Ein Miauen zum Glück - Wilma Wally - E-Book

Ein Miauen zum Glück E-Book

Wilma Wally

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Beschreibung

Vera hatte es schwer, erwachsen zu werden. Sie wurde 1968 in Schwaben geboren und dort als Fremde ausgegrenzt. Ihre Großeltern waren Ende des zweiten Weltkriegs mit ihren um den Krieg geborenen Kindern aus den ehemaligen Ostgebieten dorthin geflohen. Auch mit ihren Eltern gab es immer wieder Streit. Während ihrer Studienzeit verbündete sie sich mit iranischen Flüchtlingen, reiste nach Russland und kaufte sich dort ein Perserkatzenpärchen. Doch das entzweite sie nur noch mehr mit den ihr nahe stehenden Menschen. Nur die Katzen blieben und gaben ihr Halt. Neues trat in ihr Leben.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Geschichte:

Vera hatte es schwer, erwachsen zu werden. Sie wurde 1968 in Schwaben geboren und dort als Fremde ausgegrenzt. Ihre Großeltern waren Ende des zweiten Weltkriegs mit ihren um den Krieg geborenen Kindern aus den ehemaligen Ostgebieten dorthin geflohen. Auch mit ihren Eltern gab es immer wieder Streit. Während ihrer Studienzeit verbündete sie sich mit iranischen Flüchtlingen, reiste nach Russland und kaufte sich dort ein Perserkatzenpärchen. Doch das entzweite sie nur noch mehr mit den ihr nahe stehenden Menschen. Nur die Katzen blieben und gaben ihr Halt. Neues trat in ihr Leben.

Die Autorin:

Wilma Wally wurde 1968 als Flüchtlingskind im württembergischen Schwaben geboren. Sie hat Slawistik und Islamwissenschaft studiert und später als Lokführerin gearbeitet. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Niederbayern.

Mehr unter www.wilmawally.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog: Vera und Reza

Kapitel 1 Eine verhängnisvolle Begegnung

Kapitel 2 Konflikt mit den Eltern

Kapitel 3 Ein ernstes Gespräch

Kapitel 4 Ein Jahr der Veränderung

Kapitel 5 Vera lernt Reza kennen

Kapitel 6 Trennung von Ali

Kapitel 7 Zeit mit Reza

Kapitel 8 Erste gemeinsame Reise

Kapitel 9 Erste Depressionen

Kapitel 10 Russland

Kapitel 11 Die Geburt der Katzen

Kapitel 12 Lena

Kapitel 13 Alexej

Kapitel 14 Nächste Reise mit Reza

Kapitel 15 Die Katzen lernen Vera kennen

Kapitel 16 Warten auf die Katzen

Kapitel 17 Ein Leben mit Katzen

Kapitel 18 Tierarztbesuch

Kapitel 19 Aufbruch

Kapitel 20 Dicke Luft in Riga

Kapitel 21 Persisches Neujahr

Kapitel 22 Erneute Depressionen

Kapitel 23 Zugfahrten

Kapitel 24 Die Natur

Kapitel 25 Ausstellungen

Kapitel 26 Die Gärten mit den Mauern

Kapitel 27 Düstere Begegnung in Belgien

Kapitel 28 Männer vergrämen

Kapitel 29 Zuchtversuche

Kapitel 30 Nochmal Ali

Kapitel 31 Tulpen aus Holland

Kapitel 32 Nochmal Russland

Kapitel 33 Mailand, Berlusconis Stadt

Kapitel 34 Zu viel Rotwein in Frankreich

Kapitel 35 Ukraine

Kapitel 36 München

Kapitel 37 Der Olympiapark

Kapitel 38 Cham

Kapitel 39 Streit

Kapitel 40 Russischer Besuch

Kapitel 41 Hochzeit

Kapitel 42 Das Dach

Kapitel 43 Zur Bahn

Kapitel 44 Zelten in Österreich

Kapitel 45 Nachwehen

Epilog

Danksagung

Prolog

Vera und Reza

Am Abend hörte Vera ihren persischen Lebensgefährten Reza fluchen:

„Verdammtes Katzenvieh, du pinkelst nicht nochmal in meine Schuhe! Dich schmeiß ich jetzt unsere drei Stockwerke auf die Straße runter!“ Vera sprang von der Couch auf, hastete in den Flur und sah, wie Reza ihren geliebten Kater im Nacken hielt. Das Tier wand sich und fauchte.

Sie versperrte Reza den Weg ins Wohnzimmer und stieß ihn heftig an der Schulter. „Lass Bonny sofort runter. Du bist selbst schuld an seinem Verhalten!“

Reza ließ das zappelnde Wesen fallen. Wütend schlug er auf Vera ein. Sie wich rückwärtsgehend aus.

Die Kätzin Bescha lag auf der Couch. Bis zu dem Fluch hatte sie so schön geschlafen, natürlich waren ihr die lauten Worte nicht entgangen. Sie vergifteten die Atmosphäre. Da hatte sie schon die Ohren gespitzt und die Lage analysiert. „Warum muss Bonny in Rezas Schuhe pinkeln und ihm zeigen, dass er ihn nicht mag! Jetzt gibt es Streit.“

Spätestens als Frauchen so ruckartig aufstand, verschwand ihre Ruhe ganz. Jetzt hörte sie die Streithansel näherkommen, öffnete die Augen und richtete die Schnurrhaare nach vorne. Die Luft verdichtete sich. Sie hob den Kopf. Die beiden waren schon gefährlich nahe. Im nächsten Moment flog Frauchen in ihre Richtung. Bescha blieb nur die Flucht.

Nun lag Vera auf der Couch und Reza stürzte sich auf sie. Er umfasste ihren Hals, drückte zu, Vera bäumte sich auf und schlug ihm mit der Faust auf seinen Kopf. Irritiert zuckte er zurück. Vera wand sich unter ihm hervor und flüchtete, schnappte sich unterwegs schnell Bonny, der verängstigt in einer Ecke kauerte, und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Ihre Gedanken purzelten wild durcheinander.

Wie hatte es zu dieser Szene kommen können? Sie hatte Reza doch einmal so sehr geliebt.

Hatte ihre Mutter etwa recht, dass sie sich nie mit einem Ausländer, zudem einem Flüchtling aus einem fernen Land, hätte einlassen sollen?

Vertrug sie sich mit kaum jemandem, weil sie anders war? Sie war selbst ein Kind von deutschen Kriegsflüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten, die nach Süddeutschland geflohen waren.

War es ein Fehler gewesen, schon während des Studiums Katzen zu kaufen, wie auch die Mutter gemeint hatte? Nein, ganz bestimmt nicht! Die Katzen waren das Beste in ihrem Leben. Und es war abenteuerlich, wie Vera zu den Katzen gekommen war.

Kapitel 1

Eine verhängnisvolle Begegnung

Es begann mit einem anderen Mann. Vera hatte gerade ihre Abschlussklausuren des vierten Semesters Physik an der Universität Bonn geschrieben. Am achten Juli des Jahres 1989 gab es ein Folklorefestival, das der Westdeutsche Rundfunk auf dem geräumigen Bonner Marktplatz veranstaltete. Sie liebte Folklore und das Festival war für sie wie eine Abschlussfeier. Da fiel gleich der ganze Stress von ihr ab.

Die Veranstaltung begann bereits um fünfzehn Uhr. Der Himmel strahlte blau herab und ein leichter Wind erfrischte die Luft. Sie war ziemlich spät dran, sie hatte nicht geglaubt, dass viele zu diesem Festival kommen würden. Die Bühne war direkt vor dem stattlichen alten Rathaus im Rokokostil aus den 1730er Jahren errichtet worden. Nur einen Monat zuvor hatte sie dort Michail Gorbatschow zugewunken, der auf dem Balkon des Rathauses im Rahmen seines Deutschlandbesuches über seine Perestroika gesprochen hatte. Bonn war damals noch die deutsche Hauptstadt. Sie fand seine Politik gut und hatte ihn sehen und hören wollen, weil sie neben der Physik auch Russisch lernte, eine alte Leidenschaft aus ihrer Schulzeit. Ein Buch „Russisch Für Physiker“, das sie 1985 auf einer Schulreise in der DDR gefunden hatte, hatte sie dazu animiert, Russisch an der Universität wieder aufzugreifen. Im selben Jahr war sie auch zum ersten Mal in Russland gewesen. Im Bereich vor der Bühne waren ein paar Stuhlreihen aufgestellt worden, dahinter befand sich ein breites Podest, auf dem die Fernsehleute ihre Kameras aufgebaut hatten. Vera ging an das Podest heran, sie wollte gerne so nah wie möglich an die Bühne, und ließ ihren Blick über die Stuhlreihen schweifen; es waren alle Stühle bereits besetzt. Ihr Blick wanderte weiter, dem Podest entlang. An der vorderen Kante saßen bereits zwei Männer, es gab aber noch viel Platz. Sie überlegte, ob sie sich dazugesellen sollte, ob die Fernsehleute dies tolerieren würden.

„Hallo, setz dich doch zu uns, ich glaube, die Kameraleute haben nichts dagegen“, sprach der eine der beiden Männer sie an, er schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er war klein und kräftig, sicher kleiner als ein Meter fünfzig, mit rundem Gesicht, einem Muttermahl rechts auf der Stirn, buschigen Augenbrauen, schwarz wie Kohle, und genau solchen Kopfhaaren, dicht und üppig. Sein Alter war schwer zu schätzen, aber älter als sie selbst war er sicher.

„Meinen Sie wirklich?“, fragte sie.

„Bisher sind wir noch nicht vertrieben worden. Ich bin Ali, kannst „du“ sagen, wenn du möchtest.“

„Ok, ich bin Vera.“

„Ich bin Markus, hallo“, ließ der andere verlauten. Vera hatte schon öfter erlebt, dass es auf Folklorefestivals vertraulich zuging. Folkfans waren eine Gemeinschaft. Schon mit siebzehn hatte sie ihr erstes Festival in Frankreich besucht, nun war sie einundzwanzig.

Ali versorgte sie während des Festivals mit Saft, Markus mit Wein. Zwischen irischen Geigenklängen und amerikanischen Beats unterhielten sie sich angeregt. Ali sprach sehr gut Deutsch, hatte aber einen ungewöhnlichen Akzent.

„Wo kommst du denn her, Ali?“, fragte Vera.

„Was meinst du denn?“, meinte er verschmitzt.

„Mm, Italien vielleicht?“

„Ganz falsch. Ich bin Perser, aus dem Iran.“

Das kannte sie vom Iran-Irak-Krieg, davon wurde oft in den Nachrichten berichtet. Aber sie konnte den Iran nicht vom Irak unterscheiden, wusste nichts vom Islam und verstand auch nicht, warum sie sich bekriegten.

„Sind nicht alle Iraner Perser?“, wunderte sie sich. Von dem großen, alten persischen Reich hatte sie in der Schule erfahren.

„Nein, es leben viele verschiedene Völker im Iran, aber wir sind die größte Gruppe.“

„Arbeitest du hier oder studierst du?“, wollte sie weiter wissen.

„Ich studiere Philosophie. Im achten Semester“, erklärte er. „Ich brauche vielleicht noch ein, zwei Jahre, ich hab erst hier Deutsch gelernt.“

„Du sprichst aber gut. Wie lange hast du warten müssen, bis du studieren durftest?“

„Zwei Jahre, anfangs habe ich mich mit Englisch durchgeschlagen.“

Nach dem Festival lud Ali sie noch in ein Café ein. Er hielt ihr galant die Tür des Cafés auf. Das hatte sie von Deutschen schon lange nicht mehr erlebt. Bei einer Eisschokolade unterhielten sie sich weiter. Ali erzählte kurz seine Geschichte: „Ich habe mit den Volksmudschaheddin gekämpft, das ist die islamische Oppositionspartei im Iran. Die ist dort verboten. Irgendwann wurden immer mehr von uns hingerichtet. Da hatte ich die Schnauze voll und bin nach Deutschland geflohen.“

„Warum bist du so klein?“ Vera war sehr neugierig.

Ali lächelte nachsichtig. „Mein Vater und meine Mutter sind Cousin und Cousine. Das ist der übliche Verwandtschaftsgrad, mit dem junge Leute verheiratet werden, mit der Absicht die Großfamilie zu stärken. Frauen, die nicht zur Familie gehörten, darf ein Iraner nicht einmal anschauen. Der Ehepartner wird in der Regel auch von der Familie auserwählt. Cousin und Cousine sind aber zu nah verwandt und so werden oft behinderte Kinder geboren. Ich habe noch vier jüngere Brüder und ein weiterer ist auch klein geblieben und hat zudem verkrüppelte Füße. Seine Füße zeigen zur Seite und nicht nach vorne, so kann er kaum stehen, nicht ohne Krücke. Ich selbst bin tot geboren worden und musste reanimiert werden.“

Vera betrachtete ihn interessiert. Er war nicht unattraktiv. Sein Körper war recht normal, kräftig gebaut, nur klein. Besonders bewunderte sie sein volles Haar und die reine Gesichtshaut. Mit sich war sie gar nicht zufrieden: schon lange kämpfte sie mit unreiner Haut, die auch nach der Pubertät nicht besser wurde. Ihre dunkelblonden, leicht welligen Haare waren extrem fein und ihr Körper nicht gerade schlank, dazu ein nach vorne gewölbter Bauch dank einer Hüfthose, die sie im Alter von zwei Jahren hatte tragen müssen. Oft war sie deswegen gehänselt und schon mit elf Jahren gefragt worden, ob sie denn schwanger sei. Als Erwachsene antwortete sie meist auf die Frage: „Ja, schon seit zehn oder zwanzig Jahren, das Kind will aber einfach nicht raus.“ Da entschuldigten sich die anderen meist.

Bei Männern hatte sie bis dahin nicht viel Glück gehabt. In der Mittelstufe des Gymnasiums im badischen Karlsbad hatte es nur einen Jungen gegeben, in den sie sich verliebt hatte, doch der hatte nicht auf ihr Schmachten reagiert.

Erst als sie mit siebzehn das erste Mal allein nach Lorient in Frankreich auf ein Folklorefestival reiste, liefen ihr etliche Männer nach: Franzosen, Araber, ein Halbasiat. Doch zunächst gab es keinen, der sie besonders faszinierte. Über ein gegenseitiges beschnüffeln und ein sich ausprobieren ging es nicht hinaus.

Erst mit achtzehn verliebte sie sich heftig in einen Schulkameraden, der mit ihr im freiwilligen Astronomie-Kurs in die Sterne geschaut hatte. Er war ein Jahr älter als sie, spielte leidenschaftlich Klavier und Geige. Sie lud ihn in das Hotel, in dem sie als Rezeptionistin jobbte, ein – dort war es immer sehr ruhig - und er kam. Im Gästeraum unterhielten sie sich dann angeregt.

Er bewirkte, dass sie sich bei all ihren Interessen an Architektur, Goldschmiedekunst, Konditorei, Kriminalistik bis zur Astronomie für ein Studium des Letzteren und der dazugehörigen Physik entschied, weil auch er das machen wollte. Die Vorstellung, auf einer Sternwarte zu arbeiten, fand sie romantisch. Und sie wollte nicht wie ihre Eltern sein. Doch der Vater, ein Maschinenbauingenieur, war stolz auf ihre Entscheidung.

Und sie hatte sich wegen des Freundes auch für Bonn als Studienort entschieden. Ihr hätte Heidelberg gereicht, eine kleinere Universität und näher bei ihren Eltern. Auch überzeugte Vera, dass die Bonner Universität zu einer der bedeutendsten deutschen Hochschulen gehörte.

Der Schulkamerad absolvierte in ihrem letzten Schuljahr den Militärdienst, an den freien Wochenenden waren ihm jedoch seine Eltern und seine Musik wichtiger. Immer wieder ließ er sie allein, wo sie sich so auf ihn gefreut hatte. So machte sie mit ihm Schluss noch bevor sie gleichzeitig in Bonn zu studieren begannen.

Zum ersten sexuellen Erlebnis kam es dennoch erst nach dem Abitur. Der Halbasiat-Halbfranzose, den sie zwei Jahre zuvor auf dem Folklorefestival in Lorient kennengelernt hatte, lud sie auf eine Europatour mit seinem Renault ein. Da passierte es. Doch er war zu französisch, als das er es ernst mit ihr meinte. Er wohnte schließlich auch zu weit weg.

Auch ein Anderer, mit dem sie zu Studienbeginn zusammen gekommen war, hatte sie dazu gebracht, gestand ihr aber zwei Wochen später, dass er eine Verlobte in Hamburg sitzen habe, der er doch treu bleiben wollte.

Darauf gab es fast zwei Jahre keinen mehr und Vera fühlte sich einsam.

Ali und Vera unterhielten sich, bis das Café schloss.

„Vermisst du denn deine Familie?“, wollte sie wissen.

„Meine Brüder schon, sie leben bei einer Tante. Meine Eltern sind beide ums Leben gekommen, sie leben in meinem Herzen weiter. Mit meiner Familie schreibe ich Briefe und sie schicken mir immer wieder Fotos, so bleibe ich mit ihnen in Kontakt. Sie besuchen kann ich nicht, sie würden mich sofort einsperren, wenn ich den Iran wieder betreten würde. Aber ich habe hier neue Freunde gefunden.“

„Was machst du, wenn du nicht studierst?“, fragte Vera.

„Ach, am liebsten mit Freunden abhängen, gerne auch mal in einem Museum oder im Park oder am Rhein, den Schiffen zugucken. Wenn ich allein bin, lese ich oder schaue Filme. Da denke ich nicht an den Iran. Und du?“

„Ich bin in einer schottischen Tanzgruppe und ich wandere gerne. Hier mag ich den Drachenfels in Bad Godesberg sehr gern. Schwimmen, Sauna und Radfahren mach ich auch gelegentlich. Was hast du früher im Iran gern gemacht?“

„Es waren turbulente Zeiten, Krieg. Da waren wir schon froh, wenn wir mal im Wald spielen konnten, meist natürlich Kampfspiele; oder mit den Mopeds umherfahren; meine drei normal großen Brüder hatten Maschinen, ich wäre mit den Füßen nicht runtergekommen, aber hinten mitfahren konnte ich schon. Auch mein verkrüppelter Bruder.“

Er hatte schon viel erlebt. Er war acht Jahre älter als sie. Sie glaubte, viel von ihm lernen zu können.

So wurden sie ein Paar, obwohl sie mehr als ein Kopf größer war als er.

Drei Tage später schmiss Ali eine Semesterabschlussfeier. Er lud Vera bereits zu den Vorbereitungen ein. Im Flur sollte sie die Schuhe ausziehen, dafür bekam sie ein paar Schlappen. Dann brachte er sie in die Küche.

„Das ist Zadeh, auch Perserin“. stellte er vor.

„Vera.“ Zadeh umarmte sie ungeniert.

Was für eine offene Persönlichkeit. Und wie hübsch sie ist; bronzefarbene Haut, schwarze, kräftige Haare, dichte Augenbrauen und strahlende, braune Augen, tolle Figur. Was will da Ali mit mir, einer langweiligen Deutschen?

„Studierst du mit Ali?“, wollte Vera wissen.

„Ja, tatsächlich, ich studiere auch Philosophie. Mein Freund kommt nachher noch.“

Sie ist also schon vergeben.

Zadeh hatte schon zu kochen angefangen. Vera sollte helfen, doch sie staunte über die exotische Zubereitung der Speisen. Erst bereitete Zadeh einen iranischen Eintopf mit Rindfleisch zu, der brauchte am längsten. Die exotischen Gewürze rochen betörend, Kurkuma, Safran, getrocknete Limetten und gelbe Erbsen, die hatte Vera vorher noch nicht gesehen.

„Zuhause nehmen wir lieber Lammfleisch dafür“, erklärte Zadeh, „doch das ist hier zu teuer.“

Ali setzte währenddessen schon den Reis auf; Öl wurde in einem großen Topf erhitzt, der Reis nur gesiebt, nicht gewaschen, und dann im Öl angebraten. Bald fügte er Wasser hinzu und brachte es zum kochen. Er warf ein paar Safranfäden hinein. Sie sahen aus wie rote Stücke Stopfgarn.

„Das gibt dem Reis eine schöne Gelbfärbung und es duftet ganz toll. Musst du riechen sobald es kocht“, meinte Ali.

„Was ist Safran?“, wollte Vera wissen.

„Das sind Blätter von den Dolden der Safranpflanze. Hier wird das in fünf-Gramm-Döschen verkauft. Im Iran ist es billiger.“

Das Wasser kochte, er drehte die Temperatur herunter und rührte mehrfach um, damit der Reis klebrig wurde. Nach der Garzeit goss er den Topfinhalt in ein Sieb, gab wieder Öl in den Topf und schichtete die Körner wieder ein. Den Deckel wickelte er in ein Geschirrtuch ein und setzte ihn wieder auf. So ließ er das eine Stunde stehen; Dabei entstand eine Kruste am Boden.

Nach etwa einer Stunde klingelte es wieder an der Tür. Ali öffnete. Vera schielte aus der Küche. Zwei Männer waren gekommen, sie zogen gleich die Schuhe aus. Dann umarmten sie sich herzlich.

Ali stellte sie Vera vor und nun grüßten sie auch auf Deutsch, verneigten sich leicht, legten die Hand auf die Brust und zwinkerten sie verschwörerisch an. Vera wurde rot; attraktive Männer mit dunklen Haaren und markigen Gesichtern.

Es kamen noch vier junge Leute, drei Frauen und ein weiterer Mann.

Zadeh briet noch Berberitzenbeeren in Butter an und Vera sollte Joghurt in Schüsseln füllen und an den Tisch bringen.

Als alle da waren und sich munter begrüßt hatten setzte man sich an den Tisch. Die Männer strebten an die eine Seite des Tisches, die Frauen an die andere. Ali bot Vera einen Platz in der Mitte. Er selbst setzte sich an das andere Ende zu den Männern. Zadeh setzte sich neben ihren Freund, Vera gegenüber, tat aber erst einmal den Gästen auf. Reis gab sie reichlich auf den Teller, daneben einen Schöpfer Eintopf, die Berberitzenbeeren kamen auf den Reis, sie schmeckten interessant säuerlich, dazu wurde noch ein Löffelchen voll Sumach, ein Gewürz, das auch aus roten Beeren hergestellt wird und ebenfalls säuerlich schmeckt, darauf gestreut. Dann kam ein Klecks Joghurt daneben, damit bekam der Reis eine frische Note. Zu trinken gab es Limonaden und Wasser.

„Wir Moslems trinken normalerweise keinen Alkohol“, erklärte Zadeh. „Und wir Frauen passen auf unsere Männer auf, dass sie es nicht tun.“

Die neuen Frauen stellten sich Vera erst einmal vor. Zwei der Frauen studierten hier Deutsch und Arabisch, die dritte war mit einem der anwesenden Männern verheiratet, er saß neben ihr, und hatte bereits ein Kind. Dabei war sie sicher kaum älter als sie selbst, das war aber schwer zu beurteilen, die Perser sahen sehr reif aus.

Während sie aß, waren ihre Sinne hoch angespannt und sie beobachtete zwischendurch die Männer und lauschte den persischen Gesprächen. Es war eine wohlklingende Sprache, agglutinierend, wie das Französische, stellte sie fest, sprachbegeistert wie sie war. Auch wenn sie die Sprache noch nicht verstand, konnte sie feststellen, dass die Männer sich mit Respekt behandelten. Sie benahmen sich auch außerordentlich gut. War das, weil sie, eine Fremde, anwesend war? Natürlich betrachtete sie besonders Ali, der sich sehr galant benahm. Er lachte sehr dezent und bezog alle in das Gespräch mit ein. Gute Manieren.

Vera aß mehr, als sie es gewöhnlich tat. Man legte ihr auch zweimal nach.

Zum Nachtisch gab es iranische Pistazien, die doppelt so groß waren als die amerikanischen, eine Wassermelone, die fast ein halber Meter lang war, und extrem süßes Gebäck aus Blätterteig, es klebte ganz schön an den Fingern, schmolz aber geradezu auf der Zunge, nachdem die Zähne es leise knisternd zerteilt hatten.

Kapitel 2

Konflikt mit den Eltern

Eine Woche später fuhr Vera mit dem Zug in die Semesterferien, zu ihren Eltern in ein Dorf im Albtal im Nordschwarzwald. Als sie zehn gewesen war, hatten sie Schwaben, in dem sie geboren wurde, endlich verlassen. Flüchtlinge, auch deutsche, waren dort nicht willkommen und Schwabe durfte sich nur nennen, wer schon seit mindestens zwei Generationen dort ansässig war.

Sie schaute auf die vorbeiziehenden Weinberge, die die Hänge entlang des Rheins schmückten, hinaus. Weinberge, die gab es in Esslingen, wo sie ihre ersten Lebensjahre verbracht hatte, auch. Das sanfte Schaukeln des Zuges ließ ihre Gedanken abschweifen.

In Esslingen lebte die Familie ziemlich isoliert. Der Zollberg im Stadtteil Plinsau wurde den Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten zur Verfügung gestellt und Veras Großeltern mütterlicherseits, die aus Schlesien geflohen waren, bauten dort mit staatlicher Unterstützung ein Reihenhaus, denn der Großvater hatte im Krieg gedient und kam verletzt zurück. Dieser Ortsteil hatte anfangs nur einen einzigen Zugang von der Stadt. Einmal kommentierte ein Schwabe Veras Erklärung, sie sei in Esslingen geboren, abwertend mit „Ah, a Plinsauschwab“ – da sie nicht Schwäbisch sprach musste sie ein Flüchtling sein, doch bis dahin hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass der Ortsteil, in dem die Flüchtlinge untergebracht worden waren, Plinsau hieß. Dort zog Veras Vater mit ein, als ihre Mutter mit ihrem Bruder schwanger wurde. Seine Eltern waren ebenfalls 1945 aus Ostpreußen geflohen. Der Vater studierte noch und etwas eigenes konnten sie sich noch nicht leisten. Zu Besuch kamen gelegentlich nur Verwandte ohne Kinder; wie etwa eine Tante, die noch in der DDR lebte. Das waren Veras einzigen Kontakte nach außen in ihren ersten Lebensjahren. Als die Eltern mit ihr und ihrem ein Jahr älteren Bruder Wilhelm fünf Jahre später auf ein eigenes Grundstück, wo sie eigenhändig ein Haus bauen wollten, gezogen waren, kamen öfters die Großeltern zu Besuch und auch mal ein Bruder des Vaters. Jener Onkel setzte die Kinder in einen Motorradanhänger und raste mit ihnen über die Felder. Die Kinder schrien wie am Spieß, es war keine schöne Erinnerung. Wilhelm war in jungen Jahren Veras bester und einziger Freund und Spielkamerad; sie spielten Fangen und Verstecken, bauten Burgen im Sandkasten und bei schlechtem Wetter spielten sie im Haus Staat und Wirtschaft – Monopoli war ihr liebstes Brettspiel - oder tobten im Flur.

Im Kindergarten getraute sich Vera nicht, die einheimischen Kinder anzusprechen, weil sie das Schwäbische noch nicht verstand; auch war sie zu schüchtern. Immer wieder wurde sie geschubst und verprügelt. In der Schule bekam sie den Spitznamen „Fisch“, weil sie offenbar anders roch und kaum sprach. Die Kinder sprachen viel über Fernsehsendungen, sie durften fernsehen, Veras Eltern hatten keinen Fernseher, der würde nur verdummen und die motorischen Fähigkeiten beeinträchtigen, meinte der Vater. Was sollte Vera da mit ihnen reden? Auch die Eltern hatten kaum Freunde. Wie sollte sie da Vertrauen zu anderen Menschen finden? Also spielte sie nur mit Wilhelm. Wenigstens wurden sie von ihren Eltern mit Spielzeug überhäuft; der Vater verdiente als Maschinenbauingenieur gut.

Doch irgendwann wollte ihr Bruder sich nicht mehr mit ihr abgeben. Stattdessen lernte sie viel. In Deutsch hatte sie es auch besonders nötig, da sie eine ausgeprägte Schreib- und Leseschwäche hatte; die Lehrer wollten sie schon als Legasthenikerin abtun. Die Mutter übte mit ihr bis zur Erschöpfung. Doch im letzten Diktat in der fünften Klasse erhielt sie noch eine glatte sechs. Aber irgendwann hatte sie es dann doch begriffen, dank der Mutter!

Ihren Eltern war eine außerschulische Ausbildung wichtiger; die Mutter hatte sich gewünscht, dass sie Künstlerin werde und hatte sie schon als kleines Kind in Mal- und Bastelkurse geschickt. Später war sie von einem Hobby zum nächsten gesprungen, lernte Querflöte, Gitarre, Nähen und Wolle verspinnen, später trat sie in eine Judoschule und in eine Schauspielgruppe ein, in der Schule besuchte sie Tanzkurse und freiwillige Kurse in Astronomie, darstellender Geometrie und Russisch. Als Jugendliche hatte sie ein eigenes Beet im Garten der Eltern und einen Hasen, war bei den Pfadfindern und liebte Katzen und Pferde.

Gegen elf Uhr kam sie in Karlsruhe an und stieg ein letztes Mal um, in das "Bähnle" nach Ittersbach. Ihre Eltern pflegten nicht, sie abzuholen, sie wurde auch nirgendwohin gebracht, dafür hatte sie ein Fahrrad; schließlich war sie zur Selbständigkeit erzogen worden. Kindererziehung war für ihre Eltern nur eine Pflicht gewesen. Die Mutter bevorzugte eine antiautoritäre Erziehung; die Kinder einfach machen lassen, sie würden schon aus ihren Fehlern lernen. Es gab aber auch kein Lob für ihre Leistungen. Und der Vater, das absolute Gegenteil, schlug zu, wenn es nicht nach seinem Willen ging, und nur, was ihm gefiel, war erlaubt. Nach fünfundzwanzig Minuten mit der Regionalbahn und noch fünf Minuten zu Fuß kam sie zu dem Haus, in dem sie die letzten acht Jahre bis zum Abitur verbracht hatte. Sie öffnete mit ihrem eigenen Schlüssel und stellte ihren Rucksack im Flur ab. Den Vater fand sie im Wohnzimmer, zeitunglesend.

"Hallo! Na, alles klar?" Ein Nicken und eine erhobene Hand war alles.

"Ist Mama in der Küche?"

"Natürlich. Es gibt bald Essen."

Eine herzliche Beziehung zwischen den Eltern bestand schon lange nicht mehr. Sie ging zu ihrer Mutter in die Küche.

"Tach!", rief Vera in die Küche. Das war ihre und ihres Bruders übliche Begrüßung aus Kindertagen. Eine Umarmung gab es auch hier nicht.

"'Tag' heißt das, und noch genauer 'guten Tag'", die Mutter bemühte sich schon seit geraumer Zeit, mit Sprecherziehung ihren schlesischen Dialekt einzudämmen und regte sich über diesen lockeren Gruß immer wieder auf. Vera liebte es, ihre Mutter damit zu necken. "Hilfst, Kartoffeln schälen?“ Die schwäbischen Spätzle hatten sich bei ihnen nur gelegentlich einbürgern können, doch Vera liebte mehr Nudeln.

Die Mutter schaute sie erwartungsvoll an: „Was gibt’s Neues?“

Vera nahm Schäler und Kartoffeln. „Stell dir vor, ich habe wieder einen Freund, einen Perser aus dem Iran.“

Schweigen. In Mutter arbeitete es. Ihr hatte schon der deutsche Schulkamerad nicht gefallen.

„Was, `n Moslem? Is das neetig?“ Trotz aller Bemühungen setzte sich Mutters schlesische Herkunft, wenn sie sich aufregte, immer wieder durch.

„Warum denn nicht?“ Irgendeinen Protest von der Mutter hatte sie schon erwartet.

„Moslems sind doch alle radikal. Denk doch nur an den Iran-Irak-Krieg, der hat acht Jahre gedauert. Verbiestert haben die um irgendwelche Gebietsansprüche gestritten.“

Was für Gebietsansprüche, dachte sich Vera. Ich werde Ali fragen, Mama weiß das sicher nicht.

„Ach Blödsinn! Von radikal merk‘ ich nix. Ali – so heißt er übrigens – is höflich und charmant. Der hält mir sogar die Tür auf. Du wirst schon seh`n, wenn du ihn kennenlernst. Außerdem ist er doch vorm Krieg geflohen. Er studiert hier und will nichts mehr vom Islam wissen.“

Doch die Mutter wollte nichts von Flüchtlingen wissen, obwohl auch sie als Kind hatte fliehen müssen. Aber da war sie erst drei Jahre alt gewesen. „Is a denn Sunnit oder Schiit?“

„Hä? Weiß‘ doch ich nicht. Was soll’n des sein?“

„Das ist wie evangelisch und katholisch im Christentum. Aber frauenfeindlich sind beede. Bei den eenen kennen die Männer soviele Frauen haben wie se wollen, bei den ander`n nur vier. Willst de dein`n Mann mit ander`n Weibern teilen?“

„Das werd‘ ich ihm schon austreiben!“ Wütend schnippte sie eine Kartoffel ins Wasser, dass es spritzte.

„Männer sind nicht treu, wenn se anders kennen, irgendwann wird er ooch noch and`re woll`n. Geheert a zu den Volksmudschaheddin, den Widerstandskämpfern gegen den Ayatollah?“

„Widerstandskämpfer? Keine Ahnung!“ Doch, sie wusste es schon, doch das verschwieg sie jetzt.

„Das solltest du ihn unbedingt fragn!“ Innerlich bewegt schmiss sie die Schnitzel auf ein Brett und hämmerte wild darauf herum.

„Aber alles ist auch nicht schlecht bei denen. Die Perser helfen sich gegenseitig. Und ach, das Essen is interessant. Hast du schon mal Reis mit Kruste gegessen und dazu Joghurt? Und dann gibt es immer `ne Art Gulasch dazu und exotische Gewürze. Die essen sogar die Berberitzenbeeren, die an deiner Hecke wachsen. Schmecken ...“

„Verdammt, heer ock uf! Ans Essen hast schonn immer nur gedacht! Fir `n Besuch musst allerdings a mit koch`n. Du musst immer fer mehr Leute kochen, als da wohnen. Was das kostet!“

Vera stampfte mit dem Fuß auf. „Du denkst immer nur ans Geld! Es geht doch auch um Kultur. Es geht um Geselligkeit und um Freundlichkeit, auch Höflichkeit. Die ziehen zum Beispiel auch die Schuhe aus, wenn sie eine fremde Wohnung betreten.“

„Und es geht um Heuchelei und Falschheit. Die nehm`n dich doch hintenrum aus! Lass dich von denen bloß nich ieber `n Tisch zieh`n. Du solltest das Buch von Betty Mahmoody les`n, „Nicht ohne meine Tochter“, wie der iranische Mann seine amerikanische Frau betrog`n hat. Wenn sie wenigstens Persisch gekonnt hätte, hätt‘ se seine Pläne schonn im Vorfeld erkenn`n kenn. Ich geb dir das Buch nachher.“

Da schwieg Vera lieber.

Sie bekam das Buch. Die Geschichte handelte von einer Amerikanerin, die einen Iraner geheiratet hatte, mit ihm eine Tochter bekam und ihn dann in sein Heimatland begleitete. Da sie kein Persisch verstand, entging ihr, dass ihr Mann plante, das Land nicht mehr zu verlassen. Als sie wieder heim wollte, hätte sie gehen dürfen, aber ohne ihre Tochter. Da ihr Mann ihre Pässe einkassiert hatte entschied sie sich zur Flucht mit ihrer Tochter.

Kapitel 3

Ein ernstes Gespräch

Während der Semesterferien schrieb Ali Vera herzergreifende Liebesbriefe und rief gelegentlich an. Sie war noch unsicher und hielt ihre Antworten eher neutral. Sie bat, nicht zu häufig gestört zu werden, da sie Ruhe zum lernen brauche, sie müsse einiges aufarbeiten.

Ende September fuhr sie mit einem mulmigen Gefühl zurück nach Bonn, zwei Wochen vor Semesterbeginn. Sie wollte Ali wiedersehen und ihre Fragen zum Islam, die ihre Mutter und die Lektüre von Betty Mahmoody aufgeworfen hatten, stellen. Doch wie sollte sie mit ihren neuen Erkenntnissen Ali gegenübertreten?

Gleich nach ihrer Rückkehr fuhr sie zu ihm in die Wohnung. Er umarmte sie herzlich, Vera nahm den ungewöhnlich würzigen Duft seines Parfüms wahr. Er soll ein Fundamentalist und Frauenunterdrücker sein? Niemals! Mama kann nicht recht haben. Sie nahmen auf der kleinen Couch Platz.

„Und, wie waren deine Ferien bei den Eltern?“, wollte er wissen.

„Ach, schwierig, wie immer.“

„Wieso?“ Er zog die Augenbrauen nach oben.

„Ich hab von dir erzählt und meine Mutter hat sofort gegen euch und den Islam gewettert. Sie findet es nicht gut, dass ich mit einem Iraner zusammen bin.“

„Dabei hat sie sicher noch nie einen Iraner kennengelernt! Die Deutschen sind so voller Vorurteile. Was hat sie dir erzählt?“, hakte er nach.

„Mama hat mir das Buch von Betty Mahmoody gegeben, `Nicht ohne meine Tochter`. Kennst du das?“

„Ja, klar, das hat für Aufruhr unter den Persern gesorgt. Glaube ja nicht, dass wir tatsächlich so hinterhältig sein können. Wahrscheinlich hat sie gewusst, dass ihr Mann im Iran bleiben wollte und dann hat es ihr doch nicht gefallen.“

„Gehören bei euch die Kinder wirklich dem Mann? Der kümmert sich doch nicht darum?“

„Der Vater zahlt für das Kind, also warum sollte es nicht ihm gehören? Und es gibt immer Frauen in der Familie, die sich um das Kind kümmern.“

„Vielleicht weil die Mutter es neun Monate austrägt und unter Qualen zur Welt bringt.“

„Das zählt nicht, sie kann es alleine nicht groß ziehen. Sie braucht Geld dafür, und Zeit.“

„Dann sollten wir keine Kinder miteinander haben.“

„Das können wir uns noch ganz in Ruhe überlegen. Wir müssen erst lernen, uns zu vertrauen. Ohne Tabletten kann ich übrigens auch keine Kinder zeugen. Ich habe durch meine Größe eine Störung, du musst also keine Angst haben, dass du schwanger wirst, wenn wir miteinander schlafen.

Hast du noch mehr Fragen?“

„Was sind Sunniten und Schiiten?“

„Die Schiiten, wir Perser, folgen dem vierten Imam, dem vierten Nachfolger des Propheten Muhammad, der hieß Ali, wie ich. Der wird aber von den meisten anderen Moslems nicht als rechtmäßiger Nachfolger anerkannt und so nannten die sich Sunniten, die Traditionellen.“

„Aber alle können mehr als eine Frau heiraten?“

„Deine Mutter hat dich ja echt aufgeklärt! Dass ein Mann mehrere Frauen heiraten kann hat den Zweck, dass eine Frau, die ihren Mann verloren hat, von einem verwandten Mann als Zweit- oder Drittfrau aufgenommen werden kann, damit sie nicht als Freiwild auf der Straße sitzt. Der Mann muss allerdings das Geld haben, sie ernähren zu können. Der Islam hat im Grunde eine gute Absicht der Frau gegenüber, er stellte sie dem Mann im Wert vor Gott gleich, denn in vorislamischer Zeit hatte das weibliche Geschlecht einen geringeren sozialen Status inne gehabt und Mädchen waren getötet worden, weil man nur männliche Nachfahren wollte.

Mir reicht eine Frau. Wirklich. Ihr Frauen hier in Europa seid ja auch unabhängig. Im Iran ist und war das früher anders.“

„Dann erzähl mir noch, worum es im Iran-Irak-Krieg ging, dann gebe ich Ruhe.“

„Saddam Hussein, der Herrscher vom Irak, hat uns in seinem Größenwahn von Panarabismus 1980 angegriffen. Er hat sich eingebildet, dass er die im Iran lebenden Araber für sich gewinnen und uns Gebiete abringen könnte, vor allem die, die reiche Ölvorkommen haben.“

„Was ist Panarabismus?“

„Das ist der Glaube, alle Araber in einem Staat vereinen zu können, weil alle die gleiche Sprache und Kultur hätten. Das ist allerdings ziemlich vermessen, weil sich ja nicht mal einzelne Stämme in einem Land vertragen. Und die iranischen Araber haben zum iranischen Staat gehalten. Hussein biss bei uns auf Granit.“

„Warum hat der Krieg dann acht Jahre gedauert?“

„Naja, die Iraner haben den Spieß umgedreht und wollten dann den Irak erobern, im Glauben, alle islamischen Völker vereinen zu können, das nennt man dann Panislamismus. Da hat sich aber leider der Iran übernommen und rutschte in eine Wirtschaftskrise. Wir mussten einem Waffenstillstand der USA zustimmen.“

„Und was hatten die Volksmudschaheddin mit allem zu tun?“

„Mit dem Krieg nichts. Wir kämpften gegen die Islamisierung des Iran von unserem Herrscher Khomeini. Wir wollten eine Trennung von Religion und Politik, Demokratie. Statt dessen entstand ein islamischer Staat mit religiösen Gesetzen und die Volksmudschaheddin wurde verboten und Führer auch hingerichtet. Darum bin ich irgendwann abgehauen.

„Habt ihr da richtig kämpfen müssen? Kannst du da mit deiner Körpergröße viel ausrichten?“, Vera war ganz direkt.

„Glaube nicht, dass ich schwach bin, nur weil ich klein bin. Gib mir mal deine Hand.“

Vera reichte sie ihm zögerlich. Ali nahm sie und flocht seine Finger zwischen ihre, dann drückte er langsam zu.

„Au!“

„Siehst du, wenn ich weiter drücke, breche ich dir die Finger.“

Vera zog ihre Hand zurück.

„Aber jetzt genug, jetzt feiern wir deine Rückkehr nach Bonn.“ Und er holte eine Flasche persischen Rotweins und Süßigkeiten aus dem Schrank.

„Ach, du trinkst doch Wein? Darf das ein Moslem?“, wunderte sich Vera.

„Ab und zu, zu besonderen Anlässen. Außerdem sieht Allah nichts mehr wenn es dunkel ist.“ Er zwinkerte ihr zu.

Danach spielten sie ein paar Partien Backgammon, ein Brettspiel, bei dem die Spielsteine der beiden Gegner auf einem Brett mit spitzen Feldern gegenläufig mittels würfeln bewegt werden mit dem Ziel, die gegnerischen Steine herauszuschmeißen. Laut Ali hatten die Perser dieses Spiel erfunden.

Der restlichen Abend wurde gekuschelt.

Kapitel 4

Ein Jahr der Veränderung

Das Wintersemester nahm seinen Lauf. Vera traf sich oft mit Ali, ganze Tage wurden vergammelt. Und plötzlich wurde die Zeit knapp.

In der Physik kam sie allmählich ins Schleudern. Sie besuchte neue Vorlesungen in Quantenphysik und Radioastronomie und verstand in keiner sonderlich viel. In der Hauptsache aber musste sie das Elektronikpraktikum wiederholen, in dem sie im Vorsemester durchgefallen war. Doch ihr neuer Partner im Elektronikpraktikum ließ sie nicht an seinem Wissen teilhaben.

„Du hast das Praktikum doch schon mal gemacht, du musst doch wissen, wie das geht!“, meinte er.

„Ich bin durchgefallen, ich weiß also nicht, wie es geht“, antwortete sie. Doch er erklärte ihr nur widerwillig etwas und sie verstand es immer noch nicht.

Zudem hatte sie im letzten Semester die Chemie-Zwischenprüfung nicht bestanden und hätte sie wiederholen müssen. Sie hatte geglaubt, dass es reichen würde, sich nur anhand von Aufzeichnungen einer Freundin vorzubereiten, da sie an der Vorlesung nicht teilgenommen hatte. Vera hatte direkt davor einen Russischkurs, so dass sie immer zu spät gekommen war und keinen Platz mehr im Vorlesungssaal fand. Die Vorlesung wurde zwar per Video auch in den Vorraum übertragen, doch mit so schlechter Bildqualität, dass man es sich auch sparen konnte. Das tat Vera. Doch in der Prüfung begann der Prüfer mit einer Frage nach einem Experiment, das in der Veranstaltung durchgeführt worden war. Da die Freundin dieses Experiment nicht erwähnt hatte, wusste sie die Antwort auf die Frage nicht. Damit war dem Prüfer klar, sie war nicht in der Vorlesung und machte weiter mit solchen praktischen Fragen, die Vera nicht beantworten konnte.

So entschied sie schon im Wintersemester, das Physikstudium aufzugeben und durch den Einfluss ihres neuen Freundes auf Slawistik und Islamwissenschaft umzusteigen.

Im letzten Sommersemester hatte sie noch unendliche Energie verspürt und das gab ihr ein Hochgefühl. Doch letztendlich hatte sie sich vergaloppiert, ihre Hobbys nahmen zu viel Zeit in Anspruch.

Im Sommersemester 1990 machte sie ernst und meldete sich um. Russisch wählte sie zum Hauptfach und Persisch und Arabisch als Nebenfächer; der Islam wurde auf Arabisch verkündet und durch die Islamisierung des Iran kamen viele Worte aus dem Arabischen in die persische Sprache. Es war also gut, beide Sprachen zu lernen. Im letzten Semester hatte sie auch einen Araber in der Bibliothek kennengelernt. Da sie inzwischen Interesse am Islam hatte, kamen sie ins Gespräch. Sie trafen sich ein paar Mal in einem Café und unterhielten sich sehr angeregt. Irgendwann hatte Vera das Gefühl, dass er mehr von ihr wollte als Gespräche. Ziemlich plump sagte sie ihm direkt, dass sie keine Beziehung zu ihm wünschte. Er wies brüsk zurück, irgendwelche Absichten gehabt zu haben. Danach trafen sie sich nicht mehr, er war beleidigt. Wie peinlich, hätte ich nicht etwas feinfühliger sein können? Warum muss ich immer so direkt sein?

Ihren Partner im Elektronikpraktikum teilte sie knapp mit, dass sie aufhörte und genoss seinen pikierten Blick.

Ihre Eltern waren über ihren Studienwechsel sehr enttäuscht, besonders, weil Vera nicht um Rat gefragt hatte, der Vater, weil sie von der Naturwissenschaft wegging, die Mutter, weil sie sich nun einem Studium ohne große Zukunft widmete, dem besonders Frauen nachgingen. Doch das interessierte Vera erst einmal nicht.

Ali dagegen freute sich, dass Vera sich mit seiner Kultur beschäftigen wollte und half ihr, wo er konnte. Erst einmal gab er ihr allgemeine Bücher, aus der sie sich ein Grundwissen erarbeitete. Als erstes interessierte sie, was der Islam überhaupt war: eine monotheistische Religion, die im frühen siebten Jahrhundert in Arabien vom Propheten Mohammed gestiftet wurde. Inzwischen war es nach dem Christentum die zweitgrößte Religionsgruppe. Islam bedeutete Unterwerfung unter Gott und völlige Hingabe. Die Grundlage war der Koran, das Mohammed offenbarte Wort Gottes, und Hadithe, Berichte über die Verhaltensweisen Mohammeds. Aus diesen Texten leitete sich das islamische Recht, die Scharia, ab.

Soweit ist es also wie im Christentum, dachte sich Vera, sie glauben an einen Gott und ein Prophet hat die Regeln vermittelt.

Neu für Vera war nun, dass die Scharia sämtliche religiösen Verpflichtungen des Einzelnen und die Beziehungen der Menschen untereinander umfasste. Der Islam verband also Religion und Recht und damit auch Religion und Staat. Deshalb strebte eine islamische Gemeinschaft auch immer einen eigenen Staat an. Andersgläubige wurden nur so weit geduldet, wie ihre öffentliche Lebensführung die Muslime in keiner Weise behinderte.

Wäre das in Deutschland so, so würde die christliche Religion das tägliche Leben beherrschen und die Gesetze kämen aus der Religion, grübelte Vera nach. Und Andersgläubige müssten so leben, dass sie die Christen nicht beeinträchtigten.

Im Russischkurs des vierten Semesters im Sommer 1990 kamen nach der Wiedervereinigung Deutschlands einzelne Ostdeutsche hinzu.

Vera war gegen die Wiedervereinigung gewesen, weil in der DDR alle Russisch gelernt hatten und sie befürchtete, dass damit ihre Konkurrenz zu groß werden würde. Außerdem ärgerte es sie, dass „die drüben“ befragt wurden und die im Westen nicht. Vera verstand noch nicht, dass die DDR vor der Pleite stand und Russland sie los werden wollte.

Der Lehrer versuchte eine Konversation mit den Neuen, die einige unbeholfene Sätze staksten. Da fragte der Lehrer, wie lange sie denn schon Russisch lernten und beantwortete die Frage gleich selbst: zwei Jahre? Nein, maximal eines. Da kam vom Schüler kleinlaut: vier Jahre. Vera amüsierte sich königlich! Und das, wo Ostdeutschland den Russen doch so nah stand, aber das Bildungssystem taugte wohl nichts und nun merkte sie, dass jene keine große Konkurrenz darstellten; wohl eher die deutsch-russischen Aussiedler, die bald in Scharen kommen sollten und Russisch von Grund auf gelernt hatten.

Vera war ziemlich überrascht, als sie einen Brief von ihrer Mutter mit heftigem Inhalt bekam. Die ersten beiden Studienjahre hatte sie sich gut mit ihrer Mutter verstanden und viele Briefe ausgetauscht. Nun las sie folgendes:

„24. April 1990

Liebe Vera!

Ich habe Dir schon oft geschrieben, aber den Brief immer wieder weggeworfen, weil ich der Meinung war, dass Du meine Gedanken in Deiner jetzigen Entwicklung nicht richtig einordnen kannst.

Die Jugend glaubt, sie müsse nichts auf die Erfahrung der Älteren geben, um später festzustellen, so ganz ohne war das doch nicht.

Mir gegenüber spielst Du Dich als harter Richter auf. Für die Ausländer bist Du nur Verteidiger. Es steht in keinem richtigen Verhältnis. Du bist Dir nicht im Klaren, dass wirkliche Hilfe nur von der Familie kommen kann, die falsch oder richtig sein kann.

Du wirfst mir z.B. Ausländerhass oder abgeschwächt Vorurteile vor. Ich habe weder das eine noch das andere. Es wäre schlimm, wenn ich mein Leben mit solchen Gefühlen belasten müsste. Mir sind Ausländer so ziemlich egal, aber wenn es um die eigene Tochter geht, da macht man sich doch so manche Gedanken.

Du sagst, dass Du dich zurückgezogen hast, um einmal auf Dich selbst gestellt zu sein und Dir nicht ständig etwas sagen zu lassen… Und dann: Es gäbe so viele vernünftige Menschen, die einen leiten könnten. Da ist meiner Meinung nach ein Wider-spruch drin. Einerseits willst Du auf Dich gestellt sein, sprichst aber zur gleichen Zeit nicht nur von Beratung von anderen ver-nünftigen Menschen, sondern sogar von Leitung. Leitet Dich Dein Freund (ein Mann)?

Ich wäre mal ganz vorsichtig mit der Beurteilung, was ein vernünftiger Mensch ist, der zeigt sich erst in der Not. Wie wäre es, wenn Du Dich selbst leiten würdest?

Dein Verständnis für Verfolgte und Verbannte müsste mehr hinterfragt werden. Ich kenne auch „Verfolgte“, deren Sinn es war, aus dem System herauszukommen und im anderen Land alle Vorteile bis zum Letzten auszuschöpfen in einer Art, die kein Deutscher wagen würde.

Wenn Du Deinen Freund beschreibst, so denke ich, entweder ist er ein Supergenie – wer kann schon in zwei Monaten Deutsch lernen – oder er ist ein Schwindler. Hast Du all diese schönen Scheine gesehen? Wenn er tatsächlich in zwei Monaten Deutsch gelernt hat, dann frage ihn mal, wie er das gemacht hat, vielleicht kannst Du auch noch davon lernen.

Du zeigst so viel Interesse für die Schattenseiten des Lebens. Wenn Du Dich auf diese Seite stellst, wirst Du bald auch ein Schatten sein oder ein Held, aber das gelingt nur wenigen.

Dann protestierst Du dagegen, dass wir sagen, Du solltest bei was Technischem bleiben. Wenn Du ehrlich bist, musst Du doch zugeben, dass Du darin begabt bist. Wie weit das eine mehr oder das andere weniger, kann ich nicht beurteilen und Du auch nicht, weil Du nicht bereit bist, nur auf einer Hochzeit zu tanzen. Du wirst doch nicht glauben, wenn ich Dir vorschlage, bleibe bei Technik, dass ich Dir was aufzwingen will. Ich frage mich, was hätte ich davon. Ich bin der Meinung, wenn Du schon mal Begabung auf diesem Gebiet hast, wenn Dir die Physik vielleicht auch zu schwierig war, warum musst Du denn dann unbedingt einen Frauenberuf ausüben, der immer weniger Geld und Anerkennung einbringt. Und wenn Du das auch noch abstreitest, so ist das Deine persönliche Meinung. Werde Dir mal bewusst, was Frau sein heißt. Die Rolle ist nicht so anspruchslos, wie sie dargestellt wird. Warum spielt der Mann bei Dir eine so große Rolle? Warum hast Du denn so wenig Selbstwertgefühl?

Was mich betrifft, so habe ich einfach keine Lust mehr, mich wegen irgendeiner Meinung oder einem Gedankengang verteidigen zu müssen, nicht beim Ehemann, noch bei den Kindern. Meine Meinung hat sich im Laufe meines Lebens durch die gemachten Erfahrungen gebildet und ich bin nicht zu starr, um neue Erkenntnisse aufzunehmen.

Jetzt habe ich Dir mal meine Meinung gesagt, die Du auslegen kannst wie Du willst, denke aber daran, dass Du noch sehr wenig vom Leben weißt, wenn man es auch in Deinem Alter glaubt, auch ich war da keine Ausnahme.

Du wolltest im Mai kommen? Teile uns Näheres mit.

Viele Grüße

Mama“

Vera antwortete ihrer Mutter prompt, da der Brief sie ärgerte:

„27. April 1990

Liebe Mama,

ich muss mich nochmal verteidigen, denn Du hast vieles falsch verstanden, was ich gesagt habe.

Dass ich nichts auf die Erfahrung der Älteren gebe, ist nicht richtig, Es sind überwiegend Ältere (und zwar um mehrere Jahre), mit denen ich verkehre, die wohl schon mehr erlebt haben als ich. Dabei stelle ich fest, dass jeder seine eigene Meinung hat, die sich stark von der eines anderen unterscheiden kann. Sicher, vielleicht weiß ich nicht, welche die Vernünftigere ist, aber ich muss doch darüber urteilen und komme zu dem Schluss, dass man so oder so leben und beides richtig sein kann. Wenn ich mit anderen Meinungen konfrontiert werde, warum muss ich dann Deine Meinung als die mir bestgelegene annehmen? Ich bin nicht Du und es gibt andere Lebensarten, die mir jetzt besser gefallen. Natürlich ist dabei etwas Trotz gegen die eigenen Eltern dabei. Dass nur die Familie in der Not hilft, ist vielleicht zwangsweise so, aber man muss doch auch anderen Menschen vertrauen können, jede Familie hat ja auch mal einen Anfang.

Wenn ich die Ausländer verteidige, dann, weil Du sie nicht kennen kannst, denn du schreibst, dass sie Dir egal sind, also hast Du Dich nie bemüht, sie kennenzulernen; und weil Du meine Beziehung zu ihnen verurteilst. Dadurch verurteilst Du doch logischerweise auch die Ausländer selbst.