Das Gestüt am See. Stürmische Jahre - Paula Mattis - E-Book
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Das Gestüt am See. Stürmische Jahre E-Book

Paula Mattis

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Beschreibung

Die große Familiensaga von Paula Mattis vor dem Hintergrund eines Gestüts an der deutschen Ostsee von einer ausgewiesenen Pferde- und Reitsportkennerin Norddeutschland in den 20er Jahren. Auf seinem Gestüt am See nahe der Ostsee züchtet Carl von Edzards höchst erfolgreich Vollblüter für die Rennbahn. Seine große Liebe zu den Pferden hat er vor allem an seine Tochter Charlotte vererbt, die davon träumt, das Werk ihres Vaters eines Tages weiterzuführen. Doch solche Wünsche schicken sich nicht für eine Tochter aus gutem Haus, stattdessen soll Sohn Hans später einmal das Gestüt übernehmen. Für Charlotte jedoch hat ihre Mutter eine gute Partie im Auge: Richard, den einzigen Sohn einer angesehenen und reichen Reederfamilie. Charlotte findet ihn höchst unsympathisch, sie beschäftigt nur noch ein Gedanke: Wie kann sie einer Ehe mit dem ungeliebten Mann doch noch entgehen? Wie kann sie ihren Traum von einem Leben mit den Pferden doch noch verwirklichen? Da erfährt sie eher durch Zufall den Grund, warum ihre Eltern so nachdrücklich auf dieser Ehe bestehen … Der erste Band der großen Gestüts- und Familien-Saga aus Norddeutschland. Mit viel Liebe, Dramatik und jeder Menge Pferden. Band 1: "Das Gestüt am See. Stürmische Jahre Band 2: "Das Gestüt am See. Zeit der Hoffnung"

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Paula Mattis

DASGESTÜT AM SEE

Stürmische JahreRoman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Norddeutschland in den 1920er Jahren. Auf ihrem Gestüt am See nahe der Ostsee züchtet Carl von Edzards höchst erfolgreich Vollblüter für die Rennbahn. Seine große Liebe zu den Pferden hat er vor allem an seine Tochter Charlotte vererbt, die davon träumt, das Werk ihres Vaters eines Tages weiterzuführen. Doch solche Wünsche schicken sich nicht für eine Tochter aus gutem Haus, stattdessen soll Sohn Hans später einmal das Gestüt übernehmen. Für Charlotte jedoch hat ihre Mutter eine gute Partie im Auge: Richard, den einzigen Sohn einer angesehenen und reichen Reederfamilie. Charlotte beschäftigt nur noch ein Gedanke: Wie kann sie einer Ehe mit dem ungeliebten Mann doch noch entgehen? Da erfährt sie eher durch Zufall den Grund, warum ihre Eltern so nachdrücklich auf dieser Ehe bestehen ...

Inhaltsübersicht

Motto

Personenverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

 

 

 

 

So lass uns Abschied nehmen wie zwei Sterne durch jedes Übermaß von Nacht getrennt, das eine Nähe ist, die sich an Ferne erprobt und an dem Fernsten sich erkennt.

(Rainer Maria Rilke)

Die Familie

Carl Heinrich und Anna von Edzards (geb. Niehus) – Fabrikantenehepaar und Gutshofbesitzer

Hans von Edzards

Charlotte von Edzards

Helene von Edzards

Marlene und Johanna von Edzards

Fritz Fromberg

Marlies

Evelyn von Edzards

Das Personal

Gunnar – alter Stallmeister

Viktor – Stallbursche und Jockey

Sven – Stallbursche

Berta – Köchin

Rieke – Küchenmädchen und Servierkraft

Loni – Hausmädchen

Erik Larsson – Pferdetrainer

Weitere Personen

Herr Clausen – Hauslehrer

Doktor Bayer – Tierarzt

Richard Harmsen – vermögender Erbe einer Hamburger Reederei

Günther und Irmgard Harmsen – Reederehepaar aus Hamburg

Pfarrer Matthis

Timmendorf

Carl Heinrich von Edzards gehörte zu den erfolgreichsten Rennreitern seiner Zeit, sodass es für seinen Sohn Hans selbstverständlich war, allen Ehrgeiz daranzusetzen, es seinem Vater nachzutun. Bereits mit sieben Jahren ritt Hans nicht mehr auf seinem Pony Kalle, das er im Alter von drei Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, sondern auf den Gestütspferden, die für den großen Rennsport nicht geeignet waren. Sein erstes eigenes Pferd hörte auf den Namen Hannes, ein Dunkelfuchs, der es faustdick hinter den Ohren hatte und keine Gelegenheit ungenutzt ließ, seinen jungen Reiter abzuwerfen. Hans war jedes Mal heilfroh, wenn sein Sturz aus dem Sattel einigermaßen glimpflich verlief, was bei Weitem nicht immer der Fall war.

Einmal ritt Hans zusammen mit seinem Vater runter zum See, als der Vollblüter aus heiterem Himmel zu bocken anfing. Hans hatte keine Chance und flog in hohem Bogen aus dem Sattel. Dabei prallte er mit dem Rücken gegen einen Baum, mit dem Effekt, dass er eine panische lange Weile keine Luft mehr bekam. Bevor sein Vater sich endlich aus dem Sattel seines Rappen Ronaldo bequemte, um nach seinem Sohn zu sehen, war dieser wieder in der Lage durchzuatmen, doch die Angst zu ersticken steckte dem kleinen Hans noch immer tief in den Knochen. Am liebsten hätte er seinen wilden Dunkelfuchs zurück zu den Stallungen des Gestüts am See geführt, doch sein Vater bestand darauf, dass er wieder in den Sattel stieg.

»Wenn du dich jetzt nicht traust, dann traust du dich nie wieder!«, befahl Carl Heinrich von Edzards und zeigte sich wenig beeindruckt von den dicken Tränen, die sein Sohn neben dem Pferd stehend vergoss. Hans tat, was sein Vater verlangte, auch wenn das mit Ängsten und Schmerzen verbunden war.

Das mehr als unsichere Gefühl, das der junge Hans auf seinem ersten eigenen Pferd stets verspürt hatte, steckte ihm noch Jahre später in den Knochen, als er längst an die Erfolge des Vaters auf der Galopprennbahn angeknüpft hatte.

Im Alter von dreizehn Jahren gewann Hans sein erstes Hofrennen und wurde fortan vom Stallmeister sowie den anderen Jockeys und Pferdeknechten auch entsprechend ernst genommen.

Carl Heinrich von Edzards war stolz auf seinen talentierten Sohn, wenn auch ihm sehr wohl bewusst war, dass seine um drei Jahre jüngere Tochter Charlotte das weitaus größere Talent der beiden war. Nur, Charlotte war ein Mädchen, das zweifelsohne irgendwann zur Frau heranwachsen würde, und somit hätte es vergeudete Mühe bedeutet, sie ebenso intensiv zu trainieren und zu fördern, wie es bei Hans der Fall war. Eine Frau als Jockey war für den Gutsherrn, aber noch bei Weitem weniger für seine Gattin Anna von Edzards, unvorstellbar.

So blieb Charlotte hinter ihrem Bruder Hans in der zweiten Reihe zurück, obwohl sie sich nichts mehr wünschte, als eines Tages als Jockey an großen Galopprennen teilzunehmen.

Die Pferde waren Charlottes große Liebe, ihre Leidenschaft, ihr ganzes Glück, und als ihr anlässlich ihres siebzehnten Geburtstages dann von der strengen Mutter untersagt wurde, weiterhin so viel Zeit im Stall bei den Pferden oder mit dem Reiten zu verbringen, brach ihr das auf schmerzlichste Art und Weise das Herz.

Charlotte flehte und bettelte, verstand die Welt, aber vor allem ihre Mutter nicht, doch die blieb unerbittlich. Die aufblühende Schönheit Charlotte gedieh der Mutter eindeutig zu burschikos, weshalb sie befürchtete, dass sich trotz ihres Liebreizes nur schwerlich ein Ehemann für sie finden ließe.

Hans litt mit seiner Schwester, und nicht nur das, er vermisste sie schmerzlich an seiner Seite. Ganz besonders wenn er es wieder einmal mit einem schwierigeren Pferd zu tun hatte und die Angst aus Kindheitstagen ihn zu übermannen drohte. Niemandem hätte er jemals seine Unsicherheit gestanden, keinem sich gewagt anzuvertrauen, doch Charlotte wusste, was für innere Kämpfe in solchen Augenblicken in ihm vorgingen, und es tat ihr schrecklich leid, ihrem geliebten Bruder nicht zur Seite stehen zu können. Einfach seine Hand zu nehmen, sie zu drücken und ihm ohne ein einziges Wort zu versichern, dass alles gut werden würde.

Als Hans an einem kalten Februarmorgen sein Pferd zu Hause auf die verschneite Trainingsbahn trieb, war Charlotte nicht da, um ihn davon abzuhalten, ihm den Irrwitz seines Handelns vor Augen zu führen. Noch viele Jahre später machte sie sich dafür die schlimmsten Vorwürfe.

Kapitel 1

Juni 1925

Es war früher Nachmittag auf der Galopprennbahn, und die Sonne stand hoch am Himmel. Auf dem weitläufigen Gelände im Hamburger Ortsteil Horn fand an diesem Wochenende das Deutsche Rennderby statt, ein Event, dem die hanseatischen Anhänger des Rennsports schon seit Monaten ungeduldig entgegenfieberten.

Überall wimmelte es nur so von Menschen. Die Damen trugen große Hüte zu ihren eleganten Sommerkleidern und flanierten am Arm der ebenfalls überwiegend sommerlich gekleideten Herren umher. Freunde und Bekannte wurden begrüßt, ein paar Nettigkeiten ausgetauscht, der neueste Klatsch und Tratsch, und natürlich wurde auch ordentlich gefachsimpelt.

Ein bildschöner Hengst zog sämtliche Blicke auf sich. Schwarz war er und so zierlich, dass sich das Muskelspiel unter dem straffen Fell noch deutlicher abzeichnete als bei den anderen Galoppern, die da mit kurzen Schritten den Führring entlangtänzelten. Welch ein Anblick! Was für ein Prachtexemplar von einem Pferd!

Die Herren in ihren leichten Sommeranzügen und hellen Strohhüten musterten das Tier anerkennend, die Damen waren von seiner Schönheit hingerissen, und das, obwohl der Rappe ein Außenseiter war. Ein Neuling auf der Hamburger Rennbahn, der jedoch so vielversprechend war, dass er, ohne die erforderlichen Vorqualifikationen zu bestreiten, direkt eine Startgenehmigung für das Deutsche Derby erteilt bekommen hatte.

Ein paar böse Zungen behaupteten allerdings, dass diese Ausnahmeregelung nicht allein auf die hohe Qualität des Pferdes zurückzuführen sei, sondern vielmehr auf den Eigentümer des Vollblüters und auf den Jockey, der mit ihm an den Start gehen würde.

Der Fabrikant Carl Heinrich von Edzards und Besitzer des Gestüts am See, das inmitten der malerischen holsteinischen Hügellandschaft gleich an der Ostsee vor dem berühmten Timmendorfer Strand lag und dessen Wiesen und Wege bis hin zum idyllischen Hemmelsdorfer See verliefen, galt allgemein als großer Förderer der Rennbahn. Ohne die beträchtliche finanzielle Unterstützung des Pferdeliebhabers hätte die Hamburger Rennbahn nicht den inzwischen so hohen Stellenwert in Deutschland gehabt, und dennoch wurden die Kritiker nicht müde, immer wieder das Engagement des Fabrikanten infrage zu stellen.

Momentan kursierte das Gerücht, Carl Heinrich von Edzards habe sich finanziell schwer übernommen, sodass nicht nur die regelmäßigen Zahlungen für die Rennbahn gefährdet seien, sondern auch die Zukunft seines hochmodernen Gestüts, dessen neuesten baulichen Veränderungen eine knapp zweihundertfünfzig Quadratmeter große Halle mit Sandboden war, in dem die Pferde auch bei schlechtem Wetter bewegt werden konnten, sowie eine zweitausend Meter lange Trainingsbahn mit einer Grasbahn von zwölf Metern und einer Sandbahn von drei Metern Breite, was dem Gestüt eindeutig den Ruf eingebracht hatte, eine der besten Anlagen Norddeutschlands, wenn nicht sogar die beste überhaupt zu sein.

Doch dieses Gerücht war nicht der einzige Grund, warum die Familie Edzards an diesem Rennsonntag im Fokus vieler Liebhaber und Kenner der Rennsportszene stand. Es hieß, dass Carl Heinrich von Edzards in seiner Not keinen anderen Ausweg mehr sehe, als sich durch eine baldige Vermählung seiner ältesten Tochter Charlotte zu sanieren. Richard Harmsen, vermögender Erbe der Hamburger Reederei Harmsen & Sohn, schien laut aufmerksamer Beobachter der Auserwählte zu sein, und wie es weiter hieß auch alles andere als abgeneigt. Immerhin handelte es sich bei der neunzehnjährigen Charlotte um eine auffallende Schönheit, gebildet und mit einwandfreiem Benehmen.

In jüngeren Jahren habe die dunkelhaarige Charlotte ihrer werten Frau Mutter, Anna von Edzards, wegen ihrer allzu intensiven Pferdeliebe zwar einiges an Sorgen und auch manche Kummerfalte beschert. Doch inzwischen habe Charlotte eingesehen, dass ihr Platz nicht im Stall oder gar im Sattel eines Rennpferdes sei, sondern am Rande der Rennbahn oder wie jetzt auf der Tribüne, die sich nun zunehmend füllte, nachdem die Besucher ihre Wetten an den Schaltern platziert hatten.

Es knisterte vor Spannung, als schließlich die Vollblüter mit ihren Jockeys im Sattel an den Start geführt wurden. Unwillkürlich legte sich Charlottes Hand auf den Arm ihres Vaters. Ihre Finger bohrten sich in den rauen Stoff seines hellen Leinenanzugs, während ihr das Herz in der Brust laut wie eine Trommel schlug.

»Charlotte, bitte«, wurde sie sogleich von ihrer Mutter dafür getadelt. Anna von Edzards hatte aus dem Augenwinkel wahrgenommen, dass das Reederehepaar Günther und Irmgard Harmsen gerade die Tribüne betreten hatte. Von ihrem Sohn Richard war jedoch nichts zu sehen, doch Anna von Edzards ahnte, dass er seinen Eltern jeden Moment auf die Tribüne folgen würde. Was er dann keinesfalls zu sehen bekommen sollte, war eine kindisch aufgeregte Charlotte, die ihre Finger in den Anzugärmel des Vaters krallte.

Doch die Zurechtweisung der Mutter prallte ungehört an Charlotte ab. Viel zu groß war ihre Aufregung, um irgendetwas mitzubekommen, was nicht gerade unten auf der Rennbahn stattfand.

Dieses Rennen war nicht nur ein ganz besonderes für Charlotte, weil Tandrino das erste Mal die große Bühne des Galopprennsports betrat und sich durch einen deutlichen Sieg unter anderem als zukünftiger Deckhengst empfehlen konnte. Bei seiner dramatischen Geburt vor knapp drei Jahren war sie dabei gewesen und hatte den zunächst etwas zu klein und zart geratenen Vollbluthengst liebevoll aufzupäppeln geholfen, obwohl die Mutter ihr am liebsten auch das verboten hätte und nicht allein nur die Reiterei. Doch Charlotte hatte sich in diesem Fall nicht von den Vorwürfen und Maßregelungen der strengen Mutter beeindrucken lassen. Dass der dreijährige Hengst sich so vielversprechend entwickelt hatte, war demnach Charlottes intensiver Pflege genauso wie der feinfühligen Ausbildung und dem hervorragenden Training ihres Bruders Hans zu verdanken, bei dem Charlotte ihm zwar nicht reiterlich, aber mit wichtigen Ratschlägen stets zur Seite gestanden hatte.

»Charlotte«, zischte ihre Mutter ihr erneut zu. »Würdest du bitte die Freundlichkeit besitzen und das Ehepaar Harmsen begrüßen, statt dich an Vaters Arm festzukrallen.«

Erneut prallten die mahnenden Worte der Mutter an Charlotte ab. Inzwischen lief unten auf der Rennstrecke nämlich die Uhr runter. Gleich darauf wurde der Start freigegeben, und die Vollblüter mit ihren Jockeys galoppierten los. Vom ersten Sprung an setzte sich Tandrino an die Spitze des Feldes. Der zierliche Rapphengst mit Hans von Edzards im Sattel schien nicht zu galoppieren, er flog regelrecht über die Bahn. Nach der ersten Runde hatte der Hengst bereits den komfortablen Abstand von zwei Pferdelängen zwischen sich und das Verfolgerfeld gebracht. Das Publikum tobte, war fasziniert von der Leichtigkeit des Pferdes und auch von dem geschickt reitenden Jockey, der nicht ein einziges Mal die Peitsche einsetzen musste, um den dreijährigen Rappen anzutreiben. Selbst dann nicht, als es auf die Zielgerade zuging und das Verfolgerfeld etwas näher kam. Wie ein schwarzer Blitz legte Tandrino noch einmal an Tempo zu und galoppierte mit beachtlichem Vorsprung und unter dem begeisterten Jubel des Publikums durchs Ziel.

Nun war es mit Charlottes Contenance gänzlich vorbei. Jubelnd fiel sie ihrem Vater um den Hals, der sein Glück überhaupt nicht fassen konnte und beschloss, die empörten Blicke seiner Gattin genauso wie seine älteste Tochter in diesem Moment einfach zu ignorieren.

Bevor Anna von Edzards die beiden daran hindern konnte, waren sie schon von der Tribüne zu Tandrino und dem übers ganze Gesicht strahlenden Hans geeilt. Gefolgt von Charlottes jüngeren Schwestern Helene und den Zwillingen Johanna und Marlene. Einzig Anna von Edzards blieb auf der Tribüne zurück. Empört über das unerhörte Benehmen ihrer ältesten Tochter schnappte sie nach Luft. Ausgerechnet in diesem Moment betrat Richard Harmsen in Begleitung einer jungen Dame die Zuschauerbühne. Anna von Edzards registrierte nicht nur, dass es sich um eine sehr aparte Erscheinung handelte, sondern auch, dass sie im Gegensatz zu ihrer Tochter wusste, sich in der Öffentlichkeit zu benehmen.

»Guten Tag, gnädige Frau von Edzards«, wurde sie nun von Richard Harmsen mit einer leichten Verbeugung samt charmantem Lächeln begrüßt.

Anna schnappte nun noch theatralischer nach Luft, woraufhin sich Richard sofort um sie sorgte. »Fühlen Sie sich nicht wohl, Frau von Edzards?«

Doch diese winkte leidvoll ab. »Die Aufregung, lieber Herr Harmsen, wir waren wirklich alle sehr aufgeregt. Deshalb muss ich Sie auch darum bitten, meinen Töchtern, allen voran natürlich Charlotte, ihr ungestümes Verhalten nachzusehen.«

Richard Harmsen lächelte. »Ich bitte Sie, gnädige Frau von Edzards, das ist doch selbstverständlich. Ich kann übrigens die Freude sehr gut nachvollziehen. Ich muss Ihnen offen gestehen, dass ich es herrlich erfrischend finde, wie impulsiv und voller Leidenschaft sich Charlotte für den Galoppsport begeistert.«

Anna von Edzards musste sich auf die Zunge beißen, um Richard Harmsen nicht harsch anzufahren. Waren es doch gerade diese unbändige Begeisterungsfähigkeit ihrer ältesten Tochter und der dadurch resultierende Verlust von Anstand und Benehmen, die die Gutsherrin regelmäßig zur Weißglut brachten.

»Darf ich Ihnen meine Cousine Franziska Harmsen vorstellen, Frau von Edzards?«, besann sich Richard nun aber endlich der kühlen Blondine, die dicht an seiner Seite stand. Bisher war sie der kleinen Unterhaltung mit nahezu regloser Miene gefolgt. Jetzt reichte sie Anna von Edzards die schmale Hand und verzog dabei lediglich die Lippen zu einem angedeuteten Lächeln.

»Franziska ist zurzeit bei uns in Hamburg zu Besuch, da sich ihr Gatte auf einer längeren Geschäftsreise befindet«, fügte Richard noch hinzu.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte Anna von Edzards, und das war wahrhaftig keine leere Floskel. Die Tatsache, dass es sich bei der jungen Frau an Richards Seite lediglich um eine verheiratete Verwandte und somit keine potenzielle Konkurrentin für ihre Tochter Charlotte handelte, erfüllte Anna von Edzards tatsächlich mit Freude und großer Erleichterung. Einen bangen Augenblick lang hatte sie befürchtet, Richard könnte nach den vielen Monaten, in denen er nun schon erfolglos um Charlotte warb, allmählich die Geduld und somit auch das Interesse an ihrer ungestümen Tochter verloren haben.

Meine Güte, was hatte Anna mittlerweile schon alles unternommen, um Charlotte Richard gegenüber aufgeschlossener zu stimmen. Doch die wollte sich einfach nicht drängen lassen. Erst recht nicht zu einer Beziehung mit einem Mann, den sie nicht liebte, wie die Neunzehnjährige nicht müde wurde zu betonen.

Dabei war die Verbindung tatsächlich von großer, nein, sogar von existenzieller Bedeutung für die von Edzards, denn all die Gerüchte, die diesbezüglich die Runde machten, trafen zu. Das Gestüt am See mit seinem eleganten Gutshaus, das Carl von Edzards wie auch die Stallungen und Trainingsanlagen in den letzten Jahren kostspielig hatte modernisieren lassen, war ernsthaft in Gefahr.

Der heutige Sieg des Vollbluthengstes Tandrino beim Hamburger Derby war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, aber dennoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zweifelsohne war nun mit großem Interesse an Nachkommen des Ausnahmepferdes zu rechnen. Doch bis sich dieses Interesse auch finanziell auf das Gestüt auswirken würde, war es mit ziemlicher Sicherheit zu spät. Die Schulden, die auf dem Gestüt lasteten, waren immens, die monatlichen Verpflichtungen nahezu erdrückend, und um das vor dem Krieg einst so florierende Stahlwerk der von Edzards stand es auch einige Jahre nach Kriegsende nicht besonders gut. Zusammengefasst, den von Edzards stand das Wasser bis zum Hals, und die Einzige, die daran etwas ändern konnte, war tatsächlich Charlotte, indem sie endlich dem Werben Richard Harmsens nachgeben würde und Anna und Carl Heinrich von Edzards sehr erleichtert und überaus freudig die Verlobung ihrer ältesten Tochter bekannt geben konnten.

 

Frau und Herr Harmsen gesellten sich zu ihrem Sohn und den beiden Frauen. Herzlich begrüßten sich Anna von Edzards und Irmgard Harmsen, die ebenso angetan von einer baldigen Eheschließung zwischen Charlotte und ihrem Sohn Richard wäre. Allerdings aus einem ganz anderen Grund: Irmgard Harmsen wollte die Verbindung zwischen ihrem Sohn und der aparten Charlotte so dringend, um endlich den lästernden Mäulern Einhalt zu gebieten, die nicht müde wurden zu behaupten, ihr Sohn könnte sich am Ende mehr für junge Männer als Damen begeistern. Ein schlimmes Gerücht, das die Reedersgattin nächtelang wach liegen und grübeln ließ, auch wenn Richard ihr mehrfach versichert hatte, dass das absolut nicht der Fall sei. Er sei nur bisher einfach keiner jungen Dame begegnet, die ihn ernsthaft interessiere und mit der er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen könne. Doch dann war Charlotte in sein Leben getreten und Richard plötzlich wie ausgewechselt. Seitdem fieberte Irmgard Harmsen dem Moment entgegen, in dem sie die Verlobung ihres Sohnes mit der schönen Charlotte von Edzards verkünden konnte – und die Lästermäuler an ihren Boshaftigkeiten erstickten.

»Charlotte hat sehr mitgefiebert«, sagte sie zu Anna von Edzards, die daraufhin ihr Gesicht verzog, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

»Ich kann mich nur für das unerhörte Benehmen meiner Tochter entschuldigen«, seufzte sie kummervoll.

Doch Irmgard Harmsen winkte großzügig ab. »Warum denn nur, liebe Frau von Edzards? Richard ist immer wieder aufs Neue von Charlottes Temperament begeistert. Neulich sagte er erst zu mir, wie sehr ihn Charlottes Lebensfreude fasziniert und sogar mitreißt. So etwas hat er noch bei keiner anderen jungen Frau erlebt. Frau von Edzards, glauben Sie mir, Richard wird nicht nachlassen, sich um die Gunst Ihrer liebreizenden Tochter zu bemühen. Er ist vernarrt in sie, davon bin ich überzeugt, und auch, dass Charlotte eines Tages seine Gefühle erwidern wird. Immerhin ist Richard nicht nur ausgesprochen wohlhabend, sondern auch sehr attraktiv.«

Aus einem Impuls heraus nahm Anna von Edzards die Hand der anderen und drückte sie dankbar. »Liebe Frau Harmsen, Sie ahnen ja überhaupt nicht, wie sehr ich mir das wünsche.«

Irmgard Harmsen blickte ihr fest in die Augen. »Doch, ich denke, das ahne ich sehr wohl!«

Richard Harmsen, der sich einen Augenblick lang mit seinem Vater unterhalten hatte, wandte sich nun an seine Mutter mit der Bitte, sich um die Cousine zu kümmern.

»Ich möchte Hans zu seinem grandiosen Sieg gratulieren«, begründete er sein Anliegen und verließ kurz darauf mit eiligen Schritten die Tribüne.

»Sie geben so ein schönes Paar ab«, sprach Anna von Edzards einen kurzen Augenblick später versonnen. Wie Irmgard Harmsen war sie Richard mit ihren Blicken gefolgt. Der hatte zunächst dem Sieger herzlich gratuliert und Tandrino lobend den schweißnassen Hals geklopft. Nun stand er dicht neben Charlotte, mit der er sich angeregt unterhielt. Lachend legte Charlotte ihm die Hand auf den Arm, was sich Anna von Edzards’ Meinung nach als Nichtverlobte eigentlich nicht ziemte. Doch in diesem Moment bescherte es ihr ein warmes Glücksgefühl. Charlotte und Richard, das musste einfach endlich ein glückliches Ende nehmen. Ihre unermüdlichen Bemühungen durften nicht umsonst gewesen sein. Und vor allem durften sie ihr Zuhause nicht verlieren. Anna von Edzards wusste wirklich nicht, wie sie eine derartige Schmach verkraften könnte, nein, das wusste sie wahrhaftig nicht …

Auch später, als man in kleiner, aber sehr feiner Runde noch auf den grandiosen Sieg des Hengstes und seines Jockeys anstieß, fiel Anna immer wieder auf, wie vertraut Charlotte und Richard inzwischen miteinander umgingen. Sie fragte sich zwar, wann diese Vertrautheit zwischen den beiden entstanden war, schließlich hatten sie ihres Wissens kaum Zeit zu zweit verbracht, sondern waren ausschließlich bei offiziellen Anlässen wie Essenseinladungen oder Teestunden im Kreise der Familie aufeinandergetroffen. Doch wenn es am Ende zu der so sehr ersehnten Vermählung der beiden führte, dann konnte Anna von Edzards tatsächlich auch einmal über die ihr sonst so wichtige Etikette hinwegsehen.

Bei der Verabschiedung von den Harmsens fiel Anna auf, dass Richard Charlottes Hand sehr lange in der seinen behielt, und ihr entging auch der intensive Blick zwischen ihrer Tochter und ihrem Verehrer nicht.

»Ein wunderbarer Mann, Charlotte«, sagte Anna von Edzards zu ihrer Tochter, als sie kurz darauf zu Gunnar in das schwarze Automobil der von Edzards steigen wollen. Der untersetzte Mann mit der stets leicht glänzenden Stirnglatze stand eigentlich seit vielen Jahren bei den von Edzards als Stallmeister in Diensten. Doch nachdem sie im vergangenen Winter den Chauffeur sowie ein Küchen- und ein Zimmermädchen aus finanziellen Gründen hatten entlassen müssen, übernahm Gunnar gelegentlich das Chauffieren der Damen, wenn die Herren der Familie verhindert waren. Heute würde er sogar zweimal die Strecke von Hamburg nach Timmendorf hin- und zurückfahren müssen, denn das Automobil bot nicht genügend Platz für alle Damen der Familie von Edzards.

Carl und Hans von Edzards wollten noch bis zum nächsten Tag in Hamburg bleiben. Tandrino würde am Nachmittag via Zug zurück nach Timmendorf in seinen Heimatstall transportiert werden, und in diesem Zug wollten auch die beiden Männer sitzen.

»Ein guter Freund, Mutter«, betonte Charlotte nun jedoch ausdrücklich. »Richard ist nicht mehr als ein guter Freund, und ich bitte dich inständig, das endlich zu akzeptieren.«

Anna von Edzards war es, als hätte ihr jemand mit großer Wucht einen Dolch mitten ins Herz gestoßen. Mit einer groben Geste nahm sie Charlotte zur Seite, sodass Gunnar nichts von ihrem Gespräch mitbekommen konnte.

»Was redest du denn da, Charlotte?«, keuchte sie atemlos. »Richard Harmsen macht dir den Hof, und das nun schon seit mehreren Monaten. Er ist bestimmt nicht an einer Freundschaft mit dir interessiert.«

»Und ich nicht an einer Vermählung«, blieb Charlotte konsequent dabei.

Anna von Edzards musste sich beherrschen, die Hand nicht gegen die Tochter zu erheben. Wie konnte man nur so bockig sein, so uneinsichtig, so egoistisch. Charlotte wusste doch, was für die von Edzards auf dem Spiel stand.

»Charlotte«, sagte sie bemüht ruhig, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte. »Du weißt sehr genau, wie wichtig diese Verbindung für uns ist … für das Gestüt.«

Doch Charlotte schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass es um unser Gestüt nicht gut steht. Aber durch Tandrinos Sieg hat sich doch nun alles geändert. Er wird von allen als großes Talent gefeiert. An Vater und Hans wurden seinetwegen schon zahlreiche Anfragen gerichtet, hat Hans mir vorhin erzählt. Außerdem hat er heute ein ordentliches Preisgeld gewonnen. Mutter, Hans sagt auch, dass es jetzt wieder bergauf geht. Und Vater war so euphorisch, ich bin mir ganz sicher, dass wir keinen Richard Harmsen mit seinem Geld brauchen, um unser Gestüt zu retten. Wir schaffen das aus eigener Kraft, unsere Pferde schaffen das. Du musst nur darauf vertrauen.«

Langsam schlug Anna von Edzards die Hände vor der Brust zusammen, während sie fassungslos den Kopf schüttelte.

»Meine Güte, Charlotte, ich wusste bisher wirklich nicht, wie naiv du bist. Nein, das war mir in diesem erschreckenden Ausmaß wahrlich nicht bekannt …«

»Was soll das heißen?«, stieß Charlotte unsicher hervor.

Ihre Mutter straffte die Schultern. »Ich dachte, das hätte ich dir schon vor Monaten mehr als verdeutlicht: Entweder heiratest du Richard Harmsen, oder wir können uns nach einer anderen Bleibe umsehen. So einfach ist das, Charlotte!«

Kapitel 2

Die Luft war so heiß, dass es beim Einatmen ein wenig schmerzte. Sie flirrte über die grauen Schottersteine des schmalen Weges, der vom Gutshaus bis runter zum See führte. Zwischen den schier endlos erscheinenden Koppeln mit den weißen Pfosten und Planken hindurch, an der Trainingsrennbahn vorbei und schließlich über den Holzsteg, der schon als Kind Charlottes Lieblingsplatz gewesen war.

Sie zog ihre Schuhe aus und ließ sich dann am Rand des Stegs nieder. Vorsichtig tauchte sie die Füße ins Wasser und genoss die wohltuende Erfrischung.

Langsam ließ Charlotte den Blick über den See wandern, während ihre Gedanken ebenfalls auf Wanderschaft gingen. Zurück zum Vortag, dem Gespräch mit ihrer Mutter, dem vorwurfsvollen Blick, mit dem sie Charlotte mal wieder bedacht hatte, und wie chancenlos sie doch letztendlich gegen die Entscheidung Anna von Edzards’ war.

Es grenzte an Erpressung, nein, es war Erpressung, wie sie sie später nach dem Abendessen in die Bibliothek befohlen hatte, um ihr noch einmal klipp und klar zu verdeutlichen, dass die Zukunft des Gestüts und somit der ganzen Familie allein in ihren Händen und damit auch in ihrer Verantwortung lag.

»Ich habe Richard für morgen Nachmittag zum Tee eingeladen. Ich hoffe sehr, Charlotte, dass du bis dahin zur Vernunft gekommen bist und ihn endlich erhörst!«, hatte Anna von Edzards die kurze Unterredung schließlich beendet, woraufhin Charlotte schluchzend aus der Bibliothek gestürmt war.

Wie konnte ihre Mutter nur so etwas von ihr verlangen? Wie war es ihr überhaupt möglich, ihre eigene Tochter zu opfern … zum Wohl der anderen?

Oder war es am Ende einfach nur schrecklich egoistisch von Charlotte, sich gegen die Vermählung mit Richard Harmsen zu wehren, die letztendlich ihr und ihrer Familie das geliebte Zuhause sichern würde?

Charlotte rauchte der Kopf. Sie wusste weder ein noch aus. Kein klarer Gedanke. Tief seufzend ließ sie sich rücklings auf den Steg sinken. Sie blickte in den blauen Himmel und wünschte sich ganz weit weg. Hinüber über den See in eine andere Welt und dennoch genau an den Ort, an dem sie sich gerade befand.

Das Gestüt am See war Charlottes über alles geliebtes Zuhause. Die Aufzucht der Pferde, die Ausbildung, das Reiten, solange es ihr erlaubt gewesen war, das war ihre große Leidenschaft und genau das, was sie sich von ihrem Leben erhoffte, was sie unbedingt wieder und für immer tun wollte. Doch wenn ihre Mutter recht behielt, dann war ihr größter Schatz gefährdet, und nur sie allein konnte daran etwas ändern.

Natürlich hatte sie mehrfach das Gespräch mit ihrem Vater und auch mit ihrem Bruder gesucht, die seit Hans’ einundzwanzigstem Geburtstag das Gestüt gleichberechtigt leiteten. Der Vater hatte nicht mit Charlotte über die Schwierigkeiten, in denen sich die Familie befand, reden wollen. Doch die Vermählung mit Richard Harmsen brachte er ihr ebenso nachdrücklich nahe, wie seine Gattin es ständig tat.

Hans hatte zunächst versucht, Charlottes Fragen auszuweichen, er hatte behauptet, es handele sich lediglich um eine vorübergehende Krise, die man aber bestimmt in den Griff bekommen werde, und dass er sie nicht damit belasten wolle. Doch letztendlich war Charlotte natürlich bewusst, dass ihr Bruder ihr die Wahrheit verschwieg, um sie zu schützen. Hans wollte auf gar keinen Fall, dass sie einen Mann heiratete, um damit das Gestüt zu retten. Er wollte verhindern, dass Charlotte sich in ihr Unglück stürzte, um der Familie das Zuhause zu bewahren. Er fand den Gedanken schlimm, nahezu unerträglich, und tat alles, um Charlotte von dieser Bürde zu befreien. Er ließ sogar die eigenen Ängste außer Acht und war beim Derby so frei und furchtlos geritten wie nie zuvor. Doch selbst dieser grandiose Sieg würde letztendlich nicht verhindern können, dass die von Edzards das Gestüt verloren. Das war Hans bewusst, das war Charlotte bewusst, und wenn sich beide noch so sehr dagegen wehrten.

Lautlos hatte sich jemand Charlotte genähert und berührte nun sacht ihre Schulter. Erschrocken zuckte sie zusammen, richtete den Oberkörper auf und hatte ihre Schwester Helene vor sich, die neben ihr in die Hocke gegangen war.

»Helene, was soll das denn? Ich habe mich fast zu Tode erschreckt. Warum schleichst du dich so an?«

Helene lächelte unschuldig. »Ich habe mich bestimmt nicht angeschlichen, Charlotte, aber du hast mit offenen Augen geträumt. Verrätst du mir, von wem? Ach was, ich weiß es ja längst, natürlich vom schönen Richard. Und ich kann es dir nicht verdenken, er ist wirklich ein Prachtexemplar von einem Mann. Groß und stattlich, und dann dieses dichte Haar und seine dunklen Augen, hach, ein wahrhaftig schöner Mann …«

»Was redest du denn da?«, knurrte Charlotte und zog ihre Füße aus dem Wasser. Mit dem Saum ihres leichten Sommerkleides trocknete sie sie notdürftig ab und schlüpfte dann schnell in die flachen beigen Spangenschuhe.

»Gehst du schon wieder?« Helene war ehrlich überrascht. »Ich dachte, wir plaudern ein bisschen. Von mir aus verlieren wir auch kein Wort mehr über den schönen Richard. Auch wenn ich wirklich nicht verstehen kann, warum du dir diese Chance entgehen lässt. Er ist überaus charmant und bereit, dir die Welt zu Füßen zu legen. Was würde ich dafür geben, wenn ein Mann wie er um mich werben würde.«

»Ja, ich gehe wieder!« Abrupt erhob Charlotte sich vom Steg und behauptete: »Ich habe Hans versprochen, nach den Stuten und den Fohlen unten auf der Nordweide zu sehen.«

Helene sprang ebenfalls auf. »Ich begleite dich«, beschloss sie.

Normalerweise hätte Charlotte nichts gegen die Gesellschaft ihre Schwester einzuwenden gehabt, zumal die beiden ein wirklich gutes Verhältnis zueinander hatten. Sie waren nicht nur Schwestern, sondern auch enge Freundinnen. Doch unentwegt von Helene auf Richard angesprochen zu werden, was zweifelsohne die Absicht ihrer Schwester war, darauf konnte sie gut verzichten. Richard nahm sowieso schon viel zu viel Platz in ihren Gedanken ein.

»Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen, Helene«, warnte Charlotte sie deshalb. »Drüben auf der Nordweide wimmelt es momentan nur so von Mücken. Erinnere dich, wie schlimm du neulich erst zerstochen wurdest und darunter dann tagelang zu leiden hattest.«

Helenes eben noch so fröhliches Gesicht verzog sich zu einer entsetzten Grimasse. »Um Himmels willen, bloß nicht. Das war schrecklich. Nein, Charlotte, dann tut es mir wirklich leid. Dorthin kann ich dich unmöglich begleiten. Ich hoffe, das verstehst du?!«

Es lag Charlotte schon auf der Zunge zu erwidern, dass sie ja schließlich nicht den Vorschlag gemacht hatte. Doch dann nickte sie Helene einfach nur zu und ging mit schnellen Schritten in Richtung Nordweide davon.

Tatsächlich wurde Charlotte von einem großen Mückenschwarm umschwirrt, kaum dass sie die Koppel erreicht hatte. Doch ihr Blut schien den kleinen Saugern nicht besonders gut zu schmecken, denn sie blieb wie fast immer von ihren hungrigen Attacken verschont. Auf die blonde Helene mit ihrer hellen, fast schon weißen Haut hätten sich die lästigen Viecher mit Sicherheit sofort wieder gestürzt.

Charlotte kletterte zwischen zwei Planken hindurch und näherte sich gemächlich der Herde, die ganz am anderen Ende der Koppel graste. Zwei der Fohlen lagen im hohen Gras und hielten ein kleines Mittagsschläfchen. Der kleine Fuchs mit der breiten Laternenblesse, den Hans und sie für ganz besonders vielversprechend hielten, machte mit dem braunen Stutfohlen Fellpflege, was wirklich zu niedlich aussah.

Das fünfte Fohlen, ein langbeiniger Rappe, der Charlotte ein wenig an Tandrino erinnerte, obwohl er weitaus kräftiger und bestimmt auch um einiges größer werden würde als ihr Lieblingspferd, stand ein Stückchen abseits der Herde und schien etwas überaus Spannendes in der Ferne entdeckt zu haben.

Wie immer überkam Charlotte ein unbeschreibliches Glücksgefühl beim Anblick dieser herrlichen Geschöpfe. Doch gleichzeitig wurde ihr inmitten der geliebten Pferde noch bewusster, dass sie sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen konnte und auch überhaupt nicht wollte.

Nein, ihre Familie durfte das Gestüt nicht verlieren. Charlotte konnte das auf gar keinen Fall zulassen. Und wenn sie dafür einen Mann heiraten musste, den sie nicht liebte, war das Opfer dennoch nicht so groß wie der Verlust ihres Zuhauses und das der Pferde.

Noch einmal tätschelte sie der Mutterstute des kleinen Rappen liebevoll den Hals, dann verließ sie langsam die Koppel, um zurück zum Gutshaus zu gehen. Richard würde bald auf dem Gestüt eintreffen, und bis dahin musste sie sich frisch gemacht und umgekleidet haben – und ja, auch endlich eine Entscheidung getroffen haben.

 

Anna von Edzards war gerade mit der Köchin Berta im Gespräch, als Charlotte in die Halle des Gutshauses geeilt kam.

»Charlotte, das wurde aber auch allmählich Zeit«, fuhr sie ihre Tochter sofort vorwurfsvoll an. »Ich wollte gerade Loni nach dir schicken.«

»Ich habe nach den Stuten und ihren Fohlen gesehen«, rutschte es Charlotte heraus, was natürlich erneut zu missbilligenden Blicken ihrer Mutter führte.

»Muss ich verstehen, dass du dich um die Pferde kümmerst, wo das doch die Aufgabe der Stallburschen ist, und dir dazu bekannt ist, dass ich es nicht wünsche, wenn du dich im Stall herumtreibst?!«, sagte Anna von Edzards mit eisiger Stimme.

»Ich war nicht im Stall, Mutter, sondern auf den Weiden«, stellte Charlotte klar, wohl wissend, dass ihre Mutter ihr diese Richtigstellung als Dreistigkeit auslegen würde. Doch manchmal gelang es Charlotte einfach nicht, zu allem zu schweigen, was sie als ungerecht empfand.

Bevor ihre Mutter sie wegen der respektlosen Antwort tadeln konnte, war Charlotte bereits die breite Marmortreppe hinaufgelaufen und wenige Augenblicke später in ihrem Zimmer verschwunden.

Sie hätte nichts lieber getan, als sich der Länge nach aufs Bett zu werfen, um sich das weiße Kopfkissen fest über den Kopf zu ziehen. Nichts sehen, nichts hören – die Realität komplett ausblenden. Das war es, wonach Charlotte sich in diesem Moment sehnte. Doch stattdessen wandte sie sich mit einem tiefen Seufzen zu der kleinen Kommode aus edlem Mahagoniholz um. Loni hatte bereits eine Kanne mit warmem Wasser hinaufgetragen, eine alte Gewohnheit, die die Gutsherrin angeordnet hatte beizubehalten, obwohl es inzwischen im Gutshaus zwei geräumige Badezimmer mit fließendem Wasser, Badewanne und sogar hochmoderner Duschzelle gab. Charlotte goss etwas davon in die Waschschüssel aus weißem Porzellan und tunkte das kleine Tuch darin ein, um sich damit etwas zu erfrischen. Anschließend tauschte sie das schlichte Sommerkleid gegen ein elegantes Modell aus weich fließender rosa Seide, das den leicht gebräunten Teint ihrer Haut noch unterstrich.

Anna von Edzards hatte sie deswegen schon oft gerügt. Sie war der Meinung, dass sich gebräunte Haut für eine junge Dame ihres Standes nicht gebührte. Bauernmädchen, die den ganzen Tag auf dem Feld arbeiteten, ja, von denen konnte man schließlich nichts anderes erwarten. Aber eine junge Dame ihres Standes … unerhört.

Nachdem Charlotte ihr dunkles Haar geordnet hatte, tupfte sie sich mit den Zeigefingern einen Hauch von süßlich duftendem Eau de Cologne hinter die Ohren. Noch die lange zweireihige Perlenkette und die dazu passenden Ohrringe angelegt, dann war sie zumindest äußerlich bereit, Richard Harmsen gegenüberzutreten und ihm endlich eine Antwort auf seinen Antrag zu geben, den er, nachdem er bei Carl Heinrich von Edzards zuvor offiziell um die Hand seiner Tochter angehalten hatte, ihr bereits vor über sechs Wochen gemacht hatte. Charlotte hatte Richard um etwas Zeit gebeten und auch darum, ihrer Familie gegenüber noch nicht zu erwähnen, dass er sich nun auch ihr erklärt hatte. Ihre Mutter hätte sie nur noch mehr bedrängt, sich die Chance bloß nicht entgehen zu lassen und sich möglichst bald mit dem wohlhabenden Reedererben Richard Harmsen zu vermählen.

***

Charlottes Verehrer traf kurze Zeit später in Begleitung seiner Mutter auf dem Gestüt am See ein, obwohl das Ehepaar Harmsen zuvor die Einladung Anna von Edzards zum Tee leider hatte ausschlagen müssen.

»Ich hoffe, liebe Frau von Edzards, Sie sehen es mir nach, dass ich nun doch mit meinem Sohn zu Ihnen hinaus aufs Gestüt gekommen bin? Mein Gatte ist nach wie vor beruflich verhindert, warum wir ja zunächst Ihre so freundliche Einladung ausschlagen mussten. Doch ich dachte mir, ich nutze vielleicht die Möglichkeit, der staubigen Hitze der Großstadt für einige Augenblicke zu entkommen, und habe mich spontan umentschieden«, erklärte Irmgard Harmsen, während sie sich mit der Spitze ihres feinen Seidentaschentuchs kleine Schweißperlen von der Stirn tupfte.

Anna von Edzards gab sich großzügig und behauptete, das Gegenteil sei der Fall und sie ganz verzückt über den überraschenden Besuch der Reedersgattin. Doch Charlotte wusste, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Anna von Edzards hasste jede Art von Unplanmäßigem. Und wenn es nur die Kleinigkeit war, dass sie nun Berta oder Rieke bitten musste, ein weiteres Gedeck aufzutragen.

Die große Hitze, die draußen herrschte, schien sich dann auch auf die Konversation beim Tee auszuwirken, die zwar von allen Seiten bemüht war, aber dennoch nur so dahinplätscherte. Obwohl Charlotte den Augenblick gefürchtet hatte, atmete sie dennoch innerlich erleichtert auf, als sie der zähen Stimmung im Speisezimmer entkommen konnten, nachdem Richard sie schließlich gefragt hatte, ob sie ihn wohl auf einen kleinen Spaziergang begleiten würde.

Charlotte sprang so hastig vom Tisch auf, dass ihre Mutter sich fast an einem Plätzchen verschluckte und so kaum in der Lage war, ihr vielsagende Blicke zuzuwerfen. Charlotte hörte sie noch husten, als Richard ihr bereits die Gutshaustür aufhielt.

»Möchtest du denn keinen Schirm mitnehmen, Charlotte?«, wunderte Richard sich. Doch dann schüttelte er über sich selbst den Kopf. »Nein, das möchtest du nicht. Du sorgst dich nicht um deinen feinen Teint. So bist du nicht.«

Charlotte blickte ihm ernst ins Gesicht. Helene hat recht, kam es ihr auf einmal in den Sinn, Richard ist ein schöner Mann. Es gab bestimmt viele Frauen, die nur zu gern mit ihr getauscht hätten. Vielleicht sollte sie sich dessen bewusst sein, wenn sie ihm nun endlich die Antwort auf seine Frage gab, um nicht allzu verzweifelt dabei zu erscheinen. Ja, womöglich sollte sie nicht ausschließlich an die Überwindung denken, die es sie kostete, ihm zu antworten, sondern daran, was sie durch diese Verbindung alles gewann. Richard war ein modern denkender Mann. Bestimmt war er gewillt, ihr mehr Freiheiten zuzugestehen, als die Eltern, ganz besonders die Mutter, es jemals getan hatten.

»Ich mag die Sonne, ich liebe die Wärme auf der Haut und bin gerne draußen in der Natur und natürlich bei den Pferden«, begann Charlotte mit leiser, aber fester Stimme. »Ich mag das alles weitaus lieber, als bei einem steifen Kaffeekränzchen am Tisch zu sitzen und mich um Konversation zu bemühen. Es würde mir schwerfallen, daran etwas zu ändern, und ich hoffe von Herzen, dass du das akzeptieren kannst, Richard.«

Richards Miene wurde ernst. Seine Stimme drohte beinahe zu brechen, als er sagte: »Wie darf ich das verstehen, Charlotte? Was möchtest du mir damit sagen?«

»Lass uns erst ein paar Schritte gehen«, bat Charlotte ihn jedoch, während sie ihre Hand auf seinen Arm legte.

Schweigend folgten sie den Weg zum See hinunter, den Charlotte heute schon einmal gegangen war, mit ähnlich schwerem Herzen wie jetzt, aber noch wesentlich unentschlossener. Erst als sie den Steg erreicht hatten, hielt Richard es nicht länger aus. Unvermittelt blieb er stehen und blickte Charlotte fest in die Augen. »Ich ahne, was du mir sagen willst. Ich habe schon eine ganze Weile gespürt, dass du bei Weitem nicht so für mich empfindest wie ich für dich. Doch ich bitte dich inständig, lass dich nicht zu sehr von deinen jetzigen Gefühlen leiten. Ich bin mir sicher, wenn wir nur etwas mehr Zeit miteinander verbringen würden, du mich noch besser kennenlernst, dann kann aus der Freundschaft, die uns doch bereits verbindet, weitaus mehr werden. Ich liebe dich aufrichtig und von ganzem Herzen, Charlotte, das weißt du, und ich bin bereit, auch noch länger auf dich zu warten. Du bist die richtige Frau für mich, ich …«

»Ja«, fiel Charlotte ihm mitten ins Wort, bevor sie Gefahr lief, es sich doch wieder anders zu überlegen.

Richard sah sie mit großen Augen an. »Ja? Was meinst du damit?«

Charlotte holte tief Luft. »Du hast bei meinem Vater schon vor einiger Zeit um meine Hand angehalten und anschließend mich gefragt, deine Frau zu werden. Du warst so rücksichtsvoll und hast meiner Familie gegenüber Stillschweigen bewahrt, damit ich in Ruhe nachdenken konnte, und das ist nun meine Antwort darauf.«

»Du … du willst mich heiraten? Ist … ist das tatsächlich dein Ernst?«, stammelte Richard ungläubig.

Nun doch etwas amüsiert lachte Charlotte auf. Sie hatte sich das Ganze viel schwieriger vorgestellt, war sich sicher gewesen, dass die Überwindung sie schrecklich schmerzen würde. Doch seine Fassungslosigkeit gepaart mit der Freude … wie ein kleiner Junge, der sich an Weihnachten etwas so sehr gewünscht hatte und dann völlig perplex war, dass er es tatsächlich bekam.

»Entschuldige bitte, Richard, wenn ich gewusst hätte, wie sehr dich meine Antwort trifft, dann hätte ich wohl besser deinen Antrag abgelehnt. Oder hast du es dir am Ende anders überlegt?«

Richard schnappte ein paarmal wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Dann zog er Charlotte mit einem Ruck in seine Arme.

»Bist du verrückt, natürlich nicht! Du machst mich mit deiner Antwort zum glücklichsten Mann der Welt, Charlotte von Edzards, das sei dir versichert«, jubelte er überglücklich. »Und du wirst es nicht bereuen, das schwöre ich dir. Ich werde dich auf Händen tragen und dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Und ja, mein Liebling, mir ist durchaus bewusst, dass du unter keinen Umständen dein Gestüt verlassen möchtest, um mit mir in Hamburg zu leben. Deshalb werde ich regelmäßig mit dem Automobil zwischen Hamburg und Timmendorf hin- und herfahren. Auch, wenn das zunächst bedeutet, dass ich unter der Woche größtenteils ohne dich sein muss.« Mit einer liebevollen Geste strich er ihr über den Oberarm. »Wie du hörst, liebste Charlotte, habe ich mir bereits hinreichende Gedanken gemacht und auch direkt eine Lösung parat, die dir bestimmt entgegenkommt.«

»Danke«, sagte Charlotte und bemerkte selbst, wie spröde sich das angehört hatte.

Prompt verlor Richards Strahlen an Intensität, während er sich etwas von ihr löste. Er schien fest darauf zu bauen, dass sie irgendwann genauso für ihn empfinden würde wie er längst für sie. Doch Charlotte war sich sicher, dass das niemals der Fall sein würde.

»Entschuldige, ich wollte nicht so klingen … so trocken. Es ist nur, weil ich …«

»Glücklich und deshalb etwas überfordert bist?«

»Ja«, beeilte sich Charlotte, ihm zu versichern. »So ist es wohl, Richard.«

Behutsam umfasste er nun ihren Hinterkopf und kam mit seinem Gesicht so dicht an ihres, dass sie seinen warmen Atem auf ihrer Haut spüren konnte.

»Charlotte«, flüsterte er nun mit ungewohnt rauer Stimme. »Weißt du eigentlich, wie groß meine Gefühle für dich sind?« Sein Mund wanderte zu ihrem Ohrläppchen, küsste es sanft, bevor seine Lippen über Charlottes Wange strichen. Nur ein Hauch, wie eine Feder – zart und doch voller Leidenschaft. Charlottes erster zärtlicher Kontakt zu einem Mann, und sie wusste nicht, wie der nächste Schritt aussah. Aber Richard wusste, wie das ging. Wonach er verlangte. Was er wollte. Immerhin war er sieben Jahre älter, und auch um einige Erfahrungen reicher. Seine Lippen fanden ihre, und seine Zunge bahnte sich einen Weg in Charlottes Mund. Vor Schreck blieb Charlotte die Luft weg, gleichzeitig fühlte sie sich wie paralysiert. Unfähig, sich zu bewegen, unfähig festzustellen, ob ihr dieser Kuss gefiel oder zuwider war.

Genauso plötzlich, wie Richard sie geküsst hatte, löste er sich wieder von ihr und sah sie eindringlich an.

»Ich werde dich zu nichts zwingen, Charlotte«, versprach er ihr. »Wir beiden haben alle Zeit der Welt. Ein ganzes Leben lang.«

Langsam nickte Charlotte. »Ja, das haben wir«, gab sie leise zurück und kämpfte mühsam gegen die Übelkeit an, die in ihr aufzusteigen drohte.

Richard bemerkte von alldem nichts, er war viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt, endlich das zu bekommen, wonach er sich seit ihrem Kennenlernen im vergangenen Winter wie nichts anderes auf der Welt sehnte: Charlotte zur Frau zu nehmen, sie an seiner Seite zu wissen, in seinen Armen halten zu dürfen, sie zu lieben.

»Was meinst du, wollen wir jetzt zurück zum Gutshaus gehen, um unsere Verlobung offiziell zu verkünden? Oder möchtest du damit noch etwas warten?«

Charlotte schüttelte den Kopf. »Nein, ich schätze, ich habe euch alle lange genug warten lassen.«

Erneut strich Richard ihr liebevoll über die Wange, was zu einem unangenehmen Schauer bei Charlotte führte, und blickte ihr tief in die Augen, bevor er den Arm um sie legte, um seine Frischverlobte zurück zum Gutshaus zu dirigieren. Nein, Richard wollte keine Zeit mehr verlieren – und Charlotte, nun ja, sie wollte es einfach nur schnell hinter sich bringen.

***

Anna von Edzards Reaktion hätte man ihr auf den ersten Blick als teilnahmslos auslegen können, als Richard die wunderbaren Neuigkeiten der Familie im Beisein seiner Frau Mutter verkündete. Sie saß stocksteif auf ihrem Stuhl und kam Charlotte so zart und zerbrechlich wie nie vor, während Richards Mutter begeistert in die Hände klatschte und abwechselnd ihren Sohn und Charlotte umarmte und herzte.

Erst als sich Mutter und Sohn verabschiedeten und Richard Charlotte noch einmal in seine Arme zog, um ihr leise zuzuflüstern, wie überglücklich er sei, huschte der Hauch eines Lächelns über das Gesicht der Gutsherrin, obwohl ihr nicht entgangen war, wie der Rücken ihrer Tochter sich bei der Berührung ihres Verlobten versteift hatte. Und etwas später, als endlich wieder Ruhe im Gutshaus eingekehrt war, nahm Anna von Edzards die Hand ihrer ältesten Tochter in die ihre und drückte sie für einen kurzen Augenblick lang ungewohnt herzlich.

»Danke, Charlotte, ich danke dir wirklich sehr. Ich weiß, dass es dir nicht leichtgefallen ist. Aber ich bin mir sicher, dass du mit Richard glücklich werden wirst. Er ist der richtige Mann an deiner Seite, und das nicht nur wegen seines großen Vermögens. Vertrau ihm, Charlotte, er wird dir ein gutes Leben ermöglichen und dir zu jeder Zeit treu zur Seite stehen.«

»Ja, Mutter«, gab Charlotte spröde zurück und entzog ihr mit einem Ruck die Hand, um die Bibliothek zu verlassen, in der kurz zuvor noch auf die Frischverlobten mit herrlich prickelndem Champagner in langstieligen Gläsern angestoßen worden war.

Kapitel 3

In der nächsten Zeit änderte sich unter der Woche kaum etwas für Charlotte. Ihr Leben verlief wie zuvor: ausschließlich nach dem Willen und den Vorstellungen ihrer strengen Frau Mutter!

Hatte sie gehofft, dass ihr die Bekanntmachung der baldigen Vermählung mit Richard auch eine gewisse Freiheit einbringen würde, nämlich die, in den Stall zu gehen und mit den Pferden zu arbeiten, wann immer ihr danach war, so musste sie schnell feststellen, dass diese Hoffnung vergebens war. Anna von Edzards wurde nicht müde, ihr nach wie vor alles Burschikose zu untersagen und sie bei Nichteinhaltung auf das Schärfste zu rügen. Nein, dass sie demnächst die Ehefrau eines reichen Reeders sein würde und durch diese Verbindung das Gestüt und das Zuhause der von Edzards gerettet hatte, davon bekam Charlotte nur wenig zu spüren.

Ihre Schwester Helene benahm sich, nachdem die erste Aufregung bei ihr verflogen war, Charlotte gegenüber endlich wieder einigermaßen normal. Kein aufgeregtes Gekreische oder Gekicher, sobald der Name Richard fiel, dafür aber die große Hoffnung, dass direkt nach Charlottes Vermählung auch für sie der Weg frei wäre, nach einem geeigneten Ehemann Ausschau zu halten. Carl Heinrich von Edzards und ganz besonders seine Gattin hatten diesbezüglich wie in vielen anderen Dingen recht altmodische Ansichten: Zuerst musste Charlotte verheiratet sein, bevor die etwas über ein Jahr jüngere Helene überhaupt nur daran denken durfte.

»Befindet sich nicht vielleicht unter Richards Freunden jemand, der für mich infrage käme?«, fragte Helene, als die beiden Schwestern wie so häufig nach dem Abendessen noch in Charlottes Zimmer beisammensaßen.

Charlotte lag es schon auf der Zunge zu sagen, dass sie ihr Richard gerne abtreten könne, doch natürlich verkniff sie sich diesen unangemessenen Kommentar und zuckte stattdessen ahnungslos mit den Schultern. »Wie du weißt, kenne ich Richards Bekanntenkreis nicht.«

Helene seufzte tief, während sie rücklings in die weichen Samtkissen des altrosa Kanapees sank. »Charlotte, Charlotte, ich verstehe dich einfach nicht, jetzt hast du dich endlich für Richard entschieden und solltest dich über dein großes Glück freuen, stattdessen läufst du mit mürrischem Gesicht herum und zuckst erschrocken zusammen, sobald der Name deines Zukünftigen fällt.«

Umständlich löste Charlotte ihre von burgunderrotem Samtstoff überzogene Haarspange, sodass ihr das dunkle Haar in weichen Wellen auf die Schultern fiel.

»Wie du weißt, hatte ich nie die Absicht, mich mit ihm zu vermählen«, erinnerte Charlotte ihre jüngere Schwester.

Ruckartig richtete Helene sich wieder auf. Dabei schüttelte sie verständnislos die kinnlangen honigblonden Haare, die zu kunstvollen Wasserwellen frisiert waren. »Du bist mir so nahe, Charlotte, und so vertraut wie niemand sonst, und dennoch verstehe ich dich oftmals nicht. Ist denn eine Vermählung mit einem gut situierten Mann nicht genau das, wonach sich jede Frau über alles sehnt?«

Nun war es Charlotte, die entschieden den Kopf schüttelte.

»Nein, bestimmt nicht!«, gab sie zurück. »Ich wünsche mir ein selbstbestimmtes Leben. Ich möchte niemanden erst um Erlaubnis fragen müssen, ob ich in den Stall zu den Pferden darf oder in den Sattel steigen, ich möchte all das tun können, was ich liebe, so wie Hans es tut. Wie ich ihn doch manchmal darum beneide, dass er das Glück hatte, als Sohn zur Welt gekommen zu sein.«

Nun war Helene vollständig konsterniert. »Du … du möchtest lieber ein Mann sein?«, rief sie.

Charlotte holte tief Luft. »Ja, manchmal wäre ich gerne ein Mann, weil dann alles viel leichter für mich wäre.«

»Nein, das glaube ich dir nicht«, gab Helene zurück. »Das behauptest du nur, weil du noch gänzlich unerfahren in Liebesangelegenheiten bist. Du sorgst dich, dass du Richards Bedürfnisse nicht erfüllen kannst, und redest dir deshalb ein, dass du kein Interesse an einem Ehemann hättest. Das ist der wahre Grund, Charlotte, und nicht, weil du unbedingt Jockey sein möchtest. So einen Unsinn habe ich noch nie gehört und nehme ihn deshalb auch nicht ernst. Zumal du dich häufig bei mir über Vater beschwert hast, wenn er Hans mal wieder zu hart rangenommen hat. Ich bin mir sicher, dass du nicht an seiner Stelle sein möchtest, und was Richard betrifft, da bin ich mir ebenfalls sicher, liebste Schwester, dass du dich ein wenig vor seiner Erfahrung und deiner Unschuld fürchtest.«

Entschlossen erhob sich Helene vom Kanapee und wandte sich zur Tür um. »Und jetzt ziehe ich mich besser in mein Zimmer zurück, bevor ich noch etwas sage, das ich später womöglich bereue.«

Bevor Charlotte etwas erwidern konnte, war ihre Schwester zur Tür hinaus. Einem ersten Impuls folgend, wollte sie ihr hinterhereilen. Doch dann blieb sie auf dem kleinen Hocker vor ihrem hellbraunen Frisiertisch aus satiniertem Nussbaumholz sitzen und betrachtete ihr schmales Gesicht in dem ovalen Spiegel, der in einem schlichten goldenen Rahmen eingefasst war.

»Warum versteht mich bloß niemand?«, flüsterte sie ihrem eigenen Spiegelbild zu. »Bin ich denn so anders … so ungewöhnlich …?«

Es klopfte an ihrer Tür. Helene war also doch wieder zurückgekommen. Um sich zu entschuldigen? Oder um ihr noch mehr Vorwürfe zu machen, weil sie ihr großes Glück angeblich mit Füßen trat?

»Komm schon herein«, rief sie – und staunte dann, als nicht Helene, sondern ihre Wirbelwindschwester Marlene im langen zartrosa Nachthemd und barfuß in ihr Zimmer gehuscht kam. Ohne zu zögern, lief sie zu Charlotte und legte ihre Arme um die große Schwester, um sie kurz, aber ganz besonders kräftig zu drücken. Anschließend löste sie sich wieder von ihr und plumpste auf das bereits von einem der beiden Hausmädchen aufgeschlagene Bett.

»Ich habe euch belauscht«, gab sie unumwunden zu. »Und ich wollte dir sagen, dass ich dich verstehe. Ich möchte auch lieber reiten, statt zu heiraten. Pfui, heiraten, wie schrecklich. Ist es dann nicht auch so, dass man den Mann küssen muss?« Angewidert schüttelte Marlene sich. »Nein, ich küsse lieber meine Ponys. Und dann wollte ich dir noch sagen, dass ich es schrecklich gemein von Mutter finde, dass sie dir das Reiten verboten hat. Wenn sie das mit mir genauso machen wird, sobald ich siebzehn bin, dann haue ich einfach ab.«

Zunächst war Charlotte so perplex, dass sie nur dasitzen konnte und Marlene ansehen, die vierzehnjährige Pferdenärrin, die nichts lieber tat, als mit ihren Ponys über Stock und Stein zu galoppieren. Ganz so, wie es Charlottes große Leidenschaft gewesen war, bis zu dem Tag, an dem die Mutter ihr das Reiten strikt untersagt hatte, weil es sich ihrer Meinung nach für eine junge Dame im heiratsfähigen Alter nicht schicke.

»Du hast also gelauscht«, begann Charlotte schließlich.

Marlene machte große Augen. »Das allererste Mal. Das musst du mir glauben«, beeilte sie sich ihrer großen Schwester zu versichern. »Und auch nur, weil Helene so laut geschimpft hat. Ich dachte, ich muss dir zu Hilfe eilen. Helene wird immer gleich so hysterisch, das ist uns allen ja leider nur zu gut bekannt.«

Charlotte lachte, als Marlene versuchte, Helenes pikierten Gesichtsausdruck nachzumachen.

»Das lass mal bloß Helene nicht sehen«, warnte sie die freche Marlene und zwinkerte ihr dabei verschwörerisch zu.