Totenstimmung - Arnold Küsters - E-Book

Totenstimmung E-Book

Arnold Küsters

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Beschreibung

Die Feuerwehr macht in einem Waldstück bei Mönchengladbach einen grausigen Fund: eine junge Frau, die durch das Gift gefährlicher Raupen ums Leben kam. Die Polizei identifiziert sie als eine Vermisste, die in einer Wohngruppe für Behinderte lebte. Wenig später wird Kommissar Borsch ein abgetrennter Finger zugespielt. Er gehörte einer Frau, die ebenfalls Downsyndrom hatte. Und wie bei der ersten Toten ist auch diesmal eine Mundharmonika beigelegt, die die Polizei vor ein Rätsel stellt. Welches Motiv steckt hinter den brutalen Morden? Und was will der Täter der Polizei mit den Bluesharps vermitteln? Die Kripo verdächtigt einen Sozialarbeiter, der als Betreuer von Behinderten ein ungewöhnlich enges Verhältnis zu seinen Schützlingen aufgebaut hat …

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Für Edith

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95398-6

Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH 2012 Umschlagkonzept: semper smile, München Umschlagfoto: John Anderson / i stock, Joseph De Sciose photography / plainpicture/ Aurora_Photos, flgraphics / stock.xchng Umschlaggestaltung und -motiv: Hauptmann und Kompanie Werbeagentur, Zürich Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Ich kann das nicht rechtfertigen, dass der Typ auf mich geschossen hat. Aber ich kann es irgendwie verstehen. Vielleicht hatte er kein so tolles Leben. Keine Ahnung.

Ray Davies

Carolina Guttat schloss die Augen.

Die Sonne war noch blass und das Ruderboot nur ein dunkler Fleck in der Mitte des Sees. Sie saß mit nackten Füßen auf ihrer Lieblingsbank. Die abschüssige Wildblumenwiese reichte bis zum Rottachsee. Feiner Nebel lag über dem Wasser. Es war still. Zwei Schwäne zogen mit schwerem Flügelschlag dicht über der Wasserlinie durch das Bild. Sie nahmen Carolinas Blick mit nach Petersthal, auf die andere Seite des Wasserspeichers.

Sie schaute auf den hellen Kirchturm. Er erinnerte sie an das Wohnzimmer ihrer Eltern. Dort hatte ein ähnliches Bild gehangen: eine Kirche mit Zwiebelturm und rote Hausdächer inmitten sanfter Wiesen und Wälder. In der Ferne ahnte Carolina Guttat die schroffe Flanke des Grünten.

Eine Spielzeugidylle.

Ihr Verstand hatte genug. Er ließ sich nicht länger von den inständig heraufbeschworenen Bildern täuschen. Er wollte sich lieber mit dem Anblick auf dem Bett beschäftigen, dem sie hatte entkommen wollen.

Ihr Verstand zog einen tiefen Schnitt durch ihren Traum. Mit einem Seufzer kapitulierte Carolina Guttat und schlug die Augen wieder auf.

»Ich verstehe das nicht.« Sie zwang sich, ausschließlich Kriminalhauptkommissar Michael »Ecki« Eckers anzusehen.

»Mich darfst du nicht fragen.«

Die Staatsanwältin wandte sich ab. »Scheiße.«

Eckers beobachtete, wie die hochgewachsene Juristin schleppenden Schrittes den Raum verließ.

Nun war der Kommissar mit ihr allein. Die eingeblendeten Werte und Kurven auf den Displays der Maschinen machten ihn ratlos. Die leisen Pieptöne klangen teilnahmslos.

Kopf und Hals der Frau waren bandagiert. Ihr Körper war unter dem Laken kaum zu erkennen.

Sie wird die Nacht nicht überleben, dachte er.

»Was haben wir bis jetzt?«

Frank Borsch zuckte mit den Schultern. »Nicht viel, Ecki.«

»Auf die Frau ist geschossen worden.« Michael Eckers tippte mit dem Bleistift zweimal auf seine Aufzeichnungen. »Zweimal.«

»Was sagt Leenders? Ist sie an den Schussverletzungen gestorben?«

Eckers räusperte sich. »Leenders ist vorläufig der Meinung, dass sie an dem Gift der Raupen gestorben ist. Ihr Immunsystem hat den Schock nicht verkraftet, den der Wirkstoff ausgelöst hat. Die Menge war einfach zu groß. Dazu die schweren Schussverletzungen. Vermutlich hätte sie die ohnehin nicht überlebt.«

»Sie war also schon klinisch tot, als ...?« Carolina Guttat wollte die Frage nicht aussprechen.

»Leenders kann das noch nicht verbindlich sagen.«

Kriminalhauptkommmissar Frank Borsch, Leiter des KK 11, sah die Staatsanwältin an, die sich unbewusst durch ihr blondes Haar fuhr. Er ahnte, was in der zweifachen Mutter vorging.

»Der Feuerwehrmann, der sie gefunden hat, ist immer noch nicht wieder dienstfähig.« Michael Eckers blätterte in seinem ledernen Notizbuch. »Ich werde ihn noch mal anrufen.«

Carolina Guttat konnte sich nur mühsam gegen den Impuls wehren, die Augen zu schließen und sich wieder auf ihre Bank im Allgäu zu wünschen.

Sie hatte schon vor ihrer Elternzeit Dinge sehen müssen, die eigentlich kein Mensch sehen wollte. Trotzdem hatte sie bisher geglaubt, nach ihrem Examen die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ihre Vorfreude und ihr Elan waren groß gewesen, als sie vor einem Jahr in ihren Beruf zurückgekehrt war. Das gute Gefühl war sofort wieder da gewesen. Nur Akten zu bearbeiten wäre ihr zu wenig gewesen.

Aber Carolina Guttat spürte jetzt schon, dass dieser Fall sie an den Rand ihrer Selbstbeherrschung bringen würde.

Die Staatsanwältin griff nach ihrer Kaffeetasse.

»Wer ist diese Frau?«

»Kollege Bremes wühlt sich gerade durch die Vermisstensachen.«

»Wir müssen schneller sein.«

»Klar.« Sie arbeiteten ohnehin unter Hochdruck, dachte Frank Borsch.

»Gibt es verwertbare Spuren auf ihrer Kleidung?«

Michael Eckers schüttelte den Kopf. »Nee. Das meiste ist verbrannt. Sie könnte eine Art Jogginghose getragen haben. Und ein T-Shirt. Rot. Die Hose könnte dunkelblau oder dunkelgrau gewesen sein. Linder ist da dran. Und Bittner prüft, ob es Fingerabdrücke gibt, die verwertbar sind.«

»Rot und dunkelblau? Hm.« Carolina Guttat blickte suchend über ihren Schreibtisch. Keine Zigaretten mehr. Sie zuckte mit den Schultern.

»Ist an der Farbkombination irgendwas falsch?« Frank hatte den suchenden Blick der Staatsanwältin bemerkt. »Jeder bringt sich eben um, so gut er kann.«

»Wie bitte?« Carolina Guttat verstand ihn erst nach kurzem Überlegen. »Ach so, reine Gewohnheit. Das krieg ich schon noch in den Griff.« Sie verzog das Gesicht. »Na ja, sonderlich modisch ist sie nicht gerade gekleidet gewesen.«

»So was zieht man zum Sport an«, versuchte Michael Eckers zu vermitteln, »du solltest mal in mein Fitnessstudio mitkommen. Was du da manchmal zu sehen bekommst, mein lieber Mann, da fallen dir glatt die Hanteln aus den Händen.«

Carolina Guttat winkte ab. »Trug sie Sportschuhe?«

Ecki schüttelte den Kopf.

»Also keine Joggerin.«

»Wie gesagt, Leenders ist noch nicht so weit.«

»Sport hilft.«

»Was meinst du, Frank?« Carolina Guttat hatte ihre Suche nach einer Zigarette schon vergessen.

»Sport ist der richtige Ausgleich, wenn man mit dem Rauchen aufgehört hat.«

»Wenn man zwei Kinder hat, lieber Frank, kommt man locker ohne aus. Die Blagen halten mich wirklich genug auf Trab.«

»Trisomie 21.«

»Aha.« Frank Borsch sah den Gerichtsmediziner fragend an.

»Okay, Borsch, für Bullen: Down-Syndrom. Eine mongoloide Frau. Außerdem war die Tote nicht älter als zwanzig.«

»Woran siehst du das? Das Gesicht ist doch fast völlig weg.«

»Guck dir ihre Füße an.« Richard Leenders hob das Laken.

Ecki drehte sich weg. Er ertrug Obduktionen nicht. Sein Schlüsselerlebnis lag zwar schon Jahre zurück, aber seither mied er die Pathologie oder zumindest den Anblick der toten Körper. Damals hatte er eine Leiche von einem Dachbalken geschnitten. Als er sie abnahm, hatte sie ihn förmlich angerülpst, als der Rest Luft aus ihrem Brustkorb endlich entweichen konnte.

Frank sah ungerührt auf die Füße. »Ich sehe nichts.«

»Hier, der deutliche Abstand zwischen der ersten und zweiten Zehe. Die typische Sandalenlücke. Und«, Leenders deutete auf den Kopf der Toten, »die geschrägten Lidachsen.«

»Und das ist typisch, ja?«, fragte Ecki aus gebührendem Abstand. Er wünschte sich einen Kopfhörer auf seine Ohren, mit Helene Fischer und »Morgen küss ich dich wach«, seiner absoluten Lieblingsnummer im Augenblick.

Leenders, wegen seiner etwas eigenen Art, mit Toten umzugehen, in Polizeikreisen auch Mad Doc genannt, schmunzelte. »Kannst ruhig näher kommen. Aufsägen tue ich sie erst später. Aber ich wette, dass ich dann noch einen Atriumseptumdefekt, sprich: einen Herzfehler, finde, verengte Atemwege, Zöliakie, irgendwas in der Art.«

»Irrtum ausgeschlossen?«

»Ich würde meinen Arsch darauf verwetten, dass unser Mädchen hier mongoloid war.« Der Pathologe klang fast fröhlich. Die Autopsie versprach interessant zu werden.

Fehlt jetzt nur noch, dass er ihr die Wange tätschelt, dachte Frank.

»Lass gut sein, Leenders, der Bericht reicht mir.« Frank wollte seine Freund und Kollegen Ecki erlösen. Den Rest würde ihnen Carolina berichten, die bisher still im Hintergrund gestanden hatte.

»Also keine Sportlerin?«

Leenders schüttelte den Kopf und deckte die Leiche ab. Der Körper war eine einzige großflächige Brandverletzung. »Zur Sicherheit mache ich selbstverständlich noch eine Analyse der Chromosomen.«

Frank sah die Staatsanwältin fragend an.

Carolina Guttat nickte kaum merklich.

»Komm, Ecki, wir fahren.« Frank zog seinen Freund am Ärmel.

Ohne einen Blick auf die Tote zu werfen, folgte Michael Eckers Frank.

»Eckers?«

Ecki drehte sich zu Leenders um.

»Soll ich dir den Blutdruck messen? Du bist ja ganz weiß um die Nase.« Leenders lachte meckernd.

»Arschloch«, brummte der Kriminalhauptkommissar des KK 11 der Mönchengladbacher Polizei.

»Nichts für ungut, Eckers. Nichts für ungut.« Lachend griff der Pathologe zum Skalpell, um einen ersten Schnitt zu machen. »Aber du solltest dir das ansehen. Wirklich eine höchst interessante Angelegenheit. Wirklich.«

»Können wir endlich anfangen?«

»Selbstverständlich, Frau Staatsanwältin. Frauen sind einfach robuster. Ich sage es ja immer.« Leenders nickte selbstzufrieden.

Und du bist ein Dummschwätzer, dachte Carolina Guttat und wünschte sich, in einer Wolke aus Zigarettenqualm verschwinden zu können.

»Wer schießt bitte auf eine mongoloide junge Frau?« Ecki wartete die Antwort nicht ab, sondern öffnete das Handschuhfach. »Mist. Ich habe meine CDs vergessen.«

Gott sei Dank, dachte Frank. So blieb ihm auf der Rückfahrt zum Präsidium die unsägliche WDR4-Musik erspart, die Ecki so sehr liebte. Mehr noch als seine Hefeteilchen, auf die er niemals freiwillig verzichten würde, vor allem, wenn sie ganz frisch waren.

»Vielleicht war es ein Unfall.«

»Zwei Schüsse? Nee.« Michael Eckers drehte sich um. Aber auch auf dem Rücksitz lagen seine CDs nicht.

Frank zog die Stirn kraus. »Stimmt auch wieder.«

»Mist.«

»Gräm dich nicht, Ecki. Ich hab genug Musik dabei. Aber nicht so’n klebriges Zeugs«, meinte Frank gönnerhaft.

»Eben.« Ecki Eckers verzog missmutig den Mund.

»Wie wäre es mit Bluesrock von Oli Brown?« Frank hatte schon den Finger auf der Starttaste des CD-Players, den sie sich in ihren Dienst-Mondeo hatten einbauen lassen.

Illegal eingebaut, wie Horst Laumen aus der Verwaltung bei jeder Gelegenheit, aber stets vergeblich betonte. Bislang waren alle seine Versuche gescheitert, den CD-Player einzukassieren. Aber Frank und Ecki wussten, einer wie Horst Laumen gab niemals auf, und waren deshalb immer auf der Hut vor dessen bürokratischen Schachzügen. Bisher mit Erfolg.

»Oli P. wäre mir lieber«, knurrte Ecki.

Statt einer Antwort drehte Frank den Lautsprecher auf: Psycho, das erste Stück der neuen CD. Wie passend, dachte er.

»Muss das so laut sein?« Ecki verdrehte die Augen.

»Es gibt ein Leben jenseits der Jacob Sisters.«

»Was soll das denn heißen?«

Frank drehte die Musik ein bisschen leiser.

»Hast du das etwa nicht gelesen, Ecki? Hannelore ist tot. Mit 63. Vermutlich Herzversagen.«

»Hannelore?«

»Die Jüngste.«

Eckers bekreuzigte sich. »Möge sie in Frieden ruhen.«

»Ist gut, Ecki.« Frank stoppte die CD. »Dann will ich ausnahmsweise mal nicht so sein.« Schließlich hatten sie das Abkommen, dass im täglichen Wechsel mal Volksmusik, mal Blues in den Player kam.

»Danke für dein Verständnis«, sagte Ecki sarkastisch. »Aber im Ernst, welcher Psycho schießt zweimal auf eine mongoloide Frau?«

»Jemand, der Behinderte hasst?« Frank Borsch wechselte die Fahrspur und ließ sich von einem Mercedes überholen, der mit hoher Geschwindigkeit von hinten herangerauscht kam.

»Arschgeige.« Borsch schüttelte missbilligend den Kopf und ging vom Gas, weil weiter vorne Bremslichter rhythmisch aufleuchteten.

Im Präsidium wartete bereits Torsten Linder von der Kriminaltechnik auf sie.

»Eine Menge Zeug. Wirklich Verwertbares ist aber nicht dabei.« Der Kollege hob bedauernd die Schultern und deutete auf den blauen Plastiksack, der vor ihm auf dem Tisch stand.

»Dann zeig uns mal deine Wundertüte.« Soweit Ecki sich erinnern konnte, hatte auf dem Waldboden neben der Toten lediglich ein bisschen Plastikmüll gelegen.

Torsten Linder griff in den Sack und förderte neben den eingetüteten Kleiderresten der Toten mehrere kleinere durchsichtige Beutel zutage.

Frank Borsch hielt einen davon hoch. »Was ist das denn?«

Ohne genau hinzusehen, langte Torsten Linder erneut in den Sack. »Ein Stück Plastikschnur. Die könnte zu einer Motorsense gehören, von einem dieser ›Rasentrimmer‹, mit denen man das Unkraut an Wegrändern oder steilen Böschungen niedrig hält. Ein Massenprodukt. Landschaftsgärtner, Grünflächenämter, Privatleute, Straßenmeistereien und so weiter benutzen solche Geräte. Äußerst praktisch. Ich habe auch so ein Ding in meiner Garage stehen.«

»Hm. Und wie kommt das Stück an den Fundort?« Borsch betrachtete die eingepackte Schnur von allen Seiten.

»Sagte ich doch. So eine Sense benutzt du an den Stellen, an die du mit dem normalen Mäher nicht herankommst. Manchmal reißt so eine Schnur. Das wird so ein Stück sein, schätze ich. Genaueres kann ich jetzt aber noch nicht sagen. Ihr könntet ja mal checken, ob und wann am Fundort zuletzt Pflegearbeiten waren. Möglicherweise hat auch jemand seine Gartenabfälle im Dohrer Busch entsorgt und die Schnur gleich mit.«

»Kann man mit so einer Schnur einen Menschen fesseln?«

»Möglich. Stark genug ist das Material, besonders das in den Profigeräten.«

Ecki sah Frank an. »Dann müsste Leenders Reste des Kunststoffs an der Leiche finden.«

Frank nickte.

»Das käme dann einer Hinrichtung gleich.«

Torsten Linder schob den leeren Sack beiseite. »Das war’s. Eine leere, platt gedrückte Wasserflasche aus Plastik, 0,5 Liter, ohne Schraubverschluss. Ein paar Zigarettenstummel, ein Tampon, eine aufgerissene Verpackung für Papiertaschentücher. Wohlstandsmüll oder Beweismaterial. Die Analysen werden es zeigen.«

»Und das hier?« Frank Borsch hatte die Mundharmonika entdeckt.

»Die steckte in einer Tasche der Jogginghose. Ob sie der Toten gehört, weiß ich natürlich noch nicht.«

»Eine mongoloide Frau, die Mundharmonika spielt.« Frank sprach mehr zu sich selbst als zu seinen Kollegen.

»Ist das so ungewöhnlich? Viele Behinderte lieben Musik.« Ecki sah Frank fragend an.

»Eine Bluesharp.« Frank straffte mit dem Daumen den Plastikbeutel, um den Inhalt besser betrachten zu können.

»Da bist du ja Spezialist.« Ecki hätte das zwar nie explizit zugegeben, schon gar nicht Frank gegenüber, aber er fand es klasse, dass sein Freund und Kollege in einer Bluesband spielte.

»Der Kunststoffkörper hat durch die Hitze etwas gelitten. Aber sonst scheint die Harp gut gepflegt gewesen zu sein. Oder sie war sogar neu.« Frank drehte den Beutel mehrfach hin und her.

»Neu?«

»Jedenfalls kann ich keine Gebrauchsspuren entdecken.«

»Die Mundharmonika ist ja nicht groß.« Michael Eckers versuchte, ebenfalls eine Besonderheit zu entdecken. »Bist du dir sicher, dass es eine Bluesharp ist?«

»Zehn Kanzellen.«

»Was für Zellen?«

»Die Mundharmonika hat zehn Öffnungen. Durch Blasen und Ziehen kannst du pro Kanzelle zwei unterschiedliche Töne erzeugen. Das ist eine diatonische Mundharmonika, Richterausführung.«

»So genau wollte ich es gar nicht wissen, Frank.« Ecki wandte sich an Torsten Linder. »Ziemlich mager.«

»Tja, mehr haben wir nicht. Wenn man mal von dem Waldboden, den Ästchen, den Laubresten und so absieht.«

»Eine Harp in D-Dur.« Frank legte den Beutel zurück.

»Ich bin auf die Fingerabdrücke gespannt.«

»Was mag sie damit gespielt haben?«

»Das ist doch eine Bluesharp, hast du gesagt«, antwortete Ecki geistesabwesend, sein Interesse galt mehr der eingetüteten Plastikflasche. »Torsten, ich möchte von dir wissen: Wer ist der Hersteller, Abfülldatum, wer vertreibt diese Flasche? Kriegst du das gebacken?«

Das »kein Problem« des Kriminaltechnikers klang eine Spur zu sarkastisch, um wirklich überzeugend zu sein.

»Wusst ich doch.« Ecki zahlte in gleicher Münze zurück.

»Ist zu komplex.«

»Was? Die Analysen?« Ecki hob die Augenbrauen.

»Harmonika-Blues. Ich glaube nicht, dass sie Melodien spielen konnte.«

»Ist doch egal, oder? Hauptsache, sie konnte überhaupt ein paar Töne aus dem Ding herausholen. Behinderte Menschen haben ein ganz eigenes Verständnis von Musik. Außerdem gibt es wichtigere Fragen zu klären als das musikalische Talent der Toten.«

»Als Harpspieler macht man sich halt seine Gedanken.«

»Um deine schiefen Töne kannst du dich nach Dienstschluss kümmern.«

Ecki ließ keine Gelegenheit aus, um klarzumachen, was er von Franks Liebe zur »Negermusik« hielt, wie er Blues absichtlich politisch unkorrekt nannte.

»Kollegen, könntet ihr mich jetzt bitte allein lassen? Sonst dauert’s mit meinen Antworten umso länger.«

Auf dem Weg zu ihrem Büro klingelte Franks Mobiltelefon. Es war die Leitstelle.

»Was ist los, Rostek?«

»Es geht um die Tote aus dem Wald.«

»Und?«

»Wir könnten den Namen haben. Eine Vermisstenmeldung.«

»Und?«

»Elvira. Elvira Theissen. Dreiundzwanzig. Ihr Betreuer hat sich gemeldet. Sie wird seit zwei Tagen vermisst.«

»Vielleicht ist sie ja tatsächlich unsere Tote.« In Wahrheit hatte Frank wenig Hoffnung. Behinderte Menschen wurden ständig vermisst.

Die Wohnung von Elvira Theissen lag im zweiten Stock eines unauffälligen Mehrfamilienhauses in einer Seitenstraße mitten in der Rheydter Innenstadt. Bis zum Marienplatz waren es nur wenige Meter.

Um diese Tageszeit war auf den Einkaufsstraßen viel Betrieb. Müßiggänger betrachteten gelangweilt die Auslagen der knallbunt beklebten Billigläden, eilige Passanten drängten sich an Kinderwagen vorbei, die von müde wirkenden Müttern geschoben wurden. Vor dem Eingang zur Einkaufsgalerie vertrieben sich orientalisch aussehende Männer die Zeit mit Warten. Durch ihre Finger flossen in einem endlosen Strom die aufgefädelten Gebetsperlen.

An den Haltestellen entluden die Busse ihre Fracht im Minutentakt. Jugendliche in weiten Hosen, übergroßen Shirts und schief sitzenden Baseballcaps schlenderten, ohne nach links und rechts zu schauen, über die Straße. Mädchen in engen T-Shirts, mit riesigen Ohrringen und verschwindend kleinen Handtaschen probierten vor McDonald’s ihre Wirkung auf die sie abschätzend musternden Jungs aus. Taxis bewegten sich nur im Schritttempo durch das Gewühl.

Frank ging mit Ecki langsam auf den Eingang des Hauses zu. Trotz des geschäftigen Treibens hatten für ihn die Szenen etwas Trostloses, als wären die Menschen Statisten eines Theaterstücks, dessen Dramaturgie sie nicht verstanden.

»Was grübelst du denn?« Ecki sah an der Hausfassade empor.

»Findest du nicht auch, dass die Stadt trostlos wirkt, irgendwie tot? Ob das an den vielen Arbeitslosen liegt?«

»Keine Ahnung. Hier. Wir sind da.« Er drückte den Klingelknopf.

Sie wurden bereits an der Wohnungstür erwartet.

»Bitte, meine Herren, kommen Sie herein.«

Frank Borsch und Michael Eckers begrüßten den Mann mit einem knappen Händedruck und folgten ihm in den Wohnraum.

»Setzen Sie sich doch.«

Die beiden Beamten des KK 11 nahmen auf dem bunt gemusterten Sofa Platz.

»Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Radermacher, Volker Radermacher. Ich bin der Sozialarbeiter, der sich um Elvira kümmert. Eigentlich bin ich Krankenpfleger. Aber ich kümmere mich auch um all die anderen Sachen. Ich gehe mit den Behinderten zu den Ämtern, halte den Kontakt zu ihren Angehörigen, soweit sie welche haben, mache Ausflüge, koche mit ihnen. Was halt so anliegt. Im Augenblick bin ich gerade alleine. Die anderen aus der Wohngemeinschaft sind arbeiten. Möchten Sie einen Kaffee? Damit lässt es sich leichter reden. Schlimme Geschichte. Ich mache mir wirklich Sorgen. Also Kaffee?«

Ecki sah Frank an, der nickte.

»Dauert nur einen Augenblick. Bin gleich zurück.«

Während der Mann in der angrenzenden Küche verschwand, sahen sich die beiden Ermittler um.

Der Raum war hell und freundlich eingerichtet. An den Wänden hingen zwei Bilder mit großen Mohnblumen. Auf einer Anrichte aus Naturholz standen ein Flachbildschirm und eine Musikanlage.

»Nett.« Ecki stand auf und ging zum Fenster. »Und du bist hier mitten im Geschehen.«

»Das ist auch unser Konzept.« Der kräftige, etwas behäbig wirkende Krankenpfleger setzte das Tablett mit den Kaffeetassen auf den Wohnzimmertisch.

»Wie meinen Sie das?«

Volker Radermacher setzte sich und zog das Hemd glatt, das über seinem Bauch spannte. »Früher hat man die Behinderten einfach weggesperrt. Wir gehen seit einigen Jahren konsequent den umgekehrten Weg. Die Menschen, die uns anvertraut werden, sollen am öffentlichen Leben teilhaben können wie jeder andere auch. Deshalb sind unsere Wohngruppen über die ganze Stadt verteilt.«

»Geht das überhaupt?« Ecki rührte in seinem Kaffee.

»Viele sind mobil und können sich selbst helfen. Zumindest eingeschränkt. Entweder leben wir Betreuer im Schichtdienst mit in der Wohnung, oder unsere Behinderten sind in der Lage, zwischendurch auch alleine zurechtzukommen. Das geht natürlich nicht bei Leuten, die so eingeschränkt sind, dass sie Vollzeitpflege brauchen. Sie haben wohl wenig Kontakt zu behinderten Menschen, oder?«

Eckers hob die Hände. »Ehrlich gesagt ...«

Volker Radermacher lächelte. »Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Ich weiß sehr wohl, dass es noch ein weiter Weg ist, bis so eine Frage niemanden mehr in Verlegenheit bringt.«

»Ihnen ist zuerst gar nicht aufgefallen, dass Frau Theissen nicht zu Hause war?« Frank Borsch sah den Betreuer aufmerksam an.

Das runde Gesicht des Sozialarbeiters verdunkelte sich. »Wir sehen hier alle zwei, drei Tage nach dem Rechten. Mehr geht im Augenblick nicht. Die vier hier kommen eigentlich ganz gut klar.«

»Wann haben Sie gewusst, dass etwas nicht stimmt?«

»Jürgen hat mich gefragt, wann Elvira von ihrer Mutter zurückkommt. Das hat mich sehr gewundert, denn Elvira hatte ihre Mutter erst vor einer Woche gesehen. Der Kontakt ist nicht ganz so eng, wissen Sie.«

»Wer ist Jürgen?«

»Einer der vier aus dieser Wohngruppe.« Volker Radermacher deutete vage in den Raum. »Am gleichen Vormittag kam der Anruf aus der Werkstatt, wo Elvira bleibe.«

»Elvira arbeitet wo?« Eckers machte sich Notizen.

»In Hemmerden. Die Werkstatt nimmt das sehr genau. Die Behinderten werden dort wie ganz normale Arbeitnehmer behandelt. Wer fehlt, muss das begründen. Mit einem Attest zum Beispiel. Wer mehrfach fehlt, bekommt eine Abmahnung. Das kann bis zur Entlassung gehen.«

Frank stutzte. Der Leiter der Werkstatt für Behinderte in Grevenbroich war Wimo, der Bassist seiner Band.

Ecki sah Radermacher erwartungsvoll an. »Und was haben Sie getan, nachdem Sie ihr Verschwinden bemerkt haben?«

Die Frage schien den Mann nervös zu machen. Unruhig veränderte er seine Sitzhaltung. »Ich habe sofort meinen Arbeitgeber und die Polizei informiert, wie es die Vorschriften in so einem Fall vorsehen. Das ist doch klar.«

»Sonst haben Sie nichts getan? Haben Sie nicht nach ihr gesucht? Oder sind Sie hier in der Wohnung geblieben?«

Radermacher beugte sich vor, nahm die Kaffeetasse, um sie gleich wieder auf den Tisch zurückzustellen. »Wir hatten eine Besprechung. Was hätte ich denn tun sollen? Ich konnte doch auch nur warten.«

»Wie haben die anderen auf die Nachricht reagiert, dass ihre Mitbewohnerin weg ist?«

»Herr Kommissar, Behinderte haben oft ein anderes Zeitempfinden und eine ganz eigene Vorstellung vom Miteinander. Ich denke, sie haben es registriert. Dann waren ihnen aber andere Dinge wichtig. Wohin wir in Urlaub fahren, zum Beispiel. Oder wer mal wieder in der Küche nicht aufgeräumt hat. – Werden Sie sie denn finden? Ihre Mutter macht sich große Sorgen um sie.«

»Bislang haben wir noch keinen Anhaltspunkt. Können wir ihr Zimmer sehen? Und ein Foto von ihr?« Michael Eckers wurde langsam ungeduldig.

Volker Radermacher stand auf. »Kein Problem, kommen Sie. Im Schrank müssen noch Fotos von unserem letzten Ausflug liegen. Ich weiß nur nicht, ob Elvira auf dem Bild alleine abgebildet ist.«

Am Ende eines schmalen Flurs blieb der Betreuer stehen und zeigte auf eine Tür. »Hier ist es.«

Das Zimmer von Elvira Theissen war ebenfalls hell eingerichtet. An den Wänden hingen zahlreiche Poster und Fotos von Tokio Hotel. Das gemachte Bett war fest in der Hand von zahlreichen ordentlich aufgereihten Plüschtieren. Auf dem Nachttisch lagen bunte Haarbänder neben Diddl-Mäusen und einer Haarbürste. Auf dem Fensterbrett noch mehr Stofftiere. Auf einem kleinen Sideboard stand eine Musikanlage, davor lagen aufgeschlagenen CD-Hüllen.

»Elvira war ein großer Fan von Tokio Hotel.«

»Meine Tochter liebt Bill und Tom auch«, sagte Ecki.

»Wenn es nur beim Schwärmen bliebe«, seufzte Radermacher. »Aber wenn jemand immer nur ein Stück hört, und das noch in einer Lautstärke, dass andauernd die Nachbarn vor der Tür stehen, dann kann ich auf diese Musik gut verzichten.«

»Ich weiß genau, wovon Sie sprechen.«

»Elvira mag Musik also sehr gerne?« Frank war an das Sideboard getreten und begutachtete die kleine CD-Sammlung.

»Ja. Sie liegt oft stundenlang auf ihrem Bett und hört CDs. Gott sei Dank mittlerweile auch über Kopfhörer.«

»Spielt sie ein Instrument? Macht sie selbst Musik?«

Volker Radermacher runzelte die Stirn. »Jedenfalls nicht nach Ihren Maßstäben, vermute ich mal. Oder was verstehen Sie unter Musik machen? Wenn Sie zum Beispiel einfache Rhythmen meinen, auf Congas gespielt, das ist sicher kein Problem. Vielleicht auch eine Melodie. Das hängt immer von der Art der Behinderung ab.«

»Hm.«

»Sie werden sie doch finden, oder?«

Statt auf die Frage einzugehen, öffnete Frank Borsch den Schrank. »Was hatte sie am Tag ihres Verschwindens an?«

Radermacher trat neben Frank. »Lassen Sie mal sehen.« Er fuhr mit der Hand über die Kleidungsstücke, kontrollierte die T-Shirts, Pullover und die ordentlich aufeinandergelegte Unterwäsche. Dann schloss er die Schranktür.

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich glaube, es fehlen ihre dunkelblaue Jogginghose und ein rotes Shirt.«

Frank und Ecki wechselten einen schnellen Blick.

»Und Frau Theissen kann problemlos allein leben?«, fragte Michael Eckers. Er hatte den Eindruck, dass Radermacher nicht länger als nötig in dem Zimmer bleiben wollte.

Der Betreuer nickte und hob eine Augenbraue. »Nur weil Elvira behindert ist, heißt das nicht, dass sie hilflos ist, Herr Kommissar. Behinderung ist nicht gleich Behinderung. Elvira ist in großem Umfang in der Lage, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Wir müssen natürlich immer wieder Dinge mit unseren Bewohnern einüben. Busfahren zum Beispiel, aber vieles schleift sich mit der Zeit so ein, dass wir nicht immer aufpassen und dabei sein müssen. Sie sind auf ihre Art sehr autonom. Viele sind gerne mit dem Bus in der Stadt unterwegs. Wir müssen uns selbst immer wieder daran erinnern, dass wir die ›Menschen mit besonderen Bedürfnissen‹ nur dort abzuholen brauchen, wo sie stehen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Menschen mit besonderen Bedürfnissen?«

»Die Bezeichnung beschreibt viel treffender, um was es geht. Ich finde das Wort ›Behinderte‹ sehr diskriminierend. Was heißt schon ›behindert‹? Sind Behinderte nicht einfach nur anders behindert als wir angeblich so normalen Menschen?«

»Okay. Ich habe schon verstanden, Herr Radermacher. Lassen Sie uns wieder ins Wohnzimmer gehen. Wir haben noch ein paar Fragen.«

»Möchten Sie noch einen Kaffee?«

Frank und Ecki winkten ab.

Volker Radermacher ging voran, setzte sich wieder in den Wohnzimmersessel und sah die beiden Kommissare erwartungsvoll an.

»Sie haben gerade von der Vorliebe fürs Busfahren erzählt. Hat Elvira Theissen die auch?« Ecki hatte sein Notizbuch aufgeschlagen.

»Absolut. Elvira ist nach der Arbeit oft noch stundenlang in der Stadt unterwegs. Meist zwischen Rheindahlen, Rheydt und Giesenkirchen. Fragen Sie mich bitte nicht, warum. Möglich, dass sie einige der Busfahrer, die auf dieser Linie Dienst tun, besonders mag. Möglich, dass sie die Strecke besonders gerne fährt. Es kann aber auch ganz andere Gründe haben.«

»Ich dachte, Sie kennen Elvira Theissen gut?«

»Selbstverständlich. Allerdings lebt sie noch nicht lange in dieser WG. Ein knappes halbes Jahr. Wir sind im Team im Augenblick etwas unterbesetzt, müssen Sie wissen.« Volker Radermacher machte ein bekümmertes Gesicht. »Auch unser Träger muss sparen. Leider.«

»Ist Elvira Theissen gerne draußen in der Natur?«

»Na ja. Ich denke, nicht mehr oder weniger als andere Menschen auch, Herr Borsch.«

»Sie ist also nicht regelmäßig zum Beispiel im Bresgespark oder im Dohrer Busch unterwegs?«

»Warum fragen Sie ausgerechnet danach? Haben Sie einen Hinweis auf den Aufenthaltsort von Elvira?«

»Ich hätte Sie ebenso gut nach dem Stadtwald fragen können. Auch der liegt an der Strecke der Linien 4 und 14.«

»Ja, stimmt.«

»Wo hat Elvira Theissen denn vorher gewohnt? Bevor sie nach Rheydt gezogen ist?«

»Wechselweise bei ihren Eltern und in verschiedenen Einrichtungen. Dann wurde es aber höchste Zeit, sie auf eigene Füße zu stellen. Alle Beteiligten waren dafür, und deshalb konnte Elvira nach Rheydt ziehen.«

Ecki machte sich eifrig Notizen. »Gibt es jemanden, mit dem Frau Theissen Streit hat, jemanden, mit dem sie nicht klarkommt, vor dem sie möglicherweise sogar Angst hat?«

Volker Radermacher sah den Kommissar erschrocken an. »Sie meinen, jemand könnte Elvira etwas angetan haben?« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Wer sollte so etwas tun?«

»Wir dürfen keine Möglichkeit außer Acht lassen.«

Der Sozialarbeiter nickte irritiert. »Ich kann mir das nicht vorstellen, um ehrlich zu sein.«

»Haben oder hatten die Bewohner dieser WG Stress? Kann es sein, dass Frau Theissen deshalb weggelaufen ist?«

»Auf keinen Fall. Elvira ist wegen ihrer fröhlichen Art bei allen Mitbewohnern beliebt.«

»Hat sie einen Freund?«

»Nein.«

»Können Sie sich vorstellen, dass es außerhalb der WG Menschen gibt, die nicht mit ihr klarkommen?«

»Nein. Wie gesagt, sie ist ein fröhlicher Mensch.«

»Dann ist sie im Umgang also nicht schwierig?«

»Wie meinen Sie das, Herr Kommissar?« Radermachers Augen verengten sich. Er schien die Antwort bereits zu ahnen.

»Nun«, Frank Borsch räusperte sich, »verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber Sie haben selbst von den, ich sage mal, Engpässen bei der Betreuung gesprochen. Auch Sozialarbeiter, Pädagogen und Krankenpfleger sind nur Menschen, die nicht selten unter ganz besonderem Stress stehen. Und es gibt ja genug Beispiele dafür, wie Menschen in Extremsituationen reagieren.« Er sah den Betreuer aufmerksam an.

Volker Radermachers Gesicht rötete sich zusehends. Unwirsch richtete er sich in seinem Sessel auf. »Was wollen Sie damit sagen? Dass wir Bewohner psychisch unter Druck setzen? Oder dass ich Elvira körperlich misshandelt habe und sie deshalb verschwunden ist?«

Michael Eckers versuchte den Mann zu beschwichtigen, dessen Gesicht inzwischen puterrot angelaufen war. »Nehmen Sie die Frage bitte nicht persönlich. Niemand behauptet, dass Sie Ihrer Aufgabe nicht gerecht werden. Es ist nur so, dass wir alle Eventualitäten ansprechen müssen.«

Aber der Sozialarbeiter wollte sich nicht beruhigen. »Wie können Sie so etwas auch nur denken? Niemand in unserer Einrichtung, ich wiederhole: niemand, misshandelt diese Menschen. Damit es gar nicht erst zu Situationen kommt, denen wir nicht gewachsen sein könnten, gibt es genug psychologische Instrumentarien, die frühzeitig greifen. Ich sage nur: Gruppengespräche, Supervision, was immer Sie wollen. Wir sind sehr wohl in der Lage, unsere Bewohner wie auch uns selbst vor Überreaktionen zu schützen. In einem Punkt haben Sie allerdings recht, wir sind keine Maschinen.«

»Wie reagiert Elvira auf Menschen, denen sie begegnet? Ist sie, verzeihen Sie den Ausdruck, aber mir fällt da gerade kein passenderer ein, ›zutraulich‹ zu Fremden?«

Volker Radermacher atmete tief ein und aus und sah dann Frank lange an. »Sie wissen ziemlich wenig über Behinderte, Herr Borsch.«

»Ich bin Polizist und kein Sozialpädagoge.«

»Menschen mit besonderen Bedürfnissen sind, soweit es ihre Störung und Beeinträchtigung zulässt, ohne Vorurteile. Das wirkt, wie Sie es genannt haben, auf Fremde zutraulich. Sie sind in vielen Dingen offener und direkter als wir. Von daher ist es nicht schwierig, ihr Interesse zu wecken. Das gilt jetzt für Menschen mit Down-Syndrom. Gleichzeitig haben diese Menschen aber auch einen ausgeprägten Willen.«

»Hm.«

»Das ist zunächst einmal nur ein Wesenszug. Gleichzeitig stellt er aber die empfindlichste Stelle in ihrem Charakter dar.«

»Es wäre aber denkbar, dass sich Elvira Theissen unter bestimmten Voraussetzungen und in speziellen Situationen ›manipulieren‹ lässt?«

»So ist es.«

»Interessant.«

»Hören Sie, ich habe ganz stark den Eindruck, dass Sie mehr über das Verschwinden von Elvira wissen, als Sie zugeben wollen. Da stimmt doch etwas nicht.« Volker Radermacher ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Wo ist Elvira?«

»Können Sie mir bitte eine Kopie Ihrer Dienstpläne besorgen?« Ecki klappte sein Notizbuch zu. »Wir möchten wissen, wer von den Betreuern wann in dieser Wohnung seine Schicht versehen hat.«

»Wozu soll das gut sein?«

»Wir wollen alles über Elvira Theissens Lebensumstände erfahren. Erst wenn wir ihre Gewohnheiten kennen, ihre Vorlieben, ihre Abneigungen und ihre Bezugspersonen, haben wir die Chance auf einen tragfähigen Ermittlungsansatz.«

»Und dazu brauchen Sie unsere Dienstpläne, ja? Sie meinen immer noch, dass wir etwas mit dem Verschwinden von Elvira zu tun haben. Ja?«

»Sie wollten uns noch ein Foto von Elvira mitgeben.«

Frank Borsch blieb auf dem Weg zu ihrem Auto einen Augenblick unschlüssig auf der Straße stehen. »Dieser Radermacher ist schon ein komischer Vogel, Ecki.«

»Typischer Sozialarbeiter eben: meinen alles zu wissen und zu allem die einzig richtige Antwort zu kennen, dabei leben sie in einer ganz kleinen, eigenen Welt und haben vom richtigen Leben keine Ahnung. Komm, Frank, lass uns einen Kaffee trinken, bevor wir ins Präsidium fahren.« Er deutete auf das Möbus-Café gegenüber.

Frank Borsch tippte auf das Foto in seiner Hand. »Die Tote ist tatsächlich Elvira Theissen.«

»Das denke ich auch.«

»Lass uns zu dem Feuerwehrmann fahren.«

Ecki seufzte ergeben. Eigentlich hatte er gehofft, nicht nur einen Kaffee zu bekommen, sondern auch noch ein oder besser zwei frische Hefeteilchen. »Ich hatte heute noch nichts Süßes. Ich brauche jetzt meinen Zucker.«

»Später, Ecki, später.«

Die Frau öffnete nur zögernd die schmucklose Glastür und sah die beiden misstrauisch an. »Ja?«

Frank und Ecki stellten sich vor. »Dürfen wir reinkommen? Wir würden gerne mit Ihrem Mann sprechen.«

Das Gesicht der stämmigen Frau wurde noch abweisender. Sie machte keine Anstalten, die beiden Beamten hereinzulassen. »Er kann Ihnen nichts mehr sagen. Er hat Ihren Kollegen schon alles erzählt. Seit der Sache spricht er kaum noch. Es war einfach zu viel für ihn. Er sitzt nur da und starrt in den Garten. Sie gehen besser wieder.«

»Wir haben nur ein paar Fragen. Das muss sein. Es geht auch ganz schnell.« Ecki nickte aufmunternd.

Hans-Georg Lambertz saß auf einem weißen Plastikstuhl auf der winzigen Terrasse seines Gartenhauses und drehte den beiden Kriminalhauptkommissaren den Rücken zu. Er trug eine fadenscheinige Hose, die im Sitzen den Blick auf seine weißen Unterschenkel freigab, die in derben Schuhen steckten. Das ausgeblichene Hemd war grau gemustert. Neben ihm auf dem Boden stand ein leerer Becher. Er rührte sich nicht, obwohl er das Quietschen des Gartentores gehört haben musste.

Lambertz’ Garten war groß. An den Rändern standen unterschiedlich große Rhododendren. Im hinteren Teil lagen mit Buchsbaum umsäumte Staudenbeete. Zu ihnen wand sich über den Rasen ein gepflasterter Weg. Ein Sitzplatz wurde von Kletterrosen schattig gehalten.

»Schöner Garten.« Ecki nickte Lambertz freundlich zu.

Der Feuerwehrmann reagierte nicht.

Frank konnte sehen, dass sich zwischen Lambertz’ kurz geschorenen Haaren Schweißperlen gebildet hatten. »Ziemlich warm heute, was?«

Auch darauf erwiderte Lambertz nichts.

»Wir kommen wegen der Sache im Dohrer Busch.«

Keine Reaktion.

Die Kommissare wechselten einen fragenden Blick.

»Können Sie uns bitte noch einmal schildern, was Sie im Wald erlebt haben, Herr Lambertz? Es ist sehr wichtig für unsere Ermittlungen.« Ecki war versucht, dem Feuerwehrmann die Hand auf die Schulter zu legen.

»Hab ich Ihnen doch gesagt, dass es keinen Zweck hat«, klang es unwirsch aus dem Hintergrund, »er –«

Noch bevor Frank etwas sagen konnte, hob Hans-Georg Lambertz die Hand. Sofort verstummte seine Frau.

»Schön, dass wir Sie besuchen dürfen, Herr Lambertz.« Frank sprach absichtlich etwas lauter. »Es wird richtig heiß heute, nicht? Aber, wie soll ich sagen? Als Feuerwehrmann sind Sie so hohe Temperaturen ja gewohnt.« Frank versuchte seiner Stimme einen vertraulichen Klang zu geben.

»Wir hatten den Auftrag, die Arbeit zu machen.« Lambertz sprach mehr zu sich selbst als zu den Ermittlern.

»Was genau mussten Sie tun?«, fragte Frank vorsichtig.

Lambertz starrte in seinen akkurat getrimmten Garten, als könne er an den dicken Blättern der Rhododendren seinen Text ablesen. »Karin, bring uns Kaffee.«

Während Frank darauf wartete, dass Lambertz weitersprach, hörte er das Gartentor quietschen.

Schließlich wurde Ecki die Pause zu lang. »Ein richtiges Paradies haben Sie hier.«

Hans-Georg Lambertz machte eine unbestimmte Geste.

»Was war Ihre Aufgabe?« Frank versuchte es erneut.

»Es gab nicht genug Dipel.« Lambertz musste um jede Silbe kämpfen.

»Dipel?« Frank sah Ecki fragend an.

»Gegen die Raupen.« Lambertz presste die Worte hervor.

»Das verstehe ich nicht.«

Der Feuerwehrmann atmete schwer. »Eichenprozessionsspinner. Die Raupen fressen die Blätter. Hatten wir im Dohrer Busch doch schon mal. Die Bäume sehen aus, als würden sie unter dichten Spinnweben ersticken. Jeder Ast, jedes Blatt, der ganze Baum ist mit grauem Gespinst überzogen. Grauenhaft.«

»Sollen wir eine Pause machen?«

»Nein. Aber ich habe das doch schon alles gesagt.«

»Wir können Ihnen das leider nicht ersparen.« Nun legte Ecki doch eine Hand auf Lambertz’ Schulter. »Noch das kleinste Detail kann wichtig sein.«

Aus Lambertz’ Mund kam ein kehliges: »Sie hat da gelegen. Und …« Der Feuerwehrmann brach ab.

Ecki verstärkte den Druck auf Lambertz’ Schulter. Er wollte ihm damit Mut machen.

»Sie hat am Boden gelegen. Unter dem Haufen Laub. Überall waren diese Raupen. Und ich sollte, ich wollte doch den Baum und den Boden abflämmen. Weil ja nicht genug von dem Dipel, diesem Insektizid, da war. Und das Grünflächenamt drängte. Ja, und deshalb haben wir mit Flammenwerfern gearbeitet. Damit wollten wir die Raupen töten und die Nester vernichten. Damit sie sich nicht noch weiter ausbreiten.« Hans-Georg Lambertz schlug die Hände vors Gesicht. »O Gott.«

Frank atmete tief ein und aus. Es half alles nicht. »Ich kann mir vorstellen, was in Ihnen vorgeht.«

Lambertz nahm die Hände vom Gesicht.

»Zuerst ging es zügig voran. Wir waren uns sicher, dass wir das in den Griff bekommen. Wenn die Raupen erst einmal vernichtet sind, erholen sich die Eichen wieder. Wir wollten verhindern, dass noch mehr Bäume befallen werden.« Lambertz machte erneut eine unbestimmte Handbewegung.

»Feuer ist die einzige Lösung?«

»Normalerweise wird Dipel versprüht. Sogar vom Hubschrauber aus. Aber diesmal war nicht ausreichend zu bekommen. Jedenfalls nicht so schnell. Die haben ja nur ein kleines Zeitfenster, um auf die Raupen reagieren zu können. 2003 war es besonders schlimm. So weit sollte es diesmal nicht kommen. Wir sollten nur das Karree um das Waldstück Dohrer Busch bearbeiten. Hätte das Amt nur genug Dipel besorgen können.«

»Kaffee?«

Die beiden Ermittler verneinten. Karin Lambertz zuckte mit den Schultern und füllte den Becher ihres Mannes bis zum Rand.

Hans-Georg Lambertz schien seine Frau nicht einmal zu bemerken. »Ich habe dann auf die Nester draufgehalten. Sie waren überall am Boden. Und besonders viele waren auf dem Haufen. Das Laub war kaum noch zu erkennen, so voller Raupen war der Boden.« Er schüttelte den Kopf, als könne er immer noch nicht glauben, was er erlebt hatte.

»Hans-Georg.« Karin Lambertz sah ihren Mann sorgenvoll an und stellte den Becher auf den Boden zurück.

Er winkte ab. »Die Nester und das Laub brannten sofort. Und dann habe ich ihr das Gesicht weggebrannt.«

Der unerwartet klar ausgesprochene Satz ließ seine Frau zusammenzucken.

»Ihre Kleider fingen sofort Feuer. Die ganze Frau stand in Flammen. Als wäre sie mit Benzin übergossen gewesen. Wir haben sofort gelöscht.«

Frank schluckte. »Sie hat noch ein paar Stunden gelebt. Aber Sie sind nicht schuld daran, Herr Lambertz. Auf die Frau ist geschossen worden. Vermutlich ist sie an den Folgen der Schussverletzungen gestorben.«

Hans-Georg Lambertz rieb sich mit den Händen langsam übers Gesicht. »Das macht keinen Unterschied. Ich habe sie verbrannt. Ich habe einen Menschen verbrannt. Sie hätten die Flammen sehen sollen. Sie hat gebrannt wie Zunder.«

Richard Leenders beugte sich vor und schnippte die Asche von seiner Zigarette. »Elvira Theissen wäre möglicherweise an ihren Schussverletzungen gestorben. Oder an ihren Brandverletzungen. Aber letztlich war es der anaphylaktische Schock, der zum Tod geführt hat.«

»Heißt?« Frank wollte das Gespräch mit dem Pathologen möglichst kurz halten. In Gegenwart von Leenders fühlte er sich aus einem unerfindlichen Grund stets unwohl. Vermutlich hing das mit dem Geruch und dem Bild der Pathologie zusammen, die er mit dem Mediziner verband.

»Bei Insektengiftallergikern reagiert das Immunsystem überempfindlich auf das Gift von Wespen oder Bienen oder ebendiesen Eichenprozessionsspinnerraupen. Innerhalb kürzester Zeit kann es bei einer Allergie auf Insektengift zu lebensgefährlichen Symptomen wie Blutdruckabfall, Herzrasen, Schwächegefühl oder Atemnot bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen. Wenn dann nicht ein Notarzt mit Adrenalin, Kortison und einem Antihistaminikum zur Stelle ist, dann wird’s ganz, ganz eng. Dazu noch die Schussverletzung. Ende aus, Mickymaus.«

»Mhm.«

»Ich kann auch ausführlicher.« Leenders grinste.

Frank nickte nur.

»Die Raupen der Nachtfalter bilden irgendwann im Larvenstadium die gefährlichen weißen Gift-, Pfeil- oder Nesselhaare. Die haben Widerhaken und enthalten das auf Eiweißbasis aufgebaute Gift Thaumetoporin. Die Nesselhaare können beim Menschen heftige allergische Reaktionen auslösen. Unter ›normalen‹ Bedingungen kann ein Kontakt mit dem Nesselgift drei Wochen Probleme bedeuten. Juckreiz ist noch die harmloseste Variante, kann ich euch sagen.«

»Das kann echt dramatische Ausmaße annehmen.« Eckis Eltern hatten 2003 neben ihrem Ponyhof im Hardterwald eine große Fläche, die von solchen Raupen befallen war. Wochenlang hatte sich niemand mehr auf ihr Gelände getraut.

»Waldarbeiter können auch ein Lied davon singen.«

Frank musste an Lambertz denken. »Die Brandverletzungen waren also nicht tödlich?«

Leenders zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte sie dann im Aschenbecher aus. »Es waren schwere Verbrennungen, keine Frage. Aber tödlich? Das kommt letztlich auch immer auf die Konstitution der Betroffenen an. Ich denke, dass der allergische Schock die Todesursache war. Jedenfalls haben wir in ihrer Lunge keine massiven Verletzungen durch Rauchgas festgestellt. Aber es müssen Hunderte Raupen auf Elvira Theissen gesessen haben.«

»Wie kommen die so schnell in dieser Menge auf ihren Körper?« Ecki sah Leenders fragend an.

»Keine Ahnung. Vielleicht hat ja jemand einen Eimer voll gesammelt und über sie ausgekippt. Wenn nicht sogar zwei Eimer.«

»Wurde sie am Fundort angeschossen?«

»Wir haben keine entsprechenden Spuren gefunden.«

»Nichts?«

»Sie war an Händen und Beinen gefesselt. Mit Schnur aus einer Motorsense. Die Spurenlage ist eindeutig.«

»Das heißt?« Frank sah Leenders ungeduldig an.

»Dass ihr jetzt genug Material für eure Arbeit habt. Ich habe meinen Job gemacht. Sucht einen Naturfreund, der sich mit Insekten und Allergien auskennt. Oder einen perversen Spinner, der Spaß am Foltern hat. Elvira Theissen hat das mit den Raupen bei vollem Bewusstsein erlebt. Unabhängig von den Schussverletzungen: Das arme Geschöpf muss richtig gelitten haben.«

»Ist sie auch missbraucht worden?«

Leenders machte ein bekümmertes Gesicht. »Das kann ich euch nicht mit Bestimmtheit sagen.«

»Was hat das nun wieder zu bedeuten?«

»Ich habe keine Spuren gefunden.«

»Warum sagst du das nicht gleich?« Du bist und bleibst ein Arsch, dachte Frank.

»Brauchst gar nicht so blöd zu gucken, Borsch. Ich konnte keine Spuren finden.«

»Weil?« Auch Ecki wurde ungehalten.

»Der Flammenwerfer hat die Haut auch an den Schenkeln verletzt. Außerdem habe ich Spuren einer Lauge gefunden.«

»Einer Lauge?«

»Der Täter hat Elvira Theissen nicht nur mit Raupen überschüttet, sondern ihr vorher auch noch Natronlauge zwischen die Schenkel gekippt.«

»Um seine Spuren zu verwischen?«

Mad Doc Leenders sah nachdenklich auf das Päckchen Tabak, das vor ihm lag. »Oder weil er ihr zusätzliche Schmerzen zufügen wollte.«

»Kannst du das nicht genauer analysieren?«

»Vielleicht. Mal sehen.«

Frank hatte genug. Er wollte so schnell wie möglich an die frische Luft.

»Ist dir nicht gut, Borsch?« Leenders lachte meckernd und begann, Tabak aus dem Päckchen zu zupfen.

»Danke jedenfalls für deine Arbeit.« Ecki wollte neutral bleiben, obwohl auch er seine Meinung zu Leenders hatte.

Der Gerichtsmediziner nickte gönnerhaft. »Immer wieder gerne. Ihr seid mir die Liebsten.«

Frank stieg aus und verschloss den Dienstwagen. Nachdenklich lehnte er sich an die Karosserie. Die Fahrt von der Pathologie bis zum Präsidium war über weite Strecken schweigend verlaufen. Sie hatten sich noch nicht einmal über die Auswahl der Musik gestritten. Dafür hatte Ecki fast eine halbe Tüte Lakritzschnecken verdrückt.

Jetzt stand er neben seinem Kollegen und sah zum frühlingsblauen Himmel hinauf. Genießerisch sog er die frische Luft ein. Wurde Zeit, dass er wieder mit dem Rad zum Dienst fuhr. »Was ist, willst du nicht ins Büro?«

»Wer schießt Elvira Theissen an und schleppt sie dann in den Dohrer Busch?«

»Und wer überschüttet sie eimerweise mit Raupen?«

»Wann und wo ist sie ihrem Mörder begegnet?«

»Im Bus.«

»Wir können doch nicht Tausende Fahrgäste überprüfen.«

»Warum nicht? Das werden wir mit den Verkehrsbetrieben klären. Die NVV haben mittlerweile diverse Überwachungskameras im Einsatz. Und ich will wissen, zu wem Elvira Theissen sonst noch Kontakt hatte. Wir müssen die Behindertenwerkstatt überprüfen. Ich telefoniere nachher mal mit den Neusser Kollegen. Damit die Bescheid wissen.« Ecki sah hinüber zum Eingang F, der zur K-Wache und zur Leitstelle führte, deren Fenster weit offen standen.

»Die Behindertenwerkstatt übernehme ich. Was hat wohl die Bluesharp zu bedeuten?«

»Vielleicht ist sie damit gelockt worden.«

»Die Harp glitzert in der Sonne wie Silber und macht Musik.« Frank nickte nachdenklich.

»Ein schönes Spielzeug.«

»Und toller Schatz.«

»Das musst du als Harpspieler ja wissen.«

»Deine Witze kannste dir sparen. Ich meine das ernst. Wir haben jedenfalls genug Fragen und Arbeit für die MK ›Elvira‹.«

»Habt ihr nix zu tun?«

Frank und Ecki drehten sich um und erstarrten. Was sie sahen, war mindestens so spektakulär wie das Wunder von Bern. Die Fragen um den mysteriösen Tod von Elvira Theissen waren für einen Augenblick vergessen.

»Was glotzt ihr so?«

»Wie siehst du denn aus? Willst du zum Skilaufen? Mitten im Frühjahr?« Ecki musste sich zwingen, nicht laut loszuprusten. Wenn der Archivar der Mönchengladbacher Polizei eines nicht ausstehen konnte, waren das Bemerkungen über seine Figur. Heinz-Jürgen Schrievers brachte stattliche hundertzwanzig Kilogramm auf die Waage. Seinen Bauch schob er unter einer hellen Strickjacke mit Zopfmuster mit der gleichen unerschütterlichen Selbstverständlichkeit vor sich her, mit der er tagaus, tagein braun karierte Filzpantoffeln trug. Im Dienst, wohlgemerkt.

»Eckers, du hast ja keine Ahnung. Geh du ruhig Gewichte stemmen. Ich gehe Walken.« Heinz-Jürgen Schrievers nahm die beiden Aluminiumstöcke hoch und schlug die Enden hörbar gegeneinander. »Dienstsport. Neigungsgruppe Walken.«

Auch Frank konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Brav, Heini, äh, Heinz-Jürgen.«

»Ein bisschen Sport könnte dir auch nicht schaden, Borsch.« Schrievers stützte sich auf die Walkingstöcke.

Gleich brechen die Dinger durch, dachte Ecki.

»Dein Bauch, ein Risikofaktor für Herzinfarkt. Hättest du ›ottokar intern‹ gelesen, wüsstest du Bescheid.«

»Walken in der Strickjacke?« Ecki deutete auf das wollene Ungetüm.

»Ich will meinen Oberkörper warm halten, bevor ich auf die Piste gehe. Reine Vorsichtsmaßnahme.«

Unter der Strickjacke lugte ein giftgrünes T-Shirt hervor, auf dem Frank den Schriftzug Brasil erkennen konnte. Schrievers’ nackte Beine steckten in einer altertümlichen hellen Turnhose. Die viel zu weiten Hosenbeine ließen seine ohnehin schon käsigen Beine noch blasser und knubbeliger erscheinen. Der Höhepunkt waren aber die dunkelblauen Socken, die halb über die stattlichen Waden reichten.

»Is was, Borsch?«, fragte Heinz-Jürgen Schrievers argwöhnisch.

Frank schüttelte angestrengt den Kopf. Wenn Schrievers nicht bald von der Bildfläche verschwand, konnte er für nichts mehr garantieren.

»Ich dachte schon.« Schrievers sah sich um. »Wo die Kollegen bloß bleiben? Wir fahren zum Schloss Rheydt. Oder wir walken an der Niers entlang. Schöne Strecke.«

»Du hast uns gar nichts davon gesagt, dass du abnehmen willst.« Ecki merkte zu spät, was er gesagt hatte.

Aber Schrievers nahm die Andeutung gelassen. »Ich will nicht abnehmen, ich will fitter werden. Gertrud hat schon unseren Küchenbullen angerufen.« Schrievers deutete mit einem Stock Richtung Kantine. »Sie hat ihm ein paar Tipps gegeben für die ›Fit im Job‹-Menüs. Gertrud hat gute Ideen, wenn es ums Kochen geht.« Der Archivar nickte selbstvergessen.

»Ihr seid am Schloss unterwegs?«

Der Archivar nickte.

»Ist das im Augenblick nicht zu gefährlich? Oder gibt es dort keine Eichenprozessionsspinnerraupen?«

»Du meinst diese eingepackten Bäume, die aussehen wie aus einem Horrorfilm?«

Frank nickte.

»Nee, soviel ich weiß, nicht. An der Niers gab’s ein paar davon. Aber das Problem ist längst erledigt. Warum willst du das wissen?«

Frank berichtete Schrievers gerade von den ersten Ermittlungsansätzen, da bog ein Mannschaftswagen um die Ecke, hinter dessen Fenstern Frank einige feixende Gesichter erkannte. Und er sah etwas Gelbes aufblitzen: den Pullunder von Horst Laumen, dem unerbittlichen und staubtrockenen Verwalter aller nur erdenklichen Behördenvorschriften.

»Na, dann viel Spaß. Besonders mit Kollege Laumen. Ich dachte, der fährt nur Fahrrad.«

Frank prustete los.

Schrievers verzog das Gesicht, als habe sein sportlicher Ehrgeiz sich gerade eine Zerrung eingehandelt. »Mir bleibt auch nichts erspart. Wenn ich das gewusst hätte. Seit wann ist der denn dabei?«

Ohne weiter auf seine Kollegen zu achten, machte sich Schrievers daran, in den Mannschaftstransporter zu klettern.

Frank sah auf seine Armbanduhr. »Ich fahre jetzt zur Werkstatt. Wimo muss mir helfen.«

Ecki sah Frank erstaunt an. »Jetzt noch?«

»Mir lässt das keine Ruhe. Ich will mehr über das Leben von Elvira Theissen wissen.«

Ecki seufzte. »Na gut, und ich kümmere mich um ihren Vormund. Vielleicht hat er Infos, die uns weiterbringen.«

Frank nickte. »Rechne heute nicht mehr mit mir. Von der Werkstatt aus fahre ich mit Wimo direkt zur Probe.« Ihm fiel noch etwas ein. »Und ruf Carolina an. Erzähl ihr das mit der Lauge.«

Der Bassist von STIXS machte ein erstauntes Gesicht, als Frank in der Tür stand. »Grüß dich, setz dich, willst ’nen Kaffee?«

Frank schüttelte den Kopf und nahm am Schreibtisch Platz. »Ich bin dienstlich hier.«

»Schon klar: kein Kaffee im Dienst. Polizeibeamte trinken nicht.« Der Leiter der Werkstatt für Behinderte grinste.

»Im Ernst, ich bin dienstlich hier, Wimo. Es geht um Elvira Theissen.«

»Elvira Theissen? Muss ich die kennen?« Wilfried »Wimo« Moll runzelte die Stirn.

»Sie ist behindert und hat bei dir gearbeitet.«

»Natürlich, Elvira. Jetzt weiß ich’s wieder. Sie arbeitet in der Wäscherei. Elvira ist ’ne Nette. Sie ist vor ein paar Tagen nicht zur Arbeit erschienen. Meine Leute haben ihren Betreuer angerufen. Ist ihr was passiert?«

»Elvira Theissen ist tot.« Frank schilderte seinem Freund kurz die wichtigsten Fakten.

»Mein Gott, wer tut so was?« Wilfried Moll lehnte sich in seinem Drehsessel zurück.

»Deshalb bin ich hier, Wimo.«

»Was willst du wissen?«

»Seit wann war sie bei euch? Mit wem hatte sie Kontakt? War sie mit der Arbeit zufrieden? Hat sie sich mal über jemanden beschwert? Hat es vielleicht Streit gegeben?«

»Elvira war immer gut drauf. Wenn ich sie auf dem Weg durch die Werkstatt getroffen habe, hat sie immer ihre Späßchen mit mir gemacht. Immer hat sie gelacht. Mein Gott, und jetzt ist sie tot. Ich fass es nicht.« Der Werkstattleiter sah aus dem Fenster seines Büros, das direkt am Eingang des großzügigen Werkstattgeländes lag.

»Hat es vielleicht doch irgendwann mal Probleme gegeben?«

Wilfried Moll schüttelte den Kopf. »Meines Wissens nicht. Sie hat gut in unser Team gepasst. Die Arbeit hat sie schnell gelernt, sie war ihr nicht zu viel. Und sie hat ihr auch Spaß gemacht. Soweit ich das mitbekommen habe.«

»Absolut keine Auffälligkeiten?«

»Nee. Außer dass sie aufgeregt war, als sie wusste, dass sie in eine eigene Wohnung ziehen kann. Am Anfang hat sie das ständig allen möglichen Leuten erzählt. Und mich hat sie dauernd mit der Frage gelöchert, ob ich denn meine, dass sie das schaffen wird. Sie hat immer wieder die Telefonnummer von ihrem Betreuer aus der Tasche gezogen und erklärt, dass sie bei Problemen einfach nur ihren Volker anrufen muss. Der würde ihr immer helfen.« Wilfried Moll nickte nachdenklich. »So sind sie, die Menschen mit Behinderungen. Das muss man wissen. Sonst können sie einem ganz schön auf die Nerven gehen mit ihren Ticks.« Er lächelte seinen Bandkollegen an. »Ich kann mir trotzdem keine schönere Arbeit vorstellen.«

»Wenn sie so fröhlich war, hat man sicher schnell Kontakt zu ihr bekommen.«

Moll seufzte. »Leute mit Down-Syndrom lassen sich in aller Regel leicht für etwas begeistern. Sie sind auf alles neugierig. Es gibt aber auch Situationen, in denen sie einen gehörigen Dickkopf entwickeln können. Das muss man im Umgang mit ihnen berücksichtigen.«

Frank horchte auf. »Dann ist die Kontaktaufnahme doch nicht so einfach? Muss man dafür irgendwie geschult sein?«

Wilfried Moll nickte bedächtig. »Du meinst?«

»Es wäre möglich, dass der Täter aus dem Umfeld von Elvira Theissen kommt. Dass es jemand ist, den sie kannte und dem sie vertraute.«

»Jemand hier aus der Werkstatt?« Wimos Augen verengten sich. Er atmete hörbar ein und aus. »Frank, bei uns arbeiten über sechshundert Behinderte, die zum Teil schwerst mehrfachbehindert sind. Nein, ich kann mir das bei keinem meiner Leute vorstellen. Außerdem haben wir einen Verhaltenskodex entwickelt, verbindliche Regeln für den Umgang der Angestellten mit unseren behinderten Mitarbeitern, da haben Täter, welcher Art auch immer, keine Chance. Wir tun alles, damit so was nicht passiert. Aber was Menschen mit Down-Syndrom betrifft: Um ihre Neugierde zu wecken, musst du nicht unbedingt Fachmann sein.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine nur, dass behinderte Menschen oft wie Kinder sind. Sie lassen sich leicht ablenken und beeinflussen. Körperkontakt ist vielen ganz wichtig.«

»Wodurch lassen sie sich zum Beispiel ablenken?«

»Das kann alles Mögliche sein. Kleinigkeiten oft. Dinge, die uns selbst auf den ersten Blick nicht so wichtig erscheinen. Ein Allerweltsgegenstand. Ein Buch, ein Bild, eine Feder, irgendwas.«

Frank zögerte einen Augenblick, bevor er es aussprach. »Das kann auch eine Mundharmonika sein?«

Wimo stutzte. »Das kann auch eine Mundharmonika sein, klar.«

»Bei der Toten haben wir nämlich eine Mundharmonika gefunden. Noch ist nicht klar, ob sie ihr gehört hat. Die Auswertung der Spuren ist noch nicht abgeschlossen.«

Wilfried Moll nickte. »In der Wäscherei steht ein Kofferradio. Elvira hat oft zu der Musik gesungen. Ich weiß, dass sie besonders gerne WDR4 gehört hat. Zu ihrem letzten Geburtstag haben ihr die Leute aus der Werkstatt eine CD mit Schlagern geschenkt. Außerdem mochte sie Tokio Hotel. So eine Mundharmonika ist für Elvira bestimmt ein geheimnisvolles Ding gewesen. Wenn sie sie von jemandem geschenkt bekommen haben sollte, wird derjenige sicher leichtes Spiel mit ihr gehabt haben.«

»Wir werden sehen. Ich brauche möglichst bald eine Aufstellung aller nichtbehinderten und behinderten Mitarbeiter, die Kontakt zu Elvira Theissen hatten.«

»Kein Problem. Wird aber eine kleine Weile dauern.«

»Bis morgen?« Frank stand auf.

»Bis morgen.«

»Ich fahre jetzt zum Proberaum. Kommst du mit?«

Der Bassist schüttelte den Kopf. »Später. Ich muss noch ein paar Telefonate führen.«

»Du bist dir ganz sicher?« Frank legte die Hand über den Hörer und sah Ecki an. »Linder kann auf keinem der vorhandenen Bilder Elvira Theissen erkennen.«

Ecki verzog enttäuscht das Gesicht.

»Okay, Torsten, war ein Versuch.« Frank legte auf.

»Nix?«

»Null. Die Stadtwerke dürfen mit ihren Kameras nur den unmittelbaren Haltestellenbereich aufnehmen. Viele Bilder sind zudem teilweise geschwärzt, wegen des Datenschutzes.«

»Wenn die Bilder nicht gespeichert werden dürfen, woher stammen sie dann?«, wunderte sich Ecki.

Frank grinste schief. »Vorschrift und Wirklichkeit. Angeblich sind die Aufnahmen versehentlich liegen geblieben. Wenn wir nicht gekommen wären, hätte man sie aber schon längst gelöscht. Sagt der zuständige Techniker.«

»Und? Was jetzt?«

»Das Übliche: Fahrgäste befragen, die Anwohner am Dohrer Busch, Radfahrer. An Hundebesitzer Handzettel verteilen. Eine Behinderte muss dort doch auffallen. Von der Bushaltestelle an der Schule für Lernbehinderte ist es schon noch ein Stück Weg bis zum Wäldchen.«

»Was ist mit dem Freibad Giesenkirchen?«

»Das ist doch geschlossen, soweit ich weiß.« Frank gähnte. »Aber wir können den Hausmeister dort fragen, klar. Genauso wie die Tennisspieler nebenan.«

»Mir geht die Mundharmonika nicht aus dem Kopf.«

»Ich denke, es ist so, wie Wimo erzählt hat: Die Harp hatte das gewisse Etwas. Der Klang, das glänzende Blech.«

»Und man kann sie unauffällig in die Tasche stecken oder sie daraus hervorzaubern.« Ecki nickte. »Ideal, um auf sich aufmerksam zu machen.«

»Wenn man dann noch eine Melodie darauf spielen konnte, war man für Elvira bestimmt der Star.«

Ecki rieb sich die Schläfen. »Ich habe Kopfschmerzen. Ich glaube, ich werde krank. Und das bei dem Wetter.« 

Mieser konnte der Tag nicht beginnen: Ecki lag immer noch mit Grippe im Bett, der Dienstwagen war zur Inspektion in der Schirrmeisterei, und es regnete Bindfäden.

Ende der Leseprobe