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Der zweite Teil der großen Familiensaga vor dem Hintergrund eines Gestüts an der deutschen Ostsee von Paula Mattis, einer ausgewiesenen Pferde- und Reitsportkennerin Schleswig-Holstein in den späten Zwanziger Jahren. Helene ist nicht so pferdeverrückt wie ihre Schwester Charlotte. Sie ist glücklich verheiratet und hat mittlerweile zwei kleine Töchter. Doch der Schein trügt, denn bald findet sie heraus, dass ihr Mann sie betrogen hat. Untröstlich und zutiefst verletzt sucht sie die sichere Wärme ihrer Familie und die Nähe ihrer Schwester - auf dem Gestüt, das sie einst gar nicht schnell genug verlassen konnte. Noch am selben Tag taucht der wutentbrannte Ehemann auf dem Gestüt auf und fordert Helene auf, sofort mit ihm zurück nach Hamburg zu kommen. Was sollen denn die Leute denken, wenn herauskommt, dass seine Frau ihn einfach so verlassen hat?! Fritz wird immer wütender, doch Charlotte verwehrt ihm den Eintritt ins Haus und rät der Schwester, stark zu bleiben … Band 1. "Das Gestüt am See. Stürmische Jahre" Band 2: "Das Gestüt am See. Zeit der Hoffnung
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2021
Paula Mattis
Zeit der HoffnungRoman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Schleswig-Holstein in den späten 20er Jahren. Helene macht sich im Gegensatz zu ihrer Schwester Charlotte nicht viel aus Pferden und ist froh, dem Gestüt den Rücken gekehrt zu haben. Sie ist glücklich mit Fritz Fromberg verheiratet und führt mit ihm und den beiden Kindern ein komfortables Leben in ihrer Berliner Villa. Doch der Schein trügt, denn bald findet sie heraus, dass ihr Mann sie betrogen hat. Untröstlich und zutiefst verletzt sucht sie die sichere Wärme ihrer Familie – auf dem Gestüt, das sie einst gar nicht schnell genug verlassen konnte.
Wird sie ihr Glück finden?
Der zweite Band der großen Gestüts-Saga.
Motto
Personenverzeichnis
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft angezogen,
pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
ewig still steht die Vergangenheit.
(Friedrich Schiller)
Carl Heinrich und Anna von Edzards (geb. Niehus)
Charlotte von Edzards
Helene Fromberg (geb. von Edzards)
Fritz Fromberg
Marlies und Hans Fromberg – Kinder von Helene und Fritz
Marlene und Johanna von Edzards
Evelyn von Edzards – Witwe von Hans von Edzards
Gunnar – Alter Stallmeister
Viktor – Stallbursche und Jockey
Sven – Stallbursche
Berta – Köchin
Rieke – Küchenmädchen und Servierkraft
Loni – Hausmädchen
Erik Larsson – dänischer Pferdezüchter
Doktor Bayer – Tierarzt
Doktor Schlüter – langjähriger Arzt der Familie
Harm Rühmkorf – junger Springreiter und Trainer
Lina Bolthausen – Hotelierin
Als Helene ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie sich immer wieder in eine Welt voller Glanz und Wohlstand geträumt. In ihrer Fantasie war sie ein gefeierter Star, eine junge Dame, so atemberaubend schön, dass sie der Hingucker einer jeden Festlichkeit war. Betrat sie einen Raum, wurde es still, denn den Menschen stockte der Atem angesichts ihrer Eleganz und ihres Liebreizes.
Helene sah sich auch immer wieder auf einer Bühne stehen. Sie war eine gefeierte Sängerin, der nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt die Herzen ihrer Verehrer und Anhänger im Sturm zuflogen.
Helene wartete nahezu ihre ganze Kindheit und Jugend lang darauf, dass es endlich losgehen würde mit dem grandiosen Leben, nach dem sie sich so sehr sehnte. Die zarte Blondine wollte dem Land den Rücken kehren, das Gestüt hinter sich lassen und endlich ins strahlende Licht hinaustreten. Ein jeder sollte sie sehen, fasziniert von ihr sein und sich glücklich schätzen, von ihr beachtet zu werden. All das hatte sie sich in den schönsten Farben ausgemalt, hatte jedes Detail genau vor sich gesehen und die Tage, die Stunden, die Minuten gezählt, die sie noch warten müsste, bevor es endlich losgehen konnte mit dem prächtigen Leben, in dem sich alles nur um sie drehte.
Als sie dann alt genug war, um von der Männerwelt als überaus reizvolles Geschöpf Beachtung zu finden, empfand sie es nicht als Beschämung oder gar Unverschämtheit, von den Herren in erster Linie wegen ihres anziehenden Äußeren wahrgenommen zu werden. Dabei war sie wahrlich nicht dumm, Helene war sogar überaus gescheit, sodass sie ohne Mühe den Anforderungen eines Gymnasiums gewachsen gewesen wäre. Doch das war von den Eltern nicht gewünscht, ganz besonders ihre Mutter Anna von Edzards empfand eine Hochschulausbildung für eine ihrer Töchter als überflüssig, wenn nicht sogar störend. Immerhin gab es junge Herren, denen allzu kluge Damen im heiratsfähigen Alter nicht sonderlich behagten.
So ließ die gescheite Helene die gähnend langweiligen Unterrichtsstunden, in dem kleinen Schulzimmer im hinteren Teil des Gutshauses, aufrecht sitzend und äußerlich interessiert erscheinend, an sich vorbeiziehen. Wohl wissend, dass sie schon als Neunjährige dem schnöden Hauslehrer Clausen nicht nur an Klugheit überlegen war, sondern auch an Kalkül.
An Herzenswärme allerdings hatte der liebe Herrgott jedoch gespart. Helene war wie besessen von der Vorstellung ihrer glanzvollen Zukunft, davon, das Leben zu führen, das ihr ihrer Meinung nach zustehe. So kam es, dass sie schon im Kindesalter immer wieder ausgerechnet diejenigen verletzte, die es gut mit ihr meinten, die sie von Herzen liebten und ihr deshalb nahezu jede Boshaftigkeit nachsahen, ihr immer wieder verziehen.
Ganz besonders ihre um ein Jahr ältere Schwester Charlotte brachte in all den Jahren viel Geduld und Verständnis für sie auf, obwohl sie diejenige war, die unter Helenes Intrigen oftmals am ärgsten zu leiden hatte.
In stillen Momenten, in den Augenblicken, in denen Helene es sich gestattete, ihr Gewissen zu befragen, schämte sie sich dann zutiefst dafür. Und dennoch konnte sie nicht anders agieren. Bei all ihrer Klugheit war sie nicht in der Lage, irgendetwas als wichtiger zu erachten als sich selbst.
Dann traf sie Fritz Fromberg und wähnte sich am Ziel all ihrer Kindheitswünsche und Hoffnungen. Ein charmanter junger Mann aus allerbestem Hause. Gebildet, gutaussehend und die schöne Helene nahezu vergötternd. An seiner Seite würden all ihre Träume wahr, das erkannte Helene sofort und gab sich ihm bereitwillig hin. Das erste Mal in ihrem Leben mit Leib und Seele und ehrlicher Herzenswärme. Fortan war Fritz das Maß aller Dinge, der Olymp ihres Lebens.
Und diesem prächtigen Mann gelang es, aus der selbstverliebten Helene ein Geschöpf zu formen, das freiwillig einen Schritt zurücktrat. Seine Belange und Wünsche rückten in den Vordergrund, Helene stellte sich hinten an. Sie gestattete Fritz alles. Verzieh ihm seine Affronts, seine Fehltritte, seine ungezügelte Lust am Leben, der Liebe und der Leidenschaft. Denn in ihm hatte sie den Mann gefunden, der ihr ein Leben in Glanz und Gloria ermöglichte, den Komfort und die Annehmlichkeiten der ersten Reihe, all das, wonach sie sich in ihrer Jugend so sehr gesehnt hatte.
Später einmal würde sie sich selbst nur noch wundern können, dass sie all das ertragen hatte. Dass sie sich nach der Sonne gesehnt hatte und dann aus freien Stücken in den Schatten gerückt war. Und noch etwas würde ihr eine Qual bedeuten: dass sie ausgerechnet seinetwegen den Menschen verraten hatte, der ihr am nächsten stand.
Als Anna von Edzards aufwachte, blieb sie still im Bett liegen und ließ die Augen noch geschlossen. In ihrem Körper verspürte sie ein ganz und gar überwältigendes Gefühl, das sie so noch nicht erlebt hatte. Es war ihr fremd, und gleichzeitig kam es ihr vertraut vor. Es ließ sie sich leicht wie eine Feder im Wind fühlen, und dennoch wog es schwer in ihr. Es war wie etwas, das sie längst erwartet hatte und sie dennoch überraschte. Es war das unwiderrufliche Gefühl, dass die Zeit sich dem Ende neigte.
Sie öffnete die Lider. Blinzelte, bis sich ihre Augen an das Tageslicht gewöhnt hatten. Staubpartikel schwebten wie kleine Glitzerpunkte durch das Zimmer. Anna lächelte, freute sich auf den Tag, der vor ihr lag und ihr letzter sein würde. Dass bald alles ein Ende haben würde, die Erlösung ganz nah war.
Es bedeutete einiges an Anstrengung für sie, die Beine unter dem warmen Federbett hervorzubekommen, aber nicht halb so viel, wie sie darum kämpfen musste, ihren Oberkörper aufzurichten.
Einen Augenblick lang verharrte sie auf der Bettkante sitzend und spürte, wie das Herz in ihrer Brust zwei, drei gleichmäßige Schläge machte, dann aber ins Stolpern geriet, wieder etwas langsamer wurde, erneut stolperte und einfach nicht den richtigen Takt finden wollte.
Sie holte tief Luft. Erinnerte sich daran, was die nette Krankenschwester immer zu ihr sagte, die sich nun schon eine ganze Weile um sie kümmerte.
»Immer schön gleichmäßig ein- und ausatmen, bis das Herz seinen Rhythmus gefunden hat.«
Anna atmete wieder aus. Und ein. Und aus … Doch heute wollte sich der richtige Takt einfach nicht einstellen.
Es wäre schön, dachte Anna, wenn Schwester Evelyn bald in ihr Zimmer käme, damit sie gemeinsam atmen könnten. Doch andererseits würde sie ihr verbieten, das Bett zu verlassen. Also war es gut, dass die Krankenschwester heute Morgen auf sich warten ließ.
Wenn Anna genau darüber nachdachte, dann wollte sie sowieso nicht, dass Schwester Evelyn zu ihr kam. Nie wieder. Immerhin hatte sie erst gestern schlimm mit ihr gestritten. Oder war es am Tag zuvor gewesen? Anna konnte sich nicht mehr an die genaue Zeit erinnern. Ihre Gedanken waren wie Zeitenwandler, mal verirrten sie sich weit in die Vergangenheit zurück, im nächsten Augenblick gerieten sie ins Hier und Jetzt, um ihr dann wieder vorzutäuschen, sie selbst wäre blutjung und Hans ein Kleinkind. Darum wusste sie auch nicht mehr, wann es zu der Auseinandersetzung mit dieser Schwester Evelyn gekommen war, nur, dass sie sehr ärgerlich auf die junge Frau gewesen war. Diese Person hatte doch tatsächlich behauptet, sie sei mit Annas Sohn Hans verheiratet.
Was für ein Unfug. Hans war viel jünger als Schwester Evelyn. Er war noch ein Kind, gerade erst zehn Jahre alt geworden, wenn sie sich recht erinnerte. Ein Kind konnte nicht mit einer Krankenschwester verheiratet sein. Ein Kind konnte mit niemandem verheiratet sein. Und das hatte sie dieser Schwester Evelyn auch mit aller Entschlossenheit gesagt. Dennoch war es noch ungeheuerlicher geworden, denn als Nächstes hatte diese Person behauptet, sie sei nicht nur Hans’ Ehefrau, sondern auch seine Witwe. Hans sei verstorben. Angeblich schon im vergangenen Jahr.
Danach hatte Anna ihr den Rücken zugekehrt und kein einziges Wort mehr mit dieser impertinenten Krankenschwester gesprochen. Was für eine unverschämte Person. Als würde ihr Hans, ihr kluger, gutaussehender und überaus charmanter Sohn, solch eine gewöhnliche Krankenschwester ehelichen. Und das mit seinem Tod, das war der Gipfel an Boshaftigkeit gewesen. Nein, diese schreckliche Evelyn sollte besser wegbleiben. Wenn es nach Anna ginge, dann für immer.
Anna konzentrierte sich auf ihre Beine. Sie hatte beschlossen, das stolpernde Herz einfach zu ignorieren. Wenn es ihr nicht einmal an ihrem letzten Tag den Gefallen tun wollte, gleichmäßig zu schlagen, dann war das nun mal so. Anna konnte darauf jetzt keine Rücksicht nehmen. Ihre Zeit war knapp bemessen.
Es gelang ihr, sich vom Bett zu erheben und die Tür zu erreichen. Sie drückte behutsam die Klinke herunter und trat auf den langen Flur hinaus. Der dicke Teppichläufer fühlte sich angenehm weich unter ihren bloßen Füßen an, es kam ihr vor, als liefe sie auf Wolken. So erreichte sie recht mühelos und von den bereits umherwuselnden Hausmädchen gänzlich unbemerkt die Treppe. Auch wenn ihr bei jeder einzelnen Stufe die Knie schlimme Schmerzen bereiteten, so bewältigte sie dennoch eine nach der anderen, bis sie unten in der imposanten Halle des Gutshauses angekommen war. Liebevoll betrachtete Anna den feudalen Kronleuchter. Ein leises, wehmütiges Seufzen entwich ihr, während sie die Erinnerung an längst vergangene Zeiten einholte. Die vielen illustren Gäste, die ihr Gemahl und sie hier in der Halle unter dem Kronleuchter in Empfang genommen und begrüßt hatten. Der Tag, an dem Carl Heinrich seinen Erstgeborenen über die Schwelle getragen hatte. Anna sah die beiden vor sich, als wäre es gestern gewesen. Der stolze Vater, wie er seinen zehn Tage alten Sohn auf dem Arm gehalten hatte, und Anna hatte gedacht, dass sie ihren Ehemann nie glücklicher erlebt hatte als in diesem Moment.
Ihr Blick wanderte zu der antiken Standuhr weiter, deren Betrachtung für Anna mit ebenso vielen Erinnerungen verbunden war. Ein letztes tiefes Seufzen, dann wandte sie der Halle mit all den Kostbarkeiten den Rücken zu und öffnete die Gutshaustür.
Während Anna hinaus in den noch recht frühen Morgen trat, begann hinter ihr in der Halle die Standuhr zu schlagen. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Mal. Jeder einzelne Schlag so wunderschön, dass Anna trotz der kühlen Luft wohlig warm ums Herz wurde. Erst als der letzte Nachklang verhallt war, zog sie die Tür hinter sich ins Schloss. Während sie achtsam die breiten Sandsteinstufen hinabstieg, freute sie sich wie ein kleines Kind, dass es ihr gelungen war, von allen unbemerkt das Gutshaus verlassen zu haben.
Die spitzen Kieselsteine im Innenhof piksten und stachen ihr unter den Füßen, doch sie setzte ihren Weg unbeirrt fort. Das Scheunentor war nur angelehnt. Anna trat ein und sah sich im Halbdunkel der Scheune um. Er muss hier doch irgendwo sein, mein Hans, ging es ihr durch den Kopf. Wo bist du, mein Sohn?
Sie würde Hans auf der Stelle von dieser impertinenten Schwester Evelyn erzählen. Anna war sich sicher, dass Hans kopfschüttelnd über die unverschämten Behauptungen dieser Person lachen würde. Aber vielleicht würde er auch nicht lachen, sondern in Wut geraten. Anna konnte sich auch vorstellen, dass er unverzüglich zu ihr eilen und sie zur Rede stellen würde. Hans wurde nur selten laut und aufbrausend, so ein rüdes Verhalten passte nicht zu ihm. Er war ein Feingeist. Nun sah sie wieder den jungen Mann in ihm, der über einwandfreie Manieren verfügte. Doch wenn es etwas gab, das ihn wirklich ärgerte, dann konnte er sehr wütend werden. Doch wenn Hans gleich sehr rüde mit dieser Evelyn umgehen und sie bestimmt des Gestüts verweisen würde, so verspürte Anna dennoch kein Mitleid mit ihr. Schließlich hatte sie ihr immer wieder weismachen wollen, dass sie Hans’ Gattin sei … seine Witwe. So ein Unfug. So eine Dreistigkeit. Wie konnte jemand nur so schamlos lügen.
Und Carl Heinrich und Charlotte, sogar Helene und die Zwillinge, sie glaubten dieser unverschämten Lügnerin, ließen sich von ihr täuschen. Anders konnte Anna sich nicht erklären, warum sie diese Frau noch im Gutshaus wohnen ließen. Trotz der vielen schlimmen Worte, die sie nicht müde wurde, Anna gespielt einfühlsam immer wieder zu sagen. Es war schlimm. Ja, es war unerträglich für Anna.
Aber jetzt würde sie Hans davon erzählen, und ihr lieber Sohn würde keine Sekunde verstreichen lassen, diese verlogene Person aus dem Gutshaus und vom Gestüt zu jagen. Womöglich würde er ihr sogar Steine hinterherwerfen. Viele Steine, die sich von hinten in ihren schmalen Rücken bohrten. Schwester Evelyn würde jammern, sie würde Hans um Gnade anflehen. Anna sah bereits alles ganz genau vor sich. Doch ihr Sohn würde sich nicht erweichen lassen. Evelyn hatte mit ihren Behauptungen seine über alles geliebte Mutter verletzen wollen, und das würde er ihr nicht durchgehen lassen und erst recht nicht verzeihen. Kein Erbarmen, o nein, diese Person konnte kein Erbarmen erwarten.
»Hans«, rief Anna mit dünnem Stimmchen. In diesem Moment kam sie ihr selbst ganz fremd vor. Anna hatte doch stets klar und bestimmend geklungen. Besonders den Töchtern gegenüber. Carl Heinrich hatte so seine Probleme mit ihrer Strenge gehabt, wenn Anna sich recht erinnerte. Ihm war es nicht immer recht, wie sie die vier Töchter erzog. Doch Anna ließ sich nicht beirren, damals nicht und heute ebenso wenig. Sie war sich sicher, im Sinne der Mädchen zu handeln, für die es immerhin darum ging, später einen angemessenen Ehemann zu finden. Für Anna war das wahrlich das Maß aller Dinge, so sah die Gutsherrin die Rolle der Frau und konnte nicht verstehen, warum ihre Töchter so sehr dagegen rebellierten. Vielleicht sollte sie demnächst mal wieder ein ausführliches Gespräch mit Carl Heinrich führen, in dem sie ihm mit aller Entschlossenheit mitteilte, dass die Erziehung der Töchter ihr oblag und sie keinerlei Einmischung von ihm duldete.
Nur Hans, nun ja, mit Hans verhielt sich das alles ganz anders. Er war ihr einziger Sohn. Der Stammhalter und zukünftige Erbe des Gestüts und der Fabrik. Was Anna allerdings etwas Sorgen bereitete, war, dass er sich in letzter Zeit immer wieder in diese staubige Scheune zurückzog. Anna konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Sie bekam ihn kaum noch im Gutshaus zu sehen. Wenn Anna genau darüber nachdachte, dann konnte sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal zusammen mit der Familie am Tisch gesessen hatte.
Doch war das ein Wunder, wenn der eigene Vater und die Schwestern ihm diese grausige Person vorzogen?! Wie sollte Hans sich im Gutshaus noch heimisch fühlen, wenn sein Zimmer und sein Platz am Tisch von dieser Evelyn besetzt waren?! Unerhört.
»Hans!«, rief Anna nun etwas forscher. »Jetzt zeig dich bitte. Ich habe etwas mit dir zu besprechen!« Und in Gedanken fügte sie noch hinzu: Ich werde dafür Sorge tragen, mein Sohn, dass du dich zukünftig wieder geborgen und sicher im Kreise deiner Familie fühlen kannst.
Doch es war nicht ihr lieber Hans, dessen warme Hand sie wenig später auf ihrer Schulter spürte und der sie behutsam aus der Scheune zurück zum Gutshaus geleitete, sondern Carl Heinrich von Edzards.
Als Anna das endlich realisierte, da war es für Gegenwehr längst zu spät, da hatte ihr Ehemann sie bereits zur Treppe gelenkt, sie untergefasst und half ihr dabei, ganz behutsam eine Stufe nach der anderen zu erklimmen.
»Nein!«, rief Anna aufgeregt. »Was fällt dir ein?« Was für ein unerhörtes Benehmen, Anna war außer sich.
»Anna, Liebes, so beruhige dich doch. Ich bringe dich zurück in dein Zimmer. Alles ist in bester Ordnung. Du musst dir keine Sorgen machen«, sprach er zu ihr, als hätte er ein dummes Kind vor sich, was Anna nur noch mehr in Rage versetzte.
»Lass mich los!«, verlangte sie und stampfte zur Verdeutlichung ihrer Anweisung mit dem nackten Fuß auf.
»Aber Anna, versteh doch bitte, es ist noch zu früh für einen Spaziergang«, erklärte Carl Heinrich von Edzards ihr mit noch immer dieser Stimme, die sie so sehr ärgerte. »Außerdem bist du nicht einmal angekleidet. Aber ich verspreche dir, ich werde Evelyn darum bitten, nach dem Frühstück mit dir einen kleinen Spaziergang durch den Gutspark zu unternehmen.«
Evelyn. Schon wieder dieser gräuliche Name. Diese schlimme Person. Impertinente Lügnerin.
»Ich will, dass Hans kommt!«, verlangte sie nachdrücklich. »Er soll kommen, und sie soll gehen. Hast du mich verstanden? Ich möchte, dass mein Sohn wieder in das Gutshaus einzieht. Er soll sein Zimmer und seinen Platz am Tisch zurückbekommen. Und diese Frau, die ihm all das genommen hat, die soll gehen!«
Carl Heinrich von Edzards’ Gesicht veränderte sich, kam ihr auf einmal schmerzlich vor, als täte ihm etwas weh. »Anna, ich weiß, wie schwer das alles noch immer für dich ist, doch Hans kann nicht kommen, Hans ist verstorben. Und Evelyn ist bestimmt keine ›schlimme Person‹. Sie kümmert sich rührend um dich. Wir sind ihr unendlich dankbar dafür. Du auch, Liebes, wenn es dir gutgeht … wenn du bei klarem Verstand bist.«
»Nein … du lügst«, keuchte Anna. Im nächsten Moment spürte sie, wie ihre Knie nachgaben und ihre Sinne zu schwinden begannen. Bestimmt wäre sie in sich zusammengesackt, womöglich sogar rücklings die Treppenstufen hinabgestürzt, wenn ihr Gatte sie nicht gehalten hätte. Er schien sehr geübt darin zu sein, war das Letzte, was sie dachte, bevor ihr schwarz vor Augen wurde.
Das Nächste, das Anna wahrnahm, war, wie sie von jemandem getragen wurde. Starke Arme, die sie die letzten Stufen hinauf auf den langen Flur brachten, auf dem sich ihr Schlafgemach befand, welches sie sich mit ihrem Gatten Carl Heinrich teilte. Auch die Töchter hatten hier oben ihre Gemächer und natürlich Hans. Verwirrt sah sie sich um und hauchte: »Was ist passiert? Wo … wo bin ich?«
»Dir war etwas unwohl zumute, Liebes, darum habe ich dich getragen«, erklärte ihr eine einfühlsame Männerstimme.
Ungläubig sah Anna den Mann an und erkannte ihren Gemahl. Sie öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass sie ihm kein Wort glaubte. Und dass er sie jetzt auf der Stelle runterlassen solle. Sie war doch kein Kleinkind. Kein Häufchen Elend, das getragen werden musste. Sie war Anna von Edzards, die Gutsherrin, eine von allen geachtete und geschätzte Dame der feinen Gesellschaft.
Da kam eine dunkelhaarige Frau auf sie zugeeilt. Bei ihrem Anblick stockte Anna der Atem. Was für eine aparte, bildschöne Erscheinung, dachte sie. Vielleicht eine junge Adelige, so stolz und aufrecht, wie sie sich hielt.
Doch als die junge Frau ihr im nächsten Moment vertraulich die Hand auf die Schulter legte und sie mit Mutter ansprach, da war es mit Annas Bewunderung abrupt vorbei.
»Was bilden Sie sich ein!«, fuhr sie die Fremde empört an. »Mutter. Was für eine Dreistigkeit. Ich bin kaum älter als Sie, wie könnte ich da Ihre Mutter sein?! Ich habe einen Sohn, wenige Monate ist er alt, mein Hans.« Verächtlich schnaufte Anna von Edzards und wandte dann demonstrativ den Kopf um. Wo war sie überhaupt? Was ging hier vor sich? Und dieser Mann … um Himmels willen, wer war dieser ihr fürwahr wildfremde Mann, der sie mit festem Griff umfasst hielt?
»Lassen Sie mich los!«, verlangte sie mit einer Mischung aus Furcht und Ärger. »Was wollen Sie von mir?«
»Aber, Anna, Liebes, ich bin es doch, dein Mann Carl Heinrich. Und das hier ist Charlotte, deine älteste Tochter.«
Wie bitte? Anna konnte es nicht glauben. Sie wollte jetzt auch nichts mehr hören. Sie spürte, wie die Verzweiflung immer mehr in ihr aufstieg, und sah keinen anderen Ausweg, als lauthals um Hilfe zu rufen. Sie verlangte nach Hans, denn nur von ihm konnte sie Beistand erwarten. Nur Hans verstand sie. Sonst niemand in diesem großen Haus, das ihr beängstigend fremd war. Alles um sie herum war ihr unbekannt. Jemand musste sie gegen ihren Willen hierher verschleppt haben.
»Hilfe, Hans!«, schrie sie, so laut es ihre Kräfte zuließen. »Du musst mir helfen. Hörst du, Hans, ich brauche deine Hilfe!«
Aber Hans zeigte sich nicht. Er überließ Anna ihrem Schicksal. Ihr Sohn stand ihr nicht bei und wies den fremden Mann, die dunkelhaarige Frau und Evelyn aufs Schärfste zurecht. Hans tat nichts dergleichen. Vielleicht deshalb, weil auch sie ihn in seinen schwärzesten Momenten alleingelassen hatte. Anna hatte ihren Sohn immer wieder im Stich gelassen. Schon als ganz kleiner Bub hatte er sich nicht darauf verlassen können, dass sie ihm beistehen, ihm den Rücken stärken würde, wenn er mal wieder ängstlich oder traurig gewesen war. Charlotte, o ja, seine Schwester Charlotte, dieser Wildfang, war immer an seiner Seite gewesen, immer. Nur sie nicht, nicht seine Mutter. Als Anna das bewusst wurde, mal wieder bewusst wurde, was sie lieber verdrängt und vergessen hätte, wie so vieles andere, da erlosch ihr Widerstand, da verließ auch der letzte Funken an Willen und Kraft ihren Geist und Körper.
Der Mann, der behauptete, er sei ihr Gemahl, trug sie in ein Zimmer und legte sie in ein Bett, das ihres sein sollte. Die dunkelhaarige Frau, die sie Mutter genannt hatte, zog ihr behutsam die warme Daunendecke bis zum Kinn hoch und ließ sich dann auf der Bettkante nieder. Sanft tätschelte sie Annas Stirn. Sie behauptete, dass alles gut sei und sie sich gleich wieder beruhigen werde. Evelyn wisse bereits Bescheid und sei unterwegs. Und Evelyn werde gewiss nicht mit leeren Händen kommen.
»Sie bringt den feinen Saft mit, Mutter, den du so gerne magst und von dem du so gut schlafen kannst.« Die dunkelhaarige Frau lächelte sie lieb an. Nein, nicht lieb, scheinheilig. Sie steckte mit dieser Evelyn unter einer Decke, das wurde Anna nun immer bewusster. Sie hätte die Fremde gerne des Zimmers verwiesen, sie auf der Stelle fortgeschickt. Aber sie war so schwach, dass es ihr nicht einmal gelang, den Kopf zur Seite zu drehen, um sich der Berührung der Fremden zu entziehen.
Es dauerte nicht allzu lange, da kam Schwester Evelyn ins Zimmer gestürmt. Auf einmal war Anna erleichtert, sie zu sehen. So musste sie wenigstens nicht mehr mit der fremden jungen Frau alleine in dem Zimmer sein. Nun erhob sie sich und ging auf Evelyn zu. Anna sah genau, wie die beiden Frauen miteinander tuschelten. Unerhört. Wer flüsterte, der hatte etwas zu verbergen. Davon war Anna überzeugt.
»Hans soll kommen«, verlangte sie noch einmal. »Und sie … sie soll gehen. Auf der Stelle.« Ihre Stimme war viel zu leise, nicht mehr als ein schwacher Windzug. Vielleicht nahmen die beiden Frauen deshalb keine Notiz von ihr. Oder sie waren einfach nur schlecht erzogen, und es fehlte ihnen an Anstand und Manieren.
Evelyn trat an ihr Bett und schob ihre Hand unter ihren Hinterkopf. Behutsam richtete sie sie auf und führte ihr ein Glas mit einer bräunlichen Flüssigkeit an die Lippen.
»Bitte, trink das, Anna, das wird dir guttun!«, versprach sie.
Anna wollte nicht. Und Anna fand es auch unerhört, dass diese Schwester Evelyn sie schon wieder einfach so duzte. Sie war die Gutsherrin. Und eine Gutsherrin ließ sich vom Personal nicht duzen. Erst recht nicht von einer dahergelaufenen Krankenschwester. Aber letztendlich blieb ihr keine andere Wahl, als die Lippen leicht zu öffnen und einen kleinen Schluck von dem Saft zu nehmen. Er schmeckte bittersüß, nicht gut, aber auch nicht ganz und gar abscheulich. Und in diesem Punkt hatte Evelyn sie nicht belogen, er hatte eine wohltuende Wirkung, beruhigte ihre Sinne und ließ ihre Glieder angenehm schwer werden.
Und dann hatte Anna endlich Hans vor sich. Er lächelte sie an, und sie vergaß, dass sie eigentlich ein bisschen ärgerlich seinetwegen gewesen war. Jetzt, wo Anna in seine warmen braunen Augen blickte, da zählte nur noch, dass er endlich zu ihr zurückgekommen war.
Es war stockdunkel im Zimmer, als Anna von Edzards das nächste Mal erwachte. Sie musste den ganzen Tag durchgeschlafen haben. Oder war es bereits Abend gewesen, als sie auf bloßen Füßen in die Scheune getapert war, um nach Hans zu suchen? Sie konnte sich nicht erinnern, und was die Zeit betraf, so war sie sich dieser eine lange Weile schon nicht mehr bewusst.
Mit etwas Mühe richtete sie sich in ihrem Bett auf – und erkannte zu ihrem Schreck, dass sie nicht allein darin geruht hatte. Auf der anderen Bettseite hatte es sich ein Mann bequem gemacht. Ein fremder Mann, da war sich Anna ganz sicher. Aus einem ersten Impuls heraus wollte sie um Hilfe rufen. Doch dann kam es ihr in den Sinn, dass das womöglich wenig ratsam war. Noch schlief der Fremde neben ihr im Bett tief und fest. Also konnte sie sich heimlich aus dem Zimmer schleichen und sich in Sicherheit bringen. Wenn sie ihn jedoch durch lautes Schreien auf sich aufmerksam machte, dann würde er ihr womöglich die Hand auf den Mund pressen, bevor irgendjemand etwas von ihrer Not mitbekäme. Dann wäre sie ihm ausgeliefert. Hilf- und wehrlos.
So geräuschlos wie nur möglich schlug sie die Decke zur Seite und schwang die knochigen Beine von der Matratze. Erneut verzichtete sie darauf, in ihre Samtpantoffeln zu schlüpfen, doch bevor sie auf nackten Füßen zur Tür schlich, kam ihr noch ein Gedanke, wie sie ihren Bewacher austricksen konnte. So geräuschlos wie nur möglich rollte sie ihr Kopfkissen zusammen und drapierte es unter dem dicken Federbett. Wer nur einen flüchtigen Blick darauf warf, konnte annehmen, dass sie sich darunter befände und tief und fest schliefe. Anna von Edzards freute sich diebisch, dass ihr dieser Gedanke gekommen war, und hätte zu gerne das dumme Gesicht des Mannes gesehen, wenn er irgendwann feststellte, dass nicht sie, sondern ihr Kopfkissen unter dem Federbett lag.
Sie musste sich regelrecht zusammenreißen, nicht zu kichern, während sie zur Tür schlich. Die Klinke knarrte ein wenig, als sie sie hinunterdrückte. Doch der Fremde hatte wirklich einen sehr tiefen Schlaf, sodass auch dieses Geräusch nicht zu ihm vordrang.
Anna triumphierte innerlich immer mehr, dass es ihr gelungen war, dem fremden Bewacher entkommen zu sein und ihm zusätzlich einen Streich gespielt zu haben. Obwohl sie sich noch immer keinen Reim darauf machen konnte, wer dem Fremden überhaupt den Auftrag erteilt hatte, über sie zu wachen. Sie würde später Schwester Evelyn dazu befragen. Oder besser nicht, vielleicht handelte es sich ja bei der respektlosen Krankenschwester um diejenige, die für den Wachmann in ihrem Zimmer verantwortlich war.
»Ich werde mich bei Hans beschweren …«, beschloss sie und nahm vorsichtig eine Stufe nach der anderen.
Die Gutshaustür war verschlossen. Der Schlüssel steckte nicht im Schloss. Doch auch wenn Anna von Edzards sich an vieles nicht mehr erinnerte und so manches nicht wahrhaben wollte, wo sich der Ersatzschlüssel befand, war ihr sofort bewusst: in dem moosgrün lackierten Kästchen, das zwischen Tür- und Fensterrahmen in etwa auf Augenhöhe an der Wand hing.
Nachdem sie unter all den vielen Schlüsseln, die dort in dem Kästchen aufbewahrt waren, den richtigen ausgewählt hatte, gelang es ihr ebenso mühelos, die Tür aufzubekommen, sodass sie schließlich von ihrer Familie und dem Hauspersonal erneut unbemerkt das Gutshaus verließ.
Anna von Edzards fühlte sich wie beschwingt. Bestimmt war ihr Hochgefühl darauf zurückzuführen, dass sie gleich auf Hans treffen würde. Die Vorfreude sorgte für Energie und verlieh ihr längst verloren gegangene Kräfte, sodass sie beinah schon laufend den Innenhof des Gestüts überquerte.
Wenige Augenblicke später zog sie das Scheunentor auf. Annas Pulsschlag ging nicht nur wegen der ungewohnten körperlichen Anstrengung rasend schnell, auch die Aufregung, ihrem Hans gleich gegenüberzustehen, trug das ihrige dazu bei.
»Hans?«
Keine Antwort.
»Mein Sohn, ich bin deinetwegen hier. Das weißt du doch.«
Doch Hans blieb in der Dunkelheit der Scheune verborgen.
Vielleicht grämte er sich? Womöglich war ihr Sohn voller Scham, dass er sich auf diese Evelyn eingelassen hatte?
Freilich war diese Verbindung alles andere als standesgemäß und Anna von Edzard auch alles andere als verzückt darüber. Aber deshalb musste Hans sich doch nicht vor ihr schämen. Sie war seine Mutter, und ihr war durchaus bewusst, dass Schwester Evelyn ihren Sohn zu dieser unsäglichen Eheschließung gezwungen hatte.
»Hans, du kannst ganz ohne Scham vor mich treten. Wir finden einen Ausweg. Vielleicht, wenn wir ihr Geld anbieten. Diese einfachen jungen Fräuleins sind doch sowieso nur auf so etwas aus.«
Hans blieb still. Immer noch. Oder war er nun verstimmt, weil sie annahm, er sei für eine Person wie Evelyn nur wegen seines Vermögens interessant? Hatte sie ihn mit dieser Behauptung verletzt?
»Hans, das wollte ich nicht. Du bist viel besser als diese …« Anna stockte, weil im Stall gegenüber der Scheune das Wiehern eines Pferdes zu hören war.
»Hans, du bist drüben bei den Pferden … natürlich doch«, rief sie begreifend. Warum war ihr das nicht gleich eingefallen? Gewiss war Hans bei seinen Pferden, seinen geliebten Pferden. Warum sollte er sonst bei Dunkelheit hier draußen auf dem Gestüt herumirren, wenn es nicht um die Pferde ging?
Schnell verließ sie die Scheune und lief zu den drei Stallgebäuden hinüber. Ihr Herz stolperte wieder, als sich ihre schmale Hand um die Klinke des ersten Stalltors legte. Doch so sehr sie sich auch bemühte, das Tor ließ sich nicht öffnen. Auch in das zweite Gebäude, das sich an das erste anschloss, konnte sie sich keinen Zutritt verschaffen. Ebenso scheiterte sie am Tor der letzten Stallung.
Entmutigt ging sie davor leicht in die Hocke. Anna wimmerte leise. Warum hatte sich einfach alles gegen sie verschworen? Warum war plötzlich jedes ihrer Vorhaben so aussichtslos? Sie schlug die Hände vors Gesicht, ließ sie aber gleich wieder sinken und horchte auf, als erneut ein lautes Wiehern erklang.
Hans! War er in Not geraten? Warum sonst sollte das Pferd so aufgeregt wiehern? Da stimmte etwas nicht. Ihr Sohn war in Gefahr. Anna spürte es. Sie musste ihm helfen.
»Ich komme, Hans«, rief sie. »Dieses Mal lasse ich dich nicht im Stich!«
Mühsam rappelte Anna sich auf. Ihr Körper wollte ihr kaum noch gehorchen, aber ihr Wille war stärker. Mühsam setzte sie einen Schritt vor den anderen, um nach einem Weg zu suchen, wie sie in die Stallungen gelangen konnte. Vielleicht gab es eine Hintertür? Anna ärgerte sich, dass sie sich dem Gestüt stets möglichst ferngehalten hatte, weil sie ihren Platz, ihr Schalten und Walten im Gutshaus gesehen hatte. Wenn sie sich nur besser auskennen würde, würde ihr bestimmt eine Möglichkeit einfallen, um in die Stallungen zu gelangen. Doch nach ein paar weiteren beschwerlichen Schritten tat sich ihr dann völlig unverhofft genau diese Möglichkeit auf.
Im Zuge der Modernisierung des Gestüts waren die Boxen der Pferde allesamt mit Fenstern ausgestattet worden. Damit die Tiere möglichst viel frische Luft bekamen, standen diese nahezu immer offen. Nur bei besonders tiefen Temperaturen wurden sie zugemacht, damit im Gebäude die Wasserleitungen nicht einfroren.
Carl Heinrich von Edzards war sehr stolz darauf, über so moderne Stallungen zu verfügen, und wurde nie müde, ihr davon vorzuschwärmen. Anna hingegen interessierte sich nicht sonderlich dafür. Für ihr Empfinden war der Umbau viel zu umfangreich ausgefallen. Den Pferden hatte es doch in den Ständerboxen an nichts gemangelt. Wozu brauchte jedes Tier eine Box für sich und dazu auch noch ein Fenster nach draußen? Der Umbau hatte Unmengen von Geld verschlungen und die von Edzards an den Rand des Ruins gebracht. Beinah hätten sie alles verloren, beinah wären sie obdachlos geworden. Und das alles nur wegen dieser Pferde.
Immer gab es Streit wegen der Gäule, wirklich schlimm. Die Pferde waren sowieso an allem schuld. Auch an dem schlechten Verhältnis zu Charlotte, ihrer ältesten Tochter, die nur wegen der Tiere die Verlobung mit Richard Harmsen aufgelöst hatte. So eine gute Partie, Anna war noch immer entsetzt, dass Charlotte sich am Ende gegen Richard entschieden hatte.
Aber jetzt, in diesen Moment, da war Anna dann doch wirklich dankbar, dass jedes Pferd eine Box mit einem Fenster bekommen hatte.
Noch einmal mobilisierte sie ihre letzten Kräfte, sodass es ihr tatsächlich gelang, durch eines der Fenster zu klettern. Das Pferd in der Box prustete aufgeregt und starrte Anna aus großen Augen an, doch sie klopfte dem Tier instinktiv den Hals und verließ dann schnell wieder die Box.
»Hans?«, rief sie.
Stille.
Nur leises Scharren von Pferdehufen im Stroh, hier und da ein Schnauben, und irgendwo fraß eines der Tiere sein nächtliches Heu.
Anna von Edzards wurde sonderbar zumute, als stände ein Schwächeanfall direkt bevor. Nun hatte sie nahezu überall nach Hans gesucht und ihn dennoch nicht finden können. Die Enttäuschung tat ihr körperlich weh. Die Beine wurden weich, und sie ging erneut zu Boden. Zusammengerollt wie ein Embryo lag sie auf der kalten Stallgasse und fing leise an zu weinen. Ihre Gedanken kreisten um Hans, je klarer und bewusster, umso schmerzlicher, weil sie auf einmal die schreckliche Wahrheit nicht mehr verdrängen konnte. Ihr Sohn war tot. Hans hatte seinem Leben ein Ende bereitet. Er hatte keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als sich bei Nacht und Nebel drüben in der Scheune zu erhängen.
Bis zu ihrem letzten Atemzug würde sie das Bild nicht aus ihrem Gedächtnis bekommen, das sich ihr geboten hatte, als sie ihn in der Scheune gefunden hatte. Ihr geliebter Sohn, ihr ganzer Stolz, an einem Querbalken baumelnd. Mit unermesslicher Kraft musste er sich zuvor daran hochgehangelt haben, um dann loszulassen. Anna sah ihn direkt vor sich, wieder einmal, sein Kopf war ihm auf die Brust gesackt, seine kranken Beine sonderbar mit dem umgefallenen Rollstuhl verworren. Es hatte sie entsetzlich geschmerzt, ihn so zu sehen, und das Wissen, dass auch sie ihres dazu beigetragen hatte, dass sie mitverantwortlich war. Am Ende hatte Hans den letzten Funken Lebensmut verloren und beschlossen, dass er seinem unwürdigen Dasein ein Ende bereiten wollte.
Da war Anna das erste Mal mit ihm gestorben. Was seitdem noch von ihr geblieben war, war lediglich ihre Hülle. Die stolze Gutsherrin Anna von Edzards existierte nicht mehr, und in den wenigen wachen Momenten, in denen sie wusste, wer sie war und in was für einer Zeit sie sich befand, schmerzte Hans’ Tod sie ganz schrecklich und auch, was seitdem aus ihr geworden war.
Wie lange Anna auf dem kalten Steinboden lag, um ihren geliebten Sohn weinte und die Schuld an seinem Tod ihr unerträgliche Schmerzen bereitete, hätte sie nicht sagen können. Vielleicht wenige Minuten, womöglich Stunden, Anna hatte so oder so längst kein Zeitgefühl mehr. Doch sie wusste nun endlich, was zu tun war. Wie der nächste Schritt auszusehen hatte, wie sie den Schmerz endlich loswerden konnte.
Schon heute ganz früh, als sie das erste Mal aufgewacht war, hatte sie gewusst, dass ihr Leben enden und sie sich dann endlich wieder gut und vollständig fühlen würde. Der Gedanke versetzte sie in einen Zustand größter Euphorie, sodass sie tatsächlich ein weiteres Mal in der Lage war, ihren schwachen Körper aufzurichten. Mit steifen Knien lief sie die Stallgasse bis ganz nach hinten durch. Licht, dachte sie, ich muss meinem Hans ein Licht in den Himmel schicken, damit er sieht, dass ich nun endlich zu ihm komme.
Mit zittrigen Händen fummelte sie das Schloss an einem der Stallschränke auf, die an der Rückwand des Stalles standen. Ihr war richtig feierlich zumute, als sie das erste Zündholz aus der Schachtel nahm und es an der Seite entfachte.
»Hans, kannst du mich sehen? Siehst du das Licht?!«, rief sie.
Das Hölzchen war runtergebrannt. Anna nahm ein neues aus der Schachtel und rieb es an der Zündfläche.
»Ein Licht für dich, mein Sohn, ein Licht für dich und …«, murmelte sie wie im Gebet vor sich hin.
Wieder war das Hölzchen viel zu schnell heruntergebrannt. So funktionierte das nicht. Anna musste sich etwas einfallen lassen, dass es länger leuchtete. Da entdeckte sie den Strohballen, der vor einer der Boxentüren stand. Kurz entschlossen nahm Anna ein drittes Hölzchen, entfachte es an der Schachtel und warf es in den Strohballen, der innerhalb weniger Augenblicke lichterloh brannte.
»So ein prächtiges Licht, Hans«, hauchte sie verzückt. »Und das Schönste ist, es wird mich zu dir führen. Gleich bin ich bei dir, Hans, gleich …«
Anna sank auf den Boden und rollte sich erneut auf dem kalten Stein zu einem kleinen Bündel zusammen. Doch dieses Mal war ihr nicht kalt, es war angenehm warm und wohlig. Nur das laute Wiehern und panische Herumrennen der Pferde in den Boxen störte sie ein wenig. Aber das würde bald vorbei sein.
Ein greller Schrei ließ Charlotte von Edzards aus dem Tiefschlaf hochschrecken. Im ersten Moment dachte sie an ihre Mutter, der es womöglich erneut gelungen war, aus ihrem Zimmer zu gelangen, und die nun irgendwo im Gutshaus zu Fall gekommen war. Doch dann fiel ihr ein, dass der Vater beschlossen hatte, im gemeinsamen Ehebett zu nächtigen. Seit einer geraumen Weile schlief er nun schon nebenan im Ankleidezimmer auf einer recht komfortablen Couch, weil seine Gattin mehrfach für nächtlichen Aufruhr gesorgt hatte. Immer häufiger war es vorgekommen, dass sie ihren eigenen Ehemann nicht mehr erkannt und ihn für einen Fremden gehalten hatte, der sich einfach zu ihr ins Bett gelegt hatte. Natürlich hatte sie jedes Mal einen hysterischen Anfall bekommen. Erst vor Kurzem hatte sie in diesem Zustand der vollständigen geistigen Verwirrung ihr Wasserglas von dem kleinen Schränkchen neben ihrem Bett genommen und es dem schlafenden Carl Heinrich mit ganzer Kraft auf den Kopf geschlagen. Die Wunde hatte anschließend von dem langjährigen Hausarzt der von Edzards mit vier Stichen genäht werden müssen. Von Doktor Schlüter hatten sie auch den Saft bekommen, der stark beruhigend wirkte, aber vor allem für einen langen Schlaf bei der Gutsherrin sorgte. Doch eine Lösung auf Dauer konnte das nicht sein, hatte er mahnend zum Vater gesagt.
»Mein lieber Herr von Edzards, Sie werden sich mit dem Gedanken beschäftigen müssen, dass Ihre Gemahlin bald vollständig den Verstand verliert. Ich halte es für sinnvoller, vor allem nach dieser Attacke, alsbald über einen Platz in einer entsprechenden Anstalt nachzudenken. Dort ist Ihre verehrte Gattin zweifelsohne besser aufgehoben.«
Doch der Gutsherr hatte davon nichts wissen wollen. Und auch Evelyn war von dem Vorschlag des Hausarztes nicht besonders angetan gewesen.
»Ich bin ausgebildete Krankenschwester und kann mich gut um meine Schwiegermutter kümmern. Weitaus besser, als es in einer Nervenanstalt der Fall wäre.«
Charlotte war ganz und gar der Meinung ihrer Schwägerin gewesen. Doch die letzten Tage hatten enorm an ihren Nerven gezehrt. Anna von Edzards’ lichte Momente waren von immer kürzerer Dauer. Sie schien sich in ihrer eigenen Welt wohler zu fühlen als im Kreise der Familie. Seit Neuestem schlich sie sich heimlich aus dem Gutshaus, um die Scheune aufzusuchen, in der Hans sich erhängt und sie ihn gefunden hatte. Für sie schien es dort wohl möglich zu sein, ihrem Sohn zu begegnen, hatte Evelyn mit schmerzlicher Miene Charlotte gegenüber vermutet.
Der gestrige Tag war auch wieder einer von den besonders schwierigen gewesen. Anna hatte mehrfach versucht, zu Hans in die Scheune zu gelangen, und einmal war es ihr sogar gelungen. Carl Heinrich von Edzards hatte daraufhin beschlossen, lieber in Kauf zu nehmen, dass sie mitten in der Nacht herumschrie, weil ein Fremder sich in ihr Bett gelegt hatte, als sie unbewacht zu lassen. Einschließen konnte man die verwirrte Gutsherrin nicht, denn dann versuchte sie, aus dem Fenster zu klettern. Letzte Woche hatte Evelyn sie gerade noch im letzten Moment davon abhalten können, als sie zufällig in das Zimmer ihrer Schwiegermutter gekommen war. Daraufhin hatte der Gutsherr den langjährigen Tischler der von Edzards damit beauftragt, die Fenster zeitnah ausbruchsicher zu machen.
Ausbruchsicher, wie sich das anhörte, dachte Charlotte, während sie die Daunendecke zur Seite schlug und ihre schlanken Beine aus dem Bett schwang. Es war herzzerreißend, die eigene Mutter so zu erleben. Doch niemand litt so schmerzlich darunter wie ihr Vater. Seine Gattin so zu sehen, bedeutete eine schlimme Qual für ihn.
Seufzend ging Charlotte zur Tür. Sie hatte beschlossen, lieber doch nachzusehen, ob die Mutter auch wirklich in ihrem Bett lag. Womöglich schlief der Vater so tief, dass er nicht mitbekommen hatte, wie sie aus dem Zimmer geschlichen war.
Als Charlotte aus ihrem Zimmer auf den Flur hinaustrat, öffnete sich Evelyns Zimmertür schräg gegenüber, und ihre Schwägerin erschien auf der Schwelle. Die Augen vom Schlaf gerötet, die Haare zerzaust, blickte sie Charlotte fragend an.
»Dann hast du den Schrei also auch gehört?«
Charlotte nickte. »Ja, das habe ich. Ich dachte, es sei besser, nach Mutter zu sehen.«
»Das habe ich auch gerade …«
Ein weiterer Schrei, der so grell und markerschütternd war, dass Evelyn mitten im Satz verstummte.
»Das kam von draußen«, keuchte Charlotte. »Vom Gestüt … den Stallungen …«
Wie auf ein geheimes Kommando hin eilten die beiden Frauen los. Seite an Seite liefen sie den Flur entlang, die Stufen hinab und entdeckten, dass die Gutshaustür sperrangelweit auf stand.
Als sie hinaus ins Freie stürmten, sahen sie das Feuer. Lodernde Flammen, die bereits aus dem Dachstuhl des linken Stalltraktes züngelten.
»O mein Gott«, schrie Charlotte entsetzt. Mit panisch aufgerissenen Augen wandte sie sich an ihre Schwägerin. »Weck Vater. Und verständigt die Feuerwehr. Schnell!«
Evelyn zögerte keine Sekunde und rannte zurück zum Gutshaus. Charlotte hingegen drang weiter zu den in Flammen stehenden Stallungen vor. Sie hatte schon die Hand nach der Klinke ausgestreckt, da kamen Gunnar und Sven um die Ecke gelaufen. Beide Männer trugen Schlafanzüge und waren barfuß.
»Weg, Charlotte, weg von dem Tor!«, brüllte Gunnar sie an.
Doch Charlotte war wie in einem Tunnel. Sie konnte nur an die hilflosen Pferde denken, die in den Flammen elendig umzukommen drohten. Entschlossen umfasste sie die Klinke, um die Hand aufschreiend wieder zurückzuziehen, weil sie sich an dem heißen Metall verbrannt hatte.
Keinen Atemzug später hatte Gunnar sie grob zur Seite gestoßen.
»Geh weg!«, befahl er harsch. »Weg von der Tür!«
»Die Pferde, Gunnar, wir müssen sie befreien. Wir können sie doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.« Tränen liefen ihr übers Gesicht. Trotz der großen Hitze, die von dem brennenden Gebäude ausging, zitterte sie am ganzen Körper.
»Wenn du die Tür aufziehst, dann schlägt uns das Feuer womöglich wie eine Walze entgegen«, keuchte Gunnar. Dann wandte er den Kopf zu seinem Stalljungen um. »Sven, nun mach schon, kümmere dich um Fräulein Charlotte.«
Bevor Charlotte auch nur auf den Gedanken kommen konnte, sich dem jungen Stallburschen zu widersetzen, hatte er sie am Unterarm gepackt und zur Seite gezogen. Währenddessen hatte Gunnar etwas gefunden, womit er die Tür aufstoßen konnte und dennoch nicht Gefahr lief, von dem gleißenden Feuerstrahl erfasst zu werden.
Eine lange Eisenstange, mit der er mit einigem Abstand zum Gebäude das Stalltor öffnete. Wie von ihm befürchtet, züngelte ein greller Feuerstrahl ins Freie, ebbte dann aber zum Glück schnell wieder ab.
Charlotte hörte die Pferde panisch wiehern. Schmerzliche Schreie, die Tiere kämpften um ihr Leben oder hatten den Kampf längst verloren. Es war unerträglich für Charlotte, mit einigem Sicherheitsabstand vor dem Stall stehen bleiben zu müssen und nichts tun zu können, als mit tränenverhangenen Augen zuzusehen, wie das Drama seinen Lauf nahm.
»Sven, lass mich los«, schrie sie den Stallburschen an. »Das ist ein Befehl!«
Sven schüttelte den Kopf. Der sonst so leicht zu verunsichernde junge Mann war fest entschlossen, den Anweisungen Gunnars Folge zu leisten und Charlotte unter allen Umständen daran zu hindern, in das brennende Gebäude vorzudringen.
Dann wurde Carl Heinrich von Edzards’ Stimme hinter ihnen laut. Er brüllte ihnen zu, dass er die Feuerwehr verständigt hatte. Kaum waren seine Worte im Geprassel des wütenden Feuers verhallt, erklang ein greller Schrei, den Charlotte im ersten Moment weder Tier noch Mensch zuordnen konnte. Als ihr bewusst wurde, dass es ihre Schwester Marlene gewesen war, die ihn ausgestoßen hatte, da war das junge Mädchen schon an Sven und ihr vorbeigerannt und durch die inzwischen etwas abflauende Feuerwalze hindurch in den Stall gelaufen.
»Marlene, nein!«, kreischte Charlotte. Doch ihre jüngere Schwester ließ sich von nichts und niemandem aufhalten.
Gunnar folgte ihr, während Sven nun seinen Klammergriff um Charlottes Unterarm löste, um Evelyn dabei behilflich zu sein, Eimer im Brunnen mit Wasser zu füllen und es ins Feuer zu schütten. Natürlich war ihnen bewusst, dass das wenige Wasser nichts gegen den großen Brandherd ausmachen konnte. Doch einfach nur herumzustehen und zum Nichtstun verdammt zu sein, wäre ihnen schändlich vorgekommen.
Charlotte nutzte die Gelegenheit, um ihrer jüngeren Schwester in das brennende Gebäude zu folgen. Doch sehr weit kam sie nicht, noch auf der Schwelle musste sie Platz für panisch hinausgaloppierende Pferde machen. Demnach war es Marlene tatsächlich gelungen, die Boxentüren zu öffnen, sodass die Tiere sich ins Freie retten konnten. Das nächste Pferd, das an Charlotte vorbeistürmte, stand lichterloh in Flammen. Es war ein grauenvoller Anblick, und gleichzeitig war es absurd, dass es sich überhaupt noch auf den Beinen halten konnte. Es schrie entsetzt, in ihrem ganzen Leben würde Charlotte die Schreie des sterbenden Pferdes nicht mehr vergessen können. Dem brennenden Tier folgten zwei weitere, die auf den ersten Blick unversehrt geblieben waren. Charlotte meinte, eine Stute mit ihrem Fohlen erkannt zu haben, aber in dem gleißenden Licht des Feuers, unter das sich dunkle Rauchschwaden mischten, konnte sie nicht ausmachen, welcher Zuchtstute samt Fohlen da gerade die Flucht aus den tödlichen Flammen gelungen war. Ein weiteres Fohlen preschte hell wiehernd an Charlotte vorbei. Die Mutterstute ließ jedoch auf sich warten. Im Stall hörte sie Marlene kreischen: »Lauf! Lauf schon! Jetzt lauf doch endlich!«
Und dann Gunnar, dessen Stimme von dem gierigen Knistern und Prasseln des Feuers untermalt panisch rief: »Marlene, raus! Wir müssen hier raus! Hörst du, wir können nichts mehr tun.«
Anscheinend weigerte Marlene sich, den Stall zu verlassen, und brachte sich und Gunnar damit in Lebensgefahr. Charlotte konnte nicht länger darauf hoffen, dass ihre Schwester zur Besinnung kommen und die Gefahr erkennen würde, in der sie sich befand. Sie presste sich die Hand auf Mund und Nase, senkte den Kopf auf die Brust und lief durch die Flammen in den Stall hinein.
