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Als Belinda im verschlafenen Borgo Propizio ihre Milchbar eröffnete, erwachte der Ort zu neuem Leben. Inzwischen besitzt das Städtchen sogar wieder eine Bibliothek, und der Bürgermeister plant nun ein Literaturfestival. Was heftige Unruhe in die kleine Gemeinde bringt, woran die liebenswerten, sich stets streitenden Schwestern Mariolina und Marietta ebenso Anteil haben wie Belinda, die in ihrer Bar »kulinarische Schreibkurse« anbietet und davon überzeugt ist, kein Glück in der Liebe zu haben, und wie deren Tante Letizia, die ihre Nichte zu gern mit dem jungen Koch Francesco verkuppeln würde ...
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Seitenzahl: 449
Veröffentlichungsjahr: 2018
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ISBN 978-3-85179-434-2
Alle Rechte vorbehalten
© Loredana Limone 2014
Titel der italienischen Originalausgabe: »E le stelle non stanno a guardare «, Salani Editore, Milano
© der deutschsprachigen Ausgabe: Thiele Verlag in der Thiele & Brandstätter Verlag GmbH, München und Wien 2017
Covergestaltung: Guter Punkt, München
Covermotiv: © Danilo Piccioni/Arcangel Images
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
www.thiele-verlag.com
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Cover & Impressum
1 – Willkommen in Borgo Propizio
2 – Die Botticelli-Muse
3 – Herrscherin der Meere
4 – Hotel Erinnerung
5 – Sterne und Satelliten
6 – Im Ruhmreichen Institut für die Geschichte der Renaissance
7 – Wie ein Gaukler
8 – Die beiden Schwestern
9 – Die Komödie der Missverständnisse
10 – Die Idee
11 – Krapfen m it Honig
12 – Rocco Rubino
13 – Die Probleme der Frauen
14 – Es schmeckt nicht nach Maccaroni
15 – Ein so schöner Tag
16 – Antonia
17 – Das Versprechen
18 – Die größere Zuneigung
19 – Die Seelenbraut
20 – Wer ist Francesco?
21 – Ich bin das Tantchen
22 – Wieder zu Hause
23 – Fragen zum Bibliothekswesen
24 – Eine denkwürdige Vorladung
25 – Letizia
26 – Was man sich auf der Piazza erzählt
27 – Dora will sich verändern
28 – Mariolinas Sorge
29 – Was zu Ostern geschah
30 – Im Morgengrauen
31 – Freunde aus der Kindheit
32 – Nicht das Gespenst
33 – Claudia
34 – Eine Verabredung im Regen
35 – Ein denkwürdiges Abendessen
36 – Die richtigen Worte finden
37 – Der schicksalhafte Tag
38 – Ein verschmitztes Lächeln
39 – Die Rache
40 – Gute Nacht, Liebste
41 – Mädchenaugen
42 – Mit vorsichtiger Hand
43 – Die Farben des Lebens
44 – Grenzlinien
45 – Glücklich der Schriftsteller
46 – Wer bietet mehr?
47 – Einen guten, den besten
48 – Die Gäste
49 – Eine lange schlaflose Nacht
50 – In der Zwischenzeit
51 – Es herrscht Unruhe
52 – Das Band wird zerschnitten
53 – Der große Rocco Rubino
54 – Antonia rennt
55 – Auch das ist Borgo Propizio
Danksagung
Willkommen in Borgo Propizio
Ich habe auf euch gewartet, meine Lieben! Auf alle, die mich bereits kennen, und auf die, welche zum ersten Mal durch das Stadttor gehen.
Das Tor … das Tor … Ja, hier ist es. Sie haben mich so perfekt renoviert, dass ich es manchmal gar nicht wiedererkenne. Der Arcus Propitius, von dem aus man das ganze Tal übersehen kann, in frischem Grün und in Frühlingsfarben in diesem schönen Monat März. Manchmal sieht er wie ein Gemälde aus … wie nennt man das noch? Wie ein Trompe-l’œil.
Doch es ist keine optische Täuschung, es ist die reine Wahrheit. Es ist so wahr, dass es mir unwirklich erscheint.
Ich kann mich einfach noch nicht daran gewöhnen. Glauben Sie mir? An meine letzte, überraschende und plötzliche Verwandlung? Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass es bald mit mir zu Ende gehen würde, dass ich den Löffel abgeben müsste, und in Augenblicken tiefster Depression stellte ich mir vor, wie ich von der Landkarte verschwand. Das war nicht ganz unwahrscheinlich bei den knapp einhundertsechsundachtzig Seelen, die hier lebten und von denen die Hälfte Abwanderungsabsichten hegte.
Jetzt seht ihr mich hier, rundum verjüngt.
Wiedergeboren!
Allein die Liebe konnte ein solches Wunder vollbringen. Die Liebe, die mir durch eine außergewöhnliche Armee zuteilwurde, die hier eines Tages landete und mein Leben in Aufruhr versetzte.
Schaut mich an: Jetzt bin ich schön geschmückt, blank geputzt und kostbar, und ich bin stolz darauf. Früher schämte ich mich meiner und es war mir nur recht, wenn niemand kam, um mich zu sehen.
Ich bin glücklich!
Ich kann mich nicht erinnern, je so froh gewesen zu sein, nicht mal damals, als Aldighiero der Höfliche, der kleine Fürst von Borgo Asinaio, mich in Borgo Propizio umbenannte, weil ihm nach dem Ende des düsteren Mittelalters alles so gut gelang, und zwar wirklich gut, unglaublich gut … Er besiegte seine Feinde (wie jeder intelligente Mensch eher durch List als mit Gewalt), er umgab sich mit den besten Künstlern, seine Ländereien waren die fruchtbarsten weit und breit. Auch eroberte er die feinsten Damen überall, bis er sich eines Tages in die süße Rolanda die Zarte verliebte, die einzige Tochter seines größten Feindes, Manfreds des Stolzen. Dieser war sogar ein entfernter Verwandter. Manfred der Stolze wurde sein Schwiegervater und begrub seinen Hass, für den es jetzt keinen Grund mehr gab. Gemeinsam schienen die beiden Herrscher unbesiegbar. Sie waren es tatsächlich, und sie blieben es bis an ihr Lebensende. Davon profitierten auch die folgenden Generationen, und ich durchlebte glückliche und fruchtbare Jahre, in denen hier nicht nur die gehobenen Schichten, sondern auch die Bauern ein gutes Leben hatten.
Das Dorf, das heißt also ich, war ein lieblicher und beneidenswerter Ort, die Bevölkerung verdoppelte, ja verdreifachte sich. Was für ein Wunder, welche Harmonie und Begeisterung! Männer und Frauen, stets in geschäftiger Bewegung, gefolgt von Kindern mit verschmierten Gesichtern, denen ständig die Nase lief. Ihre Händchen waren neugierig, die Erde war fruchtbar und ertragreich, und es gab auch kirchliche Feiern, Karneval und bäuerliche Feste. Man kann sagen, der Herr hielt seine schützende Hand über uns.
Bis zu jenem Tag, an dem unglückseligerweise jemand von Neid ergriffen wurde und ein schrecklicher Verrat den Lauf unserer Geschichte änderte.
Doch darüber will ich nicht sprechen, es tut mir zu weh, wenn ich daran denke, und ist auch schon so lange her. Ich will es vergessen, auch die Erinnerung daran. Denken wir an das Gute, und möge das Böse nie wiederkehren.
Wenden wir uns lieber wieder meinem Namen zu – Borgo Propizio. Es war im fünfzehnten Jahrhundert. Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr der Gnade es geschah, aber ich versichere euch, es war eine lange und glanzvolle Zeit, in der die Vögel wie ihre Vorfahren aus dem antiken Rom immer pünktlich aus dem Osten herkamen, und das galt als günstiges Vorzeichen. Und deshalb wollte Aldighiero, wegen seiner natürlichen angenehmen Art zu reden und zu handeln der Höfliche genannt, dies in meinem Namen zum Ausdruck bringen. Ich seufzte erleichtert auf. Asinaio, Eselsführer, genannt zu werden war mir immer auf die Nerven gegangen. Da hätte man mich ja gleich Esel nennen können.
Der Höfliche war ein kultivierter Mann mit feinsten Manieren, ein Bewunderer von Lorenzo dem Prächtigen, dessen Taten er nachahmte und dessen Leidenschaften er teilte. Ihm widmete er meinen wichtigsten Platz, der das Zentrum des Handels, aber auch der Künste und Wissenschaften war. Er konnte bei seiner großen Sensibilität meinen früheren Namen nur schwer ertragen, und so wurde ich zu meiner größten Freude »Propizio«, »Glücksbringer«, genannt. Ewig bin ich diesem Fürsten und den Vögeln dankbar.
Durch Zufall verdanke ich mein Glück noch einem anderen Wesen. Diesmal handelt es sich allerdings nicht um einen Vogel, auch wenn er so heißt. Es geht um meinen Bürgermeister. Er heißt Rondinella, ein Name, der mit rondella, Schwalbe, zu tun hat. Dieser Mann ist ein toller Kerl. Ich kannte ihn schon als Kind. Er hat für unseren ganzen Ort Großartiges geleistet. Er hat sein Versprechen gehalten – nichts weniger als das –, hat in der Vergangenheit gegraben und weitergegraben und vergessene und verborgene mittelalterliche Erinnerungsstücke wiederentdeckt. Die sind jetzt in unserer kleinen Burg ausgestellt. Dort hat er ein großartiges Museum eingerichtet, dessen Besucher lange Schlange stehen müssen.
Ich schwöre euch, dass ich mir all das nicht mal in meinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Dass ich mich über das Schlurfen eurer Schritte freue, die über mein Pflaster streichen, dass ich mit einem Pfauenmuster am Boden des Rathausplatzes angeben kann, dass die kleine Burg restauriert wurde und ebenso die Häuser im Umland. Dass schon außerhalb der Stadtmauer eine kulturelle Atmosphäre entstanden ist, die uns beinahe zu einer Kunststadt macht. Und dass dies alles nur wegen einer dickköpfigen jungen Frau passiert ist, die es sich allen bösen Legenden und Gespenstern zum Trotz in den Kopf gesetzt hatte, genau hier, in Borgo Propizio gegen den Willen ihres Vaters eine Milchbar zu eröffnen.
Eine Milchbar!
Niemand hätte darauf nur einen Pfennig gewettet. Ich auch nicht.
Ich kann mich noch genau an den Morgen erinnern, als hinter der Schaufensterscheibe des früheren Schusterladens, von dem sich alle Bewohner vorsichtig fernhielten, Zeitungsseiten auftauchten, die das Innere verbargen, und an die wenigen Passanten, die »Was ist denn das!« riefen und damit ihren Missmut, ihr Erstaunen, ihre Bewunderung zum Ausdruck brachten. Die Neuigkeit wurde mit großer Skepsis aufgenommen.
Denn ihr müsst wissen, dass bis dahin …
Oh nein, Entschuldigung, diese Geschichte kennt ihr ja schon.
Blicken wir also in die Zukunft.
Die Botticelli-Muse
»Was ist denn das?«
Ornella riss die Augen auf. Es schien ihr unmöglich, doch diese rotblonden Locken waren unverwechselbar. Sie wusste nicht, ob sie sich verstecken oder gleichgültig tun und weitergehen sollte. So blieb sie widerwillig auf der Schwelle des Rathauses stehen, während der Zeitungshändler Arturo der Kundin, die zu seiner Freude eine ganze Reihe Magazine kaufte, das Wechselgeld herausgab. Die Frau wandte sich um, mit der Anmut einer Muse von Botticelli, und ihr Gesicht drückte Erstaunen aus, als sie nach kurzer Überlegung Ornella wiedererkannte.
»Ornella, das bist ja tatsächlich du!«, rief sie.
»Antonia!«
»Was machst du denn hier?«
»Ich wohne hier.«
»In diesem Dorf?«
»Ja, in diesem Ort.«
»Na, so was!«
Ornella folgte Antonias Blick, der über die kleine Piazza schweifte: das Rathaus, die Kirche, den Brunnen, die Läden, den Kiosk. Sie war sich nicht sicher, ob dieser Blick herablassend war oder nicht.
»Ich bin hier geboren.«
»Das wusste ich nicht.«
Die snobistischen Ehefrauen der Kollegen von Ornellas Ex-Mann wussten nur wenig von Ornella. Sie waren zumeist die besseren Hälften von eingebildeten Chefärzten (oder solchen, die es werden wollten) und sahen auf Ornella herab, weil sie nicht aus dem gleichen Milieu stammte und nicht wie sie aus der Stadt kam. Ornella hatte diese Frauen nie ertragen können, doch im Lauf der Zeit hatte es zu ihren Pflichten als Ehefrau gehört, sie zu treffen. Jetzt eine von ihnen vor sich zu haben, irritierte sie sehr.
»Und was machst du in Borgo Propizio?«
Antonia strich sich den Pony aus der Stirn und sah ihr mit einem traurigen Blick tief in die Augen.
»Ich bin auf der Flucht.«
»Vor der Stadt?«
»Vor mir selbst.«
Da war nichts von Dünkelhaftigkeit zu sehen. Die Verzweiflung im Gesicht der anderen überzeugte Ornella, dass sie alte Abneigungen beiseiteschieben und Antonia fragen musste, was passiert war. Sie sah auf die Uhr: Sie hatte nicht viel Zeit, aber noch genug. So nahm sie Antonia ohne Zögern beim Arm und ging mit ihr los, von den wachsamen Blicken des Zeitungsverkäufers verfolgt, der es gleich seiner Frau erzählen würde – wehe, wenn er es nicht tat und irgendein Detail wegließ. Alle im Dorf wussten, was für ein Tratschweib Dora war. Bei der nächsten Gelegenheit (oder vielleicht sogar früher) würde sie Ornella und jeden anderen ausfragen, wer denn diese Fremde sei, die allein, heimlich und in aller Stille hergekommen war oder vielleicht mit einer Gruppe in einem Bus der Agentur Glückliche Reisen.
Antonia ließ sich gehorsam von Ornella wegführen und vergaß dabei, dass sie eigentlich auf den Hügel hinaufgekommen war, um das Museum zu besuchen.
»Wo führst du mich hin?«, fragte sie.
»Zu einem zauberhaften Ort.«
Die Märzsonne fiel durch die Scheibe unter dem Schild mit dem ungewöhnlichen Namen Via Lattea, Milchstraße, nach einem alten Chanson. Durch die geschlossene Tür drang Musik der sechziger Jahre, und der Geruch von frischem Gebäck schwebte verheißungsvoll durch die Ritzen.
Antonia war sehr neugierig.
»Was ist das für ein Laden?«
»Die ungewöhnlichste Milchbar, die du dir vorstellen kannst.«
»Das hätte ich nicht gedacht.«
»Komm nur mit rein, dann wirst du schon sehen.«
Sie gingen hinein, und Antonia war sprachlos, als sie sich umschaute. Auf den weißen Kacheln ringsum war das Gesicht einer Kuh zu sehen, mit der bronzenen Glocke um den Hals und einer rosafarbenen Zunge, die auf einer Seite herausschaute. Eine Bordüre mit Mäandermuster umgab sie, und zwei weitere Kühe waren im Profil zu sehen, blau gescheckt, die Schwänze einander zugewandt und in der Mitte eine gelbe Sonne. Weiter oben, wo es keine Kacheln gab, waren weiße Wolken auf himmelblauen Grund gemalt, und so sah auch die Decke aus. Hinter der gemauerten Theke lächelte eine Mary Poppins in vorgerücktem Alter, der die Zeit nichts anzuhaben schien.
»Man denkt, man wäre in einem Bilderbuch!«, rief Antonia aus.
»Ich glaube, das hat schon mal jemand gesagt.«
»Guten Tag, Ornella. Morgenstund hat Milch im Mund!«, sagte Letizia, munter wie immer, zur Begrüßung. Mit diesem Satz begrüßte sie stets die ersten Gäste des Tages. Währenddessen räumte sie die Tassen ins Regal, die sie gerade aus der Spülmaschine genommen hatte. Das Scheppergeräusch passte gut zur Musik des ›Großen Musikers‹, an den sie gerade dachte, aber das muss wohl nicht extra gesagt werden.
Immerzu dachte sie an ihren G.M. Ob er wohl die leiseste Ahnung hatte, was für ein leidenschaftlicher Fan sie war? Und das ein Leben lang? Leider hatte er seit dem Telegramm, das er ihr am Vorabend der Einweihung von Via Lattea vor dreieinhalb Jahren geschickt hatte, nichts mehr von sich hören lassen. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass er zu Besuch käme. Dazu brauchte sie eine Idee, aber es fiel ihr einfach nichts Neues mehr ein.
»Ich hatte heute Morgen einen Termin beim Kulturdezernenten im Rathaus«, sagte Ornella. »Du kennst ja den Mann, er schläft nie, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger. Er wollte mit mir über eine Idee sprechen.«
»Was hast du für ein Glück, Mädchen! Ich bin auf der Suche nach einer Idee!«, rief Letizia, die auf alle mögliche Weise versucht hatte, Tranquillo Conforti, den früheren Gymnasiallehrer und jetzigen Dezernenten für Kultur und besondere Veranstaltungen in Borgo Propizio, zu überzeugen, ein Musikfestival ins Leben zu rufen, in ganz großem Stil, zu dem man auch den G.M. einladen würde, der seine Teilnahme unmöglich ablehnen könnte. Aber nein, er war dagegen! Dieser Mann hatte keine Ahnung von Musik und war ein Fachidiot, der nichts als Literatur kannte und sich auf Zahlen verstand, und zwar seit die Regierung den Gürtel enger schnallte und die Rating-Agenturen das Land immer tiefer herunterstuften. Aber die Bürger konnten schließlich mehr Klarheit fordern, beim Finanzministerium und bei den für Kultur verantwortlichen Stellen. Die hatten viel größere Kompetenzen.
Letizia begriff es nicht. Wieso hatte Italien ein Defizit? Musik konnte das Land doch voranbringen! Es gäbe doch schon San Remo im Februar? Na, dann umso besser! Dann wäre ein Festival in Borgo Propizio im Juli das ideale Gegenstück, und der G.M. wäre auf beiden vertreten.
Aber nein, da gab es keine Hoffnung, dieser Mann redete immer wieder dasselbe über Dante und Petrarca, von dem Glück, das sie für Geist und Ohr jedes Menschen bedeuteten, dazu verwöhnte er seinen Gaumen mit Leckerbissen aus Milch und Süßigkeiten, die Letizia diesem sturen Politiker anbot. Kein einziges Mal hatte er Anstalten gemacht, dafür zu bezahlen.
»Nach was für einer Idee suchst du denn?«, fragte Ornella.
»Wie man den G.M. am schnellsten kennenlernen kann. Meine Uhren ticken schneller, ich werde nicht jünger, weißt du?«
Letizia war noch super fit, doch sie bewegte sich auf die siebzig zu und ihr Idol ebenso, sie waren gleich alt. Deshalb musste sie ihn bald kennenlernen. Sie wollte ihm nicht erst vor Augen treten, wenn sie eine Ruine im Altersheim war, faltiger als eine Trockenpflaume, mit brüchiger Stimme und einem krummen Rücken.
»Also, ich habe gerade den Auftrag bekommen, ein kulturelles Ereignis zu planen, und man könnte ja vielleicht daran denken, auch deinen verehrten ›Großen Musiker‹ mit einzubeziehen«, sagte Ornella.
»Arbeitest du für die Kommune?«, fragte Antonia.
»Manchmal ja.«
Erst jetzt wurde Ornella klar, dass sie eine wichtige Anstandsregel verletzt hatte: zwei Leute einander vorzustellen, die sich nicht kannten. Aber sie wusste nicht, als was sie Antonia bezeichnen sollte. Einen Moment überlegte sie und sagte dann:
»Das ist Letizia. Und das ist Antonia … Eine Bekannte aus meinem früheren Leben.«
Antonia lachte verlegen und erwiderte Letizias starken Händedruck. Dann wandte sie sich wieder Ornella zu.
»Wenn man dich sieht, hat man den Eindruck, dass du jünger geworden bist«, sagte sie. »Ich habe dich auf der Piazza eben kaum wiedererkannt. Mit diesen blonden kurz geschnittenen Haaren und deiner tollen Figur siehst du blendend aus.«
»Das ist die gute Luft hier im Städtchen«, sagte Letizia, »die ist etwas ganz Besonderes.«
»Dann kann ich ja nur hoffen, dass sie auch mir guttun wird.«
Im Kontrast zu ihrer zierlichen Gestalt und ihrer seltenen Schönheit, die an eine Botticelli-Madonna erinnerte, hatte Antonia eine tiefe Stimme, die wie ein Widerhall aus der Tiefe des Meeres klang. Aber Ornella konnte sich nicht daran erinnern, denn früher hatte sie nur wenig geredet und immer recht arrogant gewirkt. Sie war ihr deshalb nicht sympathisch gewesen. Dieser Gedanke ging ihr gerade durch den Kopf, als Letizia mit einer ganzen Flut von Fragen auf sie einstürmte.
Was für ein Auftrag, was für ein Projekt, was für ein Event, was für ein Ort und zu welchem Zeitpunkt?
»Es steht noch nicht fest«, antwortete Ornella. »Aber du weißt bestimmt schon, dass Borgo Propizio eine eigene Bibliothek bekommt.«
Ja, davon hatte Letizia bereits gehört. In einem Flügel der Burg, die heute ein Mittelaltermuseum beherbergte, sollte eine öffentliche Bibliothek eingerichtet und demnächst eröffnet werden. Sie freute sich zwar darüber, fürchtete aber, dass dort Veranstaltungen stattfinden würden, die in Konkurrenz zu ihrem Projekt stünden, und das nach all der Mühe, die sie sich für Via Lattea gegeben hatte. Hier sollte man sich entspannen, ungezwungen zusammenkommen, aber es sollte auch Bildung und Vermittlung von Kultur stattfinden. Hier gab es Buongiorno alla spina – Frühstück mit frisch gemolkener Milch, die direkt aus dem Stall kam, und L’ora delle bianche hiacchiere – ein Gesprächskreis mit einer Kostprobe von duftenden Süßigkeiten, die mit Milch zubereitet wurden – und beide hatten sich bewährt. Das alles hatte sich ihre Nichte Belinda ausgedacht, doch das Beste, ein Kurs für kreatives kulinarisches Schreiben, war ihre, Letizias Idee gewesen, und darauf war sie mächtig stolz.
»Im September, wenn die Bibliothek eingeweiht wird, möchte der Assessor, dass ein großes Kulturereignis stattfindet, ein Literaturfestival vielleicht, er weiß es noch nicht genau. Er hat mich gebeten, ihm Vorschläge zu machen.«
»Ein Festival, auch wenn es nur um Literatur geht, ist immerhin ein Festival«, sagte Letizia nachdenklich und entfernte sich, um einen neuen Kunden zu begrüßen, der gerade die Milchbar betrat.
Ornella hatte September gesagt. Das war gut, denn im September hatte Saturn schon das Sternbild des Schützen verlassen, der ihr Sternzeichen war, ihres und das des G.M., und dann … man konnte nie wissen. Vielleicht würde sich der Kreis schließen.
Ornella erklärte Antonia, sie arbeite im Finanzamt, mache Öffentlichkeitsarbeit, organisiere Events und manches andere, neben ihrer eigentlichen Arbeit als Paartrainerin. Währenddessen servierte ihnen Letizia die Vanillemilch und wurde dann von der Gruppe der Dichter und Dichterinnen vereinnahmt, die jeden zweiten Tag in die Milchbar kamen.
Antonia trank einen Schluck, dann noch einen und danach wieder einen und spürte, wie ihre Anspannung nachließ. Ornella merkte es, sie kannte dieses Gefühl genau.
»Das tut gut, oder? Und nicht nur vom Geschmack her, es ist ein Allheilmittel für alle Sinne, eine Wohltat für das Herz.«
»Was ist da drin?«
»Etwas, was man einfach Vanille nennt, aber auch noch etwas anderes, ein Schuss Liebe vielleicht. Sie lassen die Schoten in Milch ganz sanft eine Weile köcheln, und dann servieren sie es.«
»Du sagst ›sie‹, ist da noch jemand außer ihr?«
Antonia wies mit dem Kinn auf Letizia. »Ja, Belinda, ihre Nichte. Sie ist ein großer Milchfan und hat Milchwirtschaft studiert. Sie stammt nicht von hier, sondern kommt aus der Stadt, doch jetzt ist sie sogar hier mehr zu Hause als ich. Du wirst es nicht glauben, aber sie hat einen tollen Job in einer großen Firma aufgegeben, um sich hier im Dorf zu begraben und eine Milchbar aufzumachen. Keiner hat daran geglaubt. Doch statt sich hier zu begraben, hat sie dann sozusagen den ganzen Ort wiederbelebt. Sie ist ein ganz besonderes Mädchen, aber die Tante ist noch viel wichtiger, für ihre Nichte und für uns alle.«
»Und wo ist sie?«
»Belinda kommt meistens spät. Sie schläft gerne länger und ich auch, wenn man mich nicht zum frühen Aufstehen zwingt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mal an Schlaflosigkeit litt …«
»Hat dich etwa diese magische Milch so verändert?« Antonia lächelte.
»Die Milch hat bestimmt auch dazu beigetragen«, meinte Ornella, hob ihr Glas, um ihr zuzuprosten, und nahm dann einen tiefen, wohltuenden Schluck. »Letizia behauptet, wenn man das hier trinkt, bilden sich Endorphine, durch die man sich wohlfühlt. Und seit ich hier in die Milchbar komme, trinke ich es oft. Aber vor allem ist es wohl meine wiedergefundene Freiheit, der gute Schlaf und das Bewusstsein, dass ich etwas wert bin und die Leute Respekt vor mir haben. Arbeiten, unabhängig sein, auch wenn ich manchmal waghalsige Sachen mache. Aber da ich bei meiner Mutter wohne, teilen wir uns die Kosten.«
Als sie sich von ihrem Ex-Mann trennte, konnte Ornella sich auf ihren Unterhalt verlassen, der ein paar Monate lang üppig war und pünktlich eintraf. Dann aber hatte ihr Ex-Mann im OP einen Riesenfehler gemacht, er verlor seine Approbation als Arzt und verschwand von der Bildfläche.
»Hast du nicht gesagt, dass du Paartrainerin bist?«
Antonia hatte diesen Ausdruck noch nie gehört und konnte sich nicht vorstellen, dass man daraus einen Beruf machen könnte. »Ist das so was wie Partnervermittlung?«
»Um Gottes willen! Begegnung zwischen Männern und Frauen arrangieren, die verzweifelt auf der Jagd nach einem Partner sind? Nein, nein. Was ich mache, ist eher wie in Amerika. So was wie love life manager, match maker, dating coach, nenn es, wie du willst.«
»Ich kenne so was nicht.«
»Sagen wir es so: Ich bringe den Leuten, die sich an mich wenden, bei, das Beste von sich zu geben, wenn sie jemanden treffen, der ihnen der Richtige zu sein scheint. Wir gehen alle ganz selbstverständlich zum Steuerberater, zur Ernährungsberatung, zum Physiotherapeuten und zur Fußpflege, alles Leute, die uns auf verschiedenen Gebieten helfen können. Warum soll man sich nicht an einen Experten für Liebe wenden, wo diese vielleicht der schwierigste Teil unseres Lebens ist?«
Antonia hörte zu und sah Ornella zweifelnd an. Ornella kannte diesen Gesichtsausdruck. Nicht zum ersten Mal war jemand skeptisch gegenüber ihrem Beruf, und deshalb kam die Sache auch nicht in Schwung. Deshalb war sie gezwungen, andere Aufträge anzunehmen, die oft weniger befriedigend waren. Die Idee eines Literaturfestivals aber gefiel ihr, das war eine schöne Herausforderung. Natürlich war das Budget gering, vielleicht reichte es auch gar nicht aus.
»Was hast du denn studiert, um solch einen Job zu machen?«
»Gar nichts. Leider habe ich mein Studium abgebrochen, als ich geheiratet habe. Mein Mann war eifersüchtig. Das ist mein großer Kummer. Ich habe aber einen Kurs in Kommunikation besucht und während meiner Ehe eine jahrelange Therapie gemacht.«
»Man dachte immer, du bist glücklich mit deinem Mann.«
»Ach, das war alles nur Show. Ich kann mich in der Öffentlichkeit gut präsentieren.«
Herrscherin der Meere
Ruggero ließ sich das Gesicht vom Wind streicheln. Er stand allein auf der Brücke und beschwor seine alten Ängste herauf. Er hatte sich gerade rasiert und Mariolina in der Kabine zurückgelassen, wo sie sich das Haar zurechtmachte. Eigentlich hatte sie ihn weggeschickt, weil sie eine Überraschung für ihn hatte. Das Rasierwasser brannte ihm auf der Haut, und in dem Pinguinanzug, den er trug, kam er sich lächerlich vor. Er sah, wie die Lichter der Stadt immer kleiner wurden, leuchtende Punkte, die ihn an Laserstrahlen erinnerten, die ihn mitten auf der Stirn treffen und ihn lähmen könnten wie in manchen Science-Fiction-Filmen im Fernsehen. Die hatte er schon seit seiner Kindheit mit Begeisterung gesehen. Das Schiff verließ den Hafen Richtung Amsterdam, wo die Kreuzfahrt zu Ende ging. Aber bis dahin mussten sie noch die ganze Nacht übers Meer fahren, dieses riesige Tintenfass, aus dem jeden Augenblick ein pechschwarzes Ungeheuer hervorspringen konnte, bereit, ihn zu verschlingen.
Das Leben an Bord hatte ihm gefallen, und er hatte sich gut amüsiert, doch zunächst war ihm die Idee einer Kreuzfahrt durch die Fjorde Norwegens nicht geheuer. Es war noch nicht lange her, dass die Fähre bei der Insel Giglio verunglückt war, außerdem hatte ihm Mariolina kürzlich ein Gedicht vorgelesen, das von einem anderen Unglück sprach, dem der Titanic. Der Dichter habe diesem tragischen Ereignis die Ewigkeit der Poesie verliehen, hatte sie gesagt. Und erst mal der Film, den sie darüber gedreht hatten! Was? Er erinnere sich nicht daran? Sie habe ihn doch in der Videothek ausgeliehen.
»Wenn du dich doch nur mal vor dem Bildschirm konzentrieren würdest, statt immer zu fummeln …«
Seine Frau beklagte sich manchmal über seine große Lust, aber er wusste, dass es ihr eigentlich gefiel, einen so männlichen Mann an ihrer Seite zu haben, der sie ständig begehrte. Auch wenn sie nicht mehr immer auf ihn einging. Leider war es nicht mehr wie in der ersten Zeit, und das bedauerte er sehr.
Als er das Gedicht hörte, hatte Ruggero nichts verstanden, da es englisch war. Auch als sie es ihm dann auf Italienisch erklärte, hatte er nicht viel begriffen.
Mariolina überraschte ihn stets aufs Neue. Sie hatte nicht studiert, besaß aber eine Bildung, die ihm Angst machte, und wenn er ehrlich war, ging sie ihm auf die Nerven, wenn sie seine Grammatik korrigierte. In den letzten Monaten hatte sie Englisch gelernt, wegen der Kreuzfahrt, dabei sprach das Personal, das aus Südamerika stammte, eine Mischung aus Spanisch und Italienisch, und für die Ausflüge an Land brauchte man es gar nicht. Er hatte sich aber gehütet, seine Frau darauf aufmerksam zu machen. Sie war nun mal, wie sie war. Immer wollte sie gut vorbereitet sein, und wenn sie sich zu etwas entschloss, dann setzte sie es auch um. Sie hatte Kurse besucht. Aber nicht nur das: Sie hörte auch CDs mit den Lektionen (auch im Auto, wenn sie zusammen unterwegs waren), und sie las die Zeitschrift Spicap, halb Englisch, halb Italienisch, von der sie sich einen ganzen Stapel an Ausgaben bestellt hatte, die jetzt überall im Haus herumlagen. Darüber beschwerte seine Mutter sich natürlich bei ihm, nicht bei ihrer Schwiegertochter, zu der sie nie etwas sagte. Als sei es nicht schon genug, dass Mariolina in dieser Zeitschrift entdeckt hatte, dass die angelsächsische Literatur von besonderer Schönheit sei. Immerzu hing sie ihm damit in den Ohren. Und auch damit, dass sie leider über Literatur nichts gelernt habe, weil sie in die Haushaltsschule und nicht aufs Gymnasium gegangen sei, was sie viel lieber getan hätte. Und so hatte sie die Erklärungen eines gewissen Thomas (an seinen Namen erinnerte sich Ruggero, weil auch ihr Hündchen so hieß) verschlungen, der von der Pracht Gottes und der Größe des Menschen redete, der ein Schiff gegen einen Eisberg fahren ließ und damit eine Tragödie auslöste! Wie Mariolina sagte, während sie die Worte des Dichters wiederholte, habe dies mit menschlicher Eitelkeit zu tun, die der Herr unweigerlich bestrafe.
»Wenn wir jetzt nicht fahren, dann fahren wir nie mehr«, sagte sie dann noch, sie wünsche sich diese Kreuzfahrt doch seit Jahren. Als sie Ruggero kennenlernte, habe sie sogar gerade einen solchen Urlaub buchen wollen, aber die Begegnung mit ihm habe sie davon abgebracht. Sie habe darauf verzichtet – aus Liebe – wie auf viele andere Dinge, das brauche sie ja nicht zu wiederholen, er wisse das ganz genau. Schließlich, lastbutnotleast (so beendete sie seit neuestem alle ihre Reden), hatten sie die Fjorde Norwegens schon immer fasziniert.
Ja, sie war gebildet, aber auch ganz schön überheblich. Ruggero liebte sie dennoch wie am ersten Tag, vielleicht sogar noch mehr, und das Medaillon, das er ihr zum Valentinstag geschenkt hatte (aus Platin, das dreimal so viel wert war wie Weißgold, aber bei ihr knauserte er nicht), mit dem eingravierten Satz Ich liebe dich mehr als gestern und weniger als morgen war ein Beweis dafür, der sie für einen Moment sprachlos gemacht hatte, ebenso wie sein Teilnahme an dieser Kreuzfahrt. So hatte er sie zufriedengestellt, auch wenn er nicht schwimmen konnte und Wasser ihm zuwider war. Er hätte lieber in Amsterdam Station gemacht, wo er gern das Rotlichtviertel besichtigt hätte, das ihn schon immer interessierte, doch er hatte darauf verzichtet, denn dies war ja kein Ort, zu dem man mit seiner legal Angetrauten hinging. Er war nicht mit ihr dort gewesen und – zum Teufel noch mal! – auch nicht allein.
Nach etwa zwei Wochen Schiffsreise bekam Ruggero eine Riesenlust, wieder nach Hause und zu seiner Arbeit zurückzukehren. Die Häuser warteten auf ihn wie durstige junge Hunde, und die Sekretärin hatte ihm geschrieben, eine Schokoladenherstellerin wolle für ihren Raum eine Ausstattung wie die der Milchbar in Borgo Propizio – mit Kacheln und Kühen und Wolken, denn Mariolina hatte ein Foto auf die Webseite von EdilBorgo, seiner kleinen Firma, gestellt. Wenn er daran dachte, mit welchem Widerwillen er den Milchladen restauriert hatte! Er sagte das nie offen, weil er dadurch die Gelegenheit bekommen hatte, Mariolina kennenzulernen, sie zu heiraten und sie dazu zu bringen, ihre Arbeit als Angestellte der Kommune aufzugeben, und sie aus Borgo Propizio zu entführen. Er hatte dann dort ein Büro eröffnet, weil es so viel Baugrund gab.
Eigentlich hatte er schon am zweiten Tag der Kreuzfahrt Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hatte sie aber unterdrückt, weil er unbedingt seine Frau trösten musste, die ihr Baby verloren hatte.
Wer hätte je gedacht, dass Mariolina mit sechsundvierzig noch schwanger werden würde! Alle Anzeichen der Wechseljahre waren schon zu erkennen, und so hatten sie sich geliebt, ohne zu verhüten. Sie hatte etwas gegen Medizin (Verhütungsmittel inbegriffen), Präservative waren ihr unangenehm und der Coitus interruptus frustrierte sie. Umso besser, denn Ruggero hatte es nie gelernt, diese Methode richtig zu beherrschen. Wie hätte er es auch lernen sollen? Da sich seine Eltern dauernd in sein Liebesleben einmischten, war seine Erfahrung, was Frauen anging, ziemlich gering.
Was für eine Überraschung, als Mariolina plötzlich Schmerzen im Unterleib verspürte und sich herausstellte, dass sie schwanger war! Was für Träume, Pläne und Erwartungen das zur Folge hatte! Ruggeros Eltern waren plötzlich wie verrückt bei dem Gedanken an einen unverhofften Erben und stritten sich laut um den Namen, den sie aussuchen oder zumindest vorschlagen wollten: Tommaso wie der Onkel, der Priester war, denn der Junge war sicher ein Wunderkind. Die künftige Mutter begab sich in eine Zauberwelt von Babystramplern, Schühchen, Fläschchen, Lätzchen und Windeln, die sie in großen Mengen kaufte, als sie den dritten Monat hinter sich hatte. Vorher ging es ihr zu schlecht. Sie tat es, obwohl sie wusste, dass ihre Schwester, die zukünftig Tante Marietta genannt werden wollte, schon eine Babyausstattung aus von ihr selbst mit der Häkelnadel hergestellten Unikaten bereithielt.
Leider endete das schöne Märchen am Ende der sechzehnten Woche, als das Kind schon zwölf Zentimeter lang und etwa hundert Gramm schwer sein musste. So stand es in dem Buch, das Mariolina immer aufgeschlagen auf der kleinen Kommode liegen hatte, um die Entwicklung des Babys Schritt für Schritt zu verfolgen.
An einem traurigen Morgen ließen unzweifelhafte Blutstropfen das Schlimmste vermuten. Ruggero dachte, dieses Blut sei die Strafe dafür, dass sie während der Schwangerschaft miteinander verkehrt hatten. Aber was hatte das damit zu tun, fragte er sich wenige Augenblicke später. Ein Mann hatte die Freiheit, es mit seiner Frau zu treiben, wann und wie er wollte, oder etwa nicht? Und der Gynäkologe hatte gesagt, wenn sie schwanger sei, dürfe man es trotzdem tun. Das Baby würde davon sowieso nichts merken.
Sie eilten ins Krankenhaus in der Hoffnung, man würde sie dort von ihren Sorgen befreien. Doch sie erfuhren dort Folgendes:
1. Die Schwangere müsse sich sofort hinlegen (Ruggero musste zu Hause ihren Pyjama holen und die weinende Mariolina im Krankenhaus allein lassen).
2. Es müsse eine Ausschabung gemacht werden, und das auch noch gleich neben dem Kreißsaal (wo alle glücklichen Mütter ihre Kinder bekamen), weil kein anderes Bett frei war.
3. Das Kind wäre krank zur Welt gekommen und wäre durch natürliche Selektion davor bewahrt worden (ein Satz, der sie trösten sollte, doch alles nur noch schlimmer machte).
Was für eine Krankheit ist das, warum ist es gerade uns passiert, gibt es denn keine Hoffnung? Lauter überflüssige Fragen.
Mit der zweifelhaften Hoffnung auf eine weitere Schwangerschaft, aber erst nach langer Zeit, also mit Chancen, die in ihrem Alter gleich Null waren, hatte sich Mariolina, als sie wieder zu Hause war, ins Bett gelegt. Sie fiel in eine tiefe Depression und schien nie mehr aufstehen zu wollen. Ruggero erschrak und fürchtete schon, sie werde es machen wie ihre Mutter, die sich eines schönen Tages ins Ehebett gelegt, sich darin wie eine Zwiebel gehäutet hatte, Schicht für Schicht, und zwanzig Jahre später auf der Bahre hinausgetragen wurde. Die Gründe der Schwiegermutter, die er nie kennengelernt hatte, wieder auszugraben erschien ihm unnütz, aber wenn Mariolina dieselben Gene hatte, war die Gefahr groß. In seiner Angst konsultierte er den Hausarzt, doch der hielt nichts von der Idee, dass dies erblich sein könne. Er gab ihm den Rat, die Signora ein wenig abzulenken.
»Gutes Essen, guter Sex und Lachen, dann fühlt sich ein Mann wie im Paradies, doch bei einer Frau«, fuhr er philosophisch und stolz auf dieses auf eigener Erfahrung beruhende Motto fort, »trifft dies leider selten zu. Wir geben ihr ein Medikament, und dann sieht sie das Leben wieder in bunten Farben. Kommen Sie mit ihr zu mir.«
Glücklicherweise war Mariolina nicht wie ihre Mutter und kam ziemlich bald wieder auf die Beine. Ihre Enttäuschung und ihren Kummer versenkte sie an einem Ort, den nur sie kannte und an dem sie alles ablegte, was ihr wehtat: tief in ihrem Herzen und weit weg von ihren Gedanken. Sie fand die Maxime des Hausarztes richtig und mit Hilfe von Formalinumschlägen suchte sie Ablenkung und Zerstreuung und konzentrierte sich auf sich selbst. Das hatte sie aber auch wirklich verdient. Sie ließ sich von einem Schönheitschirurgen die Augenlider straffen und machte eine Ozontherapie, um ihre Zellen mit Sauerstoff zu versorgen, besuchte ein Wellness-Zentrum mit zugehörigem Fitness-Studio, erneuerte ihre Garderobe, die aus der Mode gekommen war, kaufte einen reizenden beigefarbenen Zwergpudel, den sie Thomas nannte, und wurde, weil sie Heimweh nach Borgo Propizio hatte, Mitglied der Gruppe für kreatives kulinarisches Schreiben in der Milchbar, was sich als gute Therapie erwies. Natürlich nicht nur für sie. Der Kurs hatte sich schnell auf das Doppelte vergrößert, inzwischen waren sie fünfzehn Teilnehmer pro Sitzung. Mariolina waren das zu viele, denn sie musste die Geschichten der anderen mit Tempo hundert lesen, wie Letizia es nach einem Lied des G.M. formulierte, dabei hatte sie, wie sie fand, teilnahmsvolle ruhige Zuhörer verdient.
Wie sehr ihr Heimatort ihr fehlte! Vielleicht war es ihr größter Fehler gewesen, sich in das Haus von Ruggero verpflanzen zu lassen, mit den Schwiegereltern, die zwar lieb waren und ihr elterliche Zuneigung schenkten, wie sie sie nie bekommen hatte, doch manchmal war es wirklich lästig, mit zwei Alten zu leben, die in den achtzigern waren. Zwar war sie die Hausherrin, und es fehlte ihr an nichts in diesem prächtigen Haus, das ihr wegen der Gütergemeinschaft seit ihrer Hochzeit zur Hälfte gehörte. Auch hatte sie Dienstpersonal: Candela, die Haushälterin aus Peru, die schon vor ihrer Ehe mit Ruggero da gewesen war, dazu eine Putzfrau aus dem Senegal und einen polnischen Gärtner. Drei Ausländer. Das koste nicht so viel, hatte Ruggero gesagt.
Die zweite und der dritte waren nicht fest angestellt, dazu brauche man ein Vermögen, hatte ihr Mann erklärt, bei dem sie neuerdings eine gewisse Knauserigkeit feststellte. Selbstverständlich gab allein sie der Putzfrau und dem Gärtner Anweisungen.
Die Leute beneideten sie, weil sie nicht zu arbeiten brauchte und in einem so schönen Haus wohnte, doch sie trauerte Borgo Propizio nach, das ihr jetzt vorkam wie ein sicherer Hafen, und vermisste ihre Arbeit beim kommunalen Finanzamt. Sie fragte sich, warum sie gekündigt hatte.
Ja, warum?
Ruggero war wohlhabend, war eifersüchtig auf die Kollegen und wollte, dass sie auf seine Eltern aufpasste und die Haushälterin überwachte, das Dorfgeschwätz war ihr zu viel geworden und ihre Schwester Marietta war ihr zunehmend auf die Nerven gegangen … All diese Gründe schienen ihr jetzt nicht mehr zu gelten, aber da sie ihre Stelle nicht mehr wiederhaben konnte und sie auch den neuen Dezernenten für Finanzen, Personal, Staatsvermögen und Steuern nicht kannte, hoffte sie, dass die Kommune bald eine andere Stelle ausschreiben würde. Sie war bereit, etwas zu lernen, fühlte sich noch jung und kreativ. Schön wäre eine Halbtagsstelle, so könnte sie nebenher noch ein Auge auf die Schwiegereltern haben.
Der Kreuzfahrt, die sie sich seit Jahren wünschte, hatte Ruggero endlich zugestimmt. Nach dem schmerzlichen Erlebnis mit der Fehlgeburt konnte er nicht mehr nein sagen. Die Rückkehr nach Hause, wo schon alles für das Baby vorbereitet war, das niemals zur Welt kommen würde, war eine Tragödie gewesen. Mariolina hatte sich ins Bett gelegt und drei Tage am Stück geschlafen. Sie wollte die Welt und das Missgeschick vergessen, das sie seit ihrer Kindheit verfolgte, doch ihre Mutter war ihr im Traum erschienen und ermahnte sie, es nicht zu machen wie sie, sondern etwas zu tun. Und zwar schnell! Mit Hilfe von Ruggeros Liebe, der Zuneigung der Schwiegereltern, der Mitarbeit von Candela (sie hatte die gesamte Babyausstattung nach Peru geschickt) war es ihr gelungen, wieder Fuß zu fassen.
Ein paar Monate vor der Abreise meldete sie sich in einer Sprachenschule an, um ihr Englisch aufzubessern, informierte sich über die Fjorde, ihre Entstehung und Eigenschaften (sie war gern auf alles vorbereitet), und nach einem Flug nach Amsterdam ging sie an Bord des Kreuzschiffs Sovrana dei Mari, Herrscherin der Meere.
Wie schade, dass diese Traumreise zu Ende geht, dachte sie betrübt, während sie stolz ihr Bild im Spiegel betrachtete. Sie trug ein meergrünes Organdikleid, das die See vor Neid erblassen lassen musste, denn es war durchsichtig.
Das Kleid reichte bis zu den Fesseln und ließ ihre zarten und zierlichen Füße sehen, die in den schwindelnd hohen bronzefarbenen Plateausandalen besonders zur Geltung kamen. Sie sah blendend aus mit ihren achtundvierzig Jahren (niemand hätte je vermutet, dass Ruggero zehn Jahre jünger war) und war bestens gerüstet für das Gala-Diner, das auf sie wartete, und des fürstlichen Luxus ihrer Suite Magic Royal würdig.
Hotel Erinnerung
Borgo Propizio hat mir zweimal das Leben geschenkt.
Ornellas Worte klangen Antonia in den Ohren, während sie auf dem Fahrrad, das das Hotel seinen Gästen zur Verfügung stellte, ins Tal zurückfuhr. Gelbe Forsythien-Wolken hier und da versetzten sie in beste Stimmung, und erst jetzt, als sie während der Fahrt nach unten ständig die Bremse zog, wurde ihr bewusst, wie sehr es sie ein paar Stunden zuvor angestrengt hatte, bis hinauf in den Ort zu gelangen. Es waren sanfte Kurven, so hieß es in der Werbung, doch nur die Verzweiflung hatte ihr die Kraft gegeben, den Berg hochzufahren. Und sicher auch das Interesse an einem Besuch des Mittelaltermuseums in der Burg oben auf dem Berg, wo Ornella sie freundlicherweise (oder aus Mitleid) in die Milchbar mitgenommen hatte.
Sie musste zugeben, dass sie sich jetzt etwas besser fühlte. Vielleicht war die Luft in dem Ort wirklich etwas Besonderes, wie die seltsame Frau gesagt hatte, in dieser merkwürdigen altmodischen Bar, in der es sogar eine Jukebox von früher gab mit 45er Schallplatten aus Vinyl. Ornella hatte heute Morgen so munter gewirkt, wie aufgeblüht. Früher war sie ihr immer finster und angespannt erschienen. Antonia hatte gedacht, sie sei von Natur aus so – eine verwöhnte und nervöse Frau. Sie hatte sich geirrt.
Heute Morgen hatte Antonia sich nicht getraut, Ornella zu gestehen, dass sie sie damals unsympathisch gefunden hatte. Doch dieses Gefühl beruhte sicher auf Gegenseitigkeit. Bei den genussvollen Abendessen hatte sie aus purer Etikette voller Heuchelei und Verstellung Dinge gesagt wie: Meine Liebe, du siehst wunderbar aus, wirklich großartig, ich freue mich sehr, dich wiederzusehen. Sie trug die teuersten Markenkleider und den kostbarsten Schmuck. Antonia gehörte zu diesem Milieu, das war ihre Welt, hier war sie geboren, ihre gesamte Familie war so. Als sie dann ihren Mann verließ und sich mit diesem Hanswurst zusammentat, hatte sie keine Familie mehr, wurde ausgestoßen und enterbt. Das Schlimmste aber war, dass sie den Hanswurst auch nicht mehr hatte. Er hatte sich als Würstchen erwiesen.
Während Antonia so ihren Gedanken nachhing, erreichte sie das Hotel. Das Fahrrad stellte sie neben die anderen, wusch sich schnell die Hände und ging ins Restaurant. Es war einfach geführt und das Essen schmackhaft. Sie hatte Glück, denn sie nahm kaum zu. Dabei konnte sie sich nicht beherrschen, wenn sie nervöse Hungerattacken bekam. Wie sollte sie bloß die Einsamkeit überwinden, die an ihr nagte? Sie hatte mal ein Haus und einen Ehemann gehabt, eine Mutter und einen Vater, einen Bruder, eine Schwägerin und zwei Neffen.
Eine Arbeit.
Einen Liebhaber.
Liebe.
Hoffnung.
Eine Zukunft.
All das hatte sie verloren. Mit vierzig Jahren stand sie da mit einem Architekturdiplom, das ihr nutzlos schien. Ein paar unsichere Verträge, eine billige Wohnung und ein paar tausend Euro auf dem Konto, die bald aufgebraucht sein würden. Sie war ganz auf sich allein gestellt.
»Du hast es nicht anders gewollt«, hatte ihr Vater gesagt, als er sie aus dem Familienunternehmen warf. »Komm nur nicht auf die Idee, dich bei einem von uns wieder blicken zu lassen.«
Um Trost zu finden und wieder an die Zukunft zu glauben, musste Antonia einen langen und mühsamen Weg in ihr Inneres zurücklegen, musste die Teile eines schmerzhaften Puzzles wieder zusammensetzen, sich an Worte, Augenblicke, Gesten, Atemzüge erinnern, jeden Wimpernschlag, die Nägel in der Haut, den Ozean der grünen Augen, in denen sie geschwommen war. Und sich an alles erinnern, was geschehen war, als sie in einer Liebe versank, die leider von großem Schmerz begleitet war.
Nachdem der x-te befristete Vertrag abgelaufen war, beschloss sie, sich an einen Ort zurückzuziehen, in dem sie ihre Geschichte vergessen konnte. Was war da geeigneter als ein unberührtes Städtchen auf einem Hügel mit Obst und Weingärten, unter einem klaren Himmel (dank der stets frischen Brise) und weit weg von der Umtriebigkeit und Hektik des modernen Lebens, wie es in den Werbeprospekten hieß. Und gab es ein passenderes Hotel als eines, das sich Erinnerung nannte und dessen freundliche und aufmerksame Inhaberin ihren Gästen mit mütterlicher Zuwendung begegnete, als wären sie der Ersatz für ihren Sohn, der nach London gegangen war, um dort internationale Restaurants kennenzulernen. Er hatte ihr gesagt: »Ich bleibe nur ein halbes Jahr weg und komme dann wieder.« Jetzt war er schon acht Jahre fort. Virginia hatte das Hotel im Vertrauen darauf übernommen, dass ihr Sohn (das einzige Kind einer Mutter, die stolz darauf war, alleinerziehend zu sein) bald wiederkäme. Aber nein. Er hatte es tausendmal versprochen und war immer noch nicht da. Die Mutter hoffte, dass keine Frau im Spiel war, aber was wusste sie schon?! Ihr Sohn war, was das anging, total zugeknöpft.
Die Besitzerin des kleinen Hotels war wirklich freundlich und aufmerksam, aber für Antonias Geschmack ein bisschen zu redselig, denn sie selbst war eher zurückhaltend. Sie nahm es ihr nicht übel, denn gerade jetzt brachte sie ihr einen Teller mit dampfenden Involtini aus Auberginen, gefüllt mit Salsiccia. Davon verschlang Antonia gleich zwei Teller, denn Appetit hatte sie immer.
Das Hotel Erinnerung stand am Fuß des Hügels, auf dem das Städtchen lag. Diese Gegend war ursprünglich für Ackerflächen und Weiden bestimmt, doch diese waren immer mehr zurückgegangen. Vor allem wegen Unordnung und Unsicherheit in dem Ort, wegen dauernder Streitigkeiten zwischen Parteien und wegen zunehmender Bedrohungen von außen, denen die Gutsherren im Lauf der Jahrhunderte nichts entgegenzusetzen hatten. So hatten sich der gute Ruf und die Macht des Felsens aus weißem Lavastein, der an sonnigen Tagen blendend hell strahlte (leider nicht genug, um die Feinde erblinden zu lassen), verdüstert. Erst in jüngster Zeit hatte die kleine Burg wieder neuen Glanz erlebt.
Der heutige Bürgermeister, ein Ingenieur, der seinen Mann stand und sich für die Geschichte des Mittelalters interessierte, hatte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, hier den Bau von Häusern zu erlauben. Er hatte den Bauherren aufgelauert, denn er sagte sich: 1. würde das Terrain um den Hügel viele Baufirmen anziehen, 2. seien schon von der letzten Stadtregierung verschiedene Baupläne vorgelegt worden, 3. stehe der ehrgeizigste und unverschämteste von ihnen, der die Burg in ein Hotel umbauen wollte mit so viel Sternen, dass man ein ganzes Firmament damit pflastern könne, kurz davor, über Nacht die Zustimmung zu erhalten, 4. sei das Abkommen dank eines niemals identifizierten Maulwurfs geplatzt, offenbar jemand, der außen vor geblieben war; 5. habe der Überraschungsangriff der Carabinieri unter dem Kommando des Maresciallo Saltalamacchia, der durch den berühmten Fall des historischen Schmucks bekannt war, den früheren Bürgermeister und seine beiden Komplizen zu Fall gebracht, einer sei bereits im Knast, der andere stehe vor Gericht.
Nach zwanzig Jahren, in denen durch Schiebung immer derselbe Mann an der Spitze gestanden hatte, brauchte Borgo Propizio einen Neuanfang, und der Ingenieur, der genug davon hatte, überall auf der Welt sein Talent zu erproben, beschloss, es hier anzuwenden, in dem Dorf seiner geliebten Großeltern mütterlicherseits, Eriberto und Pia. Das Städtchen war eine Oase der Ruhe mit all den (fast unversehrten) Wäldern ringsum, ein Schutzwall gegen den Lärm der Stadt, mit harmonischer Architektur und dem schönsten Panorama, und so kam es ihm vor, als pulsiere hier immer noch das Leben seiner Großeltern (mütterlicherseits). Sie waren Bauern gewesen und hatten sich auf wenig ertragreichem Feldern abgemüht. Doch sie waren stolz auf ihre Arbeit, und das entschädigte sie für ihr schweres Los. Es waren einfache Leute gewesen, und er hatte den Eindruck, ihnen zu begegnen, wie sie in ihren ausgewaschenen alten Kleidern die wenigen Momente genossen, die es für sie gab, Ruhe und Entspannung am Sonntag, bei den kirchlichen Festen, dem Karneval, an Fronleichnam, bei einem Ausflug zum Markt im Nachbarort oder zum Magnifico, der heute Platz der Auferstehung genannt wurde, im Volksmund Rathausplatz. Diese Leute hatten sich nie verändert.
Ihm kam es sogar so vor, als sähe er noch das edle Profil der früheren Herrscher, und er wünschte sich, von einem von ihnen abzustammen, warum nicht gleich von Aldighiero, was nicht ganz unmöglich war, denn der Vater des Ingenieurs war unbekannt.
Es war leicht für ihn gewesen, auf einer Bürgerliste zu kandidieren, die eigens geschaffen worden war. Sie trat für Erneuerung und Offenheit ein, war weder rechts noch links orientiert und propagierte den Blick nach vorn. Ziel war eine leuchtende Zukunft, die in einem Logo zum Ausdruck kam, auf dem auf weißem Grund vorn die Burg zu sehen war und nur drei Worte in deutlich zu lesenden Buchstaben in den sieben Farben des Regenbogens. (Drei mal sieben machte einundzwanzig, den Tag seines Geburtstags). Die drei Worte waren die Quintessenz seines Programms und beschrieben die Aufgabe, die er mit den Wählern anpacken wollte. Er wollte eine Politik unter Einbeziehung aller machen, eine Politik für das Volk, dem er einen wichtigen Platz einräumen und auf das er hören wollte. Sie sollte ein Vorbild für die ganze Nation sein und auch ins Ausland exportiert werden können, ein Vermächtnis an die nächsten Generationen, das neue Orientierung gab. Eine Politik, die ein Geschenk an die Bürger war. Eine Politik, die auch einen Wunsch enthielt, der in den drei einfachen Worten zusammengefasst war: Borgo Propizio Felice. Glückliches Borgo Propizio.
Felice, was der Glückliche bedeutete, war sein Vorname. Rondinella, Felice, und wehe einer lachte darüber.
Der Ingenieur Rondinella hatte es bei der Wahl nicht schwer, denn er verstand es, sich in klaren Worten auszudrücken, und das mochten seine neuen Mitbürger. Er redete ohne sprachliche Schlenker, ohne Fachausdrücke und ohne die für Politiker typischen gedrechselten Phrasen. Während seine Gegner sich in ausschweifenden feierlichen Reden ergingen, nannte er Brot Brot und Wein Wein. Einfache Worte für einfache Leute, die vor kurzem noch Angst vor Gespenstern gehabthatten.
Ohne komplizierte Ausdrücke und Metaphern erklärte er, er habe die Genehmigung erteilt zu bauen, aber nur unten im Tal und zu ganz bestimmten Bedingungen. Ein Stück Baugelände bekamen all jene, die bereit waren, am Wiederaufbau der Burg und der Stadtmauer mit ihren Zinnen mitzuwirken; ein kleineres Stück erhielten jene, die die Fassaden ihres Wohnbocks gereinigt hatten oder die der Gebäude am alten Bauernhof, der erneuert und unterhalten werden musste, und solche, die das Pflaster erneuert hatten. Ein winziges Stück Land erhielt die Firma, die ein komfortables Hotel baute, das allerdings nicht mehr als drei Sterne haben sollte (der Bürgermeister hasste Übertreibungen), und es sollte Erinnerung heißen, damit die ruhmreiche Vergangenheit des Ortes nicht vergessen wurde. Es sollten auch andere Einrichtungen zum Empfang von Touristen entwickelt werden, ein Reisebüro, ein Fremdenverkehrsverein und so weiter.
Ihm war auch zu verdanken, dass der Verkehrsstau auf dem Weg in das Städtchen ein Ende fand. Und es ging auch mit der Geburtenrate wieder nach oben, es wurden wieder mehr Kinder geboren, und bald würde es auch wieder eine Grundschule geben. Und das alles in einem Zeitraum von drei Jahren. In die neue Siedlung, dessen war er sich sicher, würden bald viele Leute ziehen, Kapital in den Ort bringen und ihn beleben. Oder sie würden Kredite aufnehmen, was ebenso gut war. Scharen von Neuvermählten und Rentnern (also potentielle junge Eltern und Großeltern) würden die neuen Wohnungen erwerben, die nur in ökologischer Bauweise errichtet werden durften, mit modernster Technik, erneuerbaren Ressourcen, Hausleitsystem, WLAN und vielem mehr. Alles ohne CO2-Verbrauch.
In der Altstadt hingegen durfte nichts an der magischen antiken Atmosphäre verändert werden. Kein einziger neuer Stein durfte hinzugefügt werden unter dem dank der frischen Brise fast immer klaren Himmel. Hier gab es so gut wie keine feuchte Luft, die sammelte sich unten im Tal. Es sollte halb kulturell, halb touristisch geplant werden (aber Souvenirläden durfte es nur außerhalb der Stadtmauer geben), ein wahres und eigenes Kunstwerk, das die Aufmerksamkeit des Palazzo Chigi, des Präsidenten oder Palazzo Montecitorio auf sich ziehen würde (vielleicht würde auch eine Straße nach Borgo Propizio benannt, am Ende sogar in Rom). Von überall her sollten Menschen kommen und Schlange stehen, um das Juwel zu besuchen, das er seit langem einrichten wollte: ein Mittelaltermuseum, gewissermaßen ein Buch aus Stein, an dem die Leute aus Propizio ihre Geschichte ablesen konnten, um es mit Victor Hugo zu sagen. Mit den Augen seines Herzens sah er schon im renovierten Burgsaal jedes einzelne Ausstellungsstück vor sich, jeden Fund, jedes Andenken, die er persönlich mit der Liebe einer Mutter betreuenwollte.
Oder mit der eines Vaters.
Sterne und Satelliten
Drei Tage hatte Ornella das Haus nicht verlassen. Sie bereitete ein Programm für den Kulturdezernenten vor, und das sollte abgerundet, attraktiv, kostengünstig und originell sein. So schnell wie möglich sollte sie es ihm schicken.
Conforti hatte von Kultur und Poesie gesprochen und sie gebeten, das Niveau nicht zu sehr in die Höhe zu schrauben. Die Leute sollten sich dabei entspannen und unterhalten. Es sollte ein volkstümliches Ereignis werden. Volkstümlich und so, dass alle gern mitmachten. Es sollte mehrere Tage dauern, denn so konnte auch das Hotel Erinnerung davon profitieren, das zu fünfzig Prozent der Kommune gehörte (es war nicht gelungen, dem Investor mehr abzuringen). Das Hotel zahlte der Kommune eine fixe Summe im Monat und bei guter Belegung noch mehr.
»Kulturarbeit ist nicht einfach, wenn einem die Kollegen von der Buchhaltung, der Personalabteilung und vom Denkmalschutz ständig in die Suppe spucken.«
Deshalb, so fuhr er in seiner seltsamen Art zu reden fort (er verschluckte manche Silben, und manchmal verstand Ornella ihn einfach nicht), stelle er sich eine Reihe kleinerer Veranstaltungen vor, die sich um ein Hauptereignis gruppierten mit einer bekannten Persönlichkeit im Mittelpunkt, die in aller Munde war, zugleich aber von literarischer Qualität. Jemand, der sehr bekannt war, in der Welt der Kultur, aber auch anderswo. Die kleineren Events sollten sich wie Satelliten um dieses zentrale Ereignis bewegen. Es müsse etwas Aufregendes sein, um das keiner herumkäme. Stattfinden sollte das Ereignis am Herbstanfang, wenn es nicht mehr heiß, aber auch noch nicht kalt sei. Mit einer großen Beleuchtungsanlage, das war doch eine Idee. Am besten, alle Events fänden am Abend statt, so würden die Leute tagsüber ins Museum gehen, und der Bürgermeister wäre zufrieden. Man müsse nur ein bisschen demagogisch vorgehen.
Der Kulturdezernent hatte tatsächlich »demagogisch« gesagt.
»Ich habe mich falsch ausgedrückt«, verbesserte er sich dann aber gleich. »Demagogie ist ein starkes Wort. Was ich meine, ist, dass ich Borgo Propizio interessant machen und die Leute dazu bringen will, hierherzukommen und Geld auszugeben. Und schon rollt der Rubel. Ich glaube, ich muss Ihnen nicht sagen, was für eine wichtige Aufgabe ich Ihnen da übertrage.«
Kurzum – die Sache müsse ein Erfolg werden, auch weil … es sei eigentlich zu früh, darüber zu reden, aber vielleicht würde er bei der nächsten Bürgermeisterwahl gewinnen, und dann …
Er sei so überlastet, dass er fähige Mitarbeiter suche, die zugleich so etwas wie Freunde seien und auf die er blind vertrauen könne – heute und eventuell in der Zukunft – und die ihm so perfekte Vorlagen lieferten, dass er sie mit geschlossenen Augen unterschreiben konnte.
Bei diesen Worten holte er ein Notebook neuester Herstellung aus dem Schreibtisch, in dem die erste Seite einer Tageszeitung aufgeschlagen war, dann verabschiedete er Ornella.
Sie ging nach Hause und dachte, so ein Gerät wäre auch für sie von Nutzen, und dann machte sie sich gleich an die Arbeit. Doch nachdem sie sich zwei Tage am Schreibtisch wie eine Gefangene gefühlt, sich den Kopf zerbrochen und Programme ausgedacht hatte, die sie nicht überzeugten, hielt sie es nicht mehr aus. Ihre Beine waren steif und sie sehnte sich nach frischer Luft. Sie zog einen Jogginganzug und ihre Sportschuhe an, und nach einem Lauf rund um die Stadtmauer ging sie in die Milchbar, wo sie Belinda allein antraf. Ihre Tante war in der Seniorenuniversität und besuchte ein Seminar über indische Mystik.
»Was ist das?«, fragte Ornella, die über Letizias Energie und Exzentrik nur so staunen konnte.
