Beschreibung

Benjamin lebt mit seiner Mutter allein, die Wohnung in der Siedlung am See ist klein, den Hund, den er gerne hätte, kriegt er nicht. Als er Joachim davon erzählt, will der sich einen schenken lassen, am besten zwei, aber Benjamin findet, Hunde sind fast wie Menschen und kein Geschenk. Eines Tages begegnet Benjamin Herrn Agostini, einem alten Mann aus der Nachbarschaft, auch er wollte sein Leben lang einen Hund. Früher als er ist seine Frau nach einem Sturz ins Pflegeheim umgezogen, jetzt hat er endlich einen, Hemingway heißt er. Aber Herr Agostini ist nicht mehr gut auf den Beinen, er weiß nicht, was aus »Hem« werden soll. Ähnlich wie Karin, die gerne wüsste, wer sich um ihren Hund kümmert, wenn ihr was zustößt, wie sie sagt. Karin ist krank, sie hat Schmerzen, niemand weiß davon. Im Baumarkt kauft sie eine Leiter, vom Nachbarn borgt sie eine Bohrmaschine … Eva Schmidt erzählt so mitfühlend und bedacht, so teilnehmend und zurückhaltend von den kleinen Dingen des Lebens, als wären sie groß, von den großen, als wären sie klein. Sie erzählt davon, wie wir leben, allein und miteinander, und wie wir uns dabei zuschauen.

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Ein langes Jahr

© 2016 Jung und Jung, Salzburg und Wien

Umschlagfoto: © Stefanie Schneider, »Bourbon (Suburbia)«, 2004

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-99027-080-6eISBN 978-3-99027-147-6

EVA SCHMIDT

Ein langes Jahr

Roman

Am Fenster zu stehen und den Kopf in die Luft zu strecken, machte ihn sehnsüchtig. Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.

Robert Walser, Die Rose

(1) Früh am Morgen

Über Nacht hatte es etwas abgekühlt. Die Luft war klar, keine Wolke am Himmel über dem See. Nur über dem Berg ein paar weiße Wolken, wie Rauch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es gab wenig Wind, das Wasser plätscherte kaum hörbar an die Pfähle der in den See gebauten Badeanstalt, die früher zu einem Militärstützpunkt gehört hatte, inzwischen aber öffentlich zugänglich war. Der Steg zum Eingang der Badeanstalt war erneuert worden, die Planken waren heller als die verwitterte Holzfassade des Gebäudes. Noch war die Kassa nicht besetzt. Im Wasser, wie kleine Türmchen aufragend, trieben drei Bierflaschen.

Von einer Feuerstelle am Ufer stiegen Rauchschwaden auf. Ganz in der Nähe saßen zwei Menschen. Ein Mann und eine Frau. Ein junger Mann und eine junge Frau. Sie bewegten sich, als würden sie etwas einpacken. Und bald erhoben sie sich, entfernten sich von dem Platz, wo sie vermutlich geschlafen hatten. Jeder trug eine Tasche. Es waren große Taschen, in denen Platz war für Decken, Kleidung, Proviant. Die beiden waren barfuß, balancierten vorsichtig über das steinige Ufer, gingen dann auf dem asphaltierten Weg nebeneinander stadteinwärts. Der Mann trug eine weite Hose, in seine Haare waren Zöpfe geflochten. Auch die Kleidung der Frau war weit und sah aus, als hätte sie seit Tagen darin geschlafen.

Es war kurz nach sechs, als die Sonne aufging. Zwar war sie wegen des steil ansteigenden Bergs vom Ostufer aus noch nicht sichtbar, aber ihre Strahlen erreichten die Hafenstadt am Nordufer der Bucht, beleuchteten die lange Häuserzeile. Weit draußen auf dem Wasser war ein Motorboot zu sehen. Es schien sich kaum von der Stelle zu bewegen, schaukelte, als sich der Fahrer, vermutlich ein Fischer, aufrichtete. Etwas weiter westlich Richtung Stadt – von dem jungen Paar mit den Taschen waren inzwischen nur noch die Silhouetten zu erkennen – hatten zwei andere ihr Lager aufgeschlagen. Wieder waren es zwei, einer von ihnen jung und männlich, der andere, oder die, ein Wesen, das bis zu den Ohren in eine Decke gehüllt war. Zwei Fahrräder, das eine über dem anderen, lagen in unmittelbarer Nähe der Schlafenden. Und genau so, wie eines der Fahrräder halb über dem anderen lag, hatte sich der junge Mann mit einem Arm und einem Bein über die andere Person gelegt, als wollte er diese schützen oder wärmen.

Auch ein Teil der Stadt – die nahegelegenen Hafengebäude, der Leuchtturm am Ende der Mole, die Dächer, Türme und Fassaden – war inzwischen von der Morgensonne angestrahlt. Es würde ein heißer Tag werden. Gleich würde einer aus einer Gruppe, die am Ende des Steges stand, ins Wasser springen. Er war nur mit einer Badehose bekleidet, während die anderen, lachend und wild durcheinander redend und gestikulierend, noch vollständig bekleidet waren. Die blonde Frau, die in einem ärmellosen Kleid mit umgehängter Tasche aus der Stadt kam, ging wohl nach Hause, kam von einem Nachtdienst, von einem Mann, bei dem sie übernachtet hatte, oder von einer Party. Sie wirkte nüchtern, aber müde. Steuerte auf den Bahnübergang zu, überquerte die Schienen, danach die Straße. Ging auf die neue Siedlung mit den vielen seeseitigen Terrassen und Balkonen zu.

Auch ein anderer, der sich an diesem frühen Morgen im Bereich der Badeanstalt aufhielt, würde irgendwann nach Hause gehen. Er saß ganz für sich, am äußeren Ende einer kniehohen Mauer. Die Flasche Bier neben ihm war leer. Er schien nichts um sich herum wahrzunehmen, weder die junge Frau, die gerade vorbeigegangen war, noch die johlende Gruppe auf dem Steg, auch nicht die beiden Schlafenden neben ihren Fahrrädern.

Es war kurz nach sieben. Inzwischen war ein wenig Wind aufgekommen. In einem der Siedlungshäuser trat eine Frau auf die Terrasse. Sie bewegte sich langsam auf die Brüstung zu, hob die Arme, als würde sie tief durchatmen, lehnte sich an das Geländer, den Blick auf den See gerichtet.

(2) Der Hund Albuquerque

Er war weit gereist. Der Sohn der Familie hatte ihn in New Mexico kennengelernt und das Tier nach Erledigung aller Formalitäten nach Europa, genauer gesagt nach Frankfurt am Main, eingeflogen, war von dort mit dem Zug nach Österreich gereist, und dann waren sie da, Tom, der junge Mann, und der Hund, der Albuquerque hieß, aus Gründen einer rasch einsetzenden Erklärungsmüdigkeit aber bereits nach wenigen Wochen nur noch Kerk gerufen wurde.

Kerk hatte goldfarbenes Fell, einen großen Kopf mit dunklen Augen, eine weiche Schnauze und die bullige Statur einer auch bei uns verbreiteten Hunderasse. Alle in der Straße bestaunten den Hund, von dem rasch bekannt wurde, woher er kam. Tom gab bereitwillig Auskunft, sooft er mit Kerk spazieren ging, während die anderen Mitglieder der Familie – Mutter, Vater, Schwester – weniger gesprächig waren. Die Familie bewohnte ein Anwesen auf einer Anhöhe am Ende der Straße. Von der Siedlung aus sah man davon nicht sehr viel. Hohe Hecken und ein großes Tor, das keinerlei Durchsicht bot, umgaben das weitläufige Landhaus. Das Tor öffnete sich automatisch, sobald ein Mitglied der Familie in einer der drei Limousinen oder in dem kleinen Sportwagen mit dem Verdeck das Grundstück verließ oder nach Hause zurückkehrte. Manchmal führte auch Toms Mutter den Hund spazieren, selten sogar der Vater. Man sah sie dann durch die Siedlung gehen, entweder Richtung See oder in den bergseitig beginnenden Wald.

Die Nachbarn bestaunten den Hund. Er war ein auffallend schönes Tier. Aber man bestaunte ihn auch aufgrund seiner Herkunft und der Tatsache, dass er, der aus einem Asyl in Albuquerque stammte, das Glück hatte, in einer der angesehensten Familien der Gegend untergekommen zu sein. Man bestaunte ihn, blieb kurz stehen, obwohl man gerade die Straße überqueren hatte wollen, wandte sich um, machte auf dem Gehsteig Platz, alles nur, um den Hund, der über dem Halsband ein rotes Tuch trug und an einer Leine aus feinem Leder ausgeführt wurde, zu bewundern. Die Bewunderung wurde von Tom freundlich, von den restlichen Familienmitgliedern huldvoll entgegengenommen oder gar nicht bemerkt.

Nachdem Tom Monate später zu Studienzwecken in ein Internat in die französische Schweiz geschickt worden war, wurden die Ausflüge, die mit Kerk unternommen wurden, seltener. Hin und wieder sah man den Hausherrn oder seine Gattin, nie beide gemeinsam, in Begleitung des Hundes die Straße entlanggehen, und die Bewunderung, welche man dem Tier anfangs entgegengebracht hatte, verlor sich nach und nach, zumal sie keinem der Siedlungsbewohner jene Aufmerksamkeit eingebracht hatte, die er sich vonseiten der Hundehalter vielleicht erwartet hatte. Bald wurde Kerk wie jeder andere Hund in der Gegend behandelt. Die Aufregung hatte sich gelegt und eine eventuelle Verunreinigung des Gehsteigs durch den Hund löste die Empörung aus, die auch andere Hundebesitzer kannten. Die Hausherrin, die keinerlei auf das Tier bezogene Gewohnheiten erkennen ließ und einmal am frühen Morgen, am nächsten Tag gegen Mittag, am übernächsten gar nicht oder erst am späten Nachmittag mit dem Hund gesichtet wurde, ließ sich weder mit Nachbarn noch mit zufällig Entgegenkommenden auf ein Gespräch ein. Einzig ein kleiner alter Herr, der an einem Stock ging und immer ein Säckchen mit Hundekuchen bei sich trug, ließ es sich nicht nehmen, Kerk mit seinen Leckerbissen zu füttern, sooft sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Und Kerk seinerseits gebärdete sich entgegen seiner sonstigen Wohlerzogenheit ungehörig, riss an der Leine, sooft er den Mann erblickte, und begrüßte ihn stürmisch. Im Grunde versuchten alle, die Kerk ausführten, dem kleinen Herrn aus dem Weg zu gehen. Der jedoch war voll des Lobes über die nette Familie und den Hund, den er, wie er jeden wissen ließ, als persönlichen Freund betrachtete.

Eines Tages war der Hund, der Kerk gerufen wurde, verschwunden, was zunächst niemandem auffiel. Erst nach und nach wurde seine Abwesenheit bemerkt. Die Bewohner der Siedlung begannen sich gegenseitig zu befragen und kamen zu dem Schluss, dass der Hund bereits seit Wochen nicht mehr gesehen worden war. Und es war schließlich der kleine Mann mit dem Stock, Herr Agostini, der Licht in die Sache brachte. Herr Agostini wusste, dass Kerk krank geworden und nach teuren Behandlungen, die alle nichts gebracht hatten, eingeschläfert worden war. Herr Agostini, dem man zu jeder erdenklichen Tageszeit in der Siedlung begegnete, erzählte jedem davon, der es wissen wollte. Er sagte, Tom sei aus der französischen Schweiz angereist, um sich von seinem Hund zu verabschieden. Nachdem klar gewesen sei, dass Kerk nicht mehr gerettet werden konnte, habe Tom ihm ein Beruhigungsmittel verabreicht. Dann sei der bereits schlafende Hund bis zum Eintreffen des Arztes auf seine Lieblingsdecke gelegt worden. Alle, Tom und seine Schwester, Vater und Mutter, seien neben Kerk am Boden gekauert, während der Hund, ohne noch einmal aufzuwachen, durch die Spritze des Arztes endgültig entschlafen sei. Herr Agostini wusste auch, dass Kerk aufgrund eines Gesetzes nicht im Garten des Anwesens begraben werden durfte. Um den toten Hund nicht der Tierkadaververwertung übergeben zu müssen, sei er noch am selben Tag von der Familie, eingeschlagen in seine Decke, im Kofferraum der silbernen Limousine über die Grenze in die Schweiz gefahren worden. Nach einer schönen Zeremonie habe man Kerk in einem dort ansässigen Hundebestattungsunternehmen kremiert und seine Asche ein paar Stunden später wieder zurück über die Grenze nach Österreich geschmuggelt. Im weitläufigen Garten der Familie, unter einem Lindenbaum, habe der Hund schließlich seine letzte Ruhestätte gefunden. Ein kleiner Grabstein und eine blühende Kamelie würden an ihn erinnern. Hier ruht der Hund Albuquerque aus New Mexico, stehe auf dem Grabstein neben den Jahreszahlen seiner Geburt und seines Todes. Herrn Agostini traten jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn er jemandem die Geschichte erzählte, wozu er aber gerne bereit war.

(3) Gloria

Gloria machte ihrem Namen alle Ehre. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit einem Grübchen in einer Wange. Sie empfand es als etwas Besonderes, nur ein Grübchen zu haben. Früher hatte sie sich immer ein wenig geärgert, als wäre entweder ein Zuviel oder ein Zuwenig in ihrem Gesicht, aber seit einer ihrer Bekannten, ein Künstler, bemerkt hatte, dass gerade das Fehlen des zweiten Grübchens ihrem Gesicht, vor allem ihrem Lächeln, etwas Geheimnisvolles verlieh, war sie sogar stolz darauf.

Gloria war erst am frühen Morgen nach Hause gekommen. Sie hatte bei einem Mann, den sie am Abend kennengelernt hatte, übernachtet, war jedoch ab vier Uhr wachgelegen und hatte, um den Schlafenden nicht aufzuwecken, kaum gewagt, sich zu bewegen. Als das erste Tageslicht unter der schief hängenden Jalousie durchgedrungen war, hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich zu Hause in ihrer Wohnung zu sein. Ganz leise hatte sie sich angezogen, sich hinausgeschlichen, die Wohnungstür vorsichtig hinter sich ins Schloss gezogen, war erst im Treppenhaus in die Schuhe geschlüpft.

Und jetzt stand sie auf der Terrasse ihrer kleinen Wohnung. Zu Hause hatte sie sofort geduscht, etwas Bequemes angezogen und beschlossen, die Wohnung den ganzen Tag nicht mehr zu verlassen. Manchmal schien ihr, als wäre die Wohnung ihr einziges Glück. Ein Glück, das allerdings immer mit einem Gefühl der Unruhe und Angst verbunden war. Aber es war eben nur ein Gefühl. Es machte sie ein wenig nervös, mehr nicht.

Es war Sonntag und Gloria machte sich in der Küche ein Frühstück. Kochte ein weiches Ei, packte Schinken, Käse, Marmelade, Butter, aufgebackene Brötchen, Orangensaft und Kaffee auf ein großes Tablett, legte eine Stoffserviette dazu und eine einzelne Rose aus einer Vase mit einem Blumenstrauß. Manchmal stellte sie sich vor, ein Kind zu bekommen. Ein Kind von einem Mann, mit dem sie eine einzige Nacht ihres Lebens verbracht hatte. Gloria hatte nicht viele Freunde. Es gab eine Kollegin in der Kanzlei, etwa im selben Alter wie sie und auch ohne Familie, ohne Kinder, mit der sie manchmal ausging, ins Kino, in eine Bar, einmal in der Woche in ein Fitnessstudio, hinterher in die Sauna. Im Winter. Im Sommer schwammen sie abends ein paar Runden im See.

Mit einem der Anwälte aus der Kanzlei war sie eines Nachts nach einer Betriebsfeier mit schwerem Essen und viel Alkohol in seiner Wohnung gelandet. Die Fahrt in seinem Sportwagen auf der Bergstraße nach unten hatte vermutlich nur durch Glück nicht an einem Baum geendet. Gloria hatte den Mann, der sie bereits in der Tiefgarage umarmt und geküsst hatte, in seine Wohnung begleitet. In seinem gluckernden Wasserbett musste der Alkoholgehalt in ihrem Blut rapide gesunken sein, denn sie fühlte sich plötzlich so nüchtern, als habe sie wochenlang nichts getrunken. Sie war dem jungen Anwalt zugetan gewesen, sie mochte ihn sogar, spürte auch, dass er ein anständiger Kerl war, der allerdings, wie sie wusste, zu Ausschweifungen neigte. Vielleicht war es nur der Zwiebelgeruch in seinem Schweiß, vielleicht auch nur ihre Neigung, sich immer in die falschen Männer zu verlieben, die sie veranlasste, das Appartement des Anwalts noch vor Anbruch des Tages zu verlassen und den Heiratsantrag, den er ihr gemacht hatte, unbeantwortet zu lassen.

Erst vor wenigen Wochen hatte Gloria erfahren, dass der Anwalt, mit dem sie danach noch in guter Freundschaft zusammengearbeitet hatte, bevor er sich mit einer eigenen Kanzlei selbstständig gemacht hatte, nach regelmäßigen Alkohol- und anderen Exzessen und nach schwerer Krankheit im Alter von nur siebenunddreißig Jahren gestorben war. Ein paar Tage hatte Gloria um den Mann, den sie allerdings schon lange aus den Augen verloren hatte, getrauert.

(4) Dienstagabend ist an sich kein guter Zeitpunkt

Dienstagabend ist an sich kein guter Zeitpunkt, um ein paar Stunden in einer Bar zu verbringen, dachte Marcel Ritter. Er war schlecht gelaunt, hatte in seinem Zimmer, dessen einziges Fenster nach Norden ging, gefroren und sich gelangweilt. Er hatte eine Zigarette nach der anderen geraucht, zwei Dosen Cola, jeweils mit einem kräftigen Schuss Rum, leer getrunken. Lange stand er am Fenster, den Blick unter dem halb offenen Rollo, das sich weder nach oben noch nach unten bewegen ließ, auf die gegenüberliegende Fassade gerichtet. Genauer auf das Fenster, hinter dem im Schein einer schwachen, von der Decke baumelnden Glühbirne eine alte Frau an einem Tisch saß und in einer Zeitung blätterte. Ritter hatte gesehen, wie die Alte hin und wieder eine Tasse zum Mund führte, dabei so zitterte, dass die Flüssigkeit, die sich in der Tasse befand, überschwappte. Er hatte gesehen, wie sie sich schwerfällig erhob, aus seinem Blickfeld verschwand, mit einem Lappen wieder auftauchte, mit dem sie über den Tisch wischte. Einmal hatte sie genau in seine Richtung geschaut, den Blick aber rasch wieder abgewandt.

Als Ritter später die Bar betrat, waren darin nur der Barkeeper, der mit dem Abtrocknen von Gläsern beschäftigt war, und eine Frau, von der er zunächst nur schulterlanges, krauses Haar und einen schmalen Rücken wahrnahm. Ritter stellte sich an die Theke, machte dem Kellner ein Zeichen, das dieser mit einem Nicken quittierte, um kurz darauf ein Getränk vor dem Gast zu platzieren. Ritter trank und rauchte, warf hin und wieder einen Blick auf die Frau, die mit gebeugtem Rücken auf ihrem Barhocker saß und mit einer Fingerspitze Linien in das Kondenswasser ihres Sektglases zeichnete. Die Musik war laut, es waren Nummern, die Ritter schon hundertmal gehört hatte. Manchmal trommelte er mit den Fingern ein paar Takte mit. Er hatte den Kragen seiner Lederjacke hochgeschlagen. Das weiße T-Shirt, das er darunter trug, leuchtete im Barlicht bläulich. Immer wieder strich er sich die Haare aus der Stirn, betrachtete sich dabei im Spiegel hinter den aufgereihten Flaschen. Ein kurzes Gespräch mit dem Kellner, der sich zwischendurch selbst ein Getränk genehmigte, verlief belanglos. Die Frau schrak einmal auf, als sei sie kurz eingenickt. Sie rauchte nicht. Ritter begegnete im Spiegel ihrem Blick und war verwundert, dass sie sich nicht sofort wieder abwandte, sondern ihn offen, fast erstaunt, anschaute. Sie wirkte auf ihn sehr ernst.

Einmal ging er zur Toilette, zog sich dort eine Linie Kokain, die er auf dem Klodeckel anhäufte, in die Nase. Als er zurückkam, stellte der Kellner gerade ein weiteres Glas Sekt vor der Frau ab. Ritter tat so, als würde er telefonieren, sprach in sein Handy, entfernte sich dabei von der Theke, hielt eine Hand über das freie Ohr. Nachdem er sein imaginäres Telefonat beendet hatte, stellte er sich wieder an seinen Platz an der Bar. Er wirkte nachdenklich, versuchte zumindest, so zu wirken. Er verschränkte die Arme, rieb sich das Kinn, stützte den Kopf in die Hand, runzelte die Stirn. Als er sicher war, dass die Frau ihn beobachtete, schaute er auf, machte ein Gesicht, als wäre er gerade mit schwerwiegenden Problemen beschäftigt, setzte aber schließlich ein schräges Lächeln auf, so, als wollte er andere damit nicht belasten. Was soll der Scheiß, dachte er gleichzeitig, was für eine Show ziehe ich hier eigentlich ab. Die Frau lächelte ihn an, wenngleich ihre Augen noch immer ernst wirkten.

Ritter dachte, dass es nun an der Zeit sei, sich ihr zu nähern. Er nahm sein Glas, ging die wenigen Schritte auf sie zu, setzte sich auf den Hocker neben sie, schaute geradeaus in den Spiegel. Auch die Frau, die sich ihm zunächst zugewandt hatte, sah nun in den Spiegel. Ihre Augen glänzten, als sich ihre Blicke trafen. Ritter wusste, was passieren würde. Er war es, der das Spiel kontrollierte.

(5) Die Stadt

Man muss sich die Stadt so vorstellen: Sie liegt am Ostufer des Sees, erstreckt sich über die gesamte Bucht und im Osten ein Stück über den Berghang. Der Berg, auf den eine Seilbahn und viele Wanderwege führen, ist hoch und steil. Im Süden der Stadt erheben sich einzelne Hügel mit alten Stadthäusern und kleineren Neubauten, Kirchen, einem Krankenhaus, Schulen, früheren Herrschaftsvillen, in denen sich heute Hotels, eine große Bibliothek und ein Mädchenpensionat befinden. Die erst in neuerer Zeit entstandene Siedlung in der Ebene im Süden endet am Fluss, und an diesem entlang bis zu seiner Mündung in den See erstreckt sich jener Stadtteil, in dem die meisten Hochhäuser stehen, in dem sich Fabriken, Großmärkte, Autohäuser, Handels- und Handwerksbetriebe angesiedelt haben. Auch hier gibt es Schulen und Kirchen, aber neuerer Bauart. Die Wohnungen in diesem Vorortviertel sind nicht so teuer wie die in der Innenstadt, am See, in der Altstadt oder am Berghang. Das ganze Ufer ist öffentlich zugänglich. Fährt man von Norden her, aus Deutschland kommend, auf die Stadt zu, sieht man die östliche Bucht des lang gezogenen Sees. Wenn man Glück hat, ist das Wetter dunstig, die Farben des Wassers, der Stadtsilhouette, auf die man zufährt, und des Himmels darüber hell und zart. Golden schimmern manche Dächer, blitzen in den Sonnenstrahlen, die schwach durch den Dunst dringen, hier und dort auf.

Am Ufer entlang, eingeklemmt zwischen Berg und See, verläuft die schmale Straße. Längst werden die unzähligen Autos und Lastzüge, die von Deutschland in die Schweiz, ins östliche Österreich und weiter nach Italien, Slowenien, Kroatien fahren, durch einen Tunnel an der Stadt vorbeigeleitet. Die Züge, die zwischen Straße und Ufer die eingleisige Bahnlinie entlangrattern, drosseln ihre Fahrt im Uferbereich, wo sich die beiden schrankenlosen Bahnübergänge für Radfahrer und Fußgänger befinden. Im Winter, wenn viel Schnee liegt, hört man das Herannahen der Züge kaum. Nur das lang gezogene Pfeifen, das Warnsignal, ist dann zu hören, dann das gedämpfte Rauschen und Rattern und schließlich, kaum ist der Zug vorbei, hört man gar nichts mehr, sieht im aufwirbelnden Schneestaub nur noch die beiden Schlusssignale leuchten. Aus der Luft, von einem Flugzeug aus gesehen, sieht die Stadt mit all ihren Ausbuchtungen und Engstellen aus wie ein riesiger, mit dem Maul im Wasser liegender Fisch.

(6) Kontrolle

Das Hochhaus hat sieben Stockwerke. Es befindet sich im südlichen Teil der Stadt, auf einem ansteigenden Hügel über der Siedlung am Fluss. Die schmale Straße, die in der Kurve nach der Siedlung ansteigt und am Hochhaus vorbeiführt, mündet in eine Durchzugsstraße Richtung Süden. Vom Hochhaus, zumindest aus den oberen Stockwerken, sieht man über die ganze Siedlung, die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erreichen die nach Osten gerichteten Fenster und Balkone. Über einem dem Berg vorgelagerten Felsmassiv erhebt sich eine Burg.

Masarek richtete seinen Blick auf die Burg, als er früh am Morgen auf seinen Balkon trat. Es war kühl, in der Nacht hatte es geregnet. Masarek trug eine wattierte Jacke, eine sogenannte Bomberjacke, außerdem schwere Stiefel und eine Mütze aus Leder, deren Ohrenklappen unter dem Kinn festgebunden werden konnten. Jetzt waren sie hochgeklappt und über der Mützenspitze zusammengeknüpft. Masarek zog eine Schachtel aus der Jacke, zündete sich hinter vorgehaltener Hand eine Zigarette an. Sein Blick war noch immer auf die Burg gerichtet, wanderte nach einer Weile über die Siedlungshäuser, die vom Hochhaus aus zu erkennen waren, und weiter in Richtung des flachen, breiten, dicht besiedelten Tales. Am Ende des Tales, in sehr weiter Entfernung, sah man hohe Bergketten, deren Spitzen trotz des fortschreitenden Sommers noch schneebedeckt waren.

Masarek beobachtete eine Frau, die unten in der Siedlung gerade die Holzläden öffnete, sich dabei aus dem Fenster lehnte und in dieser Haltung eine Weile verharrte. Er trat einen Schritt zurück, ohne die Frau jedoch aus den Augen zu lassen. Es war nicht das erste Mal, dass er sie beobachtete, und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie seine Anwesenheit auf dem Hochhausbalkon bemerkt hätte. Es war schon vorgekommen, dass die Frau abrupt nach oben geschaut hatte, vermutlich weil sie spürte, dass sie beobachtet wurde. Masarek war davon zwar in keiner Weise peinlich berührt gewesen, allerdings wollte er vermeiden, dass sie sich darauf etwas einbildete und sein Interesse an ihr falsch auslegte. Trotzdem hatte er eines Abends, als er aufgrund regelmäßiger Kontrollen wusste, dass die Frau und ihr Mann verreist waren, auf einem Abendspaziergang in einem plötzlichen Anfall von Neugierde den überdachten Eingang ihres Einfamilienhauses betreten, nur um den Namen zu erfahren, der auf einem Schild neben der Klingel stand: K. & J. Oswald. Da er nicht wusste, ob der Vorname der Frau mit K. oder J. begann, nannte er sie seither Madame Oswald. Er betrachtete es als Zeitvertreib, sich in Gedanken hin und wieder mit ihr zu beschäftigen.

An diesem Morgen schaute Madame Oswald jedoch nicht nach oben, sondern zog sich – wie nach einem kurzen Luftholen am offenen Fenster – wieder in ihre Wohnung zurück. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch das Wetter war trüb und viel zu kühl für die Jahreszeit. Masarek kippte die Asche seiner Zigarette in einen der beiden Blumentöpfe, aus deren trockener Erde trockenes Ast- und Blattwerk ragte. Die beiden Pflanzen, die ihm eine Bekannte im Frühling unaufgefordert auf den Balkon gestellt hatte, waren von ihm nie gegossen worden und rasch verdorrt. Und genauso rasch hatte er die Bekanntschaft mit der Frau beendet, an der ihn nicht nur die Aufdringlichkeit, mit der sie sich bereits beim zweiten Besuch in seine häuslichen Angelegenheiten mischte, sondern auch einige Äußerlichkeiten gestört hatten. Masarek liebte die Perfektion und verabscheute Menschen, die die persönliche Freiheit anderer missachteten.

Er wirkte ein wenig verdrossen, als er noch einmal einen Blick nach unten warf, drückte die Zigarette in einem der Blumentöpfe aus, betrat die Wohnung und entledigte sich in der Garderobe seiner Mütze und der Jacke. Die Stiefel gehören wieder einmal geputzt, sagte er vor dem Spiegel im Flur. Seine Stimme klang energisch, und bereits kurze Zeit später, nachdem er geduscht, sich rasiert und umgezogen hatte, begann er auf einer ausgebreiteten Zeitung seine Stiefel zu putzen, eine Beschäftigung, die aufgrund der Sorgfalt, die er darauf verwandte, einige Zeit in Anspruch nahm. Was mich anziehen würde, murmelte er vor sich hin, wäre eine Frau, die keine Fragen stellt und genügend Zurückhaltung besitzt, um mich nicht ungebeten zu besuchen. Er hatte die Stiefel dick eingecremt und poliert und stand auf, um sich die Hände zu waschen. Blieb aber kurz noch einmal vor dem Spiegel in der Garderobe stehen, um dort in blitzschneller Bewegungsabfolge einen Revolver aus einer Schublade des Garderobenschranks zu ziehen, einen Augenblick lang breitbeinig und mit vorgestreckten Armen in Zielposition zu verharren und sich schließlich in entspannter Haltung wieder aufzurichten. Die Waffe, die er nun abwechselnd um die Daumen seiner beiden Hände kreisen ließ und mit einer Hand über den Kopf warf, um sie mit der anderen aufzufangen, landete nach erfolgtem Geschicklichkeitstraining erneut in der Schublade, sodass Masarek, der seine Übung mit einem ernsthaften und knappen Nicken beendete, seinen Weg ins Badezimmer fortsetzen konnte.

(7) Nackte Füße