediglich gesagt, dass wir selbst suchen müssten.«

»Was ist das denn für Zeug?« Frank sah seinen Kollegen an, der ihn durch seine Brille nachdenklich anlächelte.

»Parathion und Vinclozolin. Sollen in Peru und in den USA schon eine Menge Leute umgebracht haben. Das Gift war bei uns jahrelang im Gebrauch. Hochwirksam. Deshalb wollen einige Landwirte wohl auch nicht von ihren liebgewonnenen chemischen Erntehelfern lassen.« Markus Schmitz beugte sich vor. »Angeblich sollen die Stoffe aus den Niederlanden bei uns ›einsickern‹.«

»Könnte doch sein, dass Kamphausen der Boden zu heiß geworden ist und er sich abgesetzt hat.« Frank hielt seine Idee für die einzig plausible.

»Auszuschließen ist das nicht. Aber ohne stichhaltige Beweise …« Schmitz ließ das Satzende offen.

»Und wenn ihr den Laden observieren lasst?«

» Normalerweise sage ich in solchen Fällen: Alles geht, nur der Frosch hüpft. Auf einen anonymen vagen Hinweis hin kriege ich dafür keine Genehmigung.« Markus Schmitz grinste schief und stand auf. »Gebt mir Bescheid, wenn ihr was wisst. Ich hätte schon noch ein paar Fragen an Kamphausen.«

Kriminalhauptkommissar Jan Kuhnert pfiff leise durch die Zähne. Vor ihm lag die Scheune im künstlichen Licht ungezählter Lampen. Eine derart große Hanfplantage hatte selbst er noch nicht gesehen, obwohl er seit mehr als zehn Jahren beim KK 14 Dienst tat. Der Drogenfahnder mit niederländischen Wurzeln sog hörbar die Luft ein. Sie roch süßlich.

»Profis«, sagte Kuhnert anerkennend.

Seine Kollegin nickte.

Kuhnert begann zu schwitzen. »Kann vielleicht mal jemand die Heizungen ausmachen? Die brauchen wir nicht mehr.«

Am Ende der Zählaktion kamen die Fahnder des KK 14 auf 3125 Pflanzen in unterschiedlichen Wachstumsstadien. Die mitgebrachten blauen Plastiksäcke reichten nicht aus, um den gesamten Bestand ins Labor zu bringen.

Ina Weber rieb sich die Nase. »Was meinst du, wie viel Tetrahydocannabinol mag wohl in den Pflanzen stecken, Jan?«

»So zwanzig Prozent.«

»Und die Menge?« Die blonde Kommissarin zog ihre Handschuhe aus und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Ina Weber war erst seit wenigen Wochen im KK 14. Sie hatte sich ausdrücklich zur Drogenfahndung gemeldet. Angeblich, um eine Familiengeschichte aufzuarbeiten. Kuhnert hielt das Ganze eher für ein dummes Gerücht, er wusste nur, dass Weber eine gute Polizistin war und einen Bruder hatte, der früh gestorben war. Mehr wollte er auch nicht wissen.

»180 bis 200 Kilogramm, denke ich mal. Macht im Straßenverkauf circa anderthalb Millionen Euro.«

Kuhnert ließ seine Kollegin stehen und ging vor das Scheunentor. Er brauchte jetzt eine Zigarette.

»Der Besitzer der Scheune heißt Willi Berten. Er will von der Sache nichts gewusst haben. Angeblich hat ein Typ aus Holland die Scheune gemietet.« Albert Coentges hatte mit seinem Streifenwagen dicht neben Kuhnert gehalten und das Seitenfenster heruntergefahren.

»Was grinst du so dämlich?«

»Nix, nur so. Ich meine ja nur, mal wieder Holländer.«

»Bemüh dich nicht, Coentges. Meine Urgroßeltern kamen zwar aus Almelo nach Deutschland, aber ich bin Kaldenkirchener.«

»Das sind doch auch halbe Holländer.« Coentges’ Grinsen blieb.

»Hast wohl ’nen Clown gefrühstückt, was? Sieh lieber zu, dass Berten ins Präsidium kommt.«

»Du musst dir mal die Mengen ansehen, die so ein Landhandel vermarktet.« Ecki schlug den Aktendeckel noch einmal auf. »In einem Jahr allein mehr als 44 000 Tonnen Kartoffeln und Getreide. Da behaupte noch mal jemand, den Bauern geht’s schlecht.«

»44 000 Tonnen?«

»Macht einen Umsatz von gut 22 Millionen Euro. Der Umsatz im Einzelhandelsbereich des Landhandels lag bei fünf Millionen Euro.«

»Allerhand.«

»Eben. Und bei den Mengen kann man den einen oder anderen Euro ganz leicht in der Bilanz verstecken. Außerdem sind an den Landhandel mehr als 400 Mitglieder angeschlossen.«

»Wir haben die Lieferlisten mit den Namen und wissen, dass die Getreideproben in dem Labor in Neuss analysiert werden. Aber was bringt uns das, solange wir die Analyseergebnisse nicht einsehen können?«

»Wir würden sowieso nichts finden. Diese Chemiker sind doch nicht blöd.«

Ecki starrte angestrengt auf den Bildschirm seines Computers. »Das ist alles nur Spekulation. Warum sollten das Labor, Voogt und Kamphausen gemeinsame Sache gemacht haben? Es gibt nicht den geringsten Zusammenhang. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Raimund Kamphausen und Michael Voogt in derselben Bruderschaft waren.«

Es klopfte. Es war Bean, der sichtlich zufrieden einen Aktenordner unter seinem Arm hervorzog.

»Ich kann beim besten Willen keinen Anhaltspunkt für weitere Ermittlungen finden.«

»Setz dich.« Frank deutete auf einen Stuhl.

Paulert rückte sich auf dem Stuhl zurecht. »Die St.-Lambertus-Bruderschaft hat 35 aktive und 43 passive Mitglieder. Mit Voogt ist niemand verwandt. Erstaunlich für so einen kleinen Ort. Auch nicht mit Kamphausen. Es gibt nach meinen Recherchen keine engeren Verbindungen, weder zum Opfer noch zu Kamphausen, außer der Zugehörigkeit zur Bruderschaft.«

Frank war enttäuscht. »Und was bedeutet das jetzt für unsere Ermittlungen?«

»Nichts. Ich wollte es nur nicht unerwähnt lassen.«

»Sonst noch was Erhellendes?«

»Niemand weiß etwas über den Verbleib von Kamphausen. Und niemand kann sich einen Reim auf den Mord an Voogt machen.«

»Trotzdem danke, Bean.« Frank seufzte. »Ich habe gehört, dass ihr im KK 14 an einer dicken Sache dran seid.«

»He, bist du mit meiner Arbeit unzufrieden, Frank?« Beans Hals wurde rot.

»Frank meint es wirklich nur nett, Bean. Du weißt, dass wir deine Arbeit schätzen.« Ecki wollte Bean beruhigen.

Bean sah Frank aus schmalen Augen an. »Schon gut. Aber was tun wir jetzt?«

Ecki hatte eine Idee. »Könntest du noch einmal genau abchecken, zu welchen der Namen auf deiner Liste die Autos gehören, die wir am Tatabend auf dem Parkplatz gefunden haben? Und vor allem, ob die feinen Bruderschaftler auch noch andere Autos fahren? Wir suchen einen großen Geländewagen. Dunkel oder schwarz. Baujahr und Kennzeichen sind nicht bekannt. Möglicherweise in Viersen zugelassen.«

»Was für ein Auto fährt eigentlich Kamphausen?«

Frank und Ecki sahen sich an. »Gute Frage.«

»Es gibt Neuigkeiten.« Ecki stieß am nächsten Morgen gut gelaunt die Tür zu ihrem Büro auf.

»Was denn?« Frank ließ die jüngste Ausgabe der bluesnews sinken.

»Kamphausen. Er hat Kontakt zur Rauschgiftszene.«

»Was?«

»Die Autobahnpolizei hat auf der A 61 einen Unfall aufgenommen. Ein holländischer VW-Transporter, voll beladen mit jungen Cannabissetzlingen. Von den Insassen fehlt zwar noch jede Spur, aber jetzt kommt’s: Zwischen Tankquittungen, Straßenkarten, Pizzakartons und anderem Müll haben die Kollegen eine Handynummer gefunden. Und die gehört Raimund Kamphausen!«

»Weiß man schon, wem die Karre gehört?«

»Warte.« Ecki zog sein Notizbuch hervor. »Der Wagen ist auf einen Marco van Bommel zugelassen. Aus Arnheim.«

»Was sagen die Kollegen vom KK 14 dazu?«

»Kuhnert hat mir erzählt, dass van Bommel die Scheune in der Nähe von Bracht angemietet haben soll, in der sie vor ein paar Tagen diese illegale Plantage entdeckt haben.«

»Und wie sind die Kollegen auf diese Scheune gekommen?«

»Die Stadtwerke haben sich über den hohen Stromverbrauch auf dem Anwesen gewundert und sind dann aktiv geworden.«

Frank lehnte sich zurück. »Ich weiß nicht. Brauchtum und Kiffen, das passt irgendwie nicht zusammen.«

»Vielleicht hat Kamphausen die ganze Bruderschaft mit Stoff versorgt. Voogt hat davon Wind bekommen und musste deshalb sterben.«

»Kiffende Schützen? Du spinnst doch.«

»Warum nicht? Gras gibt es sicher nicht nur auf Blueskonzerten zu kaufen.« Ecki grinste.

»Wer weiß, was im Musikantenstadl so alles geschnupft wird.«

Renate Pesch stand unschlüssig vor dem Schreibtisch ihres Chefs. Sie hielt einen Ordner wie einen Schutzschild an ihre Brust gedrückt. »Kann ich Sie einen Augenblick sprechen, Herr Böhling?«

»Sicher. Setzen Sie sich.«

Renate Pesch nahm nur auf der Kante Platz. »Nun?« Der Brauereibesitzer nickte ihr aufmunternd zu.

»Ich bin gerade dabei, die Unterlagen von Michael, ich meine, von Herrn Voogt, durchzusehen.« Sie stockte.

»Nur zu.« Ulrich Böhling hatte Renate Pesch beim Kauf der Brauerei ebenso wie Voogt übernommen. Er hatte schnell gemerkt, dass sie für ihr Alter zwar ein wenig altmodisch und steif wirken mochte, aber andererseits eine hervorragende Fachkraft war.

»Mir sind einige merkwürdige Dinge aufgefallen.« Renate Pesch legte den Ordner auf ihren Schoß. »Michael Voogt hat immer mit demselben Labor in Neuss zusammengearbeitet.«

»Das ist doch so ungewöhnlich nicht, oder?«

»Nein, aber die Rechnungen für die Analysen sind ungewöhnlich hoch. Wir haben die Untersuchungen natürlich immer pünktlich bezahlt.«

»Dann ist doch alles in Ordnung. Ich meine, ohne die Analysen können wir unsere Rohstoffe nicht verarbeiten. Ich weiß, dass manche Labore wahre Apotheken sind, wenn es um ihre Preise geht. Aber so ist das nun mal.«

»Wegen der Kostenkalkulation habe ich andere Angebote eingeholt. Und die liegen erheblich unter den Preisen der Neusser. Manche um mehr als fünfzig Prozent.«

Ulrich Böhling winkte ab. »Dann hat unser Herr Voogt wohl schlecht gewirtschaftet. Ich habe bisher gedacht, dass er ein Pfennigfuchser war. Haben Sie noch andere Auffälligkeiten entdeckt, Frau Pesch?«

»Nein. Nur dieser Abrechnungsposten ist mir aufgefallen. Und …« Sie sprach nicht weiter.

»Und?«, echote Böhling.

»Wir haben für Analysen gezahlt, für die es keinen Auftrag gab. Ich habe die vergangenen zwei Jahre überprüft. Allein in dieser Zeit wurden gut dreißig Beprobungen bezahlt, die aber in unseren Unterlagen nirgendwo mehr auftauchen. Es geht hier um knapp dreißigtausend Euro.«

»Voogt hat uns betrogen?«

»Man soll über Tote ja nicht schlecht reden.«

»Sie verhalten sich absolut korrekt, Frau Pesch. Ich danke Ihnen. Bitte sorgen Sie dafür, dass wir künftig mit einem anderen Labor zusammenarbeiten. Sie haben freie Hand.«

Renate Pesch sah ihren Chef erstaunt an.

»Ja, Sie haben richtig gehört. Sie sind ab jetzt meine Chefsekretärin, Frau Pesch.«

Langsam begann ihr Gesicht zu strahlen. »Danke. Vielen Dank. Ihr Vertrauen ehrt mich wirklich.«

»Dann an die Arbeit. Wir brauchen ein neues Labor. Und an die Herren in Neuss habe ich noch einige Fragen. Bitte, machen Sie mir zuerst eine Verbindung zu dieser Firma.«

»Selbstverständlich.« Renate Pesch verließ das Büro. Ihr zufriedenes Lächeln nahm sie mit.

Ecki und Frank standen mit dem Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes vor Kamphausens Wohnung.

»Sie können.« Frank nickte dem Mann zu.

»Keine große Sache, das haben wir gleich. Kein Sicherheitsschloss. Die Leute sind ja so leichtsinnig.«

»Vielen Dank. Wir kommen jetzt alleine zurecht. Die Rechnung schicken Sie bitte ans Präsidium.«

Frank und Ecki gingen systematisch vor. Auf den ersten Blick hatte Kamphausen sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben, sein Zuhause möglichst aufgeräumt und sauber zu verlassen. In der Spüle stand Geschirr, das Bett war ungemacht.

»Hast du schon etwas gefunden?« Eckis Stimme klang dumpf, so als stecke er in Kamphausens Schlafzimmerschrank.

»Nee, bisher nicht. Du?«

»Fehlanzeige. Nur Designerunterhosen.«

»Kannst du mal kommen?« Frank hatte einen Stapel CDs aus einem Fach des Sideboards genommen. Dabei war ihm ein Notizbuch entgegengefallen.

»Was gibt’s?« Ecki stand im Türrahmen, einen Bademantel aus Seide über dem Arm. Er sah aus, als ob er noch in die Sauna wollte.

»Ein Timer. Lag hinter den CDs. Voll mit Telefonnummern und den verschiedensten Einträgen. Volltreffer, würde ich mal sagen.«

»Hat also doch was gebracht, unser kleiner Ausflug.«

Frank nahm das schnurlose Telefon in die Hand und ließ sich die zuletzt gewählten Nummern anzeigen.

»Und?«

»Kamphausen hat ins Ausland telefoniert. Mit einem Anschluss in den Niederlanden.«

»Ruf doch mal an.« Ecki sah Frank neugierig über die Schulter.

Frank drückte die Wahltaste. Der Ruf ging durch.

»Und?«

»Scheint niemand zu Hause zu sein oder abheben zu wollen.«

Zurück im Präsidium, brachte eine erste Untersuchung des Timers die Fahnder nicht wesentlich weiter. Die meisten Einträge passten zu den Namen, die ihnen in ihren bisherigen Ermittlungen begegnet waren. Sie fanden den Festanschluss und die Mobilnummer des Viehhändlers Thofondern ebenso wie die privaten und dienstlichen Telefonanschlüsse des Opfers, die Telefonnummer von »Haus Berten«, aber auch die Nummern eines Apothekers und des Schatzmeisters der Bruderschaft.

»Sieht aus wie eine Telefonkette in Sachen Brauchtum.« Ecki klang ein wenig enttäuscht.

»Sei nicht so ungeduldig.« Frank blätterte in dem schmalen Buch und schrieb nacheinander mehrere Telefonnummern ab. »Hier stehen auch Nummern mit niederländischen Vorwahlen.«

»Vielleicht hat Kamphausen eine Schwäche für nette Meisjes.« Ecki feixte.

Frank tippte eine längere Zahlenkolonne in sein Telefon.

»Bin gespannt.« Ecki beugte sich vor.

Frank zog die Augenbrauen hoch und legte auf. »Ich glaube ich hatte eine Firma für Düngemittel dran.« Inzwischen hatte er schon die nächste Nummer gewählt.

»Borsch. Guten Tag. Mit wem spreche ich, bitte?« Frank hielt eine Hand über die Muschel und bedeutete Ecki, die Mithörtaste an seinem Telefon zu drücken.

»Peerbooms International. Zaaden en Meststoffen. Wat kan ik voor u doen, alstublieft?«

»Sprechen Sie Deutsch?« Frank hatte die berechtigte Sorge, sich mit seinem mangelhaften Niederländisch ruckzuck zu verheddern.

»Selbstverständlich spreche ich Deutsch.« Die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung war nahezu akzentfrei.

»Sie exportieren Saatgut und Dünger?«

»Ja. Wir sind ein führender Lieferant von Futtermitteln, Saatgut und Düngemitteln in Europa. Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«

»Oh, Verzeihung, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Frank Borsch. Kennen Sie einen Herrn Kamphausen?«

Die Stimme am anderen Ende der Leitung blieb stumm.

»Kamphausen, Raimund Kamphausen. Niederkrüchten. Das liegt im Kreis Viersen, in Deutschland.«

»Über unsere Kunden geben wir keine Auskunft. Das müssen Sie verstehen. Bitte, was kann ich für Sie tun?« Die verbindliche Stimme hatte nun etwas leicht Verwirrtes.

»Ich bin von der deutschen Polizei. Wir haben einige Fragen zur Ihrer geschäftlichen Beziehung zu Herrn Kamphausen.«

»Tut mir leid. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.«

»Aufgelegt. Die Tussi hat einfach aufgelegt.« Frank sah fassungslos auf den Hörer in seiner Hand.

»Na ja, kann doch sein, dass Peerbooms aus gutem Grund keinen Kontakt zur deutschen Polizei will.«

»Schon, aber wir können doch jetzt nicht einfach bei Peerbooms einlaufen und sagen: Guten Tag, deutsche Polizei, wir vermuten, dass Sie einen legalen und einen illegalen Warenstrom unterhalten.«

»Europol.«

»Das kann Wochen dauern.« Frank schüttelte den Kopf.

Ecki streckte seine Hand aus. »Komm, gib mir die Liste. Wir telefonieren sie jetzt durch. Vielleicht finden wir ja einen kooperativen Holländer.«

»Na gut, telefonier du die Tulpendiebe durch, und ich kümmere mich derweil um die anderen Telefonnummern.«

Eine Stunde später hatte Ecki die Liste abtelefoniert, aber sobald die Sprache auf die deutsche Polizei kam, wurden die Gesprächspartner in den Niederlanden einsilbig oder verstanden urplötzlich kein Deutsch mehr.

»Hören Sie, ich weiß nicht, wovon Sie reden. Wenn Sie bei uns Analysen bestellt haben, dann haben wir die auch durchgeführt.«

»Wenn stimmt, was Sie sagen, wie kommen dann diese Rechnungen in unsere Akten?« Böhling ließ den Chemiker nicht aus den Augen.

»Bitte, lassen Sie mir Ihre Unterlagen hier. Wir werden das prüfen. Und sollten tatsächlich nicht erbrachte Leistungen berechnet worden sein, wovon, das betone ich ausdrücklich, ich nicht ausgehe, werde ich den Schaden selbstverständlich regulieren.«

»Es ist schon ein großer Schritt für mich, dass ich überhaupt zu Ihnen gekommen bin. Ich hätte auch direkt zur Polizei gehen können.«

Clemens Boshoven rang sichtlich um Fassung. »Bitte, Herr Böhling, das ist sicher alles ein großes Missverständnis.« Er zögerte einen Augenblick. »Es ist nur so, ich kann die Angelegenheit nicht sofort klären. Ich brauche einen oder auch zwei Tage. Wir unterhalten eine ganze Reihe von Konten, wissen Sie.«

Ende der Leseprobe