Ein Schlösschen für Constanze - Viola Maybach - E-Book

Ein Schlösschen für Constanze E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Ich bin froh, dass du rechtzeitig zurückgekommen bist, Kind«, sagte Amanda von Ziehenthal. Ihre Enkelin Constanze zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. »›Rechtzeitig‹? Was soll das denn heißen, Omi?« Die alte Dame lächelte. Sehr schmal sah sie aus, wie sie in ihrem breiten Bett mehr saß als lag, denn ihren Rücken stützten mehrere dicke Kissen. Das war ihr in diesen Tagen die liebste Position. Ihre weißen Haare waren perfekt frisiert, über ihrem Nachthemd trug sie ein gestricktes Bettjäckchen gegen die Kühle im Zimmer. Draußen war es für Herbst zwar ungewöhnlich milde, aber im Ziehenthal-Schlösschen vor den Toren von Sternberg war davon nicht viel zu merken. »Du weißt, was das heißen soll, Kind, du bist ja nicht dumm.« Constanze biss sich auf die Lippen, um nichts Unbedachtes zu erwidern, während sie gleichzeitig mit den Tränen kämpfte. Sie hatte in den letzten Jahren in New York gelebt und dort bei einer Bank gearbeitet. Es war eine aufregende Zeit gewesen, aber sie hatte immer gewusst, dass sie auf Dauer nicht bleiben, sondern nach Deutschland zurückkehren würde. Ihre Freundinnen, selbst längst in alle Welt verstreut, hatten sie nicht verstanden. »Wieso willst du weg aus New York? Das ist die aufregendste Stadt der Welt, du hast da einen tollen Job, du kannst dir sogar eine gute Wohnung leisten – was willst du denn mehr?« Die Antwort war ihr leicht gefallen: Sie wollte nach Hause, zumal sie gespürt hatte, dass es ihrer geliebten Großmutter in den letzten Monaten nicht mehr gut gegangen war. Nicht, dass Amanda jemals geklagt hätte, nichts lag ihr ferner. Aber auf einmal hatten ihre schriftlichen Nachrichten anders geklungen und wenn sie übers Internet telefoniert hatten, war Constanze aufgefallen, dass sich auch ihre Gesichtszüge zu verändern begannen.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der kleine Fürst – 261 –Ein Schlösschen für Constanze

… aber leider nicht nur zum Verlieben

Viola Maybach

»Ich bin froh, dass du rechtzeitig zurückgekommen bist, Kind«, sagte Amanda von Ziehenthal.

Ihre Enkelin Constanze zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. »›Rechtzeitig‹? Was soll das denn heißen, Omi?«

Die alte Dame lächelte. Sehr schmal sah sie aus, wie sie in ihrem breiten Bett mehr saß als lag, denn ihren Rücken stützten mehrere dicke Kissen. Das war ihr in diesen Tagen die liebste Position. Ihre weißen Haare waren perfekt frisiert, über ihrem Nachthemd trug sie ein gestricktes Bettjäckchen gegen die Kühle im Zimmer. Draußen war es für Herbst zwar ungewöhnlich milde, aber im Ziehenthal-Schlösschen vor den Toren von Sternberg war davon nicht viel zu merken.

»Du weißt, was das heißen soll, Kind, du bist ja nicht dumm.«

Constanze biss sich auf die Lippen, um nichts Unbedachtes zu erwidern, während sie gleichzeitig mit den Tränen kämpfte.

Sie hatte in den letzten Jahren in New York gelebt und dort bei einer Bank gearbeitet. Es war eine aufregende Zeit gewesen, aber sie hatte immer gewusst, dass sie auf Dauer nicht bleiben, sondern nach Deutschland zurückkehren würde.

Ihre Freundinnen, selbst längst in alle Welt verstreut, hatten sie nicht verstanden. »Wieso willst du weg aus New York? Das ist die aufregendste Stadt der Welt, du hast da einen tollen Job, du kannst dir sogar eine gute Wohnung leisten – was willst du denn mehr?«

Die Antwort war ihr leicht gefallen: Sie wollte nach Hause, zumal sie gespürt hatte, dass es ihrer geliebten Großmutter in den letzten Monaten nicht mehr gut gegangen war. Nicht, dass Amanda jemals geklagt hätte, nichts lag ihr ferner. Aber auf einmal hatten ihre schriftlichen Nachrichten anders geklungen und wenn sie übers Internet telefoniert hatten, war Constanze aufgefallen, dass sich auch ihre Gesichtszüge zu verändern begannen.

Sie hatte daraufhin nicht mehr lange nachgedacht, sondern kurzerhand gekündigt und war, zwei Wochen zuvor, gerade noch rechtzeitig zurückgekommen, um eine größere Katastrophe zu verhindern: Franzi – eigentlich Franziska Brunner – Amandas langjährige Haushälterin und längst auch Vertraute und Freundin, hatte einen Tag nach Constanzes Rückkehr einen schweren Schlaganfall erlitten, den sie ohne Constanzes umsichtiges Verhalten nicht überlebt hätte. Seitdem lag Franzi im Krankenhaus, ganz langsam erholte sie sich. Sie telefonierten jeden Tag mit ihr. Constanze war davon überzeugt, dass die alte Gefährtin ihrer Großmutter nur so lange durchgehalten hatte, bis sie die Verantwortung für Amanda an deren Enkelin abgeben konnte.

Ihr war vom ersten Moment an, da sie ihre Großmutter wiedergesehen hatte, klar gewesen, dass Amanda nicht mehr lange leben würde. Von Angesicht zu Angesicht waren die Veränderungen, die mit der alten Dame vor sich gegangen waren, noch deutlicher. Aber obwohl sie selbst wusste, dass ihr Leben zu Ende ging, wirkte sie ruhig und gelassen, sogar heiter. Gesprochen hatten die beiden Frauen, die junge und die alte, darüber freilich nicht – bis heute.

Als sie sicher war, dass sie ihre Stimme unter Kontrolle hatte, erwiderte Constanze: »Du hast dich so gut erholt, Omi! Es geht dir doch schon viel besser als kurz nach meiner Rückkehr.«

»Natürlich geht es mir besser, weil ich froh bin, dass du da bist. Ich hatte manchmal Angst, ich sehe dich nicht mehr, bevor ich sterbe. Das war ein bitterer Gedanke.« Es war das erste Mal, dass sie ganz selbstverständlich, nahezu beiläufig, über ihren bevorstehenden Tod sprach.

Constanze schossen Tränen in die Augen. Sie setzte sich auf den Bettrand und griff nach einer Hand ihrer Großmutter. »Omi …«, begann sie, doch die alte Dame unterbrach sie.

»Wir wollen uns nichts vormachen«, sagte sie ruhig, »das wäre Zeitverschwendung. Ich bin so dankbar für diese letzten beiden Wochen – auch weil du Franzi das Leben gerettet hast. Du weißt, wie wichtig sie mir immer war. Sie wird sich erholen. Vorhin hat sie gesagt, dass sie bald in eine Reha-Klinik entlassen werden kann.«

»Sie kommt bestimmt wieder auf die Beine, Omi, und dann machen wir uns hier zu dritt ein schönes Leben.«

Darauf ging Amanda nicht ein. Stattdessen sagte sie: »Es gibt noch einiges, das ich mit dir besprechen muss, und ich habe beschlossen, das heute zu tun.«

»Muss das sein, Omi? Können wir nicht einfach hier sitzen und über früher reden? Was wir alles unternommen haben, als Mama und Papa noch lebten?«

»Danach«, sagte Amanda schlicht. »Jetzt lass mich reden.«

»Also gut.«

»Ich will, dass du dafür sorgst, dass das Schlösschen erhalten bleibt. Versprich mir, dass du einen Verkauf verhindern wirst.«

»Einen Verkauf? Denkst du, Onkel Gregor will es verkaufen?«

Ihre Großmutter beantwortete diese Frage nicht. »Ich will, dass du dich mit aller Kraft dafür einsetzt, dass es der Familie erhalten bleibt.«

»Natürlich bleibt es erhalten«, erwiderte Constanze verwirrt. »Es ist der Stammsitz der Ziehenthals, und das bleibt es auch. Hast du mit Onkel Gregor darüber gesprochen? Er wird das Schlösschen erben, und natürlich wird er es erhalten.« Sie fragte sich zum ersten Mal, ob der bisher so klare Verstand ihrer Großmutter sich zu trüben begann. Aber sie verwarf diesen Gedanken sofort. Bis jetzt hatte nichts darauf hingedeutet.

Sie selbst hatte schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrem Onkel und seiner Familie, ihr Vater hatte sich mit seinem jüngeren Bruder nicht verstanden. Gregor von Ziehenthal war für Constanze im Grunde ein fremder Mann, sie hatte ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Er war nicht einmal zur Beerdigung ihrer Eltern erschienen, die bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag. Damals war sie ins Ziehenthal-Schlösschen gezogen, zu Amanda und Franzi und den anderen Angestellten, die damals noch da gewesen waren.

Das Zerwürfnis zwischen den Brüdern war also ernst gewesen, aber sie hatte sich darum nicht weiter gekümmert. Und ihre Großmutter wusste offenbar auch nichts darüber. »Das müssen die beiden unter sich ausmachen«, hatte sie einmal auf eine Frage von Constanze geantwortet. Danach war das Thema erledigt gewesen.

»Ich rede jetzt nicht über Gregor, sondern ich bitte dich um ein Versprechen«, fuhr Amanda fort. »Oder einen Schwur. Aber da du es bist, reicht mir dein Versprechen. Du bist ein Mensch, der zu seinem Wort steht. Also: Versprichst du mir, alles zu verhindern, was dazu führt, dass Ziehenthal in fremde Hände gelangt?«

Noch einmal fragte sich Constanze, ob sich die Sinne ihrer Großmutter zu verwirren begannen. Alles, was sie sagte, klang in ihren Ohren wie aus einem schlechten Film. Aber sie meinte es offenbar ernst, ihr Blick war klar, ihre Stimme klang fest. Nichts deutete darauf hin, dass sie nicht mehr wusste, was sie sagte.

»Omi, natürlich verspreche ich es dir, ich schwöre es dir auch gern, aber ich halte es für völlig unnötig, weil …« Sie brach ab, als sie die ausgestreckte rechte Hand ihrer Großmutter sah, bis sie begriff, dass sie einschlagen sollte. Sie ergriff die Hand also, die so zart und schmal wie die eines Kindes war, und drückte sie. »Ich verspreche es, nein, ich schwöre es dir.«

Amanda lächelte zufrieden. »Ich danke dir, Kind. Und wirst du dich auch um Franzi kümmern?«

»Das ist doch klar. Sie gehört zum Schlösschen, oder etwa nicht?«, fragte Constanze.

Das Lächeln auf dem Gesicht ihrer Großmutter vertiefte sich. »Weißt du was? Nimm mir doch bitte jetzt die Kissen aus dem Rücken, ich möchte ein bisschen schlafen. Ich weiß auch nicht, ­warum ich auf einmal so müde bin.«

Behutsam zog Constanze die Kissen beiseite und half ihrer Großmutter, sich auszustrecken. »Gut so?«

»Wunderbar.«

Wenige Augenblicke später war Amanda eingeschlafen. Constanze setzte sich zu ihr, betrachtete das geliebte Gesicht mit den erstaunlich glatten Wangen. Sie hoffte so sehr, dass ihre Großmutter sich noch einmal erholte – und wenn es nur für ein paar Monate war!

Sie malte sich aus, wie sie sich hier in Sternberg oder der Umgebung eine neue Stelle suchen und wie Franzi zurückkehren würde, wie sie sich zu dritt einrichten würden, eine reine Frauen-Wohngemeinschaft. Es würde beinahe so sein wie früher. Als Vierzehnjährige war sie verstört, verzweifelt, voller Trauer um ihre Eltern hierher gezogen, aber ihre Großmutter und Franzi hatten sie so liebevoll umsorgt, dass sie trotz des Verlusts behütet und auch glücklich aufgewachsen war. Ja, trotz allem waren es gute Jahre gewesen, die sie im Ziehenthal-Schlösschen verlebt hatte. Daran konnten sie doch jetzt anknüpfen!

Als Amanda aufwachte, war sie heiter und guter Dinge. Sie sah, fand Constanze, beinahe rosig und gesund aus.

»Wollen wir einen Tee trinken?«, fragte Constanze. »Und soll ich dir deine Kissen wieder in den Rücken schieben?«

»Noch nicht«, antwortete ihre Großmutter. »Ich bin sehr froh, dass du meine Enkelin bist, ich hoffe, du weißt das? Du wirst deinen Weg machen.«

»Und du wirst mich auf diesem Weg begleiten.«

»So lange wie möglich, ja. Ziehst du den Vorhang mal ein bisschen zur Seite? Ich würde so gerne einen Blick nach draußen werfen.«

Plötzlich wusste Constanze ganz genau, was geschehen würde. Es war, als hätte sie urplötzlich die Gabe, in die Zukunft zu sehen. »Natürlich«, sagte sie und ging zum Fenster, während sich eine eiserne Faust um ihr Herz schloss.

Sie kehrte zum Bett zurück, griff nach der Hand ihrer Großmutter und drückte sie sanft. Ebenso sanft wurde der Druck erwidert. »Hast du Onkel Gregor auch um das Versprechen gebeten, das Schlösschen zu erhalten, Omi?«, fragte sie.

Ihre Großmutter lächelte sie an, es war ein heiteres, unbeschwertes Lächeln. Eben noch hatte sie den Druck von Constanzes Hand erwidert, nun wurde die Hand schlaff. Amandas Augenlider sanken herab, aber das Lächeln auf ihrem Gesicht blieb.

»Omi!«, sagte Constanze, die das Offensichtliche nicht wahrhaben wollte. »Omi, sieh mich an!«

Aber Amanda von Ziehenthal hörte nichts mehr. Sie war mit siebenundachtzig Jahren zu Hause gestorben, friedlich, im Beisein ihrer Lieblingsenkelin.

Wie lange Constanze auf dem Bettrand sitzen blieb, wusste sie später nicht mehr. Irgendwann stand sie auf, zündete eine Kerze an, sang für ihre Großmutter ein Lied, das sie immer gern gehört hatte. Sie öffnete nicht nur die Vorhänge ganz, sondern auch das Fenster, weil sie das Gefühl hatte, dass ihrer Großmutter, die sich auf eine lange Reise ins Unbekannte gemacht hatte, das gefallen könnte.

Immer wieder kehrte sie zum Bett zurück, legte ihre Hand an die Wangen der alten Dame, spürte, wie sie langsam kälter wurden, während ihre Glieder unter der Bettdecke noch ganz warm waren. Sie küsste die kühle Stirn, vergoss viele Tränen, wanderte auch mal durch das Schlösschen, in dem sie als Kind so viele glückliche Stunden verbracht hatte, kehrte aber immer wieder zu dem Bett zurück, in dem ihre tote Großmutter lag, mit diesem schönen letzten Lächeln auf dem ruhigen alten Gesicht.

Erst morgens rief sie einen Bestatter und ihre Freunde im Sternberger Schloss an. Von ihrem Onkel Gregor hatte sie keine Telefonnummer, und sie fand auch keine in den Unterlagen ihrer Großmutter. Schließlich bemühte sie die Auskunft, erreichte aber unter der Nummer, die man ihr nannte, nur einen Anrufbeantworter. Sie hinterließ die Nachricht von Amandas Tod und kehrte zu ihrem Bett zurück, um auf den Bestatter und den Anruf ihres Onkels Gregor zu warten.

*

»Das war Constanze von Ziehenthal«, sagte Baronin Sofia von Kant im Sternberger Schloss, als sie zu ihrem Mann an den Frühstückstisch zurückkehrte. Sie hatte den Salon zum Telefonieren verlassen, um ihn nicht bei seiner Zeitungslektüre zu stören, war doch das Frühstück die ruhigste Zeit des Tages für sie beide.

Baron Friedrich hob den Kopf. »Amanda?«, fragte er.

Sie nickte stumm, woraufhin er die Zeitung sofort zur Seite legte. »Das war doch seit längerem absehbar«, sagte er.

»Ich weiß. Aber wenn es dann eintritt, ist es doch jedes Mal wieder ein Schock. Ich bin froh, dass ich letzte Woche noch bei ihr war.«

»Du hast erzählt, dass ihr ein langes und gutes Gespräch hattet.«

»Ja, das hatten wir. Sie hat mir noch einmal gesagt, wie wichtig es für sie war, dass Conny zurückgekommen ist. Es kam mir so vor, als hätte sie sich sehr angestrengt, so lange durchzuhalten und als hätten die Kräfte sie nach Connys Rückkehr ziemlich schnell verlassen, trotz der Freude über das Wiedersehen.«

»Das kann ja durchaus so gewesen sein. Was für einen Eindruck hattest du vom Schlösschen?«

Sie warf ihm einen überraschten Blick zu. »Was für einen Eindruck?« Sie dachte nach, zuckte schließlich mit den Schultern. »Wenn ich ehrlich bin: Ich habe nicht darauf geachtet. Wenn du einen Menschen besuchst, von dem du weißt, dass er nicht mehr lange leben wird, dann beschäftigst du dich vor allem mit ihm, nicht mit seiner Umgebung. Mir ist nichts aufgefallen, muss ich sagen.«

»Ich frage, weil neulich jemand eine Bemerkung gemacht hat, dass es ziemlich heruntergekommen wirkt.«

»Heruntergekommen? Also, ich weiß nicht, Fritz …« Sofia dachte nach. »Gut, der kleine Park war ziemlich zugewuchert, das stimmt schon, aber das ist er doch schon lange. Und sonst?« Wieder dachte sie nach. »Ich kann dazu nichts sagen, ich habe keinen Blick dafür gehabt.«

»Ich könnte mir das auch nicht erklären, die Ziehenthals waren ja nicht arm«, sagte Friedrich. »Als Amandas Mann noch lebte, habe ich oft mit ihm darüber gesprochen, wie aufwändig es ist, Schlösser und Burgen ordentlich zu erhalten. Das wissen wir ja alle.«

»Na ja, Amanda hat nach seinem Tod nicht mehr so viel machen lassen wie er, aber das ist ja nun schon lange so«, erwiderte die Baronin. »Sie hat es sicher nicht herunterkommen lassen.« Sie leerte ihre Tasse und stand auf.

»Du fährst zu Conny?«

»Sie hat gefragt, ob ich kommen kann. Sie ist ganz allein, der Bestatter war auch noch nicht da. Ich denke, sie braucht seelischen Beistand, verständlicherweise ist sie ziemlich durcheinander, und sie kennt ja hier in Sternberg nicht mehr viele Leute, weil sie so lange weg war.«

»Soll ich dich begleiten?«

»Du hast doch mehrere Termine heute, oder?«

»Das schon, aber …«

»Nein, nein, bleib du nur hier, ich komme schon allein zurecht.« Sie küsste ihn und verließ den Salon.