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Peer wollte nichts anderes, als friedlich in der Einsamkeit des isländischen Hochlands Schafe züchten. Aber als seine Tiere nachts brutal vergiftet werden, ist seine Existenz zerstört. Er muss zurück in die verhasste Zivilisation, denn er möchte wissen, wer ihm das angetan hat. Und die Anderen wissen nichts über den scheinbar einfachen Schäfer.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Peer wollte nichts anderes, als friedlich in der Einsamkeit des isländischen Hochlands Schafe züchten. Aber als seine Tiere nachts brutal vergiftet werden, ist seine Existenz zerstört. Er muss zurück in die verhasste Zivilisation, denn er möchte wissen, wer ihm das angetan hat. Und die anderen wissen nichts, über den scheinbar einfachen Schäfer.
Winfried Kersten wurde 1955 in West-Berlin geboren und wohnt seit längerem im bayerischen Landsberg am Lech. Auch in seiner Sammlung "Fantastische Island-Stories" beschäftigt er sich mit dieser magischen Insel. Doch in "Ein Schäfer wie ein Wolf" ist Island die Kulisse für einen zeitlosen Roman. Kersten schreibt aus "Spaß an der Freude", deshalb zeigen seine Bücher, wie er die Welt sieht und empfindet.
Prolog
1.
Kapitel
2.
Kapitel
3.
Kapitel
4.
Kapitel
5.
Kapitel
6.
Kapitel
7.
Kapitel
8.
Kapitel
9.
Kapitel
10.
Kapitel
11.
Kapitel
12.
Kapitel
13.
Kapitel
Über der Schafskoppel lag beklemmendes Schweigen. Langsam schob sich die aufgehende Sonne über den Horizont und enthüllte ein Bild des Grauens: Peers Schafe lagen tot am Boden. Verteilt über das ganze Areal, bildeten die wollenen Körper ein bizarres, unwirkliches Bild. Viele hatten die Beine im Todeskampf von sich gestreckt und Schaum vor dem Maul. Einige lagen zur Hälfte im Wasser des Bachs, als hätten sie nicht einmal genug Zeit gehabt, ins Trockene zu gehen. Von dort wehte ein fremder Geruch herüber, krank und bedrohlich, abweisend und todbringend; erinnerte an Bittermandeln. Peer wusste sofort, worum es sich dabei handelt, auch wenn er diesen Stoff nur vom Hörensagen kannte: Es war Zyankali, ein echtes Teufelszeug, das es in Island eigentlich nicht gab. Irgendjemand hatte das Gift in den Bach geschüttet, in das Trinkwasser seiner Schafe. Verließ sich darauf, dass die Schafe saufen mussten, auch wenn das Wasser anders roch als sonst.
Peer konnte sich zunächst nicht rühren, sondern starrte fassungslos auf das sich ihm bietende Bild. Nur mühsam konnte er ein Bein vor das andere setzen, um sich der Weide zu nähern. Viele Tiere hatten ihre Augen weit aufgerissen, und Peer schien es, als würden sie ihn anklagend anschauen: „Warum hast du nicht auf uns aufgepasst?“ Dieser unausgesprochene Vorwurf stach ihn wie ein spitzer Dolch in sein Herz und in seine Seele. Die meisten Schafe waren verendet, aber einige rangen noch verzweifelt um Luft und wurden von Krämpfen hin und hergeworfen, bevor sie der Tod von ihren Qualen erlöste. In einem Lamm, kaum ein halbes Jahr alt, schien noch Leben zu sein. Vorsichtig hob es der Schäfer auf und nahm es auf den Arm. Das Tier atmete schwer und die gequälten Augen bohrten sich in sein Herz: „Hilf mir! Hilf mir! Ich bin klein, ich will leben!“ Aber dessen Schicksal war längst besiegelt: Unbarmherzig ging ein kurzes Zucken durch den kleinen, wolligen Körper und der Kopf fiel kraftlos herab. Behutsam legte er das kleine Wollknäuel zu seiner toten Mutter.
Plötzlich erinnerte sich der alte Schäfer an das nächtliche Gebell seiner Hunde. Was war hier passiert?
„Alvar! Jörge!“
Er wusste, dass sie nicht kommen würden, trotzdem rief er mit krächzender Stimme nach ihnen. Dann machte er sich schweren Herzens auf den Weg, um sie zu suchen.
Es dauerte einige Zeit, bis Peer seine Hütehunde fand: Sie lagern blutüberströmt hinter einigen, größeren Steinen, die Kehlen durchschnitten. Schaudernd erinnerte sich Peer daran, dass sie nachts durchaus auf der Hut waren. Aber anstatt nachzuschauen, was ihre Aufmerksamkeit erregt, war er unter die warme Decke gekrochen.
Langsam, sehr langsam, ging Peer in seine Hütte. In einer der Holzkisten musste sich eine Schatulle befinden, außen mit wertvollem Leder überzogen, innen aus rötlichem Holz. Er hätte nie gedacht, dass er sie noch einmal öffnen würde, aber jetzt musste es sein, den Tieren zuliebe. Das Leder war schon leicht angeschimmelt, aber das Holz sah aus, als käme es frisch aus dem Laden. Es war noch alles da: die Waffe mit dem extra langen Lauf, ein Ölfläschchen und vier Schachteln mit Munition. Wie in Trance spannte er den Hahn und zielte auf einen fernen Punkt am Horizont. Er wunderte sich über sich selbst – seine Hand war tödlich ruhig. In ihm stiegen Bilder hoch, die nicht aus der Vergangenheit zu stammen schienen, sondern aus einem anderen Leben, das nichts mit ihm zu tun hatte.
„Was ist das denn das für eine Kanone? Peer will doch nicht auf Großwildjagd gehen“, lachte sein Kollege Ingwar Runarsson, „bei uns gibt es keine Bisons oder Grizzlybären.“
„Ist mir schon klar, dass eine Colt Python große Löcher reißt. Aber wenn ich etwas verschenke, dann etwas Ordentliches. Und das Kaliber .357 magnum ist etwas Ordentliches“, antwortete Virgil Banton, der darauf wartete, dass sein Flug nach Boston aufgerufen wird.
Peer klappte die Schachtel schnell zu und fragte sich, was er mit diesem riesigen Revolver anfangen sollte. Dann bedankte er sich artig bei dem Amerikaner und verabschiedeter sich von ihm.
Langsam lud Peer den Revolver und ging wie in Trance nach draußen. Er erschoss die letzten, mit dem Tode ringenden Schafe, als gäbe es keine Gefühle, und die Tränen, die ihm über das wettergegerbte Gesicht liefen, nahm er nicht wahr. Bei jedem Schuss spürte er den Rückstoß der Waffe bis in die Schulter und schämte sich dafür, dass er sie danach nicht weit wegwarf. Irgendetwas schien ihn daran zu hindern.
Gedankenverloren brachte der gebeutelte Mann seinen Pferden frisches Heu, die im Stall standen und unruhig mit den Hufen scharrten. Sie waren unruhig und nervös, wussten ganz genau, dass irgendetwas nicht stimmte. Auch sie spürten immer noch den todbringenden fremden Geruch in ihren Nüstern. Aber ansonsten schienen sie in Ordnung zu sein. Dann setzte sich Peer auf die Bank vor seiner Hütte. Zunächst konnte er nichts denken, spürte auch nichts. Weder das ihm die Sonne ins Gesicht schien, noch dass sich sein Mageninhalt auf den Boden ergoss oder ihm das Atmen schwerfiel. Er saß einfach nur da.
Nur sehr langsam dämmerte es Peer, dass seine Schafe ganz bewusst, hinterhältig und bösartig, vergiftet wurden. Seine geliebten Hunde wurden brutal abgestochen. Es gab für ihn keine Zukunft mehr. Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. Er war ein raues Leben gewohnt, konnte Härten ertragen und kam mit dem wenigen aus, was er besaß. War in seiner Welt glücklich und zufrieden. Aber seine Schafe, Hunde und Pferde bedeuteten ihm alles. Waren Gesellschaft und der Inhalt und Sinn seines Lebens. Er spürte einen Schmerz, als würde man ihm die Organe aus dem Leib reißen. Nicht stillbar, brennend und alles andere verdrängend.
Peer fragte sich, wer ihm dieses Verbrechen angetan haben könnte. Es gab niemanden, dem er eine solche Abscheulichkeit zutraute. Warum hatte sich jemand zu einer so sinnlosen Tat hinreißen lassen? Er wusste keine Antwort.
Allmählich breitete sich Verwesungsgeruch aus und lag trotz des leichten Windes süßlich-penetrant über dem Anwesen. Es schien, als wolle er als ewige Mahnung über dem kleinen Hof schweben.
Der alte Schäfer war nahe daran, sich umzubringen. Es war doch ganz einfach, er bräuchte doch nur von dem Bachwasser trinken! Oder sich ein Loch in den Kopf schießen! Aber er konnte nicht. Und er wusste auch ganz genau, warum er das nicht konnte: Irgendwo gab es jemanden, der alles daran setzte, ihn zu zerstören. Der sich nicht scheute, so viele Leben auszulöschen. Wieder - Warum? Da spann jemand einen teuflischen Plan. Würde er sich umbringen, dann spielte das dem Täter in die Hände, und das wollte Peer nicht. Also wandte er sich wieder dem Leben zu, aber mit einer anderen Aufgabe ...
Von Norden wehte ein frischer, nicht eben stürmischer Wind herein. Das Wetter erschien ungewohnt ruhig, ohne die gewohnten Windböen, die so ziemlich alles, was nicht mit der Erde verwachsen war, unbarmherzig vor sich hertrieben. Graue Wolkenformationen zogen ruhig ihre vorbestimmten Bahnen am Himmel, ohne niederstürzende Wolkenbrüche anzukündigen, deren Regenmassen innerhalb weniger Minuten das ganze Land zu überfluten und in einen schlüpfrigen Schlammteppich zu verwandeln drohten.
Hier und da fand sich eine blaue Lücke, durch die die Sonne neugierig auf das Land herabschaute und in ein angenehm helles, warmes Licht tauchte.
Die wenigen Sonnenstrahlen erhellten ein tiefeingeschnittenes Tal, das sich bei den kalten Ausläufern des Hofsjökull, als Gletscherzunge beginnend, in die Erde hineinfraß und als langer Schlauch fortsetzte. Doch es waren keine Berge, die das Tal einrahmten. Vielmehr machte es den Eindruck, als hätte es ein hünenhafter Riese mit einem Stempel in den Boden gedrückt; sicherlich war es die Folge eines Erdbebens oder Vulkanausbruchs. Steil reckten sich die Wände nach oben, mal zeigten sie sich erdfarben, mal von samtigem Moos überzogen, und an vielen Stellen schauten gelbe Schwefelgirlanden hervor. Mancherorts fanden sich flache Felswände und spitz herausragende Gesteinsplitter, die abweisend und gefährlich in die Luft stachen. Von Nord nach Süd stieg die Talsohle allmählich an, sodass die Höhe der Wände kaum merklich abnahm. Aber auch an ihrem südlichsten Punkt wehrte sich das Tal gegen ungebetene Gäste: Ein Gewirr aus Steinen und Felsbrocken verweigerte dem Uneingeweihten den Zugang und bildete ein unübersichtliches Labyrinth, schroff und abweisend.
Von Süden nach Norden blickend zeigte sich der Hofsjökull in der Ferne als Hügel mit sanften Anhöhen, die dazu einluden, sich seiner weißen Kuppe zu nähern, um von dort den Rundumblick auf Islands Mitte zu genießen. Er verriet nichts von seinem brodelnden Innern, das von einer dicken Eisschicht überzogen, unschuldig und verlogen die darunterliegende, trügerische Feuerhölle verbarg. Er war zwar weder der größte Gletscher noch der gefährlichste Vulkan des Landes, aber deshalb nicht weniger unberechenbar. Immerhin sorgte er dafür, dass sich in diesem scheinbar menschenfeindlichen Areal eine üppige Vegetation entwickelt hatte, wie sie sonst nur im Süden des Landes zu finden war, mit Büschen und saftigen Wiese. Dicht unter der Oberfläche verteilte sich ein Netz heißer Quellen, das zwar den Augen des Betrachters verborgen blieb, aber nichtsdestotrotz den Boden zu jeder Jahreszeit warm hielt. Nur an einigen, wenigen Stellen fanden sich mit stinkigem Schlamm gefüllte Erdlöcher, die kochend heiß vor sich hin blubberten.
Haselbüsche und Weiden schmiegten sich an einen heranrauschenden Gletscherbach und luden Kleintiere und Seevögel zum Verweilen ein. Wildgänse nutzten diesen Flecken als Rast-Station, stritten sich lautstark, um danach in schönster Eintracht weiter nach Norden zu ziehen. Überall fand sich kräftiges, fettes Gras, das dem Tal einen grünen Anstrich gab und auch im Winter, unter der ungewöhnlich dünnen Schneeschicht, noch frisch und saftig erschien.
Aber heute hatte Peer keinen Blick und keinen Gedanken für dieses Naturparadies übrig. Sein wettergegerbtes Gesicht wirkte wie versteinert und seinen steingrauen Augen fehlte jeder Glanz, rote Ränder wiesen auf eine schlaflose Nacht – und ja – er hatte wieder geweint, viel geweint. Sein Gesicht wie ein kleines Kind in die Kissen gedrückt, um nichts von außen Kommendes wahrnehmen zu müssen. Seine magere Figur war in eine grüne Latzhose und einen löchrigen blau-braunen Pullover gehüllt. An den Füßen klebten uralte Reitstiefel, dessen Hacken und Sohlen schon vor langer Zeit abgelaufen waren und zum Gehen nicht mehr taugten. Seine verfilzten Haare waren lang und grau, mit weißen Strähnen durchzogen und bewegten sich, seinen Kopf umspielend, leicht im lauen Wind. Seine schmale Nase und sein zu einem Strich zusammengekniffener Mund wurden von einem ungepflegten, wuchernden Bart eingerahmt.
Als Peer aus der Hütte trat, ließ er die Tür weit offenstehen und durch die eingeschlagenen Fensterscheiben zog der Wind hindurch. Knisternd fraßen sich die gierigen Flammenzungen an den Wänden hoch. Sie machten sich schnell über leichte Beute, wie seinem alten Feldbett und den groben, ausgetrockneten Holztruhen, her. Schränke gab es nicht, aber Tisch und Stühle fielen widerstandslos in sich zusammen. An den blau-weißen Vorhängen hielt sich die Feuersbrunst nicht lange auf, ein kurzes Aufflackern, und schwarze Stofffetzen segelten, vom Luftzug getrieben, lautlos durch den Raum.
Der alte Schäfer gönnte sich ein Stück Sentimentalität: Er blickte auf die brennenden Ställe, die einmal das Zuhause seiner Schafe und Pferde waren, und spürte im Rücken die zunehmende Hitze, die sein bescheidenes Heim auffraß. Es war gespenstisch still. Er brauchte einen kurzen Moment, um zu realisieren, dass da kein Blöken mehr war, und das immerwährende Gebell seiner Hütehunde schien nicht einmal aus der Vergangenheit herüberzuschallen. Stattdessen hörte er das Knacken und Knistern des alles verzehrenden Feuers, das sich gierig über alles Brennbare hermachte und nicht danach fragte, wie mühselig es aufgebaut worden war.
Dieses grüne Tal war für Peer ein einsam gelegenes Paradies, sein Paradies. Aber es war seine heile Welt. Nichts war mehr wie früher. Früher? Wie vor zwei Tagen ...
Mit festen Schritten, den Kopf hoch erhoben, ging Peer zu seinen Pferden: dem Braunen, seinem Reittier und Tjaldur, dem Packpferd. Er hatte sie ein ganzes Stück entfernt, an einen in den Boden getriebenen Pflock, anbinden müssen. Die Pferde waren sehr nervös, der zunehmende Verwesungsgeruch und der sich in den Himmel schraubende Rauch ließen sie beunruhigt mit den Hufen scharren. Auch ihnen hatte dieser Bittermandel-Geruch schwer zugesetzt. Beißender Schmerz in den Lungen machte das Atmen zur Tortur.
„Alles gut, meine treuen Freunde“, beruhigte Peer seine Ponys, tätschelte ihren Hals und ließ sie ein paar Karotten knabbern. Er blieb einige Zeit bei ihnen stehen und dankbar rieb der Braune sein Maul an seiner Schulter. Seine großen Augen schauten fragend, fast anklagend, auf ihren menschlichen Freund und die weiße Brust hob sich unregelmäßig und stoßweise. Auch Tjaldur schien einfach nur wegzuwollen und zog heftig an der Leine, die ihn daran hinderte.
„Ist schon gut Brauner, wir verschwinden von hier. Ruhig Tjaldur, wir gehen ja gleich. Für immer.“
Gewissenhaft kontrollierte Peer noch einmal den Sitz der zwei Packtaschen, die er auf Tjaldurs Rücken geschnallt hatte. Einer enthielt Kleidung zum Wechseln, eine wetterfeste Plane und alltägliches Kleinzeug, in die andere hatte er so viel Nahrung gepackt, wie nur hineinging. Dann zog er den Sattelgurt des Braunen nach und schwang sich mit einem eleganten Satz in den uralten, abgewetzten Sattel.
Peer fasste die Leine, die am Halfter seines Packpferdes befestigt war, und trieb den Braunen sanft an.
Der alte Schäfer drehte sich nicht mehr um. Der einzige Gedanke in seinem leeren Kopf war die Hoffnung, es möge nichts von seinem alten Leben übrig bleiben.
Langsam, sehr langsam ritt Peer auf die kaum sichtbare Stelle zu, die den einzigen Zugang zum grünen Tal bildete.
Er hatte sich zwei Tage des Trauerns und des Leidens gegönnt, mehr wollte und brauchte er nicht. Es fiel ihm schwer, Ruhe und Klarheit in seine Gedanken zu bringen, und er musste sich dazu zwingen, rational zu denken. Wem konnte es nutzen, wenn er hier von der Bildfläche verschwand? Eigentlich niemandem. Er hatte zu so gut wie niemandem mehr Kontakt, lebte einsam und hatte sich von den Menschen völlig abgewandt. Die Einzigen die er noch sah, waren sein Versorgungsfahrer Gunnar Aldorsson und Behnke Olafsson, ein Pferdezüchter, der seine Pferde ebenfalls im grünen Tal weiden ließ. In der letzten Zeit traten immer mehr Touristen auf die Bildfläche, die sich verlaufen hatten und ihre Nase in Dinge steckten, die sie nichts angingen. Aber konnte sich einer von ihnen eine derartige Scheußlichkeit, wie das Töten seiner Schafe, ausgedacht haben? Nein, das war völlig abwegig.
Dem alten Schäfer fiel noch der eine oder andere Name von Personen ein, die ihm nicht wohlgesonnen waren. Aber das waren Leute, die als Schafskiller schon deshalb nicht infrage kamen, weil sie mit ihrer Rache keine fünfundzwanzig Jahre gewartet hätten.
Wieder schnitt der alte Mann unliebsame Gedanken ab, er musste sich zuerst einmal um die unmittelbare Gegenwart kümmern: Wo sollte er wohnen? Woher nahm er das zum Leben notwendige Geld? Konnte er von irgendwo Hilfe erwarten? Er fragte sich, was sich wohl alles verändert haben mochte, seitdem er der Zivilisation den Rücken gekehrt hatte. Die wenigen Informationen, die er über das Weltgeschehen erhielt, beschränkten sich auf das, was ihm Gunnar Aldorsson, einmal im Monat erzählte, wenn er ihm das Nötigste was er zum Leben brauchte, herausbrachte. Aber auch diese Berichte waren im Laufe der Jahre immer weniger geworden. Was interessierten ihn ein durchgeknallter, amerikanischer Präsident oder der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, die Möglichkeiten des Internets oder die neuen Elektro-Autos?
Trotzdem entschloss sich der Schäfer dazu, sich zunächst einmal an seinen Versorgungsfahrer Gunnar zu wenden. Ihm fiel kein anderer Mensch ein, den er hätte fragen können. Schließlich kannte der sein bisheriges Leben und würde ihn nicht sofort abweisen, wenn er plötzlich vor dessen Tür stünde. Zumindest konnte er damit rechnen, gehört zu werden. Peer musste sich wohl oder übel auch mit irgendwelchen Behörden auseinandersetzen und war sich im Klaren darüber, dass ihn so mancher, eifrige Beamte sofort in ein Heim für ältere Männer stecken würde, aber das musste er in Kauf nehmen; so schnell brachte niemand einen Peer Thoralfsson in ein Pennerheim.
Je weiter sich Peer von seinem Hof entfernte, desto ruhiger wurden die Pferde. Vorsichtig ritt er an den Rand des Tals, wo sich zwischen verstreut liegenden Felsbrocken ein schmaler, verschlungener Weg abzeichnete, gerade so breit, dass Gunnar mit seinem Kleintransporter in das Tal fahren konnte. Bisher waren die Pferde über weiches, warmes Gras gelaufen, aber jetzt wurde der Untergrund steinig und hart, und sie beschwerten sich mit ärgerlichem Schnauben darüber. Sie waren diesen harten Untergrund nicht gewohnt und Peer fragte sich, wie sie wohl auf die zu erwartenden Schwierigkeiten reagieren würden. Trotzdem war ihr Gang sicher und ruhig, schließlich waren es Island-Ponys.
Wieder wurden die Pferde nervös, als es zwischen den kantigen Gesteinsbrocken ungewohnt eng wurde, und auch Peer war froh, als sich vor ihm das weite, offene Land auftat. Hier wurde der Untergrund zwar auch nicht viel weicher, aber zumindest sandiger, sodass die empfindlichen Pferdehufe nicht mehr Gefahr liefen, verletzt zu werden.
Peer zügelte den Braunen und schaute sich um. Das vor ihm liegende Terrain kam ihm fremd und endlos weit vor. Ja, er war schon einmal hier gewesen, aber das war ein ganzes Schäferleben her.
Vor ihm lag hügeliges Gelände, dahinter, im Süden, zeigten sich die weißen Kuppen von Eyjafjalla- und Myrdalsjökull, kalte Gletscherregionen mit trügerischer Oberfläche. An ihnen konnte er sich orientieren, denn sein Weg führte an ihnen weitläufig vorbei. Hielt er sich nach Süd-Osten, würde er auf die F22 treffen, von dort auf die B1, dann auf die Ringstraße und und weiter nach Kirkjubeijarklaustur – kurz Kirkur. Dort wohnte Gunnar. Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Er wusste nicht genau, wie lange er dafür brauchen würde, rechnete aber mit zwei Tagen für die siebzig Kilometer. Die Pferde mussten geschont werden, sie waren so lange Strecken ebenso wenig gewohnt wie Peer, außerdem waren sie nicht mehr die Jüngsten.
Schon nach einer Stunde erreichte er eine Gegend, die er nicht kannte. Was hatte er auch hier zu suchen? Einzelne, grasbewachsene Abschnitte wechselten sich mit groben Schotterflächen ab. Viele kleine Bäche und Wellen aufgestauter Hügel mussten überwunden werden und forderten seine Aufmerksamkeit. Allmählich nahm die Anzahl der Wege zu, und er wunderte sich darüber, dass viele von ihnen scheinbar gut befahren waren, wie ihre ausgefahrenen Spuren vermuten ließen. Ein Wegweiser gab ihm dann die Antwort darauf: Er näherte sich „Landmannalaugar“, einem Naturschutzgebiet, das für seine heißen Quellen bekannt ist. Auch er nahm hier vor langer Zeit so manches Bad, legte sich in das angenehm warme Wasser und genoss es, darin zu dösen. Erinnerungsfetzen stiegen in ihm auf, die er unwirsch zur Seite fegte. Wieder stieg es in ihm hoch – ja früher. Jetzt war der Nationalpark ein beliebtes Ziel der Touristen, und er wollte dieses Gebiet möglichst schnell hinter sich bringen. Also folgte er dem Schild zur F22 und ritt zügig voran. Nach und nach änderte sich der Untergrund. Bisher waren es schmale Wanderwege, auf denen er sich bewegte oder unbefestigte Schotterstreifen, die höchstens von Geländewagen genutzt werden konnten. Nun mündeten sie in geteerte Straßen, so breit, dass mühelos zwei Autos aneinander vorbeifahren konnten. Immer öfter fuhren unbekannte Fahrzeuge an ihm vorbei – hupend und für seine Begriffe viel zu schnell. Seine Pferde sprangen ängstlich zur Seite und er hatte alle Hände voll zu tun, sie zu beruhigen. Ein um das andere Mal waren sie kurz davor, panisch und unkontrolliert davonzuspringen.
Es war schon Mittag, als sich vor ihm ein Schneeberg zeigte: der Torfajökull, immerhin 1190 m hoch. Also befand er sich auf Höhe der Elgdja – einer Feuerspalte – die halblinks vor ihm liegen musste. Aber wichtiger als die Ortsbestimmung war der Untergrund, auf dem er sich bewegte. Es gab viele heiße Quellen, aber anders als in Landmannalaugar, handelte es sich um stinkende, heiße Lehm- und Schwefellöcher. Er musste aufpassen, dass nicht eines seiner Pferde in solch eine tückische Falle trat, sich möglicherweise verbrühte oder ein Bein brach. Deshalb ritt er betont langsam und überließ es dem Instinkt seiner Tiere, den richtigen Untergrund zu finden.
Als er dieses aufregende, aber gefährliche Terrain verlassen hatte, begann es zu dämmern. Also suchte er einen Platz, an dem es Gras und Wasser für die Pferde gab, und richtete sich für die Nacht ein. Die Ponys waren sehr erschöpft und machten keine Anstalten, irgendwohin zu laufen. Peer nahm ihnen Sattel und Packtaschen ab und ließ sie grasen. Er selber aß etwas Brot und Käse. Dann wickelte er sich in die Zeltplane und fiel in einen traumlosen Schlaf.
Morgens war es sehr kalt. Aus Norden kommender Wind und die Nähe der Gletscher ließen den Boden gefrieren. Der Winter kündigte sich an.
Peer hatte nichts dabei, mit dem er sich ein warmes Getränk zubereiten konnte, Töpfe und Pfannen hatte er im grünen Tal zurückgelassen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ein Frühstück zu verzichten. Also lud er den Pferden ihre Lasten auf und schwang sich frierend in den Sattel.
Er wandte sich nach Süden, am Ufer der Skalfa entlang, immer in Sichtweite der F22. Nach zwei Stunden Ritt führte sein Weg an „Gräf“ vorbei, eigentlich nur ein kleiner Hof, der aber wegen seiner alten Kirche gern besucht wurde. Schon von Weitem sah er auf einer Wiese aufgestellte Touristen-Zelte, davor ein paar Autos, deren Typ er nicht kannte. Er wollte zügig daran vorbeireiten, aber eine Frau mittleren Alters, in einen dicken Trainingsanzug eingehüllt, sprang vor ihm auf die Straße.
„Stop, stop“, rief sie und gestikulierte wild mit den Armen.
Peer hielt an. Was wollte sie?
Als sie sah, dass er stehenblieb, rief sie etwas in Richtung der Zelte. Er verstand ihre Sprache nicht, aber das war ihm auch egal.
Es dauerte einen kleinen Moment, dann steckte ein schläfrig wirkender Mann seinen Kopf aus einem komfortablen Zelt, verschwand wieder, und kam schnell herausgesprungen. Die Frau schaute auf den Schäfer, als wolle sie ihn bitten, stehenzubleiben.
Peer blieb, wo er war.
Dann tauchte der Fremde unmittelbar vor ihm auf, zückte eine Kamera und drückte mehrmals auf den Auslöser. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht trat er zur Seite und seine Frau gesellte sich zu ihm. Er hantierte kurz an dem Fotoapparat herum und schien ihr etwas zu zeigen. Den Schäfer ließen sie einfach stehen und interessierten sich nicht mehr für ihn. Sie hatten bekommen, was sie wollten und machten keinerlei Anstalten sich zu bedanken. Peer brauchte einen Moment, um zu verstehen, was das Ganze sollte. Als er sich bewusst wurde, eben als Touristenattraktion abgelichtet worden zu sein, verfinsterte sich seine Miene und er ritt schleunigst weiter.
Bisher hatte es ihn nicht interessiert, wie er angezogen ist, wie er aussieht oder wie sein Äußeres auf andere wirkt. Aber jetzt wurde er sich dessen schmerzlich bewusst. Natürlich war seine Erscheinung ein Touristen-Foto wert: Ein alter Mann in ärmlicher, abgerissener Kleidung, der auf einem struppigen Pferd sitzt und ein anderes an der Leine führt, urtümlich und verwildert, ein Relikt vergangener Zeiten. Dazu eine schroffe Landschaft im Rücken und der im Hintergrund thronende Hofsjökull. Also brauchte er sich nicht wundern, wenn die Leute in ihm ein Fotomotiv sahen, wie er mit Bitterkeit feststellte. Was er eben erlebte, war lästig – wie Touristen nun einmal sein können. Aber was erwartete ihn in der Stadt? Wie würden die Einheimischen wohl auf seinen Anblick reagieren? Böse Vorahnungen stiegen in ihm auf.
Peer wollte schnell weg und trieb seine Pferde zu größerer Eile an, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Am späten Nachmittag stand der alte Schäfer an der Stelle, an der die F22 auf die Ringstraße mündet. Ein großes, gelbes Schild zeigte die entsprechenden Richtungen an: Nach rechts ging es nach Reykjavik, nach links nach Höfn. Also musste sich Peer nach links wenden. Entfernung fünfundzwanzig Kilometer, das bedeutete noch einmal mindestens zwei Stunden Reiten.
Es war ein Montagabend und auf der Ringstraße war viel mehr Verkehr als auf der F22. Lastwagen donnerten vorbei und die Autos von Isländern wie von Touristen schienen es unglaublich eilig zu haben. Sie rasten an dem einsamen Reiter vorbei und schauten zwar neugierig, wer da mit zwei Pferden neben der Straße entlang ritt, nahmen aber auf ihn und seine Tiere keine Rücksicht und amüsierten sich darüber, wenn seine Pferde nervös zur Seite sprangen. Erst wenn die beiden Ponys erkennbar scheuten und durchzugehen drohten, vergrößerten sie den Abstand. Aber sicherlich nur deshalb, weil sie Angst um ihre schönen, teuren Autos hatten.
Es war längst dunkel, als sich in der Ferne einige Häuser zeigten: der Ortsrand von Kirkur. Ein kleiner Ort, eher eine Siedlung, mit einhundertfünfzig Einwohnern, der davon profitierte, zwischen Vik und Höfn die einzige, größere Ansiedlung zu sein.
Peer und seine Pferde waren sehr müde und erschöpft, als sie in die kleine Stadt hineinritten. Tjaldur und der Braune stapften gehorsam voran, aber die Anstrengung des Tages war ihnen deutlich anzumerken: Ihr Gang hatte seine Leichtigkeit verloren und sie brauchten endlich ordentliches Futter und frisches Wasser. Auch der alte Schäfer brauchte etwas zum Essen und Trinken, schien das aber kaum zu spüren.
Der Ort selber war eigentlich nur eine Aneinanderreihung von blauen oder weißen Holzhäusern, die sich links und rechts der Ringstraße aneinanderreihten. Hier und da von einem Laden unterbrochen, der das für den Alltag Notwendige bereithielt.
Links, hinter den Häusern, stieg das Gelände steil an, auf der rechten Seite lag der Küstenstreifen, und dahinter dehnte sich das Meer bis zum Horizont.
An der Hauptstraße lag eine Tankstelle, daneben ein großer Supermarkt und dahinter ein Campingplatz. Peer schüttelte den Kopf, Island schien nur noch für Touristen da zu sein.
Langsam ritt der alte Schäfer auf die Tankstelle zu. Er stieg ab und band seine Tiere an der Luftdrucksäule für Autoreifen an. Es gab drei Zufahrten zu den nebeneinanderstehenden Zapfsäulen, an denen einige Autofahrer Benzin in ihre Fahrzeuge füllten, eine Waschanlage und zwei Hallen, in denen Autos repariert wurden. Den Mittelpunkt bildete ein moderner Bau mit großen, verglasten Fenstern, in dem einige Leute hastig nach irgendwelchen Verpackungen griffen oder an der Kasse anstanden. Alle Gebäude waren aus solidem Beton gegossen und weiß gestrichen, überall meldeten sich Reklamebilder, die Produkte anpriesen, die Peer völlig egal waren. Ob es sich dabei um Motoröl oder um dänisches Eis handelte, für Peer war das alles viel zu bunt und grell. Einen Moment hatte er das Bedürfnis, sich auf sein Pferd zu setzen, um nach Hause zu reiten – aber das gab es nicht mehr. Er stand unschlüssig da und wusste nicht so recht, was er tun sollte. Wieder stieg die Sorge in ihm auf, wie diese fremde Welt ihn wohl empfangen würde. Aber er hatte keine andere Wahl, also ging er schweren Herzens in den großen Glaskasten und stellte sich in die Reihe der an der Kasse Wartenden. Vor ihm stand eine gutgekleidete Frau, die nach Parfum und teurer Seife roch. Sie drehte sich um, als sie Peer wahrnahm und rümpfte beleidigt die Nase. Anscheinend gefiel ihr der Geruch des Schäfers nicht.
Als Peer an der Reihe war, wusste er zunächst nicht, was er sagen sollte. Unschlüssig trat er von einem Bein auf das andere, ohne die richtigen Worte zu finden. Fragte sich selbst, was er eigentlich hier sollte. Hinter dem Tresen residierte eine Frau, nicht mehr ganz jung, vielleicht sechzig Jahre alt. Sie hatte dunkelblonde, glatte Haare und ein offenes, freundliches Gesicht. Bekleidet war sie mit einem blauen Monteuranzug, der sie für Peers Geschmack zu männlich erscheinen ließ. Sie war um die Hüften ziemlich mollig, aber das gab ihr etwas Gemütliches, vielleicht auch Mütterliches. Auch sie zog die Augenbrauen hoch, als der Alte vor ihr stand. Aber bei ihr war es wohl eher Überraschung als Ablehnung. Schließlich lachte sie laut los.
„Ja, guten Tag. Was möchtest du denn?“
Peer tat sich mit einer Antwort schwer. Er setzte ein paar Mal an, verhaspelte sich aber immer wieder.
Die Frau an der Kasse wurde ernster.
„Jetzt mal ganz ruhig, mein Freund. Atme drei Mal tief durch, und dann sagst du mir, wie ich dir helfen kann.“
Ihre Stimme klang fest, aber nicht grob oder unfreundlich. Peer fasste Vertrauen.
„Ich möchte dich nur etwas fragen“, brachte er endlich heraus, „hättest du vielleicht einen Eimer für mich, den ich mit Wasser für die Pferde füllen kann?“
Wieder lachte die Frau ihr verständnisvolles Lachen.
„Ah ja, ich dachte, du willst deine Pferde volltanken und den Druck in den Hufen prüfen“.
Peer brummte „Na denn eben nicht“, und drehte sich um. Doch die Frau lenkte ein.
„Entschuldigung, ich wusste nicht, dass du völlig humorlos bist. Ich schaue mal nach einem geeigneten Gefäß. Irgendwas wird sich schon finden.“
Peer blieb stehen und grummelte so etwas wie „Vielen Dank“ in seinen Bart.
Die Tankstellenfrau ging nach hinten in einen Lagerraum und kam nach kurzer Zeit mit einer großen, sauberen Plastikschüssel zurück.
„Hier, mein alter Freund. Hinter dem Haus ist eine Toilette mit Wasseranschluss. Da kannst du Wasser einfüllen und deine Pferde in Ruhe saufen lassen.“
Peer nickte ihr verlegen zu, nahm die Schüssel entgegen und ging zu seinen Tieren. Die Frau im Monteuranzug legte die Stirn in Falten und schaute ihm nachdenklich hinterher.
Hinter dem Haus gab es nicht nur den Toilettenraum mit Wasser, sondern auch einen gepflegten Rasen. So hatten die Pferde auch noch zu fressen, denn der Unterschied zwischen einem Ziergarten und wildem Gras schien Peer nicht zu interessieren.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Peer die Schüssel zurückbrachte. In dem Kassenraum war bis auf die Tankstellenfrau niemand mehr. Nachdenklich musterte sie den Schäfer.
„Was hast du eigentlich hier in der Stadt vor, noch dazu um diese Zeit? So unterwegs mit zwei Pferden, die einen Stall brauchen. Und du brauchst doch auch eine Bleibe.“
Peer fühlte sich ertappt. Er hatte keine Lust, mehr als nötig zu erzählen. Aber wenn diese Frau sich so freundlich zeigte, musste er ihr antworten.
„Da hast du schon recht. Aber eine Bleibe werde ich schon noch finden, und die Pferde sind zäh. Nicht so verhätschelt wie die Touristengäule.“
Sie hörte aufmerksam zu und Peer sprach weiter.
„Ich bin nach Kirkur gekommen, weil ich Gunnar Aldorsson etwas Dringendes fragen muss. Danach wird sich finden, wie es weitergeht.“
Die Frau nickte verständnisvoll.
„Na gut, du wirst schon wissen, was du tust.“
Sie zögerte einen Moment und fügte von Zweifeln geplagt „jedenfalls hoffe ich das ...“, hinzu.
Sie schaute ihm tief in die Augen und schien darin seine tiefe Traurigkeit zu sehen, und plötzlich hatte sie großes Mitleid mit ihm. Es war nur ein Gefühl, aber die Augen sind bekanntlich der Spiegel der Seele. Sie machte schon den Mund auf, um zu fragen, wo er denn eigentlich herkommt, schluckte die Frage aber schnell wieder herunter. Hier war ein Mann, der nicht viel reden wollte.
Trotzdem hatte sie das Bedürfnis, ihm etwas Gutes zu tun.
„Ich habe so den Eindruck, nicht nur deine Pferde müssen versorgt werden, sondern auch du. Komm, such dir ein Sandwich aus.“
Sie zeigte auf die üppig gefüllte Essensauslage.
Doch Peer schien sie nicht zu verstehen.
„Nein, nein. Danke. Ich kann das nicht bezahlen“, brachte er hastig heraus.
Wieder sah sie ihm tief in die Augen und dachte: „Was für ein armer, aber anständiger Kerl.“
Vorsichtig fragte sie:
„Wie heißt du eigentlich? Ich bin Inga.“
Wieder zögerte Peer mit einer Antwort. Dann nannte er doch seinen Namen.
„Ich heiße Peer und bin ..., ich wollte sagen: Ich war Schäfer. Ein ganz einfacher Schäfer.“
Der Frau entging nicht die Veränderung in Peers Gesicht. Vorher wirkte er einfach und bescheiden, jetzt erschien er ihr unendlich traurig.
„Also gut – Peer. Du brauchst das Sandwich nicht bezahlen, ich schenke es dir.“
Peer schluckte. Er brauchte etwas zum Essen, aber er fragte sich, ob sein Magen die ungewohnte Nahrung wohl vertragen würde.
„Danke Inga, aber ich bin so etwas nicht gewöhnt.“
„Was bist du nicht gewöhnt: Das man dir etwas schenkt oder das Sandwich?“
Peer fühlte einen Kloß im Hals und wusste nicht, was er antworten sollte. Wieder lenkte Inga ein.
„Peer, du musst etwas essen, ich merke es dir doch an. Versuche es wenigstens. Setze dich da hinten an den Tisch und dann isst du – ganz langsam. Ich spendiere dir auch noch ein großes Glas Milch.“
Peer brachte ein leises „Na, gut“ heraus und setzte sich an den runden, weißen Tisch.
Inga tat ein Käse-Sandwich auf einen Teller, füllte ein Glas mit Milch und brachte es ihrem sonderbaren Gast. Er biss erst sehr vorsichtig in das helle Brot. Aber schon nach dem zweiten Bissen merkte er, wie gut es ihm schmeckte.
Inga setzte sich zu ihm und trank eine Tasse dampfenden Tee.
Peer tat es gut, an einem Tisch und auf einem Stuhl zu sitzen, sich auszuruhen, aber dann fiel ihm ein, weshalb er gekommen war.
„Ich habe dir ja schon gesagt, dass ich Gunnar Aldorsson besuchen will. Weißt du, wo der wohnt?“
Langsam erkannte Inga, dass Peer aus einer ganz anderen Welt zu kommen schien. Sie spürte sein Anderssein, gepaart mit Bescheidenheit und Güte. Eine angenehme Einfachheit. Sie wusste, es wäre besser nicht viel zu fragen, aber was war das Geheimnis dieses wortkargen Mannes?
„Peer, Kirkur hat einhundertfünfzig Einwohner, und ich bin hier geboren und aufgewachsen. Wie sollte ich also Gunnar nicht kennen, wo er doch vom Transportieren lebt und oft mit seinem kleinen Transporter zum Tanken kommt?“
„Entschuldigung, das kann ich nicht wissen. Aber jedenfalls scheint er noch hier zu wohnen.“
„Ja, natürlich. Also möchtest du noch heute zu ihm? Na, gut. Ich glaube schon, dass er zu Hause sein wird. Wenn du weiter in den Ort hineinfährst“, sie korrigierte sich, „ich wollte sagen, reitest, kannst du ihn nicht verfehlen. Es ist fast am Ende der Straße, auf der linken Seite ist die Polizeistation. Die ist mit großen Buchstaben gekennzeichnet. Davor steht ein mittelgroßes Haus, weiß, mit blauen Fensterläden, daneben eine große Garage, in der Gunnars Transporter steht. Du weißt doch, wie der aussieht?“
Peer nickte.
„Ja, sicher. Weiß, mit der Aufschrift ‚Gunnars Touren.“
Peer hatte die Beschreibung verstanden, aber wie groß war ein „mittelgroßes“ Haus?
Inga dachte im Stillen „wenigstens scheint er Lesen zu können.“
Genussvoll trank Peer die Milch aus. Das Sandwich hatte ihm gutgetan, lag aber etwas schwer im Magen.
Ingas Freundlichkeit überraschte ihn, war ihm auch etwas peinlich, weil er nicht wusste, wie er ihr dafür Danken sollte. Verlegen schaute er nach unten und suchte nach den richtigen Worten. Wie bedankt man sich?
„Danke, vielen herzlichen Dank. Für das Brot. Für die Milch. Dass ich hier sitzen durfte. Danke für die Auskunft, wo Gunnar wohnt.“
Hatte er etwas vergessen?
„Ist schon gut, hab‘ ich doch gern gemacht. Schließlich bekommt man nicht jeden Tag einen so netten Gast.“
Wieder schluckte der alte Schäfer. Was antwortet man auf so einen Satz? Er wusste es nicht. Umständlich stand er auf und wich Ingas Blick aus.
„Ich muss jetzt los.“
Wortlos stand auch Inga auf.
Inzwischen hatten sich die Pferde erholt. Peer griff nach Tjaldurs Leine und stieg in den Sattel des Braunen.
Als er von der Tankstelle ritt, stand Inga an der Tür ihres Verkaufsraums und schaute ihm nachdenklich hinterher.
Ohne sich umzuschauen, ritt Peer in den Ort hinein, immer ganz am äußerst rechten Rand der Straße.
Schon von Weitem erkannte er ein gelb gestrichenes, flaches Haus, an dessen Wand eine blaue Leuchtreklame mit der Aufschrift „Police“ prangte. So war es kein Problem, Gunnars Haus zu finden. Es war für Peers Verhältnisse sehr groß und sauber und gepflegt. Eine kleine Treppe führte zu einer blauen Tür. Sie hatte im oberen Teil eine milchige Glasscheibe, darunter hing ein Kranz aus Kräutern und Gräsern, vermutlich als Willkommensgruß für die allgegenwärtigen Elfen und Trolle.
Neben dem Haus stand ein schmuckloser Betonbau mit kleinen Fenstern und einem Rolltor, Gunnars Garage. Vermutlich stand darin sein Kleintransporter, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdiente.
Als Peer die wenigen Stufen zum Hauseingang hochgegangen war, wusste er wieder einmal nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Wie sich bemerkbar machen? Unsicher klopfte er gegen die Tür. Erst regte sich nichts, aber nach einer Weile ging ein Fenster auf und eine Frau, so Mitte vierzig, schaute heraus. Sie hatte rötliche, halblange Haare und ein schmales hübsches Gesicht.
„Hey, was polterst du denn gegen die Tür! Weißt du nicht, wie man eine Klingel bedient?“
Ihr schien dieser abendliche, ungebetene Besuch überhaupt nicht zu passen.
Verlegen antwortete Peer.
„Entschuldigung, ich habe keine Klingel gefunden.“
Die Frau war so perplex, dass sie nichts sagen konnte. Dann hörte Peer eine wohlbekannte Stimme.
„Ragnheidur, was ist denn da los?“
Neben dem Kopf der Frau erschien der von Gunnar.
„Das ist doch wohl nicht wahr! Peer, was machst denn du hier? Ich bin doch erst übernächste Woche wieder bei dir im Hochland!“
Peer war sehr erleichtert, seinen Versorgungsfahrer gefunden zu haben.
„Nein, Gunnar, deshalb komme ich nicht. Ich habe nur eine kleine Frage an dich.“
Es war Gunnar ein wenig peinlich, den alten Schäfer, mit den Zügeln seiner Pferde in der Hand, so vor seinem Haus stehen zu sehen. Schließlich wirkte Peer wie ein armseliger Landstreicher.
„Ich weiß zwar nicht, was du willst, aber komm`rein“, brachte er etwas unwirsch heraus.
Dann zeigte er auf seine Frau, die immer noch neben ihm am Fenster stand.
„Das ist Ragnheidur. Unserer Kinder sind wie alle anderen auch, im Internat.“
Die Frau rümpfte die Nase. Was wollte dieser verkommene Kerl von ihrem Mann?
Peer band seine Pferde an einer Straßenlaterne fest und klopfte ihnen noch einmal beruhigend auf den Hals.
„Keine Angst - dauert nicht lange. Bin gleich zurück, dann gehts wieder raus aus der Stadt.“
Ragnheidur öffnete die Haustür. Als der alte Mann eintrat, rückte sie ein großes Stück auf die Seite, um nicht mit ihm in Berührung zu kommen. Ihr Mann winkte den Schäfer in das Wohnzimmer hinein.
„Setz dich“, forderte Gunnar den alten Mann auf und zeigte auf einen Holzstuhl, damit sich Peer nicht auf einen der Polstersessel niederließ. Auch er konnte Peers üblen Schafsgeruch nicht ignorieren, ließ sich aber nichts anmerken.
