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Eine dramatische Zeit und die ergreifende Freundschaft zwischen zwei mutigen jungen Frauen: In dem historischen Roman »Ein neues Leben« erzählt Paula Mattis ein Familienschicksal, das in Teilen auf einer wahren Geschichte beruht. Hannah Saalbach und ihr kleiner Sohn Paul erleben das Kriegsende im Mai 1945 in dem Dörfchen Groß Dratow, Mecklenburg-Vorpommern, wo die beiden nach einer dramatischen Flucht aus ihrer Heimat Unterschlupf gefunden haben. Aus der Zuflucht ist ein Zuhause geworden, doch dann erfährt Hannah, dass auch ihre Mutter und die Familie ihrer besten Freundin Käthe den Krieg überlebt haben und in Lüneburg sein sollen. Mit ihrem Sohn und ihrer treuen Trakhener-Stute Belladonna macht sie sich erneut auf die Reise. Doch nach der ersten Wiedersehensfreude mit Käthe, folgt die Ernüchterung, Luise Saalbach weigert sich, Paul als ihren Enkel anzunehmen, sodass Hannah den Hof wieder verlässt. Dank ihres feinen Gespürs für Pferde gelingt es Hannah mit dem Pferdezüchter Haro Lüders eine kleine, feine Trakehnerzucht aufzubauen, die Pferde ihrer Heimat. Und sie gibt die Hoffnung nicht auf, sich mit ihrer Familie zu versöhnen – ebenso wenig wie ihre große Liebe Johann, der nicht wissen kann, was aus Hannah geworden, das er Vater ist und ob er seine Familie finden kann ... Wie Hannah Saalbach auf dem idyllischen Trakehner-Gestüt ihrer Familie bei Königsberg heranwächst und von der behüteten Pferdenärrin zur mutigen, alleinerziehenden Mutter reift, erzählt Paula Mattis mit viel Gefühl in »Gefährtinnen für immer«.
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2023
Paula Mattis
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Flucht aus Ostpreußen und die Liebe zu edlen Pferden
Nach der verzweifelten Flucht aus Ostpreußen findet Hannah Saalbach mit ihrem kleinen Sohn und ihrer Stute Belladonna im Mai 1945 schließlich eine Bleibe in einem Dörfchen in Mecklenburg-Vorpommern. Doch als sie erfährt, dass ihre Mutter und ihre beste Freundin Käthe den Krieg ebenfalls überlebt haben und in Lüneburg sein sollen, macht Hannah sich erneut auf die Reise durch das Land. Darf sie auf ein Wiedersehen hoffen? Und was ist aus Johann, dem Vater ihres Kindes, geworden?
Personen
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Danksagung
Quellennachweis
Friso Saalbach – Vater
Luise Saalbach – Mutter
Julius Saalbach – Bruder
Konstantin Saalbach – Bruder
Hannah Saalbach
Paul Saalbach – Sohn
Marie Saalbach – Tochter
Karl Rubens – Ehemann
Johann von Haydn zu Funkenstein – Pauls Vater
Käthe von Lubina (geb. Rubens) – Hannahs beste Freundin, Patentante von Paul
Herr und Frau Rubens – Hannahs Schwiegereltern
Kristine Schlüters
Klaus Schlüters
Großeltern Schlüters
Haro und Ilse Lüders
Fritz, Philippa, Luise und Sophia Finke
Doktor Hinrich Wichert – Rechtsanwalt und Notar
Belladonna – Trakehnerstute
Lutz – Shetlandpony
Der schwere Geruch, der sie beim Betreten der Eingangshalle umwehte, hatte eine betäubende Wirkung auf Hannah. Sie stützte sich an der Lehne von einem der schweren Eichenstühle ab, als sie spürte, wie ihr die Knie weich wurden.
Hinter ihr betrat noch jemand das Haus. Hannah hörte den Sand unter seinen Ledersohlen auf dem Marmorfußboden knirschen. Seine Hand, warm und vertraut, legte sich auf ihre Schulter.
»Geht es dir nicht gut?«
»Doch, doch …«, gab sie zurück. »Sorg dich nicht um mich. Alles ist in Ordnung.«
»Das mache ich aber«, erwiderte er. »Schon seit Tagen, und laut Ilse auch zu Recht.«
Missmutig winkte Hannah ab. »Ilse übertreibt. Das macht sie gerne, und du weißt das auch.«
Sie entzog sich der vertrauten Hand, indem sie weiter ins Hausinnere ging. Der Salon war beinah unverändert, strahlte elegante Behaglichkeit aus – trotz allem. Durch das bodentiefe Fenster konnte sie auf die lange Auffahrt mit den hohen Linden schauen. Helles Sonnenlicht brach sich in den Blättern und sprenkelte den Raum. Kleine Staubpartikel tanzten fröhlich darin herum, ganz so, als wäre nichts passiert, ganz so, als wäre noch immer alles in bester Ordnung.
Eine Weile blieb Hannah in der Mitte des Salons stehen und sah sich um. Einmal mehr sog sie den schweren Duft von Moschus und Lavendel zusammen mit der Erinnerung tief ein, nahm alles in sich auf. Gedanklich blickte sie zurück. Sah Käthe und sich gemeinsam die verschiedenen Stationen ihres Lebens zurücklegen. Wie sie Seite an Seite zur Schule radelten, die Haare zu Schnecken gedreht. Käthe, der diese kindliche Frisur stets zuwider gewesen war. Käthe, die schon immer viel Wert auf ihr Aussehen gelegt hatte. Käthe, die damals schon ganz hoch hinausgewollt hatte – bestimmt nicht mit ollenSchneckenhaaren, wie sie immer wieder gesagt hatte.
Dann das erste Ballkleid anprobierend – Käthe strahlend vor Glück, sie selbst sich fremd darin vorkommend. Käthe, wie sie auf dem Bahnsteig in Schlobitten stand, im schmal geschnittenen feuerroten Reisekleid mit großer weiß-rot gestreifter Schluppe. Der kleine Hut keck zur linken Seite geneigt auf ihrem leicht gewellten Haar, das ihr bis zu den Ohrläppchen reichte. Den hellen Trenchcoat hatte sie sich lässig über die Schultern gehängt, über ihrer rechten baumelte der silberne Kettenriemen ihrer eleganten Handtasche.
»Du siehst wie ein amerikanischer Filmstar aus«, hatte Hannah sie mit großen Augen bewundert, und Käthe hatte geschmeichelt aufgelacht.
Nach dem Krieg dann endlich das Wiedersehen nahe Lüneburg. Juchzend und weinend vor Glück hatten die Kindheitsfreundinnen sich in den Armen gelegen.
»Ich dachte, ich sehe dich nie wieder, Liebling«, hatte Käthe geschluchzt und dann Paul bewundert, der inzwischen zum jungen Mann herangereift war. »Meine Güte, wie gut er aussieht. Und wie sehr er Johann ähnelt.«
Hannah hatte sofort abgewunken. »Pssst, Käthe, er weiß nicht, wer sein Vater ist …«
Und dann Berlin. Käthe als gefeierter Filmstar. Später Engagements an den größten Schauspielhäusern und schließlich Hollywood, Käthes großer Traum.
Unglaublich, was für eine Karriere Käthe gemacht hatte, bewundernswert, mit was für einer Energie und Entschlossenheit sie ihren Weg verfolgt hatte.
Und plötzlich und für alle überraschend hatte sie das Ende ihrer Karriere verkündet und war heimgekehrt in ihr heiß geliebtes Landhaus vor den Toren Lüneburgs, das sie einst von ihrem Onkel geerbt hatte. Dieses Mal sollte es kein kurzer Aufenthalt zwischen zwei Kinofilmen oder Engagements an Schauspielhäusern sein, dieses Mal sollte es für immer sein.
Käthe war nach Kriegsende so viele Wege gegangen, war weit herumgekommen, nur nicht wieder zurück nach Königsberg, wo alles angefangen hatte und das nach so langer Zeit für sie alle noch immer die Heimat bedeutete.
»Gnädige Frau, ich freue mich, Sie zu sehen«, sagte eine tiefe Männerstimme hinter Hannah und holte sie damit aus ihrer Erinnerung ins Hier und Jetzt zurück.
Hannah schreckte ein wenig zusammen und fuhr herum. Sie hatte einen älteren Herrn mit Stirnglatze, rundem Gesicht, dichten schwarzen Augenbrauen und ebenso massigem Schnauzbart vor sich, der sie freundlich aus kleinen blassblauen Augen anlächelte. »Wichert, Doktor Hinrich Wichert. Wir sind uns bereits bei der Beerdigung begegnet, aber ich denke, Sie erinnern sich nicht an mich. Ich bin der Berliner Anwalt und Notar der werten Frau von Lubina. War …« Er räusperte sich und erklärte: »Daran kann ich mich nur schwerlich gewöhnen.«
Hannah nickte. »Dann teilen wir etwas miteinander.« Sie senkte die Lider, weil sie spürte, dass die Trauer sie zu übermannen drohte und ihr die Tränen in die Augen trieb.
»Sie war eine außergewöhnliche Frau und Künstlerin, die mein Leben sehr bereichert hat«, gestand ihr der Berliner Rechtsbeistand ihrer Freundin Käthe.
So, so, dachte Hannah und musste fast ein wenig schmunzeln, er war ihr also auch verfallen gewesen. Hannah kannte kaum ein männliches Wesen in Käthes Umfeld, dem es nicht zu irgendeinem Zeitpunkt so ergangen war. Manch einer war regelrecht krank vor Liebe und Bewunderung gewesen, hatte wer weiß nicht was auf sich genommen, nur um in ihrer Nähe sein zu dürfen.
Im umgekehrten Fall konnte Hannah sich an keinen ihrer unzähligen Verehrer oder episodischen Geliebten erinnern, der ihr ernsthaft etwas bedeutet hätte. Nicht einmal ihre beiden Ehemänner. Sie hatte sich genommen, was sie wollte und wie es ihr beliebte, ohne sich jemals ernsthaft verliebt zu haben. Einmal war es der kultivierte Name gewesen, ein anderes Mal die herrschaftliche Elbchausseevilla.
»Paul ist meine große Liebe«, hatte sie häufig gesagt und dabei jedes Mal ganz weiche Züge bekommen.
Bestimmt war es so. Auch wenn es sich dabei um die Liebe einer Patentante zu ihrem Patenkind handelte.
»Darf ich Sie nun bitten, Platz zu nehmen, gnädige Frau Saalbach und Herr Saalbach«, forderte der Berliner Rechtsanwalt sie auf.
Paul kam an ihre Seite, umfasste ihren Ellbogen und geleitete sie zu dem Tisch, der im Salon eigens für die Testamentseröffnung aufgebaut worden war, und den davorstehenden zwei Stühlen.
Sicher hatte Käthe diesen Ort für die Testamentseröffnung bestimmt, dachte Hannah. Der Salon, ihr Salon, wo sie sich in dem für sie allein viel zu großen Haus am wohlsten gefühlt hatte, und wann immer Hannah sie besuchen gekommen war, mit ihr in den bequemen Klubsesseln gesessen und Kirschlikör getrunken hatte.
Zwei Tage vor ihrem Tod hatten sie hier noch zusammengesessen, geplaudert, auch gelacht, Kirschlikör getrunken und befürchten müssen, dass es das letzte Mal sein könnte – und dennoch kein Wort darüber verloren. Käthe hatte es so gewollt.
Keine Tränen, kein Drama, nichts, das mich am Ende noch traurig stimmt, Liebling. Du weißt doch, ich möchte mit einem Lächeln von der großen Bühne abgehen …
Tief durchatmend nahm Hannah Platz. Ihre Hände zitterten ein wenig, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Nicht etwa, weil sie der Testamentsverlesung aufgeregt entgegenfieberte, sicherlich nicht, der Inhalt war ihr durchaus bekannt. Käthes Letzter Wille war für niemanden hier eine Überraschung. Paul, ihr über alles geliebter Patensohn, und Marie, die Tochter von Käthes Bruders Karl, teilten sich das Erbe, so wie Käthe es zu Lebzeiten mehrfach erwähnt hatte. Auch wenn Käthe von Lubina ein gefeierter und sehr vermögender Star gewesen und zweimal, wenn auch nur kurz, den Bund der Ehe eingegangen war, war sie kinderlos geblieben. Paul und Marie erbten die Villa in der Hamburger Elbchaussee, die Wohnung in Berlin, ein beträchtliches Barvermögen, ihren Schmuck sowie sämtliche Wertgegenstände und den exklusiven Fuhrpark. Außerdem hatte sie ihre Hausdame Franziska sowie ihre langjährige Garderobiere mit jeweils großzügigen Geldsummen bedacht.
Das Haus nahe Lüneburg sollte Hannah bekommen. Auch das war Käthes ausdrücklicher Wunsch gewesen, und sie hatte keinen Widerspruch von ihr geduldet.
Ei, da staun ich selbst, das Marjellche aus Ostpreußen hat es zu einem beeindruckenden Reichtum gebracht. Nimm das Haus, auch wenn du es nicht brauchen kannst, weil du dein eigenes hast. Aber ich möchte, dass es für uns einen Ort gibt, an dem du dich an mich, an uns erinnern kannst.
Hannah hätte sagen können, dass dieser Ort für immer in ihrem Herzen war, aber es wäre sinnlos gewesen, Käthe diesen Wunsch abzuschlagen. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann verfolgte sie ihr Ziel mit aller Entschiedenheit. So war es immer schon gewesen, und so würde es auch über ihren Tod hinaus bleiben.
Nachdem die Formalitäten fürs Erste erledigt waren, wollte Hannah sich von ihrem Stuhl erheben. Doch Käthes Berliner Rechtsbeistand bat sie, noch einen Moment sitzen zu bleiben.
»Ich habe noch etwas für Sie, gnädige Frau Saalbach. Frau von Lubina hat mich gebeten, Ihnen Folgendes dazu von ihr vorzulesen.« Er kramte ein Blatt Papier unter einem großen weißen Umschlag hervor, auf dem wohl Käthes Worte für Hannah geschrieben standen, und las diese, nachdem er sich zweimal geräuschvoll geräuspert hatte, laut und deutlich vor: »Liebling, ich wollte sie Dir geben, ja, das habe ich wirklich gewollt. Das musst Du mir bitte glauben. Aber dann ist immer irgendetwas gewesen, und ich dachte, es wäre nicht der richtige Zeitpunkt. Und irgendwann, ja, das gebe ich zu, habe ich Angst gehabt, Du könntest es mir übel nehmen, dass ich sie all die Jahre hatte und Dir nichts davon erzählt habe. Der richtige Zeitpunkt war verstrichen … verflogen … ich hatte ihn einfach verpasst. Nur wegwerfen mochte ich sie auch nicht. All die Jahre nicht. Als ich dann meine Angelegenheiten zu klären hatte, sind sie mir wieder eingefallen, und ich habe meinen guten Freund und Anwalt Doktor Hinrich Wichert darum gebeten, sie Dir mit ein paar erklärenden Worten von mir zu übergeben. Bitte hasse mich nicht, Liebling, bitte trag es mir nicht nach, auch wenn es wohl nicht in Ordnung war, wie ich entschieden habe … für Dich einfach entschieden habe, weil ich dachte, es wäre zu Deinem Besten. Aber nun sitze ich hier, mit Johanns Briefen, die er Dir all die langen Jahre geschrieben hat, und auf einmal fühlte es sich falsch an, sie Dir vorenthalten zu haben. Es war ein Fehler, jetzt weiß ich es, und es tut mir schrecklich leid, dass ausgerechnet ich es war, die ihn begangen hat.«
»Johann? Wer ist Johann?«, fragte Paul in die bedrückende Stille hinein, die eine Weile lang, nachdem Käthes Rechtsbeistand zu lesen aufgehört hatte, in dem Salon vorherrschte.
Hannah hatte längst den Atem angehalten. Schon in dem Moment, als ihr klar geworden war, was sich in dem großen weißen Umschlag befand, den ihr der Rechtsanwalt nun mit sichtbar betroffener Miene über den Tisch schob, hatte sie das Ein- und Ausatmen gänzlich eingestellt.
»Werte Frau Rubens«, sagte er nun sehr leise, aber dennoch eindringlich zu ihr. »Es hat Frau von Lubina sehr beschäftigt. Diese Briefe, und dass sie es war, die sie Ihnen vorenthalten hat, darum haben sich ihre letzten Gedanken gedreht. Ihre größte Sorge war, dass Sie ihr nicht verzeihen würden … könnten. Dass Sie sie hassen würden für die Chance, die sie Ihnen womöglich vorenthalten hat, Ihnen, aber natürlich auch Ihrem Sohn Paul.«
Hannah schluckte und schluckte. Noch immer unfähig, irgendetwas zu fühlen. Weder Wut noch Trauer noch Freude – da war nur eine tiefschwarze Leere in ihr.
»Mutter«, sprach Paul sie erneut an. »Wer ist Johann?«
Langsam wandte Hannah ihm das Gesicht zu. Sie versuchte zu lächeln, was ihr nicht glückte und zu einer Fratze geriet. »Dein Vater, Paul. Johann ist dein Vater.«
Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.
Konfuzius
Kristinekam in die Wohnküche des Bauernhauses gestolpert. Hannah, die gerade damit beschäftigt war, die Kartoffeln fürs Mittagessen zu schälen, brauchte ihr nur ins Gesicht zu blicken, um zu wissen, dass etwas Schlimmes passiert war.
»Paul?«, stieß sie ängstlich hervor. »Wo ist Paul, Kristine?«
Doch zu Hannahs Erleichterung winkte Kristine ab. »Er spielt im Hof mit den anderen Kindern. Du musst dich nicht sorgen, es geht ihm gut.« Und nach einer kurzen Pause fügte sie mit bedeutungsvoller Stimme hinzu: »Uns geht es gut, Hannah, und ich hoffe, dass es so auch bleibt.«
Nun legte Hannah die Kartoffel und das Schälmesser zur Seite. Mit zwei Schritten war sie bei Kristine, umfasste ihre Oberarme und verlangte von ihr zu erfahren: »Was ist passiert? Nun sag schon!«
Kristine holte so tief Luft, dass Hannah noch mulmiger zumute wurde. So kannte sie die junge Frau nicht, so bedrückt, sorgenvoll … ängstlich. Kristine war jemand, der auch in schweren Zeiten den Mut nicht verlor und in tiefster Dunkelheit immer noch ein kleines Lichtlein ausmachen konnte. Sie nun so bestürzt vor sich zu haben, erschreckte Hannah zutiefst.
»Lass uns ein paar Schritte gehen«, wich Kristine ihr jedoch aus, erklärte dann aber direkt, warum. »Es muss niemand mitbekommen, was sich allerorts gerade so zuträgt. Erst recht nicht meine Großeltern. Ich will nicht, dass sie sich ängstigen …«
Die beiden Frauen verließen die Wohnküche. Hannah konnte sich gar nicht schnell genug vom Bauernhaus entfernen, damit Kristine ihr endlich sagte, warum sie so außer sich war. Sie hakte Kristine unter und zog sie regelrecht mit sich. Vorbei an dem Hof, wo ihr Sohn Paul, wie Kristine ihr versichert hatte, in sein Spiel mit den anderen Kindern vertieft war. Sie hörte ihn lachen, fröhlich, ausgelassen, und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Auch die anderen Kinder, drei Mädchen und vier Buben, hatten ihren Spaß. Etwas, das vor wenigen Tagen noch ganz anders ausgesehen hatte, als sie mit ihren Familien am Ende ihrer Kräfte hier im Dorf angekommen waren und verzweifelt darum gebettelt hatten, dass sie bleiben dürften. Hinter ihnen lag ein langer Weg. Wie Hannah waren sie aus Ostpreußen geflüchtet, nachdem ihnen keine andere Möglichkeit mehr geblieben war. Und wie es Hannah und ihrem Sohn Paul bereits vor Monaten ergangen war, waren sie nach all dem Grauen und Schrecken der letzten Wochen und Monate in ihrer Heimat und auf der Flucht vielerorts nicht mit offenen Armen und erst recht nicht mit offenen Herzen von den Menschen aufgenommen worden. Sie waren Flüchtlinge. Keine Männer von hier, auf deren Rückkehr von der Front so sehr gehofft und gewartet wurde. Nach Hitlers feigem Freitod und einigen letzten irrsinnigen Versuchen seiner Generäle, sich den Gegnern zu widersetzen, hatte Nazideutschland nur noch kapitulieren können, und der Krieg war am 8. Mai 1945 für beendet erklärt worden.
Doch bislang war es nur selten ein schmerzlich vermisster Ehemann, Vater oder Sohn gewesen, der am Ende seiner Kräfte den Weg in sein Heimatdorf gefunden hatte, sondern Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern. An Körper und Seele verletzt, verlaust, hungrig, schwach – nein, so etwas konnte und wollte man hier nicht haben. Schließlich bedeuteten all die Flüchtlinge, dass man das wenige, das man noch hatte, teilen musste. Mit diesen Fremden. Die man sowieso nicht hierhaben wollte.
Kristine und ihre Großeltern waren einige der wenigen im Dorf, die über so viel Herz und Mitgefühl verfügten, bei sich aufzunehmen, wer auch immer sie darum bat. Doch so langsam waren auch ihre Ressourcen erschöpft. Wo vor wenigen Tagen noch fünf gewohnt hatten, waren es jetzt schon vierundzwanzig. Schwach, ausgehungert … manche von ihnen verletzt oder schwer traumatisiert. Ein Ende war nicht abzusehen. Es hieß, dass sich noch Hunderttausende auf der Flucht befänden.
Sie hatten den kleinen Pferdestall erreicht. Kristine nahm auf einem alten Schemel Platz. Dabei stöhnte sie wie eine steinalte Frau, der das Rückgrat wehtat.
»Wir müssen auf die Ponys und Pferde achtgeben«, erklärte sie leise. »Ich habe gehört, wie eine der Flüchtlingsfrauen zu einer anderen gesagt hat, dass so viele Pferde im Stall, die nur zum reinen Vergnügen da wären, ja wohl nicht angemessen seien, wenn gleichzeitig die Menschen hier Hunger hätten.«
Hannah horchte auf. »Du meinst, sie wollen die Pferde töten … sie essen?« Ein jäher Stich traf sie mitten ins Herz bei dem Gedanken, jemand könnte sich an Belladonna vergehen, ihrer treuen Stute, die sie und Paul auf ihrem Rücken bei eisiger Kälte den ganzen langen und beschwerlichen Weg von Ostpreußen hierhergetragen hatte.
»Ich habe die beiden Frauen zurechtgewiesen und ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass sie sofort ihr Bündel schnüren werden, falls sie auf die Idee kommen, sich den Pferden zu nähern. Das hat, denke ich, gewirkt. Aber es kommen jetzt jeden Tag so viele, und wir können auch niemanden mehr aufnehmen. Vielleicht noch einen Schlafplatz in der Scheune anbieten, nur eben nicht mehr mit Lebensmitteln versorgen. Und wenn der Hunger unerträglich wird, dann wird es uns immer schwerer fallen, die Pferde zu beschützen. Eine der Frauen hat gemeint, ob ein Pferdeleben mehr wert sei als das ihrer hungrigen Kinder. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte, und habe ihr einfach nur noch mal damit gedroht, dass ich sie rauswerfe, wenn ich sie auch nur in der Nähe des Stalles oder der Koppeln sehe.«
Hannah nickte, wusste aber zunächst nichts zu sagen. War ein Pferdeleben mehr wert als ein Menschenleben? Ihre Stute Belladonna war ihr nach ihrem Sohn Paul das Wichtigste auf der Welt. Sie kannte die schöne Trakehnerstute von Geburt an, hatte sie die ersten bangen Tage mit der Flasche gefüttert, weil ihre Mutter Ronja schwer erkrankt war. Und als sie mit Paul in anderen Umständen gewesen war und ihre Eltern sie fortgeschickt hatten, war Belladonna an ihrer Seite gewesen. Ohne ihr Pferd wäre sie nirgendwohin gegangen. Ohne Belladonna wäre sie auch später nicht geflüchtet, sie gehörten zusammen – Paul, Hannah und Belladonna. Doch wenn Paul, ihr geliebter Sohn, am Verhungern wäre, wie würde sie dann entscheiden? Hannah wollte nicht länger darüber nachdenken und schüttelte sich, als könnte sie damit das grausige Gefühl, das sie auf einmal überfallen hatte, wieder loswerden.
»Vielleicht sollten Paul, Belladonna und ich weiterziehen«, dachte sie nun laut nach. »Wir haben deine Gastfreundschaft schon viel zu lange in Anspruch genommen, und es war doch sowieso besprochen, dass wir das Ende des Krieges bei deinen Großeltern und dir abwarten und dann weiter nach Lüneburg oder Hannover ziehen, wo sich meine Familie … zumindest meine Mutter aufhalten soll.«
Kristines Augen weiteten sich erschrocken. »Was sagst du da? Hannah, so ein Unsinn. Paul und du, ihr seid bestimmt die Letzten, die gehen müssen. Um Himmels willen, wie kommst du nur auf so einen irrsinnigen Gedanken?«
Doch Hannah war noch immer anderer Meinung. »Paul und mir geht es gut. Wir sind in einer stabilen körperlichen Verfassung, weil wir die letzten Wochen und Monate hier bei dir und deinen Großeltern sein durften. Die anderen, die hier ankommen, Tag für Tag, sind schwach, krank, hungrig und nur schwerlich in der Lage weiterzuziehen. Da ist es doch nur logisch, dass wir Platz machen für die, die es nötiger haben.«
War Kristine eben noch richtig erschrocken gewesen, wurde sie nun regelrecht wütend. »Hör auf, so etwas Dummes zu sagen!«, fuhr sie Hannah an. »Du und Paul, ihr gehört dazu, ihr seid Familie. Genauso wie dein Pferd. Bevor ihr geht, geht jeder andere. Und jetzt will ich von dem Unsinn nichts mehr hören. Ich wollte mich nur mit dir besprechen, dir sagen, dass wir ein Auge auf die Pferde haben müssen. Wenn ich geahnt hätte, auf was für unsinnige Gedanken dich das bringt, hätte ich mir lieber die Zunge abgebissen.«
Hannah legte die Arme um Kristine und zog sie fest an sich. »Kristine, liebe Kristine, wir haben dir so viel zu verdanken. Ich weiß nicht, ob ich das in diesem Leben irgendwann wiedergutmachen kann. Und ja, du hast recht, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kennen, fühlt es sich wie Familie an. Aber es wird der Tag kommen, an dem Paul, Belladonna und ich sowieso weiterziehen werden. Ich habe ja auch noch eine andere Familie. Wenn ich ehrlich bin, dann sogar zwei: Lotte, Otto und die Kinder, denen Paul und ich ebenfalls sehr viel zu verdanken haben. Ob sie inzwischen auch geflüchtet sind, obwohl Lotte sich damals mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat, weiß ich nicht, aber was die, die hier ankommen, uns aus der Heimat berichten, lässt vermuten, dass sie letztendlich keine andere Wahl hatten. Von meiner Mutter wiederum weiß ich, dass sie sich den Rubens angeschlossen hat und sich in der Nähe von Lüneburg aufhalten soll. Ich denke, dass meine Brüder, wenn sie diesen schrecklichen Krieg überlebt haben, sich ebenfalls dorthin auf den Weg machen werden. Und hoffentlich ist auch Käthe dort …«
Lotte und Otto Finke und ihre fünf Kinder waren tatsächlich so etwas wie Hannahs und Pauls zweite Familie. Sie hatten Hannah ein neues Zuhause gegeben, nachdem ihre eigenen Eltern sie fortgeschickt hatten, weil sie ein Kind erwartete. Doch seit ihrer Flucht mit Paul und ihrem Pferd Belladonna aus Ostpreußen hatten sie weder von Lotte und Otto noch von ihren inzwischen erwachsenen Kindern etwas gehört. Kein Lebenszeichen, nicht der kleinste Hinweis, ob und wohin sie geflüchtet waren. Es verging kaum ein Tag, an dem Hannah sich nicht um die Finkes sorgte, die ihr zeitweise nähergestanden hatten als ihre leibliche Familie.
»Ja, ja, ich weiß«, brummte Kristine trotzig wie ein Kleinkind, während sie sich aus Hannahs Umarmung löste und einen halben Schritt zurück machte. »Du hast es schließlich oft genug gesagt: Du willst zu ihnen. Sobald es irgendwie möglich ist, willst du zu deiner Mutter, die dich einst fortgejagt hat, weil du ein Kind unter dem Herzen getragen hast, von einem Mann, der deinen Eltern nicht genehm war.«
Hannah überging die Verachtung in Kristines Stimme. Sie wusste, sie meinte es nicht so, zuckte stattdessen nur mit den Schultern und sagte: »Sie ist meine Mutter, und inzwischen ist so viel passiert, dass das, was gewesen ist, nicht mehr zählt. Ich denke, das wird auch meine Mutter so empfinden.«
Kristine öffnete den Mund, doch Hannah schüttelte den Kopf. »Lass gut sein. Ich werde nicht heute oder morgen fortgehen, gewiss nicht. Aber irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, und das weißt du auch … hast du immer gewusst.«
Kristine atmete geräuschvoll durch. »Ja, das weiß ich leider nur zu gut. Doch wenn du … ihr geht, Hannah, das musst du mir versprechen, dann erst, wenn euch da draußen keine Gefahr mehr droht. Wenn die Welt wieder etwas zur Ruhe gekommen ist, und ganz bestimmt nicht, weil ihr Platz für neue Flüchtlinge machen wollt.«
Hannah nickte. »Ja, das verspreche ich dir. Hoch und heilig.«
»Dann ist es gut.« Kristine konnte schon wieder lächeln, wenn auch ein wenig gequält. »Außerdem wolltest du doch mit mir zusammen die Reitschule vorantreiben und wieder zu dem machen, was sie vor diesem ganzen Irrsinn einst gewesen ist. Für die Kinder und Jugendlichen, die endlich wieder etwas Freude im Leben haben müssen.«
»Ja, das wollte ich«, erklärte Hannah, fügte in Gedanken jedoch hinzu: Wenn die Ponys und Pferde nicht vorher allesamt dem Hunger der Menschen zum Opfer fallen.
Hannah wollte sich umwenden und den Stall verlassen. Sie musste zurück in die Küche und aufpassen, dass sich niemand an den Kartoffeln bediente und somit mehr bekam als die anderen. Ja, es ging ihnen hier in ihrem kleinen Dorf, das von weitläufigen Ackerflächen und Feldern umgeben war, im Verhältnis zu der Großzahl der Menschen in Deutschland noch recht gut, denn sie waren vom Krieg hier weitestgehend verschont geblieben, was die Zerstörung der Häuser und Scheunen anbelangte. Und Kristines Sorge, bald nicht mehr alle durchfüttern zu können, war an sich etwas zu düster gedacht. Dennoch oder gerade deshalb mussten sie haushalten und jedem genau zuteilen, was ihm zustand. Sonst reichte es nicht für die, die schon da waren, und erst recht nicht für die, die noch kommen würden.
»Warte, ich muss dir noch etwas sagen«, erklärte Kristine jedoch, als Hannah schon einen Schritt Richtung Stalltür getan hatte.
Hannah blieb stehen. »Was denn noch?«
Kristine rang nach den richtigen Worten. Das konnte Hannah ihr ansehen.
»Nun rede schon!«, forderte sie sie nochmals auf.
»Wir müssen nicht nur wegen der Pferde auf der Hut sein. Ich habe dieser Tage eine ehemalige Schulfreundin getroffen, die kurz vor Kriegsbeginn mit ihrer Familie in die Stadt Demmin gezogen ist. Nun hat sich dort in der Nacht zum ersten Mai Schreckliches zugetragen. Die Rotarmisten hatten die mit Flüchtlingen völlig überfüllte Kleinstadt zuvor geplündert. Im Suff haben vollkommen enthemmte russische Soldaten die Häuser angesteckt, sodass der Stadtkern tagelang gebrannt hat. Der Ort soll laut meiner Schulfreundin nur noch eine rauchende Ruinenlandschaft sein. Am ersten Mai ist es dann eskaliert, als der Apotheker der Stadt bei einer Siegesfeier den sowjetischen Offizieren aus Rache Gift in den Rotwein getan hat. Die Vergeltung der Sowjets erfolgte umgehend und traf insbesondere die Frauen und Mädchen der Kleinstadt. Kleine Mädchen bis zur achtzigjährigen Großmutter wurden von den Sowjets vergewaltigt. Die wenigen Männer der Stadt, die die Kinder und Frauen vor den grausamen Übergriffen der barbarischen sowjetischen Soldaten und Offiziere bewahren wollten, sind meiner Schulfreundin nach kurzerhand niedergeschossen worden.« Kristine legte eine Pause ein, um Luft zu holen. Vielleicht musste sie sich aber auch erst wieder etwas sammeln, bevor sie fortfahren konnte. »Daraufhin nahmen sich in den nächsten Tagen Hunderte von Frauen, jung wie alt, das Leben, weil sie mit dem, was ihnen angetan worden war, nicht weiterleben konnten und gleichzeitig schreckliche Angst hatten, dass ihnen so etwas erneut widerfahren könnte.«
»Das … das ist schrecklich … barbarisch«, presste Hannah wie unter großen Schmerzen hervor.
Kristine nickte. »Ich erzähle dir davon, weil die Stadt nicht weit von unserem Dorf entfernt liegt und es sehr wohl möglich ist, dass sich die Sowjets auch hierher verirren könnten. Der Krieg ist zwar vorbei, aber Frieden herrscht noch lange nicht. Wir müssen also immer auf der Hut sein und so unauffällig wie nur möglich bleiben. Ich werde auch deshalb ab sofort keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen. Es werden einfach zu viele, und wo viele sind, schaut man zuerst hin.«
Hannah fiel nichts ein, was sie darauf sagen konnte. Kristine hatte recht, es war zu gefährlich. Aber die da kamen, Tag für Tag, Nacht für Nacht, waren Flüchtlinge wie Paul und sie.
»Ich weiß, was du denkst, Hannah«, sagte Kristine da. »Aber ich will leben. Ich habe Visionen, und ich bin noch jung genug, diesen ganzen Scheiß irgendwann zu vergessen und ein gutes Leben zu führen. Und ich könnte es nicht mitansehen, wenn meiner Großmutter so etwas angetan würde. Ich muss sie schützen, ich muss uns alle schützen, und darum bleiben unsere Türen ab jetzt für Neuankömmlinge, egal, wie sehr sie auch betteln und verzweifelt sind, zu.«
Hannah nickte. Sie wusste, dass Kristines Entscheidung richtig war, und auch, wie schwer es der großherzigen jungen Frau fallen würde, die Flüchtlinge der nächsten Tage, Wochen, womöglich Monate abzuweisen.
Aber sie würde es tun, sie würde es für ihre Familie und für sich tun müssen. Das war gewiss.
11. Mai 1945
Liebste Hannah,
nun ist es Jahre her, dass ich Dir zuletzt geschrieben habe, und noch weitaus länger, dass wir uns gesehen haben. Doch kein Tag ist seitdem vergangen, an dem ich nicht an Dich gedacht habe. Ich würde so gerne glauben, dass es Dir gut geht, Du den Krieg unbeschadet an Leib und Seele überstanden hast. Ich würde mein Leben für diese Gewissheit geben.
Ich bin in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten. Es ist nicht leicht, nein, das ist es gewiss nicht, doch ich bin am Leben. Viele meiner Kameraden sind das nicht mehr.
Vielleicht werde ich eines Tages heimkehren, ich weiß nicht, was sich das Schicksal für mich ausgedacht hat, womöglich aber ein neues Leben.
Für immer und noch immer in liebevoller Erinnerung
Dein J.
Alle denken gewiss, in kurzen Tagen zur Heimat wiederzukehren; so pflegt sich stets der Vertriebene zu schmeicheln. Aber ich täusche mich nicht mit leichter Hoffnung in diesen traurigen Tagen, die uns noch traurigere Tage versprechen. Denn gelöst sind die Bande der Welt; wer knüpfet sie wieder, als allein nur die Not, die höchste, die uns bevorsteht.
Johann Wolfgang von Goethe
In den nächsten Wochen wurde Kristines Körperhaltung immer gebückter. Es kam Hannah so vor, als würde sich ihr schmaler Rücken bei jedem Flüchtling, der an der Bauernhaustür anklopfte, um Hilfe bat und von Kristine abgewiesen wurde, ein wenig mehr krümmen.
Es fiel ihr sichtlich schwer, unendlich schwer, die vielen Frauen und Kinder, die Alten und Schwachen, Kranken, die am Ende ihrer Kräfte waren, fortzuschicken. Aber sie hatte sich selbst das Versprechen gegeben, auf ihre Familie zu achten, sie zu beschützen, ihre Großeltern, Hannah und Paul und auch die Pferde.
Hannah konnte es kaum mitansehen, fühlte sich von Tag zu Tag elender, weil sie stark und gesund war und Platz hätte machen können. Doch wann immer sie es Kristine gegenüber noch zu erwähnen wagte, wurde die jedes Mal wütend. Einmal hatte sie sogar schon halb zum Schlag ausgeholt, in letzter Sekunde die Hand jedoch wieder sinken lassen und kopfschüttelnd gemurmelt: »Sieh nur, wohin mich dein ewiges Gerede treibt …« Dann war sie zur Tür hinausgestürmt und hatte die ziemlich betroffene Hannah mit der Großmutter zurückgelassen.
»Sie leidet schrecklich, die Kristine«, hatte Kristines Großmutter daraufhin zu Hannah gesagt. »Sie hat schon immer ein viel zu weiches Herz gehabt, und dass sie nicht helfen kann, das ganze Elend und die vielen Kranken und die hungrigen und weinenden Kinder, das macht sie fertig, Hannah. Da musst du ihr das Herz nicht noch zusätzlich schwer machen, weil sie fürchten muss, dass sie eines Morgens feststellt, dass Paul, dein Pferd und du einfach weitergezogen seid.«
Hannah versprach Kristines Großmutter hoch und heilig, dies nicht zu tun, und schlug Kristine noch am selben Tag vor, ihr das Fortschicken der Flüchtlinge fortan abzunehmen, was die Freundin ihr mit einer innigen Umarmung dankte.
Doch als an einem brüllend heißen Nachmittag Ende August eine Handvoll Flüchtlinge, angeführt von einer jungen dürren Frau mit eingefallenen Wangen und großen Augen, die in dunklen Höhlen lagen, plötzlich im Stall auftauchte, wo Hannah und Kristine gerade dabei waren, die Boxen der Pferde zu säubern, konnte sie ihrem Versprechen nicht nachkommen.
Hannah hatte gerade mit einem bedauernden Schulterzucken, aber ohne den sichtbar erschöpften jungen Leuten noch weiter ins Gesicht zu blicken, erklärt, dass sie weder Platz noch Lebensmittel für weitere Flüchtlinge hätten, als die abgemagerte Frau, die das Wort führte, plötzlich ausrief: »Hannah? Bist … bist du es? Bist du es wirklich?«
Wie vom Blitz getroffen zuckte Hannah zusammen, bevor sie einen so schrillen Schrei ausstieß, dass die Pferde in den Boxen aufgeregt scheuten und auch Kristine vor Schreck einen grellen Laut von sich gab.
»Philippa, um Himmels willen, Philippa!«, rief Hannah als Nächstes und stürmte auch schon auf die junge Frau zu. Im nächsten Moment hatte sie sie in ihre Arme gezogen und ganz fest an sich gedrückt. »O wie schön, wie wunderschön, dich zu sehen«, juchzte Hannah. Nach einer innigen Umarmung wandte sie sich an die drei jungen Leute, die zu Philippa gehörten, es waren Fritz, Luise und Sophia Finke.
»Ich kann es kaum glauben, euch hier zu sehen«, rief sie und umarmte einen nach dem anderen ebenso herzlich wie Philippa.
»Wo sind die anderen?«, wollte Hannah nach der ersten großen Wiedersehensfreude wissen. »Eure Eltern, euer Bruder Gerd …?«
Schlagartig verdunkelte sich das eben noch so erfreute Gesicht der ältesten Tochter des Veterinärs Otto Finke und seiner Frau Liselotte, die Hannah in schweren Zeiten bei sich aufgenommen und ihnen ein neues Zuhause gegeben hatten, bis Hannah beschlossen hatte, mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Pferd aus Ostpreußen zu flüchten. Otto Finke wäre gern mit ihnen gegangen, hatte mit Engelszungen auf seine Frau Lotte eingeredet, doch die hatte sich strikt geweigert, ihr Zuhause zu verlassen.
»Wir haben den Sowjets nichts getan, also werden sie uns auch nichts tun. Wir sind gegen diesen Krieg gewesen und auch gegen Hitler, das werden wir ihnen sagen, wenn sie tatsächlich vor unserer Tür stehen sollten«, hatte Lotte gesagt.
»Vati und Gerd sind abgeholt worden«, begann Philippa mit brüchiger Stimme zu erzählen. »Vom Ortvorsteher. Er und einige andere wollten den Vormarsch der Roten Armee aufhalten. Vati hat sich geweigert und wollte auch Gerd nicht gehen lassen. Er hat gemeint, der Krieg sei sowieso bald vorbei und er lässt sich und seinen Sohn bestimmt nicht als Kanonenfutter verheizen. Außerdem war Gerd doch sowieso nicht kriegstauglich, weil er ja den Humpelfuß hatte …« Philippa stockte, schluckte ein paarmal und fuhr schließlich noch leiser fort: »Aber das war denen auf einmal egal. Sie haben Vati und Gerd mitgenommen. Mutti hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, aber wir haben einfach nicht herausfinden können, wohin sie gebracht worden sind. Es herrschte plötzlich ein riesiges Durcheinander, und dann kam auch schon die Nachricht, dass Gerd gefallen ist …«
Zutiefst betroffen presste sich Hannah die Hand aufs Herz, während das Gesicht des zwölfjährigen Gerd vor ihrem inneren Auge auftauchte, als sie 1935 hochschwanger auf den Hof seiner Eltern gekommen war. Strohblondes Haar, blitzblaue Augen und unendlich viele Sommersprossen, hinkend, weil das rechte Bein seit seiner Geburt ein Stück kürzer als das linke gewesen war. Im Winter 1944/45, als Hannah die Finkes wieder verlassen hatte, da war Gerd längst zu einem jungen Mann herangereift, doch den Schelm von damals hatte er noch immer im Nacken gehabt. Es war unvorstellbar für Hannah, dass er tot sein sollte. Gefallen in diesem schrecklichen und vollkommen überflüssigen Krieg. Es spielte wahrlich keine Rolle, ob er zu Beginn, in der Mitte oder zum Ende dieses Horrors den Tod gefunden hatte, dennoch kam Hannah sein Tod noch irrwitziger vor, weil er etwas hatte verteidigen sollen, was längst verloren gewesen war. Kanonenfutter fürs Deutsche Reich – in den Kampf gezogen für etwas, woran er weder geglaubt hatte, noch war er gewillt gewesen, es zu verteidigen.
Hannah streckte die Hand nach Philippas aus und drückte sie, während sie die drei anderen Kinder der Finkes ansah und mit belegter Stimme sagte: »Es tut mir so unendlich leid, dass ihr euern Bruder verloren habt.«
Die drei Jugendlichen, Fritz, nun fünfzehnjährig, und seine zwei Jahre älteren Zwillingsschwestern, nickten im Takt, pressten aber so fest die Lippen aufeinander, dass Hannah auf einmal ein weiterer schlimmer Gedanke heimsuchte.
»Seid ihr ohne eure Mutter geflüchtet?«, wandte sie sich wieder an Philippa. »Ist sie auf dem Hof geblieben? Hat sie sich tatsächlich noch immer geweigert, den Hof zu verlassen?«
Luise begann zu weinen und wurde sogleich von ihrer Zwillingsschwester in den Arm genommen. Fritz trat mit voller Wucht gegen einen Schemel, der im Gang stand. Es machte einen furchtbaren Krach, und Kristine schimpfte ihn direkt dafür aus. Doch statt sich zu entschuldigen, rannte er laut fluchend aus dem Stall.
»Was ist passiert?«, krächzte Hannah, der vollkommen klar war, dass die Reaktion der Geschwister einem schrecklichen Keim entsprang.
»Ich möchte mich nicht einmischen«, vernahm Hannah die Stimme von Kristine. »Aber deine Freunde sind sicher sehr erschöpft. Vielleicht sollten sie sich erst einmal ein wenig ausruhen, frisch machen und etwas essen. Dann könnt ihr immer noch … ähm … weiterreden.«
»Ja, natürlich, du hast vollkommen recht, Kristine«, gab Hannah zurück. »Kommt mit mir rüber in die Küche. Ich habe heute Morgen Kartoffelsuppe gekocht. Davon ist noch reichlich da.« Hannah war schon im Begriff, den Stall zu verlassen, da fiel ihr etwas ein, und sie wandte sich zu Kristine um. »Sie können doch bleiben, ja? Ich schaffe für sie Platz in Pauls und meiner Kammer. Wir rücken alle etwas zusammen, dann geht es. Ich verzichte auf mein Mittagessen. Ich trete es an die Kinder ab, und ich …«
»Stopp, hör auf«, fiel Kristine ihr ins Wort. »Natürlich können sie bleiben. Sie sind dir doch wichtig.«
»Gut«, gab Hannah zurück, dabei wusste sie nur zu genau, dass nichts gut war.
Paul, der die vier Finke-Geschwister bald ein Jahr nicht mehr gesehen hatte, war vollkommen aus dem Häuschen. Für sie waren sie immer seine Familie gewesen, eine andere hatte er nie kennengelernt, und nun war er überglücklich, sie endlich wieder in die Arme schließen zu können.
Es war sehr bewegend für Hannah, die vier Geschwister und ihren zehnjährigen Sohn so eng umschlungen zu sehen.
Nachdem alle mit großem Appetit von der Kartoffelsuppe gegessen hatten und dann in der kleinen Waschküche ihre schmutzige Kleidung – viel mehr, als sie am Leibe trugen, hatten sie nicht bei sich – gegen saubere Wäsche und Kleidung von Kristine, Hannah und Kristines Brüdern hatten eintauschen können, fielen ihnen beinahe die Augen zu, und Hannah brachte sie in die kleine Kammer, die sie zusammen mit Paul bewohnte. Im Handumdrehen hatte sie die Matratze aus dem Bett gezogen und mit einigen Kissen ein etwas größeres Lager auf dem Fußboden hergerichtet.
»Aber wo sollen denn Paul und du schlafen?«, wollte Philippa von ihr wissen. »Wir nehmen ja den ganzen Raum ein.«
»Ich stopfe später ein paar Kissenbezüge mit Stroh und lege sie wieder auf den Bettrost. Das geht schon.«
»Wir wollen dir aber nicht deinen Schlafplatz streitig machen, Hannah, dir nicht und Paul auch nicht.«
Bevor Hannah ihr versichern konnte, dass das überhaupt kein Problem sei, trat Kristine in die Kammer.
»Nun macht euch mal keinen Kopf, Hannah und Paul kommen bei mir unter. Meine Kammer ist riesig, viel zu groß für eine allein. Und nun ruht euch aus.« Sie gab Hannah mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie mit ihr kommen sollte.
»Gut, dann schlaft jetzt …« Hannah holte tief Luft, war sich nicht sicher, ob sie es sagen sollte, tat es dann aber mit so viel Zuversicht wie nur möglich in der Stimme: »Hier seid ihr in Sicherheit. Alles wird gut.«
Nachdem Hannah die Tür hinter sich zugezogen hatte, folgte sie Kristine in deren Kammer, die nicht annähernd so geräumig war, wie sie es den Finke-Geschwistern gegenüber behauptet hatte. Die große Kammer, ihre ursprüngliche, hatte sie längst an eine Familie aus Schlesien abgetreten. Aber was spielte dieser Tage schon die Größe einer Schlafkammer für eine Rolle?
»Ich konnte sie nicht wegschicken«, verteidigte Hannah sich, kaum dass sie die Tür hinter sich zugezogen hatte. »Sie sind Familie. Ihre Eltern, Lotte und Otto, haben mir in einer schweren Zeit sehr geholfen und Paul und mich fast zehn Jahre lang bei sich wohnen lassen. Ich habe dir von ihnen erzählt.«
Kristine nickte. »Ja, natürlich doch, Hannah, du musst dich nicht erklären, es ist selbstverständlich, dass sie bleiben. Familie ist heilig.«
Paul kam ins Zimmer gestürmt. »Kann ich bitte bei Fritz, Philippa, Sophia und Luise bleiben? Bitte, Mutti, sag Ja.«
Doch Hannah schüttelte den Kopf. »Für dich ist es doch noch viel zu früh zum Schlafen, aber die vier brauchen unbedingt ihre Ruhe. Sie müssen sich erholen. Weißt du, Paul, sie sind genau den langen Weg gegangen wie wir damals im eisigen Winter.«
»Aber wir sind doch gar nicht gegangen, wir sind geritten. Auf Bella, unserer lieben Bella.«
Hannah nickte. »Ja, das stimmt, Bella hat uns hierhergetragen.« Hannah nahm ihren Sohn in den Arm und küsste seine linke Schläfe.
»Kommen die anderen auch noch? Onkel Otto und Tante Lotte und der Gerd?«
Hannah wusste nicht, was sie ihrem Sohn antworten sollte. Woher denn auch? Nur dass Gerd nicht nachkommen würde, das wusste sie mit schmerzlicher Gewissheit. Sonst nichts.
»Paulchen, du stellst mal wieder zu viele Fragen«, sagte Kristine und wuschelte Paul durch sein eh schon ziemlich zerzaustes Haar. »Komm lieber mit mir in den Stall und hilf mir beim Saubermachen.«
»Na gut«, willigte Paul ein und verließ hinter Kristine die winzige Kammer. Er liebte es, Kristine im Stall zu helfen, und war deshalb schnell zu überreden.
Hannah ging runter in die Wohnküche. Sie musste Kartoffeln schälen und vorkochen, denn nun waren noch vier weitere Mäuler zu stopfen. Sie ließ sich äußerlich nichts anmerken. Ertrug die Sticheleien der Harenberg, die sich schrecklich über die neuen ›Polaken‹ aufregte, obwohl sie selbst aus der Nähe von Königsberg stammte, aber wohl meinte, weil sie eine der Ersten hier bei Kristine und ihren Großeltern gewesen war, mehr Rechte als die anderen zu haben. Sie war es auch, die immer wieder laut aussprach, dass sie gerne mal wieder Fleisch essen würde. Pferdefleisch gebe es im Prinzip ja genug auf dem Gehöft.
Auch jetzt spielte sie wieder auf den ›Luxus‹ an, den sich Kristine mit den Ponys und Pferden leistete, bis Kristines Großmutter den Gehstock mit Wucht auf die Steinfliesen stieß und sie anfunkelte: »Noch ein gehässiges Wort, und Sie packen auf der Stelle samt Ihrem Gefolge Ihre Bündel und ziehen weiter. Es reicht. Es reicht schon lange.«
»Wie bitte? Ich soll das Feld räumen für diese … diese …«
»Unterstehen Sie sich, Frau Harenberg«, warnte Kristines Großmutter ungewöhnlich renitent die überhebliche Frau.
»Gräfin von Harenberg, so viel Zeit muss sein«, gab sie schnippisch zurück.
»RAUS!«, bellte Kristines Großmutter da und hob zur Unterstützung den Stock, als wollte sie sie damit schlagen.
Es war längst Abend, und Hannah stand noch immer in der Küche. Paul hatte sich bereits sein neues Lager hergerichtet und großen Spaß gehabt, sich zwischen Kristines schmaler Pritsche und Hannahs Strohmatratze auf dem Fußboden eine kleine Höhle aus allerlei Leinentüchern, die ihm Kristine gegeben hatte, zu bauen. Er war so fröhlich wie seit Langem nicht mehr, was Hannah auf das Wiedersehen mit den Finke-Geschwistern zurückführte.
Nun wollte sie auch bald Feierabend machen, streckte sich, weil ihr das Kreuz vom langen Stehen am Tisch wehtat, und gähnte dabei herzhaft, als eine leise Stimme hinter ihr sagte: »Sie hat sich geweigert, das Haus zu verlassen.«
Hannah fuhr zu der Stimme herum, hatte sie natürlich sofort erkannt und wusste auch, wer mit ›sie‹ gemeint war.
»Wollen wir uns raussetzen?«, schlug sie Philippa mit ruhiger Stimme vor, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug und die Innenflächen ihrer rissigen und trockenen Hände auf einmal ganz feucht waren.
Philippa nickte. »Ja, das wäre schön.«
Wenig später saßen sie auf zwei Strohballen hinter dem Stallgebäude mit Blick auf die Weiden und Äcker des Hofes.
Philippa atmete die noch immer warme, aber längst nicht mehr so brennend heiße Abendluft tief ein. »Es ist kaum vorstellbar, was die Menschen überall erlitten haben, noch immer zu erleiden haben, was auch meinen Geschwistern und mir, meiner Familie, Mutti … zugestoßen ist, wenn man hier sitzt und die Sonne in den Weiden untergeht, als wäre nichts geschehen.«
Hannah verstand Philippas Gedanken nur zu gut. »Als Paul und ich hier im Dorf angekommen sind, und nachdem uns alle anderen zuvor fortgejagt hatten, Kristine uns bei sich aufgenommen hatte, da habe ich das auch nicht verstehen können, dass all das Grauen es wohl nicht bis hierher geschafft zu haben schien. Das Dorf ist zumindest äußerlich vom Krieg verschont geblieben, nichts ist zerbombt worden, keiner wurde getötet. Doch rundherum, tatsächlich nicht allzu weit entfernt, da liegt vieles in Schutt und Asche. Kristine hat mir gerade etwas Schreckliches aus einer Stadt ganz in der Nähe erzählt, wo die Sowjets für Angst und Schrecken gesorgt haben. Wir müssen vorsichtig sein, achtsamer, keine Aufmerksamkeit auf uns lenken. Der Krieg mag vielleicht vorbei sein, aber in Sicherheit sind wir längst nicht.« Als Hannah in Philippas bleiches Gesicht blickte, bereute sie ihre Worte sofort wieder.
»Entschuldige bitte, Philippa, ich wollte dir bestimmt keine Angst machen.«
Philippa schüttelte den Kopf. »Angst, nein, Angst hast du mir nicht gemacht. Es ist nur gut, wenn man eine Ahnung hat, was einem zustoßen kann, und nicht gänzlich unwissend ist, wenn plötzlich der Bürgermeister von Gehöft zu Gehöft geht und sagt, wir müssten so schnell wie möglich weg, die russische Front rücke näher. Mutti hat sich geweigert, wollte es noch immer nicht wahrhaben, doch da hat der Fritz sie angeschrien, dass sie endlich mit dem Theater aufhören soll. Wenn wir früher gegangen wären, dann hätten sie Vater und Gerd nicht mehr holen kommen können. Da hat sie das Nötigste zusammengepackt: Futter für die beiden Pferde, Kochtöpfe, Pelzdecken und unsere Papiere und auch ein paar Fotos. Es war ein Durcheinander. Zu den vielen Menschen, die wie wir mit notdürftig zusammengezimmerten Wagen unterwegs waren, traf auch das deutsche Militär, das von der Front zurückgedrängt wurde. Völlig verstopft waren die Straßen. Acht Kilometer in drei Tagen, mehr haben wir nicht geschafft.« Philippa lachte bitter auf, bevor sie weiterredete. »Nach einer knappen Woche wurden wir von den Russen eingeholt. Sie haben uns an eine Stallwand gestellt, und Sophia hat wie verrückt geschrien, als ihre Gewehre klickten. Wie ein Tier. Da haben sie auf einmal von uns abgelassen. Ohne sie wären wir heute nicht mehr am Leben, bin ich mir sicher. Den Wagen, die Pferde, sämtliche Papiere, alles haben sie uns dennoch abgenommen und wir mussten mit ihnen ziehen. Acht Tage lang liefen wir bei Minusgraden gen Osten, um dann im Nirgendwo in geplünderten Häusern untergebracht zu werden. Auf dem Boden haben wir geschlafen, zu Dutzenden. Suppe aus Mehl und Wasser haben wir gegessen. Immer wieder haben sie Frauen und junge Mädchen geholt, uns jedoch nicht. Ich kann es nicht glauben, sie haben uns nicht beachtet. Weder uns Mädchen noch Fritz wurden in einem der Lastwagen nach Sibirien abtransportiert. Einmal schien es dann auch bei uns so weit: Mutter sollte mit, aber die Laderampe des Lkws war voll, und sie kam zurück. Unwahrscheinliches Glück hatten wir, dass wir die ganze Zeit zusammengeblieben sind, wahrhaftig, bis dann ein sowjetischer Soldat Mutters Amulett haben wollte, das sie immer um den Hals trug. Ich habe ihr gesagt, sie soll es ihm geben, aber sie hat sich geweigert, weil ein Foto von Gerd darin war, die letzte Erinnerung an ihn. Da hat er sie an den Haaren gepackt und mit sich geschleppt. Ich habe sie wimmern und weinen gehört, und als sie zurückkam, da war ihre Kleidung zerrissen, und sie ist ganz komisch gegangen.«
Hannah ahnte, was Lotte zugestoßen war, und ihr Magen zog sich schmerzlich zusammen. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
