Trips auf dem Weg - Winfried Kersten - E-Book

Trips auf dem Weg E-Book

Winfried Kersten

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Beschreibung

Die "Trips auf dem Weg" sind eine Sammlung von Texten, die Situationen oder Szenen zeigen, die wir täglich erleben können. Es sind zu Worten gewordene Bilder, die uns nahe gehen, weil sie uns ganz nah sind. So zeigen die "Trips" Menschen, wie sie sind, ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel Herzenswärme. Ein interessantes Buch für alle diejenigen, die es gern kurz und knapp mögen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Buchbeschreibung:

Die "Trips auf dem Weg" sind zu Worten gewordene Bilder, die dem Autor auf Reisen oder im Alltag begegneten, und zu schade sind, um in Vergessenheit zu geraten. In den Gedichten, oft mit Ironie gewürzt, wird uns häufig ein Spiegel vorgesetzt, der unsere eigene Bequemlichkeit ins Bewusstsein rückt. Die Kurzgeschichten weisen auf Alltägliches, das uns trotzdem sehr berührt. Kindergeschichten lassen auch Ältere schmunzeln und Romanauszüge zeigen fertige, aber bisher unveröffentlichte Projekte. So wie es überall ein Auf und Ab gibt, so sind auch die vorliegenden Texte mal ernst und mal heiter. Manchmal haben sie einen üblen Beigeschmack, mal lassen sie uns augenzwinkernd schmunzeln.

Über den Autor:

Winfried Kersten wurde 1955 in Berlin geboren, wohnt aber seit längerem im bayerischen Landsberg am Lech. Er schreibt eigentlich schon immer, hat das aber in den letzten zehn Jahren sehr intensiviert. So sieht er sich als "einen der gern schreibt".

Dies ist nach den "Fantastischen Island-Stories" seine zweite Buchveröffentlichung, die seine Arbeiten der letzten 40 Jahre zum ersten mal einem größeren Publikum zugänglich macht. Damit sind die "Trips" auch ein Spiegel der Zeit.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die Gedichte

Gemeinsamkeiten

20-Uhr- Nachrichten

Habgier

Zuviel des Guten

Nur Worte

Liebe ist ...

Stimmen

Nachtdienst

Nicht gekommen

Für Petzi

Sponsoren

Depressiv

Samurai

Die Kurzgeschichten

Lass Dir Zeit Concetta

Ein Schicksalsschlag

Ngorongoro

Die Fahrscheine, bitte

Ein letztes Gespräch

Ein Berg hat keine Emotionen

Eine Frage der Schuld

Noch nicht soweit

Der Perfektionist I

Der Perfektionist II

Wer andern eine Grube gräbt

Wer ist schon fehlerfrei

Geld ist nicht alles

Der Streuner

Die Romanauszüge

TNT fürs Ruethenfest

Bullibu – Ihr habt ja keine Ahnung

Der Schäfer

Die Schutzbacher und der Chinesenkoch

Die Kindergeschichten

Knuddel und die gestohlene Sonne

Brombulux

Tropf, der Quellengeist

Vorwort zu „Trips auf dem Weg“

„Trips auf dem Weg“ ist eine Sammlung verschiedenster Texte, mit denen ich mich als Autor vorstelle. Es ist eine bunte Mischung aus Kurzgeschichten, Gedichten, Ausschnitten aus Romanprojekten und Kindergeschichten. Die Zielgruppe ist nicht festgelegt, denn ich glaube, wer gern liest, kann sich z.B. dem Charme eines „Tropf“ nicht entziehen. Und auch wer nicht unbedingt Hundeliebhaber ist, wird trotzdem mit „Bullibu“ mitfühlen. Nicht alle Texte sind fröhlich, oder angenehm unterhaltend, wie es die Belletristik doch so gern möchte. Gerade in den Gedichten ist ein bitterer Beigeschmack spürbar, der unsere lähmende Hilflosigkeit zeigt oder unseren Ärger auf den Plan ruft, weil es nun einmal himmelschreiende Ungerechtigkeit gibt.

Ganz bewusst, habe ich ergänzend das Datum angefügt, an dem die jeweilige Schrift entstanden ist. Auch wenn mein Start ins Autorendasein, in den letzten Jahren liegt, so sind einige Texte schon mehr als dreißig Jahre alt. Sie beenden mit diesem Buch ihr unbekanntes Dasein und werden zum ersten Mal einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Damit zeichnet „Trips auf dem Weg“ auch den langen Weg eines Schreibers nach, der sich vom Hobbyautor zum professionellen Autor entwickeln möchte. Eben „einer der gern schreibt“.

Viele Kritiker werden sich daran stören, dass ich Erzählungen und Gedichte in einem Buch zusammenmische, aber ich möchte einen Einblick in „mein Schreiben“ vermitteln, und da erlaube ich mir, gegen den Strom zu schwimmen. Zumal ich als Selbstpublisher für jede Kritik selbst verantwortlich bin.

Dieses Buch soll Spaß machen, auch wenn vieles nachdenklich stimmt. So hoffe ich, damit die Schar meiner Anhänger zu vergrößern, man weiß ja nie ...

Ich wünsche allen meinen Lesern viel Freude mit diesem Buch.

Winfried Kersten

Die Gedichte

Gemeinsamkeiten

Die Stadt verschwindet im Nebel,

der alles verschlingt.

So wie auch ich,

steht sie für sich allein.

Sind meine Sorgen wirklich Sorgen,

oder nur Unzufriedenheit und Frust?

Ärger von der Seele schreiben,

ob das jemandem außer mir, irgendetwas bedeutet?

Aufstehen, nicht hinter Selbstzweifeln verstecken.

Hast Du gehört Stadt?

Calw, 1978

20 Uhr - Nachrichten

20 Uhr – Zeit für Nachrichten.

Als Abendessen: zwei Schnitzel, Gemüse, ein paar Kartoffeln.

Nebenbei läuft der Fernseher,

Kartoffeln schälen.

Bilder aus Mittelafrika,

verhungernde Kinder.

Ich schneide mir in den Finger.

Was tut mehr weh,

Herz oder Finger?

Aber:

Würde ich deshalb aufhören zu essen,

hätte ich keine Kraft mehr - um etwas zu ändern …

Calw, Sommer 1979

Habgier

Sie haben Glykol – ein Frostschutzmittel – in den Wein gepanscht,

damit er süßer schmeckt.

Sie haben vergammelte Tiefkühlware weiterverkauft,

damit wir ausreichend Fleisch essen können.

Sie pumpen Geflügel voll mit Antibiotika,

damit kein Huhn im eigenen Dreck umkommt.

Sie mischen Pferdefleisch unter Rindfleisch,

damit es billiger verkauft werden kann.

Sie kastrieren Ferkel ohne Betäubung,

damit das Fleisch schmeckt.

Sie spritzen Obst mit Pestiziden,

damit es länger haltbar bleibt.

Sie düngen die Äcker mit Pflanzenschutzmitteln,

damit die Ernte gesichert ist.

Warum tun sie das?

Damit es uns allen richtig gut geht …

Landsberg, 2014

Zuviel des Guten

Ich habe kein Haus, das ein Heim ist,

sondern eine Villa.

Ich esse nicht, um den Hunger zu stillen,

sondern gehe dinieren.

Ich habe keine Kleidung, um mich vor Kälte zu schützen,

sondern ich trage Teile einer Kollektion.

Aber eines habe ich verloren,

das Mensch sein.

Landsberg, 2013

Nur Worte

Du fragst,

was ich mehr liebe,

Dich

Oder mein neues Auto,

von dem ich den ganzen Tag rede.

Glaube mir,

je genauer ich etwas weiß,

desto weniger werde ich ein Wort darüber verlieren.

Calw, 1980

Liebe ist …

…wenn Du mir sagst: „Du schaffst es“,

und zwar so,

dass ich es Dir glaube.

Calw, 1980

Stimmen

Die Stimmen, die nur Du hörst,

sagen:

Du bist der Teufel.

Haben wir nicht alle auch etwas Böses?

Du darfst nichts sagen.

Fehlen nicht uns allen manchmal die Worte?

Du darfst nichts essen.

Vergeht uns nicht oft der Appetit?

Du sollst Dich umbringen,

Möchten wir nicht alle hin und wieder, dass doch mal Schluss sein muss?

Dir gab der Arzt eine Diagnose,

wie es mir geht, hat niemand gefragt …

Landsberg, 2013

Nachtdienst

Wachen über kranke Seelen,

tief geschunden und verletzt.

Manche deprimiert und traurig,

andere gejagt, gehetzt.

Ruhe finden, zu sich kommen,

Ordnung in den wirren Geist.

Medis für den Schlaf der Anderen,

in der Not zusammengeschweißt.

Wer schaut schon in ihre Herzen,

so mal schnell „untergebracht“.

Von denen, die da gar nichts wissen,

nur verkannt und ausgelacht.

In der Klinik viele Wochen,

bei uns dauert es nun mal.

Ach, wie gern wär `n sie gestorben,

ist das Dasein nur noch Qual!

Hoffnung schenken und Vertrauen,

jeden einzigartig seh‘n.

Hebt den Kopf, glaubt an Euch selber.

Ich lass‘ Euch nicht im Regen steh‘n!

Klinikum Landsberg, 2012

Nicht gekommen

Ich möchte essen,

als hätte ich nie gehungert.

Ich möchte lachen,

als hätte ich nie geweint.

Ich möchte gehen,

als wäre ich nie gekommen.

Dann bliebe mir dieser bittere Beigeschmack erspart.

Landsberg, Juli 2017

Für Petzi

Es ist nicht nötig, zu fragen,

warum Du dem Tod so viel näher bist als dem Leben.

Es ist einfach so.

Ich sitze an Deinem Bett,

und folge jeder Deiner Bewegungen.

Nicht nur weil es meine Aufgabe ist.

Irgendwann gehst Du nach Hause,

zumindest vorläufig dem Suizid entronnen.

Das Leben freut sich, Dich zurückzuhaben …

Klinikum Landsberg, 2012

Sponsoren

… das sind Leute, die mit ihrem Geld spielen.

Weil sie genug davon haben, können sie größere Beträge dem guten Zweck zur Verfügung stellen.

Völlig uneigennützig

Großzügig

Zum Wohle Aller

Völlig in Ordnung, dass sie stets erster Klasse behandelt werden.

Ich habe nichts, fahre immer dritter Klasse.

Aber keine Sorge:

Der Zug fährt in der ersten Klasse nicht schneller,

in der dritten Klasse nicht langsamer.

Kathmandu, 2013

Depressiv

Ich habe gelernt, ein Musikinstrument zu spielen,

stand niemals auf einer Bühne.

Ich habe drei Berufe ausgeübt,

bin nie dauerhaft vorangekommen.

Ich war Soldat,

blieb immer Rekrut.

Ich habe Sport getrieben,

niemals etwas gewonnen.

Warum lebe ich eigentlich noch?

Weil ich nun mal geboren wurde,

aber dafür kann ich nun wirklich nichts …

Landsberg, Juli 2017

Samurai

Nur er sieht,

wie die vorbeiziehenden Wolken zur Ruhe kommen,

sich zu Boten des Todes auftürmen.

So wie ihn das Leben verlässt,

zaubert sich auf sein Gesicht das schon vor langer Zeit

gestorbene Lächeln.

Im Gehen ist er zum ersten Mal wirklich glücklich …

Landsberg, 2014

Die Kurzgeschichten

Lass Dir Zeit Concetta ...

Gelangweilt klopfte Markus die Informationen für den morgigen Sammeltransport nach Stuttgart in den Computer. Tägliches Einerlei.

Dann sang ihm sein Handy die Melodie von „Ti amo“ vor und zeigte einen eingehenden Anruf an. Ohne auf die angezeigte Nummer zu schauen angelte er das Gerät aus der Schreibtischschublade und tippte mit dem Zeigefinger auf das entsprechende Symbol.

Er schnauzte ein gelangweiltes „Ja“ in das Mini-Mikrofon und fuhr im nächsten Moment erschrocken zusammen, denn ihm wurde mit „Ciao amore“ geantwortet und jetzt fiel sein Blick auf die angezeigte Nummer: Es war Concetta.

Ein Ruck ging durch seinen Körper und er richtete sich unwillkürlich in seinem Stuhl auf, war sofort hellwach.

Er brauchte zwei Sekunden, bevor er antworten konnte.

„Ja so eine Überraschung. Ich stecke gerade in einem wichtigen Angebot fest, aber natürlich freue ich mich, Dich zu hören“, log er sie an.

Sie antwortete mit honigsüßer Stimme „Nicht so schlimm, ich kann ja schon mal in Deine Wohnung fahren und auf Dich warten“.

Da war sie also, die Situation, vor der er sich seit Monaten fürchtete, die er aber nicht wahrhaben wollte: Concetta war soeben auf dem Flughafen gelandet, hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung und schickte sich an, zu ihm nach Hause zu fahren.

Markus zwang sich zu ein paar Liebesfloskeln, dann schaltete er das Handy aus, steckte es in die Hosentasche, während er versuchte, die sich in seinem Kopf überschlagenden Gedanken zu ordnen. Er musste sofort in sein Apartment fahren und noch vor Concetta dort sein. Zum Umziehen blieb keine Zeit. Er hatte keine Möglichkeit mehr, sich in die Person zu verwandeln, die Concetta kannte: Einen vermögenden Immobilienmakler, der immer gut gekleidet, im Auftreten geradezu weltmännisch, und jeder Herausforderung gewachsen ist. Stattdessen sah er aus wie das, was er in Wirklichkeit war: ein kleiner Angestellter in billiger Discounter-Kleidung. Also gut, wenn er heute nicht so gestylt war wie sonst, dafür würde ihm schon eine glaubhafte Begründung einfallen; aber warum im Bad die Toilettenartikel, und im Schlafzimmer die Wäsche einer anderen Frau herumlagen, das war wirklich schwierig zu erklären. Es gab keine andere Möglichkeit, als schnellstens nach Hause zu fahren, um die Spuren seines Doppellebens zu beseitigen. Die Kardinalfrage war, wie, bzw. mit was Concetta vom Flughafen Tegel zu ihm in die Bunsenstraße fahren würde. Nähme sie ein Taxi, würde es für ihn sehr eng werden, weil sie dann etwa 25 Minuten bräuchte; nähme sie den Bus und die U-Bahn, dann brauchte sie mindestens 45 Minuten. Das hieße, er könnte 10 Minuten vor ihr da sein, um alles Verräterische zu beseitigen …

Während er die Treppen herunterrannte, dachte er spontan an Concetta, so, wie er die Italienerin bei ihrem letzten Besuch erlebte: Sie war etwas müde, trug ihre AlItalia-Stewardessen-Uniform. Sie lächelte ihn an, formte die vollen Lippen zu einem Schmollmund. Zog langsam die Nadeln heraus, die das Käppi auf ihrem Kopf festhielten. Dann löste sie die zusammengesteckten Haare auf und ließ ihre langen, schwarzen Locken fliegen. Schließlich zog sie langsam die Uniformjacke aus und schälte sich aus ihrer die Bluse. Es war die perfekte Verwandlung von der unnahbaren Stewardess zur leidenschaftlichen Traumfrau.

Markus zwang sich dazu, nicht mehr an sie zu denken. Er schloss hastig sein Auto auf, das er sich gar nicht leisten konnte. Es war AMG-getunt, gut 250 km/h schnell, und schon für die Anzahlung, hatte er einen Kredit aufgenommen. Gut, dass ihn der Richter seinen Führerschein behalten ließ, und dafür diese lächerliche Bewährungsstrafe von 24 Monaten verhängte.

Er fuhr mit quietschenden Reifen los und reihte sich sofort auf dem äußerst linken Fahrstreifen ein. Es war aber auch zu blöd: Warum musste Irene immer ihr Zeug herumliegen lassen? Auch sie war wirklich eine tolle Frau, sehr sportlich, eine echte Tennisbegabung, die ihren Job als Pharmareferentin liebend gern an den Nagel gehängt hätte. Sie hatte eine Topfigur und trug gern enge T-Shirts oder Pullover, die sie umschlossen wie eine zweite Haut. Als Hamburgerin hatte sie dieses typische, nordische Flair mit kurzen, blonden Haaren, und Augen, so blau wie das Wasser in der Südsee.

Er gab so richtig Gas; was er ja auch musste, wenn er vor Concetta ankommen wollte. Er wechselte auf der Straße ständig von ganz links nach ganz rechts, je nachdem, wo mehr Platz war. Um diese Zeit war nicht viel Verkehr, aber leider waren jetzt viele Autofahrer unterwegs, die es nicht eilig hatten und langsam vor ihm herschlichen. Er raste wieder einmal auf die äußerst linke Seite, und weil vor ihm alles frei war, drückte er kräftig auf das Gaspedal. Doch plötzlich fuhr ein anderes Auto auf seine Spur und blinkte, um nach links abzubiegen. Markus trat in die Bremse, so fest er nur konnte, legte alle Kraft in das rechte Bein. Die Räder blockierten, quietschten lautstark und zeichneten breite, schwarze Streifen auf die Fahrbahn. Instinktiv streckte er die Arme durch, um sich abzustützen. Doch trotz der Vollbremsung rutschte er mit deutlich vernehmbarem Knirschen auf das andere Auto drauf. Kurz ließ er das Lenkrad los, ballte die Hände zu Fäusten, und sein Gesicht verwandelte sich in eine wütende Fratze. Es war für beide kein sehr großer Schaden, und Markus hätte jetzt anhalten und aussteigen müssen. Doch er hatte für solche Kleinigkeiten keine Zeit, fuhr ein Stück zurück, dann am Vordermann vorbei, und schnell wieder geradeaus. Er ärgerte sich maßlos und ignorierte jegliche Geschwindigkeitsbegrenzung. Allein der Gedanke, dass sein Auto vorn beschädigt ist, brachte ihn in Rage und er fuhr wie rasend weiter.

Endlich bog er mit quietschenden Reifen in die Bunsenstraße ein. Er erkannte schon von weitem eine Parklücke und fuhr hastig hinein, knallte die Tür zu und schloss sein Auto nicht einmal ab. Dann rannte er die Treppen hinauf, hielt schon im Laufen den Haustürschlüssel in der Hand und öffnete die Tür zu seiner Wohnung. Er eilte in den Flur und wäre fast über Concettas grüne Reisetasche gestolpert, die sie mitten im Weg abgestellt hatte. Die Tür zum Schlafzimmer stand ein Stück offen, bewegte sich, und dann zeigte sich die Italienerin in ihrer ganzen Schönheit. Ihr Gesicht glich dem der Mona Lisa. Sie trug noch ihre AlItalia-Uniform, keck saß ihr Käppi auf der gebändigten Lockenpracht. Atemlos blieb Markus stehen, atmete erst ein paar Mal tief durch. Er wollte auf sie zugehen, doch sie hob abwehrend die Hände. Der junge Mann ließ sich auf ihr aufreizendes Spiel ein und machte sogar einen Schritt zurück, in der Annahme, alles wäre nur ein erotisches Vorspiel. Im nächsten Moment fror seine Miene ein. Die Tür des Schlafzimmers war ganz aufgegangen, und Irene stand im Türrahmen. Auch sie hatte ein schon fast lüsternes Lächeln im Gesicht. Ihren Körper hatte sie in ein hauchdünnes Negligé verpackt, das nichts versteckte.

Die beiden Frauen sahen sich an, als wären sie schon immer die besten Freundinnen.

Irene sah Markus tief in die Augen und hauchte mit leiser Stimme:

„Liebling, meinst Du wir hätten auch zu dritt genügend Platz in deinem Bett?“

Markus brauchte nicht lange nachdenken und antwortete spontan:

„Ja doch, ganz sicher …“

Da ertönte hinter ihm eine unbekannte, männliche Stimme:

„Wer redet denn mit Dir?“

Landsberg, Mai 2017

Ein Schicksalsschlag

„Heute wird nicht gespielt. Die Eltern von Lea sind mit ihrem Auto verunglückt – beide tot. Wahrscheinlich müssen sie und ihr Bruder jetzt in ein Heim. Ich kann sie nicht durchfüttern.“

Leonie kannte die Frau nicht, die ihr so unvermittelt und emotionslos mitteilte, dass ihre beste Freundin Lea den Halt in ihrem Leben verloren hatte.

Dann knallte die Frau dem verblüfften Kind die Tür vor der Nase zu. Sie ließ sie einfach stehen und gab ihr keine Möglichkeit, Lea auch nur „guten Tag“ sagen zu können.

Einige Sekunden starrte sie auf die geschlossene Haustür und versuchte, das Gehörte einzuordnen. Leas Eltern tot! Einfach nicht mehr da! Was bedeutete das eigentlich - tot? Sie konnte sich kaum vorstellen, was das für ihre beste Freundin bedeutete. Aber diese böse Frau hatte es ja schon gesagt: Lea und ihr Bruder sollten in ein Heim. Aber wo war dieses Heim? Was ging dort vor?

Völlig verstört drehte sich Leonie um und ging wie in Trance nach Hause. Sie merkte gar nicht, dass ihr die Tränen in Strömen über das Gesicht liefen.

Leonies Familie war nicht reich, war aber zufrieden mit dem, was sie hatte. Ihr Vater Sebastian war Lehrer, seine Frau Anita war Krankengymnastin und arbeitete halbtags. Sie kümmerte sich um die Kinder, wenn sie mittags aus der Schule kamen. Benny war acht, Leonie war zehn Jahre alt. Beide waren mit einem Haufen an Freunden und Freundinnen gesegnet, mit denen sie vor allem im Sommer durch den großen Garten tobten.

Leonie, Benny und auch ihre Eltern - sie waren alle geschockt. Schließlich kannten sie Lea und ihre ganze Familie sehr gut und waren mit ihnen befreundet. Lea und ihr Zwillingsbruder Jakob waren oft bei ihnen. Niemand wusste, wer die unbekannte Frau war, die Leonie so brüsk an der Haustür abwimmelte, aber wie sie Leonie abfertigte, sagte genug. Anscheinend gab es keine anderen Angehörigen, deshalb kamen Lea und Jonas tatsächlich noch am selben Tag in ein Kinderheim.

Klar, Leonie ging es in den nächsten Tagen schlecht; wie sollte sie auch verstehen, dass sie ihre beste Freundin wohl nie wiedersehen würde? Sie weinte nur noch, konnte in der Schule nicht mehr dem Unterricht folgen. Auch in der Nacht fand sie keine Ruhe, sondern wälzte sich schlaflos hin und her und litt unter quälenden Alpträumen, in denen sie ihre Freundin blutüberströmt in einem zerfetzten Auto sah.

So gingen einige Wochen ins Land. Auch wenn sich Leonie langsam von dem Schock zu erholen schien, so standen ihr doch immer wieder Lea und Jakob vor Augen. Aber leider auch diese quälende Hilflosigkeit, nichts für ihre Freundin tun zu können, die so hart vom Schicksal getroffen wurde.

Ganz unerwartet rief Lea bei Leonie auf dem Handy an:

„Hallo Leonie, ich bin hier mit Jakob in einem ganz blöden Heim. Es gibt viele, richtig gemeine Kinder, die uns alle nicht mögen. Jetzt suchen sie neue Eltern für uns, aber Jakob und ich sollen in verschiedene Familien. Dann habe ich auf dieser Welt wirklich niemanden mehr“.

Der Rest ihrer Mitteilung ging in Weinen und Schluchzen unter.

Leonie rannte völlig aufgelöst zu ihrem Vater, stellte sich breitbeinig vor ihn hin, stemmte die Ärmchen in die Hüften und funkelte ihn aus ihren rehbraunen Augen an.

„Papa, du musst etwas unternehmen. Oder willst du, dass Lea und Jakob zu irgendwelchen Leuten kommen, die die beiden vielleicht gar nicht liebhaben und gemein zu ihnen sind?“

Er konnte Leonie nur allzu gut verstehen. Die beiden elternlosen Kinder schienen völlig traumatisiert zu sein, und es ist schließlich bekannt, dass gerade Zwillinge ein enges Verhältnis zueinander haben und unter einer Trennung sehr leiden.

„Weiß du Leonie, das mit Lea und Jakob tut mir wirklich sehr leid. Aber wie soll ich ihnen helfen? Es gibt Gesetze, die man nun einmal einhalten muss. Und es gibt ein Jugendamt, das entscheidet, wie es mit ihnen weitergeht“.

Doch mit dieser Antwort war Leonie nicht zufrieden, es musste einen Weg geben, ihrer Freundin zu helfen.

„Papa, du sagst doch immer, wir sollen anderen helfen, wenn es denen nicht gut geht. Und Lea ist so traurig. Am besten ich gehe sie besuchen und dann laufen wir beide einfach weg…“

Das Kind hatte recht. Ihre Eltern waren tatsächlich darauf bedacht, ihrem Nachwuchs Menschlichkeit und Mitgefühl vorzuleben. Aber wie sollte ihr Vater einer Zehnjährigen erklären, dass unsere Gesetze oftmals hart und lieblos erscheinen, obwohl sie nicht so gemeint sind?

„Leonie glaube mir, ich versuche ja, zu helfen, aber es geht nicht immer alles so, wie man will“.

Leonie stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden und rannte verzweifelt weinend davon. Ganze Sturzbäche flossen aus ihren Augen und sie schrie ihre ganze Wut heraus:

„Ach, Du willst uns doch gar nicht helfen! Dir ist völlig egal, was aus Lea und Jakob wird! Und ich bin Dir auch egal!“

In der nächsten Zeit hörte Leonie nichts mehr von Lea. Es kam kein Anruf mehr und Lea ging schon lange auf eine andere Schule. Es schien, Leonie würde sich allmählich damit abfinden, Lea nicht mehr zu sehen.

***

Kurz vor Weihnachten klingelte es. Vor der Tür stand eine fremde Frau und neben ihr: Lea und Jakob.

„Dürfen wir reinkommen?“, fragte die Frau.

Leonies Vater trat zur Seite und strahlte über das ganze Gesicht.

„Aber natürlich – wir warten doch schon so lange auf die beiden“!

Dann setzten sich alle an den großen Esstisch und die Frau vom Amt sagte:

„Also Herr Dachmann: Jetzt lasse ich Lea und Jonas mal zur Probe bei Ihnen, Sie wissen ja, bis die Adoption abgeschlossen ist, dauert es noch etwas ...“

Landsberg, März 2018

Ngorongoro

Ich war gerade zwanzig geworden, als mir das Schicksal zum ersten Mal in meinem Leben einen größeren Geldbetrag in den, meist leeren, Geldbeutel spülte. Diesen finanziellen Segen wollte ich nicht „einfach so verjubeln“. Es musste etwas Dauerhaftes, Besonderes her, etwas, woran ich noch lange denken würde. Eine Mischung aus Abenteuer und Romantik, in einer ganz anderen, faszinierenden Welt, die mich gefangen nimmt und völlig verändert wieder ausspuckt. So entschloss ich mich zu einer Reise ins geheimnisvolle, schwarze Afrika, nur mit dem Rucksack als Begleiter, aufgeteilt in eine 6-wöchige Safari durch Kenia und Tansania, und am Schluss ein paar Tagen am wunderschönen, endlos wirkenden Strand von Malindi, der als Gesellschaft vor allem Krabben und Sandskorpione bietet.

Also buchte ich einen Flug, der mich, mit Zwischenlandungen in Kairo und Dschibuti, ins ferne Mombasa brachte. Für mich eine fremde, unbekannte Welt.

Mein bevorzugtes Verkehrsmittel in Afrika waren die Linienbusse, immer überfüllt, immer sehr laut und nach einfachem Leben riechend, in denen ich mich unter den bunten, lebenslustigen Einheimischen wie ein grauer Fleck auf einer leuchtenden Blumentapete fühlte. Auch meine Unterkünfte und Hotels wählte ich ganz bewusst nicht in der Oberklasse, denn ich glaube, man lernt ein Land nur dann wirklich kennen, wenn man sich unter die einfachen Leute mischt.

Einer der vielen, unwiderstehlichen Anziehungspunkte, war ein mystischer Berg, der mich schon beim Studieren des Reiseführers völlig in seinen Bann zog: der Ngorongoro. Ein riesengroßer, in Urzeiten aktiver Vulkan, dessen oberer Teil sich später als Caldera absenkte. Heute ist von diesem vulkanischen Ursprung nichts mehr zu spüren, und trotzdem: Vielleicht gaukelt er nur einen schlafenden Giganten vor…

Das Ngorongoro-Gebiet war gerade zum Nationalpark und UNESCO-Welterbe erklärt worden, deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mich schweren Herzens einer geführten Touristengruppe anzuschließen, denn allein konnte und durfte ich nicht in dieses Gebiet hineinreisen.

In einem Hotel am Lake Manyara traf ich mich mit meinen neuen Begleitern: einem rüstigen, älteren Herrn, der einfach alles in Afrika sehen wollte – was immer er sich auch darunter vorstellte. Einem spießig wirkenden Ehepaar, das meiner Meinung nach eher nach Sylt passte, und einem weiteren, sehr freundlichen Ehepaar mit ihrem Sohn Martin, der etwa in meinem Alter war. Ich kam mir zwischen ihnen schon etwas exotisch vor, wirkte nach fünf Wochen Afrikatour wohl schon wie ein Eingeborener: Ziemlich schwarz im Gesicht, und wahrscheinlich roch ich inzwischen wie das Innere eines Reisebusses, also wie eine Mischung aus Schweiß und Legehenne. Immerhin waren sie alle aus Deutschland, und es tat gut, mit ihnen zu sprechen.

Das Hotel war ein sehr gepflegter, weißer Bau. Einstöckig, aber innen großzügig mit weißem, modernen Interieur ausgestattet. In der Empfangshalle hingen die Bilder bedeutender Besucher, unter ihnen so beliebte Persönlichkeiten wie Erich Honecker, Fidel Castro und Muammar al-Gaddafi. Drumherum zierte ein wunderschöner Garten das Areal, geschmackvoll mit weißen und gelben Blumen und blühenden Büschen angelegt. Die Luft war erfüllt von dem süßlichen Duft der unbekannten Pflanzen und dem Gesumme der fleißigen Insekten, die sich darum scharrten.

Meine neuen Reisebegleiter hatten bisher immer in sauberen, westlich eingerichteten Zimmern übernachtet, nur durch das leise Surren der Klimaanlage und dem gelegentlichen Schreien eines Vogels gestört. Ich selber kam im Kleinlaster eines freundlichen Gemüsehändlers, aus einer Eingeborenenspelunke in Arusha, wo ich es nicht gewagt hatte, zu duschen, denn ich hätte mir die Dusche mit schwarzen Kakalaken, flinken, grünen Gekkos und einer Million Fliegen teilen müssen.

Trotz dieser unterschiedlichen Verhältnisse war ich froh und dankbar, jetzt endlich zum Ngorongoro zu kommen.

Pünktlich um 09:00 Uhr wurde unsere Gesellschaft abgeholt. Es fuhr ein Fahrzeug vor, das sich bei der Konstruktion wohl nicht hatte entscheiden können, ob es nun als Jeep oder als Bus in die Reihe der Fortbewegungsmittel eintreten wollte. Jedenfalls empfand ich es als wenig gelungene Mischung von beiden. Es war klischeemäßig weiß lackiert mit schwarzen Streifen, was an ein zu groß geratenes Zebra erinnerte. Das Dach war so konstruiert, dass man den ganzen oberen Teil einen halben Meter nach oben schieben konnte, um dann im Stehen alles drum herum Passierende zu beobachten. Am Steuer saß ein langer, dürrer Fahrer mit einer übertrieben großen Sonnenbrille, der ruhig und gelassen wirkte. Dann stieg ein weiterer Afrikaner aus, nur etwa 1,65 groß. Mit heller Hose, weißem Hemd, die Ärmel ein Stück hochgekrempelt, und hellbraunen, leichten Ledermokassins. Auch er trug eine Sonnenbrille, die aber besser zu seinem Äußeren passte als die des Fahrers. Er hatte kurzgeschnittene, krause Haare. Auf mich wirkte er arrogant, im Gesicht trug er ein Lächeln, das mir ziemlich gespielt und unecht vorkam. Er begrüßte uns mit: „ Jambo Habari – you are the german tourist-group?“, und alle nickten ergeben. Er war mir nicht sehr sympathisch, aber wenigstens war sein Englisch gut zu verstehen.

Zunächst führte unser Weg zum Lake Manyara, einem der großen Seen in der Gegend, der durch seine Vielzahl an Tieren und üppiger Vegetation beeindruckte. Es standen dort große Zypressen, Mandel- und Affenbrotbäume. Auf einem von ihnen lagen zwei kleine, wie Stofftiere wirkende Baumlöwen, die man am liebsten gestreichelt und geknuddelt hätte. Doch das war nicht zu empfehlen, denn vermutlich war deren Mutter nicht weit entfernt. Die Luft war erfüllt vom Geschrei der verschiedensten, grellbunten Vögel, die manchmal kreischend und dann wieder flötend, auf sich aufmerksam machten, während sie in der Luft auf lauen Winden ritten und schwerelos durch ihr Element segelten.

Nach diesem ersten Teil des Ausflugs fuhren wir weiter durch das an die Serengeti grenzende Hochland in Richtung Ngorongoro. Die Fahrt führte über gute, asphaltierte Straßen. Vorbei an grünen Büschen und in Blüte stehenden Bäumen, die der ganzen Reise – trotz des aufgewirbelten Staubs – ein fröhliches Spalier gaben. Afrikaner – vor allem Kinder – winkten freundlich, hielten aber auch lächelnd die Hand auf, in der Hoffnung, es mögen sich ein paar Tansania-Schilling in sie hineinverirren.

Schnell wurde die Gegend hügeliger. Zwar bewegten wir uns schon lange im Hochland, aber jetzt ging es spürbar auf sich hochwindenden Serpentinen bergauf. Die Straße wurde schmaler und holpriger, hier und da musste einem Loch oder abgebrochen Ästen ausgewichen werden. Plötzlich wurde es regnerisch und wir befanden uns inmitten einer Regenwolke, die jegliche Sicht in die unmittelbare Umgebung unmöglich machte. Dazu war es auf gespenstische Art und Weise mucksmäuschenstill, keinerlei Kreatur gab ein Lebenszeichen von sich. Aber so schnell wie wir in diese Regenzone hineinkamen, so schnell endete sie auch, und es dauerte nicht lange, da standen wir auf dem 2300m hohen Kraterrand. Hinter uns schauten wir auf den wolkigen Abschnitt, der den gesamten Berg wie ein grauer, luftiger Regenreifen umspannte. Vor uns hatten wir einen wunderschönen Blick auf den ebenen, abgesunkenen Kraterboden.

Hier ließ sich unser Reiseführer zu einer Erklärung hinreißen: „This area, the Ngorongoro, has been once an active vulcan“ … Es folgte eine kurz gefasste Abhandlung über die Geschichte und die heutige Bedeutung:

Der Ngorongoro war einmal ein Vulkanberg, der aber im Laufe der Zeit in sich zusammenfiel und heute zu den wild- und artenreichsten Gebieten Afrikas zählt. Die den Krater umgebenden Ränder begrenzen ein in sich geschlossenes Ökosystem, in dem so ziemlich alle Tiere zu finden sind, die der Kontinent bietet.

Wir nickten ergeben und fuhren weiter.

Auf ausgefahrenen, schlüpfrigen Pfaden ging es 600 Höhenmeter nach unten auf die Ebene, und wir befanden uns in einer einmaligen Tierwunderwelt. Immergrüne Akazien, deren flache Kronen oft ineinander wuchsen, bildeten mancherorts ein schattenspendendes Dach, unter dem es sich die Massaihirten gern gemütlich machten. Hier gab es auch das meiste Futter für die Elefanten, die in kleinen Gruppen würdevoll daher stapften, oder von den Bäumen ihr Grünfutterfrühstück abrissen.