Ein rätselhafter Unfall und die Suche nach Respekt - Alexander Lombardi - E-Book

Ein rätselhafter Unfall und die Suche nach Respekt E-Book

Alexander Lombardi

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Beschreibung

Die Suche nach dem uralten Schatz gestaltet sich schwieriger, als Emma, Antonia, Franky und Jaron gedacht hatten. Auch die Frage nach der Bedeutung von christlicher Nächstenliebe bringt die Kids ins Grübeln. Und dann ist da noch der Anschlag auf die Pferde auf dem Reitgut der Familie von Beilstein, der die Freunde erschüttert. Wer könnte ein Interesse daran haben, den Tieren zu schaden? Die 4 vom See ermitteln und kommen einer Intrige auf die Spur, die von Gier und blindem Ehrgeiz getrieben wird.

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ALEXANDER LOMBARDI · SANDRA BINDER

Die 4 vom See

Ein rätselhafter Unfallund die Suche nach Respekt

SCM ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22953-0 (E-Book)

ISBN 978-3-417-28855-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2019 SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-verlag.de; E-Mail: [email protected]

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen

Umschlaggestaltung: Patrick Horlacher, Stuttgart

Titelbild und Illustrationen: Clara Vath, vath-art.de

Satz: Christoph Möller, Hattingen

Inhalt

Die 4 vom See – das sind …

Special Feature: Was bisher geschah

Eristo Kapitul: Der Priester des Wodan

Kapitel 1: Geheimnisse werden gelüftet

Kapitel 2: Die vier vom See

Kapitel 3: Silvermoon

Kapitel 4: Wichtige Gespräche

Kapitel 5: Die Kreuz-Eichen-Kapelle

Zwiror Kapitul: Magdalenas Zukunft entscheidet sich

Dritto Kapitul: Auf der Suche

Kapitel 6: Die vier suchen einen Verbündeten

Kapitel 7: Firestorm in Gefahr

Kapitel 8: Eine Nacht, die nicht aufhören will

Kapitel 9: Pizza für alle

Quadrans Kapitul: Magdalenas Fund

Kapitel 10: Die Ahnengalerie

Kapitel 11: Im Bootshaus

Kapitel 12: Ein Turnier mit überraschendem Ausgang

Fimfto Kapitul: Die Gruft

Epilog: Omnem Lacrimam – alle Tränen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Die 4 vom See – das sind …

Antonia Reihmann

Alter: 12

Hobbys: Klettern, Archäologie

Beste Freundin: Emma

Lieblingsort: Antonia hängt am liebsten im »alten Heinrich« ab oder sitzt auf dem Burgturm und guckt auf den Starnberger See. Außerdem klettert sie auf jeden Berg, der ihr in die Quere kommt.

Lieblingsessen: Wiener Schnitzel mit Pommes

Besondere Kennzeichen: trägt immer Jeans und Sneaker. Hat Diabetes.

Emma Weiß

Alter: 12

Hobbys: Reiten, Biologie

Beste Freundin: Antonia

Lieblingsbeschäftigung: auf ihrem Pferd »Firestorm« reiten, mit ihren Freunden abhängen, Lesen, Träumen und in ihrem Labor forschen

Besondere Kennzeichen: Emma ist Vegetarierin. Sie trägt eine Brille und geht ohne Pferdeschwanz nicht aus dem Haus.

Franky Giuliani

Alter: 12

Hobbys: Computer, Zocken, Kochen

Bester Freund: Jaron

Lieblingsessen: Pizza und Döner

Besondere Kennzeichen: Franky trägt am liebsten Jogginghosen. Auf seine Baseballkappe würde er niemals verzichten. Außerdem hat er immer das neueste Smartphone.

Jaron Rahn

Alter: 12

Hobbys: Kung-Fu

Bester Freund: Franky

Lieblingsbeschäftigung: mit seinen Freunden zusammen sein, in Flugzeugbüchern stöbern, Flugzeugmodelle bauen

Lieblingsessen: Currywurst mit Pommes

Besondere Kennzeichen: hat immer perfekt gestylte Haare.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Special Feature:

Was bisher geschah

Für alle, die es interessiert, fassen wir hier noch einmal zusammen, was beim ersten Abenteuer der »4 vom See« passiert ist.

Allerdings muss man das alles nicht vorher wissen, sondern kann auch direkt auf Seite 19 in den zweiten Band einsteigen!

Jerusalem, 135 nach Christus

Der Priestersohn Benjamin flieht vor den römischen Soldaten, die die Stadt erobern. Sein Vater Jakob gibt ihm einen Schatz mit: eine der goldenen Schalen, in denen sich die Priester des Tempels die Hände wuschen.

Auf dem Boden der Schale ist ein Vers aus der Offenbarung des Johannes eingeritzt: Et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis – Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Benjamin vertraut sich einem engen Freund seines Vaters an, dem römischen Zenturio Publius. Wie Jakob und Benjamin bekennt er sich zum Messias Jeschua, dem auferstandenen Jesus Christus.

Publius nimmt Benjamin, dessen Vater inzwischen gestorben ist, als Sohn bei sich auf. Unter dem Namen Marcus lebt dieser von nun an als Römer. Gemeinsam mit Publius’ Frau und seinem Sohn Lucas reisen die beiden in Publius’ Heimat, das von den Römern eroberte Raetien, das heutige Bayern.

Dort, am Ufer des Starnberger Sees, baut Publius einen Bauernhof. Benjamin hält die Schale geheim und versteckt sie im Haus der Familie. Sie ist die einzige Verbindung zu seiner jüdischen Herkunft.

Sein Bruder Lucas aber misstraut dem neuen Familienmitglied und ahnt, dass er ein Geheimnis hat.

50 Jahre später

Marcus, der einmal Benjamin hieß, liegt im Sterben. Er berichtet seinem Sohn von der Schale und seiner jüdischen Herkunft, bevor er in dessen Armen stirbt.

Sein Sohn, der ebenfalls Marcus heißt, ist wie sein Vater ein überzeugter Anhänger des neuen christlichen Glaubens. Er nimmt die Schale an sich, wird aber von seinem Onkel Lucas dabei erwischt.

Nach einer Auseinandersetzung mit seinem Onkel muss Marcus seine Heimat verlassen. Auf der Flucht versteckt er die Schale in einer Höhle am Ufer des Starnberger Sees, im sogenannten Jupiterfelsen.

Als Marcus später dorthin zurückkehrt, um einige Hinweise auf das Versteck zu hinterlassen, lauert Lucas ihm auf. Er beobachtet, wie Marcus ein Bild in eine Felswand meißelt: einen Phönix, der in einem Baum mit tränenförmigen Blättern sitzt.

Lucas verletzt Marcus schwer. Er nimmt ihm ein Schmuckstück ab, das Marcus angefertigt hat: eine Brosche, in die derselbe Spruch wie auf der Schale eingeritzt ist – Et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis.

Doch es handelt sich nur um die Metallfassung der Brosche, die dazugehörigen Schmucksteine fehlen.

Lucas presst aus Marcus noch heraus, dass die Brosche und das Bild auf dem Felsen zur Schale führen, bevor dieser an seinen Verletzungen stirbt.

Die Seeburg, Starnberger See, heute

Antonia, Franky und Emma sind beste Freunde. Sie treffen sich regelmäßig im alten Heinrich, einem ausgedienten Zirkuswagen, den Antonias Vater, Andreas Reihmann, für sie eingerichtet hat.

Andreas ist der Herbergsvater der Seeburg, einer Jugendherberge in einem historischen Gebäude direkt am Ufer des Starnberger Sees. Die Familie – dazu gehören noch Antonias Mutter Gitti und ihre Geschwister Sina und Lukas – wohnt auch auf der Burg.

Franky und Emma wohnen nicht weit entfernt: Emma wohnt die Hälfte der Zeit bei ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihrer Halbschwester in einer großen Villa, ein paar Kilometer weiter südlich. Die andere Hälfte der Zeit verbringt sie bei ihrer Mutter und deren neuem Partner, einem Beamten der Kriminalpolizei.

Franky wohnt direkt am Fußballplatz in Allmannshausen, wo sein Vater die Pizzeria im Sportlerheim betreibt.

Die drei Freunde beschäftigen sich gerne mit ungelösten Rätseln. Daher sind sie in den Sommerferien auf der Spur von Fahrraddieben, die in der ganzen Umgebung Fahrräder mitgehen lassen. Es gelingt ihnen, einen Diebstahl zu beobachten und die Diebe bis zu einem alten Fabrikgebäude zu verfolgen.

Doch bevor sie dieses Gelände näher untersuchen können, stößt ein Vierter zu ihrer Gruppe: Jaron, der mit seiner Mutter in der Seeburg einzieht. Antonia steht dem Neuankömmling zunächst eher ablehnend gegenüber.

Und bald darauf sind die Fahrraddiebstähle auch nicht mehr der wichtigste Fall, in dem die vier ermitteln. Aus der kleinen Sankt-Valentins-Kapelle in Allmannshausen verschwinden eines Abends zwei antike Ikonen.

Der Verdacht fällt auf Antonias Vater Andreas, der einen Schlüssel zur Kapelle besitzt. Als ihr Vater von der Polizei abgeholt wird, ist Antonia hin- und hergerissen. Auf der einen Seite kennt sie ihren Vater und weiß, dass er nie einen Diebstahl begehen würde. Doch auf der anderen Seite scheinen alle Indizien auf ihn als Täter hinzudeuten.

Die Freunde schauen sich die Kapelle näher an – in der Hoffnung, die Unschuld von Antonias Vater beweisen zu können. Beweise finden sie nicht, dafür aber einen geheimen Eingang, der zu einer Gruft unter der Kirche führt.

In der Gruft entdecken sie zwei Skelette: Das erste wurde offensichtlich dort begraben. Es liegt auf einem Steintisch. Bei ihm findet sich eine alte Broschenfassung, auf der der Spruch Et absterget Deus … eingeritzt ist, sowie ein halbmondförmiger Bernstein, der genau in die Fassung passt. Auf dem Stein kann man die ersten drei Worte des Spruches – Et absterget Deus – erkennen.

Das zweite Skelett befindet sich im Gang vor der Grabkammer. Es ist in Kleidungsstücke gehüllt, die aus dem 16. Jahrhundert stammen, und an seiner rechten Hand fehlt ein Finger.

Hier entdecken die Freunde ein ledergebundenes Büchlein, in dem nur noch der Name Magdalena sichtbar ist, sowie einen kleinen silbernen Schlüssel mit dem Monogramm FB. Die vier Freunde nehmen alle diese Fundstücke an sich.

Als sie sie später näher betrachten und im Internet recherchieren, stoßen sie auf die Alahmunt-Sage. Diese berichtet von einer goldenen Schale, die irgendwo am Ufer des Starnberger Sees versteckt sein soll. Der Schale wird nachgesagt, dass sie heilende Kräfte habe.

Die Freunde möchten sich gerne auf die Suche nach diesem Schatz machen, aber zunächst ist es wichtiger, dass der Ikonendiebstahl aufgeklärt wird. Als Hauptverdächtigen haben sie den Antiquitätenhändler Richard Weixlhammer im Blick. Auch er hat einen Schlüssel für die Kapelle und ein ungewöhnlich großes Interesse an den Ikonen, aber anscheinend auch ein Alibi.

Weixlhammer ist ein etwas zwielichter Charakter, der den Reichen am Ufer des Sees wertvolle Möbel für ihre Villen liefert. Er ist ein Experte für die Geschichte der Gegend.

Die Freunde beschließen, ihn näher kennenzulernen und ihm bei der Gelegenheit den Stein zu zeigen – in der Hoffnung, dass er ihnen etwas über dessen Herkunft sagen kann.

Eigentlich kann Weixlhammer Kinder und Jugendliche nicht ausstehen, doch als er den Stein sieht, ist er erstaunlich freundlich und hilfsbereit. Er gibt den Freunden einen wichtigen Tipp – nämlich, dass sie den Stein ins Licht halten sollen. Als sie das tun, entdecken sie ein eingearbeitetes Kreuz.

Während dieses Besuchs schleichen sich Antonia und Franky ins Büro von Weixlhammer. Dort entdecken sie eine dritte Ikone, die zu den beiden gestohlenen passt. Und sie belauschen Weixlhammer, als er am Telefon scheinbar die Übergabe des Diebesgutes bespricht.

Die Freunde beginnen, Weixlhammer zu verfolgen. Er fährt tatsächlich zu dem alten Fabrikgebäude, wo sie schon die Fahrraddiebe gesehen haben. In einem geheimen Keller befindet sich das Versteck der Diebe: Dort lagern viele Fahrräder und die gestohlenen Ikonen.

Sowohl Antonias Vater als auch Weixlhammer stellen sich als unschuldig heraus – mehr noch, Weixlhammer rettet die vier Freunde, als die Diebe sie im Keller einsperren und danach fliehen wollen.

Die vier Freunde beschließen, sich von nun an »Die vier vom See« zu nennen.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Die Hände des Mädchens zitterten, als es die Schale anhob. Die Gesänge wurden lauter und eindringlicher; manche Dorfbewohner begannen, sich im Rhythmus zu wiegen. Die Schläge der Trommel wurden schneller.

Auf einer großen Felsplatte lag ein gefesseltes Schaf. Seine Augen waren weit aufgerissen; Magdalena konnte sehen, wie sich die Angst, die sie selbst fühlte, in ihnen spiegelte. Das Tier mähte verzweifelt und stemmte sich gegen die Stricke, doch vergebens.

Alram schien die Angst seiner zwölfjährigen Tochter nicht zu bemerken; er hob beide Hände zum Himmel. In einer hielt er den Dolch. Er legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

»Heil dir, Wodan!«, rief er beschwörend. »Bitte nimm dieses Opfer an. Es ist das beste Schaf unserer Sippe und es soll dir gehören. Höre unser Flehen! Feindliche Soldaten streifen durch die Gegend. Sie dienen dem Christengott und sind gekommen, um uns zu zerstören. Bewahre uns hier in Alahmunt. Schütze unser Dorf und deinen heiligen Hain vor den Fremden!«

Für einen Moment stand der Priester schweigend da, nur seine Lippen bewegten sich. Der Gesang der übrigen Anwesenden wurde noch lauter, Schreie mischten sich darunter.

Verstohlen betrachtete Magdalena die Menschen, die sich hier, auf dem höchsten Hügel der Gegend, rings um die Felsplatte versammelt hatten. Viele von ihnen hatten ebenfalls die Hände erhoben und die Augen geschlossen. Sie schienen immer mehr in Ekstase zu geraten. Magdalena begriff nicht, was sie an diesem Ritual so begeisterte.

Schließlich traf ihr Blick den ihres Großvaters. Sie sah, dass er die Stirn gerunzelt hatte und die Arme verschränkt hielt. Er sang nicht mit, aber das hätte sie auch überrascht. Als er sie anschaute, wurde sein Gesichtsausdruck weicher, er lächelte.

In diesem Moment rutschte ihr die Schale aus den Händen und fiel zu Boden. Klirrend kullerte das Metallgefäß über einige Steine, bis es auf den Füßen einer der Umstehenden landete.

Die Frau schrie auf vor Schmerz, worauf der Gesang schlagartig verstummte.

Für einen Augenblick war es ganz still. Nur das Rascheln der Blätter und das Knistern der Kienspäne war zu hören.

Dann drehte sich Alram ruckartig um. »Du dummer Tollpatsch!«, brüllte er, während er seine Tochter an den Schultern packte und heftig schüttelte.

Magdalena hätte auf dem unebenen Boden fast das Gleichgewicht verloren.

»Zu nichts bist du nütze! Jetzt hast du alles verdorben und wir müssen noch einmal von vorne beginnen!«

Die Frau, der die Schale auf die Füße gefallen war, näherte sich dem Priester in unterwürfiger Haltung und reichte sie ihm.

Sofort ließ er Magdalena los, nahm das billige, aus dünnem Blech gehämmerte Gefäß entgegen und betrachtete es. Auf der einen Seite waren die eingeritzten Runen durch eine große Schramme verunstaltet.

»Sieh dir nur an, was du angerichtet hast!«, schnaufte er, bebend vor Zorn. »Scher dich einfach fort, ich will dich nicht mehr sehen. – Gisahild!«

Magdalenas ältere Schwester löste sich aus dem Kreis der Umstehenden, ein hämisches Lächeln auf dem Gesicht. Mit zwei, drei großen Schritten trat sie zu der Felsplatte und schob Magdalena grob beiseite.

Die Zwölfjährige beeilte sich, ihr Platz zu machen, wobei sie ihren verkrüppelten Fuß hinter sich herzog. Sie humpelte durch die Menge der Dorfbewohner, die bereitwillig zurückwichen. Allerdings nicht aus Mitleid; in ihren Augen spiegelten sich Abscheu und Verärgerung. Manche tuschelten miteinander oder kicherten spöttisch.

Magdalena kannte das schon und senkte nur stumm den Kopf. Als sie ganz außen angelangt war, warf sie noch einen Blick zurück. Ihr Vater hatte die Hände wieder erhoben, Gisahild kniete mit gesenktem Kopf vor dem Opferstein und hielt die Schale in beiden Händen. Das Ritual ging ohne Magdalena weiter; hier brauchte sie nicht länger zu bleiben.

Wenig später umfing sie die Dunkelheit des Waldes. Der Schein des Vollmonds drang nur an einigen wenigen Stellen durch die dichten Baumkronen.

Als Magdalena ein paar Schritte gegangen war, knackte neben ihr ein Ast und ihr Großvater trat zu ihr. Er umfasste ihre Schulter und drückte sie an sich. »Sei nicht traurig«, sagte er. »Ich bin froh, dass du das Ritual nicht beenden musstest. Es ist nicht richtig, dass dein Vater dich dazu zwingen wollte.«

Magdalena legte den Kopf an seine Schulter. »Bis jetzt hat es ja immer Gisahild gemacht. Und er meinte wohl, ich wäre nun so weit. Aber ich will das nicht, Großvater. Seine Götter bedeuten mir nichts – ich habe doch Jesus! Und ich kann nicht verstehen, dass Vater immer noch an Wodan und Freya glaubt.«

»Ich weiß«, antwortete der alte Mann. »Ich verstehe es auch nicht. Inzwischen sollte er eigentlich begriffen haben, dass es diese Götter in Wirklichkeit gar nicht gibt. Soviel er auch zu ihnen betet, er wird keine Antwort oder Hilfe bekommen. Aber vielleicht hat er auch nur Angst, dass die anderen Dorfbewohner nicht mehr auf ihn hören, wenn sie ihn nicht mehr als Priester brauchen.«

»Ja, vielleicht. Aber dann sollte er mich wenigstens in Ruhe lassen. Er weiß doch, dass ich seinen Glauben nicht teile.«

»Ich werde noch einmal mit ihm reden«, versprach ihr Großvater und seufzte. »Allerdings fürchte ich, dass es nicht viel nützen wird.«

Der alte Mann machte eine kurze Pause, bevor er Magdalena eindringlich ansah und erklärte: »Ich bin sehr froh, dass du den Glauben deiner Mutter weiterträgst, liebes Kind. Ich bin sicher, Jesus sieht deine Not und passt auf dich auf. Komm, ich bringe dich nach Hause. Morgen denkt dein Vater vielleicht anders.«

Doch Großvater täuschte sich. Am nächsten Tag war nichts besser, im Gegenteil: Alram erwachte spät und schlecht gelaunt. Nach dem heidnischen Ritual hatte ein ausgiebiges Festmahl stattgefunden, bei dem er offenbar zu viel getrunken hatte.

Magdalena war schon lange wach, sie hatte das Frühstück zubereitet und die Tiere versorgt. Sie war gerade dabei, den Schweinekoben auszumisten, als sie die Stimme ihres Vaters hörte.

»Magdalena, wenn du deinen faulen Hintern nicht sofort hierher bewegst, wirst du es bereuen!«

Rasch ließ das Mädchen die Mistgabel fallen, wischte sich die Hände an ihrem Gewand ab und humpelte, so schnell sie konnte, zur Hütte. Sie wusste, wenn sie sich nicht beeilte, würde es wahrscheinlich wieder kein Mittagessen für sie geben. Und ihr Magen knurrte doch jetzt schon erbärmlich.

Sie schob das Sackleinen zur Seite, das der Holzhütte als Tür diente, und duckte sich ins Innere. Muffige Luft schlug ihr entgegen. Alram stand, die Hände in die Hüften gestemmt, vor der Feuerstelle. Als der Lichtschein von außen in den dunklen Raum fiel, drehte er sich um.

»Was soll das, Magdalena? Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich darum kümmern, dass immer genug Feuerholz da ist! Hier drin ist es viel zu kalt für Gisahild und Gernot. Und ich kann kein Feuer machen, weil du mal wieder nur faul herumlungerst.«

Die Zwölfjährige blickte zu Boden. »Ja, Herr Vater«, sagte sie leise. Im Hintergrund konnte sie ihre beiden älteren Geschwister kichern hören. Gisahild und Gernot saßen am Tisch, auf dem sich nur noch einige klägliche Überreste des Frühstücks befanden.

Magdalena seufzte innerlich. Auch wenn sie alles tat, was ihr Vater von ihr verlangte, würden doch nur Krümel für sie übrig bleiben. Wie immer.

Da traf sie plötzlich etwas hart im Gesicht. Gisahild und Gernot kreischten vor Lachen, als sie sich erschrocken an die Wange fasste. Ihr Vater hatte das Hanfseil, mit dem beim Holzsammeln die Äste zusammengebunden wurden, mit voller Wucht durch den Raum geschleudert.

»Wird’s bald, beim Wodan?!«, brüllte er. »Womit habe ich es nur verdient, dich immer mit durchfüttern zu müssen? Zu nichts bist du nütze. Und dann verdirbst du auch noch unser Opferritual und stürzt uns so ins Unglück! Als Strafe dafür wirst du übrigens später den Opferplatz säubern! Aber zuerst holst du so viel Holz, dass wir bis morgen heizen können. Und vergiss ja nicht, meine Fallen im Wald zu überprüfen. Ich will heute Abend einen Hasen essen. Mach, dass du fortkommst!«

Magdalena bückte sich und hob das Seil auf. Ihre Wange brannte. Schnell drehte sie sich um und trat zur Tür hinaus. Es nieselte leicht, die Wolken hingen tief über den Bäumen und die Hälfte des Dorfes war hinter dichtem Dunst verschwunden.

Fröstelnd zog Magdalena ihr dünnes Gewand enger um sich und holte ein kleines Beil aus dem Schuppen.

Dann eilte sie, so schnell es ihr Fuß zuließ, auf den Wald zu. Sie konnte, seit sie denken konnte, nur humpeln, denn ihr rechter Fuß war seit ihrer Geburt verkrüppelt. Schmerzen hatte sie beim Laufen nicht und sie kam eigentlich ganz gut mit dieser Einschränkung zurecht.

Nur die abfälligen Kommentare der Nachbarn taten ihr immer wieder weh. Fast alle Dorfbewohner teilten den Glauben Alrams an die alten, germanischen Götter, und für sie war der Klumpfuß ein Zeichen dafür, dass Magdalena Schuld auf sich geladen hatte.

Die Lichtung, auf der sich das Dorf befand, bot Platz für die Hütten, Ställe und Felder von fünf Familien. Ein kleiner Fluss schlängelte sich zum See hin, der hinter zwei Hügeln lag. Das war alles – mehr gab es in Magdalenas Welt nicht.

Rings umher erstreckte sich kilometerweit dichter Wald, der nur von ein paar schmalen Pfaden durchzogen war. Die nächste größere Ansiedlung und das nächste Kloster lagen einen Tag Fußmarsch entfernt.

Doch in diese Richtung wandte sich Magdalena nicht, sondern sie schlüpfte am Südende der Lichtung ins Unterholz. Am Tag vorher hatte sie am Waldrand einen umgestürzten Baum entdeckt, dessen Äste nun gut erreichbar auf dem Boden lagen.

Geschickt bewegte sich das Mädchen über den unebenen Boden, stieg über vermodernde Baumstämme und Felsbrocken hinweg. Als sie den Baum erreicht hatte, blickte sie nach oben. Die Luft roch eisig, der Himmel war grau. Es sieht nach Schnee aus, dachte sie schaudernd. Der Winter kommt und mit ihm die Wölfe.

Sie legte das Seil auf den Boden, ergriff das Beil mit beiden Händen und trat nahe an die Baumkrone heran. Dann holte sie weit aus und schlug mit schnellen, sauberen Hieben einen Ast nach dem anderen ab. Als sie genug beisammenhatte, band sie die Äste zu einem Bündel zusammen, das sie sich anschließend mühsam auf die Schulter hievte. Für einen Moment schwankte sie unter dem Gewicht, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machte.

Die Fallen hätte sie fast vergessen, doch sie dachte gerade noch rechtzeitig daran, dass sie sie kontrollieren musste. Die meisten Schlingen waren leer, nur in einer hatte sich ein junger Hase verfangen. Schnell legte Magdalena ihr Holzbündel auf den Boden, löste den leblosen Körper aus der Falle und hängte ihn sich an den Gürtel.

In diesem Moment hörte sie einen Zweig knacken. Als sie in die Richtung blickte, aus der das Geräusch gekommen war, sah sie Ortwin zwischen den Bäumen hervortreten.

Oh nein, dachte sie. Ortwin war der gemeinste, brutalste Junge in ihrem Dorf. Es schien ihm Spaß zu machen, sie zu ärgern, und hier würde sie ihm wohl kaum entrinnen können.

»Na, Krüppelfuß?«, sagte der Junge feixend und marschierte auf sie zu. »Was war denn das für eine Vorstellung gestern? Bist du so unfähig, dass du nicht mal eine Schale halten kannst?« Er baute sich vor ihr auf und stemmte die Hände in die Seiten. »Aber eigentlich sollte mich das nicht überraschen – so jemand wie du ist einfach zu nichts nütze!«

Nun bemerkte er den Hasen an ihrem Gürtel. »Oha!«, stieß er aus und trat noch einen Schritt näher. »Wie ich sehe, hast du mir mein Abendessen besorgt, wie freundlich!«

Magdalena wich zurück, stolperte auf dem unebenen Waldboden und fiel auf den Rücken.

Ortwin lachte schallend, während er sich vorbeugte und ihr mit einer kräftigen Bewegung den toten Hasen vom Gürtel riss. Dann drehte er sich grinsend um und verschwand ohne ein weiteres Wort zwischen den Bäumen.

Langsam stand Magdalena auf und klopfte sich den Dreck von ihrem Gewand. Eine Weile blieb sie am selben Fleck stehen, voller Erleichterung, dass nichts Schlimmeres passiert war. »Danke, Jesus«, flüsterte sie. Anschließend hob sie das Holzbündel auf und machte sich auf den Weg nach Hause.

Die Sonne war schon längst untergegangen, als Magdalena an diesem Abend mit ihrer Arbeit fertig war. Sie schlich zur Hütte ihrer Großeltern, wo sie sich zu dritt vor das Feuer der Herdstelle setzten und redeten. Wie immer hatte ihr die Großmutter etwas zu essen aufbewahrt.

»Bitte, erzähl mir noch einmal von Mama«, bat Magdalena ihren Großvater, während sie ihren Getreidebrei löffelte.

»Du kennst doch schon alle Geschichten. Welche willst du denn heute hören?«

»Die Geschichte mit den Ziegen.«

Großvater nickte und lächelte. »Deine Mutter hat früher in dem Dorf, in dem wir lebten, immer die Ziegen gehütet. Nichts liebte sie mehr als die Tiere, stundenlang konnte sie ihnen dabei zusehen, wie sie geschickt von einem Felsblock zum nächsten sprangen.

Eines Tages wurde es Abend und sie war immer noch nicht nach Hause gekommen. Deine Großmutter befürchtete, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte, und so machte ich mich auf den Weg, um sie zu suchen. Als ich mich einem der üblichen Weideplätze näherte, hörte ich schon von Weitem fröhliches Meckern.

Doch kaum hatte ich die Herde erreicht, sah ich, dass das Meckern gar nicht von den Tieren kam. Die standen nur da und beobachteten deine Mutter, wie sie von einem Felsen zum anderen sprang – so flink und leichtfüßig, dass sie selbst aussah wie eine Ziege. Und dabei meckerte sie aus voller Kehle!«

Er lachte, und Magdalena und ihre Großmutter fielen mit ein. Magdalena aß noch etwas Getreidebrei, während ihre Großeltern nachdenklich ins Feuer blickten. Schließlich fragte sie leise: »Hat Mama sehr gelitten, als sie starb?«

In Großvaters Augen trat ein wehmütiger Ausdruck. »Nein, mein Kind. Sie war glücklich! Du warst gerade zur Welt gekommen. Als deine Großmutter und ich in eure Hütte kamen, lag sie im Bett und hatte dich im Arm. Du hast geschlafen, noch ganz verknautscht und erschöpft von der langen Geburt.

Deine Mutter hat uns angeblickt, voller Glück und Dankbarkeit. Sie war schon sehr schwach, das konnten wir sehen. ›Schaut euch an, was für ein wunderschönes Kind ich habe!‹, sagte sie zu uns. ›Ich bin Gott so dankbar.‹ Und du warst wirklich ein wunderschönes Baby, Magdalena.

Dann schlug sie das Tuch, in das du eingewickelt warst, etwas auseinander und zeigte uns deinen Fuß. ›Bitte passt auf sie auf!‹, bat sie. ›Kümmert euch um sie. Und erzählt ihr von Jesus. Gisahild und Gernot hören nur auf ihren Vater, und er hat mir immer verboten, ihnen von Jesus zu erzählen. Aber dieses Mädchen ist Alram gleichgültig. Als er ihren Fuß gesehen hat, ist er sofort wieder gegangen. Sie soll Gott gehören. Und sie soll Magdalena heißen.‹

Du weißt doch noch, wer Magdalena in der Bibel war, oder?«

Magdalena nickte. »Sie war eine Jüngerin von Jesus und ist immer mit ihm gereist.«

»Genau. Maria Magdalena stand unter dem Kreuz, als Jesus starb. Und sie war eine der Ersten, die die Nachricht von seiner Auferstehung hören durfte.«

Großvater schwieg einen Moment. »Deine Mutter hoffte sehr, dass du ebenfalls immer bei Jesus bleiben würdest«, fuhr er schließlich fort. »Wir sind an diesem Tag bei ihr gesessen, haben dich gehalten und gewiegt und gemeinsam mit ihr gebetet. Sie wurde immer müder, und irgendwann ist sie einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Da haben wir dich mit zu uns genommen und nach einer Frau gesucht, die dich stillen konnte. Deine ersten Lebensjahre hast du bei deiner Großmutter und mir verbracht, bis dein Vater dich zurückhaben wollte, damit du bei der Arbeit helfen kannst.«

Obwohl Großvater diese Geschichte schon viele Male erzählt hatte, wollte Magdalena sie immer wieder hören. Durch die Berichte ihrer Großeltern fühlte sie sich ihrer Mutter so nah, als habe sie sie wirklich gekannt. Mit einem Seufzer der Zufriedenheit lehnte sie sich an ihre Großmutter, die sie in den Arm nahm. So saßen sie und schwiegen, bis Magdalena fast die Augen zufielen und sie sich von den Großeltern verabschieden musste.

Sie schlich sich zur Hütte ihres Vaters zurück und kroch auf ihr Lager, wo sie tief und traumlos bis zum nächsten Morgen schlief.

Es wurde kälter, der erste Schnee fiel. Magdalenas Aufgaben wurden immer schwerer zu bewältigen, immer mehr Holz musste sie heranschleppen.

Doch eines Tages, als sie wieder einmal im Wald durch den Schnee stapfte, machte sie einen unerwarteten Fund: In einer von Vaters Fallen hatte sich ein ganz junger Hase verfangen, der heute wahrscheinlich seinen ersten Ausflug in die große, weite Welt unternommen hatte. Er hing fest, aber er lebte noch. Hilflos zappelte er mit den Beinen, doch sosehr er auch strampelte, sein Hinterlauf steckte fest.

Magdalena bückte sich und streckte ganz langsam ihre Hand aus, bis sie sein Fell berührte.

Erschöpft hielt der Hase still. Er musste schon lange in der Falle hängen – sie konnte fühlen, wie sein Herz klopfte. Sanft befreite sie sein Bein aus der Schlinge und betastete dann die Pfote: Sie schien gebrochen zu sein. So würde das Tier diesen Winter nicht überleben.

Sie stand auf und hob ihn hoch. »Keine Sorge, mein Kleiner«, sagte sie, während sie ihn liebevoll streichelte. »Ich werde mich schon um dich kümmern.«

Der Hase sah sie mit seinen dunklen Augen an. Sein linkes Ohr war ebenfalls verletzt, es war tief eingerissen. Diese Wunde hatte er sich wohl zugezogen, als er versucht hatte, sich aus der Falle zu befreien. Die Angst in seinem Blick rührte Magdalena zutiefst.

Mit einer beschützenden Geste bettete sie den Hasen in ihre Armbeuge und zog ihren Umhang über ihn, so gut es ging.

Dann trug sie ihn zum Schweinestall. Dass ihn dort jemand entdeckte, war nicht zu befürchten, denn ihr Vater und ihre Geschwister setzten keinen Fuß in den Stall. In einer dunklen Ecke baute sie mit ein paar alten Brettern einen kleinen Verschlag und polsterte ihn mit Stroh. Hier konnte das verletzte Tier eine Weile bleiben.

Sie kauerte sich vor den Verschlag und streichelte den jungen Hasen. Er lag ganz erschöpft im Stroh, hatte aber aufgehört zu zittern. »Du wirst schon wieder gesund«, flüsterte sie. »So lange werde ich dich hier gut versorgen.«

Während sie das Tier immer noch mitfühlend betrachtete, hörte sie Hufgetrappel, das immer lauter wurde. Schnell stand sie auf und steckte den Kopf aus der Stalltür. Im Licht der Abenddämmerung sah sie, wie eine Gruppe schwer bewaffneter Männer ins Dorf ritt und auf dem Platz zwischen den Hütten ihre Pferde zügelte.

Schnaufend und dampfend standen die schweren Schlachtrösser in der kühlen Luft. Die Männer sahen abgekämpft und müde aus, als kämen sie direkt vom Schlachtfeld. Ein Soldat trug eine Standarte mit einem Wappen darauf: ein schwarzer Adler auf gelbem Grund, zusammen mit drei Lilien auf Blau.

Die Dorfbewohner liefen auf dem Platz zusammen und starrten mit offenen Mündern auf die Gruppe – die Kinder vor Staunen, die Erwachsenen vor Furcht.

Der Anführer, dessen Reittier mit bunten Schabracken geschmückt war, rief: »Im Namen Karl des Großen: Wo ist der Vorsteher dieses Ortes?«

Magdalena sah, wie ihr Vater mit erhobenem Haupt vor den Ritter trat. »Ich bin es, Herr. Was ist Euer Begehr?«

Der Anführer schaute auf ihn hinab. »Sag, wie ist der Name dieses Weilers?«

»Alahmunt, Herr.«

»Alahmunt! Das klingt nicht römisch oder christlich. Wer ist euer Priester?«

»Das bin ich, Herr.«

Der Ritter musterte Alram. »Und welchem Gott dient ihr?«

Magdalena sah ihren Vater zögern. »Nun, Herr, einige von uns hängen noch dem alten Glauben an, müsst Ihr wissen.«

»Einige? Wir haben auf dem Weg hierher euren Opferplatz entdeckt: das Blut, die Kuhhörner, kein Kreuz. Das sah mir nicht nach einer Kirche aus!«

Anstatt etwas darauf zu erwidern, senkte Alram nur den Kopf.

Der Anführer blickte zu seinen Begleitern und rief: »Es ist, wie wir vermutet haben: In diesen Wäldern hält sich das Ketzertum! Greift euch, was ihr tragen könnt, und brennt den Rest nieder!«

Er wendete sein Pferd, während die Frauen des Dorfes anfingen zu weinen und die Männer die Fäuste ballten.

»Haltet ein!« Magdalena lief, so schnell sie konnte, auf die Reiter zu und schrie aus voller Kehle: »Es gibt Christen in diesem Dorf! Haltet ein!« Vor dem Pferd des Anführers, direkt neben ihrem Vater, blieb sie keuchend stehen.

Der Anführer sah kritisch auf sie herunter. »Du, ein Kind?« Er lachte grob. »Wegen eines Kindes werde ich meinen Männern die wohlverdiente Beute nach der Schlacht nicht verweigern!«

»Ich bin nicht die Einzige!«, rief Magdalena voller Verzweiflung. »Und denkt an Abraham und Sodom! Sogar Gott selbst hat sich überzeugen lassen, die Stadt um weniger Menschen willen zu verschonen!«

Das brachte den Ritter zum Nachdenken. Er nickte Magdalena zu. »Ich sehe, du kennst das Wort Gottes. Du hast recht.« Er wandte sich an die Menge. »Wie viele Christen seid ihr?«, wollte er wissen. »Tretet vor!«

Magdalenas Großvater machte einen Schritt nach vorne und legte seiner Enkelin die Hand auf die Schulter. Ihre Großmutter trat an ihre andere Seite. Außerdem meldete sich Lucius, ein junger Mann, der für sie als Knecht arbeitete. Alram zog sich in den Hintergrund zurück.

Großvater griff in den Halsausschnitt seiner Tunika und zog einen Lederstreifen hervor.